2003

3-wöchige USA-Journalistenprogramme 2003
Frühjahr und Herbst


RIAS USA-Frühjahrsprogramm
22. Februar – 22. März 2003

Zwölf deutsche Journalisten in den USA: Programm in Washington und New York; Besuch von Journalistenschulen (University of Southern California, Los Angeles; University of Texas, Austin; Florida International University, Miami; University of Colorado at Boulder); individuelles Rundfunkpraktikum.


TEILNEHMERBERICHTE

Christiane Burkert, Zweites Deutsches Fernsehen

Februar/März 2003 in den USA. So makaber das Timing auch klingt: für mich als Journalistin war es eine Reise, die mich zur richtigen Zeit an den richtigen Ort brachte: der Weltkonflikt war da und wir durften vier Wochen lang ganz nah dran sein. Durften die unglaublich spannende Vorkriegsphase, den Kriegsbeginn und die ersten Kriegstage in dem Land erleben, das seine Truppen ausschickte, den Irak das Fürchten zu lehren. Viele zu Hause hatten vorher ihre Bedenken gegen diese Reise angemeldet, aber für mich gab es keine Frage: ich muss genau JETZT da hin.

Ich weiß nicht, durch wie viele X-Ray-Strahlen ich während dieser vier Wochen gegangen bin — wir wurden nicht nur am Flughafen, sondern auch beim Betreten jedes öffentlichen Gebäudes immer streng kontrolliert. Und alle nahmen die Warterei gleichmütig hin, konnten wir uns doch zumindest ansatzweise vorstellen, welche Terrorangst in diesem Land NACH dem 11. September und VOR diesem Krieg schlummerte.

In Washington weht uns anti-kriegsgesinnten Deutschen der amerikanische Regierungswind gleich hart ins Gesicht. Das Pentagon kürzt sein Programm für uns auf eine harmlose Touri-Führung herunter. Eine knappe Stunde lang hasten wir durch endlose Gänge — ohne wirklich was zu sehen — bewacht von zwei uniformierten Pentagon-Mitarbeitern, die uns so wichtige Informationen geben wie die Länge der Telefonkabel im Haus in Kilometern. An der Einsturzstelle des Flugzeuges vom 11. September werden wir nicht vorbeigeführt. Auch ist es uns verboten, im Pentagon untereinander Deutsch zu sprechen. Ganz klar: hier sind wir als deutsche Journalisten in diesen Tagen nicht wirklich willkommen. Aber wir waren drin in dieser Schaltstelle der U.S.-Macht, und das ist schon viel in einer Zeit, in der im Pentagon eigentlich nur noch amerikanische Schulkinder eine Führung bekommen.

Bob Deans, White House Correspondent, spricht dafür ungewöhnlich offen zu uns. Er beklagt, wie schwer der Job für die Washingtoner Journalisten mit dem Regierungswechsel geworden ist, weil Bush viel zu selten Pressekonferenzen gibt. Nur eine Woche später sehen wir Bob Deans im Fernsehen wieder — mit einer provokanten Frage an den Präsidenten während der live übertragenen Vorkriegs-PK im Weißen Haus. Wir wissen nur zu gut, wie lange dieser Journalist auf seine Chance gewartet hat.

Eine Kostprobe amerikanischer Vorkriegspropaganda bekommen wir von der Washingtoner Heritage Foundation, einer Gruppe konservativer Politikforscher. Die zwei (überaus freundlichen) Herren uns gegenüber am Tisch schaffen es, uns innerhalb einer Stunde quasi mundtot zu machen — mit ihrer Rhetorik und ihren Argumenten. Wir sind ihnen eindeutig unterlegen, was nur zum Teil unserem sprachlichen Nachteil zu schulden ist. Wir erfahren, dass „Europa sich selbst zerstört“, „Amerika Deutschland nicht braucht“ und dass „die Beziehungen zwischen Bush und Schröder irreparabel sind“. Serviert werden diese harten Brocken übrigens mit dem berühmten amerikanischen Lächeln. So funktioniert das also.

Ich lasse das tief verschneite Washington hinter mir und flüchte für eine Woche in die Sonne, an die Universität von Miami. Gehört Florida wirklich zu den USA? Weiß man hier, dass dieses Land auf einen zweiten Golfkrieg zusteuert? Wir 3 deutschen Gaststudenten sind uns da nicht so sicher: der Krieg ist in Miami kaum ein Thema, vielmehr dreht sich hier alles um „Spieglein, Spieglein in der Hand, wer ist die Schönste am ganzen Strand?“ Eben doch schon mehr Lateinamerika. Wir genießen für eine Woche den Campus mit Palmen und unseren Ausflug in die heile Welt, z.B. beim Alligatorengucken in den Everglades.

Dritte Woche, Atlanta, Fernsehstation NBC. Das „Real American Life“ hat mich wieder. Fernsehen mal ganz anders und doch in vielen Dingen wieder ähnlich. Ich habe zwei sehr nette amerikanische Gastgeber und viele private, fruchtbare Diskussionen über den heiß laufenden „Showdown Iraq“. NBC sendet sogar einen Beitrag über mich: eine deutsche Journalistin in diesen Tagen in Amerika. In jeder freien Minute wandele ich auf den Spuren, die “ Vom Winde verweht“ worden sind — Margaret Mitchells Haus steht noch immer und ist ein wirklich gutes Museum. Aber eine Plantage namens Tara, so muss ich mich belehren lassen, hat es nie gegeben … Schade.

Und dann New York!! Endlich haben wir 12 uns wieder. Doch in der Stadt herrscht die Terrorstufe orange/high und das sieht und spürt man überall: die U-Bahn-Station am Times Square ist voller Armee, selbst beim morgendlichen Joggen im Central-Park wird man von Polizei bewacht, und am Empire State Building, wo sonst Besucherschlangen stundenlang warten, laufen wir einfach nur durch und hoch. Am Mittwochabend starren wir alle ungläubig auf CNN, wo das Ende des Ultimatums wahrhaftig heruntergezählt wird wie ein Silvester-Countdown: 10, 9, 8 … Ein paar Stunden später vermeldet das große weltberühmte Nachrichten-Laufband am Times Square: „1. Strike on Iraq!” Und wieder vorm Fernseher höre ich George Bush sagen: “ We accept no other outcome than victory.” In den nächsten Tagen fühle ich mich besonders desinformiert von den amerikanischen Medien: ich erfahre nicht wirklich, wie dieser Krieg für wen läuft. Sehr einseitige Berichterstattung. Und als es die ersten toten U.S.-Soldaten gibt, zeigen CNN & Co zwar keine Bilder davon wie in Deutschland, wohl aber wird schnellstens zu den Angehörigen geschaltet, die dann sagen dürfen, wie stolz sie sind, dass ihr Vater/Bruder/Sohn für die gute Sache und für Amerika gefallen ist. Das ist nicht der hehre U.S.-Journalismus, wie er mir während des Studiums immer gepredigt worden ist. Ich fange an, mich nach heimischen Medien zu sehnen … und nach ein bisschen mehr Objektivität.

Zusammengefasst: eine großartige, lehrreiche Reise in einer ungemein spannenden Zeit! Mit so vielen guten Erfahrungen, Gesprächen und Bekanntschaften — auch innerhalb der Teilnehmergruppe. Dafür möchte ich mich ganz herzlich bei der RIAS-Kommission bedanken!

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Martina Buttler, Westdeutscher Rundfunk

Flug BA 223, London — Washington.
Augen auf — Ohren auf — Ziel: Ein Grundriss der USA. Eine Anleitung zum Verstehen?

Countdown on Saddam, Showdown in Iraq. Alle Zeichen stehen auf Krieg. Wir lernen bei den konservativen Vordenkern, dass Deutschland sich gerade selbst von der Weltbühne manövriert, nichts mehr zu sagen hat und der Krieg sein muss. — So muss es sein. So haben wir es erwartet.

In den Fenstern der Häuser in der ‘People’s Republic of Boulder’ Schilder, die fordern: ‘No war in Iraq’. Auf der Straße werden wir gefragt, woher wir kommen: Germany. Schulter klopfen, “ good country“, macht weiter so. — Amerika? Irritierte Deutsche.

Ein kleiner Ort in Pennsylvania. Das Auto vor mir wird nachweislich von einer ‘Proud Navy Mom’ gefahren, U.S.-Flaggen in den Schaufenstern und im Coffeeshop auf der Hauptstraße heißt der Kaffee ‘American Defender’. Patriotismus verkauft sich hier pfundweise.

In der deutschen Botschaft in Washington wird uns versichert, das deutsch-amerikanische Verhältnis sei o.k., Treffen mit Politikern zu arrangieren, kein Problem. Man habe freien Zugang.

Nur uns wird zwei Tage später der Zugang zu einem Pentagon-Briefing versagt. Man will lieber doch keine Deutschen empfangen, eine Touri-Führung muss reichen. Schnee in Washington — eine Stadt auf langsam getuned. Ausnahmezustand ab der 3. Schneeflocke. Erstaunlich niedrige Häuser für eine Großstadt.

Wieder Schnee, diesmal blauer Himmel. Studenten laufen kurzärmelig in der Fußgängerzone von Boulder vorbei, im Straßencafe sitzen wir in der Sonne, die Berge im Blick. Eine Stunde da hoch und wir laufen durch den Rocky Mountain National Park, kreuzen den Weg von Caribou-Herden. Eine Stunde in die andere Richtung, die Caribou-Mountains. Mit Schneeschuhen stapfen wir auf den Gipfel. Einmalig.

Hügeliges Land, stundenlang. Man erreicht alles, wenn man nur ein Auto hat und auf der 83 bleibt, so was wie die A1 kurz vor Dortmund. Die Städte heißen Hanover und Mannheim und man fährt am Hofbräuhaus vorbei. Pennsylvania ist nun mal ‘dutch’, was hier soviel wie deutsch heißt.

Hupen, Blaulicht, Blechlawinen in den Straßenfluchten, Geräusche bis in die 12. Etage, Wolkenkratzer, flimmernde Luft, Musiker in der U-Bahn und alle paar Meter Soldaten mit dem MG im Anschlag. Die USA im Februar 2003.

Boulder. Schwarze fallen hier auf, eine weiße Stadt, auch an der Uni. Michelle ist dazu übergegangen, nur noch im Internet einzukaufen, so entgeht sie den Blicken und Kommentaren. Sie hat das Gefühl, als Schwarze immer doppelt so gut sein zu müssen wie die Weißen, um anerkannt zu werden.

York/Pennsylvania. Auf der Straße fast nur Schwarze, beim Dreh im Gericht ist das Verhältnis auf den Kopf gestellt: zwei schwarze Angeklagte, zwölf von dreizehn Mitgliedern der Jury weiß. Ich bin alarmiert — Rassismus, so offensichtlich? Nein, das Verhältnis schwarz-weiß im gesamten county wird in der Jury tatsächlich gespiegelt. In der Stadt sind die Schwarzen zwar in der Mehrheit, im county machen sie aber nur 3 Prozent der Bevölkerung aus. — Schnell auf die Bremse treten bei den eigenen (Vor)Urteilen. Szenenwechsel

Als der RvD vor kurzem mal wieder zu Hause in Mississippi war, hat er ein gemischtes Pärchen gesehen — “ we’ve come a long way“. Es hat sich viel getan, sagt er, seit er in Mississippi zur Schule gegangen und vor dem KluKluxKlan geflohen ist.
Im Hotelwecker in Washington hat NPR einen fabelhaften Empfang. Hier gibt es den Blick in die Welt, Nachrichten von außerhalb der USA und Wort bis zum Abwinken.

Eine ganz normale amerikanische Radiostation in der Kleinstadt. Mit Freien zu arbeiten ein unbekanntes Konzept. Auf Termine rauszugehen, personell so gut wie unmöglich. Beiträge gibt es nicht, Telefoninterviews ersetzen den Ortstermin. Die Welt geht bis zur County-Grenze.

Bei Bloomberg wird uns nahe gebracht, was der ehemalige Boss als Bürgermeister von New York bereits alles geleistet hat. So hat er dafür gesorgt, dass nun jeder Obdachlose ein ‘shelter’ hat.

11 Uhr abends, Madison Square Garden. Obdachlose richten sich für die Nacht in Hauseingängen ein. Ein Mann kramt die Reste, die der Donut-Stand zum Ladenschluss in den Müll geworfen hat, wieder raus. Für den ist heute ein Festtag, sagt jemand im Vorübergehen.

Das politische Amerika benennt seine Fritten um in ‘Freedom Fries’ und ruft zum Boykott deutscher und französischer Produkte auf. Ein Land schart sich um seinen Präsidenten.

Das private Amerika differenziert. Es ist offen und neugierig auf die Besucher und ihre Meinungen. Man versucht, Brücken zu bauen, zu verstehen und verstehen zu lassen. Die ‘hosts’ geben einen noch direkteren, persönlicheren Zugang zu den USA. Wir werden Freunde.

Flug BA 176, New York — London
Der Kopf voll, die Eindrücke ungeordnet, das Bauchgefühl diffus. Verstanden? Vielleicht ein bißchen.

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Armin Coerper, Zweites Deutsches Fernsehen

Was sonst noch geschah…
Amerika im Krieg. Der Präsident hat seine Rede zur Nation gehalten, jetzt ist es kurz nach Mitternacht in New York, ich komme aus einer Bar in Chelsea, sitze im Wagen und frage den Taxifahrer, ob der Krieg angefangen hat. „They started some hours ago“ sagt er, als ob’s ums Wetter, ein Gewitter oder den Schlussverkauf ginge.

Tallahassee, Florida, die Hauptstadt des Sonnenstaates. Noch hat der Krieg nicht begonnen. Ich bin zum Praktikum beim Florida Channel, kein Privatsender, sondern ganz solides Fernsehen, noch viel staatstragender, als das zu Hause ist. Die Redaktion sitzt im Capitol Building und berichtet einmal am Tag im „Capitol Update“ über wirklich jedes Gesetz, das auch nur diskutiert wird im Haus. Es geht um die chemischen Abfälle von Textilreinigungen und um die Arzneimittelkosten von Rentnern. Nur auf der Terrasse der Kneipe nebenan, abends mit meinen beiden Hosts beim Bier, geht’s um Bush und die Deutschen, und dazwischen um den Kellner und den nächsten Drink. Die Hitze macht durstig in Tallahassee, 25 bis 30 Grad, keine Ahnung, wie viel Fahrenheit das sind.

Doch auch Florida denkt an den Krieg. Wir fahren zum Drehen in ein Stadion, hier üben sie, wie das wohl wäre, wenn ein Selbstmordattentäter das Stadion in die Luft jagt und der Gouverneur ist drin. Der heißt Jeb Bush und ist der Bruder des Präsidenten, was die Gefahr greifbar macht. Vor dem Stadion stehen Panzer, beim Press Counter wird jedem ein T-Shirt geschenkt. „I SURVIVED OPERATION DARK CLOUD“ steht da drauf und ein Bild haben sie drunter gemalt, von einer wüsten Explosion. Hintendrauf steht „DON’T BE AFRAID, BE ALERT“. Das könnte was für Halloween sein.

Auf der Tribüne bauen sich alle Teams auf, die Pressedame ist ganz außer sich, bestimmt 15 Kameras sind gekommen, alle stellen sich auf, rufen GOD BLESS AMERICA und noch schnell ein Gebet hinterher. Alles im Chor. Ich frage mich, ob ich auch die Hand aufs Herz legen soll, entscheide mich aber für Falten. Hinterm Rücken. Auf den unteren Rängen sitzen die Statisten, Menschen, denen sie Blut und Wunden ins Gesicht und auf den ganzen Körper geschminkt haben. Dann knallt es.

Nach der Explosion. Der, der den Gouverneur spielt, ist schon rausgetragen worden. Ich laufe mit dem Kameramann Jason, hier heißt der Videographer, runter um ein paar Close Ups von den Statisten zu drehen, die die Opfer spielen. Die Wunden sehen echt aus, die Menschen schreien noch immer, obwohl eigentlich schon alles vorbei ist. Ich frage Jason, wie sie hier Leute dazu bringen, auf Kommando zu schreien. „Maybe, they give them a free lunch“ sagt er hinter seiner Kamera. That’s America, denke ich, und sag’s glaub ich auch.

Was haben wir erlebt außer dem Krieg? Los Angeles, eine Wahnsinnsstadt, eine tolle Uni mit Professoren, die uns zu sich nach Hause einladen und, ganz untypisch für Professoren, nicht nur sich selber reden hören wollen. Ein Fernsehstudio und einen Newsroom haben sie auf dem Campus, wahnsinnig gut ausgestattet ist das alles. Ein Junge führt uns herum. „I’m the Executive Producer“ sagt er und schüttelt unsere Hände fest und selbstbewusst. „How old are you“ sage ich, „Twenty-one“, sagt er. Ich denke zurück und wundere mich. Ziemlich frühreif sind die hier. An der University of Southern California, die sie auch University of Spoilt Children nennen, treffen wir Kids, die so gelangweilt sind, dass sie abends Obdachlose auf Parkplätzen einsammeln und die, wie andernorts Hähne, gegeneinander kämpfen lassen. Lust auf Gewalt. Maybe they give them a free lunch, denke ich mir. That’s America. Diesmal sag ich’s nicht.

Ich erfahre wahnsinnig viel über Politik. In Washington alleine die Memorials, die sie ihren Präsidenten errichten, erinnern mich an Ägypten und das Tal der Könige. Wir frühstücken mit Bob Deans, dem Vorsitzenden der White House Press Association, der uns sagt, dass Amerika einen Präsidenten hat, der kaum Pressekonferenzen abhält. Mediendemokratie einmal anders. Bei der Heritage Foundation treffen wir Leute, die so klug und gleichzeitig so konservativ sind, dass ich zwischen Verehrung und Abscheu hin- und hergerissen bin. Bei Martha’s Table schmieren wir, nein, belegen wir Brote mit Wurst für die Obdachlosen der Stadt und manch einer von uns verwöhnten Kids fragt, wo denn der Salat für die Sandwiches ist. „Listen, these people are hungry“ sagt jemand. Die University of Spoilt Children scheint nicht nur in Los Angeles zu sein. Am letzten Tag in Washington gehe ich mit Alexandra und Christiane ins Holocaust Museum. Ziemlich unangenehm, dass es das in Amerika und nicht in Deutschland gibt.

New York. Morgens jogge ich im Central Park. Ich fühle mich wie ein echter New Yorker und frage mich, wann die eigentlich Zeit zum Joggen haben. Geld müssen die verdienen, wo alles hier so teuer ist. Trotzdem ist der Park voll. Ein bisschen murrend gehen wir zum American Jewish Committee, irgendwie haben wir schon als Kinder so viel über den Holocaust und die Nazizeit gehört, dass man glaubt, man kennt das schon alles. Doch es kommt anders: ich bin total beeindruckt von David Harris. Wahnsinn, wie der redet und uns ganz nah ranlässt an sich und das Trauma, das die Deutschen ihm und seiner Familie beigebracht haben. Auf einmal wendet sich das Blatt. Ich sehe seine Position zum Krieg und sein Entsetzen darüber, dass wir seine Leute in Israel einfach im Stich lassen. So empfindet er das. Und so verstehe ich ihn.

Der letzte Abend. Wir gehen noch mal alle zusammen essen. Der Irak scheint wahnsinnig weit weg zu sein von hier, wir hören aus Europa, wie sie sich Sorgen machen. Hier scheinen sich schon alle abgefunden zu haben mit dem Krieg. „Life goes on“ sagen die Amerikaner. Im Fernsehen läuft CNN und zeigt, wie der Korrespondent Nick Roberts Bagdad verlässt. Irgendwo im Bild geht die Sonne auf. John Wayne ist nichts dagegen. Zum ersten Mal wäre ich froh, in Deutschland zu sein, brenne auf Informationen, obwohl ich hier doch eigentlich viel näher dran sein müsste. Doch in Amerika scheint der Krieg seltsam irreal.

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Markus Harm, Freier Journalist

Die amerikanischen Nachrichtensender zählen die Minuten des auslaufenden Ultimatums an Saddam Hussein. Noch zwei Minuten. Noch eine Minute. Noch 30 Sekunden. Dann spricht George W. Bush zur Nation. Dunkelblaues Sakko, rote Krawatte, weißes Hemd — nationale Stärke und nationale Einheit wird präsentiert in diesen wichtigen Minuten. Und wieder ist es „the languague of good and evil“. George W. Bush und seine Nation sehen sich verpflichtet, das Böse auf dieser Welt zu bekämpfen und in den Krieg gegen Saddam Hussein zu ziehen. So heißt es. Die USA und ihr Präsident — bereit zum Einmarsch in den Irak.

Für die amerikanischen Fernsehsender beginnt in diesem Augenblick der Kampf um die Kunden. Der Krieg ist das große Geschäft, ein absoluter Quotenboom, der den heiß umkämpften Medienmarkt aufmischt. Von nun an begleiten erstmals Journalisten jeden Schritt der Soldaten. Sie campieren mit ihnen, sie marschieren mit ihnen, und sie sind dabei, wenn es zu Gefechten kommt. Hautnah und exclusiv, „Embedded journalist“ — immer und überall, mittendrin statt nur dabei. Sie reportieren live von der Front und schnell ist auch für uns zu erkennen, dass diese Reporter Authentizität häufig mit Objektivität verwechseln. Die für eine kritische Berichterstattung nötige Distanz spielt nur noch eine nebensächliche Rolle. Sie wird teilweise sogar bewusst aufgegeben, wie auch David Ensor von CNN im Gespräch mit uns zugibt. Die amerikanischen Medien übertreffen sich in der Schnelligkeit ihrer „Breaking News“, und diese News werden immer noch hervorgehoben durch dramatische Schlagzeilen. „Showdown Iraq“ auf allen Sendern. Doch die als große Neuigkeiten angekündigten Meldungen sind oft vage, umfassen viel Spekulation und nicht selten apokalyptische Prognosen. Hinzu kommen die sehr kurzen, gehetzt gesprochenen Sätze der Moderatoren mit einer Vielzahl von schnell erkennbaren Schlagworten. Es ist in Kriegszeiten — und es ist nun einmal Krieg während unseres Aufenthaltes in den USA — scheinbar das einzige Stilmittel. Die Anchors bei CNN, FOX News oder auch CBS sprechen alle im gleichen Tonfall und alle mit dem gleichen betroffenen Blick. Der Bilderstrom ist seit dem Kriegsbeginn, seit der Rede zur Nation von George W. Bush, pausenlos. Rund um die Uhr wird gesendet. Das, so geht es in uns auf, ist also das amerikanische Fernsehen in Höchstform.

Aber steht dieser riesige, zur Verfügung gestellte, publizistische Raum wirklich in einem Verhältnis zur kleinen Menge an verlässlicher, aufklärender Information? Die Zusammensetzung und die Herkunft der Aufnahmen aus dem Irak bleiben häufig undurchschaubar und der Wahrheitsgehalt der eigentlichen Nachricht für mich und für uns höchst zweifelhaft. Wir sehen an den ersten Tagen des Krieges keine einzige Negativmeldungen, auch niemals — für die amerikanische Bevölkerung, die hinter ihren für die Freiheit kämpfenden Brüdern und Schwestern steht — unangenehme Bilder. Die Reporter berichten einzig von der Schlagkraft der amerikanischen Truppe, von der Kraft und der Ausdauer ihrer Jungs. Zeitweise ähneln die hier ablaufenden Kriegsreportagen der Sportberichterstattung: das überlegende Team spielt den Gegner mit Leichtigkeit aus und muss nur noch auf den Abpfiff warten. Eine drückende Offensive, die zum klaren und ungefährdeten Sieg führt. Und die amerikanischen Nachrichtensender? Sie tragen alle die Vereinsfarben der spielbestimmenden Mannschaft. Patriotismus so weit das Auge reicht. Ist das das Land des investigativen Journalismus, das sich stets rühmt, den wahren Journalismus erfunden zu haben? Mit dieser Frage und vielen weiteren treten wir die Rückreise an. Die Zeit in den USA — sie war lehrreich und brisant. Insbesondere für uns Journalisten.

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Andreas Hartmann, Westdeutscher Rundfunk

Dass wir aus „Old Europe“ kamen, konnten wir im Februar 2003 bei unserer Ankunft in Washington noch nicht wissen. Dass wir in ein Land reisten, das sich auf einen Krieg vorbereitete, war mehr als nur eine Ahnung. So konnte es auch nicht wirklich überraschen, dass wir als Deutsche, als vermeintliche oder wirkliche Gegner dieses Irak-Krieges, nicht überall mit offenen Armen willkommen waren.

Besonders deutlich wurde dies bei unserem Besuch im Pentagon: Statt der Teilnahme an einem Briefing für Journalisten gab es lediglich den für Schulklassen und Touristen üblichen Rundgang. Noch heute mag ich nicht glauben, dass wir Deutsche bei diesem Gang durch die Flure des Pentagons nicht Deutsch sprechen sollten. Wir sollten sensibel und rücksichtsvoll mit unseren „Fremdenführern“ sein, hieß es. Denn schließlich könnten die beiden, übrigens sehr freundlichen jungen Männer, schon bald gezwungen sein, ihre Paradeuniform gegen den Kampfanzug zu tauschen. Der Irak-Krieg war deshalb tabu — auch in englischer Sprache.

Außerhalb des Pentagons war der bevorstehende Krieg jedoch das alles beherrschende Thema: Der Professor an der Universität in Austin / Texas, ein überzeugter Bush- und Kriegsgegner, erläuterte uns ausführlich die Verbindungen der amerikanischen Regierung zur Ölindustrie und beklagte die einseitige Berichterstattung der Medien.

Dagegen erklärte der konservative Vordenker der Heritage-Foundation in Washington seinen deutschen Gästen ebenso charmant wie rhetorisch brillant, warum der Irak-Krieg unvermeidbar wäre und wie der ganze Nahe Osten, ja die ganze Welt, von diesem Krieg profitieren würde. Dazwischen gab es auch Gespräche mit „ganz normalen“ Amerikanern. Die meisten hatten für die deutschen Kriegsgegner einfach kein Verständnis. Sie vertrauten ihrem Präsidenten. Sie glaubten (und glauben?) ihm und seinen Gründen für den Krieg: der Irak besitze Massenvernichtungswaffen, bedrohe damit Amerika und habe irgendwie auch irgend etwas mit Al Quaida und dem 11. September zu tun.

Nicht nur bei den Irak-Diskussionen war eine Menge Neues über dieses Land mit all seiner Vielfalt, seinen Widersprüchen und Superlativen zu erfahren. Die Vereinigten Staaten von Amerika: ein großes Land mit großartigen Leuten — auch für „German Weasels“.

Und schließlich konnten wir ja dann doch noch etwas aus dem Pentagon mitnehmen: ein achteckiges, handtellergroßes Hologramm, das die Waffengattungen des amerikanischen Militärs zeigt. Ändert sich der Blickwinkel, ändert sich das Bild, das man erhält. So wie dieses Hologramm funktionierte im Prinzip auch das RIAS-Programm. Der Blickwinkel änderte sich immer wieder. Am Ende entstand ein Bild mit vielen Facetten, das man als Foto getrost in jedes Amerika-Album einkleben kann.

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Bogna Koreng, Mitteldeutscher Rundfunk

Er ist mir sofort aufgefallen, der Mann mit der amerikanischen Fahne, unmittelbar am Highway 1. Am nächsten Tag steht er wieder dort am Straßenrand. Ihn umringen Plakate. No War, seine Botschaft an alle Vorbeifahrenden. Keine Chance zum Anhalten, es ist Halteverbot. Bleibt also nur die Einfahrt zum Militärstützpunkt.

3 verschiedene ID´s und die Bestätigung: „Yes, I‘m a journalist from Germany.“ Freundliches Nicken und ich darf den Parkplatz auf dem Gelände nutzen. Und ich solle ihn ordentlich ausfragen, den Demonstranten, rufen sie mir nach. Die schwere Flagge in der Hand springt er immer wieder mal in die Höhe, um auf sich aufmerksam zu machen. Er heißt Jack, steht seit 3 Tagen hier, immer von 9 bis 18 Uhr. Reaktionen auf seinen Protest gegen den Krieg? „I have communication with the motors.“ Und wieder lautes Hupen und freundliches Winken aus einem Auto. Der nächste Kraftfahrer droht mit der Faust. Jack bleibt gelassen, „unser“ Schröder hätte die richtige Einstellung und Meinung zum Krieg, die deutsche Politik sei o.k.

Ich muss unwillkürlich an die Gesprächsrunde Tage zuvor in der Heritage Foundation denken. Harsche Kritik dort an der deutschen Haltung zum Irak-Konflikt. Für Deutschland weniger erfreuliche Konsequenzen in den bilateralen Beziehungen werden nicht ausgeschlossen. Nach dem Treffen dann zum Teil Empörung unter den Rias-Fellows über die scheinbare „Arroganz“ der Referenten von Heritage Foundation.

Ich verstehe die Aufgeregtheit in den eigenen Reihen kaum. Zumal die politische Toleranz auch bei einigen Fellows zu wünschen übrig lässt, insbesondere in ihrer Haltung zu den Polen als Bündnispartner Amerikas. Nicht alle Entscheidungen werden nur vom Geld diktiert, es gibt auch genügend Gründe, die in der Geschichte beider Länder zu finden sind.

Die Heritage Foundation gab Einblicke vor allem in die Denkweisen amerikanischer Politiker, gutes Rüstzeug für die folgenden Tage und Wochen.

Doch noch einmal zurück nach Kalifornien, zu Jack am Highway. Privat würde er den Schröder dennoch nicht mögen, wegen seiner Frauengeschichten. Eher den Fischer. Jack schwenkt die Fahne, die Vorbeifahrenden reagieren diesmal nicht. Eigentlich will ich nicht über Politiker und den Irak-Konflikt debattieren. Täglich dieselbe Frage: „What do you think about war?“ Es scheint, als gäbe es kein anderes Thema mehr in Washington D.C., in Austin an der Texas University und in Kalifornien bei KSBY-TV, der Fernsehstation in San Luis Obispo.

Der 11. September hat das Leben nachhaltig verändert, erklärt Brian, Kameramann bei KSBY und Familienvater. Jeden Morgen hört er seither zuerst die Nachrichten, bevor er überhaupt einen Handschlag unternimmt. Bush solle endlich durchgreifen, Krieg sei der einzige Weg. Und plötzlich die Gegenfrage, welche politische Alternative denn Deutschland zu bieten hätte, außer Abwarten. Mir fällt Joschka Fischers Aussage: „Wir sind nicht überzeugt …“ ein, aber, das hilft mir auch nicht viel weiter.

Betriebsamkeit in der Fernsehstation San Luis Obispo, eine Sondersendung zum Krieg wird vorbereitet. Aus sicheren Quellen heißt es, in einer Woche sei es soweit. Sicherheitsvorkehrungen zu Hause, Notration und psychologische Ratschläge für die Kinder. Einige Familien nehmen die Hinweise ziemlich ernst. Zig Liter Wasser habe man schon gelagert, für den Notfall, so der Kalifornier Brian. Der Countdown läuft.

Der Sender ignoriere ihn, klagt Jack am Highway 1, aber die Zeitung hätte schon einen Artikel über seinen Protest geschrieben. Für Kriegsgegner gäbe es noch Plattformen in den Medien.

Zwei Tage später dann New York, die gigantische Stadt. Ground Zero, ein riesiger Platz. Ich versuche mich an Bilder und Berichte vom 11. September zu erinnern. Das Ausmaß des Terror-Anschlages wird mir hier erst recht bewusst. Ich kann Brian aus Kalifornien nun doch besser verstehen.

Ich suche nach einer Postkarte ohne das World Trade Center, doch das Wahrzeichen der Stadt ist auf fast allen Karten noch gegenwärtig. Hat das kommerzielle Gründe oder doch eine Botschaft für das Selbstverständnis der Amerikaner?

New York — das sind Tage voller Deutungen und Auslegungen, wie wohl welche Aussage zu interpretieren sei. Hintergrundgespräche im ARD-Studio, in der Deutschen Vertretung bei den Vereinten Nationen, die Anspannung wächst …

Schließlich der 20. März. Bush verkündet den Kriegsbeginn. Die sonst so hektischen Straßen in New York sind an diesem Abend fast menschenleer. Besorgte Telefonate aus Deutschland. Die Redaktion möchte einen Bericht. Es folgt eine recht kurze Nacht.

Am nächsten Morgen rufe ich Jack an. Keine Spur von Niedergeschlagenheit. Er demonstriere weiter gegen den Krieg. Und „support the troops“ bedeutet für ihn, alles dafür zu tun, dass sie bald alle wieder gesund nach Hause kämen.

Nachtrag: Wieder in Deutschland angekommen, bin ich erstaunt und ziemlich verärgert über die oftmals sehr oberflächliche Berichterstattung der hiesigen Medien über die amerikanische Politik. Zum Teil sind die Berichte moralisierend, die Haltung einiger Reporter ist arrogant gegenüber den Menschen, die ich getroffen habe. Undifferenziertheit und schnelles — zu schnelles- Verurteilen einer gesamten Nation. Amerika ist viel mehr als das Schwarz- Weiß- Bild, das in Deutschland gezeichnet wird.

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Sandra Meyer, Mitteldeutscher Rundfunk

Der Krieg und die Freundschaft — eine Journalistenreise in die USA

Ein seltsamer Zeitpunkt für diese Journalistenreise: Sämtliche Zeitungen titelten die transatlantischen Beziehungen vor dem Aus — die deutsch-amerikanische Freundschaft stand wie nie zuvor auf dem Prüfstand. Antikriegs-, Antiamerika-, Anti-Bush-Demonstrationen begleiteten die Reisevorbereitungen, militärische Sicherheitsmaßnahmen den Flug. Und nicht zuletzt die Angst vor dem Krieg. Also, in jeder Hinsicht unsichere Zeiten und die Frage: „Wie würden wir selbst die deutsch-amerikanischen Beziehungen erleben?“ Sehr differenziert und nachhaltig, eine eindrucksvolle Erfahrung — doch das nur kurz vorab!

Übrigens auch Angela Merkel war zur gleichen Zeit in Washington — „die nationalen Freundschaftsbande zu retten,“ wie uns die deutschen Medien vermittelten. Bei unserem Besuch von CNN allerdings wusste keiner etwas von Frau Merkel.

Nehmen „wir Deutschen“ uns weltpolitisch einfach mal zu wichtig? Oder nehmen wir uns vielleicht nicht wichtig genug?

Dieser Eindruck drängte sich mir bei unserem Besuch der Herritage Foundation auf, einem konservativen „Think Tank“. Dort wurde uns kurzerhand erklärt — salopp formuliert: die USA hätten die Power und das „alte Europa“ solle lieber, anstatt sich mit der Weltmacht anzulegen, zusehen, „wie es Land gewinnt.“ Sprich: Die Unterfinanzierung der Verteidigungshaushalte und der selbstgerechte Friedensschwur mache uns zu drittklassigen Militäralliierten. Ehrlich gesagt, ich war geschockt über diese Konfrontation mit extrem neokonservativem Gedankengut. Welcher Teil Amerikas hatte hier gesprochen, wie viele Anhänger haben diese sogenannten „Bush supervisors“?

Wurden wir hier mit dem gängigen Deutschlandbild konfrontiert? Was war, was ist das Image der Deutschen in Amerika — gibt es das überhaupt und wer konstruiert es?

Fremd- und Selbstwahrnehmung wurden auf dieser Reise ständig hinterfragt! Und zwar immer mit einem Hintergedanken: dem Krieg! Er hatte sich in meinem Kopf eingenistet und er war das bestimmende Gesprächsthema. Kaum merkten die Amerikaner, dass ich Deutsche bin, äußerten sie ihre Meinung zum Krieg: „Sagen sie Schröder, dass wir ihn unterstützen“, sagt mir eine Kassiererin im Museum. Ein Fernsehreporter in Minneapolis bedauert die Arroganz seiner eigenen Nation: „Wir waren immer stolz ein Vorbild für Deutschland, für Europa, zu sein — doch jetzt…?!“ Die Angst vor dem Krieg kennen auch die Amerikaner!Die Medien allerdings propagieren den Krieg: zählen die Tage wie zum Countdown. Zig Milliarden Dollar waren bereits für die „perfekte“ Berichterstattung vor Ort investiert worden — wer konnte, wer wollte da noch zurück? Über die Großdemonstrationen gegen den Krieg wurde auf FOX, CNN und ABC fast gar nicht berichtet. Stattdessen wurde das Feindbild Saddam geschürt — mit Angst lässt sich Quote machen und Politik.

Kritische Fragen im Weißen Haus gibt es nicht (mehr)! Die Reporter halten sich entweder bescheiden zurück oder werden manipuliert!? — was heißt in Amerika heute Pressefreiheit?

Statt politischer Stellungnahmen gibt es glitzernde Slogans — statt Argumente Vorwürfe und Schuldzuweisungen. Die Ignoranz nimmt schließlich groteske Züge an, selbst die „Verweigerer“ Deutschland und vor allen Dingen Frankreich werden zu Schreckgespinsten stilisiert: Auf einmal sollen Pommes nicht mehr French Fries, sondern „Liberty Fries“ heißen. Evian und französischer Wein werden abgelehnt. Und auch an uns die Frage — was wäre wohl, würden die Amerikaner die deutschen Produkte boykottieren. Tja, was wäre dann…“?!

Jedenfalls hatte man nur zu gern auf uns deutsche Journalisten beim Briefing im Pentagon verzichtet. Wir wurden schlicht ausgeladen! — Die „Rückwärtstour“ durch das Gebäude haben wir dennoch wahrgenommen — einmal mehr konfrontiert mit dem Stolz der Amerikaner auf ihre geführten Kriege: Orden, Fahnen, Kriegsschiffsmodelle und Kampfbomber aus Plastik beschwören ihre Siege in bald allen Regionen der Welt. Daneben endlose Galerien propagandistischer Kriegskunst — erinnernd an den doch eigentlich so gehassten sozialistischen Realismus.

Hier konzentrieren sich Eindrücke einer politischen Kultur, die kaum mehr an Demokratie als vielmehr an pathetischen Patriotismus, Machtglauben und Ignoranz gegenüber Andersdenkenden erinnert. Tatsächlich ist es nur noch eine Frage der Zeit, dass der Krieg beginnt.

Ganz anders die Erfahrung in den liberal-demokratisch geprägten Staaten Kalifornien und Minnesota. Durchaus selbstkritisch gehen die Kollegen bei MPR Minnesota Public Radio in St. Paul mit den Vorwürfen einer einseitigen Berichterstattung um. Unabhängiger als die rein privaten Sender wird hier immer noch auf differenzierte Meinungsbildung gesetzt. Besonders fasziniert haben mich die vielschichtigen Kulturprogramme. Kritisch und hintergründig überzeugen Interviews und Reportagen auch wenig populärer Themen wie Berichte über den Islam oder den Waffenkult in den USA.

Ein ähnlich freier Geist weht an der USC, der University of Southern California in Los Angeles. Studenten und Professoren diskutieren offen über Krieg und propagandistische Tendenzen in der Medienlandschaft. Demonstranten mit Antikriegs-Bannern ziehen über den idyllischen Campus, Studenten erzählen von engagierten Filmstars (und welche Seminare sie bei ihnen belegen), andere diskutieren über das Buch „Stupid White Man“ von Michael Moore: „Der müsste einen Oscar bekommen“, raunt einer. Doch glaubt er wahrscheinlich selbst nicht daran, was drei Wochen später, als die Verleihung trotz Krieg stattfindet, wahr wird. Der „linke“ Moore erhält einen Oscar! Für die wohl politischste und zugleich kritischste Rede bei einem Showbiz-Event wird er „natürlich“ ausgebuht.
Eine Szene, die für eine bereits nach Deutschland Zurückgekehrte, Bände spricht.

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Dagmar Pepping, Norddeutscher Rundfunk

Das Frühjahrsprogramm der RIAS Berlin-Kommission hätte zu keinem interessanteren Zeitpunkt stattfinden können. Das deutsch-amerikanische Verhältnis näherte sich wegen des Irak-Konfliktes dem absoluten Tiefpunkt — das konnten wir während der Woche in Washington live und in Farbe miterleben. Die Gesprächspartner während dieser Einführungswoche in der Hauptstadt waren interessant: der Vorsitzende der White House-Korrespondenten, der außenpolitische Vordenker der konservativen Heritage Foundation und der Geheimdienst-Experte von CNN waren dabei die Höhepunkte.

Auch der Besuch beim ARD-Studio war interessant. Ein Gesprächstermin im Pentagon wurde leider kurzfristig abgesagt — offenbar wurde unsere Gruppe zum Opfer der eisigen deutsch-amerikanischen Beziehungen. Ebenso bedauerlich wie die Pentagon-Absage war das Fehlen eines Termins mit einem amerikanischen Politiker. Egal ob Kongressabgeordneter oder Senator — Ein Gespräch mit einem Politiker gehört zu einem Aufenthalt in Washington dazu, finde ich.

Vielleicht hat die nächste RIAS-Gruppe dazu wieder die Gelegenheit. Gut fand ich, dass der Terminkalender während der sieben Tage in Washington nicht überfrachtet war, denn die häufig kontroversen Diskussionen über die Irakpolitik waren nicht nur anregend, sondern vor allem anstrengend.
Der anschließende Aufenthalt an der University of Texas in Austin war sowohl interessant als auch angenehm. Das lag vor allem an unserem hervorragenden Betreuer Mike Conway, einem ehemaligen Fernsehreporter, der nun als „graduate student“ an der Uni studiert und unterrichtet. Mike Conway ermöglichte uns durch sein Programm einen Einblick in das amerikanische Uniwesen und führte uns mit interessanten Gesprächspartnern zusammen, zum Beispiel mit dem Bush-Berater Marvin Olasky, der den Begriff „compassionate conservatism“ geprägt hat. Wegen des anstehenden Irak-Krieges waren wir als deutsche Journalisten während der Woche in Austin begehrte Gesprächspartner für Studenten und Professoren.

Beispielsweise waren wir die Gäste bei einer Podiumsdiskussion in der Uni. Schön war auch der Besuch des texanischen Parlamentes, das merkwürdigerweise nur alle zwei Jahre für wenige Monate zusammentritt — zum Glück genau während unseres Aufenthaltes in der texanischen Hauptstadt.

Das einwöchige Praktikum bei einem Sender in Chattanooga, Tennessee war für mich ein Blick in die Zukunft des deutschen Fernsehens — allerdings in eine düstere Zukunft. Sex, crime and traffic jams — und dazwischen jede Menge Werbung. Das ist die Sendephilosophie von News Channel 9 — einem Sender des CBS-Netzes, der pro Tag circa 6 Stunden Nachrichten produziert. Gesendet wird, was Quote bringt — und das ist in der amerikanischen Provinz ganz sicher nicht die Weltpolitik, sondern eher die Eröffnung einer neuen Walmart-Filiale im Norden von Chattanooga. Interessant zu sehen war auch, unter welchem Zeitdruck die Reporter in den USA arbeiten müssen. Wer nicht spurt, der fliegt. Der nächste College-Absolvent steht schließlich schon auf der Matte. Arbeit, die in Deutschland ein Dreier-Team von Kameramann, Ton-Assistent und Cutter erledigt, die macht bei kleinen U.S.-Sendern wie in Chattanooga nur eine Person. Dementsprechend sehen manchmal allerdings auch die Filme aus. Gelobt sei der öffentlich-rechtliche Rundfunk, dachte ich täglich.

Die Woche in New York war ein gelungener Abschluss des RIAS-Programms. Es war eine gute Mischung aus Unterhaltung (Besuch der Jon Stewart-Show), Wirtschaft (Bloomberg News) und Politik (American Jewish Comittee, American Civil Liberty Union).

Höhepunkt des New York-Besuches war der Termin mit Botschafter Schumacher in der deutschen UN-Vertretung am Tag vor dem Kriegsbeginn. Näher dran an der Weltpolitik konnte man in dieser Zeit kaum sein, das war faszinierend. Nach vier anstrengenden Wochen war es wieder ein guter Zug von Margaret Ershler, das Programm nicht so voll zu packen.

Nach all diesen neuen Eindrücken und Informationen wäre es sonst in meinem Gehirn zum „overkill“ gekommen. Insgesamt lautet mein Fazit: Das Programm war sehr interessant. Ich bin dankbar, dass ich daran teilnehmen konnte. Es hat mir viel gebracht — beruflich wie auch persönlich.

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Silke Walentowski (ehem. Schenkel), SAT.1

Jetzt bin ich schon seit einer Woche wieder zu Hause und manchmal glaube ich — es war alles nur ein Traum. Dann schaue ich mir meine Fotos an und weiß, dass diese wundervolle, interessante Reise wirklich passiert ist.

Es ist Samstag, der 22. Februar 2003, als ich meine große Reise nach Amerika antrete. Freunde und Eltern verabschieden mich mit großer Sorge, denn der Krieg zwischen den USA und dem Irak steht vor der Tür. Am Flughafen halte ich Ausschau nach anderen Teilnehmern und irgendwie finden wir uns tatsächlich. Jeder ist ein wenig nervös und die größte Sorge ist dann aber doch nicht der bevorstehende Krieg, sondern — wie sollte es anders sein — die Kleidung. Habe ich auch wirklich genug mit und was stellt sich die liebe Margaret unter Business Attire vor!?

In Washington D.C. herrscht Chaos. Mit diesen „Schneemassen“ hat hier niemand gerechnet. Trotzdem schaffen wir es zu allen Terminen. Treffen, wie bei der Heritage Foundation oder die Diskussionen über „Color of America“, bleiben in guter Erinnerung, denn wir werden immer herzlich in Empfang genommen.
Bei der Hilfsorganisation für Obdachlose „Marthas Table“ ist Krieg zum ersten mal kein Thema. Sandwiches belegen, einpacken und ab in den Korb. Die ungewohnte Fließbandarbeit strengt an, aber macht auch riesigen Spaß und schließlich ist es ja für einen guten Zweck. Ich finde diesen Programmpunkt besonders erwähnenswert, denn endlich kann auch ich einmal etwas zu dieser Reise beitragen.

In Boulder (Denver) geht man lockerer mit dem Schnee um, denn hier gehört er schließlich zum Alltag. Wer in dieser kleinen Stadt das typisch amerikanische Feeling sucht, wird mit Sicherheit nicht fündig werden. Welcome Germany und Anti-War-Plakate lassen uns schnell heimisch werden.

Von der CNN Reporterin zur Unilehrerin. Unser host Vicky hat den Fernsehjob nach 7 Jahren aufgegeben. Auch wenn sie nun nur noch ein Drittel von dem verdient, was sie beim Fernsehen bekam — ist sie doch als Ausbilderin von zukünftigen Journalisten glücklicher. An der Universität von Boulder weiß man ihre Arbeit mehr zu schätzen.

Was Vicky alles hinter sich gelassen hat — ist für Fernsehreporterin Tracey der große Traum. Im Alter von 23 Jahren steht sie noch am Anfang der Karriereleiter. Bei WMBB TV in Panama City (Florida) sammelt sie ihre ersten Erfahrungen. Egal ob als Reporter, Editor oder Anchor — Tracey versucht alles professionell zu erledigen. Ich begleite sie einen Tag lang und wir reden viel über unsere Arbeit. Und schon nach dem 2. Tag in der Fernsehstation wird mir bewusst, wie gut ich es bei SAT.1 habe. Während in Deutschland Redakteure mit einem Kamerateam, Cutter und Sprecher ausgestattet werden, ist bei den amerikanischen Regionalsendern die Devise: „Selbst ist der Mann“. Tracey ist als Einmann-Team unterwegs und auch im Schnitt wartet sie auf Hilfe umsonst.

Das Highlight dieser Woche: Mein Auftritt in den Nachtnachrichten von news 13. Die Sendung widmet mir und dem Journalisten-Austausch-Programm immerhin 2 Minuten kostbare Sendezeit. Am Samstagmorgen heißt es dann schon wieder Abschied nehmen. Tracey sagt Good Bye und schenkt mir zur Erinnerung die Kassette mit meinem Beitrag.

Am Flughafen werde ich gründlich durchgecheckt. Als Ausländer hat es seit dem 11. September niemand mehr einfach, ohne Kontrollen durch das Land zu reisen. Nicht nur das Handgepäck wird gründlich unter die Lupe genommen, auch der große Koffer wird vor meinen Augen geöffnet und nach Sprengstoff durchsucht. Aber die Kontrolleure sind trotzdem sehr freundlich und witzeln über meine vielen Schuhe!

Mit einem unguten Gefühl trete ich die Reise nach New York an. In den Fernsehstationen, wie CNN oder Fox läuft der Countdown zum Krieg. In 5 Tagen soll es los gehen. Manhattan ist komplett von der Polizei abgesichert und selbst die einreisenden Autofahrer werden kontrolliert. Einen Vorteil hat der ganze Stress — New York ist so safe, dass uns sogar geraten wird, diese Chance zu nutzen und mal nach Harlem oder ins — für Touristen etwas gefährlichere — Queens zu reisen. Leider lässt unser voller Terminplan das nicht zu.

Programmpunkte wie die ARD, Bloomberg TV oder Diskussionen mit dem amerikanisch-jüdischen Komitee beanspruchen unsere volle Aufmerksamkeit. In meiner Freizeit zieht es mich zu Ground Zero. Die Bilder des schrecklichen Ereignisses vom 11. September werden wieder wach.

Am Mittwoch läuft Husseins Ultimatum ab. Die Countdown-Uhr springt auf Null und ich sitze mit dem Chef der Wachschutzfirma Steve Mallo an der Hotelbar. Gegen 21:45 Uhr unterbricht CNN das Programm und schaltet per Telefon nach Bagdad. Reporter berichten von den ersten Bombeneinschlägen und mir läuft ein Schauer über den Rücken. Steve und ich sind sprachlos. Wie versteinert schauen wir auf den Fernseher. Der Sicherheitsbeauftragte geht dann aber doch seiner Arbeit nach, telefoniert mit seinen Angestellten und organisiert per Telefon den vorher abgesprochenen Notfallplan.

Taschenkontrollen in Gebäuden gehören auf einmal zum Alltag, genauso wie die lauten Sirenentöne, die durch die Stadt hallen. Auf dem Empire State Building kehrt Ruhe ein, weil ein Flugzeug über uns hinweg fliegt. Die große Stadt New York hat Angst!

Obwohl die Reise ungeheuer interessant war und natürlich auch sehr viel Spaß gemacht hat, ist der Punkt gekommen, bei dem die vielen Termine auf einmal nicht mehr ganz so von Bedeutung sind — irgendwie zieht es einen nach Hause. Deutschland ist vielleicht sicherer — denkt man zumindest. Außerdem führt die einseitige Berichterstattung im amerikanischen Fernsehen dazu, dass man sehr verunsichert ist. Ich telefoniere auf einmal öfter mit Berlin und informiere mich auf diese Art und Weise.

Ein letztes Mal zittern, der Flug nach Hause. Die Maschine ist nicht ganz ausgebucht. Viele Reisende haben ihre Flüge storniert, wollen in dieser kritischen Zeit nicht den Luftweg benutzen. Für uns hat der lange Aufenthalt jedoch ein glückliches Ende. Wir landen ohne einen Zwischenfall in Berlin und werden dort von Familie und Freunden herzlichst in Empfang genommen.

Abschließend möchte ich nochmals hervorheben, dass ich bei dieser Reise nicht nur sehr viel von der Arbeitsweise der amerikanischen Kollegen kennen lernen durfte, sondern auch einen Einblick in das amerikanische Leben erhalten habe.
Danke RIAS BERLIN KOMMISSION!

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Alexandra Vacano, Zweites Deutsches Fernsehen

„Showdown with Saddam”
„Als Journalisten hättet Ihr Euch keine bessere Zeit in Amerika aussuchen können“, so begrüßte uns Margaret am ersten Morgen in Washington. Uns war klar: Die kommenden vier Wochen in den USA würden wirklich sehr spannend werden. Die Lage: Es ist Ende Februar, immer mehr Soldaten werden nach und nach in die Golfregion geschickt, die Diplomatie scheint mal mehr mal weniger aussichtslos und Präsident Bush hält fest am eingeschlagenen Kurs Richtung Krieg. Wie werden die Amerikaner uns wohl begegnen — uns Deutschen, den erklärten Kriegs- und damit Bush-Gegnern? Werden wir, wenn der Krieg beginnen sollte, noch in den USA sein? Wenn ja, wie würde es sein in dem Land, dass im Krieg steht?

Washington
Erst einmal haben wir aber mit ganz anderen Dingen zu kämpfen. Zu Fuß durch den für Washington ungewöhnlichen meterhohen Schnee, den die amerikanische Hauptstadt nicht in den Griff zu bekommen scheint, stapfen wir zum ersten Termin. Bob Deans — White House Correspondent — kommt zu spät. Wie der unüberwindbare Schnee ist aber wohl auch die Pressepolitik des Weißen Hauses. Präsident Bush hat bis zur Hälfte seiner Amtszeit nicht mal eine Handvoll Pressekonferenzen abgehalten — im Gegensatz zu Bill Clinton, schildert uns Deans. Als Vorsitzender der ’White House Correspondents Association’ kämpft er für mehr Fragen an den Präsidenten, aber meistens müssen sich die Berichterstatter dann doch nur mit den Antworten von Sprecher Ari Fleischer begnügen — und das, wo Amerika vermutlich bald in den Krieg ziehen wird.

Auch für die CNN-Reporter, die im Garten des Weißen Hauses ihre feste Aufsagerposition haben, kein leichter Job. Es dringt nicht wirklich viel aus dem Oval Office. Und als Reporter sind sie momentan stündlich gefragt. Denn CNN hat fast nur noch ein Thema und das ist der „showdown with Saddam“. Die Studios haben — wie wir bei einem Besuch sehen können — eine richtige „Irak-Deko“: Landkarten über Landkarten: — Irak — Irak mit angrenzenden Ländern — Irak und der gesamte Nahe Osten — Irak und der Rest der Welt usw.

Wir treffen Moderator Wolf Blitzer zufällig kurz vor seiner Sendung — in Begleitung eines Militärexperten, der in der Sendung gleich anhand der Karten den möglichen Krieg erklären soll . CNN ist gerüstet, hat seine Reporter in Seminaren vorbereitet, hat sie bereits überall verteilt und hat dafür gesorgt, dass einige zum ersten Mal bei der amerikanischen Armee „embedded“ sein werden. Das verspricht mehr Geschichten als im ersten Golfkrieg, denn die ’grünen’ Bilder von damals reichen nicht mehr, erklärt uns der ’National Security Correspondent’ David Ensor. „Dieses Mal müssen wir mit mehr Bildern und sehr wahrscheinlich auch mit weitaus brutaleren Bildern als 1991 rechnen.“ CNN zählt auf den Krieg und damit auf die Quote.

Mehr Bilder vom Krieg — damit rechnen auch die deutschen Kollegen in Washington. Bei der ARD laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Mehr Reporter als sonst laufen durch das Studio, denn nicht nur die aktuelle Berichterstattung muss bewältigt werden. Auch die Beiträge für den Tag der Tage. Wenn es losgeht, müssen diverse Stücke in Hamburg bereitliegen — dann heißt es erst mal 48 Stunden durchsenden, sagt Studioleiter Tom Buhrow.

Dass es kein Zurück gibt und dass der Krieg bald losgehen wird, wurde bei der „Heritage Foundation“, einem konservativen ’think tank’ der Regierung, sehr klar. Denn sie unterstützt Bush in seinem Ziel, Saddam Hussein zu vernichten. Seinem Vater sei es in den 90ern nicht gelungen, deswegen müsse es jetzt passieren. Für den Außenpolitikexperten John Hulsman ergibt sich das ganz natürlich aus der Macht, die Amerika besitzt. Er spricht nicht nur sehr eloquent, sondern auch eine deutliche Sprache — und immer mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen: Für ihn sei es nicht nachvollziehbar, warum Deutschland bei diesem Krieg nicht mitziehen wolle und dass sich unser Bundeskanzler auf dem diplomatischen Parkett wie — Zitat — ein „Idiot“ verhalte. Aber eigentlich ist das alles nicht so tragisch, meint Hulsman, denn die deutsche Bundeswehr hätten sie mit dieser Ausstattung sowieso gar nicht brauchen können. Und was wird aus der Beziehung Bush — Schröder? Sie werden wohl niemals Freunde, meint Hulsman — natürlich wieder mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht.

Dass die deutsch-amerikanischen Beziehungen in der Tat nicht zum Besten stehen — das wird uns auch beim Besuch im Pentagon wieder klar. Eine Führung durch das Verteidigungsministerium — das geht in Ordnung. Aber ein Briefing mit deutschen Journalisten? Nein, es gäbe im Moment weitaus Wichtigeres zu tun, heißt es. Fröstelnde Temperaturen also nicht nur wegen des Winter-Wetters in Washington….

Ziemlich angespannt auch immer die Lage an den verschiedenen U.S.-Flughäfen. Nach dem 11. September, dem „Schuhbomber“ und wegen des möglichen Krieges — Sicherheitsstufe 1: „Einchecken, nein, den Koffer können sie nicht gleich abgeben, er muss erst mal gescreent werden! Und denken sie daran, den Koffer nicht abzuschließen! Falls etwas Verdächtiges drin sein sollte, machen die Beamten den Koffer eh auf, auch wenn er verschlossen ist! Bitte Filmrollen nur ins Handgepäck! Könnten sie die Schuhe ausziehen, strecken sie ihre Arme aus, setzen sie sich hin und strecken sie ihre Beine von sich, haben sie etwas in ihren Haaren — es piept, ziehen sie ihre Haarspange aus und schütteln sie ihr Haar, drehen sie noch ihren Hosenknopf um, öffnen sie ihre Handtasche, könnten wir noch mal ihren Pass sehen….!!“

Und dieses Erlebnis wiederholte sich so gut wie an jedem Flughafen. Am besten war man drei Stunden vor Abflug da, damit man ja nicht seinen Flieger verpasste…

New York
Zweieinhalb Wochen später — wir sind in New York, sitzen im Hotelzimmer und schauen CNN. Das Ultimatum gegen Saddam Hussein läuft in einer Stunde aus. „Last hour“ titelt der Sender, dann „hour zero.“ Wir bleiben dran und hören dann in einem Telefoninterview mit dem Bagdad-Korrespondenten Nic Robertson live von den ersten Bomben.

Am nächsten Morgen — ich schalte wieder den Fernseher ein und zappe mich durch die Programme: Moderatoren, wie Wolf Blitzer von CNN, in Kuwait City, Schalten zu Reportern auf amerikanischen Flugzeugträgern, Informationen von „embedded reporters“ aus Panzern — es ist Krieg und wir sind live dabei. Aus der CNN-Zeile „Showdown with Saddam“ wird „War in Iraq“.

Auf NY 1 erfahre ich, dass für die Stadt weiterhin „code orange“ gilt und dass jederzeit mit Anschlägen zu rechnen ist, so zum Beispiel in den U-Bahnen. Hier sollen viel Wachpersonal und viele Soldaten mit Spürhunden für Sicherheit sorgen. Aber nicht nur dort — sie sind überall in der Stadt, an jeder Ecke von New York verteilt und immer mit schweren Gewehren ausgerüstet. Straßen sind abgesperrt und Kontrollen werden durchgeführt — Schutzvorkehrungen in Manhattan. Das ist aber das einzig Auffällige. Ansonsten — alles so wie immer.

Die Straßen sind voll, ebenso die U-Bahnen, das Leben geht weiter und nur vereinzelt gibt es mal ein paar Anti-Kriegs-Proteste — garantiert mit mehr Polizisten als Demonstranten. Europäische Ausmaße nehmen die Proteste in den USA nicht an. Von einer „Kriegsstimmung“, sei es nun Betroffenheit oder Angst, ist hier kaum etwas zu spüren. Aber vermutlich macht sich kein New Yorker Gedanken, wie die Stimmung während des Krieges zu sein hat, warum auch. Business as usual.

Für uns war es nicht so wie immer. Margaret hatte Recht: Als Journalisten hätten wir uns keine spannendere Zeit in Amerika aussuchen können!

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Norbert Wassmund, DeutschlandRadio Berlin

Washington D.C.: Showdown … War At Iraq

Vor einem Jahr, im Frühjahr 2002, gab eine Kollegin ihrem Bericht den Titel „Amerika befindet sich im Krieg“. Nun besuchen wir, 12 Journalisten aus Deutschland, Amerika zu einer Zeit, in der die Vorbereitungen der Bush-Administration für einen Angriff auf den Irak auf Hochtouren laufen.

„Showdown“ flimmert über die Bildschirme der Nachrichtensender. Wir alle gehen davon aus, dass es wahrscheinlich nur noch wenige Tage dauern wird, bis die USA ihre Drohung wahr machen, in den Irak einzumarschieren, um das Regime von Saddam Hussein zu entmachten.

In dieser spannungsgeladenen und spannenden Zeit treffen wir in Washington ein — und das nur mit einigem Glück: die amerikanische Hauptstadt liegt unter einem Schneesturm, der die Ostküste seit einigen Tagen heftig heimsucht. Im Gegensatz zu vielen anderen Maschinen darf die 747 von British Airways aus London an diesem Samstagabend landen… Margaret Ershler von RTNDF hat ein umfangreiches und äußerst informatives Programm für uns zusammengestellt, das am Tag nach unserer Ankunft mit einem –im wahrsten Sinne des Wortes- eisigen und stürmischen Ausflug in die kurze Geschichte der Vereinigten Staaten und ihrer Gründerväter beginnt.

Der drohende Krieg und das abgekühlte Verhältnis zwischen Washington und Berlin bestimmen nicht nur in den folgenden Tagen, sondern in den folgenden vier Wochen die Gespräche und Appointments. Besonders heftige Kritik an den Deutschen und ihrer Regierungs-Einstellung gegenüber der USA-Irak-Politik müssen wir uns bei der Heritage Foundation anhören, die als Think Tank der neo- oder besser: erz-konservativen Politik der Bush-Administration natürlich ihre Position klar und kompromisslos vertritt.

Da passt es auch ins Negativ-Bild, dass ein geplantes Gespräch mit dem Pressestab im Pentagon kurzfristig abgesagt wird und wir uns bei dem gewährten touristischen Rundgang („bitte nicht deutsch sprechen“ ) durch die gigantische Burg des U.S.-Patriotismus als gerade mal geduldete Besucher fühlen.

Doch es soll kein falscher Eindruck entstehen: d a s sind die Auswirkungen der White-House-Politics, die wir zu spüren bekommen. Klar: überall strenge Security Checks und die geradezu erschreckend unkritische Pro-Bush-Berichterstattung in den privaten TV-News-Channels … Doch das ist nicht ausschließlich das Amerika, das wir in den nächsten Wochen kennen lernen. Bei vielen Gesprächen wird der deutschen Position Sympathie und Respekt entgegen gebracht; ich habe an allen Stationen das Gefühl, mit offenen Armen und großer Herzlichkeit aufgenommen zu werden.

Dass auch die Amerikaner gespalten sind in ihrer Haltung zur Regierung und zum angekündigten Irak-Krieg beweisen auch die Protestaktionen und Anti-War-Demonstrationen, die im gesamten Land stattfinden. Auch vor dem Weißen Haus wird immer wieder Unmut geäußert über die U.S.-Politik. In vielen Fenstern und auf Buttons das rot-blaue Bekenntnis: „No Iraq War“.

Neben diesem dominierenden Thema erfahren wir auch andere Seiten des amerikanischen Lebens: Arbeitslosigkeit und Armut. Einen kleinen Einblick gewährt uns ein Vormittag bei „Martha’s Table“. Bei dieser Hilfseinrichtung für Bedürftige werden wir von Margaret „verpflichtet“, mit Kopfhauben, Schürze und Gloves Sandwiches und Kuchen zuzubereiten und zu verpacken. Die gestapelten Kisten werden später mit Lastwagen in alle Teile der Hauptstadt gefahren und an die Arbeits- und/oder Wohnungslosen verteilt. Unser Anblick reizt zum Lachen, führt uns aber auch gleichzeitig die dramatische Situation vor Augen, in der sich offenbar Tausende von Menschen in Washington D.C. befinden: am Rande der Existenzgrundlage.

Eine andere Welt: Boulder — am Rande der Rocky Mountains

Mit den Kolleginnen Martina (WDR) und Silke (SAT.1) erlebe ich die reizende Stadt Boulder und die imponierende Landschaft der Rocky Mountains — noch kann sich das Wetter nicht entscheiden zwischen Winter und Frühling. Kurzärmeliges Frühstück im Straßencafe und frostiges Wandern durch meterhohen Schnee — alles ist möglich in den freien Stunden nach der University of Colorado. Hier, am Fachbereich für journalistische Ausbildung und Massen-Kommunikation, diskutieren wir mit den jungen Studenten über die sehr unterschiedliche Art von Fernsehen und Radio auf beiden Seiten des Atlantiks und erleben wieder großes Interesse an der deutschen Politik, gerade in Zeiten eines drohenden Krieges. Der zieht an einem Anti-Kriegs-Tag sicher rund 1000 Studenten und Bewohner von Boulder (einschließlich des Bürgermeisters) auf den Campus zu einer Groß-Kundgebung. Die Angst vor dem ungewissen Kreuzzug der USA ist spürbar…
Pazifik = Pazifismus? Eine liberale(re) Welt an der Westküste

Allein und ziemlich schlaflos in Seattle. Zwei Radiostationen laden mich zu einem direkten Vergleich der Radiosysteme in den USA ein: der Commercial News Channel KIRO (sendet auf Mittelwelle) und das National Public Radio KPLU (UKW-Programm). Das eine gefüllt mit nationalen und lokalen Kurzmeldungen, Verkehr und Wetter sowie Werbung, das andere mit internationalen, nationalen und regionalen Nachrichten und Berichten, Hintergründen sowie Jazz als 24-Stunden-Rahmen.

Die Kollegen Tom Tangney (KIRO) und Steve Krueger (KPLU) ermöglichen mir einen ausführlichen Einblick in die Arbeitsweisen beider Stationen, ein Treffen mit dem Bürgermeister von Seattle, Nickels, den Besuch der Boeing-Werke und einen wunderbaren Ausflug in die Umgebung. Aber auch das Leben in Seattle und das liberale Gedankengut der Stadt lerne ich kennen, ebenso die reizende Familie von Tom. Eine erfüllte, eine (weitere) schöne Woche!

Bush At War — In New York prallen Kriegsausbruch und 9/11 aufeinander

Nun also ist es soweit: der Präsident gibt den Startschuss für den Einmarsch der Truppen in den Irak. Müssen wir uns persönlich Sorgen machen? Manhattan wird abgeriegelt, keine Zufahrt ohne Kontrollen; Straßensperren und eine starke Polizeipräsenz sollen Sicherheit demonstrieren. Gleichzeitig vergeht kein Tag ohne Protestaktionen in NY gegen den Krieg. Die Menschen allerdings wirken gelassen, das Leben scheint ohne sichtbare Aufregung weiterzugehen. Bewundernswert angesichts der Katastrophe vom 11. September 2001, die die Stadt erschüttert hat!

Einordnen lassen sich diese Ereignisse und Kontraste auch durch Gespräche mit den Kollegen im ARD-Studio und mit UN-Botschafter Schumacher.

Kann ein USA-Besuch spannender sein als in diesen Zeiten?

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Antje Wingender, Lizard Medienproduktion

Amerika im Krieg

Amerika befindet sich schon Monate bevor wir abfliegen in Kriegsvorbereitungen, dennoch fahren 12 deutsche Journalisten voller Vorfreude und Erwartungen los und kommen mitten in die mediale Aufbereitung der letzten Wochen vor Kriegsbeginn. Fox und CNN zählen bereits die Tage bis zum Beginn des ersten Militärschlages gegen Saddam runter. Das Motto lautet „Showdown or Countdown on Iraq“. Nichts bewegt die Gemüter in diesen Tagen mehr als der baldige Beginn des Krieges.

Für niemanden, den wir in offiziellen Meetings treffen, scheint es eine Frage zu sein, ob der Krieg beginnt, sondern nur noch wann er „endlich“ beginnt. Ebenso ist es auch keine Frage für die Offiziellen, dass dieses militärische Vorgehen absolut notwendig ist, denn seit dem 11. September hat sich Amerika verändert und muss allem und jedem vorbeugend begegnen, der das Land bedrohen könnte. „It’s our duty to defend ourselves.“ Die ersten Tage sind für uns dementsprechend anstrengend, denn wir versuchen einerseits die amerikanische Position zu verstehen, andererseits unsere deutschen Bedenken zu entgegnen.

Die Beziehungen zwischen Amerika und Deutschland sind gespannt, denn seitdem Kanzler Schröder mehrfach betont hat, dass Deutschland in keinem Fall einen Krieg unterstützen wird und sogar mit Frankreich und Russland gegen eine weitere UN- Resolution stimmen wird, ist das Verhältnis zwischen den beiden Ländern verstimmt. Bei der CNN-Show „Crossfire“ wird dann auch die Frage diskutiert, ob Amerika deutsche und französische Produkte boykottieren soll. Keine zwei Wochen später werden in manchen Restaurants „french fries“ dann auch „freedom fries“ heißen. So drückt Amerika seine Enttäuschung über die untreuen Europäer aus.

Zum politischen Alltag gehört es in diesen Tagen auch, dass ein fest zugesagtes Briefing im Pentagon abgesagt wird. Die derzeitige politische Situation ist nicht danach, 12 deutsche Journalisten zu empfangen. Somit beschränkt sich unser Besuch im Pentagon auf eine Tour durch die hoch dekorierten Flure des riesigen Verteidigungsministerium.

Doch Amerika ist weit mehr als das patriotische, seinem Präsidenten scheinbar loyale, mitunter auch ignorant scheinende Land, für das viele Europäer es halten. Trifft man die „real Americans“ an der Universität oder in der Station, erlebt man ein anderes Land mit nachdenklichen Menschen, die zwar alle noch den Schock des 11. September nicht überwunden haben, aber die dennoch auch vor der sich abzeichnenden Gewalt gegen viele Zivilisten zurückschrecken. Die keinen Krieg wollen und das außenpolitische Auftreten ihres Landes als durchaus problematisch ansehen. Da kommen Kollegen im Newsroom, kurz bevor die Sendung beginnt, auf einen zu und äußern ihre persönlichen Gedanken und Wünsche. „Take this home to Europe, we don’t want this war. We think you are doing so well in Germany! We have so many problems in this country we don’t need this war.“ Im direkten Umgang mit den Menschen ist von politischen Zerwürfnissen überhaupt nichts zu spüren. Im Gegenteil, die meisten Amerikaner, die ich getroffen habe, sind sehr an unserer Meinung wie auch an der deutschen Berichterstattung über ihre Politik und ihr Land interessiert. Daneben sind sie sehr interessiert, ja neugierig auf Deutschland. Viele, die noch nie in Deutschland waren, führen deutsche Verwandte oder Vorfahren an.

Am 19. März greifen die USA den Irak an, nachdem das amerikanische Ultimatum abgelaufen ist. Wir sind zu diesem Zeitpunkt in New York, einer Stadt, die zweifellos ein potenzielles Hauptziel für weitere terroristische Attentate ist. Doch die Menschen auf den Straßen, U-Bahnen und Geschäften bleiben erstaunlich ruhig, scheinbar gelassen. Sie gehen ihren Alltagsgeschäften nach. Nervosität ist ihnen nicht anzumerken, sicher, das Polizeiaufgebot ist immens, aber es herrscht keine Hysterie oder Panik. Die Medien berichten rund um die Uhr über die Ereignisse im Irak, sehr patriotisch, sehr intensiv, während auf den Straßen allein in New York 200.000 Menschen gegen den Krieg demonstrieren.

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Die meisten Menschen, die ich während der Reise getroffen habe, sind mir als sehr differenziert denkende Menschen, die an der Welt, an Europa, insbesondere an Deutschland interessiert sind, begegnet, mit denen es immer eine Freude und Bereicherung war zu sprechen. Für sie gilt wohl das gleiche wie für mich: der persönliche Kontakt ist weit mehr wert als jede Berichterstattung über das jeweilige Land. Somit konnte ich das durchaus positive Bild, das ich schon vor der Reise von den USA hatte, trotz der ernsten Situation nur verfestigen. Ich denke, dass diese Reise auf beiden Seiten dazu beiträgt, das Verständnis füreinander und unterschiedliche Standpunkte zu verbessern.


RIAS USA-Herbstprogramm
11. Oktober – 8. November 2003

Zwölf Journalisten in den USA: Programm in Washington und New York; Besuch von Journalistenschulen (Brigham Young University, Provo; University of Georgia, Athens; Duke University, Durham, Miami; University of Hawaii, Manoa); individuelles Rundfunkpraktikum.


TEILNEHMERBERICHTE

Peter Eichenberg, Norddeutscher Rundfunk

Washington

„… und nicht vergessen: Sie brauchen sehr oft „business attire“ bei Ihren Terminen!“ Nein, das hat wohl keiner vergessen, so oft, wie wir auf diesen Punkt hingewiesen worden sind vor diesem vierwöchigen USA-„Intensivkurs“. Keine Frage: hier im Zentrum der Nation geht es oft formell zu, zumindest was die Kleiderordnung betrifft. Dass es dann am ersten Tag erst mal mit einer Stadtrundfahrt in ’causal wear’ losgeht, ist schon deshalb gut, weil hier offenbar noch immer Sommer herrscht, mit Temperaturen über 25 Grad. Wir sehen die großzügigen Repräsentativbauten der Macht, die viel sagen über das Selbstverständnis der Amerikaner — und neben denen das Weiße Haus tatsächlich etwas mickerig erscheint. Ich bin beeindruckt und finde die Stadt gar nicht so unattraktiv, wie mir bisweilen zuvor erzählt wurde.

Tags drauf sind wir zum Lunch in die Deutsche Botschaft geladen. Das Treffen beginnt freundlich, aber etwas zurückhaltend — bis nach der Suppe überraschend Botschafter Ischinger höchstselbst auftaucht, eigentlich „nur kurz“ bleiben will und eine Dreiviertelstunde später auch noch den Abschluss-Kaffee gemeinsam mit uns trinkt. Wir erleben zum ersten, aber keineswegs zum letzten Mal auf dieser Reise: ein formeller Rahmen muss kein Hindernis für ein sehr offenes Gespräch sein, das auch einen Blick „hinter die Kulissen“ erlaubt. Was natürlich dann besonders interessant ist, wenn hinter diesen Kulissen so viel für einen Diplomaten zu tun ist wie in den letzten Wochen deutsch-amerikanischer Verstimmung.

Am Abend folgt noch ein Highlight ganz anderer Art: wir sind bei unserer „General-Gastgeberin“ für Washington und New York, der großartigen Margaret Ershler von der Radio and Television News Directors Foundation, nach Hause eingeladen. Snacks im gemütlichen Appartement, Rotwein auf der lauschigen Dachterrasse und Washingtoner Berufskollegen als interessante Gesprächspartner — nach diesem herzlichen Abend fühlen sich wohl alle richtig „angekommen“ in Amerika.

Nicht jeder ist so nett zu uns. Außenpolitik-Experte Nile Gardiner von der Heritage Foundation, einem „Think Tank“ der Republikaner, macht nun wirklich keinen Hehl daraus, dass er die Deutschen für eine einzige Enttäuschung hält. Nein — es gibt keinerlei Verständnis für die Entscheidung, dem großen Bruder nicht in den Irak-Krieg zu folgen. Nein — nach dieser Dreistigkeit wird das bilaterale Verhältnis nie wieder nur annähernd so gut sein wie es einst war. Nein — mit einem Kanzler Stoiber wäre es auch nicht besser geworden. Und im übrigen: nein — es gibt gar keine Probleme für die Amerikaner im Irak, alles läuft nach Plan. Als wir das Treffen verlassen, hoffe ich, dass der Einfluss auf die Regierung, den sich Mr. Gardiner selbst beimisst, doch nicht so groß ist. Nach einem Briefing im German Office des State Departements einen Tag später geht es mir wieder besser. Politik-Praktiker denken auch in den USA weitaus differenzierter als Politik-Theoretiker.

Louisville

Als mich mein Host Steve Carmody, der News Director von WFPL, zusammen mit Programmdirektor Terry Rensel am Empfang begrüßt, wird mir schlagartig klar: auch im Redaktionsalltag einer U.S.-Radiostation ist ’business attire’ eher unüblich. Ich war wohl selten so overdressed wie hier: Und das auch noch bei dieser ungewöhnlichen Wärme, die in Kentucky in diesen Tagen herrscht. Durch die ungezwungene Atmosphäre fühle ich mich schnell heimisch im Gebäude der Public Radio Partnership in Downtown Louisville. Unter einem Dach sitzen hier das AC-Musikprogramm WFPK, die Klassik-Welle WUOL und das All-News-Radio WFPL — eine „NPR Member Station“, die große Teile ihres Programms von der Zentrale des National Public Radio in Washington übernimmt.

Ich hatte mir gewünscht, eine Station des NPR-Netzwerkes zu besuchen, um als „öffentlich-rechtlicher“ Nachrichtenredakteur mehr darüber zu erfahren, wie Nachrichten im amerikanischen öffentlichen Rundfunk funktionieren. Schon beim ersten Reinhören stelle ich fest, dass es mit NPR auch für Amerikaner eine höchst informative Alternative zu den schmalspurigen und oft auf lokale Crime-Stories beschränkten News der unzähligen kommerziellen Fernseh- und Radio-Sender oder zur mitunter einseitigen CNN-Berichterstattung gibt. Den Hörern von WFPL steht neben den nationalen und internationalen Nachrichten und Magazinsendungen von NPR mit der stundenweisen Übernahme des BBC World Service sogar noch ein weiterer Blickwinkel offen.

Im Newsroom von WFPL entstehen alle lokalen und regionalen Geschichten. Das ständige Team besteht aus Steve, dem Chef, Rick, dem allmorgendlichen News Anchor, sowie den Reporterinnen Kim und Jill. Vier Leute — nicht gerade viel aus deutscher Sicht. Aber in Kentucky ist dies eine der größten Radio-Nachrichtenredaktionen, klärt mich Steve auf. In der nächsten Frühschicht zeigt mir Rick, wie die Nachrichten und Berichte aus dem Bundesstaat in den Rahmen aus Washington eingepasst werden. Das gesamte NPR-Programm ist in ein zeitliches Raster gestaffelt, das es den Member Stations ermöglicht, sich beliebig oft und beliebig lang ins Programm einzuschalten. Rick tut dies an diesem Morgen jede halbe Stunde auf WFPL — und geht „nebenbei“ noch einmal stündlich ins Nachbarstudio, um bei der Musik-Welle WFPK die Nachrichten zu lesen.

So sehr ich Parallelen zur heimischen Radiolandschaft erkennen kann, so fremd ist mir eine weitere Aufgabe von Rick: Stunde für Stunde meldet er sich zweimal, manchmal sogar viermal on air zu Wort, um den Hörern mitzuteilen, wem sie dieses Programm zu verdanken haben. Dann heißt es „Support for WFPL comes from …“, die Liste der Unterstützer ist lang und reicht von Colleges und Kirchen bis zu Anwaltskanzleien und Autohäusern. Dieses „Privat not-for-profit funding“ ist die Haupt-Einnahmequelle für NPR, nachdem die staatlichen Gelder für den öffentlichen Rundfunk in den 90er Jahren radikal gekürzt wurden. Dass auch diese Spender-Danksagungen vom Nachrichtenredakteur verkündet werden, finde nicht nur ich problematisch. News Director Steve versichert mir, dass kein Unterstützer Schonung zu erwarten hat, wenn mögliche Verfehlungen nach kritischer Berichterstattung verlangen. Es gibt gute Gründe, ihm das zu glauben: Das NPR-Netzwerk lebt auch davon, dass es bei seinen Anhängern als objektiver und glaubwürdiger gilt als die kommerzielle Konkurrenz.

Honolulu

Business Attire auf Hawaii? Diese Frage erheitert Tom Brislin sichtlich. „Dafür ist es hier doch viel zu warm.“ Höchstens Anwälte trügen hier einen Anzug, aber das auch nur bei Gerichtsverhandlungen, erzählt er uns. Auch unser Gastgeber Tom, Professor an der University of Hawaii, hat für jede Gelegenheit ein passendes Aloha Shirt, sei es für unser Welcome Dinner mit der ganzen Brislin-Familie, für die Eröffnung des International Hawaii Film Festival oder für den Uni-Alltag.

Die entspannte Grundstimmung schwingt auch durch die Vorlesungen, bei denen wir zu Gast sind. Manchmal staune ich dann doch etwas über die Lässigkeiten in den Seminarräumen, den pizzaessenden Studenten und den colatrinkenden Dozenten. Vielleicht bin ich aber auch schon zu lange nicht mehr in einer deutschen Uni gewesen. Die angehenden Journalisten zeigen sich interessiert an den Berichten über unseren Arbeitsalltag. Besonders für die Erläuterungen des gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems ernten wir regelmäßig ungläubiges Staunen.

Nicht wirklich erstaunt, aber zumindest positiv angetan bin ich von der Diskussion in der „Media Ethics“-Vorlesung. In der Debatte über verschiedene Fallbeispiele machen die meisten Studenten deutlich, dass sie sensationsheischende Berichterstattung ablehnen und ihnen die Einhaltung ethischer Grundsätze wichtiger ist als quotenträchtiger Trash. Den meisten wird vermutlich klar sein, dass sie sich im späteren Redaktionsalltag von vielen ihrer studentischen Ideale werden verabschieden müssen, um im Rennen um den Job zu bleiben. Zumindest im etwas anarchisch anmutenden Uni-Radio läuft aber noch alles nach ihren Vorstellungen — die „Erwachsenen“ halten sich begleitend im Hintergrund, auch auf der Redaktionskonferenz, die aber dennoch beeindruckend professionell abläuft.

Wir besuchen in Honolulu auch noch eine „richtige“ Radiostation. Einer der unzähligen Bekannten des umtriebigen Tom Brislin ist Rick Hamada, der auf KHVH die allmorgendliche Call-In-Show präsentiert. Er hat sichtlich Vergnügen daran, seine drei deutschen Gäste eine Stunde lang on air mit Fragen zu löchern („Wir haben noch eine knappe Minute bis zur Werbepause — Peter, erklär’ doch mal bis dahin schnell das Wahl- und das Steuersystem in Deutschland…“). Der Live-Auftritt wird zum letztlich erfolgreichen Härtetest für die Englisch-kenntnisse und zu einem Highlight der Woche.

Bei unserem Besuch im hawaiianischen Capitol empfängt uns schließlich sogar noch ein echter Senator, der ein früherer Sportjournalist und natürlich auch Toms Bekannter ist. Unsere Unterhaltung ist trotz der formellen Umgebung wie immer angenehm locker, und auch Senator Hogue trägt — natürlich — Aloha Shirt in seinem repräsentativen Büro. No jacket required on Hawaii.

New York

Zurück vom Campus in die Welt des Big Business — und des entsprechenden „attire“. In der Stadt der Städte stehen wieder Termine an, die nach feinem Zwirn verlangen. Der hat sogar die Flugreise überraschend gut überstanden, obwohl die Sicherheitsleute auf dem Honolulu Airport ihre Kollegen in Baltimore und Louisville sogar noch übertroffen haben, was die Emsigkeit beim Durchsuchen der Koffer betrifft. Ich habe inzwischen eine kleine Sammlung an um Verständnis bittenden Informationszetteln, die in das kontrollierte Gepäck eingelegt werden, und bin froh, den Rat befolgt zu haben, die Koffer auf keinen Fall zu verschießen.

Einer der „offiziellen“ Termine führt uns ins German House unweit des UN-Hauptquartiers. Dort gibt uns Pressesprecher Dirk Rotenberg einen Einblick in die Mechanismen der Vereinten Nationen. Er macht uns schnell deutlich, wie fahrlässig es ist, in der Berichterstattung von „den“ Vereinten Nationen zu sprechen. Denn es ist ein gewaltiger Unterschied, wer sich da am East River äußert: der Sicherheitsrat (dessen Beschlüsse allein bindend sind), die Vollversammlung (die eigentlich nur Empfehlungen abgeben kann) oder der Generalsekretär (der zwar vielerorts hohes Ansehen genießt, aber auch nur appellieren und nicht entscheiden kann). Rotenbergs Schilderungen geben einen lebhaften Eindruck davon, was es bedeutet, dass Deutschland gerade jetzt einen Sitz im Sicherheitsrat hatte und hat. Und mitunter könnte man den Eindruck gewinnen, dass sich das Bedauern in Grenzen halten wird, wenn wir wieder „nur“ einfaches UN-Mitglied sein werden.

Beim Besuch von Bloomberg TV beeindruckt mich besonders das originelle Konzept der Mitarbeiter-„Betreuung“. Sicher — der Job ist hart, die Arbeit im Großraumbüro mit seinem permanenten Geräuschpegel ist nichts für Sensible, die allseitige Transparenz gläserner Trennwände vermittelt ein Gefühl des Ständig-unter-Beobachtung-Stehens. Dafür gibt es kostenlos Snacks und Getränke, gemütliche Kommunikations-Sitzgruppen und beruhigend blubbernde Aquarien mit exotischen Zierfischen sorgen für eine etwas seltsame, aber nicht unsympathische Form von „Wohnzimmer“ -Atmosphäre. Und der Gründer Michael Bloomberg hat noch immer einen Schreibtisch „inmitten seiner Mitarbeiter“, obwohl er als jetziger New Yorker Bürgermeister sowieso nie hier ist.

Wie schon in Washington ist es auch jetzt die wirklich gelungene Mischung von formellen und informellen Treffen, die den speziellen Reiz des Programms ausmacht. In New York führen uns die Termine jenseits von Politik und Wirtschaft unter anderem nach Queens, wo wir bei einem Besuch der Produktionshallen von „Steinway & Sons“ das Entstehen der weltberühmten Konzertflügel anschaulich und in allen Einzelheiten nachvollziehen können. Bei einem geführten Rundgang durch Harlem lernen wir mehr darüber, wie der Stadtteil zum Zentrum der Black Community in New York wurde. Und schließlich sind wir auch Gast bei der Aufzeichnung der „Daily Show“ mit Jon Stewart, der sich gerade anschickt, die Urgesteine dieses TV-Genres, Letterman und Leno, in der Popularität locker zu überflügeln. Seine Art, Themen aus dem Nachrichtenalltag in seiner Pseudo-News-Show auf die Schippe zu nehmen, überzeugt auch uns, und so fällt es uns nicht schwer, dem Wunsch nach ausgelassener Euphorie auf den Zuschauerrängen nachzukommen. Und Jon Stewart hat offenbar auch seinen Spaß mit uns. Nachdem er beim Warm Up unsere wohlgekleidete Truppe im Publikum erspäht hat, mutmaßt er, einen suspekten Kirchenzirkel vor sich zu haben, und hat so wieder die Lacher auf seiner Seite. Dass uns unser Dresscode dann doch noch so viel Aufmerksamkeit beschert, hätte wohl keiner gedacht.

Meine persönliche Bilanz ziehe ich nachts halb zwei auf dem niemals schlafenden Times Square. Für mich ist das Konzept dieser vier RIAS-Wochen voll aufgegangen, meine Erwartungen wurden mehr als erfüllt. Ich habe vier sehr unterschiedliche Seiten der Vereinigten Staaten näher kennengelernt, unzählige interessante Begegnungen und Gespräche gehabt und außerdem noch deutsche Kollegen getroffen, mit denen ich auch nach der Rückkehr in den Alltag gern in Kontakt bleiben würde. Einen herzlichen Dank an die RIAS-Kommission für diese einzigartige Erfahrung!

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Astrid Fronja, n-tv Berlin

Atheist trifft Mormone — Oder: wo liegt Provo?

Washington, Chicago, New York und Provo. Whow! DREI aufregende Metropolen warten auf mich und EIN Kaff. Eine gute Quote. Zugegeben, auf den ersten Blick scheint diese Stadt mit dem Namen Provo im Bundesstaat Utah, wo ich meine Universitätswoche verbringen soll, nicht gerade das zu sein, was ich mir als überzeugter Großstadt-Cowboy so erträume.

Utah verspricht mit rund 2,5 Millionen Einwohner verteilt auf einer Fläche in der Größe der Bundesrepublik nicht gerade das kulturelle Zentrum der USA zu sein. 70 Prozent dieser 2,5 Millionen Einwohner sollen dabei noch Mormonen sein!

Mormonen, wer war das noch mal? Ich recherchiere ein wenig im Internet. „Church of Mormon“, das ist diese strenggläubige christliche Religionsgemeinschaft, die in Europa vor allem wegen „Vielweiberei“ in die Schlagzeilen geraten war. Die Gefahr, als Touristin „zwangsverheiratet“ zu werden, ist Zeitungsberichten zufolge aber auszuschließen. Ich bin erleichtert. Die strenge Religion könnte dennoch ein Problem werden: „Keine Zigaretten, kein Alkohol, kein Sex vor der Ehe“ — wilde Studenten-Party’s an der Brigham Young University kann ich also ausschließen. Selbst mit einer Tasse Kaffe — für mich als Koffein-Süchtiger ein absolutes Muß — würde ich mich in der religiösen Illegalität bewegen.

Der erste Termin auf unserem Schedule konnte mich nach der Vorrecherche nicht mehr umhauen: Treffpunkt 7 Uhr zum Gottesdienst. Das konnte ja heiter werden! Wie gut, dass Jana und Annette bei mir waren.

Pünktlich um 7 Uhr erscheint ein älterer Herr bei uns in der Hotellobby. Er stellt sich als Professor Tom Griffith vor. Während der anderthalbstündigen Fahrt von Provo nach Salt Lake City beäugten wir uns zunächst etwas misstrauisch. Es ist für ihn das erste Mal, dass er eine RIAS Gruppe betreuen soll. In diesem Auto treffen zwei Welten aufeinander, die nicht unterschiedlicher sein können. Ein Vollblut-Mormone um die 70, strenggläubig, konservativ und schon etwas zittrig am Steuer, trifft auf drei Großstadt-Journalistinnen, die eher Atheisten als Christen sind und über Mormonentum bis dato so gut wie nichts gehört haben.

Wir fragten uns gegenseitig ein wenig aus. Zu meiner Überraschung erfuhr ich, dass auch Mormonen an die Bibel glauben. Anders als Christen sind sie überzeugt, dass Jesus auch den Menschen in Nordamerika und nicht nur im Nahen Osten erschienen ist. Auch eine Art der Gleichberechtigung, denke ich mir. Anders als Christen finden sie es enorm erstrebenswert, andere zu missionieren. Es war also nicht verwunderlich, dass an diesem Sonntag Morgen eine ganze Horde Mormonen uns in freudiger Erwartung vor der Kirche in Empfang nahmen. Soviel Interesse an meiner Person hatte ich noch nie erlebt. Doch wir treffen keine aufdringlichen Missionare, die uns beschwatzen wollen, sondern extrem offene und freundliche Menschen. Und der vermeintliche Gottesdienst entpuppt sich als eine Aufführung des bekannten Tabernacle Chors, der uns mit einem überwältigenden Gesang ein unvergessliches Erlebnis bereitet.

Das Eis zwischen Professor Tom Griffith und uns ist gebrochen. Die Ausflüge, die wir mit ihm in den nächsten Tagen machen sind, einfach super und wir haben den Eindruck, dass auch der alte Professor unsere Gesellschaft zunehmend schätzt. Der krönende Abschluss unseres Aufenthalts ist eine zweitägige Reise in den Süden Utahs, wo wir die Nationalparks durchqueren. Beeindruckende Felsformationen, Rocky Mountains, Wüste, Salzseen und eine neue Kultur. Nach meinem anfänglichen Misstrauen bin ich begeistert von diesem Bundesstaat. Mormone bin ich zwar bisher noch nicht geworden. Der eindeutige Sieger meiner RIAS-Reise — lautet aber eindeutig PROVO.

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Dirk-Oliver Heckmann, DeutschlandRadio Berlin

Springfield, Missouri

Nicht die erste Station, für mich aber das Kern-Stück der gesamten USA-Reise: Mein internship bei der lokalen Radio-Station KSMU.fm, einer von vielen hundert lokalen affiliates des National Public Radio, NPR, dem nicht-kommerziellen Nationalen Radio in den USA. Vom normalen Programm der Station habe ich zwar so gut wie nichts mitbekommen, denn bei KSMU war gerade pledge-week (so wie im Übrigen auch genau in der Zeit, als ich in Washington, in Durham und in New York war — wir reisten also geradezu immer den plegde-weeks hinterher…). Und das bedeutet: Rund um die Uhr rufen die Moderatoren zu Spenden auf — was eine nervtötende, aber für die Finanzierung des unabhängigen Programms notwendige Angelegenheit ist. Ein redaktionelles Programm findet über das Pledging hinaus nicht statt. Auf der einen Seite schade, aber dafür hatte mein Host Missy Shelton Belote — sie ist großartig! — quasi frei und somit jede Menge Zeit, mit mir durch die Lande zu fahren und hat mir die Möglichkeit gegeben, mit interessanten Gesprächspartnern zusammenzukommen; vom Chef der Homeland-Security in Missouri über einen der Richter am Supreme Court in der Hauptstadt, Jefferson City, (ein unglaublich unterhaltsamer Mensch!), bis hin zum Bürgermeister von Springfield, Kollegen der Lokalzeitung und natürlich nicht zuletzt den reizenden Mitarbeitern von KSMU. Es war überwältigend, wie nett man von jedem einzelnen aufgenommen wurde.

Erstaunlich auch, dass fast jeder, den man antrifft, deutsche Vorfahren in der Familie hat bzw. sogar selbst eine Zeit in Deutschland gelebt hat. Die nette und freundliche Art, mit der man hier begrüßt wird, ist der prägende Eindruck meines Aufenthaltes in Springfield, eine Sache, an der sich manche hier in Deutschland vielleicht mal eine Scheibe abschneiden könnten … Zu meinem Host Missy ist eine richtige Freundschaft entstanden, die sich hoffentlich lange fortsetzt! Und meine Fahrt mit dem Mietwagen von St. Louis nach Springfield auf der legendären Route 66 werde ich bestimmt nicht vergessen!Washington, D.C.

Erstaunlich, wir leer die Straßen sind am Wochenende in Washington! Man kann eigentlich jederzeit und überall über die Straße gehen, ohne auf den Verkehr zu achten, weil nur vereinzelt Fahrzeuge unterwegs sind. So war jedenfalls mein Eindruck an unserem letzten Tag, an dem wir uns noch ein bisschen durch die Stadt haben treiben lassen. Kein Wunder, die Leute wohnen außerhalb und kommen nur zur Arbeit in die Stadt. Vielleicht ein bisschen wie in Frankfurt a.M.!?

In Washington hatten wir ein großartiges Programm, bei dem ich vor allem das Treffen mit den Verantwortlichen des German Office im State Departement herausheben möchte, die uns trotz der transatlantischen Verstimmungen der letzten Monate sehr herzlich aufgenommen haben und sowohl großes Interesse als auch überraschend viel Verständnis für die Stimmung in Deutschland zeigten. Besonders gut fand ich, dass hierbei wirklich ein Dialog entstanden ist und es nicht bei einer einseitigen „Vorlesung“ mit anschließender Fragestunde geblieben ist. Auch der Besuch bei Michael Haltzel, dem außenpolitischen Berater von Senator Biden, war besonders aufschlussreich, weil er zeigte, wie weit die Verärgerung über die Irak-Politik der deutschen Regierung in die Demokratische Partei hineinreicht — trotz aller aufkommenden Kritik der Demokraten an der Irak-Politik von U.S.-Präsident Bush. Das Treffen mit dem deutschen Botschafter Ischinger war ebenfalls eine großartige Sache!

New York

Die Stadt allein ist natürlich schon umwerfend! Aber auch das Programm, das Margaret für uns organisiert hat, war hoch spannend. Absolutes Highlight für mich war das Treffen mit David Harris, Executive Director des American Jewish Comittee — es war ein sehr anregendes Gespräch, das sich entwickelte. Leider ein bisschen zu kurz! Ein Glück auch, dass wir trotz des dichten Programms noch Zeit hatten, die Stadt selber zu erkunden. Die Mischung stimmte! Viel mehr muss man nicht sagen. Nach New York muss man einfach reisen!

Duke-University, Durham, North Carolina

Schade, dass wir nicht so recht in Kontakt kamen mit den Studenten an der Universität, die als eine der Elite-Unis in den USA gilt. Das lag wahrscheinlich vor allem daran, dass wir zu dritt unterwegs waren, und gleichzeitig noch eine zweite RIAS-Gruppe und eine Gruppe weiterer internationaler Journalisten an der Duke-University waren, so dass man eher etwas über den Journalismus und die aktuelle Situation etwa in Südafrika erfahren hat — was sehr interessant war — aber weniger über die USA und was es heißt, hier zu studieren. Auch wenn wir einen gewissen Einblick bekommen haben, wäre der Uni-Aufenthalt — auch angesichts der Tatsache, dass es bei uns nun doch schon eine Zeit her ist, dass wir unseren Abschluss gemacht haben — doch die Station, die für mich am ehesten verzichtbar gewesen wäre.

Insgesamt waren die vier Wochen USA eine einmalige Gelegenheit, das Land kennenzulernen jenseits ausgetrampelter Touristen-Pfade. Ein Erlebnis, das man sicher nicht vergessen wird!

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Julia Leonhard, Norddeutscher Rundfunk

Fernsehstation in Denver

Dave zerbeißt Eiswürfel aus seinem Pappbecher. Sicher, Amerikaner haben gute Zähne. Dave aber hat vor allem eine riesige Wut im Bauch, und die muss irgendwie raus. Eine Wut auf alles. Den Planer der Nachrichtenshow, ein bloßer Polizeifunk-Abhörer, der Angst habe, auch nur das kleinste Verbrechen zu verpassen. Wut auf die dämliche Geschichte, zu der er Dave deshalb heute verdonnert hat: Ein Raubüberfall in Colorado Springs. Noch nicht einmal jemand gestorben, schäumt Dave, wichtiger noch, in Colorado Springs könne man WB2 News aus Denver ohnehin nicht empfangen. Macht alles keinen Sinn! Dave ist 53, sein Haar trägt er bildschirmgerecht gelbgesträhnt, und bis vor einer Woche durfte er noch die Abendnachrichten moderieren. Jetzt findet ihn der Programmchef zu alt dafür. WB2 will vor allem jüngere Leute ansprechen und glaubt, bei den Nachrichten gelinge das am besten mit einem Mix aus Räuberpistolen, Wettervorhersagen und Verkehrsberichten aus der Region. Und natürlich mit jungen Moderatoren. Gestiegen sind die Quoten des Privatsenders dadurch nicht. Aber eben auch nicht gesunken. Dave haut mit der Handfläche mehrmals heftig aufs Lenkrad, und wir rasen, für amerikanische Verhältnisse, mit einem Affenzahn auf der Autobahn nach Süden.

Bei den Nachbarn des Opfers. Dave, jetzt halb besorgter Schwiegersohn, halb besonnener Ermittler, erkundigt sich, ob in der letzten Zeit verdächtige Autos in der Gegend gewesen seien. Und die Leute reden mit ihm über alles so freundlich und offen, als sei er wirklich einer von ihnen. Keiner, der sich weigert, vor der Kamera zu sprechen. Kein Misstrauen, keine skeptischen Blicke. Als sei es das Alltäglichste, der Welt im Fernsehen mitzuteilen, dass der Nachbar um die Ecke ein ruhiger, aber netter Kerl sei und seine Ehefrau, na die selbstverständlich auch. Das Lokalfernsehen, dein Freund und Helfer. Wenn trotzdem drei Viertel der Amerikaner „die Medien“ für nicht vertrauenswürdig halten, weil die politische Berichterstattung „zu liberal“ und „ungenau“ sei, wie man uns beim Meinungsforschungsinstitut Gallup erzählt, dann sind damit wohl eher die nationalen Nachrichtensendungen gemeint. Denn bei den lokalen Nachrichten muss man nach Politik lange suchen. Andersherum: Vielleicht werden die Lokalnachrichten gemocht, weil sie so unpolitisch sind. „Hast Du die Tränen bekommen?“ hätten sie ihn in der Redaktion oft nach dem Dreh gefragt, erzählt Ed, wie Dave Journalist in Denver. Die Tränen der Opfer oder ihrer Angehörigen, das zählte, und für diese Tränen habe er alles gegeben; die Tricks, wie man Menschen zum Weinen bringt, kenne er alle. Ed ist Anfang der neunziger Jahre nach Denver gezogen, um bei Channel 9 zu arbeiten.

Aus Idealismus, es war die Zeit, als viele gute Reporter zu dem NBC-Ableger nach Colorado wechselten, weil dort mit der beste Journalismus im ganzen Land gemacht wurde. Und weil man hier im Winter schön Skifahren konnte. Das kann man immer noch, doch wie die meisten anderen Privatsender im Land hat sich auch Channel 9 in den vergangenen Jahren sehr verändert. Ed musste immer mehr Sensationsgeschichten, immer mehr Gefühl, immer mehr Tränen liefern. Bis er es irgendwann satt hatte und sich selbständig machte. Jetzt dreht er Features für Produktionsfirmen, die die unzähligen Spartenkanäle im U.S.-Fernsehen beliefern, Kanäle mit Namen wie Home & Garden TV, Food Network, History Channel, National Geographic. „Das sind Auftraggeber, die ich mag und respektiere“, sagt er.

Eds frühere Kollegin Leanne denkt eigentlich genauso. Sie ist trotzdem bei Channel 9 geblieben, auch weil sie dadurch viel im Land herumkommt. Oft schicken die großen Networks nämlich ihre Reporter aus Denver los, wenn sie Geschichten wollen, die nicht in Washington oder New York spielen. Colorado liegt halbwegs in der Mitte des Landes, von hier aus ist man häufig schneller irgendwo als von der Ostküste aus. Und so berichtet Leanne auch schon mal aus Florida oder aus Texas. Doch Leanne ist 47, und lange, sagt sie, wird man sie sicher nicht mehr machen lassen. Denn wer in den USA Nachrichtenreporter ist, ist immer auch auf dem Bildschirm: kein Bericht ohne Aufsager und kaum einer ohne anschließende Live-Schalte.

Diesmal kann Leanne für ihre Schalten direkt vor dem Channel-9-Gebäude in Denver bleiben; die Vorbereitungen im Vergewaltigungsprozess gegen den Basketballer Kobe Bryant im Skiort Vail stocken. Es gibt im Grunde nichts Neues, trotzdem wollen einige NBC-Partnersender im Land darüber berichten, irgend etwas, egal was. Sie ordern bei Leanne einen Beitrag und das entsprechende Schaltgespräch. Also steht Leanne in ihrem lila Kostüm frierend draußen und macht Schalten im Minutentakt. Bei jeder neuen hält der Kameramann für sie einen Zettel mit dem Vornamen des Moderators hoch, mit dem sie gerade verbunden ist, denn schließlich bekommt ihr immergleicher Text zum Schluss die entscheidende, individuelle Note: „And now back to you, John / Jerry / Judy „. Achtzig Schalten seien ihr Tagesrekord gewesen, sagt Leanne, irgendein spektakuläres Unglück. Heute sind es weit weniger, zwischendrin hastet sie dann in den Newsroom, um zu prüfen, ob es nicht vielleicht doch eine neue Entwicklung gibt. Gibt es nicht, ist aber kein Grund, eine Schalte zu streichen: Wenn es schon nichts Neues gibt, dann tut man wenigstens so, als ob.

Auch der neue Moderator bei WB2 News tut nur so, als ob. Davon ist zumindest mancher in der Redaktion überzeugt. Vorgestellt wurde ihnen der Neue zwar als Latino aus Puerto Rico. Mit einem spanischen Namen, geradezu ideal, um endlich die wachsende Gemeinde der Hispanics in Colorado stärker anzusprechen. Merkwürdig aber, dass er nur zwei Wochen zuvor, als eine der Reporterinnen zufällig bei ihm anrief, noch einen sehr englischen Namen hatte.

Und in Puerto Rico, recherchiert eine andere, sei er auch nur kurz gewesen. Die Ethnizität richtet sich nach dem Publikum, und das nicht erst seit den politisch manchmal überkorrekten neunziger Jahren. Solange z.B. Jann, zu einem Viertel Araberin, noch Reporterin in Detroit war, störte sich niemand an ihrem libanesischen Nachnamen — bei Detroit lebt die größte arabische Gemeinde der USA. Doch als Jann Anfang der Achtziger ins ländlichere, stark von nord- und mitteleuropäischen Einwanderern geprägte Missouri zog, passte der Name nicht mehr: Redaktionsleiter sagten ihr, sie könne nur mit einem englischen Nachnamen bei ihnen anfangen, ihrer sei in der Region nicht vermittelbar. Natürlich hat Jann sich umbenannt, schließlich brauchte sie den Job.

Auf der Rückfahrt von Colorado Springs nach Denver sind die restlichen Eiswürfel geschmolzen, Daves Kiefer mahlen jetzt dank Kaugummi. Er erzählt, wie froh er mittlerweile sei, dass er die Jahre bis zum Ruhestand an einer Hand abzählen könne; seit einiger Zeit schon spare er dafür, früh in Rente gehen zu können, zu tun und zu lassen, was er wolle. Vielleicht denkt er daran, als er nach anderthalb Stunden Hin- und anderthalb Stunden Rückfahrt gleich noch einmal von Denver nach Colorado Springs geschickt wird; der Planer möchte auf einmal doch eine Live-Schalte von dort für die Abendsendung. Um Punkt neun Uhr wird Dave deshalb wie eine Eins vor dem dunklen, verschlossenen Polizeirevier stehen und voller Nachdruck über allerneueste Erkenntnisse zum Raubüberfall sprechen, und ich werde mich vor dem Hotelfernseher fragen, ob es nicht irgendwie doch eine Wahnsinnsstory gewesen sei.

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Annette Loewe, Mitteldeutscher Rundfunk

„Watch your step! Watch your step!“ — herzlich Willkommen in Amerika. Dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Dem Land, das man glaubt zu kennen, dem Land, in dem jede Autofahrt einem Kinobesuch gleicht. Vorbei an Orten, die einem bekannt vorkommen, ohne vorher je da gewesen zu sein. Klischees existieren also zuhauf. Doch was bleibt von ihnen, wenn sie mit der Wirklichkeit konfrontiert werden — in vier Wochen Amerika, und nicht nur in Washington und New York, sondern auch im „real America“ — ein Hinweis, der genauso oft zu hören war, wie? … na klar: „watch your step“. „I love you, I really love you. Every morning I watch your show.“ — gerade angekommen in Rochester, das Rochester in New York State, werde ich Zeugin einer Liebeserklärung und zwar an einem eigentlich äußerst unromatischen Ort — dort, wo groß „Rent a car“ in roten Buchstaben blinkt. Es ist die Liebeserklärung der Dame hinterm Tresen, die Melissa, meinen Host erkannt hat. Jeden Morgen, bevor die Lady in die Autovermietung fährt, schaut sie Melissa und ihren Kollegen bei ihrer Morningshow zu. Und sie ist begeistert: „Lovely, interesting, so nice…“ Alles Schöne und Gute dieser Welt, was man sich nur vorstellen kann. Melissa ist verlegen, ich bin erstaunt und mein Mietwagen wird auf Kosten der Gesellschaft vom Mini zum Dodge. Mit diesem Schiff nehmen wir nun Kurs auf Rochester — einer Stadt mit 300 000 Einwohnern. Stinkelangweilig, meint Melissa. Sie habe sich mit vielen Freunden unterhalten, was sie mir als erstes zeigen solle und sie waren sich einig: den größten Supermarkt der Region. Leider kann ich zu der Zeit noch nicht so inbrünstig schwärmen wie die Amerikaner, deshalb endet diese Shoppingtour eher nüchtern beim Kauf von Kaffee, Milch und Brot. Kurz noch schlafen und dann geht es los — die Woche in Rochester bei WROC-TV. Klein und laut ist es dort. Alle Redakteure sitzen in einer Art Wohnzimmer, unterhalten die ganze Zeit vom Polizeifunk, der penetrant vor sich hin dudelt. Fünf Stunden Fernsehen werden hier tagtäglich produziert. Eingebettet in das Programm von CBS. Viel Verkehr, viel Wetter und passend zur Halloween-Saison viele Pumpkins — im Programm und in der Redaktion.

In der Redaktion macht fast jeder alles. Ein Nachklapp zum Football-Game steht an. Ich begleite den rasenden Sportreporter. Der ist ganz glücklich, da kann ich doch den Ton machen und er müsse sich mal nur um Fragen und Kamera kümmern. Klar! Alles im Kasten rasen wir zurück. Thad geht in den Schnitt — ohne Cutter, denn das macht er auch und abends in meinem Hotelzimmer sehe ich ihn im Fernsehen — als Moderator. Das ist sie also die — auch bei uns — immer wieder besprochene Effizienz. Nachahmenswert fand ich das alles nicht.

Am nächsten Morgen Dreh in einer Schule. Fahnenappell auf amerikanisch. Bevor es um Mathe oder Bio geht, wird mit der Hand auf dem Herzen mit Blick zur Fahne dem Vaterland ewige Treue geschworen. „… one nation under god. Indivisible with Liberty and Justices for All.“ Worte, mit denen jeder Amerikaner im Kindergarten und in der Schule den Tag beginnt.

Der Direktor ist ganz stolz, mir eine deutsche Austauschschülerin zu präsentieren. Hannah lebt seit drei Monaten in Rochester. Eigentlich wollte sie in eine Cheerleader-Mannschaft gehen. Doch jetzt hat man ihr gesteckt, dass deren Ruf gar nicht gut ist. Nur schön, aber nichts dahinter. So wollte sie stattdessen wieder Klavierunterricht nehmen — doch das scheitert am öffentlichen Nahverkehr. Den Bus sieht man hier nur zweimal am Tag — früh um neun und nachmittags um fünf. Jetzt verstehe ich Melissas Aufschrei, als ich am ersten Tag tollkühn feststellte, ich brauche doch kein eigenes Auto und den Mietwagen abbestellen wollte. Es geht tatsächlich nicht ohne.

Neben der Redaktion stehen noch Termine bei verschiedenen Firmen, einer Senior Community, einem anderen Fernsehsender, im Kodak-House und bei der Zeitung „Democrat & Chronicle“ auf dem Programm. Bei der Zeitung treffe ich Matt — er ist der Experte für Gesundheitsfragen. Ein resignierter Experte. Mittlerweile leben 43 Millionen Amerikaner ohne Krankenversicherung, erzählt er. Aber auch wenn dies wieder ein Thema für den nächsten Wahlkampf ist, glaubt er nicht an bessere Zeiten. Dafür sei die Lobby von Pharmaindustrie und Versicherungen zu groß. Am Nachmittag findet eine Art Konferenz statt. Und ich stehe als die Deutsche auf dem Podium. Eine Deutsche, die immer wieder gefragt wird, ob in ihrem Land die Stimmung jetzt anti-amerikanisch ist wegen des Irak-Krieges.

Von Rochester geht es quer über das Land, quer über Wüste und Gebirge nach Salt Lake City, nach Utah. Die Handschuhe kann ich gegen die Sonnenbrille tauschen. Es ist wieder Sommer. Unsere Woche an der Brigham Young Universität in Provo beginnt. Und damit natürlich der Einstieg in das Leben der Mormonen. Zum Auftakt — Sonntag morgen Besuch beim Tabernacle Choir in Salt Lake City. Seit 75 Jahren stehen 360 Volunteers auf der Bühne — ein Chor berühmt für seine Qualität. Zu recht! Danach eine Führung auf dem Temple Square — dem Herzstück der Kirche Jesus Christus der Heiligen der letzten Tage. In einer großen Halle steht Jesus Christus aus Marmor gehauen, riesig groß. Wir werden gebeten, still zu sein. „In german, please“ — haucht die Schwester einer anderen zu, die am Kassettenrekorder sitzt. Und dann passiert es: Jesus spricht zu uns auf deutsch. Nachdem wir seine Worte vernommen haben, kommt die nächste Gruppe — jetzt spricht er englisch. Oh Gott, Gedanken wie Blasphemie und Disney World schießen gleichzeitig durch meinen Kopf. Und plötzlich verstehe ich, wie es zu Umfragen kommt, bei denen rund die Hälfte der Amerikaner sagen, sie glauben Gott schon einmal begegnet zu sein — an der Ampel, im Restaurant. Ganz plastisch wird Religion hier gelebt — nicht nur bei den Mormonen. Sie ist Berater für den Alltag, gibt Halt und verbindet. Am Montag beginnt unser Dasein an der Brigham Young Universität in Provo. Benannt nach dem Mormonenführer Brigham Young. „This is the Place“, soll er gesagt haben, als er zum ersten Mal diese Gegend sah. Dort, wo er seinen Stock in den Wüstenboden rammte, entstand 1847 Salt Lake City. Die Stadt wurde weltweit zum Zentrum der Mormonen.

An der nach ihm benannten Universität in Provo studierten anfangs 30, heute 30. 000. Es ist eine Stadt in der Stadt. Restaurants, Wohnungen, Bibliotheken, ein Kaufhaus, Museen, Filmstudios, Theater … Studieren dürfen hier alle, nur die Regeln der Mormonen müssen auf dem Campus eingehalten werden. Kein Alkohol, kein Tabak, keine aufputschenden Mittel, kein Sex vor der Ehe. Ich als unverheiratete Mutter komme mir schon wie die Ausgeburt des Teufels vor — zumal ich bei den Professoren vorgestellt wurde als „single mother of a daughter“. Am ersten Morgen lasse ich bewußt den Lippenstift weg. Doch letztlich sind es Studenten wie überall — nur das die meisten einen Ehering tragen und viele Kinder mit in den Seminaren sitzen. Einen Kindergarten will die Uni nicht eröffnen. Die Plätze würden sowieso nie reichen bei drei bis sechs Kindern pro Paar, so die Argumentation.

Es scheint ein Segen zu sein, wenn man hier an der Brigham Young Universität einen Platz bekommt. Einmal ist die Uni ziemlich renommiert und zum anderen übernimmt die Kirche bis zu zwei Drittel der Studiengebühren — also für eine zweijährige Ausbildung um die 40.000 Dollar. Die Journalistenausbildung ist sehr praxisorientiert. Die wenigste Zeit wird in Seminaren gesessen, hauptsächlich wird das reale Leben eines Redakteurs, Moderators oder Kameramanns geprobt in den hauseigenen Sendern und Zeitungen.

Unser Lieblingsprofessor — Tom Griffith — organisiert uns eine wunderbare Woche in Provo und läßt uns nicht nach New York abreisen, bevor wir nicht noch zumindest eine Ahnung bekommen haben von den Naturwundern Utahs. Atemberaubend, wie all die vier Wochen Amerika!

Dass ich Washington und New York nicht erwähnt habe, heißt um Gottes Willen nicht, dass es dort uninteressant war. Margaret hat für die beiden Städte ein großartiges Programm auf die Beine gestellt. Abwechslungsreich, spannend und unterhaltsam! Habe mich jetzt einfach nur auf das real America konzentriert. Insgesamt war das Stipendium ein Geschenk. Kategorie: Luxus!

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Steffen Mayer, Rundfunk Berlin-Brandenburg

Zwei Jahre nine-eleven — eine Lektion

9-11 hat Amerika verändert, 9-11 hat alles verändert! Kaum eine Diskussion über die Zustände in den USA, die nicht bei 9-11 endet. Und — natürlich wird 9-11 inzwischen als Entschuldigung für alles benutzt. Kein Amerikaner mit dem ich darüber gesprochen habe, der nicht auch diesen Aspekt sieht und Kritik an der Bush-Administration äußert — um zumeist doch nur wieder auf den Schock 9-11 zurück zu kommen, was irgendwie alles erklären soll. Ist der Irak-Krieg ein Fehler? Ja klar, aber wir hatten 9-11. Der PATRIOT ACT schränkt die bürgerlichen Freiheiten über Gebühr ein? Ja klar, aber wir hatten 9-11. Gefangene sind in Guantanamo und in anderen Lagern rechtlos weggesperrt? Ja klar, aber wir hatten 9-11. Je nach politischer Ausrichtung kann die Antwort auch lauten: Nein, keinesfalls, denn wir hatten 9-11.

Ich war das erste Mal in den USA und habe doch sehr gestaunt. Heute glaube ich, dass man die USA nur dann verstehen kann, wenn man sich wieder und wieder vor Augen führt, dass 9-11 eine Chiffre für eine tiefsitzende Traumatisierung ist. Das wissen viele Amerikaner auch selbst. Sie betonen immer wieder, dass die Bush-Administration dieses Trauma benutzt, nicht nur in der Außenpolitik, sondern selbst um ihre innenpolitischen Ziele durchzusetzen, wie etwa die Kürzungen im Gesundheitssystem oder die Steuererleichterungen vor allem für Wohlhabende. Nur, diese Erkenntnis lässt das Trauma nicht einfach verschwinden.

9-11 ist für mich ein Fernsehereignis. Wir haben natürlich damals in der Redaktion den Fernseher laufen gehabt und sofort unsere nächste Sendung, sie lief zwei Tage später, komplett auf 9-11 umgestellt. Zig-mal habe ich seither gehört, wie tief die Amerikaner von 9-11 getroffen wurden. Dann kamen Afghanistan und der Irak. Ich habe viele Stücke mit Amerika-Bezug gemacht, über die NATO-Reaktionen, Neo-Konservative, Waffeninspektoren, Iraker in Deutschland, Menschenrechte, Guantanamo, habe oft mit Offiziellen in den USA gesprochen, terrorism, war on terror, weapons of mass destruction waren die Kernbegriffe dieser Zeit. Doch all das drehte sich letztlich nur — von mir dabei nicht wirklich wahrgenommen — um 9-11. Nicht nur im politischen Sinne: die Bush-Administration, die alles, wirklich alles unternehmen wird, damit sich kein 9-11 wiederholt, sondern vor allem im persönlichen Bereich: viele Amerikaner, denen sich 9-11 tief eingegraben hat, als Moment genereller Verunsicherung, als Trauma. Mit einer Einschränkung: in Eugene, Oregon, war 9-11 weniger Gesprächsthema. New York City ist weit weg, Oregon kaum bevölkert und irgendwelche hohen Trade-Centers gibt es hier auch nicht. Trotzdem werden die rigiden Sicherheitsbestimmungen am Flughafen als inzwischen normal betrachtet, trotzdem werden die eingangs erwähnten Fragen auch im gleichen Stil beantwortet.

Einige aus der Gruppe kannten New York schon, waren auf dem World Trade Center gewesen, für sie war Ground Zero, die Lücke, die Baugrube ein Schock. Für mich war es eine eigenartige Baugrube, eigenartig, weil andere Baugruben nicht Gedanken an 3000 Tote und Menschen, die aus einem Hochhaus springen, hervorrufen. Aber eben doch eine Baugrube. Für viele Amerikaner ist Ground Zero ein nationales Symbol, ein Symbol dafür, angegriffen worden zu sein, auf dem eigenen Boden! 9-11 heißt: schutzlos sein, unschuldig sterben. Das wurde uns auch von den ARD-Kollegen in Washington sehr deutlich erklärt. Natürlich gab es 1993 schon mal einen Anschlag auf das WTC, natürlich war bekannt, dass Al Kaida Amerikaner in aller Welt ermordet, natürlich schreibt Michael Moore, dass die Amerikaner blauäugig und naiv waren, doch das waren sie eben tatsächlich, denn wirklich realisiert und verinnerlicht wurde die Gefahr eben nicht — bis 9-11.

Also sind die Schlangen vor jedem Security-Check ewig lang, besonders an den Flughäfen, also hat jedes öffentliche Gebäude sein eigenes Sicherheits-Portal. Mal muss man da in einer Reihe warten, mal darf man da im Gang nicht stehen bleiben. Security-Guards überall, Metalldetektoren, die manchmal noch nicht mal auf ein Schlüsselbund in der Hosentasche ansprechen, aber einzeln passiert werden müssen, man wird sogar direkt vor dem Bording noch ein weiteres Mal gefilzt. Viele dieser Sicherheits-Checks sind dabei eindeutig unsinnig und, so wie sie durchgeführt werden, überflüssig.

Und Diskussionen enden immer wieder im „aber/denn wir hatten 9-11.“

Vielleicht ist das der wichtigste Schluss der gesamten Reise, Amerika ist so wie es ist, wegen 9-11. Die Menschen sind freundlich (wenn man von einigen New Yorker Taxifahrern absieht), offen, interessiert, viele mögen sogar die Deutschen noch immer sehr gern, aber 9-11 hat wirklich und bis heute alles verändert. Es ist tatsächlich nichts mehr so, wie es vorher war. Und darin liegt ganz sicher auch eine große Gefahr für die offene Gesellschaft in den USA.

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Petra Nölkensmeier, Deutsche Welle TV Berlin

Main Street heißt eine der Hauptstraßen, und auch sonst ist alles recht übersichtlich in Sioux Falls, South Dakota. Rund 160.000 Einwohner zählt der mit Abstand größte Ort des Bundesstaates und bewahrt doch die Vorzüge einer Kleinstadt: Sich zu verfahren ist nahezu unmöglich, die Wege sind kurz und machen ein Fahrzeug eigentlich überflüssig. Dennoch wird auch hier jede noch so kurze Strecke per Auto erledigt. Auch ich bewege mich bald nur noch im Mietwagen durch die Gegend, die mein Praktikums-Sender schlicht Keloland nennt.

Nach mehreren Jahrzehnten solider Marktführung scheint das kaum unbescheiden. Kelo-TV ist eine kleine und dabei erfolgreiche und effizient geführte Fernsehstation. Unsere Zielgruppe besteht aus Soccer Moms, erzählt mir das Team, das mich am ersten Tag zum Dreh bei einem ausgebrannten Restaurant mitnimmt. Es bleibt nicht das letzte Feuer, zu dem wir fahren — immer informiert durch den Polizeifunk, der die Redaktion als Dauergeräusch beschallt. Wo hat es zuletzt gebrannt, was ist los in den Schulen der Stadt, wie sieht’s aus beim Football und wer steht gerade vor Gericht — das sind die Themen, die eine hochprofessionelle Crew den Fußballmuttis ins Haus liefert. Reporter, die mit Anfang 20 gerade von der Uni kommen, meistern ihre Live-Aufsager als hätten sie nie etwas anderes getan. Kameraleute finden es selbstverständlich, ohne Assistenten zu drehen und danach den Beitrag auch selbst zu schneiden.

Ein beachtliches Pensum leistet auch Stacy, meine Gastgeberin in dieser Woche. Zwei Beiträge pro Tag, dazu die Moderation einer Sendung, sind keine Seltenheit für sie — dass sie auch ihre eigene Maskenbildnerin ist, versteht sich da wohl von selbst. Dennoch findet Stacy die Zeit, all‘ meine Fragen zu beantworten und jeden erdenklichen Gesprächswunsch zu organisieren. Und so treffe ich in diesen sechs Tagen so unterschiedliche Menschen wie den Piloten einer F16, Bewohner eines Indianer-Reservats und einen Farmer, der mir in einem seiner vielen Pick-Ups seine Hunderte Hektar großen Maisfelder zeigt. Dass wir in unseren Praktikumsstationen am ehesten „real Americans“ treffen würden, hatte uns Margaret Ershler im von Regierungsmitarbeitern und Journalisten bevölkerten Washington vorhergesagt. Diese „echten Amerikaner“ erweisen sich in Sioux Falls als freundlich, offen und bodenständig. South Dakota mag zu jenen Teilen des Landes gehören, die auch viele U.S.-Bürger auf dem Flug von einer Küste zur anderen nur von oben betrachten: Ein Bundesstaat, dessen Hauptstadt direkt in die Mitte gesetzt wurde, um die Weiten der Prärie auch dort stärker zu bevölkern. Doch ich möchte gerade diese Facette meiner Reise nicht missen. Die Woche in Sioux Falls, bei Kelo-TV, hat mir einen einmaligen Einblick in die Arbeit von amerikanischen TV-Journalisten und auch in das Leben abseits der großen Metropolen ermöglicht.

Gerade diese Mischung aus Maisfeldern UND Metropolen hat das Programm der RIAS-BERLIN-KOMMISSION für einen USA-Neuling für mich interessant gemacht. Noch nie hatte ich das Land besucht, das mir durch Filme oder Bücher so vertraut schien. Bereits die erste Woche in Washington brachte eine Vielzahl von Anregungen zu dem, was in den USA zur Zeit gedacht und entschieden wird. Margaret, unsere unermüdliche wie stets hilfsbereite Organisatorin und Begleiterin auf dieser Reise, hatte uns dazu in Washington, wie auch später in New York, ein umfangreiches Programm zusammengestellt. Als meistdiskutiertes Thema erwies sich, natürlich, das deutsch-amerikanische Verhältnis nach dem Irak-Krieg. Was wir in Denkfabriken, Ministeriums- und Politikerbüros, bei Medienbetrieben oder Interessenverbänden erfahren haben, mag uns manchmal erschreckt, manchmal amüsiert oder auch erstaunt haben. Sicher ergibt es ein Bündel von Informationen, die in der redaktionellen Arbeit immer wieder hilfreich sein werden.

Gerne möchte ich also zurückkommen und diese umfang- und aufschlussreiche Moment-aufnahme ergänzen. Denn auch wenn ich mit Washington, South Dakota, Georgia und New York sehr unterschiedliche Städte und Regionen besuchen konnte — in diesem riesigen Land gibt noch vieles zu sehen und zu fragen. Die RIAS-Reise hat dazu eine Tür geöffnet. Es bleibt auch die Erinnerung an Margaret und eine Gruppe, mit der es Spaß machte, unterwegs zu sein.

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Carsten Otte, Südwestrundfunk2 Hörfunk

Rückblick als Ausblick?

Kurz nach der Rückkehr aus den USA begann in Deutschland eine in dieser Form noch nie da gewesene Debatte über die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Medienpolitiker, Ministerpräsidenten und die Stammtische der Republik diskutierten darüber, ob und in welchem Umfang die Angebote von ARD und ZDF reduziert werden müssen, um die Gebühren stabil halten, möglicherweise sogar senken zu können. Wer kurz zuvor das Rundfunksystem der Vereinigten Staaten kennen gelernt hat, blickt nun mit verschärftem Argwohn auf Forderungen, nach denen dem privaten Markt immer mehr und dem öffentlich-rechtlichen Sektor nur eine nachrichtliche Grundversorgung zugestanden wird.

Natürlich kann man die beiden medialen Systeme in Deutschland und in den USA nicht miteinander vergleichen; sowohl die Geschichte als auch das aktuelle gesellschaftliche Umfeld unterscheiden sich grundlegend. Und doch gibt es politische Denkströmungen, die sich ähneln: Skepsis gegenüber jeder quasi-staatlichen Domäne mit ihren bürokratischen Verselbständigungen einerseits und die populistisch leicht ausschlachtbare Idee andererseits, ein freier Markt würde auch im Informationsgeschäft bessere, weil billigere, weil gebührenfreie Ergebnisse für die Kunden erzielen. Doch was ist besser?

Das Angebot für politische Information im U.S.-Fernsehen ist erschreckend eindimensional. Die Vielzahl der Kanäle bedeutet offensichtlich auch eine Reduktion der Vielfalt. Und das betrifft nicht nur den Informationsbereich. Obwohl im Unterhaltungssegment jeder Geschmack befriedigt zu werden scheint, obwohl der Zuschauer also unter mehreren Spielfilmkanälen, Talkshowkanälen und Kochkanälen auswählen kann, hat der Konsument nicht wirklich eine breite Auswahl. Denn die Programme der jeweiligen Sparte wirken wie geklont, so identisch ist der, neudeutsch gesprochen, content.

Wer sich im Fernsehen umfassend über die politischen Entwicklungen in der Welt informieren möchte, muss auf die BBC-Weltnachrichten zurückgreifen. Selbst die großen U.S.-Networks beschränken sich auf nationale Ereignisse, wobei ein Großteil der Themen sich um Sex und Gewalt dreht. Innenpolitische Diskussionen — etwa zur Gesundheitsreform — werden in aller Regel nur auf Dokumentarkanälen wie C-Span abgebildet, außenpolitische Entwicklungen sind nur dann von Belang, wenn es um die Auslandseinsätze der U.S.-Armee geht. Für den Hörfunk gilt Ähnliches.

Die wesentliche Aufgabe von CNN-Radio besteht zum Beispiel darin, fünfminütige Kurznachrichten zu produzieren, die möglicherweise in voller Länge oder auch gekürzt (!) von den vielen Vertragspartnern im Land übernommen werden. Themen, die nicht im Fokus des amerikanischen Interesses stehen, fallen unter den Redaktionstisch. Journalistische Formen wie Kommentar oder Feature gibt es im U.S.-Hörfunk so gut wie nicht, die Reflexion hat sich in den Printbereich verflüchtigt. Wenn Meinung vertreten wird, handelt es sich zumeist um Meinungsmache. Nirgendwo in der westlichen Welt, so scheint mir, gehen so viele und so viel aggressive Predigten über den Äther. Eine Ausnahme bildet gewiss NPR, jenes National Public Radio, das kaum noch public, dafür aber so privatwirtschaftlich ausgerichtet ist, dass man neben der tatsächlich umfassenden Berichterstattung stundenlange Sponsorship-Aufrufe senden muss.

Natürlich zeigt die direkte finanzielle Beteiligung der Hörer auch jenes Engagement, das in Deutschland leider nur sehr selten anzutreffen ist. Eine Mentalität der Selbstbedienung, ein ständiges Wehklagen über die Zumutungen des (sei es nun rundfunkrechtlichen oder auch allgemeinpolitischen) Systems würde nicht ernst genommen im Land des Pragmatismus. Dass Freiheit auch etwas mit Verantwortungsbewußtsein zu tun hat, dies kann man in den USA lernen.

Genauso wie jeder, der in amerikanischen Großstädten die Augen aufmacht, auch begreifen wird, dass radikalisierte Freiheit mit sozialer und gruppenspezifischer Ungleichheit zusammenhängt. Wobei andererseits der fehlende Dünkel, der in Deutschland von bestimmten Berufsgruppen noch immer gepflegt wird, auch das Gegenteil dokumentiert, dass in den USA nämlich keine gesellschaftliche Position auf alle Ewigkeit festgeschrieben ist und dass man die Verhältnisse ändern kann, wenn man nur will: In vielen Gesprächen, so hatte ich den Eindruck, wirkt das fort, was man wohl den amerikanischen Traum nennt auch wenn dieser mit den Anschlägen vom 11. September schwer beschädigt worden ist.

Viel von dem, was in den USA längst Realität ist, wird mittelfristig bzw. langfristig auch Europa prägen. Darüber kann man sich freuen oder ärgern. Oder man kann die Erfahrungen, die man gerade auch über die Programme der RIAS BERLIN KOMMISSION macht, in die hiesige Debatte einbringen. Wenn etwa von Einsparungen in den Kulturetats gesprochen wird, wenn deutsche Finanzpolitiker über das Unwesen subventionierter Bühnenarbeit meckern, dann müsste man ihnen umgehend einen Flug in die USA und mehrere Eintrittskarten für Theater und Oper spendieren. Dann werden die Sparkommissare zum Beispiel feststellen, dass an der Metropolitan Opera eine Traviata-Produktion zwar zum 897sten Mal gezeigt wird, weil´s den Gönnern des Opernhauses gefällt, sie werden aber wahrscheinlich auch zugeben, dass der Genuss einer Jahrzehnte alten Aufführung doch nicht ganz dem ästhetischen Verständnis eines europäischen Großstädters entspricht.

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Sabine Porn, Inforadio Rundfunk Berlin-Brandenburg

Fly-over-bits

Es gibt Begriffe, die graben sich ein im Kopf, weil sie einfach sind und präzise — einfach präzise. Margaret Ershler, unsere wunderbare amerikanische Gastgeberin, prägte sich bei uns „fellows“ nicht nur ein mit ihrem langgezogenen „RIIIASS.“ „RIIIASS,“ war immer dann zu vernehmen, wenn wir als Gruppe unterwegs waren, in der U-Bahn, mit dem Bus, auf den Straßen von Washington oder New York. Und Margaret zählte ihre „Schäfchen“. Wenn nicht alle in Sichtweite waren oder drohten, eigene Wege zu wählen, dann vernahmen wir es wieder: „RIIIASS,“ — mal angestrengt, mal eher lachend, manchmal auch genervt — wir hatten es nach kurzer Zeit raus, die Art, wie Margaret „RIIIASS“ rief, zu deuten und uns entsprechend zu verhalten.

Margaret Ershler hat sich bei mir allerdings noch mit einem weiteren Begriff fest verankert im Kopf, einem Begriff, den ich immer mit ihr und meinem RIAS-Stipendium in Verbindung bringen werde. Gleich bei unserem ersten Treffen fragte sie mich, ob ich mir das gut überlegt hätte, die USA von der ganz anderen Seite kennenlernen zu wollen. Doch, das hatte ich. Denn bisher „kannte“ ich nur die Küsten. Ich war in New York, San Francisco und Los Angeles, in den großen Städten, die mich faszinierten. Ich hatte auch Neu England bereist — aber war das „real America“? Sicherlich — aber nicht nur. Also hieß mein Wunsch: schickt mich für die so genannte „station week“, für die Zeit bei einer Redaktion ins „heartland“. Margaret lachte. „Heartland,“ fragte sie. Wir nennen diese Regionen „fly over bits“ — Missouri zum Beispiel. Denn Jefferson City — Missouri sollte ich kennenlernen. Fly over bits — ein wunderbarer Begriff, den man besser nicht übersetzt.

Was würde mich erwarten? Gespannt und schon auch etwas nervös trennte sich unsere Gruppe nach der ersten Woche in Washington. Und auch wenn wir uns sagen konnten: wir sehen uns wieder in New York City, sollte doch nun jeder einzelne Erfahrungen machen in einem fremden Land.

Jefferson City, die Hauptstadt von Missouri, war nicht leicht zu erreichen. Das Ziel hieß zunächst einmal St. Louis und von dort ging es dann weiter, gute zwei Stunden im Mietwagen, bis die Stadt erreicht war.

Bob Priddy, News Director von MissouriNet und mein „host“ für die nächsten sechs Tage, hatte mich in einer langen mail schon etwas eingestimmt auf die Gegend. So wußte ich, daß es dort deutsche Siedler gab, die auch wesentlich dazu beigetragen hatten, den Weinanbau zu kultivieren. Als ich allerdings auf meinem Weg nach Jefferson City Orte passierte, die „Deutschheim“ hießen oder „Munichburg“, war ich doch erstaunt und blieb mit meinen Augen fast zu lange auf den Schildern. Hätte jemand vor mir gebremst …

Die Deutschen sollten mich noch verfolgen in Missouri — und für Bob Priddy wurde es zum „running gag“. Denn wann immer er mich jemandem vorstellte, wurde spätestens im zweiten Satz klar: er oder sie hatte deutsche Vorfahren. Mit Begeisterung wurde vom jährlichen Oktoberfest erzählt, wurden mir die Häuser der ersten Deutschen gezeigt, kam ich in den Genuß bestens Weins — mit deutscher Geschichte gewissermaßen.

Und überhaupt ließ mein „host“ nichts unversucht, meine Tage im „heart land“, in den „fly over bits“ zu Tagen zu machen, die ich nicht vergessen werde. Ich traf auf offene, freundliche, interessierte Menschen, mit denen man sowohl scherzen konnte als auch ernsthaft diskutieren. Für die Europa zwar weit weg ist, aber noch weiter — so erschien es mir manchmal — die eigene Regierung in Washington. Für die die angespannten deutsch-amerikanischen Beziehungen viel weniger ein Thema waren, als die Frage: und wie organisiert hier euer Gesundheitssystem, eure Krankenversicherung? Menschen, die ich gerne wieder treffen würde, bei einem längeren Aufenthalt in den „fly over bits“.

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Isabelle Tümena, Zweites Deutsches Fernsehen

„Stand in line! Don’t block the street!“ Die junge Frau schreit und zeigt unmissverständlich auf die Linien, die auf den Gehweg gemalt sind. Hier sollen wir uns einreihen, hintereinander, jeder sein Ticket sichtbar in der Hand.

Der Ton ist anders geworden in Amerika, seit ich das letzte Mal hier war. Die Folgen des 11. September sind hörbar, die Angst vor Menschenansammlungen und das Bestreben, diese zu kontrollieren, spürbar.

„Das ist ja wie in der DDR“ meint eine Kollegin aus der Gruppe. Stimmt. Mit dem einzigen Unterschied, dass die junge Frau, die sich wie ein Schrei-Sergeant benimmt, von unserer Reiseleiterin ironisch mit „Captain“ angesprochen wird.

Wir sind in Arlington, auf dem Soldatenfriedhof in der Nähe Washingtons. Es ist der Beginn unserer Reise und wir wollen das Grab des unbekannten Soldaten besuchen.

Zwei Soldaten halten Ehrenwache, unbewegte Minen, halb verdeckt von Sonnenbrillen, sie salutieren, schreiten mit knallenden Hacken vor der amerikanischen Fahne entlang.

Amerika — Deine Symbole

Unter den Zuschauern sind Veteranen, die weinen und bei dem Trompetensolo nehmen alle ihre Mützen ab. An den Absperrungen steht eine andere junge Frau, die auch lautstark die Besucher in die Bahnen lenkt.

Unsere Woche in Washington wird bestimmt werden von diesen Symbolen, von dem Sicherheitsbedürfnis der Amerikaner und dem amerikanischen Misstrauen der deutschen Antikriegshaltung gegenüber. „Warum seid Ihr nicht mitmarschiert in den Irak?“ Solche Fragen haben wir erwartet, wir reden über unterschiedliche Weltordnungen, über militärische Stärke und über Verantwortung. Oft begegnet uns Kritik und Herablassung. Besonders in der Heritage Foundation, dem konservativen Think Tank, ist die Diskussion über den Irak-Krieg von gegenseitigem Misstrauen geprägt. Nile Gardiner, der ehemalige Thatcher-Berater, argumentiert geschickt: Die Amerikaner hätten zwar nicht so viel Erfahrung im „Nation-Buildung“, dafür aber die Briten. Und die würden ihren Job ganz gut machen. So kann man auch vom hilflosen Stochern im Nebel der GI’s im Irak ablenken. Und natürlich begegnet uns hier die Mär’ von der amerikanischen Mithilfe bei der weltweiten Ausbreitung von Demokratie und wirtschaftlichem Wachstum. Der neue Kriegsgrund, keiner spricht hier mehr über die Suche nach Massenvernichtungswaffen.

Es ist keine generelle Verächtlichmachung Europas, die uns begegnet. Manch ein besonnener Beobachter, wie der Referent eines demokratischen Senators, scheint insgeheim zu wünschen, Europa möge mehr dafür tun, dass seine Ansichten weltweit respektiert würden. Die Grabgesänge auf die atlantische Allianz, die noch vor wenigen Wochen die Schlagzeilen beherrschten, sind verklungen. Langsam, vorsichtig geben die Amerikaner Fehler im Irak zu.

Täglich lesen wir die Todeslisten in den Zeitungen. Die Stimmung scheint zu kippen. Das böse „V-Wort“, der Vietnam-Vergleich geistert schon durch die Artikel.

Wir erleben Colin Powell im State Department, wie er stolz die neue UN-Resolution verkündet. Darin werden den USA mehr Truppen und mehr Geld für ihren Irak-Einsatz versprochen. Wir sind am politischen Nabel der Welt, können die Akteure der Weltbühne hautnah beobachten.

Eine Woche später fliege ich aufs Land. Wieder endlos lange Sicherheitskontrollen am Flughafen, wieder unfreundliche Zurechtweisungen von Sicherheitsbeamten. In Cincinnati werde ich freundlich aufgenommen. Mark, mein Host, war schon zweimal in Deutschland. Ein echter RIAS-Fellow. Er nimmt mich mit auf seine journalistischen Streifzüge. Als Reporter eines Regionalsenders fährt er täglich mit einem kleinen Ü-Wagen raus, dreht und schneidet die Beiträge vor Ort und wird zu den Sendungen live geschaltet getreu dem Sendemotto „First, fast and accurate!“ In Ohio spielen die großen Themen Washingtons keine Rolle. Ich erlebe eine Gerichtsverhandlung, bin im Tierheim unterwegs und beobachte Dreharbeiten über bleiverseuchte Grundstücke. Am letzten Tag meiner Praktikumswoche begleiten wir einen Sheriff, der Tipps gegen Einbrüche gibt. Die Leute in seinem Bezirk lassen nachts Häuser und Garagen offen und wundern sich über vermehrte Einbrüche in ihrer Nachbarschaft. Wie bitte? Dafür brauchen die Amerikaner Aufklärung in einer Nachrichtensendung? Und ich werde am Flughafen stundenlang gefilzt und auf der Straße angebrüllt, ich solle mich gefälligst in die Schlange stellen? Die Widersprüche sind wohl nicht aufzulösen, hier können scheinbar alle damit leben. Vielleicht geht es auch nur um ein Sicherheitsgefühl, das die Amerikaner haben wollen, auch wenn es nie ganz zu befriedigen ist. Vielleicht sind die Sicherheitsbeamten nur Schauspieler auf einer Bühne der Angst, die wissen, dass sie nur eine Rolle spielen, den Verlauf des Theaterstücks aber nicht beeinflussen.

In der dritten Woche bin ich in Georgia, an der Universität in Athens. Nur 1 1/2 Stunden von Atlanta entfernt, das Städtchen ist von der Uni geprägt. Kleine Cafes säumen die einzige Hauptstraße, als Sehenswürdigkeit wird die Kneipe empfohlen, in der sich REM getroffen hat, und eine doppelläufige Kanone aus dem 18. Jahrhundert, die allerdings nur einmal abgeschossen wurde. Das war’s. Hier kann man sich wirklich aufs Studium konzentrieren. Wir bekommen gute Ratschläge, wo der nächste Internetanschluss ist und besuchen verschiedene Seminare. An der Ausstattung der Uni kann man ablesen, wie die Studenten hier auf den Job vorbereitet werden.

Überall stehen nagelneue Computer, es gibt ein modern ausgestattetes Fernsehstudio, einen Radiosender und eine Uni-Zeitung, die sich selbst trägt. Gesponsert wird die Uni hauptsächlich von Journalisten, die hier ihren Abschluß gemacht haben und aus Dankbarkeit und Tradition regelmäßig Geld spenden. Die Studenten werden sehr praxisnah ausgebildet, lernen sich im Fernsehstudio zu bewegen und das Einmaleins der Recherche. Der Journalistenberuf wird hier sehr handwerklich aufgefasst und jetzt verstehe ich auch, warum die Kollegen in Cincinnati so schnell und so gewandt sind.

Die letzte Woche in New York. Ein Höhepunkt der Reise. Natürlich. Was soll man über die Stadt schreiben, sagen, formulieren, was nicht schon längst Allgemeingut ist? Wir besuchen das deutsche Büro in der UN, reden über deutsch-amerikanische Beziehungen und erfahren, wie schnell und unbürokratisch manchmal deutsches Geld bewilligt wird, wenn die UN es anfordert.

Eine Diskussion im American-Jewish-Committee berührt schwieriges Erbe und neue Verantwortung. Studien haben herausgefunden, dass Antisemitismus wieder auf dem Vormarsch ist, Karikaturisten und Journalisten sich gedanken- und schamlos jüdischer Symbole bedienen, um diese lächerlich zu machen.

Am letzten Tag Besuch in Queens, bei Steinway. Fleißige Hände bauen 12.000 Einzelteile zu einem Flügel zusammen. Die Firma feiert Jubiläum und der Präsident erzählt uns stolz die Erfolgsgeschichte der Manufaktur. Steinway, das ist die Oberklasse der Tasteninstrumente. Bei fast allen klassischen Konzerten auf der Welt steht ein Steinway auf der Bühne, behauptet das Unternehmen und sieht die eigenen Flügel aus früheren Tagen als größte Konkurrenz. Wir bekommen viele Einzelteile wie Hämmerchen und Holzstückchen geschenkt, leider ist es mir bisher noch nicht gelungen, einen Flügel draus zu bauen.

Am Tag der Abreise wieder stundenlange Kontrollen. Die amerikanische Psychose wird wohl bleiben, vielleicht muss ich bei meiner nächsten Einreise in die USA unbekleidet durch die Detektoren spazieren. Würde mich nicht wundern. Was in mir bleibt, ist ein buntes, vielschichtiges Bild dieses Landes, Erinnerungen an Politikgespräche, an Symbole, beleuchtete Skylines, Reißbrettvororte und Plastikbesteck. Und Dankbarkeit für ein wundervolles Stipendium.

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Gerlind Vollmer, Deutsche Welle TV Berlin

Cleveland — 19 Action News

„This is not about what I’m saying, this is about how my hair is looking“, sagt Tiffany, greift zu Haarspray und Bürste und bringt sich in Position für ihren Aufsager „live“ für 19 Action News. Tiffany ist Reporterin bei einem kleinen Sender in Cleveland, Ohio, meiner Praxisstation. Der Sender kämpft, von den vier lokalen Fernsehstationen hat der CBS-Affiliate die geringsten Einschaltquoten. Deshalb verlangt Steve, der Newsdirector noch mehr sex und crime, vor allem aber crime. Und folglich ist das bestimmende Thema in meiner Woche bei 19 Action News der Fall Shakira Johnson. Ein 11jähriges, farbiges Mädchen verschwindet, wenige Tage später wird auf einem verlassenen Grundstück der Körper eines ermordeten Kindes gefunden. Nach DNA-Tests ist klar, das ist Shakira Johnson. Die Berichterstattungsmaschinerie geht los. Mehrere Reporter werden losgeschickt, besuchen die trauernde Mutter, berichten über die Gefühle in der Nachbarschaft. Immer wieder, die ganze Woche lang. Auch noch, als eigentlich schon alles gesagt worden ist.

Für Neki, meinen Host, geht der Tag morgens um 3 Uhr los, sie ist morning anchor und moderiert gemeinsam mit Ryan die Frühshow von 5 — 7 Uhr, dazu ein paar „Newsbreaks“ um 7.25 Uhr, 8.25 Uhr etc. Anschließend ist sie noch bis mindestens 14 Uhr im Sender, präsentiert die Mittagsausgabe und arbeitet danach noch als Reporterin. Immer locker, immer einen Scherz auf den Lippen und vor allem immer gut aussehend. Schminken müssen sich die Moderatoren selber, einen Maskenbildner gibt es bei 19 Action News schon lange nicht mehr. Also stöckelt Neki, nachdem sie ihre Moderationen geschrieben und kontrolliert hat, mit einem dreistöckigen Schminkköfferchen zum Moderatorentisch, der mitten im Newsroom steht. Das ist Absicht, der Zuschauer soll die Redaktion im Hintergrund sehen, mitbekommen, wie die Reporter unermüdlich die neuesten und frischesten Nachrichten zusammenstellen. Die Show besteht hauptsächlich aus Wetter und Verkehr — der sendereigene Chopper, der Verkehrshubschrauber, ist der ganze Stolz der Redaktion — und Live-Schalten zu allen möglichen und unmöglichen Themen. „This is what we call news,“ sagt Neki, wie ich finde, unheimlich treffend. Politik kommt so gut wie nicht und Lokalpolitik überhaupt nicht vor, RathaU.S.-PK’s werden erst gar nicht in den Kalender aufgenommen.

Am ersten Tag „shadowe“ ich Neki, bleibe im Studio, kann mich bei der „moving show“ manchmal erst im letzten Moment aus dem Kamera-Fokus retten, beobachte in der Regie die chaotische und etwas überforderte Technik-Mannschaft. Es sind so viele Jobs eingespart worden, dass jeder drei Aufgaben gleichzeitig bewältigen muss und da passiert es schon mal, dass der falsche Titel eingeblendet oder ein O-Ton zu spät hochgezogen wird. Aber alle sind unheimlich nett, nehmen sich Zeit für mich und wollen wissen, wie in Deutschland News gemacht werden. Die folgende Tage bin ich, wie vorher schon per Mail angekündigt, voll in den Newsroom integriert, nehme an Konferenzen teil, fahre mit Teams raus und mache sogar meinen eigenen Bericht mit Aufsager, versteht sich. Das Thema: Der Zirkus kommt in die Stadt. Es ist überwältigend, alle im Newsroom klatschen, als der Bericht als „special report from our visiting journalist from Germany“ abmoderiert wird. Am Abend in der angesagten Sushi-Kneipe der Stadt, wo sich fast die gesamte Redaktion trifft, werde ich immer wieder angesprochen: „Hey, I have seen you on TV!“ Jetzt erst scheinen mir die Kollegen zu glaube, dass ich auch in Deutschland wirklich beim Fernsehen bin.

Die nächsten Tage habe ich die Chance, mit zu den Niagara-Fällen zu fahren. Ein Mann hat sich ohne Schwimmweste hinuntergestürzt und erstaunlicherweise überlebt. Das hatte es bislang noch nicht gegeben. Für 19 Action News ein Anlass, Präsenz zu zeigen, die rund dreistündige Fahrt nach Buffalo in NY State anzutreten, obwohl es keinen Bezug zu Cleveland oder auch nur Ohio gibt. Ein absolutes Highlight, sonst ging es in der Woche um Verkehrsunfälle, die Eröffnung eines Einkaufszentrums und die daraus resultierenden Probleme (zu wenig Parkplätze, zu viel Verkehr) und einen Fall von „hit and run“ — Fahrerflucht.

Es ist interessant, wie bei 19 Action News gearbeitet wird. In der Konferenz werden die Themen auf die einzelnen Sendungen und Reporter verteilt (neben den Frühshows gibt es noch eine Stundensendung um 17, eine halbstündige Ausgabe um 18 und eine um 23.00 Uhr). Am Assignment Desk sitzen den ganzen Tag über zwei Redakteure, hören Polizeifunk ab, recherchieren und koordinieren. Die Reporter erhalten ihre Infos vom Assignment Desk und fahren mit einem Team raus, drehen und sammeln O-Töne. Zurück im Sender schreiben sie ihre Story, suchen die O-Töne raus und sprechen ihren Text auf Schwarz. Meistens sind sie schon zur nächsten Story unterwegs, während einer der Cutter das macht, was sie bei 19 Action News „cover-up“ nennen. Nämlich den Beitrag bebildern, im allgemeinen mit wenig Sorgfalt. Hauptsache, der Beitrag wird schnell fertig. Da kann es auch schon mal vorkommen, dass dasselbe Bild zwei Mal verwendet wird und nicht immer passen die Bilder auch zum Text.

Trotz aller Kritik — es war schön in Cleveland. Ich habe unheimlich viel gelernt, sehr nette Leute getroffen und ein bisschen mehr vom american way of live kennen gelernt. Warum die Stadt „the mistake at the lake“ genannt wird, kann ich nicht verstehen. Sie hat durchaus ein Zentrum, eine eindrucksvolle Rock’n Roll Hall of Fame, schöne Kunstmuseen und sogar einen Gehry-Bau. Dazu kommen Theater und Kinos und natürlich Sport. Die Browns — das örtliche Football-Team hatte leider gerade eine schlechte Serie, dafür gab DER kommende Basketball-Superstar LeBron James gerade seinen umjubelten Einstand bei den Cleveland Cavaliers. Und ich habe ihn sogar gesehen, live und in Farbe. Der Zwei-Meter-Junge wohnte nämlich in ‚meinem’ Haus und am letzten Abend rauschte er gerade mit seiner Entourage davon (mehrere schwarze Limousinen…), als ich mit Neki aus dem Aufzug trat!

University of Hawaii

Heiße, schwül-tropische Luft schlägt und entgegen, als wir nach 11-stündigem Flug aus dem Flugzeug steigen. In der Empfangshalle wartet schon Tom Brislin, unser wunderbarer Professor, beeindruckender Networker und reizender Gastgeber für die nächste Woche. In den Mails hatte er uns geschrieben: „Remember the four B: big, bold, bearded, Brislin“. Und wirklich, wir erkennen ihn sofort, das RIAS-Schildchen hätte es gar nicht gebraucht. Als erstes bekommt jeder von uns ein kleines Fresspaket, denn wir werden auf dem Campus wohnen und da sind am Samstag alle Cafés und Restaurants geschlossen. In meinem Zimmer flieht ein Gecko hinter den Kühlschrank, als ich das Licht anmache. Ein gutes Zeichen, denke ich. Und wirklich, die Woche an der Universität wird der nächste Höhepunkt der USA-Reise.

Tom Brislin integriert uns in seine Kurse. Wir fühlen uns nicht als Gäste, sondern quasi als Teil der Universität. In seinem Undergraduate-Kurs „Ethics“ geht es zum Beispiel um journalistische Standards. Wir sehen einen Fernsehbericht über einen japanischen Seiltänzer, der während seiner Performance abstürzt und stirbt. Die Studenten diskutieren, ob man so einen Bericht senden soll oder senden kann. Schließlich werden wir gefragt, ob wir diesen Bericht in Deutschland senden würden und auf welcher Basis wir in so einem Fall entscheiden würden.

Immer wieder geht es auch um das öffentlich-rechtliche Rundfunk-System in Deutschland. Die Idee, Gebühren für Radio und Fernsehen zahlen zu müssen, ist den Amerikanern völlig fremd und der Hinweis, dass unser Mediensystem nach dem Zweiten Weltkrieg im Wesentlichen von Amerikanern installiert wurde, verblüfft die meisten. Deutschland ist dagegen aber vielen ein Begriff, immer wieder treffen wir auch Studenten, die gut deutsch können, weil ihre Väter und Mütter als GI’s beispielsweise in der Rhein Main Air Base stationiert waren.

Tom sorgt dafür, dass wir nicht nur die Uni kennen lernen. Er besorgt uns Interview-Termine mit einem republikanischen Senator und einem engen Mitarbeiter des Mayors. Wir besichtigen das architektonisch einem Vulkan nachempfundene Kapitol von Hawaii, das so anders aussieht als all die anderen „Houses“ in Amerika, wir sind eine Stunde lang zu Gast bei Talk-Radio-Show sowie beim Studentenradio und wir nehmen an der Eröffnung des 27. internationalen Hawaii Film-Festivals teil. Zwischen allen Aktivitäten bleibt glücklicherweise noch etwas Zeit für ein Picknick unter Palmen am Waikiki-Beach und einem Ausflug an die North Shore mit ihren berühmten Surf-Beaches, so dass wir mit etwas Farbe zurück nach New York kommen und die anderen der RIAS-Gruppe uns auch wirklich glauben, dass wir in Hawaii waren!

Washington und New York

Was bleibt sonst noch zu sagen. Es waren vier ganz wunderbare Wochen, die viel zu schnell vorbei gingen. Wir waren „the best group ever“, wie Margaret, unsere fantastische Begleiterin und Organisatorin (überhaupt die einzige und natürlich auch absolutely the best!), so lieb sagte. Ihr „RIAS, keep going, we are moving….“ werden wir alle so schnell nicht vergessen.

Das Programm in Washington und New York war vollgepackt und wahnsinnig interessant. Wir haben die verschiedensten Leute getroffen, angefangen vom deutschen Botschafter Wolfgang Ischinger über Berater wichtiger U.S.-Senatoren und hervorragende Köpfe verschiedener Think Tanks bis hin zum German Desk im State Department. Colin Powell hatte die Freundlichkeit, sein Pressestatement über die erfolgreich verabschiedete UN-Resolution zum Irak genau in dem Moment zu geben, als wir gerade vor dem State Department standen, und auch Hillary Clinton, Teddy Kennedy und all die anderen Senatoren fanden sich im Capitol zu einer Abstimmung ein, als wir das Gebäude besichtigten. (Thank you Margaret!!)

In all diesen Tagen haben wir immer wieder gehört: Bush ist nicht Amerika. Dieses riesengroße Land ist viel vielschichtiger als zumindest die deutschen Medien gewöhnlich berichten. Und wirklich, ich habe einen anderen Blick gewonnen, verstehe manche Mechanismen nun besser und schalte manchen Abend wehmütig die Daily Show von Jon Stewart auf CNN ein. Am Schluß sagte Margaret zu uns: „I hope you can all now love my crazy country, at least a little bit.“ Dazu kann ich nur sagen: „Yes I do.“

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Jana Wochnik, Pro7/ Sat.1

Was mir rote Haare, Kaubonbons und Peace-Zeichen über Amerika erzählten — ein Erlebnisbericht in Episoden

Sie heißt Margarete und kommt aus Ulm, aber das ist schon mehr als 23 Jahre her. Tatsächlich hat sie schon einen starken amerikanischen Akzent, muss immer wieder nach deutschen Worten in der Vergangenheit suchen. Margarete oder Margaret, wie sie sich jetzt nennt, ist die Frau von Howard, einem Regisseur von News Channell 19 in Huntsville. Ich sitze bei „Rosies“, einem Mexikaner im weiten Süden, in Alabama — mit Gail, meiner „host“, und dem deutsch-amerikanischen Ehepaar. Es wird der einzige Abend sein, an dem ich in Huntsville über den Irakkrieg rede. Margarete ist schon etwas älter, aber in diesem Frühjahr wurde sie doch noch zur Friedensaktivistin. Als Programmiererin für die amerikanische Armee trug sie zu Kriegsbeginn im April eine riesige Kette mit einem noch größeren Peace-Zeichen. Verschmitzt zeigt sie mir jetzt einen Finger, auch da prangt ein Ring mit eben dem selben Symbol. Fast rührend finde ich diese Szene, hatten wir doch erst letzte Woche in Washington erfahren, dass fast jeder, der hier lebt, in erster Linie Amerikaner und also auch für den Krieg gegen den Irak ist — oder inzwischen vielleicht zumindest — war. Übrigens: Man hat Margaretes Kette in der Firma geflissentlich übersehen. Nur ein weiterer Kollege hätte sich ebenfalls gegen den Krieg ausgesprochen. Dabei, so berichtet sie, habe sie doch erst mit ihrem Bruder in Ulm telefoniert und da wäre es genau umgekehrt gewesen: Gerade mal zwei in der gesamten Firma hatten die amerikanisch-britische Allianz unterstützt. Margarete kann es immer noch nicht fassen.

In der ersten und vierten Woche, in Washington DC und New York, habe ich sehr viel über die Politik des Landes erfahren, wie sie „ticken“, die Amerikaner. Und so sehr uns oft das unangenehme Gefühl beschlich, es mit einer selbst erklärten Weltpolizei zu tun zu haben, die es mit Demokratie und Menschenrechten aber selbst nicht so genau nimmt, so sehr sind mir in diesen Wochen die Amerikaner nahe gerückt. In Huntsville in Alabama, in Provo in Utah, aber natürlich auch in der Hauptstadt und im Big Apple — ich habe mir fest vorgenommen: Wenn ich jemanden sehe, der in einem Stadtplan nach dem Weg sucht, ihm von alleine behilflich zu sein. Nirgendwo habe ich es in dieser Fülle erlebt, dass Menschen so aufgeschlossen aufeinander zu gehen, einander behilflich sind, höflich — mal abgesehen von den New Yorker Taxifahrern — und zuweilen verschroben Kontakt suchen. Ich weiß nicht, wie oft ich in den vier Wochen gehört habe, dass jemand meine roten Haare, meine grünen Schuhe oder was auch immer mag — „Hey I like your hair“ ((-: Das alles mag dem berüchtigten Klischee der amerikanischen Oberflächlichkeit entsprechen, aber ich, ich habe mich sehr wohl und sehr aufgehoben gefühlt.

Wer hat schon mal die Möglichkeit, dass Gott zu Dir spricht? Zugegeben, das klingt schon ein bisschen fremd. Und zugegeben, wir haben uns hier und da auch ein bisschen lustig gemacht. Erst recht, als uns im Temple Square von Salt Lake City, dem Zentrum der Mormonen, Gott auf deutsch seine Botschaft verkündete. Aber: Die Mormonen sind keine Sekte, das werde ich all jenen sagen, die es wissen wollen. Auch für mich war jene Erfahrung, jener Kontakt neu. Auch ich hatte so meine Ideen zu dieser Religion und habe mich eines Besseren belehren lassen. Nein, ich habe keinen Eintrittsvertrag unterzeichnet, aber ich bin Menschen begegnet, die der Kirche der Mormonen angehören. Und weiß jetzt, dass sie durchaus weltoffen und tolerant sind und keineswegs penetrante Überzeugungsarbeit leisten. Keinen Sex vor der Ehe, keine Drogen, kein Nikotin — ja selbst die Cola an der Brigham Young Universität in Provo, nur 70 km von SLC entfernt, war koffeinfrei. Die Mormonen nehmen die Lehren der Bibel sehr ernst. Dennoch: Die Studenten begegnen uns nicht in konventioneller Uniform, sondern lässig in Jeans und FlipFlops, am Computer surfend. Im modernen Nachrichtensender der Universität produzieren sie ihre Sendungen, diskutieren in Seminaren über Autoritäten und nichts lässt darauf schließen, dass es an der BYU irgendwie anders zugeht, als an anderen Colleges oder Unis. Einen großen Unterschied gibt es dann doch: Die meisten von ihnen sind jung verheiratet und nehmen sogar ihre Kinder mit in die Vorlesungen. Familie ist bei den Mormonen oberstes Gut. Kein Wunder also, dass die uns beigestellten Professoren, Allen Palmer und Tom Griffith, eine Großfamilie mit sechs Kindern ihr eigen nennen. Bemerkenswert dabei, die Frauen sind trotzdem fast alle berufstätig — ein weiterer Beleg dafür, wie modern die Mormonen eigentlich sind — trotz aller, von uns so verstandener reaktionärer Lebenseinstellung.

Tom Griffith! Verschmitzt verdreht er seine Augen von der einen Seite zur anderen. Seine Hände zittern sehr stark, als er ein Foto von uns — Astrid, Annette und mir — macht. Aber selbst darüber kann er noch Scherze machen. Als uns der Professor am ersten Tag unserer Begegnung zu einem Konzert des berühmten Mormonen-Tabernakel-Chors fährt, ahnten wir noch nicht, dass die genaue Beschaffenheit von Starburst-Kaubonbons unsere Freundschaft zu Tom Griffith besiegeln sollte. Tatsächlich aber haben wir von dem gebrechlichen Mann, der vor fünf Jahren nach einem Schlaganfall zeitweilig sein Gedächtnis verlor, nur schweren Herzens nach der Woche in Utah Abschied genommen. Nicht nur, weil er uns den geschmacklich „wirklich“ gravierenden Unterschied zwischen tropischen, fruchtigen und sauren Starburst-Bonbons erklärte. Und auch nicht nur, weil er uns einige Tüten vom heimlichen Favoriten, den guten fruchtigen überließ: Nein, der Mann war voller Geschichten und Geschichte. Egal, wo wir hinkamen, jeder kannte den Journalistenprof. Zahlreiche seiner Sprösslinge trafen wir in solchen Radio- oder Fernsehsendern wie KSL wieder. Ja der tattlige alte Mann lebte auf, wenn er berichten konnte, dass aus seinen einstigen Schützlingen erfolgreiche Moderatoren und Reporter geworden waren. Und sie, sie liebten ihn ganz offensichtlich dafür. Genauso wie die Studenten, die genau wussten, dass im Büro des Professors immer eine große Hamsterration an Crackern, Kaubonbons oder Getränkedosen zu finden war. „Sonst“, so der verschmitzte Kommentar von Tom, „würde ihn ja keiner in seinem Büro besuchen“.

Wir haben ihn jedenfalls gern besucht — zwischen den Touren über das Universitätsgelände, verschiedenen Seminaren und Besichtigungen im Ahnenarchiv, wo jeder die Möglichkeit hat, den Stammbaum seiner Familie nachzuzeichnen. Krönender Abschluss in Utah: Unsere zweitägige Tour in den Süden des Staates, mit seinen faszinierenden Nationalparks. Seinen roten Felsen, beeindruckenden Gebilden aus Sandstein — abgetragen, abgeschliffen und ausgewaschen von Wasser, Wind und Salzen. Im Angesicht der gigantischen Kulissen, die schon so manchen Regisseur zu Filmen wie „Thelma and Louise“ inspiriert haben, kamen wir nicht umhin, immer mal wieder auszurufen „Danke Rias, Danke Rainer!“ für diese Erlebnisse, die wir hier haben durften.

„Da ist sie! Da ist sie!“, ein Raunen ging durch unsere Gruppe, als sie den Senat betrat. So manch Amerikaner versteht ihre Popularität in Deutschland nicht. Aber für uns steht Hillary Clinton, in Zeiten eines Amerika unter Bush, wohl mehr denn je für Demokratie, für ein Amerika, in das man sich gerne mal träumt. Kein Wunder also, dass wir geradezu in Verzückung verfielen, als Hillary Clinton für New York State den Senat betrat. Wir saßen auf der Galerie, auf einer Runde durch das Capitol, als Kennedy, Dashle & Co. über amerikanische Innenpolitik stritten. Wie so oft in diesen Tagen ging es um den Irakkrieg. Wohltuend fast nahmen wir zur Kenntnis, dass Opposition und Medien aus einer Art Dornröschenschlaf erwachten und endlich versuchten, den Irakkrieg ohne 11.September-Brille zu betrachten. Überhaupt der 11. September. Egal, wo wir in diesen Wochen zu Gesprächen in New York City und DC zusammentrafen: Der 11. September ist nicht nur verständlicherweise in aller Munde, er dient zugleich — bedauerlicherweise — als Entschuldigung und nunmehr Rechtfertigung für praktisch jeden außen- und innenpolitischen Akt.

Deutschland jedenfalls hatte sich gerade wieder ein paar außenpolitische deutsch-amerikanische Lorbeeren eingesammelt, so dass unsere Gespräche das politische Zerwürfnis meist nur in der Vergangenheit behandelten — abgesehen von unserem Besuch in der Brookings-Foundation. Hier, zu Gast beim rechten politischen Flügel, mussten wir erfahren, dass das traditionell gute Verhältnis nachhaltig „einem tiefsitzenden Misstrauen“ gewichen war… Soso!
Botschafter Ischinger sieht das — zu unsrer Erleichterung — anders.

Wir hatten einen ewig stolpernden Kellner und eine Kollegin, die vom Stuhl fiel und unter dem Tisch landete. Ansonsten lief das Gespräch mit Botschafter Ischinger in Washington DC eigentlich ganz gesittet ab: Eines der zahllosen interessanten Treffen, die uns das deutsch-amerikanische Verhältnis verständlicher, begreiflicher machen sollten. Wenn uns auch so manche Verabredung verwirrt und zuweilen frustriert zurückließ, so waren Lunch und Unterhaltung mit Ischinger aufschlussreich und unterhaltsam — nicht nur weil wir uns, dank des Kellners, der gegen Türrahmen lief oder den Wein verwechselte, wie beim „Dinner for 13“ fühlten.

Es hatte schon fast ein bisschen was von einer Puppenstube, so weit weg saßen wir. Aber immerhin wir waren da — in der x-wievielten Reihe der Metropolitan Oper in New York City. La Traviata, eine Inszenierung schon über 80 Jahre alt, was auf den einen oder anderen ziemlich plüschig und altbacken wirkte. Ganz und gar nicht altbacken: Der Big Apple! Wer ihn zum ersten Mal sah, so wie ich, der sieht sich ganz und gar in seinen Erwartungen bestätigt — und auch wieder nicht. Denn kein Foto und keine Beschreibung kann die Atmosphäre dieser Stadt wiedergeben. So bildet die vierte Station unserer Reise in vielerlei Hinsicht den Höhepunkt. Steigerung unmöglich. Nachdem wir nun zwei Wochen mehr oder weniger selbständig absolviert hatten und voller Eindrücke in die heimliche Hauptstadt reisten, nahm uns Gruppenmutti Margaret Ershler wieder in Empfang. Wieder vereint, wieder unterwegs von Treffen zu Unterhaltung zu TV-Aufzeichnung.

Demoralisiert in der UNO. Denn hier bestätigte sich auf irgendwie traurige Weise der Eindruck, dass die UNO eben doch eine moralische, aber unter Umständen eben nicht eingreifend-wirkungsvolle Instanz ist und sein kann, siehe Irakkrieg ohne UN-Mandat. Das Gespräch — dennoch aufschlussreich.

Ist Kritik an der israelischen Politik antisemitisch oder nicht? Dank David Harris, dem Chef des American Jewish Committee, bleiben diesbezüglich keine Fragen offen. Ungeschminkt, manchmal bitter und unglaublich sympathisch unsere Gesprächsrunde mit ihm. Und nein, Kritik an der israelischen Politik ist nicht antisemitisch, beruhigt mich/uns der Jude David Harris. Ich nehme ein Gefühl der Hoffnung mit aus diesem Treffen.

Eine Konserven-Dose und eine feurige Sauce — das sind unsere Präsente von Sylvia. Mitten in Harlem ein Restaurant mit sogenanntem Soulfood. Die Chefin: Sylvia — eine robuste schwarze Frau mit ziemlich großer Brille. Ganz begeistert offenbar von unserer deutschen Gruppe, minutenlange Fotosession inklusive. Der Abschluss einer Tour durch Harlem, von der man sich noch mehr Eindrücke des „schwarzen Lebens“ im Hier und Heute gewünscht hätte.

Peter am Flügel, was für ein Bild. Ein besinnlicher Abschied bei Steinway. Das deutsch-amerikanische Unternehmen mit Pianos ab 35-tausend Dollar das Stück. Kein Wunder, so lernen wir doch, dass diese Arbeit fast vollständig Handarbeit ist. Und schließlich kann unter Beweis stellen, wer die Fähigkeit zum Spielen hat. Und das ist unser Peter. Und klimpert damit auch schon ein bisschen den Abschied ein, Melancholie inklusive. Vier Wochen eine verdammt lange Zeit. Wahrscheinlich werden wir mindestens genau so lange brauchen, um das Füllhorn an Erlebnissen zu sortieren und um jede einzelne Episode ins Gedächtnis zurückzurufen und mit anderen teilen zu können. an die Themen, wenn er ein Gefühl damit verbindet. Al Tompkins übertreibt diese Erkenntnis vielleicht ein wenig. Wohl auch, weil er ein Buch mit dem schönen Titel „Aim for the heart“ geschrieben hat. Dennoch, die Beispiele von nach seinen Vorstellungen überarbeiteten Stücke belegen seine These. Doch ich muss mich fragen, wer eine so emotionalisierte Nachrichtensendung ohne Taschentuch überstehen könnte. Und was ist mit dem Phänomen „Compassion Fatigue“, das ich bei Frau Mickiewitz kennenlernen durfte?

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