2013

DUKE UNIVERSITY MEDIA FELLOWSHIPS PROGRAMM 2013

Vierwöchiger Studienaufenthalt am DeWitt Wallace Center for Communications and Journalism, Duke University, Durham, North Carolina und Besuch in Washington D.C.
10. März – 6. April / 20. Oktober – 15. November

Im Mittelpunkt des März/April-Programms stand wie stets im Frühjahr das renommierte ”Fullframe Festival” mit Dokumentarfilmen aus aller Welt. Die Programme beinhalteten einen mehrtägigen Besuch in Washington D.C.


TEILNEHMERBERICHTE

Antraud Cordes-Strehle, Westdeutscher Rundfunk, Köln

Alan räumte noch schnell den Revolver vom Sofa, damit sich sein Besuch aus Deutschland und Südafrika nicht aus Versehen drauf setzte — und ja, das war ein Schock! Klar wusste ich, dass in über 40% der amerikanischen Haushalte eine Waffe zu finden ist. Aber jetzt war die Statistik plötzlich real. In Durham in North Carolina. Und irgendwie fühlte ich, ich bin angekommen — in genau dem Amerika, das ich kennenlernen wollte auf dieser Reise. Ich hatte erleben wollen, wie Amerikaner ticken, hatte verstehen wollen, warum. Außerdem welche Rolle die Medien bei der Meinungsbildung spielen. Und ich sollte sooo viele Gelegenheiten dazu bekommen! Dank der RIAS Berlin Kommission!

Big Apple

Zum ersten Mal startete das Rias Programm in New York — bisher für mich Amerika, denn woanders war ich noch nie gewesen. Meine Media Fellows — eine bunte Truppe — aus Deutschland und Südafrika: Martina, Iman, Sisanda und Seamus (allein unter Frauen) waren ähnlich übermotiviert wie ich. Sicher, der Terminplan, den unsere Programmdirektorin vom Sanfort Institute in Durham für uns zusammengestellt hatte, war eng! Aber wir fünf fühlten uns fit für den Medienmarathon! NBC, Wall Street Journal, The New Republic, The New York Times, Vanity Fair und Bloomberg News — an 2 Tagen ging´s von einem Newsroom zum nächsten, hier ins Studio und dort in den Konferenzraum. „Being right is more important than being first!” — diesen Satz bekommen wir fast überall zu hören. Aber auch „Time is money!„ Ob TV, Tageszeitung oder Magazin — das Thema, das alle umtreibt: wie gewinnen wir Leser/Zuschauer, wie machen wir „money„? Erstaunlich, welche Rolle dabei Social Media spielen. Redakteure, die sich ausschließlich um den Auftritt auf Facebook und Twitter kümmern, sind hier eine Selbstverständlichkeit. Dass ich als Reporterin nicht schon beim Dreh für einen Tagesschau-Beitrag poste und tweete, wollen die amerikanischen Kollegen kaum glauben. Ja, ich arbeite für einen Sender, dessen Arbeitsabläufe nach amerikanischem Maßstab antiquiert sind und ich komme mir rückständig vor — aber nur solange ich den Fernseher in meinem Hotelzimmer nicht einschalte. Über 100 Kanäle, auf 80 läuft grad Werbung und auf den anderen Mist. Und was für Themen es in die Nachrichten schaffen! ‚Frau kämpfte mit Krokodil‘ kommt gleich nach dem Beitrag zu Obama — dafür wird weggelassen — kein Wort über die Finanzkrise in Zypern.

D.C.

Würden wir es wirklich ins Weiße Haus schaffen? In Obamas Zuhause, ins Zentrum der Macht? Laurie war fast noch aufgeregter als wir! Eine Einladung zum Lunch hatten wir — von Jeff Zients, dem Direktor des Office of Management and Budget — so etwas wie der Businessman hinter Obama. Zum Aufwärmen aber ging´s erst mal nach Capitol Hill. Nicht zu einer normalen Führung. Nein, wir durften an ‚No entry‘-Schildern vorbeimarschieren, rein in ‚Members only‘-Aufzüge und sogar in Obamas Privatkapelle. Laurie’s Kontakten zum Büro von Nancy Pelosi, der Fraktionsvorsitzenden der Demokraten, sei Dank!

Und ja, wir waren im Weißen Haus, allerdings nicht im Mittelhaus, der weißen Villa, sondern im hinteren Flügel. Jeff Zients hatte sich Zeit genommen, uns zu begrüßen und gleich eine ganze Reihe seiner Mitarbeiter übernahm es, uns die Aufgaben und Vorgehensweisen des OMB zu erklären. Wir wüssten nun mehr als die meisten unserer amerikanischen Kollegen, meinten sie zum Abschied — fast erstaunt über unser großes Interesse. Ach, und zum Lunch wurden übrigens Hamburger serviert.

Noch ein Highlight: der Besuch bei Al Jazeera America und das Treffen mit Moderator Josh Rushing. Er war während des Irak-Kriegs noch Militärsprecher, später quittierte er seinen Dienst und „lief zum arabischen Feindsender über.” Bis heute erhält er Drohungen, aber das motiviert ihn nur noch mehr. Sein Ziel: Nachrichten qualitativ gut machen und Amerika verändern. Aber der Sender hat es derzeit noch schwer — bei Politikern, die Al Jazeera bei Interviewanfragen oft abblitzen lassen und auch auf dem U.S.-Markt. Schon wegen des arabischen Namens haben viele potentielle Zuschauer Vorbehalte.

Gothic Wonderland
„Ob die wohl ‚quidditch‘ spielen an der Duke University?„ Das war mein erster Gedanke gewesen beim Betrachten der Duke-Internetseite. „Da geht´s also hin! Sieht aus wie Hogwarts, das Harry-Potter-Internat.„ Ein bisschen weiter im Netz gesurft und ich wusste, Duke ist eine der traditionsreichsten, besten und ja, auch der teuersten Unis in den USA. Und das Studentenleben dort definitiv ganz anders als meins vor — ach, so lang ist es her — 30 Jahren.

Der erste Eindruck vor Ort: Bin ich hier richtig? Im Institutsgebäude der Sanford School of Public Policy? Oder ist das doch Durhams angesagteste Lounge? Bequeme Couchlandschaften und Sitzgruppen, nicht nur junge, auch ältere Menschen lümmeln sich darauf, fast jeder ist mit seinem Laptop oder Tablet beschäftigt. Ja, so wird studiert an der Duke University — aber nicht nur so. Tatsache ist — in jedem Winkel auf dem Campus hat man Internetempfang, überall kann der/die Student(in) die Mail seines Professors mit der zu lesenden Literatur im Anhang öffnen, er oder sie kann sich in die Bibliothek einloggen, über die sozialen Netzwerke Kontakt zu den Kommilitonen halten und natürlich auch Nachrichten lesen und schauen. Die Qualität der Nachrichten, das Zusammenspiel von Inhalten und wirtschaftlichen Faktoren, die Inhalte im nationalen und regionalen Vergleich sind hier Gegenstand der Forschung. Jay Hamilton, der Direktor des DeWitt Wallace Center for Media and Democracy kommt zu dem Ergebnis, dass in den USA Journalismus überhaupt vor allem vom Streben nach Profit geprägt ist.

Neben dem offenen und interessanten Austausch mit Studenten, Dozenten und Professoren, neben Vorträgen z.B. vom ehemaligen U.S.-Sicherheitsberater Brent Scowcroft und Diskussionsrunden u.a. mit Sandy Froman, der früheren Präsidentin der National Riffle Assosiation war es vor allem das Fullframe Documentary Festival, das mich gefesselt hat. 4 Tage lang konnte ich mich von früh bis spät in Kinosälen herumtreiben und Filme schauen. Mal aufwühlende, mal berührende, mal simpel, mal aufwendig gemachte und lustige auch. Viele der Regisseure und Macher waren vor Ort und gaben nur zu gern Auskunft über ihre Arbeit. Dass sich eine Journalistin aus Deutschland für sie interessiert kommt wohl auch nicht alle Tage vor. Beeindruckt hat mich vor allem ihr unglaublicher Enthusiasmus! Ja, davon habe ich mir ein bisschen mit nach Hause genommen — und jede Menge Ideen und Anregungen für meine Arbeit. Außerdem viele Eindrücke vom Leben in Amerika. Denn nicht nur auf der Leinwand, auch privat und in der Freizeit gab es ausreichend Zeit, amerikanische Luft zu schnuppern. Ob beim Baseball im Stadion, beim Basketball schauen in der Sportbar, beim Cornwhole spielen oder beim Billiard in der Trailer-Bar — wir kamen überall schnell mit „Locals„ ins Gespräch. Über ihr Leben, ihren Alltag, ihre politischen Einstellungen — und über ihre Verunsicherung und Ängste. Auch Alan, der Mann mit der Pistole, hat Angst, erzählt er. Schon 2 mal sei er überfallen worden und ja, deshalb habe er jetzt eben eine Waffe.

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Martina Keller, ARD, WDR, Köln, Hamburg

New York and Washington

In New York und Washington hatten wir ein außerordentliches Programm, Besuche bei amerikanischen Leitmedien wie New York Times, Wallstreet Journal, NBC …

Was mir besonders in Erinnerung blieb:
Der Fernsehsender NBC ist seit Jahren in der Krise. Früher war der Sender die Nummer 1 in den USA, heute ist er nur die Nummer 4 hinter den Mitbewerbern CBS, ABC und Fox. Man will Zuschauer zurückgewinnen, auch junge Zuschauer. Einfach ist das nicht. Junge Amerikaner sehen sich offenbar kaum noch Nachrichtensendungen mehr an. Was bei ihnen ankommt, sind Comedy Shows. Zum Beispiel The daily Show mit Jon Stewart auf dem Kanal Comedy Central.

Eine Comedy Show anstelle einer Nachrichtensendung? Ich war skeptisch, habe mir aber Stuarts Show zum Thema Drohnen mal angesehen — und war überrascht.

NBC hatte offizielle Dokumente zugespielt bekommen, die den Einsatz von Drohnen zur Tötung von Al Qaida Verdächtigen rechtfertigen. Stuart fragt in die Kamera, an welchem Punkt es der Regierung erlaubt sei, Verdächtige zu töten. Er zitiert einen Satz aus dem Dokument: Töten ist erlaubt, wenn es sich um Führer von Al Qaida oder um eine „nahestehende Terrogruppe” handelt. Stuart witzelt über die weite Bedeutung von „nahestehende Terrorgruppe” — das könne ja alles heißen Al Qaida Afghanistan, Al Qaida Libyen, Al Qaida Europe, Al Qaida McDonalds …

Dann zitiert er die Aussage eines Regierungssprechers zur Frage, wann diese Art von Aktionen durchgeführt werden dürfen: „Wenn es eine unmittelbare Bedrohung gibt.„ Stuart interpretiert den Begriff unmittelbar: Unmittelbar heißt per Definition ja wohl, dass ein Angriff auf U.S.-Bürger in naher Zukunft stattfinden soll. Aber was steht dazu in dem zugespielten Dokument? „Eine unmittelbare Bedrohung erfordert von den Vereinigten Staaten nicht, dass ein klarer Beweis vorliegt, dass ein spezifischer Angriff auf U.S.-Bürger oder U.S.-Interessen in unmittelbarer Zukunft bevorsteht.”

Stuart: Unmittelbare Bedrohung heißt also unmittelbar — oder nicht unmittelbar, im weiteren Sinn …”. Hat mir gut gefallen.

Nicht überraschend, aber doch beeindruckend war, wie viel Wert die amerikanischen Printmedien auf die Nutzung sozialer Medien legen. Beim Wallstreet Journal sind sechs Redakteure nur dafür zuständig, die Kommunikation mit drei verschiedenen sozialen Netzwerken zu betreuen, darunter Facebook und Twitter. Anregung der Leser werden für die Fortschreibung von Artikeln genutzt. Leiterin der Abteilung ist Liz Heron, die als Pionierin auf dem Gebiet gilt und vorher als Redakteurin für soziale Netzwerke bei der New York Times arbeitete. Im Internet fand ich ein Beispiel, wie sie sich vorstellt, soziale Medien auch für Recherchen zu nutzen:

Die New York Times hat zu den Arbeitsbedingungen bei Apple’s Subunternehmer Foxconn in China recherchiert. Die Reporter übersetzten ihren Text in Mandarin-Chinesisch und veröffentlichten ihn in chinesischen sozialen Netzwerken. Mit den Kommentaren, die dann kamen, ergänzten sie ihren Hauptartikel.

Bei den New York Times trafen wir Fiona Spruill, Redakteurin des New York Times Newsroom. Sie erzählte uns, dass es noch 2007 nahezu keinen Kontakt zwischen der Print- und der Online-Ausgabe der Times gab. Die Online-Kollegen arbeiteten sogar in einem gesonderten Gebäude, einige Straßenzüge weiter. 2008 änderte sich das, 48 neue Mitarbeiter wurden für das Internet eingestellt, zu Hochzeiten zählte die Belegschaft 90 Leute, „ein völlig neuer Muskel,” sagte sie, „wir aktualisieren unsere Print-Geschichten unablässig.”

Heute arbeiten Print und Online-Abteilung sehr eng zusammen — und sitzen auch im selben Gebäude. Doch Spruill versicherte uns, dass Print immer noch das Geschäft bestimme.

In der online Abteilung würden Dinge „im Flug erfunden”: Jedes große Nachrichtenereignis werde genutzt, um einen Schritt nach vorn zu machen. Als beispielsweise der Wirbelsturm Sandy New York verwüstete, entschied die online-Abteilung, den Nutzern einen Fahrplan-Service anzubieten: Man konnte abrufen, welche Untergrundbahnen noch (oder wieder) fuhren.

Schon 40 Prozent der Datenbewegungen laufen über Smart-Phones und Tablets. Der Zuwachs beträgt monatlich ein Prozent. Während 50 Prozent der Smart-Phone Nutzer zwischen 18 und 35 Jahren alt sind, dominiert bei den Webseitennutzern die Generation der Endvierziger bis Endfünfziger.

Wie stark bestimmt das den Inhalt? Spruill sagte, dass Entscheidungen über Nachrichten über alle Plattformen hinweg getroffen würden. Man liest also dieselben Meldungen auf Tablet, Smart-Phone oder auf der Webseite.

Erstaunlich: Bis kürzlich kamen 40 Prozent der I-Phone Nutzer von außerhalb der USA. Als China alle Apps der New York Times blockierte, sank die Rate auf 20 Prozent.

Zwei Fragen stellen sich für mich: Wie kann qualitativ hochwertiger Online-Journalismus finanziert werden, wenn es noch immer keinen überzeugenden Bezahl-Modus gibt?

Wie kann man sicher stellen, dass Entscheidungen über Online-Inhalte nicht vornehmlich durch Nachfrage von Usern bestimmt werden, gemessen in Clicks auf Webseiten?

Denise Grady von den New York Times gilt als eine der profiliertesten Medizin-Journalistinnen in den USA. Als wir sie trafen, hatte sie gerade eine Titelgeschichte im Blatt, über die Fehlbehandlung von Patientinnen mit Eierstockkrebs. Auf die Frage, welche Themen es in die Zeitung schaffen, sagte sie, ein großer Teil ihrer Bemühungen richte sich darauf zu verhindern, dass Themen in die Zeitung kommen – Geschichten mit schlechter Beweislage, basiert auf Einzelfallberichten oder gepusht von PR-Agenturen.

Erstaunlich war, dass Grady mit dem Health News Review nichts anfangen konnte (http://www.healthnewsreview.org/). Das Projekt wird von Gary Schwitzer geleitet und ist das Vorbild des deutschen Medien-Doktors. Das Ziel: Artikel über medizinische Themen in Publikumsmedien anhand eines festgelegten Kriterienkatalogs bewerten und langfristig die Qualität im Medizinjournalismus verbessern. Ich hätte gedacht, dass Grady eine der Gutachterinnen des Health News Review wäre, aber sie war nicht vertraut mit dem Konzept.

The New Republic ist ein politisches Magazin und auf gewisse Weise altmodisch — die Artikel sind lang und analytisch, das Lay-out minimalistisch wie auch die Web-Präsentation. „Gerade mal acht Links sind auf unser Aufmacherseite — das sind aber die Geschichten, die man wirklich lesen sollte,” erklärte uns Greg Veiss, der Executive Editor des Magazins, das gerade relaunched wurde. Wenn man auf der Webseite navigiert und Menüpunkte anklickt findet man Text — keine Fotos oder Grafiken oder Videos. Früher waren weiße alte Männer die typischen Leser des New Republic und weiße alte jüdische Männer die typischen Redakteure, sagte Veiss. Heute scheint die Redaktion immer noch überwiegend weiß, aber sie wurde deutlich verjüngt. Das Magazin hat einige Krisen hinter sich. Zum Beispiel kam es bei der überwiegend linken Leserschaft nicht gut an, dass The New Republic den zweiten Irakkrieg befürwortete. Die durchschnittliche Auflage betrug 2009 gerade noch 53485 Exemplare, ein Rückgang von mehr als 47 Prozent gegenüber dem Jahr 2000.

In Washington hatten wir das Glück, Capitol Hill besichtigen zu dürfen. Anschließend sollte es Lunch im Weißen Haus geben, mit Jeffrey Zients, dem stellvertretenden Direktor der Abteilung für Management und Budget, eine wenig bekannte Verwaltungseinheit, die aber sehr wichtig ist. Hier werden politische Entscheidungen in die Praxis umgesetzt, hier wird entschieden, welches Projekt wie viel Geld bekommt und woher die Mittel genommen werden.

Am Ende sah der Besuch im Weißen Haus etwas anders aus als erwartet. Statt Zients trafen wir knapp ein Dutzend seiner Mitarbeiter. Sie sind jung, begeistert von ihrem Job, arbeiten sieben Tage die Woche, beantworteten trotzdem geduldig unsere Fragen und sind stolz, Teil des Obama-Projekts zu sein. Das ist in der Politik vermutlich selten und war beeindruckend.

Bemerkenswert fand ich aber auch, dass wir zum Lunch Burger aus Pappschachteln serviert bekamen, in einem Konferenzraum. Ich machte mir schon Sorgen, dass Michelle Obama im Weißen Haus mit ihren Ideen nicht durchgedrungen sei. Aber man teilte mir dann mit, dass es in der Cafeteria jede Menge gesunde Essensangebote gebe. Wir bekamen nur deshalb Burger, weil das die einzige Art war, uns mit Essbarem zu versorgen: Besucher, die nicht U.S.-Bürger sind, dürfen nicht in die Cafeteria des Weißen Hauses. Sie könnten ja Staatsgeheimnisse mitbekommen, wenn sie ein Gespräch von zwei Mitarbeitern belauschten, denen nicht bewusst wäre, dass sie nicht unter sich sind…

In Washington war ich mit Gerard Ryle verabredet, Direktor des International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ). Ryle war im Stress, die Veröffentlichung einer ICIJ-Recherche über Steuerparadiese stand kurz bevor. 15 Monate hatten 86 Journalisten aus 46 Ländern daran gearbeitet. Das ICIJ hatte an die 2,5 Millionen Daten zugespielt bekommen, mit Details über Offshore Konten und zweifelhafte Finanzdeals. Die Dokumente enthielten die Namen von 130000 Steuerhinterziehern, die ihr Geld außer Landes gebracht hatten. Das ICIJ kooperierte mit Medien wie BBC, Guardian, Washington Post, Le Monde, der Schweizer Sonntagszeitung und der Süddeutschen Zeitung. Die Recherche fand nach der Veröffentlichung weltweite Resonanz. „Vergleichbares habe ich noch nicht gesehen. Diese geheime Welt ist endlich enthüllt worden,” sagte Arthur Cockfield, Jura-Professor an der kanadischen Queen’s University, dem Rundfunksender CBC.

Im Vorjahr hatte ich mit dem ICIJ bei einem viel kleineren Projekt zusammengearbeitet, Haut und Knochen — über das Geschäft mit recycelten menschlichen Leichen für die Medizinindustrie. Selbst dieses kleine Projekt wurde in zwölf Ländern veröffentlicht und hatte Folgen: Der Export von menschlichen Überresten aus der Ukraine über Deutschland in die USA ist zumindest vorläufig gestoppt.

Die Recherchen des ICIJ werden von einem Kernteam von höchstens fünf oder sechs Journalisten koordiniert. Die internationalen Teams umfassen, je nach Projekt, eine weitere Handvoll bis mehrere Dutzend Journalisten. Das Beispiel des ICIJ zeigt: Investigativer Journalismus muss nicht das Geschäft von Einzelkämpfern sein, die Arbeit in Netzwerkern funktioniert, sogar länderübergreifend.

An der Duke Universität

Wir trafen Bob Bliwise, Herausgeber des Duke Magazine, und erfuhren einiges über das Alumni-System in den USA. Bliwise wurde in den 80er Jahren eingestellt, um das Duke Magazine zu konzipieren. Es war die Zeit, als Duke von einer Prozinzuniversität zu einer der Top Adressen im Land aufsteigen wollte. Die Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit wurde gegründet. Und es wurde entschieden: Wenn wir Geld von Ehemaligen wollen, brauchen wir ein Magazin, das die Universität bei den Ehemaligen präsent hält. Die USA haben eine große Charity-Tradition, und Absolventen bleiben ihrer ehemaligen Universität oft lebenslang verbunden. Das zahlt sich für die aktuellen Studenten aus. Duke-Absolventen zum Beispiel bekommen leicht Praktikumsstellen bei Banken, Unternehmensberatungen, großen Firmen und werden mit Tipps für ihre spätere Karriere versorgt.

Das Duke Magazin berichtet über neue Forschungsergebnisse, über Mitglieder der Fakultäten und über aktuelle Themen wie derzeit zum Beispiel Waffengewalt. Nicht jedes Thema ist ernst, es gibt auch Berichte über Sport oder das Studentenleben — sowas lesen die Ehemaligen gern.

Die Autoren: Bliwise schreibt selbst, auch Mitglieder der Fakultät sind Autoren, außerdem erfahrene Journalisten, etwa ein Reporter der GQ und des New York Magazine. Die Studenten selbst schreiben keine längeren Artikel, sie helfen bei der Recherche und beim Korrekturlesen.

Glaubwürdigkeit ist oberstes Gebot. Als im Jahr 2006 drei Mitglieder des Basketball-Teams einer Vergewaltigung beschuldigt wurden, berichtete das Duke Magazin umfassend und gründlich. Es stellte sich allerdings heraus, dass die Anschuldigungen falsch waren — das mutmaßliche Opfer hatte gelogen, der Staatsanwalt war korrupt. Bliwise sagt, wahrheitsgemäße Berichterstattung sei auch eine strategische Entscheidung. Das Magazin kann Ehemalige nur überzeugen, zu spenden, wenn es mehr ist als Public Relation.

Jeden Tag werden Pressemeldungen ausgewertet, in denen die Duke-Universität erwähnt wird. Die Mitglieder der Fakultät werden geschult, ihre Forschungsergebnisse und Expertise zu verbreiten. Dan Ariely, Professor für Psychologie und Verhaltensökonomik, an der Duke Universität ist darin perfekt. Er hat gleich mehrere Bestseller verfasst: The Honest Truth About Dishonesty, The Upside of Irrationality und Predictability.

2011 erregte eine von ihm mitverfasste Studie zur Vermögensverteilung in den USA Aufsehen. Sie verglich die von U.S.-Amerikanern geschätzte, von ihnen als ideal angesehene und die tatsächliche Vermögensverteilung. Hier der Link zu einem auf Basis der Studie erstellten You tube Video, das über millionenfach geklickt wurde:

Die größte Herausforderung in der Zukunft, nach Bliwise? Der Duke Magazin braucht eine starke Präsenz im Internet. Aber es gibt nicht genug Geld dafür, und ein Bezahl-Modus wurde noch nicht erfunden.

Jay Hamilton

Er kritisiert die U.S.-Medien in seinem Buch All the News that’s fit to sell — der Titel ist eine Anspielung auf den New York-Times-Slogan All the news that’s fit to print.
Hamilton entwickelt eine ökonomische Theorie über Nachrichten und analysiert in einem breiten Spektrum von Medien, welche Belege es dafür gibt, dass finanzielle Anreize Nachrichteninhalte beeinflussen.

Er sagt: „Wenn wir uns die politische Berichterstattung ansehen, sie fragt nicht, was die Leute wissen müssen, sondern was sie wissen wollen. Es gibt Republikaner, für die ist das dasselbe — das öffentliche Interesse ist für sie definiert als das Interesse der Öffentlichkeit. Ich bin anderer Meinung. Viele Geschichten werden nicht geschrieben, weil es keinen Markt dafür gibt.”

Hamilton will leichteren Zugang zu staatlichen Dokumenten oder geringere Kosten für den Zugang zu staatlichen Informationen und er plädiert dafür, dass gemeinnützige Organisationen bei der Finanzierung Journalismus eine größere Rolle spielen.

Gemeinsam mit Fiona Morgan initiierte er ein Projekt, das weniger auf die Medien schaut, als auf die Bedürfnisse der Menschen. Es geht um demokratische Aufklärung und Befähigung zur Selbstbestimmung. Er und Morgan arbeiten derzeit an einem Buch zu dem Thema, das wahrscheinlich Ende 2013 erscheint.

Ein interessanter Link zur Lage des Journalismus in den Vereinigten Staaten:
www.niemanlab.org/2012/11/post-industrial-journalism-a-new-columbia-report-examines-the-disrupted-news-universe/

An der Law School gab es eine Diskussion über Gun Control

Zu den Teilnehmern dieser Diskussion zählte Mark Kleinschmidt, Bürgermeister von Chapel Hill. Er engagiert sich bei der Initiative Mayors against Illegal Guns, die von dem New Yorker Bürgermeister Bloomberg ins Leben gerufen wurde. Sie tritt für maßvolle Reformen ein. Kleinschmidt sagt, dass es Mitte der 90er Jahre in Chapel Hill einen bewaffneten Amokläufer gegeben habe. Der Mörder konnte nur deshalb von einem Elitesoldaten gestoppt werden, weil er seine Waffe nachladen musste. Chapel Hill will durchzusetzen, dass militärische Waffen im Stadtgebiet nicht auf offener Straße getragen werden dürfen. Hätte der Amokläufer damals eine militärische Waffe gehabt, wären vermutlich noch mehr Menschen gestorben .

Kleinschmidt ist auch für Background Checks und ein Waffenverbot für geistig Behinderte oder Kriminelle. Sein Argument: „Aus vielen Beispielen wissen wir, dass Background Checks funktionieren, der Drogenhandel wird weniger, Selbstmorde werden weniger — denn von einer Brücke springen oder sich mit Tabletten vergiften führt seltener zum Ziel als der Versuch, sich mit einer Waffe umbringen.

82% der Waffenbesitzer unterstützen laut Kleinschmidt Background Kontrollen, angeblich auch viele Mitglieder der National Rifle Association (NRA). Nur die Führung der NRA widersetze sich. „Ich glaube nicht, dass diese Frage in den Köpfen der amerikanischen Bürger eine offene Frage ist. Diese Waffen haben Leben ruiniert und Gemeinschaften über Generationen hinweg traumatisiert.”

Kleinschmidt sagt, dass er Präsident der American Civil Liberties Union (ACLU) gewesen sei, die für die in der Verfassung verankerten Rechte kämpft, aber selbst die ACLU sagt, dass angemessene Beschränkungen für den Waffenbesitz sinnvoll seien. „Keines der in der Verfassung verankerten Rechte ist unantastbar, ohne Einschränkung.“

Jeffrey Welty, Dozent der Law School, ergänzte Fakten:
Amerika habe eine einzigartige Beziehung zu Waffen, von 100 Bürgern besitzen 90 eine Waffe, das ist die höchste Rate weltweit. In einigen europäischen Ländern besitzen 20 von 100 Bürgern Waffen, in der Schweiz ist es die Hälfte der Bevölkerung.

Die Mordrate ist hoch in den USA, der Höhepunkt war im Jahr 1993 erreicht, mit 80000 Morden pro Jahr, danach ging die Rate zurück.

Auch Selbstmorde sind häufig — die Rate liegt bei 20000 pro Jahr.

Welty erwähnt den Rechtsstreit Heller gegen den District of Columbia, der wegweisend war:
Zur Erinnerung: Der Oberste Gerichtshof entschied zu dieser Auseinandersetzung im Jahr 2008, dass das Second Amendment „ein individuelles Recht schützt, eine Schusswaffe zu besitzen, unabhängig vom Militärdienst, und diese Waffe für rechtmäßige Zwecke zu gebrauchen, wie Selbstverteidigung innerhalb des eigenen Hauses.” Der Gerichtshof stellte aber auch fest, dass „das Recht nicht unbegrenzt ist. Es gibt kein Recht jede beliebige Waffe auf jede beliebige Weise für jeden beliebigen Zweck zu tragen.” Das Gericht stellte auch klar, dass viele langjährige Verbote und Beschränkungen für Schusswaffenbesitzes im Einklang mit dem Second Amendment sind. (Quelle: Wikipedia)

Welty sagte, dass seit dem Fall Heller die Extreme vom Tisch seien, „wir wissen jetzt, dass Verbote eine Option in der Verfassung sind. Dinge wie der private Besitz von Maschinengewehren sind vom Tisch.”

Welty betont aber auch, dass die USA immer noch am Anfang seien, Heller habe nur die Tür geöffnet. Offene Fragen seien:

— Es ist nicht klar, in welchem Umfang Menschen in den USA das Recht haben, Waffen offen außerhalb des Hauses zu tragen, an öffentlichen Orten.

— Darf man Menschen mit psychischen Erkrankungen verbieten Waffen zu tragen? Was, wenn sie gar nicht gewalttätig sind?

— Was ist der Standard für die Prüfung?

Laut Welty werden zum großen Teil die Bundesstaaten aktiv, New York und Colorado zum Beispiel haben Einschränkungen beschlossen. Aber andere Staaten bewegen sich in die andere Richtung. Louisiana etwa hat entschieden, dass das Recht auf eine Waffe grundlegend ist, es wurde in der Verfassung von Louisana verankert.

Dennoch: Die Dinge sind in Bewegung, nur im Kongress geht es kaum voran. Erst kürzlich hat der Kongress einen Gesetzesvorschlag von Obama abgelehnt.

An der Diskussion nahm auch eine Gegnerin von Beschränkungen des Waffenrechts teil. Ihre Argumente: Background Checks hätten keine Wirkung auf Kriminelle, sie beträfen nur Millionen von friedfertigen Menschen. Nur 1,7 Prozent der Kriminellen würden ihre Waffen auf dem offiziellen Markt erwerben, der Rest werde gestohlen oder stamme vom Schwarzmarkt.

Was ein Verbot des privaten Waffenkaufs angeht, sagt sie: Waffen, die bei einer Straftat verwendet wurden, sind in der Regel elf Jahren zuvor gekauft worden und durch mehrere Hände gegangen. „Dann muss man jede beteiligte Person überprüfen.”

Viele staatliche Behörden hätten gar nicht die Ressourcen, um Überprüfungen durchzuführen. Eine Registrierung für Schusswaffen sei einfacher und kostengünstiger für die Regierung.

Tyler Dukes, Reporters’ Lab

Er betreut das sogenannte Reporters‘ Lab an der Duke Universität. „Es gibt Unmengen von Werkzeugen, die Journalisten das Leben leichter machen können,” sagte er. Aber Fakt ist auch: Einige dieser Werkzeuge sind teuer, andere sind schwer zu handhaben. Dukes prüft Tools für Journalisten auf Funktionalität und Kosten. Meist nutzt er kostenlose Versionen für seine Untersuchungen, manchmal kauft er auch Lizenzen, wenn sie nicht zu teuer sind.

Interessant: Viele Werkzeuge wurden ursprünglich vom Nationalen Sicherheitsdienst entwickelt.

Eine wichtige Aufgabe: Aus unstrukturierte Daten strukturierte machen. Journalisten erhalten bei Anfragen nach dem Freedom of Information Act oft pdfs von Regierungen, die aber nicht nach Stichworten durchsucht werden können. Es gibt aber Programme, die die pdf’s umwandeln.

Dukes erzählte von einem Beispiel, wo 1000 Seiten mit Spenderdaten durchsucht werden mussten. Die Frage: Wie viel Geld wurde gespendet und wer waren die größten Geber. Es stellte sich heraus, dass eine Einzelperson 1 Million Dollar gespendet hatte.

Weitere Werkzeuge dienen dem Zweck der Spracherkennung, der Datenbereinigung, der Textanalyse oder der Transkription.

Dukes erklärte uns, wie ein Obama-Rede kann nach Schlüsselwörtern durchsucht werden kann: Er verwendet Tweets, bastelte aus ihnen ein vorläufiges Skript, mit Zeitangaben. Fällt in den Tweets ein Schlüsselwort, kann man das Video genau an der entsprechenden Stelle abhören und genau transkribieren.

Aber wie bringt man solche Werkzeuge in die Hände von Journalisten? Dukes sagt, Journalisten müssten erkennen, dass es Dokumente gibt, für die ein menschliches Gehirn nicht geschaffen ist. Sie sollten Computer da nutzen, wo Computer gut sind, und sich auf die Dinge konzentrieren, wo Computer schlecht sind.

Er hilft nicht nur Journalisten bei der Recherche, sondern auch Bloggern, Nichtregierungsorganisationen, Hackern, Transparenzaktivisten.

Zusammen mit der Knight-Foundation kreiert er spezielle Werkzeuge für spezifische Probleme Journalist können sich mit ihren ungelösten Fragen an ihn wenden. Die Unterstützung ist kostenlos. Ein tolles Angebot!

Interviews

Ich habe drei medizinische Experten der Duke Universität interviewt, deren Forschungsinteressen Themen berühren, über die ich berichte. Einer war Peter Ubel, Arzt und Verhaltensforscher, der sich auf Gesundheitspolitik spezialisiert hat. Von ihm stammt das Buch Critical Decisions. How you and your doctor can make the right medical choices together.

Sein Ansatz: Er betrachtet die gemeinsame Entscheidungsfindung unter wirtschaftlichen Aspekten. Ein Beispiel: Eine Brustkrebs-Patientin könnte das bewährte Medikament Tamoxifen nehmen, um das Wiederauftreten ihrer Krebserkrankung zu verhindern oder sie kann neue Medikamente nehmen, die sogenannten Aromatase-Hemmer. Dann hat sie eine zwei Prozent größere Chance, nicht erneut an Krebs zu erkranken. Aber Aromatase-Hemmer sind viel teurer als Tamoxifen, und die Patientin müsste die Mehrkosten aus der eigenen Tasche bezahlen. Wie soll sie entscheiden? Laut Ubel könnte die Patientin die höheren Kosten als eine Art Nebenwirkung betrachten und gegen den möglichen Zusatznutzen abwägen.

Ein solcher Ansatz ist individualistisch und nicht solidarisch, weil die Entscheidung über das Kosten-Nutzen-Verhältnis auf den Patienten abgewälzt wird. In Deutschland ist es die Gesellschaft, die entscheidet, ob die Kosten für eine Behandlung übernommen werden oder nicht. Bis jetzt sind die Kosten von Behandlungen, die dem Patienten einen zusätzlichen Nutzen bieten, durch die Krankenversicherer abgedeckt. Ubel sagte, er würde eine solches solidarisches System bevorzugen, aber es könne in den Staaten nicht durchgesetzt werden, aus bekannten Gründen…

Ich sprach auch mit Misha Angrist, Autor des Buches Here Is a Human Being: At the Dawn of Personal Genomics. Angrist wurde bekannt als der vierte Mensch, dessen Genom für das Personal Genome Project von George Church sequenziert wurde. Seine Arbeit konzentriert sich auf die gesellschaftlichen Auswirkungen der Personal Genomik Bewegung, er beschäftigt sich damit, was wir über die DNA Sequenzierung wissen, und was sie in Zukunft bedeuten wird. Nach der Veröffentlichung seines Buchs schrieb Angrist einen Blogg zu diesem Thema.

Es ist eine tolle Buchidee, über Genomik aus persönlicher Sicht zu erzählen und gewissermaßen das Versuchskaninchen zu spielen. Allerdings bedeutet es nicht viel, das eigene Genom zu kennen. Die Wissenschaft ist bei weitem nicht in der Lage, ein Genom zu lesen und zu interpretieren. Die Hypothese, wonach weit verbreitete Volkskrankheiten auch weit verbreitete genetische Ursachen haben, ist längst widerlegt. Erkrankungen wie Alzheimer, Krebs oder Schizophrenie sind mit vielen verschiedene Erbanlagen korreliert, kein einzelnes Gen hat überragende Bedeutung.

Ich fragte Angrist, was er aus der Genomsequenzierung über seine persönlichen Gesundheitsrisiken gelernt habe. Er sagte, es habe sich herausgestellt, dass er womöglich ein höheres Risiko für Herzkrankheiten habe. Daher müsse er Sport treiben und sich gesund ernähren. Aber er wusste bereits aus der Krankengeschichte seiner Familie, dass er ein erhöhtes Risiko für Herzerkrankungen hat. Außerdem sind körperliche Bewegung und eine gesunde Ernährung für jeden gut, ob ein besonderes Gesundheitsrisiko vorliegt oder nicht.

Timothy Haystead ist Pharmakologe und Krebsforscher an der Duke University. Ich stieß auf ihn, weil er im Jahr 2011 einen Vortrag mit dem Titel hielt: Exploiting serendipity to discover new drugs. Zufallsentdeckungen in der Medizin sind eines meiner Themen. Haystead gab mir ein spannendes Interview, versorgte mich mit Fach-Literatur, verwies mich an anderen Experten, mit denen ein Gespräch lohnen könnte und machte mich auf einen Blog von Derek Lowe aufmerksam, der öfter zu Serendipity in der Wirkstoffforschung schreibt. Das war hilfreich und ich nehme, das Interview mit Haystead in einer Radio-Sendung verwenden zu können.


TEILNEHMERBERICHTE

Robert Kellner, Westdeutscher Rundfunk, Köln

Das RIAS/Duke Media Fellows Programm — der besondere „Adventskalender“

Wer sich noch seine kindliche Vorfreude auf den Adventskalender bewahrt hat, dem sei das Duke Media Fellows Programm des RIAS von ganzem Herzen empfohlen.

Während der Kalender aber nur erlaubt, hinter ein Türchen pro Tag zu schauen, darf man hier täglich mehrere Türchen „aufmachen“ und während sich Überraschungen beim Kalender in einem erwartbar engen Rahmen halten, kann man das beim Duke Programm nun wahrlich nicht behaupten.

Die 1. Tür führt allerdings zunächst in das funktionelle Zimmer im Pod-Hotel – einen Steinwurf von der Grand Central Station in New York. Man fühlt sich wie Roberto Benigni im Kultfilm „Down by law,“ der seine enge Gefängniszelle beschreibt: „Not enough room to swing a cat…“ — aber wer verbringt in New York schon Zeit im Hotel? Und selbst hier öffnet sich schon die eine besondere Tür: sie führt im 17. Stock zur Bar auf der Dachterrasse — mit Blick auf das Empire State Building.

Alle weiteren Türen bieten Einblicke in die unterschiedlichsten Medienunternehmen — ermöglicht wird dies durch das unfassbar weite Netz der Duke University — entweder sind die „Türöffner“ selbst Alumni der Universität oder sie kennen jemanden aus Duke über mehrere Ecken. In jedem Fall sind sie besonders motiviert, sich während der Arbeitszeit viel Zeit für eine Führung zu nehmen, Fragen zu beantworten und auch andere Kollegen dazu zu bitten.

Bei der Filiale von facebook, also den „New Kids on the (Media) Block“, erzählt Taylor Clark, dass sie zwar erst rund 18 Monate dabei ist, aber damit schon länger als 70% ihrer Kollegen. Sie hat keine festen Zeiten und arbeitet ca. 50 Stunden die Woche — das sei aber, so meint sie, eher wenig im Vergleich zu Jung-Bankern. Zur Zeit versucht sie den Industrie-Riesen Procter&Gamble zu überzeugen, etwas von den rund 50 Millionen Dollar für die traditionelle Fernsehwerbung auch in die neuen Medien zu investieren — denn facebook könne mit Hilfe der Profile und anderer „big data“ über das Konsumverhalten die Werbung viel zielgerichteter platzieren.

Während facebook noch seinen Platz in der Medienwelt sucht, sieht das bei großen alten „Dame“ New York Times natürlich ganz anders aus. Hier führt Sarah Cohen, die einen Pulitzer-Preis für ihre Reportagen erhalten und während ihrer Zeit als Professorin in Duke das „Reporter’s Lab“ gegründet hat, das Reportern für ihre Recherchen handwerkliche Hilfen gibt. Sie öffnet die Tür zur Konferenz für die „Page One“ der Times, die regelmäßig die Themen für das ganze Land vorgibt. Im Zentrum steht die Chefredakteurin Jill Abramson — eine kleine, schmächtige Frau mit funkelnden Augen und einer fast quäkenden Stimme, aber sie beherrscht die Runde souverän. Egal, welches Thema vorgestellt wird — eine neue moderne Oper in der Met oder ein neues Restaurants im Stadtteil Tribeca — sie war bei der Premiere und hat natürlich schon vor Tagen das Restaurant getestet. Die Kollegen in Washington sind zugeschaltet und sollen Hintergründe zu den Problemen von Obamacare und der zuständigen Ministerin Sebelius liefern — sie zieren sich — noch — denn zweimal fragt Jill Abramson nach — ruhig, leicht ironisch, aber bestimmt, ihre Augen blitzen: „Aber wäre es nicht schön, wenn….“ — Washington schweigt kurz — und gibt sich „überzeugt“. Am nächsten Morgen zeigt ein Blick in die Times, dass es alle diese Themen auf die Titelseite geschafft haben. Dass der Wandel aber nicht vor den Türen der Times stehen bleibt, zeigt in den nächsten Wochen der Abgang von mehreren Top-Reportern, die zu Yahoo und anderen Internetfirmen wechseln.

Die nächsten Türen öffnen sich und zeigen eindrucksvoll, wer viel Geld hat und wer nicht. Das Wall Street Journal hat helle, weitläufige Großraumbüros mit eigenen Fitness-Center und stellt unvermindert für seine Webseite ein. Man sieht sich immer mehr als Dienstleister, der schnell und verlässlich Finanzdaten an die Abonnementen liefert. Ganz anders sieht es bei WNYC public radio aus — die Redaktionsräume in einem Altbau drohen aus allen Nähten zu platzen — die Heizungsrohre liegen frei — hier arbeitet man vor allem mit viel Herzblut für den Journalismus alter (Radio-)Schule, für die Hörer in ihrer Stadt, die mit ihren regelmäßigen Spenden zu einem großen Teil den Sendebetrieb erst möglich machen.

Die letzte der New Yorker Türen führt zum „Frühstücksfernsehen“ von NBC: die „Today Show“ mit ihrem gläsernen Studio im Erdgeschoß des Rockefeller Centers. In einer Ecke des ultra-modernen Studios kann man schon während der Sendung live „posten“ und „twittern“ — am nächsten Morgen sollen kurz vor Halloween die Gesichter der hoch bezahlten Moderatoren in Kürbisse geschnitzt werden…der Rest ist gnädiges Schweigen.

Aus „hoch und eng“ wird „weit und breit“ — denn die nächsten Türen öffnen sich in Washington, D.C. Al Jazeera USA sendet erst seit wenigen Wochen aus den Studios im „Newseum“ — sie strahlen, denn sie haben gerade erfahren, dass sie jetzt auch in die wichtigen Kabelnetze von Los Angeles und New York eingespeist werden. Sie fühlen sich dem Geist von „Ur-Al Jazeera“ verpflichtet — als Stimme der Stimmlosen. Sie wollen Geschichten erzählen, die sonst niemand erzählt — hier werden sicherlich keine Kürbisse geschnitzt.

Während sich Al Jazeera aber noch sortieren muss, blickt die PBS News Hour auf eine lange Tradition von seriösem Journalismus — moderiert wird die Sendung von Judy Woodruff, die nach über 10 Jahren als „anchor woman“ bei CNN zu PBS zurückgekehrt ist — sie lässt sich die Führung durch die Studios nicht nehmen und stellt Kollegen vor, die gerade auf der Suche nach einem Interviewpartner zur NSA-Merkel-Affäre sind — erste Wahl ist der deutsche Botschafter — das ist hier der Anspruch.

Der Kontrast von den engen Gängen und den kleinen Redaktionsräumen bei PBS — viele ohne Fenster — zum riesigen neuen „Funkhaus“ von National Public Radio (NPR) könnte nicht eindrucksvoller sein — weitläufige, helle Büros, in denen es erstaunlich leise ist — und alles technisch auf dem neusten Stand. Das alte Gebäude konnte lukrativ verkauft werden und hat damit den Umzug in diese moderne Radiowelt erlaubt. Würdiger Abschluss der ersten (!!!) Woche des Programms ist eine spannende Podiumsdiskussion der Deutschen Welle im Goethe-Institut u.a. zur Rolle der modernen Medien in Ländern wie Russland oder Thailand.

Alle weiteren Türen öffnen sich dann auf dem wunderschönen Campus der Duke University in Durham, North Carolina, der mit seinen Türmen und Zinnen unweigerlich an „Hogwarts“ erinnert — hier zaubert Laurie Bley, die nimmer müde Leiterin des Duke Media Programms, nicht nur immer neue spannende Gesprächspartner hervor, sondern sie kümmert sich auch um alle menschlichen Belange — so stellt Duke Einzel-Apartments und eine Fünfer-Gruppe darf sich zwei Mietwagen teilen.

Höhepunkt ist hier das Treffen mit Bart Gelman, einem von weltweit nur zwei Journalisten, die regelmäßig Informationen vom „Whistle Blower“ Edward Snowden erhalten, und die Podiumsdiskussion mit ihm und dem Ex-Chef der NSA General Michael Hayden.

Aber auch die „normalen“ Seminare an der Sanford School of Public Policy reihen einen Höhepunkt an den anderen — von Referaten über Plagiatsfälle im U.S.-Journalismus bis zu Skype-Schalten mit Valerie Plame, die vor dem Irak-Krieg vom Weißen Haus als CIA-Agentin enttarnt wurde und ihre Karriere beenden musste, oder mit Teddy Goff, dem Mastermind hinter der Internet-Kampagne für die Wiederwahl von Präsident Obama. An einem Tag schaut George Selim vorbei, der im Weißen Haus im Anti-Terror-Stab eine führende Position hat, an einem anderen erzählt Bev Purdue, die ehemalige demokratische Gouverneurin von North Carolina und Weggefährtin von Hillary Clinton, über ihr Verhältnis zur Presse in ihren über 40 Jahren als Politikerin.

Aber die wichtigsten Türen im Programm sind die ganz persönlichen — zu Laurie Bley, der Seele des Programms, zu den Professoren in Duke und natürlich zu den anderen in der Gruppe (je nach Programmpunkt wächst sie auf 10 Teilnehmer an). Denn sie kommen aus so verschiedenen Nationen wie Südkorea, China, Südafrika oder den USA, so dass ihre Türen ganz persönliche Einblicke auf faszinierende Lebensläufe und Geschichten erlauben. Vom ersten Tag herrscht eine Atmosphäre wie auf einer Klassenfahrt — vor allem in Duke wird abends gemeinsam die lebhafte Kneipen- und Biergartenkultur erkundet, als „Gang of Four“ verbringt man ein großartiges Wochenende im wunderschönen Charleston an der Küste von South Carolina — und als sich dann die letzte Tür schließt, liegt hinter dieser Tür eine unvergessliche Zeit — und alle sind traurig, dass es im nächsten Jahr wieder nur den „anderen“ Adventskalender gibt — den mit nur einem Türchen pro Tag — den langweiligen.

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Nalan Sipar, Westdeutscher Rundfunk/Deutsche Welle, Köln

Duke Programm? Nichts wie hin!

Vier Wochen Media Fellowship Programme an der Duke University… Einer der ergiebigsten Aufenthalte meines Lebens: Tolle Duke University Seminare besucht, sinnvollen Austausch mit internationalen Journalisten aus aller Welt geführt und dazu noch Personen kennengelernt, die mich in meiner weiteren Karriere unterstützen wollen. Eine einzigartige Chance, die meinen Horizont erweiterte und unglaubliche Türen öffnete. Hier ein paar Ausschnitte aus dieser tollen Zeit:

Journalisten aus vielen Ländern. Eine Herausforderung.

Innerhalb des Programms kamen 8 Journalisten aus unterschiedlichen Teilen der Welt, die im Laufe der Zeit zu guten Freunden werden sollten. Die Kollegen aus China, Südkorea, Südafrika, Deutschland und den USA schilderten ihre eigene Perspektiven auf die Weltgeschehnisse. Bei den Unterhaltungen wurden Themen angerissen, die unglaubliche Informationen beinhalteten und meinen Horizont erweiterten.

Egal wie unterschiedlich die journalistischen Abläufe oder Erfahrungen in anderen Ländern der Welt waren, war für uns alle nach kurzer Zeit ganz deutlich: Wir alle sind in unserem journalistischen Alltag mit der Digitalisierung der Nachrichtenwelt konfrontiert. Die Auswirkungen und Methoden, wie man mit diesem neuen Phänomen umgehen kann, war sehr interessant.

Eine Universität, die die ganze Welt umarmt.

Mindestens so interessant wie der Austausch mit internationalen Journalisten, waren auch die Beobachtungen an der Duke University. Setzt man sich in ein Café des Campus der Universität, kommt es einem so vor, als befinde man sich auf dem zentralen Platz der Welt. Studenten aus allen möglichen Ecken der Welt kommen hier zusammen und widmen sich mit Leib und Seele ihren Forschungen.

Die Begeisterung der Studenten bekam ich am besten in den Veranstaltungen oder Seminaren zu spüren. Kein Frontalunterricht, wie es an den deutschen Universitäten üblich ist. Sondern von Studenten mit Begeisterung gestaltete Seminare und Projekte waren der Normalfall. Bereichert wurden die Seminare mit wichtigen Experten. Ab und zu gesellte sich der ehemalige Botschafter eines Landes zu den Studenten oder ein bedeutender internationaler Journalist. Erfahrungen, die man aus erster Quelle hören konnte. Einfach nur unbezahlbar…

Beeindruckend waren auch Projekte der Studenten, die mit ihren Visionen begeisterten. Ich gelang rasch zu der Überzeugung, dass diese Studenten „das Gehirn“ der kommenden Welt sein werden. Es war sehr aufregend einige Projekte noch im Entstehungsstatus verfolgen zu können. Besonders gut gefiel mir ein Projekt, bei dem die Nachrichten von einem Smart-Phone direkt auf eine Armuhr gesendet und projiziert werden können. Das Projekt befand sich zwar noch im Anfangsstadium doch ich verfolge das Projekt auch von Deutschland aus.

Je mehr man erfährt, desto neugieriger wird man.

Ich kann gar nicht aufzählen, wie viele interessante Menschen ich in diesem Zeitraum kennengelernt habe. Aber das interessanteste war das persönliche Gespräch mit dem Pulitzer Preis Gewinner Barton Gellman, der auf einer Diskussionsveranstaltung mit Michael Hayden, dem ehemaligen General der US Air Force und ehemaligem Direktor der CIA, eingeladen war. Gellman berichtete vom Zwiespalt in seinem Leben, einerseits der journalistischen Verantwortung und dem Glauben an die Informationsfreiheit; andererseits der Gefährdung sowohl seines Lebens als auch des seines Informanten Edward Snowden. Eine moderne James Bond Geschichte, die mich sehr neugierig machte wie die Kraft des Journalismus aufzeigte. Aus der Geschichte von Snowden und Gellman hat die ganze Welt eine Lektion bekommen. Und dank des Duke Programms konnte ich einen der Hauptprotagonisten dieser Geschichte persönlich kennenlernen.