2008

3-wöchige USA-Journalistenprogramme 2008
Frühjahr und Herbst


RIAS USA-Frühjahrsprogramm
15. März — 12. April 2008

Zwölf deutsche Journalisten in den USA: Programm in Washington und New York; Besuch von Journalistenschulen (University of Texas at Austin, Austin, TX; University of Colorado at Boulder, Boulder, CO; Arizona State University, Tempe, AZ; University of Southern California, Los Angeles, CA); individuelles Rundfunkpraktikum.


TEILNEHMERBERICHTE

Christian Blenker, Norddeutscher Rundfunk, Hamburg

Mit Sicherheit

Der Konferenzraum wirkt kalt und ungemütlich. Für unsere zwölfköpfige Gruppe ist er etwas überdimensioniert. Aber wir nehmen was wir kriegen. Schließlich sind wir eine dreiviertel Stunde von Kopf bis Fuß kontrolliert worden, um überhaupt hier herein zu dürfen. Wir sitzen im Heimatschutzministerium in Washington D.C., nach dem Pentagon und der Rentenbehörde die drittgrößte Bundesbehörde in den USA. Seit 9/11 will man von hier aus Land und Leute vor Terror und anderen Bedrohungen schützen. Dazu zählen auch die illegalen Einwanderer, wie wir lernen. Eine junge Mitarbeiterin des Ministeriums führt uns mit einer Multimedia-Präsentation die neuste Errungenschaft vor: Einen Zaun an der Grenze zu Mexiko, der zwar Füchse und andere Kleintiere in die USA lässt, illegale Einwanderer dagegen abwehren soll. Dazu gibt’s Hightech im Wüstensand: Tretminen, die Einwanderer an den nächsten Polizeiposten melden. Eine Kollegin fragt, nach Zäunen an der Grenze zu Kanada.

Chicken Shit

„Macht ihr in Deutschland eigentlich auch manchmal aus Hühnerkacke ein Hühnersandwich?“ Howard hält einen Plastikbecher mit Wasser in die Luft und geht noch einmal seinen Aufsager vor der Kamera durch. Wir stehen auf einer Wiese vor dem Aurora Reservoir, einem Trinkwasserteich, einige Kilometer von Denver entfernt. Howard ist Live-Reporter für CBS4. Vor drei Tagen sind in Alamosa Salmonellen im Trinkwasser entdeckt worden. 100 Personen sind erkrankt. Doch das ist vier Autostunden von dem Ort entfernt, an dem wir jetzt stehen. In Alamosa wollten die Behörden nicht mit Howard sprechen. Deshalb stehen wir nun in Aurora, wo das Trinkwasser sauber ist. Du bist gleich drauf ruft Alan, der Kameramann. Einen Tontechniker gibt es nicht. 3–2–1: Howard hebt den Plastikbecher ins Bild und erklärt in einsdreißig wie das Wasser hinter ihm sauber in seinen Becher kommt. Zwar hätten die Behörden hier noch nie Salmonellen gefunden. Aber das sei ja auch gut zu wissen. Zurück ins Studio. „Ja“, sage ich, „manchmal machen wir das auch. Bei uns heißt es, aus Scheiße Gold machen.“ Howard zieht den Stöpsel aus seinem Ohr und lacht.

Andere Verhältnisse

„Wir haben uns mal die Skripte für Eure Storys durchgelesen.“ Marc Cooper raschelt mit ein paar Münzen in seiner Hosentasche während er einen Stapel Papier in der andern Hand vom Pult nimmt. Der Mann ist Journalist, hat für ein Dutzend Zeitungen und Magazine geschrieben, darunter die Los Angeles Times, den Rolling Stone und The Huffington Post. Er war als Reporter in Ägypten, dem Libanon und in Südafrika und nun steht er vor seinen Studenten an der USC Annenberg in Los Angeles. Hat er wirklich wir gesagt? Hat er! Etwa 16 Journalistikstudenten sitzen in dem Raum, der bis unter die Decke mit moderner Technik ausgerüstet ist, und mit ihnen drei Professoren. Jedes Skript ihrer Studenten haben sie gelesen. Von A bis Z. Alle drei. Nun wird jedes Thema diskutiert. Die Studenten sollen in den nächsten Wochen eine Wahlkampfreportage schreiben. Wo und wie sie die umsetzen, bestimmen sie selbst. Sind die Geschichten gut, werden sie gedruckt oder gesendet, in echten Zeitungen, in echten Radio- und Fernsehstationen. Einer möchte an die Grenze zu Mexiko fahren und über den Wahlkampf aus der Sicht der Latinos schreiben. Eine andere will McCain begleiten, wenn der Republikaner in San Francisco Wahlkampfgelder sammelt. Nichts scheint unmöglich, um sich hier als Journalist auszuprobieren. Dafür fordert die Universität aber auch einen Preis: Ein Jahr für Graduate Students an der USC kostet 42.277 Dollar.

Autos und Frisuren

An einer amerikanischen Highschool kommt nicht der Lehrer zur Schulklasse, sondern die Schüler kommen zu ihm. Wir sitzen im Klassenzimmer von Rachel Grygiel an der Hoboken High School in New Jersey. Vor uns: zwei Dutzend Schüler im besten Teenageralter mit zwei Dutzend unterschiedlichen Herkunftsländern: Kroatien, Kolumbien, Kuba. Sie tragen Sneakers und Brilliantenohrringe und wippen unter dem Tisch nervös mit den Knien. Auf einer Tafel hinter ihnen sind unsere Namen aufgelistet. „The Germans are coming!“ Auf unseren Besuch wurden sie also vorbereitet. Und tatsächlich: Sie fragen, wie wir im Schulunterricht mit dem Nationalsozialismus umgegangen sind, nach Angela Merkel und wie man in Deutschland Journalist wird. Nach einer Weile lockert sich die Atmosphäre. „Wie oft geht ihr Jungs in Deutschland eigentlich zum Friseur?“ Ein Schüler streicht sich über den frisch rasierten Kopf und freut sich sichtlich über den Effekt seiner Frage. „Alle vier bis fünf Wochen“, entgegen wir. Grölendes Gelächter. Die Hoboken-Schüler gehen alle zwei Wochen. Mindestens. „Habt ihr in Deutschland wenigstens den Chrysler Escalade?“ — „Nein, der würde bei uns als Lastwagen gelten. Wir fahren da eher kleine Autos.“ Wir haben großen Spaß. Sie erzählen uns noch von ihren Traumberufen und davon, dass sie einmal weg wollen aus Hoboken. Den Hudson River rüber nach New York haben viele dagegen noch nicht überquert.

———

Marie Caroline Borowski, Mitteldeutscher Rundfunk, Leipzig

Viele Kollegen in „meiner” Fernsehstation in Palm Beach, Florida, waren noch nie in Europa, aber von uns zwölf deutschen Journalisten waren einige auch noch nie in den USA. Entfernungen sind hier etwas anderes als zuhause. Das Land ist riesig, alles so groß, die Autos, die Highways, die Läden, die Portionen auf den Tellern, die Menschen.

Chris ist Kameramann bei 12News in Palm Beach. Er fliege auch nach New York erzählt er. Wir würden uns nur um einen Tag verpassen. Ich frage ihn, was er denn in New York mache. Er guckt mich irritiert an, lacht: „Urlaub natürlich, ich war noch nie da, ich schau mir mit ein paar Freunden die Stadt an, meinst Du, eine Woche reicht?“. Urlaub, klar! Egal, wo man in Deutschland ein Flugzeug besteigt, nach längstens zwei Stunden verlässt man das Land.

Zu wissen, dass sich ein Land über einen Kontinent erstreckt, ist das Eine. Etwas anderes ist es, vier Wochen mit elf Kollegen kreuz und quer über diesen Kontinent zu fliegen. Die Entfernungen zu spüren. Zu begreifen, dass manche Fernsehformate mehrmals ausgestrahlt werden, für die verschiedenen Zeitzonen.

12News/Fox29. Der Nachrichtensender für Palm Beach County. Das Berichtsgebiet etwa doppelt so groß wie das Saarland. Für Fox wird eine einstündige Abendsendung produziert. Mehrere Sendestunden, von der Morningshow bis zur late-night-Ausgabe, laufen im CBS-Network. Die Crew ist fantastisch, die Ausstattung mit einem Wort: groß. Über Polizeifunk wird ein Brand gemeldet. Fünf Minuten später steigt einer der beiden gecharterten Hubschrauber auf. Die Aufnahmen sehen wir über Monitore in der Regie. Von hier aus wird der Pilot über Funk auf die richtige Position dirigiert. Per Joystick zoomen wir uns ran, entscheiden, dass die Bilder nicht spektakulär genug sind.

Auch ein Thema in den Regionalnachrichten in Palm Beach: Die Vorwahlen. Eine große Sache. Die Satire-Zeitschrift „The onion“ titelt: „Black man asking Americans for change”. Wir lesen die Zeile in Austin, Texas, wo man an jeder Straßenecke nach Kleingeld gefragt wird. Dieses große, mächtige Land, das sich für seinen Präsidenten schämt, ihn zum Teufel wünscht — öffentlich und fast überall. Auf der Suche nach Bush-Wählern. Meistens treffe ich Obama-Anhänger. Im Fernsehen geben sich Clinton und Obama die Klinke in die Hand. Obama geht zum Bowlen und versagt kläglich. In Palm Beach wird gerätselt: Ein gutes oder ein schlechtes Omen?

San Antonio: Die Stadt quillt über vor amerikanischen Touristen, eine lange Schlange vor dem Alamo, DER Gedenkstätte an den Krieg mit Mexiko. Heldenverehrung, Nationalstolz, großer Rummel. Aber das Kirchlein ist so klein und zu sehen ist innen nichts mehr. Nur der Andrang ist groß. Der Flyer mit den wichtigsten Informationen ist in englischer Sprache schon vergriffen, ich übersetze der Familie, die hinter mir in der Schlange steht, mehr schlecht als recht den deutschen Info-Text.

Von Austin aus fahren wir in ein Outlet-Center von der gefühlten Größe einer deutschen Kleinstadt. In unserem Truck der Größe „Hausboot“ fahren wir nach Gruene und nach Luckenbach. Orte, die von Deutschen gegründet wurden, ein Tagesausflug, viel Fahrerei. Was uns erwartet sind Kulissen, aufbereitet für Amerikaner, die nach ihren Wurzeln suchen. Plötzlich ist Amerika klein.

———

Hanno Christ, Rundfunk Berlin-Brandenburg, Potsdam

Als deutscher Europäer erkenne ich gerne schnell die Dinge, die noch fehlen, die nicht funktionieren oder falsch sind. Damit sind wir für gewöhnlich besonders schnell. Vielleicht fällt es mir genau deshalb so schwer, einen Anfang für meinen Bericht zu finden, einen Bericht über eine Reise, die so gut organisiert und reichhaltig war wie in diesem Frühling 2008 — und noch dazu bei einem so günstigen Euro-Dollar-Wechselkurses stattfand…

Washington — „Let´s get this damn thing started!” (Jon Stewart)

Ich bin einer von wohl mittlerweile vielen RIAS-Jünglingen, dessen Joggingroute vorbei am Weißen Haus bis hin zum Lincoln Memorial führt. Eine grandiose Kulisse, irgendwie anders als das Schöneberger Rathaus zu passieren und ein Muss, wenn unser Hotel so nah, nur in Wurfweite zur Residenz des Präsidenten liegt und das beste Steak meines Lebens abgearbeitet werden muss. Washington reißt mich hin und her zwischen gemütlich-bürgerlichen Vierteln von Georgetown einerseits und monumental-kaltgeleckten Bauten zwischen Kapitol und Lincoln Memorial, an denen wohl auch Albert Speer sen. seine Freude gehabt hätte. Die Stadt ist ein guter Einstieg in die amerikanische Lebenswelt, keine Durchschnitts-USA, aber ein Ort der Extreme, an dem sich die Allerärmsten und die Allermächstigsten auf engstem Raum tummeln. Washington ist auch ein Ort des Totenkultes. Ob auf dem Friedhof von Arlington, am Vietnam- oder Korea-Memorial: Hier huldigt das Land seinen Gefallenen, nur seinen Gefallenen.

Ein beherrschendes Thema in unseren vielen, vielen Gesprächen mit Journalisten sind die Präsidentschaftswahlen und der Irak-Krieg. Wir erleben den fünften Jahrestag des Kriegsbeginns und fast zeitgleich den 4000sten toten U.S.-Soldaten. Die New York-Times veröffentlicht die Fotos aller Gefallen auf mehreren Doppelseiten. Tage später höre ich eine Umfrage auf National Public Radio, in der Angehörige und Freunde der Gefallenen erzählen, wie sie den Verlust empfinden. Wenn ich noch heute daran denke, bekomme ich Gänsehaut und feuchte Augen. Man spürt die größer werdende Sorge und Unzufriedenheit der U.S.-Amerikaner mit dem, was weit weg im Irak passiert. Bush-Anhänger sind scheue Gestalten geworden. Wir sprechen jedenfalls keine.

Leider bekommen wir viel zu wenig von den Auseinandersetzungen zwischen den Präsidentschaftsanwärtern Mc Cain, Clinton und Obama mit. Wir bereisen das Land in einer Vorwahl-Pause, in der die Menschen einmal Luft holen, aber die Medien sie nicht lassen wollen. The Show has to go on. Amerika ist politisiert wie wohl lange nicht mehr, aber mit jedem Tag scheint unklarer, wer die besten Chancen auf das Amt des Präsidenten hat. Vor allem das Fernsehen trägt vieles zur Unklarheit bei. Nach ein paar Tagen lasse ich den Fernseher lieber aus — ich werde wahnsinnig. Das geht mir zu schnell!

Houston — „Texas is bigger than France“ (Aufkleber — von mir käuflich erworben)

Einmal muss Texas sein, weil Texas 150 Prozent USA ist. In Houston trifft mich der Schlag und mit einem Mal bin ich amerikanischer als es mir lieb ist: Ich bin autoabhängig. Ich brauche eine Ewigkeit, bis ich mich über siebenspurige Highways in mein Hotel getastet habe. Ohne Auto wird die nächsten Tage nichts gehen. Houston ist nicht zu groß, sondern hat schlicht kaum öffentlichen Nahverkehr. Sobald die Orientierung zurückkommt, fühlt es sich großartig an, mit Tausenden anderer Autos bei guter Musik über die Straßen zu brausen. Ich mache fast nichts mehr zu Fuß. Ich bewege mich und bewege mich doch nicht.

Meine Station ist ABC 13 „Eyewitness news“, einem boulevardlastigen regionalen Nachrichtenkanal. Ein Kessel Buntes. Ich werde vor allem Augenzeuge des amerikanischen Arbeitseifers. Reporter, Redakteure und Techniker erledigen ihren Job in einer bewunderswerten Lässigkeit, obwohl sie aufgrund von Sparmaßnahmen immer mehr schultern müssen. Und trotzdem lieben sie ihre Jobs, wie anders hört sich das bei uns daheim häufig an. Ich begleite den Gerichts- und Polizeireporter an den Gerichtshof in Houston, wo Richter und Staatsanwälte sich etwas darauf einzubilden scheinen, am konservativsten Rechtssystem der USA mitwirken zu dürfen. Nirgendwo in den USA werden mehr Menschen zum Tode verurteilt als in Texas und die Kriminalität ist trotzdem nicht niedriger als in anderen Staaten. Die Richter, mit denen ich spreche, quittieren das mit einem Schulterzucken. So muss das eben sein, in Texas. Texas ist eine Nummer für sich, alles soll hier größer sein — die Härte des Gesetzes, die Autos, die Essensportionen und wohl auch der Nationalstolz. „Don’t mess with Texas!“ — leg Dich nicht mit Texas an. In den wenigen Tagen lerne ich Stadt, Land und die Menschen kennen und schätzen, ja vielleicht sogar ein wenig lieben. Texaner sind eingebildet, tun aber niemandem damit weh. Sie sind stur und trotzdem offen für Fremde. Die große Rodeoshow verpasse ich, dafür feuere ich die Basketballer der Houston Rockets an (mit Georg Bush sen. in der ersten Reihe), lasse mich am Golf von Mexiko von einer steifen Brise durchpusten, besichtige bei der NASA Raketendinosaurier und das Ausbildungszentrum der Astronauten. Unvergesslich bleiben wird der Polizist, den ich nachts in Houston bei Alkoholkontrollen begleite. In Texas werde ich als Autofahrer keinen Tropfen Alkohol mehr anrühren. Ich will nicht in Handschellen abgeführt werden, nur weil ich vielleicht vor dem Einsteigen ein MonCheri genascht habe. Ich verlasse Texas und habe das erste Mal das Gefühl, wirklich in den Vereinigten Staaten gewesen zu sein.

Boulder — „It’s sick!” (Unsere Betreuerin Molly Rettig)

Wahrscheinlich eine Art grünes Gewissen der USA. Die Menschen hier gelten als wohlhabend, gebildet, sportlich und Bush-Anhänger sind hier allenfalls mit einer Lupe auszumachen. Boulder wird der für mich beste Teil der Reise, auch wenn die T-Shirts, die ich noch vor wenigen Tagen in Houston trug, nun wieder von einer dicken Winterjacke bedeckt sind. Handschuhe sind auch nicht verkehrt. Gleich am ersten Tag schneit es und Michael Kranefeld, Kai Wessel und ich nutzen die Gelegenheit zum Skifahren. Wer im Frühjahr nach Boulder kommt, kann es nicht verlassen, ohne nicht wenigstens einmal auf Skiern gestanden zu haben. Die Pisten hier sind grandios und für mich ist es das erste Mal seit mehr als 15 Jahren, dass ich Ski fahre. Boulder ist einfach angenehm: Die Wege sind auf ein erträgliches, fahrradtaugliches Maß geschrumpft, manche Ziele sind sogar zu Fuß erreichbar. Die Sonne scheint rund 300 Tage im Jahr auf die Boulderaner, kurz: Herrlich!

Wir besuchen mehrfach Universitätskurse und diskutieren mit den Studenten über deutsch-amerikanische Verhältnisse, über die zerschundene internationale Reputation der USA, lassen uns durch das Nationale Forschungszentrum für Windenergie führen und stapfen durch den tiefen Schnee im Rocky Mountain National Park. Ein Schlüsselerlebnis ist sicherlich der Besuch im Klima- und Wetterforschungsinstitut (National Center of Atmospheric Research), wo uns Wissenschaftler erzählen, dass längst noch nicht jeder an den Klimawandel glaubt. Es gäbe noch immer viele Politiker, Wissenschaftler und Studenten, die die ganze Sache für eine „Hoax“ einen Trick halten, heißt es. Wow, wie lange braucht ein Land für einen Umschwung in der Klimapolitik, wenn selbst heute, im Jahr 2008, noch so viele den Erkenntnissen vieler Wissenschaftler keinen Glauben schenken?! Wir verbringen in Boulder die wohl entspannendsten Tage unserer Reise, thanks to Molly. It was really sick, awesome, gorgeous…! Ach ja: Und ein iPhone bekomme ich endlich auch!!!

New York — “You are all diamonds!” (Prediger in Harlem)

Der sicherlich hektischste Teil unserer Reise. Großartig und anstrengend. Obwohl uns Jon ausnahmsweise kein enges Terminkorsett schnürt, sind wir gut beschäftigt: Weitere Redaktionsbesuche, Stadtrundgänge, letzte Shoppingaktivitäten, Ground Zero und Gänsehaut. Bewegend war der Besuch der Hoboken-Highschool und die lebendigen Gespräche mit den Schulklassen, witzig das Treffen mit dem Bürgermeister von Brooklyn. Der emotionale Höhepunkt unseres Programms wird für mich 08/15-Christen der Besuch in einem der vielen Gospel Gottesdienste bleiben. Grandios die Rhetorik des Priesters, eindringlich einfach seine Worte, umwerfend der Gesang, der lockere Ablauf des Gottesdienstes. Wann werden bei den Ankündigungen schon mal die Nummernschildern falsch geparkter Autos vorgelesen, eine ganze Kirche zum Lachen gebracht und die Gäste mit Applaus begrüsst?! Der ganze Gottesdienst war eine Energiepille. Jeder wurde mit dem Gefühl entlassen „ein Diamant“ zu sein. Ich werde wohl Tränen in den Augen haben, wenn ich daheim einen unserer vergleichsweise sterilen Gottesdienste besuche. Die Amerikaner sind eben einfach Kommunikationswunder. Der weltliche Gottesdienst alias der Jon-Stewart-Daily-Show bewegt auf eine andere Weise. Man muss es gesehen haben und Jon: Ich habe Dich noch nie so aus Dir rausgehen sehen! Buuah!Viele Programmpunkte wären es wert herausgehoben, beschrieben und bejubelt zu werden. Wenn einige Monate ins Land gehen, ich ohne mein iPhone nicht mehr sein will, wenn meine Kreditkarten-Auszüge keine Starbucks, At&t, Best Buy oder Macys mehr auf sich tragen und nicht mehr die tägliche Clinton und Obama-Show zu lesen oder zu sehen sein wird, was wird dann bleiben, von diesen vier Wochen? Sicherlich eine Menge unbeantworteter Fragen, die es unbedingt erforderlich machen wieder hin zu fahren — und sich noch mehr unbeantwortbare Fragen zu holen. Bleiben wird die neue Wertschätzung vieler Dinge, die wir in Deutschland haben und über die wir froh sein können, die Erkenntnis, dass die USA einfach nicht Europa sind, selbst wenn wir das manchmal erwarten und wünschen. Ganz sicher haften wird die Erinnerung an die Haltung vieler Menschen dort drüben, die Dinge von ihrer besseren Seite zu sehen. Ich würde mir wünschen, ich könnte mir diesen Optimismus und Can-Do-Spirit in einem Doggy-Bag einpacken lassen. Aber diese Verpackung to-go dürfte selbst in den USA noch nicht entwickelt worden sein.

———

Dr. Olaf Claus, Zweites Deutsches Fernsehen, Mainz

Im Reiseführer, den mir meine Gastgeberin bei KTUU-TV Anchorage gleich nach meiner Ankunft in die Hand gedrückt hat, fand ich auf den ersten Seiten den Hinweis: Sollten Sie hier wandern oder spazieren gehen wollen, versuchen Sie, stets laut zu sein. Singen Sie, unterhalten Sie sich oder kaufen sie sich eine Bimmel. Da ich in den Bergen Alaskas eher alleine unterwegs sein würde und laute Selbstgespräche und das Schmettern von Wanderliedern nicht mein Fall sind, entschied ich mich für den Kauf einer „Bear Bell“. Die gibt’s im Outdoorshop gleich an der Kasse für drei Dollar. Eine gute Investition, dachte ich.

KTUU-TV ist in Alaska eher bekannt unter dem Namen Channel 2. Der Sender der NBC-Familie versorgt den größten Bundesstaat der USA und ist dennoch einer der kleinsten. Das Team produziert mehrere Nachrichtensendungen pro Tag, die wichtigsten sind die fünf Uhr Sendung und die Spätausgabe um zehn.

Local news only. Die Redaktion entschied sich an meinem ersten Tag für einen Bericht über einen Pfadfinderjungen, der sich mit dem Schneemobil verfahren hatte. Man fand ihn nach einer Nacht wohlbehalten unter einem Baum. Er wurde zum Star, weil er sich umsichtig und ruhig verhalten hatte, nicht in Panik geriet. Ob er auch eine Bärenbimmel dabei hatte?

Und die Geschichte vom berühmtesten Schlittenhundführer der Welt, Lance Mackey, dem einzigen zweifachen Gewinner des legendären, über tausend Meilen langen Iditarod Rennens. Bei einem anderen Rennen über hunderte Meilen wurde einer seiner Hunde von einem Motorschlitten angefahren, am Steuer ein alkoholisierter Sportsfreund. Ganz Alaska zitterte mit, als Zorro nach Seattle ausgeflogen und dort medizinisch versorgt wurde. Ein Interview wurde mit dem waschechten Berufsabenteurer Lance Mackey gedreht und ich durfte dabei sein. Der Mann spricht druckreif, wie viele Amerikaner ein absoluter Medienprofi.Wir trafen ihn auf dem Parkplatz in der Nähe eines Einkaufszentrums. Der Verkehr dröhnte auf der Ausfallstrasse, auch der visuelle Hintergrund war grottig, aber das macht wohl nichts. Die anderen (oder sollte ich sagen übrigen) Hunde waren in kleinen Holzboxen auf der Ladefläche des Pickups eingepfercht.

Myrna, meine Gastgeberin bei Channel 2 ist die Planerin der Sendungen. Ihr Job ist aber vielseitiger. Sie gräbt nicht nur Geschichten aus, sondern hält auch Kontakt zu den Partnersendern. Bucht Flüge und Satellitenstrecken. Ein Allroundtalent.

Irgendwann habe ich mich selbst auf den Weg gemacht. Ich bekam einen Mietwagen — das kleinste Auto, dass ich in meiner Zeit dort oben gesehen habe. Weil es so klein ist und im toten Winkel der riesigen Dodge Pick-ups zu verschwinden droht, hat der Vermieter ein quietschendes Gelb für den Lack gewählt. Sozusagen als „Bear-bell“ für das Überleben auf Alaskas Straßen. Ich machte mich auch auf den Weg in die Bucht, in der der Öltanker Exxon Valdes 1989 eine Katastrophe ausgelöst hatte. In kleinen Stadt Seward erinnert heute noch ein Meeresmuseum an die Ölpest. Langsam, so wird dort erklärt, erhole sich die Bucht wieder. Die Lachse wanderten wieder in die Fjorde und weiter hoch, in die Flüsse. (Womit wir wieder bei den Bären wären.)

Apropos Lachs. Einer meiner Lieblingsfische, ich mag ihn auf die samische Art (ganz langsam, über vier Stunden neben dem Feuer). Jetzt hoffte ich, endlich frischen Alaskalachs probieren zu können. Wie naiv! Es war natürlich keine Lachszeit. Ich hatte also kein Glück. Stattdessen U.S.-Standard Verpflegung. Schade.

Ja, die Bären. Während meiner Zeit im hohen Norden bekam ich leider (?) nie einen zu Gesicht. Ob es daran lag, dass ich eigentlich nie zum Wandern kam oder wirklich an der Bärenbimmel? Ich werde es nie erfahren. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass damit zu tun hat, dass sie um dieses Jahreszeit noch Winterschlaf halten. Schon wegen der fehlenden Lachse, logisch. Auch gut. Das Glöckchen hängt jetzt am Schulranzen meiner Tochter, wer weiss, wozu es mal gut ist.

———

Beate Klein, Südwestrundfunk, Mainz

Wir sollten uns vorbereiten, auf die wichtigen und aktuellen Themen des Landes. Aber gibt es in diesem Frühjahr 2008 nicht schlicht das eine beherrschende Thema, das alle anderen überlagert? Anfang November bekommt das Land einen neuen Präsidenten — oder zum ersten Mal eine Präsidentin. Wir besuchen die Weltmacht, während mittlerweile nur noch drei Kandidaten den Wahlkampf ihres Lebens kämpfen. Es ist wohl der erbittertste, den es je gab. Zu ungleich die Bewerber Obama, Clinton und McCain. Bleibt nur noch die Frage, wie stark unsere RIAS-Reise von der Wahl geprägt sein würde.

Flughafen Frankfurt -ein Teil der Truppe trifft sich am Check in. Aufregung und Neugier wie beim Klassenausflug. Highlight der Kennenlern-Runde: Jeder gibt an, wohin es in der Praktikumswoche geht: Einer geht nach Alaska, einer mit dem Sozialreporter auf die Suche nach menschlichen Schicksalsgeschichten in Detroit. Ich werde mit dem Trafficreporter unterwegs sein und damit das lokale Newsgeschäft aus einer wirklich typisch amerikanischen Perspektive kennenlernen.

Politikanalyse unter der Glocke Washington

Während der Woche in Washington tauchen wir komplett in die Welt der Politik ein. Und damit setzt sich das Thema Wahlen unweigerlich auf jede Tagesordnung. Von unserem ersten Termin bei CNN an stellen wir Fragen zu den Präsidentschaftsbewerbern und möchten von den amerikanischen Beobachtern wissen, welcher Wahlausgang ihnen denn am wahrscheinlichsten erscheint. Aber wir ernten meist nur ein Achselzucken. Es sei eben spannend und aus Mediensicht die verrückteste, berichtenswertestete Kampagne, die es jemals gab. Superlative bei jedem Kandidaten: McCain wäre der älteste Präsident, wenn er gewählt würde. Er konkurriert entweder mit der ersten Bewerberin um das Weiße Haus oder dem ersten farbigen Demokraten.

Während unserer vier Wochen erleben wir, vor allem aus den Fernsehnachrichten, wie sich Hillary und Obama gegenseitig das Leben schwer machen. „Zerfleischen“ nennt das Bruce Katz vom den Demokraten nahestehenden Think Tank Brooking Institution. Jeden Tag von früh bis spät ist dies in den Nachrichten zu sehen: jede Wendung, die auf einer klitzekleine Bemerkung fußen kann, wird ausführlich analysiert und kommentiert. Ich hatte viel Wahlberichterstattung erwartet. Aber nicht so viel. Die Zahl der „Experten“, die zum Einsatz kommen, scheint unendlich groß. „CNN domestic“ mutiert fast zum monothematischen Sender, vor allem in den Abendstunden. Zwischen T-Shirt Ständen mit den Claims der Gruppen (Change — Obama 08 — und Hillary for President 08 ) hören wir, dass 46 % der Wähler sagen, sie würden niemals Hillary wählen. Bei Obama geben das nur 12% der Wähler an. Außerdem wird Obama als klug und charismatisch beschrieben, der seit dem Start der Kampagne immer mehr durch seine mitreißenden Reden überzeugt. Bei Hillary reden außerdem alle davon, dass man für „the Clintons“ votiere.

Wir stellen immer wieder dieselben Fragen, aber nie wagt jemand eine endgültige Einschätzung, wer denn nun die besten Chancen hat, oder ob gar McCain am Ende der lachende Dritte sein wird. Zuviel scheint noch in Bewegung und keiner will weitere unvorhergesehene Ereignisse ausschließen. Ein Vorwahlkampf, der sich noch hinziehen wird.

Thomas Berbner, Leiter des ARD-Studio Washington, beschreibt Gespräche mit der Tagesschau-Zentrale, in denen genau dies das Thema ist. Es sei in Deutschland schwer verständlich zu machen, dass selbst in Amerika keine eindeutigen Zahlen der bereits feststehenden Wahlmänner existierten. Dabei nehmen die Deutschen nach Sendeminuten und Zeitungszeilen Anteil wie noch nie am Vorwahlgeschehen. Nur — Wann ist er denn endlich zu Ende, der Vorwahlkampf? Ich hatte gehofft, dass sich vielleicht während unserer vier Wochen eine Tendenz abzeichnet. Aber auch nach unseren vier Wochen ist das Rennen zwischen den Demokraten noch nicht zu Ende.

Was ganz unterschiedliche Stimmungen auslöst. Einige Amerikaner sind wahlkampfmüde. Andere so politisiert wie noch nie, berichtet uns der deutsche Botschafter Klaus Scharioth. Er habe diese politische Stimmung zuletzt im Wahljahr 1968 unter den Amerikaner erlebt. Wir erfahren, dass wegen Obama diesmal wieder Wahlberechtigte darüber nachdächten, zur Wahl zu gehen, die vorher nicht gewählt hätten. Und viele junge Leute, die eigentlich nur für ein Wochenende mithelfen wollten, sind nun schon seit Monaten in den Kampagnenteams engagiert. Auch die sehr hohen Wahlbeteiligungen bei den Vorwahlen sprächen diese Sprache. Der deutsche Botschafter ist regelrecht begeistert von dieser Stimmung.

Doch ist es gar nicht so einfach, diese Stimmung aus nächster Nähe für das deutsche Fernsehen und Radio zu transportieren. Die deutschen Korrespondenten plagen sehr grundlegende Probleme. Thomas Berbner, aber auch Annette Dittert und Uwe Kröger in New York, beschreiben uns, wie schwierig es ist, ein Interview mit hochkarätigen Politikern zu bekommen. Anfragen bei Hillary seien über Monate erfolglos gewesen. Auch bei anderen politischen Themen, Wirtschaft oder Kultur merkten sie immer wieder, dass die Amerikaner so auf ihre Medien fokussiert seien, die ausländischen Medien spielten keine große Rolle.

Und wie arbeiten die amerikanischen Reporter? Verblüfft war ich zu hören, dass es trotz einiger Erleichterungen immer noch ein ständiger Kampf sei, auch für amerikanische Medien Zugang zu der Administration zu bekommen. Und selbst jahrelang berichtende Außenministeriumsreporter wie Zain Verjee von CNN erleben es nie, mit Condolezza Rice ein wirklich offenes Hintergrundgespräch zu führen. Dafür sind Schuhe und Klamotten gern ein Thema, berichtet die Reporterin anekdotenhaft. Aus Sicht eines deutschen Reporters: Kein leichtes Leben für die amerikanischen Kollegen, die ja für die viele Sendefläche Einschätzungen und Hintergründe parat haben sollen. Überraschung Nr. 2: Es gibt zwar mehr Leute, die für einen Beitrag arbeiten, aber dafür viel weniger Platz für die Arbeitsschaffenden. Großraumbüros sind der Alltag in amerikanischen Fernsehstationen. Augenscheinlich winzig sind aber die so genannten „Boothes“(=Zellen) der Korrespondenten, die wir im Capitol und dem State Departement besuchen. Sie erinnern an die Abstellkammern eines Gartenhäuschens. Regelrecht eingepfercht zwischen Kollegen, Technik, Getränkemaschine und Telefonen müssen die Berichte entstehen. Da beneide ich die Kollegen wirklich nicht um ihren Job.

Eine recht selbstkritische Analyse einer weiteren amerikanischen Journalisten ist ehrlicher als ich erwartet hätte: in den Zeiten vor dem 11. 9. habe man sich zu sehr auf nationale Berichterstattung konzentriert, ordnet Rebecca Cooper, ABC, ein. Viele Menschen in den USA hätten nach den Anschlägen die Frage „Why do they hate us?“ nicht beantworten können, was auch ein Verschulden der Medien und ihres USA-Fokusses gewesen sei. Ich frage mich, wie viele Reporter und News Directors so denken wie Rebecca Cooper. So viele können es nicht sein, denn der Anteil der internationalen Nachrichten ist im Vergleich zu unseren deutschen Sendungen immer noch gering. Die Selbstkritik geht überraschend noch weiter: auch nach dem 11. September sei nicht alles gut gelaufen, resümiert die erfahrene ABC Reporterin. Gerade in der ersten Zeit sei man eher unkritisch, wie im Schock, der Linie des Präsidenten gefolgt, habe sich u.a. vom Pentagon mit der Hoffnung auf exklusive Zugänge (embedded journalists) recht unkritisch auf den Kriegspfad Irak führen lassen. Während unserer D.C. Woche sind Demonstranten auf der Straße, fordern zum 5. Jahrestags des Beginns des Irakkrieges den Rückzug aus dem Land. Auch dieses Thema spielen die Präsidenschaftsbewerber in ihren Reden, fast jeden Tag.

Washington scheint in diesem Frühjahr 2008 regelrecht auf den nächsten Präsidenten zu warten, das wird in fast jedem Gespräch während unseres voll gepackten Terminplans mehr als deutlich. Für George Bush hören wir nicht sehr nette Bezeichnungen wie „Teenager in Chief“, der das Land nicht nur in einen komplizierten Krieg geführt habe, sondern dem es auch nicht gelänge, die innenpolitischen Probleme anzugehen. Mehr als 40 Millionen Amerikaner haben keine Krankenversicherung. Die Finanzkrise hat Millionen amerikanischer Hausbesitzer in die persönliche Katastrophe geführt. An vielen Ecken und Enden des Landes ächzt die alternde Infrastruktur unter der täglichen Belastung, das sehen wir bei Fahrten in der überalterten U-Bahn New Yorks. Die Benzinpreise steigen, trotz Wehklagen darüber konnten wir aber kein Umdenken geschweige denn Unsteuern feststellen. Die Herausforderungen für den nächsten Präsidenten gehen noch viel weiter: Die USA bleiben ein Einwanderungsland mit all seinen Integrations- und Bildungsproblemen, das sehen wir in der High School in New Jersey später.

Abseits der Hauptstadt-Glocke

Mich führt das RIAS Programm nach Las Vegas. 1.8 Millionen Einwohner, eine der am schnellsten wachsenden Städte Amerikas. Die Casinos und Erlebnishotels bringen das Geld, die entstehenden Jobs ziehen die Menschen aus dem ganzen Land an. Derzeit gibt es 125 tausend Hotelbetten, 2011 werden es 175 tausend sein.

Auch hier ist es ein Thema, so erzählen die Kollegen vom NBC Lokalsender KVBC, dass so viele Menschen ohne Krankenversicherung sind. Und sie hoffen, dass der nächste Präsident dieses Problem angehen wird. Beim Wahlkampf sind die Reporter vor allem den regionalen Themen auf der Spur. So ist es ein Thema, wenn MC Cain das Problem des Atommüllendlagers nahe der Atomic testing Sites anspricht. Das Gorleben der USA sozusagen.

Eine interessante Erfahrung für mich — Beim Termin zur Einweihung eines neuen Gebäudes für die Atombehörde werde ich als ausländische Journalistin mit einem eigenen Securityguide versehen. Der Kameramann meint, das sei nicht außergewöhnlich. Auf das Testgelände selbst kämen aus Sicherheitsgründen nur gebürtige Amerikaner, selbst eine Green Card verschaffe keinen Zugang. Dafür bekomme ich ohne Probleme Zugang zu den Menschen, über die die Reporter berichten sollen. Nach einem Brand in einem Wohnwagen in einem Trailerpark interviewt eine Reporterin die einzige Überlebende. Es ist nur eine von mehreren Brandgeschichten in dieser Woche. Blaulichtthemen sind keine Seltenheit, der Polizeifunk wird in der Redaktion abgehört.

Für die Reporter und Producer ist es ein ziemlich atemloses Geschäft, immer wiederkehrende Wiederholungen, von früh bis spät. Die Berichte selbst sind nicht lang, höchsten zwei Minuten. Tiefer in die Materie können die Kollegen nicht eindringen, obwohl sie das manchmal gerne möchten. Zum ersten Mal spüre ich ein wenig Neid, wenn ich erzähle, dass unsere Magazinstücke gern auch 7 min lang sein können. Ich werde immer wieder gefragt, wie groß denn der TV Markt sei, in dem ich arbeite. Immerhin sei ich ja hier bei Nr 43 von 213 amerikanischen Märkten gelandet. Aber auf diese Frage schließt sich meist ein oft geführtes längeres Gespräch an über das deutsche duale Fernsehsystem, die Gebühren für die öffentlich-rechtlichen Sender und das Eingeständnis, dass auch bei uns die Quoten nicht unwichtig sind, sondern sehr wohl eine Bedeutung haben. Meist ernte ich ungläubige Blicke und Bemerkungen nach dem Motto „Everyone has to pay the fee?“

Die Hubschrauberflüge mit dem Trafficreporter und gleichzeitig meinem Host Tom Hawley sind atemberaubend. Während Tom nach Verkehrsunfällen oder Polizeikontrollen Ausschau hält, genieße ich die Aussicht. Vor allem der Sonnenaufgang über dem Strip ist beeindruckend. Das frühe Aufstehen lohnt sich! Wenn Tom sich nicht gerade live ins Programm schaltet und dabei die Kamera unter dem Hubschrauber navigiert hat er Zeit, mir die Stadt von oben zu erklären. Und dabei auch auf die Probleme aufmerksam zu machen. Das Studio von KVBC liegt nur einen Block von dem Gebiet entfernt, in dem die homeless people wohnen. Auch das gibt es in der Glitzermetropole Las Vegas. Und einen Besuch in einem neuen Museum, das sich mit dem Thema Wasser beschäftigt, legt er mir ans Herz. Dass der Wasserpreis mit der benötigten Menge steige, habe vor allem bei den großen Hotels zu einem Umdenken geführt. Aber Doubleflush Toiletten, so bemerke ich, gibt es selbst in diesem Themen-Museum nicht. Abseits der Casinos finde ich auch das Atomic Testing Museum faszinierend. Ich kann nicht glauben, dass in den 50erJahren die Tests über der Erde von den Menschen mit speziellen Sonnenbrillen aus 7 Meilen Entfernung bestaunt wurden. Die Bänke der damaligen Besucher stehen heute noch.

Nochmal gen Westen, nur 39 Flugminuten weiter…

Los Angeles. Wieder eine Stadt der Kontraste. Direkt vor unserem Hotel liegt eine Neighbourhood, die nicht die beste ist. Da passierte es gerade erst letzte Woche, dass eine Studentin im Klassenraum der University of Southern California mit vorgehaltener Waffe überfallen wird. Die Fakultät für Journalismus ist eine der vier besten in den USA wird uns versichert. Dafür zahlen die Studenten hohe Gebühren. Die Studenten sind, unerwartet für uns, nur zur Hälfte Anfänger. Die anderen Studenten sind Graduates und kehrten nach ihrem ersten Job zurück an die Uni, um ein spezielles Journalisten-Proramm zu absolvieren. Schön für uns, dass wir viele Leute in unserem Alter treffen.

Unerwartet unser erstes großes Treffen an der Uni, das es wahrscheinlich so nie in Deutschland gegeben hätte: Für ein Welcome Lunch nehmen sich acht Professoren Zeit, mit uns zu reden, uns gleich über die deutsche Berichterstattung zu den Wahlen auszuquetschen. Und wir bekommen so ein Bild, welche Veranstaltungen wir in den nächsten Tagen besuchen wollen. Uns gefällt, dass die Professoren mit uns wie auch den Studenten auf Augenhöhe diskutieren. Höhepunkt der Woche — eine Diskussionsveranstaltung mit uns, schon Wochen vorher angekündigt. Thema wieder: Die nächste Präsidentschaft und die Erwartungen der Europäer. Unsere mitgebrachten Zeitungscover regen zu einer sehr lebhaften Diskussion an.

Vor allem das der taz, die im Januar das letzte Foto von J.F. Kennedy vor seiner Erschießung gegen Obamas Foto ausgetauscht hat. Es wird die spannendste Frage bleiben: Ist die amerikanische Gesellschaft offen genug und inzwischen bereit für einen schwarzen Präsidenten? Sie ist es mehr als noch vor Jahren, da sind sich alle einig.

Es geht in unseren Treffen mit Studenten und Professoren aber auch immer wieder um Unterschiede der Medien. Einige Studenten beklagen, es gebe zu wenig Tiefe in den major broadcasting networks. Diese gebe es nur in den wenigen guten Zeitungen oder im öffentlichen Radio. Außerdem bekommen wir mit, wie schwer es sogar für Absolventen dieser Exzellenz-Uni ist, einen Job zu bekommen. Und was dieser dann bringt: u.U. bei der LA Times auf entree level, 20 Stunden die Woche für 10 Dollar die Stunde, ohne feste Aussicht auf Besserung. Generation Praktikum in Amerika. Irgendwie kommt uns das bekannt vor.

Nebenbei werden wir noch als Wirtschaftsexperten eingesetzt. Ein RIAS Fellow und Kollege von KNX Radio interviewte uns passend zum für uns günstigen Euro/Dollar Tauschkurs von 1:1.60 und zum Verhältnis der deutschen und amerikanischen Wirtschaft. So gesehen war diese Reise auch ein Crashkurs in globalisierter Wirtschaftspolitik: die Tauschrate für uns Touristen ein Traum, für die deutschen Export-Weltmeister ein Grauen.

Aber es scheint, als ließen sich wenigstens die ganz Reichen in Los Angeles davon nicht beeindrucken. Jedenfalls haben wir sehr viele neue BMW und Mercedes vor den entsprechenden Haustüren oder besser Hofeinfahrten in Bel Air und Brentwood gesehen.

Wieder um viele Visitenkarten und noch mehr Eindrücke vor allem aus persönlichen Gesprächen reicher, geht das Programm in die vierte Woche.

New York — alte Probleme und neue Annäherungen

Zu Beginn ein Highlight, zu dem wir sogar an unserem freien Sonntag freiwillig ziemlich früh aufstehen: Ein Gospel Gottesdienst in Harlem. Der dringenden Aufforderung von Jon „dress sharp“ haben alle Folge geleistet und so kommen wir alle in die 200 Jahre alte Abyssinian Church und erleben einen tief beeindruckenden, ganz anderen Gottesdienst.

Und es geht weiter, nah an den Menschen: noch lange wird mir der Besuch bei den lebhaften Schülern in der High School von Hoboken oder auch das Gespräch mit den deutschen Korrespondenten in Erinnerung bleiben. Bewegend wie kaum ein anderer Termin: Die Führung am World Trade Center Site mit einer Helferin des Roten Kreuzes nach der Katastrophe. Mit Mark Markowitz lernen wir den „King of Brooklyn“ kennen. Und hinterher auch gleich noch den King of Comedy, Jon Stewart. Das lange Anstehen hat sich aus meiner Sicht auf jeden Fall gelohnt.

Genau wie die Suche nach schwarzen Jazzclubs in Harlem. Was nach Auskunft einiger New Yorker vor zehn Jahren undenkbar gewesen sein soll, erscheint uns heute so selbstverständlich — zwischen farbigen Musikbegeisterten Jazzmusik bis in den frühen Morgen zu lauschen. Auch dies ein augenscheinliches Beispiel, wie sich die amerikanische Gesellschaft verändert. Ist auch ganz Amerika reif für einen schwarzen Präsidenten? Zumindest in New York…

Ein Punkt, an dem die Amerikaner einfach was ändern müssen, fällt uns jede Nacht ins Auge: riesige Müllberge auf der Straße geben ein Bild des Grauens ab. Plastik statt Metall und Porzellan praktizieren viele Restaurants. Jedes Frühstück lässt einen umweltbewusst denkenden Europäer erschaudern, wenn ich meinen Abfall auf dem Tablett in den Müll kippe. Amerika hat viel Arbeit vor sich…

Dank RIAS wurden diese Wochen für mich zu einer unvergleichlichen Zeit mit unglaublich vielfältigen Eindrücken. Mir wurden an einigen Stellen die Augen geöffnet. Aber nicht nur auf Amerika blicke ich jetzt mit anderen Augen, auch auf unser eigenes Land.

———

Michael Kranefeld, Phoenix, Bonn

„Hat sie das wirklich gesagt?“ Staunen in der Gruppe — ungläubig, fassungslos. Ja, sie hat. Die Mitarbeiterin von Homeland Security, dem Heimat- und Grenzschutzministerium der USA, wiederholt auch gerne, dass der Zaun, der gerade an der Grenze zu Mexiko gebaut wird, eindeutig der Abwehr des Terrorismus diene. Von der Verhinderung von Immigration kein Wort. Und auch keine wirkliche Antwort darauf, wie es denn dann um die Terror-Abwehr per Zaun an der kanadischen Grenze bestellt sei — dort wird nämlich keiner gebaut. „Brainwashed“ — klares Urteil der RIAS-Gruppe nach diesem Termin bei einer Behörde, die Zäune gegen Terroristen baut und das Versagen der U.S.-Regierung beim Hurrikan Katrina verneint. Im Gegenteil, alles wunderbar, im Grunde seien die Fernseh-Journalisten schuld, die hätten immer nur die falschen Bilder gezeigt.

Das war dann wohl das seltsamste von vielen Gesprächen in der ersten vollgepackten Washington-Woche. CNN, State-Department, das neue Newseum, das National Public Radio und noch viel mehr: alle sind freundlich und haben Zeit und ein Ohr für die Gäste aus dem Land mit dem seltsamen Rundfunksystem. Im Mutterland der Privatwirtschaft überleben öffentliche, also public-Stationen nur in Nischen und haben meist keine wirkliche Einschaltquote — doch das ist die Währung, die hier zählt. „Man kann das hier als Endstufe betrachten, wie Fernsehen bei völliger Marktfreigabe aussehen würde — wie im Labor sozusagen,” sagt ARD-Korrespondent Thomas Berbner, und fügt hinzu: „Da bin ich froh, dass wir unser deutsches System haben.“ Kameramann Dan aus Detroit wird es später so zusammenfassen: „Eigentlich sind wir Journalisten hier nur noch dafür da, dass die Commercials nicht ineinanderkrachen. Wir füllen den Raum dazwischen.“

Die Gäste aus Deutschland werden manchmal betrachtet wie Wesen vom anderen Stern, zumindest journalistisch. In einem Land, in dem im Journalismus nur die Größe des Marktes zählt, wo ganz offen über Gehälter gesprochen wird („600.000 Dollar im Jahr kann man hier als Anchor machen“), sind Rundfunkgebühren suspekt. Bis zum Ende sollte es nicht gelingen, den Amerikanern das deutsche Rundfunkgebührensystem nahe zu bringen: „Ihr seid dann doch der Staatsfunk,“ war das meistgehörte Urteil nach einer komplizierten Erklärung. Und mit dem Staat, das ist schon mal klar, will hier keiner was zu tun haben. Unsere Homeland-Security-Erfahrung wird da schon mal mit einem Schulterzucken zur Kenntnis genommen. „So sind die halt — crazy.“

Detroit: Der Newsman

„That´s nationwide news!“ Schon beim Welcome-Dinner am Sonntag glühen bei Bill Gallagher und seinen Kollegen Amy Lange und Michael Shore die Blackberrys. Absprachen für den nächsten Tag, an dem der Detroiter Bürgermeister von der Bezirksstaatsanwältin der Steuerverschwendung und Korruption angeklagt werden soll. „Die größte Story seit den Rassenunruhen 1968“, sagt Bill Gallagher, der seit 23 Jahren als Reporter in Detroit unterwegs ist. Bill ist Anfang 60, irischer Abstammung und sympathisch uneitel. Als sich am Tag darauf zwei Frauen bei einem Dreh im Gericht erst tuschelnd unterhalten, auf ihn deuten und ihn dann mit „Hello newsman“ begrüßen, scheint ihm das eher peinlich zu sein. Dabei sind seine Stimme und sein Gesicht bekannt in der Stadt: Er ist jeden Tag auf dem Sender, manchmal mit Storys zu zwei verschiedenen Themen.

Gut, die Beiträge bei Fox2 in Detroit sind kurz, 1:30 bis 2:00 Minuten — aber auch das will erstmal tagesaktuell gestemmt sein. Und wie die amerikanischen Journalisten arbeiten, nötigt dem deutschen Gast Respekt ab. Sie sind schnell, genau und vor allem live unschlagbar. Das Zauberwort heißt Arbeitsteilung. Die Producer im Innendienst übernehmen die Recherche, schreiben teilweise auch schon den Text und der Reporter ist derjenige, der vor Ort alles zusammenbaut und in der Regel live präsentiert.

Bill ist in der gesamten Woche quasi der Schatten des Bürgermeisters. Ob bei Gericht, bei Baptisten-Predigern, in der Stadtverwaltung oder bei einem Treffen mit Gewerkschaftern — der Reporter und sein Kameramann sind dabei. Geschnitten werden die Stücke im Fernseh-Van, per Mikrowellen-Antenne zum Sender überspielt und von Bill während seiner Live-Schalten an- und abmoderiert.

Trotz Dauerstress, acht Stunden Sendung am Tag und 60-Stunden-Arbeitswochen ist die Stimmung im Sender gut, alle sind ausnehmend freundlich und nehmen sich immer Zeit, Fragen zu beantworten. Nur eines, das wollen sie bei Fox2 Detroit mal schnell klarstellen für den Besucher aus Deutschland: Mit dem rechtskonservativen Kabel-Kanal Fox News, der ganz deutlich Bush und die Republikaner unterstützt, will man hier beim Fox-Lokalsender nichts zu tun haben. „Die sind zwar seit ein paar Jahren unser Besitzer, aber das heißt ja nicht, dass wir alle für Bush oder die Republikaner sind. Bush hat hier keiner gewählt. Der ist doch total durchgeknallt“, sagt Bill.

Boulder: Grünes Amerika

George W. Bush ist auch in Boulder ganz klar eine Gestalt aus der Vergangenheit. Die Studenten der Journalistik-Fakultät blicken nach vorn und sehen: Obama. Fast alle hier im Seminarraum würden ihn wählen. Aber noch hat die Wahl nicht stattgefunden, noch fürchten sie Hillary Clinton könnte bei den Demokraten die Kandidatur gewinnen. Aber die drei deutschen Journalisten hier haben mal wieder die übliche Frage gestellt: „Clinton oder Obama?“

Nicht, dass es immer darauf hinausgelaufen wäre bei den vielen Gesprächen mit Studenten und Studentinnen, aber die Präsidentenwahl und das, was sie bedeutet für Amerika, kam immer vor. Und umgekehrt wollten die Studentzen teils auch ein bisschen sorgenvoll wissen, was denn so die Welt — und in diesem Fall Deutschland — über Amerika denkt. Weil die Antwort immer auch mit George W. Bush zu tun hatte, gab es auch oft die Replik: „Bush ist nicht Amerika.“

Aber auch Boulder ist nicht Amerika — höchstens das „grüne“ Amerika. Veggi-Burger, Mülltrennung und Radfahrer in der Stadt; davor ein Forschungs-Windpark und auf dem Berg über der Stadt das National Center for Atmospheric Research. Hier zweifelt niemand am Klimawandel — ein ziemlicher Kontrast zur Autostadt Detroit, wo es auf vielen Strassen noch nicht mal Bürgersteige gab. Wozu auch? Fährt doch eh jeder…

Boulder ist „awesome“, wie unsere „betreuende Studentin“ Molly bestimmt jeden dritten Satz abschließt. Auch hier sind die freundlichen, zugewandten, angenehmen Menschen die Grundkonstante. Damit hat sich das runtergekommene Detroit ertragen lassen; in einer von der Natur verwöhnten hübschen Stadt wie Boulder mit den Rocky Mountains vor der Tür wird’s dann wirklich „awesome“ — erst recht, weil in Mollys Programm noch Zeit für einen Skitag war…

New York: Absteigender Ast?

Welch ein Kontrast: Vom verträumten Boulder, wo Schlucht nichts mit Strassen zu tun hat mitten rein in die Stahl- und Glasgebirge. Fast mehr, als Augen und Ohren auf einmal aufnehmen können. RIAS-„Programmchef“ Jon Ebinger, gebürtiger New Yorker, ist in seinem Element: Highschool-Besuch, der Sender ABC, die UN, Studiobesuch beim Late-Night Kultmann Jon Stewart und noch viel mehr Stoff, aus dem die Hauptstadt der Welt ist.

Doch im Gegensatz zum eng gesteckten Washington-Programm bleibt diesmal mehr Zeit, auf eigenen Pfaden zu wandeln — was alle gerne nutzen: Vom Jazzkeller in Harlem über die Nachtwanderung durch den Central Park bis zur „Sex and the City-Bustour“.

Aber nicht jeder ist (noch) begeistert: Die ARD- und ZDF-Korrespondenten Uwe Kröger und Annette Dittert sehen die Stadt auf dem absteigenden Ast: New York werde zu teuer, die Subkultur werde zunehmend verdrängt, Einförmigkeit mache sich breit. „Diese Sorgen gibt es immer wieder“, kontert Marty Markowitz, Bürgermeister von Brooklyn, „so ist eben New York — die Stadt erneuert sich jeden Tag.“

So oder so: New York — ein toller Abschluß von vier großartigen Wochen. Viel gesehen, viel erfahren, viel gelernt. „Thanks, RIAS — awesome!“

———

Mark Kuschel, Norddeutscher Rundfunk, Hamburg

Kofferpacken als Katastrophe

In Hamburg kann sich das Wetter im März mal wieder nicht dazu durchringen, ob es auf Winter oder Frühling schalten soll. Und beim Blick auf die Vorhersagen für die USA wird mir langsam klar: Dieses Land ist zu groß für’s Reisegepäck. Washington D.C.: bewölkt, 9 Grad. Tucson/Arizona: sonnig, 31 Grad. New York: 6 Grad, leichter Regen. Los Angeles: wolkenlos, 22 Grad. Und nur zwei Koffer mit je 20 Kilogramm, mehr ist auf Inlandsflügen in den USA zu viel. Business-Outfit fürs Offizielle, Jeans und Shirts für Kalifornien, Sun-Blocker für die Wüste, dicke Jacke für New York. Am liebsten würde ich meinen halben Schrank mitnehmen.

Metrozüge ohne Mahlzeiten

Dieses Kapitel könnte auch „Konferenzräume mit Kameras“ heissen. In Washington DC — oder wie der Insider hier nur kurz sagt: „in D.C.“ — sind die Redaktionen technisch auf dem neuesten Stand. Bei CNN bestehen Wände in den Meetingrooms aus Flachbildschirmen, per Konferenzkamera werden Standorte zusammengeschaltet. Meldet sich ein Reporter mit „Breaking News“ in der Redaktion, blinken rote Lampen neben allen Telefonen im Haus, jeder kann sich dann zuschalten und mithören. Das passiert an normalen Tagen durchaus fünf Mal. Das Zentrum der DC-Politik sieht für Journalisten dagegen bescheidener aus. Die winzigen Reporter-Büros im Capitol haben kein Tageslicht, dafür aber kurze Wege zu den Kongressabgeordneten. Diesen Zugang hätten unsere Washingtoner ARD-Kollegen auch gerne. Wer in den USA als Reporter für deutsche Sender arbeitet, muss um Interviewtermine betteln — meist ohne Erfolg. Ein mühsamer Job. Der Weg zur Arbeit ist dagegen angenehm: Ich habe noch nie ein so sauberes Metro-Netz gesehen. Keine einzige Schmiererei, keine Kaugummis auf dem Boden. Die U-Bahn-Züge in Washington haben Teppichboden. RIAS-Organisator Jon Ebinger weist uns darauf hin, dass Essen und Trinken auf Bahnsteigen und in den Metrowaggons verboten sind — und das, obwohl man es hier auf dem Fußboden tun könnte.

Wüste ohne Werbeunterbrechnung

Tucsons Autofahrer sind besorgt: Seit heute sind die ersten Rotlicht-Blitzkameras an einigen Kreuzungen der Stadt im Bundesstaat Arizona im Einsatz. Top-Story bei der privaten Konkurrenz KGUN. Dazu viel Crime-Kleinkram, Klatsch und allerlei Unsinniges zwischen unglaublich viel Werbung. Ich bin so froh, nicht dort, sondern für eine Woche bei KUAT gelandet zu sein — einer Art Luxussender, der es sich erlauben kann, 30-minütige Nachrichtensendungen ohne Werbeunterbrechung zu haben. Das ist der große Unterschied zwischen privaten und den sogenannten „Public Stations“ in den USA. Mit Chris Conover und Tony Paniagua bin ich unterwegs zu Drehterminen: Heute der Konflikt um eine neue Schnellstraße, morgen ein Vierminüter über den Fachkräftemangel in Arizonas Hightech-Industrie und fehlende Visa. Dazwischen atemberaubende Wüstenlandschaften mit Oasen und Schnee oben auf den Bergen. Ich überlege die ganze Zeit, wie ich meinem ZDF-Kollegen, der gerade bei seiner RIAS-Station in Alaska weilt, ein paar Temperaturgrade aus Arizona zukommen lassen könnte. Tucson ist städtebaulich zwar eher trist, die Menschen und die Arbeit hier sind dagegen umso netter. Der Abschied am letzten Tag fällt mir schwer.

Sandstrand und Studiengebühren

Kalifornische Fernsehreporter richten ihre geschlossenen Augen 30 Sekunden lang direkt in die Sonne, bevor sie in die Kamera schauen. „So vermeidet ihr, die Augen zusamenzukneifen“, verrät Reporter-Legende Judy Muller: Live-Training mit 12 Studenten auf der Dachterrasse der USC Annenberg School for Communication in Los Angeles. Der privaten University of Southern California fehlt es an nichts. Klassenräume mit modernster Technik, Radio- und TV-Studios, Multimedia-Labor, dazu die renommiertesten Dozenten und Professoren des Landes. Wer 36.000 U.S.-Dollar Studiengebühren pro Semester ausgeben kann, darf an einer der begehrtesten Universitäten Amerikas studieren. Und wir dürfen mittendrin sein. Ich fühle mich geradezu erschlagen vom Kurs-Angebot und könnte deutlich länger auf dem Campus in LA bleiben als diese eine Woche. Das liegt nicht zuletzt an unseren Hosts Stella Lopez und Monika Klein und natürlich an Los Angeles selbst. Das Fahrradfahren am Strand von Santa Monica werde ich vermissen, die Staus auf den vollgestopften Highways dagegen nicht.

Freiheitsstatue und Frisörbesuche

„Noch gut 290 Tage, dann muss George Bush wieder zu seinen Kühen nach Texas zurück,“ poltert Marty Markowitz, wie immer mit reichlich Gestik und einem Lachen. Der Demokrat ist Stadtteil-Bürgermeister von Brooklyn, setzt voll und ganz auf Hillary und will kurz vor dem Ruhestand noch Bürgermeister von ganz New York werden. Die Aussichten gelten leider eher als gering — soviel Spaß wie heute hatte ich bisher noch nicht bei einem Politiker-Treffen. Ortswechsel: Hoboken High School in New Jersey. „Wie selten geht ihr Deutsche eigentlich zum Frisör?“ will ein 16-jähriger Schüler wissen und erfährt erstaunt, dass einmal im Monat bei den deutschen Männern reicht. Der unter den männlichen Hoboken-Schülern angesagte 5 Millimeter Crew Cut erfordert dagegen alle zwei Wochen einen Nachschnitt. Auch das sind kulturelle Unterschiede. Die heimlichen Rebellen von New York treffen wir übrigens dort, wo ich sie nicht vermutet hätte: In der Kantine des UN-Hauptquartiers wird geraucht! Ich rümpfe zwar kurz die Nase, freue mich aber gleichzeitig an der Kasse, denn mein Kaffee ist steuerfrei. Auch das macht das exterritoriale Gelände der Vereinten Nationen möglich.

Abschied und Ausblick

Vier Wochen, vier Städte: Ungewöhnliche Einblicke in das Leben der Amerikaner und die Arbeit von Politikern, Reportern und Menschen in verschiedenen anderen Berufen. Die RIAS-Reise war eine Art Lottogewinn für meinen Kopf. Ich werde Zeit brauchen, um die vielen, unterschiedlichen Eindrücke zu sortieren. Und habe meine nächste Reise schon gebucht: In 5 Monaten geht es wieder in die USA, diesmal ganz privat.

———

Gabriela Mirkovic, Norddeutscher Rundfunk, Hamburg

Please all look nice!

Einen Koffer, zwei Taschen und einen Sack Vorurteile im Gepäck kam ich am Samstag Morgen am Flughafen in Hamburg an. Einige der Vorurteile lauteten ungefähr so: Amerikaner wissen nicht, wo Europa liegt, geschweige denn Deutschland, und es interessiert sie auch nicht. Amerikaner müssen in politischer Hinsicht ein schräges Volk sein, denn sie haben zwei Mal George W. Bush zum Präsidenten gewählt und Amerikaner sind oberflächlich. Gleich vorweg: Im Laufe meiner vierwöchigen Reise mit RIAS durch die USA haben sich die meisten meiner Vorurteile relativiert. Andere haben sich bestätigt, doch bei näherer Betrachtung durchaus als liebenswerte Eigenschaft erwiesen. Später mehr.

Von Hamburg-Fuhlsbüttel aus machte sich ein Teil der Gruppe auf zu unserer ersten Station: Washington D. C. Oder Dee Cee, wie die Amerikaner sagen, keiner spricht von Washington. Ich hatte keine besondere Vorstellung von Amerikas Hauptstadt, kannte ich bis dato auch nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Fernsehen von ihr: das Weiße Haus und das Kapitol, also das politische Washington. Und die U.S.-amerikanische innenpolitischste aller Fragen ist es, die uns während der gesamten Reise begleitet: Wer wird im November zum nächsten Präsidenten der USA gewählt? Im Rennen sind Barack Obama, Hillary Clinton und John McCain. Kandidaten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Egal, wen wir während unserer Woche in Dee Cee treffen, schnell wird klar: Die Präsidenten-Frage ist es, die auch die meisten Amerikaner derzeit beschäftigt. Jeder hat seine persönliche Meinung, aber niemand will ernsthaft eine Prognose über den Wahlausgang wagen. Pam Benson vom CNN-Büro sagt uns, sie könne sich nicht daran erinnern, dass jemals soviel über die Vorwahlen zur Präsidentschaftskandidatur berichtet worden wäre. Der „echte“ Wahlkampf beginne ja erst noch. Ich denke an die Berichterstattung in Deutschland und kann ihr nur zustimmen. Auch wir sind in früheren Jahren erst in der heißen Phase richtig eingestiegen. Es ist in diesem Jahr wohl die Mischung der Kandidaten, die es macht: ein farbiger Demokrat, eine Frau und ein mehr als 70 Jahre alter Vietnam-Veteran. Weniger darum, wer das Land bald anführen wird, als um Grundsatzfragen geht es beim Think Tank „Brooking Institution“. Von dessen Direktor Bruce Katz lernen wir, dass Amerika offenbar gerade erst beginnt, sich die wichtigen Fragen zu stellen: zum Beispiel die nach dem Zustand der Infrastruktur, der demographischen Entwicklung oder dem Problem der Zweisprachlichkeit. Das hat mich dann doch einigermaßen überrascht, dachte ich immer, die Supermacht sei uns da voraus. Aber es war vor allem der Termin beim Heimatschutzministerium, der mir nachhaltig in Erinnerung geblieben ist. Wir hören einen Vortrag über die Sicherung der Grenzen zu den USA, wobei vornehmlich die Grenzen im Südwesten des Landes gemeint sind. Dort sei es dringend notwendig, die USA mit einem Zaun von der „threat“, also der „Bedrohung“, zu schützen. Mit „threat“ sind hier die illegalen Einwanderer gemeint, die vor allem über Mexiko und Texas in die USA kommen. Was man für einen Zaun so alles braucht, verdeutlicht uns eine Folie, die an die Wand geworfen wird. Überschrift: Fence toolbox. Mich erinnert das eher an die Verkaufspräsentation eines Werkzeugkastens in einer Heimwerkersendung auf einem dieser Homeshopping-Kanäle. Motto: Für eine gute Grenzsicherung zu Nachbarstaaten nehme man…! Die Frage, wie groß die „Bedrohung“ denn sei, über wieviele Menschen man spreche, wird leider nicht beantwortet. Man werde die Daten aber gerne nachreichen. Ah ja. Einen unserer letzten Termine in Dee Cee verbringen wir in der Online-Redaktion von Washington Post/Newsweek Interactive. Hier geht das digitale Zeitalter mit großen Schritten voran. 300 Mitarbeiter machen sich täglich Gedanken, wie man online Geld verdienen kann. Büro-Räumlichkeiten, von denen unser eins nur träumen kann. Bestens ausgestattete und gut besetzte Großraumbüros, in denen man die Stecknadel fallen hört. Wie machen die das? Das Geschäftsmodell scheint aufzugehen: 15 Prozent jährliche Zuwachsraten, sagt der Strategie-Direktor Jonathan Krim. Trotzdem verdiene washingtonpost.com immer noch nicht so viel wie die Print-Ausgabe an Werbeeinnahmen verliere. Aber Krim gibt sich zuversichtlich. Die Diskussion, die derzeit in Deutschland läuft über das, was öffentlich-rechtlicher Rundfunk im Internet darf und was nicht, wirkt hier wie die Diskussion auf einem anderen Planeten.

Yiiiiieehhha!

Ich verlasse Dee Cee mit zwei Fellows zu unserer Uni-Station in Austin, der Hauptstadt von Texas. An der UT, der Universtiy of Texas, gibt es ein deutschsprachiges Radio. Mit der Studentin Julia Rech sind wir zum Interview verabredet. Sie will von uns mehr über die Medienlandschaft in Deutschland wissen, wie die Ausbildung von Journalisten bei uns ist und was wir über Fernsehen und Hörfunk in den USA denken. Sie macht es uns sehr leicht: Alle Fragen stellt sie in tadellosem Deutsch, das sie an der Uni gelernt hat. Spätestens hier ist Vorurteil Nr. 1 abgehakt. Herausgekommen ist ein zwanzig-minütiges Gespräch, das abends gesendet wird. Parallel zur Ausstrahlung wird es auf die Internetseite gestellt. Cross-mediales Denken ist auch hier selbstverständlich. Zur Ausstattung der Uni fällt mir nur eines ein: well-equipped! Die Studenten sind es auch, die das Stadtbild von Austin prägen. Die Cafès und Restaurants sind voll mit jungen Leuten. Live-Bands spielen meist in kleinen Clubs und so gut, dass sie bei uns ganze Konzertsäle füllen würden. Kein Wunder, dass Austin von einigen als „Weltmetropole der Live-Musik“ bezeichnet wird. In jedem zweiten Laden der Stadt hängen Gitarren, die das Herz eines jeden Musikliebhabers höher schlagen lassen. Zweien aus unserer Gruppe, die es auf andere Stationen verschlagen hat, würde es hier mächtig gefallen.

Auf nach Bakers-what?

Nach Austin geht es für mich weiter in Richtung Kalifornien. Bakersfield heißt der Ort, etwa eineinhalb Autostunden von Los Angeles entfernt. Und nachdem ich in den ersten zwei Wochen nur Mitleid erregt habe, jedes Mal wenn ich Bakersfield als Praktikumsstation nannte, bin ich ganz schön gespannt. Entgegen allen Unken-Rufen ist Bakersfield eine nette kleine Stadt. Offenbar spülen die Ölförderung und der großflächige Anbau von Zitrusfrüchten genügend Geld in die Kassen des Bürgermeisters. Alles ist sehr sauber, die Infrastruktur bestens, Katz scheint hier ganz weit weg. KGET ist ein kleiner Sender und gehört zur NBC-Familie. Ein Großteil der Angestellten ist weiblich. Schnell kommen wir ins Gespräch über Gott und die Welt. Nur das Alter ist tabu. Der erste Außendreh führt uns zur Einweihung eines neuen Gebäudeflügels des örtlichen Krankenhauses verbunden mit einem Gewinnspiel. Nach dieser Station bin ich überzeugter denn je: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk bietet einem immer noch die besten Möglichkeiten, journalistisch zu arbeiten. Außerdem ist der U.S.-amerikanische Fernsehmarkt gnadenlos: Das Verfallsdatum für Frauen auf dem Bildschirm beginnt mit dem 30. Geburtstag.

Change!

Die letzte RIAS-Woche bricht an: Ich mache mich auf den Weg nach New York City. Am Sonntag Morgen stellen wir uns in Harlem in die Schlange für einen Gottesdienst an. Wir haben uns alle herausgeputzt, wieder mal sind wir dem nimmermüden Ratschlag Jons gefolgt: Please all look nice! Schließlich handelt es sich um einen afro-amerikanischen Gottesdienst in der ältesten schwarzen Kirche New Yorks: der Abyssinian Baptist Church. Das Warten hat sich gelohnt. Die Ränge sind voll, der Pfarrer spricht eine ansprechende Predigt und die Gospelgesänge des Chors sind mitreißend. Wären die Gottesdienste bei uns nur annähernd so, würden wohl auch unsere Kirchenbänke voller. Während unserer New-York-Woche fahren wir meistens mit der U-Bahn. Mir fällt ihr verheerender Zustand auf — Katz fände hier ein Musterbeispiel für seine Präsentation. Und das in einer Stadt wie New York, einem der größten Finanzplätze der Welt. Einen Vormittag verbringen wir an der Hoboken High School in New Jersey. Alle Schüler dort haben einen Mi-gra-tions-hintergrund, wie es so schön heißt. Die meisten sind lateinamerikanischer Herkunft, aber auch Italien ist vertreten, sogar Kroatien ist dabei. Wir fragen, ob sie noch die Sprache sprechen, die ihre Eltern oder Großeltern gesprochen haben. Wie aus der Pistole geschossen und voller Stolz kommt die Antwort: „Nein, wir sind doch Amerikaner!“ Das ist in Brooklyn anders. Marty Markovitz ist Bürgermeister dort und er erzählt uns, dass in seinem Stadtbezirk unzählige Sprachen und Dialekte gesprochen werden. Dies sei aber kein Problem, sondern eher eine Bereicherung, so Markovitz. Er bedauert, dass er nach Ende seiner Amtszeit nicht mehr Bürgermeister von Brooklyn bleiben könne. Es sei bereits seine zweite und danach sei Schluss, wie beim Präsidenten. Ob denn vor uns der nächste Bürgermeister von New York City stehe, wollen wir wissen und ob er kandidieren werde. „This or nothing!,“ antwortet Markovitz und grinst. Da ist er wieder der bescheidene american dream.

Wie eingangs gesagt, die meisten meiner Vorurteile haben sich durch die Reise mit RIAS widerlegt. Egal, wohin es mich geführt hat in den vier Wochen: Überall sind mir die Menschen äußerst hilfsbereit und freundlich begegnet. Manche nennen das oberflächlich, aber ich finde, es erleichtert den Alltag ungemein. Andererseits habe ich dem Monat niemanden getroffen, der zugegeben hätte, George W. Bush gewählt zu haben. Im Gegenteil, der Mann scheint inzwischen allen nur noch peinlich zu sein. Aber wo sind sie bloß geblieben, all seine „schrägen“ Wähler? Egal, es scheint, das Land verlange nach einem Wechsel. Und im November kommt er ja auch, der CHANGE!

———

Sebastian Stolz, N24, Berlin

Looking for America

Der Mann mit dem Raketenrucksack bei der Eröffnung der Olympischen Spiele in Los Angeles 1984. Das ist meine erste konkrete Vorstellung von Amerika. Das Land, in dem die Wolkenkratzer in den Himmel wachsen. Die neue Welt als Moderne, gebaut aus Stahl, Beton und Glas. Die Mondlandung. Back to the Future.

Ich fliege mit Continental Airlines von Berlin nach Newark. Die Sitze sind durchgesessen, das Flugzeug ist abgewohnt. Auch die Flugbegleiterinnen haben ihre besten Jahre hinter sich. Sie verteilen Erdnüsse, honeyroasted, die Sorte die es offenbar nur auf USA-Flügen gibt. Jeder kriegt zwei Päckchen auf dem Weg in das „Land of Plenty”. Die Verpackungen der Erdnüsse sind aus zähem, zweilagigen Verbundstoff, Plastik und Aluminium. Sie sind gar nicht so leicht aufzukriegen. Die Erdnüsse schmecken gleichzeitig süß und salzig, so wie der King seine Burger liebte, die ihm allerdings auf die Dauer schlecht bekamen. Ich würde definitiv ein paar Päckchen davon zu einem Mondflug mitnehmen.

Zucker, Salz und Aufmerksamkeit sind die drei Dinge, die die Menschen im Grunde wollen. Süß und salzig, so schmeckt auch die Late Nite Show „Real Time“ mit Bill Maher. Geistreich, meinungsstark, politisch gar nicht korrekt, Infotainment im besten Sinne. Er und seine Gäste sind unglaublich locker, smart und witzig. Warum ist so bei uns im deutschen Fernsehen keiner?

In einer anderen Frage sind die Amerikaner allerdings nicht weiter als wir. Wie geht es mit Fernsehen und Radio im Internetzeitalter weiter? Wer braucht noch professionelle Redakteure, wenn man sein Programm selbst im Internet zusammenklicken kann? Und was wird dann aus uns Journalisten? Die Kollegen bei CNN in Atlanta arbeiten in der professionellsten Nachrichtenfabrik, die man sich vorstellen kann. Viele der neuen technischen Möglichkeiten, mit denen wir in Deutschland uns langsam anfreunden sind hier schon seit Jahren erprobt, entwickelt und in die Arbeitsabläufe integriert. Trotzdem zweifeln dort viele an der Zukunft dieses altmodischen Mediums.

Den gemeinen Redneck, der Bush gewählt hat, Waffen liebt und TV-Predigern glaubt, so wie ich Euro-Snob ihn mir vorstelle, habe ich in den USA nicht getroffen, vielleicht sitzen die alle doch noch vor dem Fernseher. Dafür habe mich mit vielen Leuten gesprochen, die sich erstmal für ihren Präsidenten und die Außenpolitik der letzten Jahre entschuldigen wollten. Die meisten wünschten sich sehr, dass Barak Obama, der junge Intellektuelle, Sohn eines Kenianers, ihr nächster Präsident wird. Dass er das Land einigt. Das wird nicht leicht, trotz Kennedy-Charme. Einen riesigen Ärger gab es für eine Äußerung Obamas, die so offensichtlich wahr ist, dass sie für mich schon trivial klingt: die weiße Arbeiterklasse sei wegen der wirtschaftlichen Entwicklungen frustriert. „Sie klammern sich an Waffen oder die Religion oder die Antipathie gegenüber Leuten, von denen sie abgelehnt werden, oder an Ressentiments gegen Einwanderer […].” Obama sei arrogant und elitär, er könne das Land nicht einigen und sei ungeeignet als Präsident, hieß es daraufhin einhellig aus dem Clinton-Lager und natürlich auch von Seiten der Republikaner. Amerika ist ein geteiltes Land. Und die Spaltung reicht offenbar so tief, dass eine der besten Traditionen in Vergessenheit zu geraten droht: die Unbefangenheit, Dinge direkt anzusprechen. Dabei verkörpert Obama für mich und viele andere das moderne Amerika: Fortschrittlich, positiv und praktisch denkend, optimistisch, anpackend, ohne Angst, ein cutting edge Typ mit sympathischer Ausstrahlung.

Die Amerikaner sind zu recht stolz darauf, wie vielfältig ihr Land ist. Marty Markowitz, Bezirkspräsident von Brooklyn erzählte uns begeistert, dass dort fast 200 verschiedene Sprachen gesprochen würden. Es gäbe ein koscheres Deli, betrieben von Libanesen. „If it sells it sells, d’ya know what I mean?“ Kapitalismus als Kitt der multikulturellen Gesellschaft. Und New York Cheesecake ist der Treibstoff für die Riesenmaschine. Schwierigkeiten mit Ausländern, die kein Englisch lernen, gäbe es keine. Die hätten doch Probleme, wenn sie es nicht lernen. Er wiederum habe im Grunde nur Schwierigkeiten mit dem Gewicht und dem Cholesterinspiegel.

Die Amerikaner treten anderen Menschen gegenüber als hätten sie das Land gerade erst entdeckt und würden es jetzt besiedeln. Verglichen mit der europäischen Geschichte stimmt das beinahe. Ist die Freundlichkeit der Amerikaner tatsächlich übrig geblieben aus der Zeit als sich jeder Siedler ehrlich freute, einen anderen Menschen zu treffen. Vielleicht kannte der ja eine gute Bar. Oder er war bewaffnet. Es konnte auf keinen Fall schaden, erstmal höflich „Guten Tag“ zu sagen.

Jetzt stehen überall Denkmäler. Die Memorials in Washington sehen aus wie antike Tempel. Selbst in der Wüste von Arizona fährt man alle paar Meilen an einem historical marker vorbei. Noch heute wirken wichtige historische Ereignisse bis in den Alltag nach. So wird das seit der Boston Tea Party schwierige Verhältnis der Amerikaner zu Heißgetränken auch im Jahr 2008 noch bei jeder dünnen Tasse Kaffee offensichtlich. Amerikaner können die ganze Geschichte ihres Landes überblicken, weil sie so kurz ist. Washington sieht aus wie Berlin. New York sieht aus wie immer. Genauso wie die Mondflüge wirkt Amerika in weiten Teilen auf mich als Besucher aus dem alten Europa: altmodisch und gleichzeitig durchgestylt. Wie eine Rückblende in einer Fernsehserie. Oder wie die Wiederholung der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Los Angeles 1984.

———

Iris Völlnage, Phoenix, Bonn

Sonntag,16. März — Ankunft in Washington D.C.

Ankunft am Dulles International Airport. Das Flugzeug ist pünktlich gelandet, doch bis ich den Flughafen verlassen kann, vergeht noch über eine Stunde. Zuerst heißt es, anstehen für die Passkontrolle: Von allen zehn Fingern werden Abdrücke genommen; zuerst vier Finger der rechten, dann der linken Hand, dann die beiden Daumen. Schließlich macht der Beamte noch ein Foto von mir, bevor er mich ziehen lässt. Endlich — welcome to America! Unser Hotel liegt „nur zwei Blocks“ — wie die Amerikaner sagen — vom Weißen Haus entfernt. Das gibt uns nicht nur die Möglichkeit, jederzeit zum Weißen Haus zu spazieren, sondern auch das Gefühl, nah am politischen Geschehen zu sein. Ein Gefühl, das sich durch die dichtgefüllte Woche in Washington durchzieht. Neben verschiedenen Redaktionsbesuchen und Gesprächen mit Journalisten (u.a. CNN, Voice of America, National Public Radio, WashingtonPost.com) finde ich vor allem die Besuche bei der Homeland Security und im State Department interessant.

Dank Jon Ebingers vielfältiger Kontakte können wir an vielen Orten einen Blick hinter die Kulissen werfen. Politik von einer anderen Seite versucht uns Bruce Katz vom Brookings Institution, einem den Demokraten nahestehenden Think thank zu vermitteln. Während der Clinton-Regierung arbeitete der agile End-40er noch im Weißen Haus, nun versucht er als Lobbyist neue Themen wie etwa die Zukunft der Städte in der Politik zu platzen. Neu in Washington ist auch zum Zeitpunkt unseres Besuchs noch nicht eröffnete Newseum, ein Museum zur Geschichte der Informationsfreiheit. Und natürlich darf auch der Besuch beim deutschen Botschafter KlausScharioth nicht fehlen, der uns sehr offen und freimütig seine Sicht erzählt. Last but noch least: im Haus von Roxanne Russell, einer RIAS-Alumni erleben wir einen schönen, erholsamen Abend. Thanks for that!

23.03. Ostersonntag: von Washington D.C. über Detroit nach Phoenix, Arizona

Vor einer Woche flog ich nach Washington, an diesem Sonntag von Washington über Detroit nach Arizona und eine Woche später von dort über Charlotte nach Bufallo, N.Y. Aus meiner europäischen Perspektive ist es komisch: Ich habe den ganzen Tag im Flugzeug verbracht, habe drei Zeitzonen überquert und ich bin immer noch im selben Land… Aus der Vogelperspektive erscheint Phoenix als eine riesig, schachbrettartig angeordnete Stadt, drum herum — die Berge der Wüste. In Detroit lag Schnee und an den Ufern der großen Seen türmten sich die Eisplatten. Als wir aussteigen, sind es knapp 30 Grad, einige Palmen verschönern das Flughafengelände.

„Ich weiß nicht, was sie euch in Washington über Phoenix erzählt haben, aber Washington ist weit weg“, begrüßt uns Craig Allen, Professor für Journalismus an der Arizona State University, kurz ASU genannt. 75 000 Studierende zählt die Universität, an der man alles studieren kann und die drei große Sportstadien ihr eigen nennt. Inzwischen ist die ASU die größte Universität in den USA. Der Professor ist darüber gar nicht glücklich, denn eine Massenuniversität passt nicht zum Bildungsverständnis der Amerikaner. Aber seine Erklärung ist eindeutig: Arizona gehört zu den Boomregionen der USA. Hier scheint das ganze Jahr über die Sonne und hier gibt es Jobs, vor allem im Dienstleistungsbereich. Das zieht die Menschen an.

Die Uni liegt ungefähr zehn Minuten von unserem Hotel, aber natürlich fahren wir mit „unserem” Auto da hin, einem weißen Dodge magnum. Wir, das sind meine Kollegen Simone und Sebastian. Noch während unserer CampU.S.-Entdeckungstour am ersten Tag erreicht uns ein Anruf aus dem Büro von John McCain. Der Präsidentschaftskandidat ist zwar nicht da, aber seine Sekretärin Barbara nimmt sich gern die Zeit, uns zu empfangen. „Wenn John da ist, sitzt er meistens hier“, verweist uns Barbara auf einen Konferenztisch in einem abgetrennten Raum, im viktorianischen Stil eingerichtet. Die Mitsechzigerin arbeitet schon seit über 30 Jahren für „ihren Senator” und weiß ihn nur in höchsten Tönen zu loben.

Insgesamt verbringen wir eineinhalb Tage an der Universität, um verschiedene Klassen der „Cronkite School of Journalism“ zu besuchen. Im landesweiten Vergleich zählt die Schule als eine der besten, dennoch ist es für die Absolventen schwierig, hinterher einen Job zu finden. Wir sprechen über unsere beruflichen Erfahrungen, wie wir die USA sehen, warum wir Journalisten geworden sind etc. Was mich am meisten beeindruckt: die Studenten entsprechen überhaupt nicht meinem Cliché von Amerikanern. Ihnen ist es durchaus wichtig, gut informiert zu sein und zu wissen, was in der Welt passiert.

Da wir gerade während des fünften Jahrestag des Einmarsches in den Irak da sind, ist das auch in unseren Diskussionen immer wieder Thema. So auch im Seminar über Ethik und Medien von Bill Silcock, einem ehemaligen RIAS-Fellow. Bill hat seine Promotion über RIAS und die Deutsche Welle geschrieben und war vor vielen Jahren mit dem Programm in Deutschland. Eine Stunde lang haben die rund 40 Studierenden Zeit, uns ihre Fragen zu stellen: Was war die ethisch schwierigste Entscheidung in unserer bisherigen Berufslaufbahn? Welches Bild haben wir von den Amerikanern? — Und auch wir haben Fragen an die Studierenden: Habt ihr Freunde, die gerade im Irak sind? Ein Moment lang wird es ganz ruhig im Raum, dann heben fast alle ihre Hand hoch…

Darüber hinaus haben wir Zeit, uns den Staat Arizona mit Grand Canyon und Las Vegas anzuschauen. Und ein Tag bleibt uns, um zur mexikanischen Grenze zu fahren. In Nogales, einer Kleinstadt, direkt an der Grenze, wird sichtbar, wovon uns die „netten Damen” bei der Homeland-Security in Washington D.C. erzählt haben. Von Phoenix aus dauert die Fahrt nur drei Stunden. Die Mexikaner, die hier wohnen, leben vor allem von den amerikanischen Touristen und Verwandtenbesuchen: Überall werben Apotheken für billige Medikamente und Viagra, Zahnärzte bieten günstige Dienste an und Souvenierhändler versuchen wie auf einem arabischen Basar Gläser, kleine Figuren und Postkarten zu verkaufen. Doch in einer Seitenstraße, direkt neben dem Übergang zeigt die Grenze ihr unschönes Gesicht: An einer ca. vier-Meter-hohen Mauer sind weiße Holzkreuze mit Namen angebracht. Es sind die Namen der Menschen, die beim Versuch die Absperrung zu überqueren, ums Leben gekommen sind… Auf dem Weg zurück machen wir Halt im Titan Missile Museum in der Nähe von Tuscon. Zu Zeiten des Kalten Kriegs waren 18 von 54 Missile-Raketen, die es in den USA gab, rund um Tuscon stationiert. Heute dient die letzte verbleibende Rakete als Museum. Zurück in Phoenix — liegt wieder dieser unbeschreiblich angenehme Duft in der Luft. Ich habe kaum jemals eine so gut riechende Stadt erlebt. Angeblich kommt der Duft von einer Kaktuspflanze, die nur einmal im Jahr für einen Tag blüht.

29.03. Buffalo, New York

Die 500 000 Einwohner zählende Stadt Buffalo, nahe der Niagara-Fälle und der kanadischen Grenze im Bundesstaat New York, gelegen, ist das Kontrastprogramm zu Phoenix. Nicht nur, dass die Temperaturen hier niedriger sind und die Spuren des Winters noch überall in Form von Schneehaufen zu sehen sind. Vor 100 Jahren war Buffalo das, was Phoenix heute ist: eine Boomregion. Doch mit dem Niedergang der Stahlindustrie hat die Stadt, die auf halbem Wege zwischen Chicago und New York City liegt, mit sinkenden Bevölkerungszahlen, zunehmender Arbeitslosigkeit und den sozialen Folgen zu kämpfen. Jenny ist meine Gastkollegin in Buffalo. Sie arbeitet als Reporterin für den lokalen Fernsehsender Channel 7 News, einer ABC-affiliierten TV-Station. „Journalismus ist mein Traumberuf, aber reich kann ich damit nicht werden“, meint die 28jährige. Deshalb studiert sie seit einem Jahr neben ihrem Job Jura. Drei Tage Studium, drei Tage Arbeit. In drei Jahren kann sie damit fertig sein und dann wird sie sich wohl entscheiden müssen, ob sie ihrem Traum oder ihrem Geldbeutel folgen wird.

Vor zehn Jahren war Channel 7 noch die Nummer eins in Buffalo. Inzwischen wurde der Kanal von den Fox und NBC-Lokalstationen überholt. Der Abstieg ist nicht das Einzige, worüber die Mitarbeiter sehr frustriert sind. Auch die Arbeitsbedingungen haben sich in den letzten Jahren sehr verändert. „Früher konntest du morgens nach zehn Uhr dein Auto nicht mehr auf dem Parkplatz abstellen“, so einer der Kameraleute. „Schau mal, wie viele Plätze heute frei sind“. Das Programm wird in zwei Schichten gemacht. Jenny arbeitet meistens ab 14.30h. Bis zur letzten Sendung um 23h wird sie für die 17,18 und 23h-Sendungen jeweils zwei Schalten und Reporterstücke gemacht haben. Anders als in Deutschland bedeutet Reporter sein, vor allem live zu schalten. Auch die anderen Aufgaben in der Redaktion sind anders verteilt: Während Jenny ihren Text schreibt, schneidet ihr Cutter Podo das Bildmaterial sendefertig zusammen. Für den nächsten Beitrag, ein Stück über Truckerfahrer, die sich wegen erhöhter Dieselpreise langsamer fahren, wird Podo der Kameramann sein. Zusammen fahren wir drei zu einer Tankstelle, wo wir schnell einige Betroffene finden. Auf dem Weg dorthin wollen Podo und Jenny mich über die gefährlichen Gegenden Buffalos informieren. „Noch ist es zu kalt für die Schießereien draußen, aber sobald es wärmer wird, geht es los“, klärt mich Jenny auf.

Dank Jennys Kontakten kann ich einen Tag mit Reportern der Lokalzeitung „Buffalo News” verbringen. Dan Herdecker ist einer der „investigative reporter“. Vor Jahren hat er ein Buch über den Attentäter des Anschlags von Oklahoma geschrieben, dessen Familie in Buffalo wohnt. An diesem Morgen treffe ich ihn in seinem Büro im vierten Stock des Federal Courts Gebäude. Gerade wurde das Verfahren gegen einen Mann aufgenommen, der über das Internet Kontakt mit minderjährigen Mädchen aufgenommen hat. In der Mittagspause stellt mich Dan allen seinen Kollegen vor und schnell sind wir in einer angeregten Diskussion verwickelt. Meine amerikanischen Kollegen schütteln erstaunt den Kopf, als ich ihnen erzähle, dass bei uns Verdächtige nicht mit vollem Namen in der Zeitung erscheinen. Ganz anders in den USA. „Wenn ein ehemaliger Kinderschänder in deine Nachbarschaft zieht, wird du über seine Vergangenheit informiert,” klärt mich Dan auf. „Du musst doch wissen, wer deine Nachbarn sind und dass deine Kinder möglicherweise gefährdet sind.”

Jennys stellt mir auch ihre beiden Studienkollegen Mike und John vor. In ihrem Erstberuf sind sie beide Soldaten. „Ich wollte immer etwas für mein Land tun,” erzählt Mike, während er mir bei einer Tasse Kaffee die Fotos von seinem letzten Einsatz im Irak zeigt. Auf den Fotos ist ein fröhlicher Mitzwanziger zu sehen, dem das, was er tut, Spaß zu machen scheint. Als Offizier der Luftwaffe mit Einsatz am Boden hat er nur wenig Kontakt mit Irakern und ist auch nicht in unmittelbare Kampfhandlungen verwickelt. Zurück in Buffalo hat er angefangen, Jura zu studieren, um seine Karrierechancen bei der Armee zu verbessern. Nach dem Studium wird er mit größter Wahrscheinlichkeit wieder in den Irak gehen — oder nach Afghanistan. „There is a job to do and someone needs to do it.” Jemand muss die Arbeít machen, deshalb mach ich sie, so sein Credo.

05.04. And last but not least… New York City

Der Flug von Buffalo nach New York dauert gerade mal eine knappe Stunde, während der ich den Bundesstaat sozusagen von einem Ende zum anderen einmal durchquere. Und trotzdem ist es wieder eine ganz andere Welt: In New York scheint die Sonne, Frühlingsduft liegt in der Luft, Narzissen blühen. Es ist der Duft, den ich vor gut zwei Wochen in Washington D.C. hinter mir gelassen habe… Nur eine Sache fehlt, als ich mit dem Taxi nach Manhattan fahre: die Türme des World Trade Centers… Unzählige Male habe ich die Bilder gesehen, wie die beiden Flugzeug in die Türme flogen, sie zusammenstürzten und zahlreiche Menschen unter sich begruben. Doch jetzt am Ort des Geschehens zu stehen, gibt den Geschichten nochmals eine andere Bedeutung. Direkt neben der riesigen Baustelle gibt es inzwischen ein von Freiwilligen betriebenes Informationszentrum. Alle, die dort mitarbeiten, waren irgendwie mit nine-eleven, wie die Amerikaner den Schreckenstag nennen, involviert. Bari, unserer Führerin, sind die Emotionen abzuspüren und mit jedem Schritt, den wir weiter um die Baustelle gehen, werden unsere Gespräche ruhiger, die Schritte langsamer und die Gemüter nachdenklicher. Jeder hat seine Geschichte mit 09/11. Bari erzählt die Geschichte der Türme und sie erzählt auch die Geschichte eines FBI-Beamten, der nach dem ersten Anschlag 1993 versuchte, seine Kollegen mehr auf die Gefahren des internationalen Terrorismus aufmerksam zu machen. Dazu reiste er in den Jemen. Doch niemand wollte auf ihn hören. Schließlich kündigte er seinen Job beim FBI. Am 10.09.2001 begann er als Sicherheitsbeauftragter des World Trade Centers zu arbeiten. Einen Tag später starb er in dessen Trümmern…

Weitere Höhepunkte unserer Woche in New York City waren der Besuch der Abyssinian Baptist Church, der ältesten schwarzen Kirche New Yorks, deren Gottesdienste alles andere als eine langweilige Veranstaltung sind; des weiteren ein Treffen mit Schülern der Hoboken High School in New Jersey und ihrer engagierten Lehrerin und ehemaligen TV-Produzentin Rachel Grygiel, die ganz offenherzig mit uns über ihr Leben, ihre Träume und Hoffnungen sprachen sowie der Aufzeichnung der „Jon Stewart Show“, die wir nach langem Warten doch noch sehen konnten.

Alles in allem: Es waren vier spannende, interessante Wochen; manchmal sehr ernüchternd, z.B. wenn es um die Entwicklungen des amerikanischen Medienmarkt ging, manchmal überraschend, z.B. zu sehen, wie aufgeschlossen und kritisch die Studenten in Phoenix eingestellt waren. Auf jeden Fall war es eine lohnende Reise und ich möchte der RIAS Kommission danken, dass sie mir diese neuen Erfahrungen ermöglicht hat.

———

Simone von der Forst, Freelancer, Frankfurt/Köln

Achtung! Vorurteile — oder: Phoenix duftet

Sir Peter Ustinov spricht in seinem Buch „Achtung! Vorurteile“ davon, dass staunen zu können ein Medikament gegen Vorurteile ist — ebenso wie auch das Erschrecken über sich selbst. Als Journalist — und das gilt wohl im besonderen Maße für einen „Nachrichtenmenschen“ wie mich — wähnt man sich gern in dem Glauben, seine Arbeit objektiv und neutral erledigen zu können. Auch wenn sicherlich jeder weiß, dass ein Mensch nie seine Gefühle und Meinungen ausblenden kann.

Für mich war das ein Grund, eine Reise zu meinen eigenen Vorurteilen anzutreten, einen Weg zu finden „den Amerikaner“ von „der Bush-Regierung“ zu trennen. Sich von dem mir bekannten Washington mit seinen „Achtung! Vorurteil?“ aufgeklärten Ostküsten-Intellektuellen vorzutasten in den unbekannten Südwesten: in die Wüste, nach Phoenix, Arizona. Eine Reise zu machen, in eine sich wüst ausdehnende Stadt im Karo-Muster, in der es — wie es ein Kollege formulierte — nichts gibt außer Staub. Und dann noch eins drauf zu setzen, mit dem Flug nach Tuscaloosa, Alabama. Eine Stadt, über die mir eine Washingtoner Kneipen-Bekanntschaft gleich in der ersten Woche der RIAS-Reise erzählt: „Leute wie die sind schuld, dass wir Bush am Hals haben!“ Richtig, es sind nicht nur meine eigenen Vorurteile, die mich begleiten. Es sind auch die von Freunden, Kollegen, die mich vorbereiten wollen, auf das Land der unbegrenzten (Un-)Möglichkeiten. Eines ist sicher, diese Reise wird mich am Ende wieder auf bekanntes Terrain führen: New York — modern, weltoffen, multikulturell, künstlerisch, lebendig, lebenslustig und laut.

So fahre ich also los, mit all meinen Vorurteilen und denen anderer im Gepäck. Um festzustellen, Washington ist immer noch vertraut: mit Sonnenschein und Kirschblüten, Museen und dem lauschigen Georgetown — und voller kluger Menschen, wie Bruce Katz, die am Ruder dieses Landes reißen wollen und denen man abnimmt, dass sich alles zum Besseren wenden kann. Die Begegnung mit Denkern wie Katz, Roxanne Russel oder den Kollegen von NPR trennen „den Amerikaner“ bereits von der „Bush-Regierung“. Die Begegnung mit Voice of America oder den Regierungsapparaten, wie dem Department of Homeland Security manifestieren dagegen Albträume von Propaganda und ferngesteuerten Beamten. So halten sich Realität und Vorurteile in Washington also die Waage. Wie wird es dann in erst in Arizona werden?

Um mit Sir Peter Ustinov zu sprechen: hier beginnt wohl das Staunen: zum Teil über scheinbar unwesentliche Kleinigkeiten, die den Aufenthalt so nachhaltig wirken lassen. Ich staune über die angeblich so uncharmante Stadt, über der während der Woche unseres Aufenthalts ein ganz eindringlicher Duft hängt, dessen Herkunft ich nicht ermitteln kann. Einer Stadt, die zum Beispiel mit Scottsdale durchaus Charme zu bieten hat. Ich staune, über die Begegnungen mit Studenten, die dem Reisenden aus dem kleinen Deutschland so gar nicht mit dem Unwissen begegnen, dass man ihnen unterstellt und mit so wenig Arroganz, mit der ich doch fest gerechnet hatte. Im Gegenteil: noch Wochen nach Abschluss der Reise kommen e-mails mit Fragen, wie denn wir deutschen Journalisten ein amerikanisches Problem einschätzen. Das Schönste für mich persönlich sind dann die Momente, wie der in einer Ethik-Klasse an der Journalistenschule in Tempe, in denen nicht nur ich staune, sondern auch das Gegenüber: Wie liberal doch die Deutschen sind…und gar nicht so ernst, wie man es ihnen immer unterstellt.

Anders als mit „Staunen“ lässt sich sicher auch die Landschaft Arizonas kaum betrachten. So oft wie möglich haben wir versucht, den sagenhaften Sonnenuntergang über der Wüste zu erleben. Besonders am Grand Canyon und in Sedona, wo das Ganze zu einem Schauspiel mit internationalem Publikum wird und sich eine merkwürdig friedliche Stimmung breit macht.

Entsprechend gelassen reise ich nach Alabama weiter. Treffe ich da die Rednecks und Hillbillies, die an „Bush schuld sind”? Eine Woche in Tuscaloosa lehrt mich: es muss sie wohl geben. Das erfahre ich aber nur aus meinen Gesprächen. Ich lerne keine kennen. Stattdessen begegnet mir eine warmherzige Freundlichkeit. Die Kellnerin im legendären City Cafe, die mich mit „Süße“ anspricht. Die Kollegen, die nicht nur bereitwillig erklären und von sich erzählen, die auch jede Menge Fragen stellen — und beileibe nicht nur über die Arbeit. Natürlich — „Achtung! Vorurteile“ — sind die Freundschaften, die gleich am ersten Abend an entstehen nicht von Dauer. Man weiß ja, wie das so läuft: der „Amerikaner“ ist freundlich und verspricht viel, was er nicht unbedingt vorhat, zu halten.

Was aber ist mit der Kollegin, die ihre Einladung zum Essen wahr macht und gleich noch Freunde dazu bittet? Die offen erzählt, dass sie karrierefördernde Angebote ausgeschlagen hat, weil sie lieber bei den liebenswürdigen Menschen in Alabama bleiben will? Was ist mit der Kollegin, die ihren freien Tag mit dem Besuch aus Deutschland verbringt? Was mit ihren Eltern, die die völlig unbekannte Person auch noch zum Essen ausführen? Was ist damit, dass besagte Kollegin ihre RIAS-Bewerbung noch in der gleichen Woche ausfüllt? Was ist damit, dass nach der Heimreise nicht nur von einem unglaublichen Host, sondern auch von den neuen Freunden weiter regelmäßig E-mails kommen? Was ist mit den langen und tiefgründigen Gesprächen mit Menschen, deren Aufmerksamkeitsspanne doch angeblich so furchtbar kurz ist, dass sie nach fünf Minuten das Thema wechseln?

Und dann werde ich auch noch eingeladen von einem Studenten, der sich in ein Gespräch über allgemeine Vorurteile einklinkt. Er legt mir seine nächste Vorlesung ans Herz: er zeigt einen Film, über die Vorurteile bezüglich seiner Heimat Alabama. Wie sehr wehrt er sich dagegen, für ignorant gehalten zu werden. Wie sehr liegt ihm am Herzen, zu betonen, dass seine Heimat nicht nur aus Baumwollfeldern und einer Geschichte voller Rassismus besteht. Spätestens Tuscaloosa hat mich nicht nur staunen, sondern auch vor meinen eigenen Vorurteilen erschrecken lassen. Eine Erkenntnis, die darin gipfelt, dass ich gar nicht mehr weg will von diesen echten Menschen, die es einem so leicht machen, sie zu mögen und Freundschaften zu schließen.

New York, das mir zu Beginn der Reise wie ein sicherer Hafen erschien, in dem ich mich zumindest ein bisschen auskenne, ist zu weit weg. Natürlich ist es letztlich immer noch faszinierend, aber nicht mehr ganz so schillernd, und viel fremder als vorher. Das in Filmen gern belächelte Brooklyn oder New Jersey erscheinen mir jetzt reizvoller. Vielleicht weil es hier wieder die besonderen kleinen Augenblicke gibt und sich die kleinen Begegnungen abspielen, die diese Reise für mich so besonders machen. So wie das Mittagessen in Mario’s Pizzarestaurant in Hoboken. Mario, der wirkt wie das fleischgewordene Klischee aus einem de Niro-Film, erkundigt sich ganz genau, wer wir denn sind und warum wir diese Reise machen. Oder das Treffen mit dem unvergleichlichen Marty Markowitz, der einen plötzlich glauben lässt, dass in diesem Land vielleicht tatsächlich, vielleicht nicht Marty, aber doch irgendjemand das Ruder rumreißt. Und doch — das muss zum Schluss gesagt sein: ist auch das inzwischen viel zu laute, schmutzige und angeblich so unfreundliche New York immer wieder ein positive Überraschung. Weil es mehrfach passiert, dass Wildfremde den gestrandeten Reisenden einfach so den richtigen Weg zeigen, und mitgehen, damit auch nichts schief und der Tourist die falsche Straße geht. Oder in der St. Patricks Cathedral, als ich bereitwillig meine Taschen zur Kontrolle vorzeigen will und der lächelnde Sicherheitsbeamte nur abwinkt, so dass ich mich in die enorme Stille auf eine der Kirchenbänke fallen lassen kann. Und wegen des vielleicht wichtigsten Moments im Gottesdienst in Harlem: mit einem Geistlichen, dessen Umfeld so weit weg von unserer Lebenswirklichkeit ist, und dessen Worte, zumindest mir mitten ins Herz treffen.

Sir Peter Ustinov sagt in seinem Buch über Vorurteile, dass Toleranz als Lösung nicht ausreicht. Ihm komme es auf den Respekt an. Ich glaube, ich bin genug erschrocken und habe genug gestaunt, um ein bisschen mehr Respekt und ein paar weniger Vorurteile zu haben.

———

Kai Wessel, Norddeutscher Rundfunk, Hamburg

„Awesome!”, ruft Molly Rettig begeistert und freut sich über unsere Erzählungen. „Awesome” heißt so viel wie wundervoll, prima, toll. Es wird das Schlagwort der nächsten Tage und steht schließlich über unserer ganzen vierwöchigen USA-Reise wie eine leuchtende Neonschrift. Die Studentin Molly ist unsere Begleiterin/Gastgeberin in Boulder/Colorado. Zu Dritt, zusammen mit Hanno Christ und Michael Kranefeld, absolvieren wir dort unsere Universitätswoche. Wir besuchen Seminare, diskutieren mit amerikanischen Deutsch-Studenten, und wir treffen Klimaforscher. Umweltjournalismus, „environmental journalism”, ist eines der Spezialgebiete der Uni dort.

Und der Campus selbst, der ist einfach „awesome”. Wo man auch geht und steht in dieser Stadt, überall zeichnen sich am Horizont die schneebedeckten Rockies ab. Ein guter Ort also, um nach Höherem zu streben. Eine fast kleinstädtische Idylle, in der wir uns wie in die siebziger Jahre zurückversetzt fühlen. Die Studenten mit langen Haaren und Bart, überall Musik von Cat Stevens oder Pink Floyd. Auch das also ist Amerika, nicht nur die großen Metropolen oder die zersiedelten Suburbs ohne ein erkennbares Zentrum. Hier sieht es sehr europäisch aus. Und die Stimmung ist linksliberal und „open minded”. Für den noch amtierenden Präsidenten hat hier keiner etwas übrig, und der Klimawandel wird nicht gleich von allen als „fake”, als taktische Lüge, abgetan. Doch eines ist deutlich anders als in den Siebzigern: In den Studenten-Cafes und Kneipen wird nicht lautstark debattiert. Im Gegenteil: Es geht sehr ruhig zu, jeder sitzt an seinem Laptop, macht seine Aufgaben oder surft im Internet. Die ganze USA scheinen ein einziger Hotspot zu sein, überall ist der drahtlose Internetzugang kostenlos möglich.

„Awesome!” als dieser Ausdruck fällt, sind schon zwei Wochen unserer Reise rum. Und Molly Rettig hat damit unsere Reiseberichte kommentiert. Wir sitzen in der Sonne im Innenhof des Hotels in Boulder. Molly hat uns zur Begrüßung typisches Boulder-Bier mitgebracht. Die Flaschen kreisen, und wir erzählen, unterbrochen nur von ein paar „Awesome”s oder „Great”s. Die Woche zuvor hatte ich allein im Süden der USA, in Spartanburg/South Carolina verbracht. Dort war Tom sozusagen meine Molly. Tom Colones, ein Photographer/Kameramann, ist der beste Gastgeber, den man sich vorstellen kann. Auch er hat ein Lieblingswort: das deutsche „wunderbar”, was er aber „wonderbar” ausspricht und mit einem lauten Lachen begleitet. Und „wonderbar” findet er es vor allem, wenn es ihm gelingt, mir möglichst viel zu bieten und zu zeigen. Am Flughafen empfängt er mich gleich mit einer Tüte voller typischer Oster-Süßigkeiten aus den Südstaaten. Und von da an schafft er es, mich ständig so zu umsorgen, dass mir nichts zu wünschen übrig bleibt, ohne dass ich mich aber eingeengt fühlen muss. Wie ich in dieser Woche erfahre, ist das die für den Süden geradezu sprichwörtliche Gastfreundschaft.

„Wonderbar”

Wohin ich hier auch komme und gehe, überall werde ich freundlich und herzlich empfangen. Um so mehr, wenn die Amerikaner erfahren, dass ich aus Deutschland stamme. Im Gespräch findet jeder einen Verwandten oder Vorfahren aus diesem schönen Land, wie sie schwärmen. Diese Hilfsbereitschaft und Höflichkeit der Menschen durchzieht die ganze Reise. In den Großstädten schaffen wir es kaum, auf der Straße die Stadtpläne auseinanderzufalten, schon werden wir freundlich angesprochen, wo wir denn hin wollten? Da beginnen Zweifel in einem zu nagen, ob wir denn mit Ausländern im eigenen Land genauso zuvorkommend umgehen würden. Selbst bei der Einreise folgt nach den überaus strengen Sicherheitsvorkehrungen fast entschuldigend ein „Enjoy your trip!” Auch der Service und die Kundenfreundlichkeit sind Facetten dieses amerikanischen Umgangstons. Nach dem Servieren eines Essens vergehen keine zwei Minuten, und schon fragt die Bedienung lächelnd nach, ob es einem denn schmeckt und alles so passt. Und das so überzeugend, dass wir uns besonders gut behandelt fühlen, ganz gleich ob das nur Ausdruck des amerikanischen Geschäftssinns ist oder nicht.

I love my job

Höflichkeit und Optimismus, in jedem Fall aber eine positive Einstellung. Das ist der „American way of life“. Das lernen wir schnell. Das so typische deutsche Jammern auf hohem Niveau gibt es hier nicht. Das gilt besonders für die Arbeitseinstellung. Tom Colones und seine Kollegen des CBS-Regionalsenders „Channel 7” in Spartanburg lieben ihre Arbeit. Als ich einen Cutter nach einer mehr als 9-stündigen Frühschicht frage, ob er sich auf seinen Feierabend freue, lacht er nur und sagt: „No, I love my job!” Und dieser Job umfasst oft mehr und anderes als bei uns in Deutschland. So ist der „Photographer” nicht nur der Kameramann, sondern auch gleichzeitig der Cutter der Beiträge. Das scheint sinnvoll, denn so kennt er am besten die Bilder, die für einen Beitrag zur Verfügung stehen. Außerdem kümmert er sich um Archiv-Material, wenn es gebraucht wird. Die Reporter/in recherchiert und macht schließlich eine Sprachaufnahme, die dann vom „Photographer” unterschnitten/bebildert wird. Den Schnitt macht er allein.

Überhaupt die Reporter/innen: Ich fahre mit Tom und Dianne Derby hinaus, einem unschlagbaren Team in Sachen Verbraucherrechte. Dianne versteht es meisterhaft, die hier gewünschten Aufsager in Beiträgen zu inszenieren. Journalisten sind in den USA zu einem noch größeren Teil Selbstdarsteller als bei uns. Und ich gelange beim Dreh in amerikanische Haushalte, in denen diese Verbrauchergeschichten spielen. Die X-Spiele-Box eines Jungen ist bei der Reparatur verloren gegangen. Dianne erkämpft ihm eine neue. Das Ganze spielt in einem großen Haus, das angefüllt ist mit Bibeln und Heiligenbildern. Auch hier werde ich wieder auf das Freundlichste begrüsst. Und staune über die offen gelebte Frömmigkeit der Menschen. Die zeigt sich auch überall auf den Straßen in Gestalt der vielen verschiedenen Kirchen von allen möglichen kleineren und größeren religiösen Gruppierungen.

Redaktionsrituale

Doch nicht alles ist anders im Redaktionsalltag: Die täglichen Konferenzen etwa folgen demselben Muster und haben dieselben Rituale wie bei uns in Deutschland. Auch ohne alles Wort für Wort zu verstehen, begreife ich rasch, worum es geht. Die Muster und die Rollenverteilung sind die gleichen. Die Chefin kommt etwas zu spät, ist dann aber die, die am schnellsten Entscheidungen trifft und sagt, wo es lang geht. Aus Alltagserfahrungen werden Beiträge, manchmal kippt eine einzige, entschieden vorgetragene Position einen eben gefassten Konferenzbeschluss noch einmal. Doch weil das eigentliche Leben nicht in Konferenzen spielt, holt mich Tom oft da raus und nimmt mich mit zum Drehen. Etwa zum BMW-Werk in Spartanburg, vom dem aus mehrere Live-Schalten geplant sind. Mit den Technikern und der Reporterin entspinnt sich rasch ein Gespräch über deutsche Autos, George Clooney und das deutsch-amerikanische Verhältnis.

Dass der Süden der USA aber nicht nur Arbeit, sondern auch Landschaft zu bieten hat, das will Tom mir am letzten Tag in Spartanburg beweisen. Er hat sich frei genommen, und wir machen eine Tour nach Charleston an die Küste. Auf dem Weg dorthin hören wir im Auto „BBC International” und „NPR” und diskutieren lange über das amerikanische Radio- und Fernsehsystem. Viele Amerikaner, die sich über das Ausland informieren wollen, machen das über die BBC oder NPR-Sender. Das U.S.-TV bietet in dieser Hinsicht nur wenig und ist durch die zahlreichen Werbeunterbrechungen schwer erträglich (um so mehr für Europäer). In Charleston komme ich mir dann tatsächlich vor wie „vom Winde verweht“. Wunderschöne Villen mit Veranden, Palmengärten, ein breiter, kilometerlanger Sandstrand. Und von der Promenade aus kann ich Delfine beobachten: „Wonderbar!”

Tom aber interessiert sich noch mehr für den Beginn unserer USA-Reise, die erste Woche in Washington. Denn die war angefüllt mit zahlreichen politischen und journalistischen Treffen. Wir besuchten CNN, verbrachten einen Tag bei NPR und trafen uns mit den Online-Redakteuren der Washington Post. Diese Medientreffen hielten uns den Spiegel vor. Die Zeitungen und Fernsehsender in den USA haben mit denselben Problemen zu kämpfen wie wir in Deutschland: hohe Altersstruktur der Zuhörer/Zuschauer, Konkurrenz und neue Möglichkeiten durch Internet-Angebote. Insgesamt ist dort die Entwicklung aber schon weiter fortgeschritten.

Look nice

Die erste und die letzte Woche der Reise haben wir als Gruppe zusammen verbracht. Unser Host, der das ganze Programm für uns zusammengestellt hatte, war Jon Ebinger, der uns immer wieder mit unnachahmlichen Gesten zur Eile antrieb und uns über die amerikanische Kleiderordnung aufklärte. Gespräch mit dem deutschen Botschafter? Also bei dieser Gelegenheit nicht „casual” und vor allem auch pünktlich. „Look nice!” Dass trotz der formellen Kleidung das Gespräch dann überaus informell wurde, machte es zu einem der Highlights dieser Woche. Oder der Besuch bei den Leuten von der Homeland-Security, zuständig für die Sicherheit im Staate: wie eine Episode aus „Raumschiff Enterprise“, Besuch auf einem anderen Stern. Beide Seiten reden, und keiner versteht den anderen, auch das aufschlussreich. Und weil Jon den Zeitplan und uns so gut im Griff hat, bleibt noch genug Raum für anderes: etwa die Besichtigung des neuen „Newseums“, das sich mit der Geschichte der Medien befasst. Hier sehe ich die ersten Teile der Berliner Mauer in den USA, in South Carolina habe ich dann zwei weitere Teile gesehen. Die Amerikaner sind begeistert von diesen Symbolen der Freiheit.

Das gilt auch für die zahlreichen Monumente in Washington: die einen erinnern an die Präsidenten, die sich um das Land und dessen Freiheit verdient gemacht haben (Lincoln, Washington). Die anderen gedenken der im Kampf für die Freiheit gefallenen Toten der Kriege (Vietnam, Korea). Bezeichnend ist es für die amerikanische Höflichkeit, dass uns bei der Stadtrundfahrt durch Washington das Monument für den Sieg im Zweiten Weltkrieg „erspart” wird. Die Gedenkstätten und die zahlreichen Fahnen auf allen öffentlichen Gebäuden: Auch das immer wieder Anlass für Gespräche über Nationalismus und das gebrochene und schwierige Verhältnis der Deutschen zu diesem Thema.

Dress sharp

„Dress Sharp,” das hatte uns Jon dann auch zum Beginn unserer gemeinsamen Abschlusswoche in New York ins Stammbuch bzw. ins Besuchsprogramm geschrieben. Und zu Recht: Denn den Auftakt machte der Besuch eines Gottesdienstes Sonntag früh in Harlem, zu dem alle Gemeindemitglieder überaus feierlich gekleidet erschienen. Ein eindrucksvolles Erlebnis ausgelebter Religiosität, eine unnachahmliche Atmosphäre voll Fröhlichkeit, Gesang und einer wortgewaltigen Predigt. Eine ähnliche Erfahrung sollte die New York-Woche dann auch beschließen: ein Besuch des Sabbat-Gottesdienstes in einer jüdischen Gemeinde. Auch hier ein fröhlich und unverkrampft praktizierter Glaube mit viel Gesang und Tanz durch die runde Synagoge, die Kinder immer mitten drin dabei.

Unterschiedliche Religionen und Traditionen, keine gemeinsame Herkunft, verschiedene Völker in einem Land: Die Spannungen, aber auch die Chancen, die in dieser Mischung liegen, haben wir in New York mehrfach ganz nah erleben können. Etwa beim Besuch auf der Hoboken High School und der Diskussion mit den Schülern dort. Die machten bei der Vorstellung sogleich ihre unterschiedliche Abstammung klar (etwa: halb Italienerin — halb Puerto Ricanerin, halb Engländer — halb Deutscher …) und verstanden sich doch alle als Amerikaner. Zur Sprache kamen da nicht nur Themen wie das Schulsystem oder die Jugendgewalt. Gesprochen wurde auch über Mode (Friseurbesuche und Stiefellängen…). Die Fragen und das Wissen der Schüler ließen so manches Vorurteil purzeln. Getragen wurde dieses gelungene Zusammentreffen vor allem auch vom persönlichen Engagement der Lehrerin, die ihren Journalistenberuf an den Nagel gehängt hatte, um als Pädagogin helfen zu können.

You can do it

Das Positive sehen, nicht abwarten, sondern zupacken und selber die Initiative ergreifen, an seine Ideale glauben und dafür arbeiten. Diese typische Einstellung der Amerikaner konnten wir bei noch zwei weiteren Begegnungen erleben. Die Führung rund um das Ground-Zero-Gelände wurde durch den Bericht der Augenzeugin erst richtig beeindruckend. Sie hatte gleich nach dem Anschlag beim Roten Kreuz geholfen. Später meldete sie sich dann freiwillig für die Führungen, um ihre Erfahrungen weiter zu geben. Und ebenso zeigte der Besuch beim Spendenprojekt für die Schulen die Mentalität des „You can do it!”. Hier werben Lehrer im Internet Mittel für ihre Projekte ein anstatt auf die Unterstützung durch den Staat zu warten.

Bei aller Ernsthaftigkeit und allen Gesprächen über Politik (UN, Jüdischer Weltkongress) und Medien (NBC)) blieb dann aber immer noch genug Zeit für Unterhaltung und Entertainment, auch das eine amerikanische Spezialität. Der Besuch bei der „Jon-Stewart-Daily-Show” bot einen guten Einblick in die höchst professionelle Arbeitsweise solcher Produktionen.

Keine Frage: Hätten wir Molly Rettig auch noch von unserer Abschlusswoche in New York erzählen können, ihr Kommentar stünde sicher fest: „AWESOME!”

Read more

RIAS USA-Herbstprogramm
19. October – 8. November, 2008

German Journalists of the USA fall program 2008 in New York and at the German Embassy in Washington D.C. Twelve German journalists spent their first program week in Washington D.C. with talks on the upcoming U.S. election, for instance with various think tanks, with students and faculty of George Washington and Georgetown University and with many U.S. journalists at radio and TV stations in Washington D.C. An appointment with the German ambassador Klaus Scharioth, a visit of the National Academy of Science (to discuss to role of environmental issues in the election) and a visit to the Pew Center on Religion and Public (to discuss the influence of religion on the election) was also on the agenda.

During their second program week the twelve German journalists went to different U.S. cities all over the States for a radio or tv internship to learn more about the media and politics in the American heartland, before they met again in New York for their third and last program week shortly before November 4th election day to see how New York stations cover the election and to discuss the election results at various meetings. Also on the agenda in New York were appointments at Wall Street and Bloomberg TV for talks on the global financial crisis as well as at the United Nations and Columbia University.


TEILNEHMERBERICHTE

Anne Allmeling, Westdeutscher Rundfunk, Köln

Auto fahren in Los Angeles — das konnte ich mir schlicht nicht vorstellen. Bis zu unserer Ankunft in den USA hatte ich gehofft, mich irgendwie noch davor drücken zu können. Aber meinen Vorschlag, bei den Gastgeberinnen in Los Angeles nachzufragen, ob ich auf den Mietwagen nicht doch verzichten könne, fand unser Betreuer Jon Ebinger nicht sehr überzeugend. „They might laugh,“ befürchtete er. Das hatte ich nun davon. Eine Zusage für das RIAS-Herbstprogramm, ausgerechnet während der Präsidentschaftswahl, Los Angeles als Praktikumsort — besser hätte es nicht kommen können. Aber jetzt sollte ich Auto fahren. In dieser Riesenstadt. Irgendwo musste ja der Haken sein, dachte ich. Drei Tage ging alles überraschend gut — obwohl das Navigationsgerät bereits auf dem Weg vom Flughafen zum Hotel seinen Geist aufgab. Was für ein Glück, dass ich mich aus lauter Nervosität noch in Washington mit drei Straßenkarten eingedeckt hatte. Jetzt musste ich nur an jeder Ampel in Los Angeles auf den Stadtplan gucken.

Klar, was dann passiert ist: Ich bin aus dem Stand einem anderen Wagen hinten draufgefahren. An einer Kreuzung, mitten in der Stadt. Da stand ich nun auf dem Rechtsabbiegerstreifen — und war geschockt. Ein Unfall! Im Ausland! Und dann auch noch mit einem Mietwagen! Hoffentlich ist niemand verletzt, dachte ich. Aber die mexikanische Mutter und ihre Tochter, die vorne ausstiegen, machten ziemlich verdrießliche Gesichter. Das 14-jährige Mädchen sagte, es habe Schmerzen — und seine Mutter, die kein Englisch sprach, hatte keinen Führerschein. Am liebsten wäre es ihnen gewesen, gleich weiterzufahren — mir natürlich auch. Aber Geld für den Schaden am Auto wollten sie schon: Das Heck sah ziemlich ramponiert aus.

Nach einer längeren Diskussion mit ihren 16 und 17 Jahre alten Söhnen, die schnell zum Unfallort gekommen waren, riefen wir die Polizei. Terry Anzur, eine meiner Gastgeberinnen, war zum Glück schon vorher zur Stelle. Während wir warteten, fuhr ein Feuerwehrauto mit Blaulicht die Straße auf und ab. Die Feuerwehrmänner konnten uns nicht finden. Unter „Unfall“ hatten sie sich etwas anderes vorgestellt. Wir winkten sie heran. Während sich zwei Sanitäter um die Tochter kümmerten, kamen zwei Polizisten auf Motorrädern heran. Sie sahen sich den Schaden an und fanden ihn nicht der Rede wert. Nur dass die Tochter sagte, sie habe Schmerzen, machte die Polizisten stutzig. Sie wollten unsere Papiere sehen.

Als die Polizisten realisierten, dass ich den Unfall verursacht hatte, die Fahrerin des anderen Wagens aber keinen Führerschein hatte, machten sie einen Vorschlag: Wir sollten das Ganze auf sich beruhen lassen und weiter fahren. Sie würden dann keinen Polizeibericht schreiben, meine Versicherung müsste nicht zahlen, die Mexikaner würden kein Geld bekommen, aber auch keine Strafe dafür, dass sie ohne Führerschein unterwegs waren. Weil die Mexikaner auf die Polizei gewartet hatten, wollten die Polizisten sie nicht bestrafen. Denn die meisten, die ohne Führerschein auf amerikanischen Straßen fahren, würden sich auf und davon machen, sagten die Polizisten.

Die Mutter entschied sich dagegen. Sie wollte, dass ihre Tochter im Krankenhaus untersucht wird — und hoffte wohl auf Schmerzensgeld. Das Mädchen wurde also ins Krankenhaus gebracht, obwohl die Sanitäter versicherten, dass ihr nichts passiert sei. Die Polizisten mussten einen Bericht schreiben — und deshalb auch das Auto der Mexikaner beschlagnahmen. Fast 1000 Dollar müssen sie nun zahlen, um es wiederzubekommen. Einfach weiterfahren wäre billiger gewesen. Zumal ich den Schaden an ihrem Auto gar nicht verursacht hatte: Erst viel später bemerkte ich, dass an meinem Mietwagen kein einziger Kratzer zu sehen war.

———

Jens Christof, Mitteldeutscher Rundfunk, Erfurt

„Yes, we can“ – „Ja, wir waren dabei“

Es ist schon ein besonderes Privileg, mit der RIAS-Kommission 3 Wochen in die USA zu reisen, aber dass dies ausgerechnet während dieser Wahl passiert, macht diese Reise für mich besonders…sagen wir mal „wertvoll“. Bereits auf dem 10-stündigen Hinflug von Frankfurt nach Washington war mir klar, alles auf dieser Reise würde sich natürlich um die Präsidentschaftswahl und um die Finanzkrise drehen. Und so kam es auch:

Washington D.C.

„Obama…wen sonst“, sagte mir der vermutlich indisch-stämmige Taxifahrer, der mich vom Flughafen in Washington in unser Hotel brachte, als ich ihn 2 Wochen vor der Wahl nach seinem Lieblingskandidaten fragte. Das war er also, der erste potentielle Obama-Wähler, den ich befragen konnte, warum, wieso, weshalb Obama und nicht McCain. Leider hatte mein Taxifahrer keine Lust, weiter über Politik zu reden. Aber mindestens genauso spannend war für mich als ambitionierter Autofahrer die Frage, wie rücksichtsvoll oder –los die Amerikaner Auto fahren. Washington ist die Stadt, mit dem dritt-größten Verkehrsaufkommen in den USA, erfuhr ich. Und das merkte ich auch an dem etwas, sagen wir mal, ruppigen Fahrstil des Taxifahrers.

Umso geschmeidiger war Start in die Washingtoner Programm-Woche. Wir begannen mit einem gemeinsamen Gruppenfrühstück im Hotel, einer ausgiebigen Stadtführung bei spätsommerlichen 20 Grad und einleitenden Worten unseres fürsorglichen Betreuers. Jon Ebinger, ehemaliger Journalist mit vielen Kontakten, hatte uns ein sehr kompaktes und komplett durchorganisiertes Programm zusammengestellt.

Der erste „richtige“ journalistische Termin war die Redaktionskonferenz einer Talkshow von National Public Radio. Toll, dachte ich, wie engagiert und offen dieses etwa 10-köpfige junge Redaktionsteam miteinander diskutiert. Auch wenn es in dieser multikulturellen NPR-Talkshow nicht um die großen tagesaktuellen Schlagzeilen ging, so war das Thema „Wahl” oder besser „der mögliche erste schwarze Präsident” ein großes Thema.

Etwas zurückhaltender ging es dagegen bei der Heritage Foundation zu. Diese sog. Think Tank oder Denkfabrik ist durch und durch konservativ. Daher kam auch der Wunsch nach offenen und selbstregulierenden Märkten, wenn es um die Finanz- und Wirtschaftskrise ging. Und natürlich hätten sie am liebsten auch John McCain in den Wählerumfragen vorne gesehen. Aber es sei grad „keine einfache Situation“, sagten die jungen, dynamischen Foundation-Sprecher.

Nach Abstechern in der George Washington University (etwa 40 bis 50 Tausend Dollar Studiengebühren im Jahr) und der angeschlossenen Law-School ging es ins ARD-Studio nach Georgetown. Die ARD-Stammbesatzung hatte gerade damit zu kämpfen, unendlich viele wahlberichterstattende Sonder-Kollegen aus Deutschland im kleinen, aber feinen Studio unterzubringen. Thomas Berbner, ehemaliger Studioleiter, nahm sich im Wahlstress immerhin einen ganzen Kaffee-Nachmittag Zeit für unsere vielen Fragen.

Eins meiner Programm-Highlights war außerdem das Treffen mit „unserem“ Botschafter, Klaus Scharioth. Was sagt er zu ’Obama oder McCain’, überlegte ich, als wir dem Botschafter am 15 Meter langen Beratungstisch gegenüber saßen. Aber „unter Drei“, wie es so schön heißt, haben wir einen sehr offenen Botschafter erlebt.

Kontrastprogramm zum ausgedehnten Botschaftsbesuch war WTOP, eine private Radio News-Station. Das Beitrags-Format für die Reporter: etwa 40 Sekunden mit O-Ton, ein schneller Wechsel aus regionalen und nationalen Berichten, Verkehr, Wetter und viel Werbung. Mein Eindruck im nagelneuen Newsroom: sehr schnell, sehr professionell und sehr erfolgreich.

Das Ende unserer ersten Programmwoche: das U.S. State Department. Wir hatten Glück und konnten das morgendliche offizielle Press-Briefing verfolgen. Viel spannender war für mich die inoffizielle Fragerunde mit Spokesman Robert Wood danach. Mit welcher Karriere wird man Sprecher, wie ist Condoleezza als Chefin und was wird aus ihm, wenn Obama kommt? Die letzte Frage musste er uns schuldig bleiben.

Tucson/Arizona – Stationweek

35 Grad heiß und staubtrocken…so hatte ich mir Arizona vorgestellt und so war es auch. Mein Betreuer holte mich am Flughafen ab und mit dem Mietwagen ging es gleich auf die erste Erkundungstour…in T-Shirt und kurzen Hosen. Von den umliegenden Bergen hatte ich den optimalen Überblick wie flach und großflächig Tucson ist und wie klein und mickrig im Vergleich zu anderen U.S.-Städten Tucson-Downtown ist. Aber wegen irgendwelcher Hochhäuser war ich ja auch nicht gekommen, sondern ich wollte sehen, wie die Vorwahl-Stimmung hier auf dem Land ist, fernab der großen Politik in Washington.

Mein Host war Journalist für Radio und TV beim ansässigen NPR-Sender, zuständig für Politik. Ich konnte ihn bei fast jedem Termin begleiten und beobachten, wir er die Themen für beide Medien umsetzt. Natürlich drehte sich auch bei KUAT 6 alles um die Wahl; wir interviewten Studenten in der Schlange beim early voting auf dem Campus, wir versuchten nachzufragen, welche Auswirkungen die Finanzkrise auf den hiesigen Kerzenshop hat und wir trafen Kongressabgeordnete aus Kalifornien und Arizona. Hier sah ich endlich auch mal bekennende McCain-Anhänger, die lautstark auf der Straße gegen Obama demonstrierten, so wie man es in den TV-Reportagen gelegentlich sieht. Das war es aber auch schon mit McCain Befürwortern, die ich zu Gesicht bekam, obwohl McCain seine Wahlkampfzentrale gut eine Stunde nördlich in Phönix aufgebaut hatte. KUAT-Reporter Tony erklärt mir, die meisten McCain Anhänger leben auf dem Land. Aber groß reden würden sie über ihre politische Meinung nicht.

Da mein Betreuer sich mit der Programmorganisation für meine stationweek eher zurück gehalten hatte, blieb für mich am Ende sogar noch Zeit für einen Kurztrip zum Grand Canyon. „You have to see it“…haben alle im Sender gesagt. Und ich habe es nicht bereut. Beeindruckend, was die Natur so alles zusammen oder umher geschoben hat.

New York

Die Woche in New York begann aus meiner Sicht mit einem „very emotional“-Treffen. Wir hatten die Audio-Tour am Ground Zero gebucht. Ich kannte Manhattan mit den „Türmen“ von einem Besuch vor 13 Jahren. Umso mehr wollte ich sehen wie sich alles seit dem verändert hat. Viel ist von der Zerstörung durch die Anschläge nicht mehr zu sehen: eine riesige Baustelle, die ersten Hochhäuser im neuen „Look“ stehen auch schon. Dave, den wir als Audio-Guide gehört hatten, kam persönlich, um uns seine Eindrücke von damals und heute zu schildern. Im kleinen Museum im World Trade Tribute Center zeigt er uns die Feuerwehrausrüstung seines Sohnes, der bei dem damaligen Einsatz ums Leben kam. Niemanden aus unserer Gruppe ließ diese Führung unberührt.

Etwas weniger emotional aber nicht weniger interessant fand ich die Besuche in den Networks von ABC, CBS und Bloomberg. Auch wenn es teilweise nur ein kurzer Einblick war, so habe ich doch einen Eindruck bekommen, wie diese Redaktionen aufgebaut sind und arbeiten, speziell natürlich in Vorbereitung auf die Wahl.

Dann endlich der 4. November: Wahltag. Er begann mit einem Besuch in Hoboken, einem Stadtteil von New York, westlich des Hudson Rivers. Wir hatten einen Termin in der Hoboken-Highschool, deren Eingangsbereich zum Wahllokal umfunktioniert wurde. Wir trafen Schüler, die eigentlich schulfrei hatten, alle mit einem anderen sog. Migrationshintergrund. Erfrischend zu hören, wie sie die Wahl-Kandidaten und Vizepräsidenten beurteilten. Nur einer zeigte Flagge für John McCain und Sarah Palin. Obama wird diese Wahl gewinnen, da waren sich die anderen Jugendlichen aus Kolumbien, Mexiko oder Russland einig.

Wie feiern New York und Amerika den Wahlsieg von Obama, genau das wollte ich sehen. Deshalb zog es mich in der Wahlnacht auf die Straße, zum Time Square oder Rockefeller Election-Plaza. Hier hatte die großen Networks wie ABC, CNN oder NBC die größte Wahlparty der USA organisiert. Tausende Menschen waren auf den Beinen. Dann für viele die Erlösung: „Obama ist next president“ lief short and simple am Rockefeller Center über ein Text-Laufband. Langanhaltender Jubel wie bei der Fußball Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland. Fremde Menschen fielen sich tränenüberströmt in die Arme, Taxifahrer hupten doppelt so viel wie sonst, ganz New York, die Mehrheit Amerikas hat ihren neuen Präsidenten gefeiert: „Yes, we can“ und „Ja, wir waren dabei.“

———

Michael Föh, Norddeutscher Rundfunk, Hamburg

Während unseres Aufenthaltes beherrschten zwei Themen nicht nur die Medien, sondern auch alle unsere Termine und Reiseziele: Die Finanzkrise und der Präsidentschaftswahlkampf. Die meisten Gesprächspartner hielten sich mit Prognosen zurück, denn in den USA ist auch bei einer Wahl alles möglich. Die Umfragen sprachen schon klar für Barack Obama, und auch die Mehrheit unserer Gesprächspartner schien schon sehr auf einen Obama-Sieg zu hoffen.

1. Woche: Washington D.C.

Nach einer ausführlichen Sightseeing-Tour am Sonntag besuchten wir während der Woche verschiedene Hörfunk- und Fernsehsender. Eine Redaktionskonferenz der Michel-Martin-Sendung beim öffentlich-rechtlichen National Public Radio, ein Einblick in den Privatsender WTOP, der vor allem mit Verkehrsnachrichten und Wetter in der Staustadt Washington Erfolg hat und darüber hinaus einen unglaublichen „Verkehrsexperten“ am Mikrophon hat.

In Zeiten der Finanzkrise hatten Matthew Streit und Brian Darling von der konservativen Heritage Foundation einen eher schweren Stand. Weniger staatliche Regulierung passten in diesen Tagen so gar nicht mit dem staatlichen 700-Milliarden-Hilfsprogramm von George Bush für die U.S.-Banken zusammen. Der Think Tank hat eigene Radio- und TV-Studios, rund 200 Mitarbeiter und wohl vor allem keine eigenen Geldsorgen. Wenn man deren Experten schalten möchte, zahlt man lediglich die Satellitenkosten. Ein sehr aufschlussreicher Termin. Übrigens spielen die Think Tanks in Washington ihre eigene Betriebssport-Softball-Liga aus. Der Abend endete überaus gelungen zuhause bei der großartigen Roxanne mit einer Welcome-Party.

Nach Besuchen an der George-Washington –University und der Georgetown-Law-School erzählte Thomas Berbner im ARD-Studio sehr aufgeschlossen und kurzweilig von seinen fünfeinhalb Jahren Korrespondentendasein. Danach folgte wieder ein netter Abend mit vielen interessanten Gesprächen, auch mit ehemaligen amerikanischen Rias-Teilnehmern bei den National Academies.

Klaus Scharioth, der Deutsche Botschafter in Washington, gab uns einen kleinen Einblick in seinen Arbeitalltag, die Frühstückstreffen mit Angela Merkel und seinen Ausblick auf die deutsch-amerikanischen Beziehungen in der Nach-Bush-Ära. Eindrucksvoll war aber auch der Besuch bei der US Naval Academy in Annapolis. Jimmy Carter, Ross Perot und John McCain studierten auf diesem Campus der Navy. Eine eher schräge Erfahrung war der anschließende Termin beim United States Naval Institut, ein Art Navy-Think-Tank. Teilweise fühlte ich mich ein wenig wie im Top-Gun-Kinofilm. Keine unserer Fragen wurde wirklich beantwortet. Aufschlußreich war das Gespräch trotzdem, weil sich hier eine weitere Facette Amerikas zeigte, wenn auch eine uns Deutschen wohl eher fremde.

Großartig war der Termin beim Pew Forum: Nach dem Gespräch mit dem charismatischen Direktor Luis Lugo versteht man wesentlich besser, warum Religion und Patriotismus so wichtige Pfeiler darstellen für die amerikanische Gesellschaft und deshalb auch zentrale Bedeutung für den Präsidentschaftswahlkampf haben. So hat nach Studien des Pew Forums beispielsweise der Faktor „Anzahl der Kirchgänge“ der Wähler mehr Einfluß auf deren Wahlentscheidung als der Grad der Bildung. Ein U.S.-Präsident sollte sich also gläubig geben. Gleichzeitig wünschen Amerikaner keinen Einfluß der Kirche auf die Politik.

Erstaunlich war auch der Besuch im State Department: Das Presse-Briefing mit dem smarten Pressesprecher Robert Wood war schon kurios. Der offizielle Teil verlief relativ unspektakulär mit recht speziellen Fragen und meist der Zusage, die entsprechenden Informationen nachzuliefern. Nach dem offiziellen Teil rauschten dann plötzlich alle Journalisten nach vorne, um über „Hintergründe“ zu sprechen. Die meisten kommen vermutlich nur wegen dieses Teils der Veranstaltung.

2. Woche: WLNS Channel 6, Lansing, Michigan

Großer Dank geht an meinen Host Dave Akerly, der sich rührend um mich während meiner Zeit in Lansing gekümmert hat. Er ist ein erfahrener Nachrichten-Anchor, war nach dem verheerenden Orkan „Kathrina“ in New Orleans und wird heute noch auf sein Interview mit Condoleeza Rice angesprochen, weil währenddessen die Hauptstraße und der angrenzende Highway komplett gesperrt wurden. Er hat schon mit Basketball-Legende Magic Johnson (stammt aus Lansing) gegolft und weiß einfach alles über Sport. Wir haben stundenlang über Gott und die Welt gesprochen. Washington und New York sind die Städte, in denen es vielleicht mehr zu entdecken gibt. Aber die Woche mit Dave in Michigan möchte ich auf keinen Fall missen.

Bei der Qualität der Fernsehbeiträge müssen wir uns in Deutschland nicht unbedingt verstecken. Meist dreht der Kameramann einfach drauflos. Zum Antexten von O-Tönen wird auch schon mal der O-Ton-Geber ziemlich schmerzfrei dazwischengeschnitten. Bilder scheinen im optischen Medium Fernsehen für amerikanische Nachrichtenredaktionen keine sonderlich wichtige Rolle zu spielen. Wenn ich die meist sehr jungen Autoren nach ihrer Geschichte oder auch nur nach einem roten Faden für ihren Beitrag gefragt habe, schaute ich in irritierte Gesichter.

Die Ohren legte ich bei den Produktionsbedingungen an. So habe ich eine Sportreporterin begleitet, die abends für zwei Beiträge bei zwei verschiedenen Highschool-Football-Spielen gedreht hat. Die O-Töne macht sie alleine mit der Kamera auf der Schulter und dem Mikro in der freien Hand. Im Sender hat sie um 21 Uhr beide Stücke und zusätzlich Teaser geschnitten und getextet. Anschließend hat sie sich geschminkt und den rund zehnminütigen Sportteil der Sendung um 23 Uhr gemeinsam mit einem Kollegen moderiert.

Schon vor der Finanzkrise waren Lansing, Detroit und generell Michigan wirtschaftlich gebeutelte Regionen. Ich weiß nicht, ob das Milliarden-Programm für Ford, GM und Chrysler sinnvoll ist oder das Grundproblem nur vertagt würde. Aber wenn man Detroit sieht, kann man erahnen, was ein Zusammenbruch auch nur eines der drei Automobil-Riesen für die Region bedeuten würde. Dave zeigte mir die schönen, aber eben auch die deprimierenden Seiten von Detroit. Die Autofirma Packard ging schon in den 50er Jahren pleite. Die Überbleibsel der kilometerlangen Fertigungsstraße gammeln seitdem vor sich hin. Heute stehen meterhohe Bäume in den verlassenen Werkstätten. Auch die Ruine des ehemaligen Hauptbahnhofs steht wie ein Mahnmal in zentraler Lage, ein paar Autominuten von Downtown und den Messehallen der berühmten Detroiter Autoshow entfernt. Downtown besuchten wir eines der skurrilsten Gebäude, die ich je gesehen habe. Das stattliche Haus, in dem Henry Ford vor über 100 Jahren an seinem ersten Auto herumbastelte, beherbergte später ein großes Theater für Broadway-Produktionen und ein Kino mit 4000 Plätzen. Heute ist es ironischerweise ein Parkhaus. Man sieht noch die aufwendigen Deckenverzierungen und einige Logen, sogar Teile der Vorhänge sind noch da, darunter stehen statt der Theatersessel heute parkende Autos.

Ein weiteres Highlight neben WLNS war mein Besuch bei Virg Bernero, dem Bürgermeister von Lansing. Ein unheimlich aktiver und engagierter Politiker. Mit viel Aufwand versucht er Downtown Lansing wiederzubeleben, abbruchreife Gegenden wieder aufzubauen, Häuser zu renovieren, neue Jobs anzusiedeln, zumindest einige Studenten der renommierten Michigan State University im Lande zu halten und irgendwie eine Idee für die Nach-Verbrennungsmotor-Auto-Ära zu finden. Außerdem setzt er sich für eine freundlichere Parkpolitik ein! Es soll weniger Tickets geben, und die Verkehrspolizisten werden nicht mehr an der Anzahl der Strafmandate gemessen. Sein Ziel: Die Leute sollen sagen: Der Verkehrspolizist war nett und sehr hilfsbereit. Und falls ich tatsächlich einen Strafzettel bekäme, soll ich ihn anrufen, dann würde er sich persönlich darum kümmern.

3. Woche: New York

Bei der Abyssinian Baptist Church in Harlem muss man eine Stunde vorher da sein und sich einem relativ unfreundlichen Anstellritual unterziehen, dass so gar nicht zu der warmen angenehmen Atmosphäre in der Kirche passt. Dafür wird man wiederum mit dem Chor und einem charismatischen Pastor Calvin O. Butts belohnt.

Der Besuch des Tribute WTC Visitor Center wurde durch die ergreifenden persönlichen Geschichten und Schicksale sehr emotional.

Die Peterson Foundation sorgt sich im 48. Stockwerk mit Blick auf den Central Park um das Haushaltsdefizit der USA. Dieser Think Tank existiert erst seit acht Monaten. Hier war auch spannend, wie der Direktor David Walker, auch persönlich schon wieder eine interessante Person, in kurzer Zeit mit Know-How und viel Geld eine einflußreiche Stiftung aufbaut.

Am Wahltag erlebten wir zunächst eine engagierte Diskussion mit Schülern einer High-School-Klasse in New Jersey. Den Wahlabend und die Entscheidung habe ich am Times Square verfolgt: Eine Stimmung wie bei der Fußball-WM, mit „Public Viewing“, hupenden Taxifahrern, lachenden Polizisten und einer einmaligen Party-Stimmung.
Die Vereinten Nationen versprühten eher einen gewissen 50er-Jahre-Charme. Die veralteten Strukturen der UN zeigen sich also auch im baulichen Zustand der Räumlichkeiten. Erstaunlicherweise durften wir uns sogar am Rednerpult und im Sicherheitsrat zu Fotos aufbauen.

Bei Bloomberg TV saß gerade Brad Pitt als Interviewgast. Die Konferenzräume und Großraumbüros hinter einer riesigen Glasfassade wirkten eher wie ein Ableger des Museum of Modern Art. Vielleicht sieht so die Zukunft des Fernsehschaffens aus. Gewöhnungsbedürftig für deutsche Datenschützer dürfte das Computersystem sein. Dabei kann man z.B. im Büro in Tokio über ein Ampelsystem sehen, das der Kollege in New York eigentlich gerade an seinem Platz sitzen müsste.

Nach dem Rias-Programm verstehe ich viele Zusammenhänge in den USA besser. Ich habe tolle Erfahrungen gesammelt und viele beeindruckende Persönlichkeiten kennengelernt. Daneben waren es aber auch die Gespräche mit den „normalen“ Menschen, die diese Reise unvergesslich machen. Jon Ebinger war ein sehr angenehmer „Gruppenleiter“, auch wenn er oft aufs Tempo drückte (bzw. drücken mußte).

Medien und Politik in den USA sind immer spannend, erst recht natürlich in der heißen Phase eines Präsidentschaftswahlkampfes. Ob es eine historische Wahl war, muß sich noch in Zukunft erweisen. Auf jeden Fall war es aber eine ganz besondere für mich.

———

Christiane Hoffmann, Zweites Deutsches Fernsehen, Mainz

Vierter November 2008, kurz vor Mitternacht, New York City, Times Square: Tausende Menschen stehen dicht gedrängt auf dem Platz zwischen den Hochhäusern — so viele wie nur an Silvester, heißt es. Sie tanzen und jubeln, doch es ist keine Party sondern Wahlnacht, eine besondere, auf die sich während unserer Reise alles zugespitzt hatte.

Ein ohrenbetäubendes Kreischen und Jubeln brandet plötzlich auf, als auf den riesigen Bildschirmen an den Gebäuden Barack Obama erscheint, an seiner linken Hand seine kleine Tochter. Die große Tochter und Frau Michelle folgen kurz dahinter. Alle sind abgestimmt in schwarz-rot gekleidet, perfekte Dramaturgie. Seit knapp einer Stunde ist klar — Barack Obama wird George W. Bush im Amt des U.S.-Präsidenten folgen. Ein klarer Sieg war das an dem Abend.

Doch Obama wird ein schweres Erbe antreten — nach Irak-Krieg und mitten in einer Wirtschafts- und strukturellen Krise. Genau auf diese nahe Zukunft scheint Obama die U.S.-Bürger vorbereiten zu wollen. Doch auf dem Times Square geht seine Rede von den wirtschaftlich schweren Zeiten, die vor der Tür stehen, im Jubel zehntausender zumeist junger Leute unter. Sie feiern Obama, den ersten afro-amerikanischen Präsidenten an diesem Abend wie einen Popstar.

Es ist ein Hauch von Zeitenwende, der mir auch einige Tage zuvor in Wahllokalen in Atlanta (Georgia), der Stadt von Martin Luther King, entgegen wehte. Hunderte von jungen African-Americans reihten sich stundenlang in Schlangen ein, um ihre Stimme abzugeben. Würden wir das in Deutschland tun, nur die Kanzlerin zu wählen? Viele von ihnen gaben zum ersten Mal ihre Stimme ab. Und das war ja auch das Erfolgsrezept von Obama: Die Jungen übers Internet zu mobilisieren, ihnen eine Idee zu geben, sie für die Politik und Zukunftsfragen ihres Landes zu interessieren.

In dieser Reihe steht auch das Gespräch mit Jungen und Mädchen der Hoboken Highschool in New York. Hier wurde das Vorurteil von der desinteressierten U.S.-amerikanischen Jugend widerlegt. Solch eine leidenschaftliche Diskussion über die beiden Präsidentschaftskandidaten von 15jährigen mitzuerleben, war fantastisch. Das Wahllokal in der Schule war dagegen um die Mittagszeit leider leer. Dafür erklärte uns der Wahlhelfer den Wahlautomaten.

Diese Momente direkt miterleben zu dürfen und ein Gefühl für Land und Leute und die Vielfalt von Menschen und Ansichten zu bekommen, waren für mich die eindrücklichsten Erlebnisse der Reise mit dem RIAS-Programm. Den politischen Background gab es in vielen Gesprächen, die Jon Ebinger in den beiden Wochen in Washington und New York organisiert hatte — sei es bei der sehr konservativen Heritage Foundation, deren Vertreter sich ganz sanft gaben. Oder beim Jewish Committee, wo es vor allem um deutsch-amerikanische Beziehungen ging. Oder bei einem Besuch beim Black Entertainement Television (BET) und der „Multikulti“-Show von Michelle Martin bei NPR. Die Frage nach der aktuellen Politik, nach Obama und den Erwartungen der Menschen war immer da. Und neben einem Einblick in die mediale und gesellschaftspolitische Landschaft waren die verschiedenen Antworten darauf für mich das spannendste bei dieser Reise.

Viele Hintergrundinformationen, wenn auch keine leichten Themen, gab es am Wahltag in der Peter Peterson Foundation in New York. Der Blick aus der ca. 60. Etage war beeindruckend, die Themen, wie die USA zukunftsfähig gemacht werden können und welche Probleme dem Land bevorstehen, überaus interessant. Erschreckend war, dass diese Ideen offenbar recht neu sind und nicht längst Einzug in die Politik genommen haben. Spannend wäre es gewesen mit Vertretern der Wahlkämpfer zu sprechen oder ein Wahlkampfbüro zu besuchen. Dasselbe gilt für den Besuch bei der Stock Exchange, der aufgrund der aktuellen Ereignisse abgesagt wurde.

Das Highlight im medialen Sektor war für mich die Woche bei CNN. RIAS-Fellow Melissa Long von CNN.com in Absprache mit mir hatte ein umfassendes Programm organisiert. So gab es Gelegenheit die wichtigsten Bereiche und Sendungen von CNN zu besuchen. Für mich als Nachrichtenredakteurin eine einzigartige Möglichkeit, mir ein Bild über die U.S.-Arbeitsweise zu machen. Ergänzend dazu war der eintägige Aufenthalt beim lokalen TV Sender WXIA. Es lohnt sich einen Blick in die lokale Berichterstattung zu werfen und sollte beibehalten werden. Außerdem konnte ich an einer Veranstaltung zu Ethik im Journalismus bei CNN teilnehmen. Und ein bisschen Entspannung gab es beim Dreh mit Melissa auf der größte Känguru-Farm außerhalb Australiens, die sich in Georgia befindet. Und Halloween in einer amerikanischen Familie mitzuerleben war für mich auch ein besonderes Erlebnis.

Insgesamt waren die drei Wochen dick gefüllt mit Programm und Ereignisse in diesem besonderen Jahr. Und es wird noch eine Weile dauern, alles zu verarbeiten. Wir waren dabei, bei diesen historischen Momenten für das Land und vielleicht ja für die Welt.

———

Sven Lohmann, Norddeutscher Rundfunk, Hamburg

Die freundliche, offene, sogar herzliche Art der Amerikaner ist bestaunenswert. Vor allem für einen verschlossenen Norddeutschen wie mich. Jeder dort freut sich, mit einem überzeugenden Strahlen im Gesicht, Dich — ja gerade Dich — kennenzulernen. Und jeder fragt bei der Begrüßung gleich einfühlsam nach, wie es einem denn so gehe? Dass der Amerikaner die Antwort gar nicht abwartet und schon während des Fragens weiterzieht, sollte einen nicht irritieren. Er muss das tun. Es geht schließlich um die positive Stimmung. Die Wohlfühlatmosphäre. Der Amerikaner liebt das. Ein Abwarten auf die Antwort wäre da schlichtweg zu heikel.

16 Termine im Verlaufe der ersten Woche in Washington waren ein strammes Programm mit interessant klingenden Gesprächsgastgebern: vom lokalen Privatradio über einen Fernsehsender für Schwarze bis zum Chef des Naval Institute. Völlig klar: Je mehr man von diesen Leuten erfahren wollte, desto besser mussten die Fragen sein, die wir ihnen stellen. Und unsere Gruppe war gut. Extrem gut sogar. Schon gleich beim ersten Termin — der Redaktionssitzung einer Radiotalkshow — quittierte die Frontfrau eine Frage nach den Schwierigkeiten bei der täglichen Themenfindung mit dem Ausruf „good question“. Die Stimmung war nach so einem Treffer gleich um einiges konzentrierter. Wohlfühlatmo und motivierte Stimmung. Und klar: weitere gute Fragen mussten folgen. Um es vorweg zu nehmen. Bei allen folgenden Terminen gelang uns so ein scoop. Besonders gut fühlten wir uns, wenn bereits die Eingangsfrage mit einem „good question“ bedacht wurde, wie bei den beiden Vertretern der Heritage foundation, einem konservativem think tank, die George W. Bush intern als nur schwer zu ertragenen Linken betitelten! Weitere Lobes-Steigerungen für uns: „wonderful question“ oder „this question is a really good one“. Immerhin vom Medien-Professor der George Washington University und ehemaligem Präsidenten-Redenschreiber Lee Heubner ausgesprochen und der weiß wovon er spricht. Mir persönlich gelang sogar eine „great question“. Dabei wollte ich eigentlich nur wissen, wie der unabhängige Militär think tank Naval Institute an seine Informationen aus Kriegsgebieten kommt, um ihre Einschätzungen und spätere Meinungsmache zu fundieren. Schade zwar, dass ich darauf keine richtige Antwort bekam, aber immerhin war die Frage offenbar ein Treffer.

Wer so freundlich ist, soll das auch zurückbekommen, dachte ich und nahm mir vor bei meiner Fernsehstation in Bend / Oregon auch mal so ein anerkennendes „good question“ loszulassen. Lee Anderson — der Anchorman dieses sehr kleinen lokalen Senders und mein host hatte hauptsächlich Fragen zur Fußballbundesliga und der richtigen Aussprache einiger deutscher Wörter, die er mit Vorliebe vor sich hinbrabbelte. Bei ihm ergab sich keine Gelegenheit. Auch weil er ohnehin wenig fragt und eher permanent Witze reisst oder Geschichten erzählt. Zum Beispiel über die amerikanische Art Weißwürste zu grillen und den Ekel, den er bei Freunden auslöst, wenn er die Weißwürste kocht und dann auch noch in den Mund steckt. Daneben habe ich einiges über Lokalfernsehen lernen dürfen. Zum Beispiel, dass das Studio durchaus gleichzeitig als Kameralagerraum, Schnittplatz und staff-exit dienen kann und dass damit niemand ein Problem hat. Auch nicht, dass der Betrieb während der laufenden Sendung und Moderation munter weitergeht. Oder dass die zwei Kollegen im control room die Jobs des Regisseurs, Bildmischers, Tonmanns, Kameramanns, Bildingenieurs, Grafikers und MAZers allein erledigen. Und dass einen morgens immer sechs bis neun perfekt gestylte Jungreporterinnen begrüßten, die eher den Anschein erweckten, sie seien beim Casting von Americas next Topmodel und nicht auf der Spur nach dem nächsten größeren Autounfall, einem Feuer oder einem Familiendrama, über das sie berichten müssen. Jede war halt stets bereit für eine eventuell anstehende Live-Schalte.

Bei den rasenden Reporterinnen war ich tatsächlich in der Rolle des Beantworters. Aber bei Fragen wie: „Kennst Du Karaoke?,“„hast Du schon mal Countrymusik gehört?,“„würden unsere großen Autos bei Euch in Deutschland auf die Straße passen?“ oder „habt Ihr auch Restaurants mit Buffet?“ fand ich die Aussage „good question“ irgendwie nicht passend. Außerdem hatte fellow Michael bahnbrechende neue Informationen. In seinem Fernsehsender in Michigan galt es als herbe Schlappe, sollte einer der Reporter bei seinen Interviews eine „good question“-Entgegnung erhalten. Begründung: Wenn ein Gesprächspartner „good question“ sagt, hat er mit der Frage gerechnet und sich darauf vorbereitet. Eine Ohrfeige also!

Die Folgen für die letzte Woche in New York liegen auf der Hand. „Good questions“ mussten vermieden werden. Einige spannende Fragen stellten sich: Wer wird neuer Präsident der USA? In welcher Stimmungslage sind die Amerikaner vor der Wahl, wie werden sie auf den Ausgang reagieren und warum lassen sie sich so was gefallen?

Letzte Frage bezieht sich auf unseren Besuch bei Bloomberg, dem Wirtschaftssender. Man kann auch sagen: Dem Herzinfarktverursacher für jeden deutsche Datenschützer. Jeder Raum — bis auf die Toiletten — waren verglast, jede Halle mit Überwachungskameras ausgestattet. Die New York Direktorin demonstrierte uns nicht ohne stolz, wie sie an ihrem PC genau beobachten könne, ob ein Mitarbeiter am PC arbeite, letzterer zwar hochgefahren aber inaktiv sei oder ob der Mitarbeiter gar nicht arbeite. Selbstverständlich fanden sich über jeden Bloomberger umfassende Datensätze — abrufbar per Mausclick. Mitarbeiter, die den Sender einmal verlassen, dürfen übrigens nie wieder zurück in die Gemeinschaft. Firmenphilosophie. Ein Hightec-family-Sender, der sich für seine Transparenz feiert. Eine etwas andere Interpretation von Wohlfühlatmosphäre. Es lohnte sich, dort genauer nachzufragen. Gelobt wurden wir dafür nicht.

Bei anderen dafür schon. Beim American Jewish Committee, bei CBS oder an der Journalisten-Uni kam große Freude über Fragen auf, die sie offenbar erwartet hatten. Aber: Sie wurden weniger. Am Wahltag trafen wir auf eine Gruppe 16jähriger Schüler, die uns mit Fragen löchern durften. Selbstverständlich ließen wir uns die Gelegenheit nicht nehmen, bei einer typischen Deutschlandfrage auch mal eine Bewertung vorzunehmen: „Good question!“. New York war eher die Woche des Dabeiseins und Nachempfindens. Am Ground Zero, als uns zwei Amerikaner über ihre Söhne erzählten, die am 11. September als Feuerwehrmänner im Einsatz ihr Leben ließen.

An jedem anderen Ort das Beobachten eines Volkes im Wahlfieber. Das Hoffen der McCain-Anhänger auf die Wende, das Zittern der Obamas vielleicht doch noch auf der Ziellinie abgefangen zu werden. Jubelnde Amerikaner nach der Wahl, Autokorso, Stimmung wie bei einer Fußball-WM auf dem Time Square. Zweifelsohne war es ein perfekter Zeitpunkt, mit dem RIAS-Programm in den USA zu sein. Wie es mir während meiner Zeit in den USA ging? Ausgesprochen gut!

———

Dr. Elke Mayer, Phoenix, Bonn

Begegnungen

Das strahlenumkränzte Haupt der Freiheitsstatue, amerikanisch-kitschig, der Hintergrund pink — es begegnet mir nun täglich in der Redaktion. Die Kollegen haben die Postkarte aus New York so aufgehängt, daß ich sie jeden Tag sehe. So bleiben die Eindrücke von drei Wochen USA präsent. Eine Reise, die mich von der Ostküste bis zur Westküste führte. Quer durch ein Land im Aufbruch, dessen politischen Wandel am 4. November 2008 wir unmittelbar miterleben durften. Was bleibt, das ist die Erinnerung an vorhersehbare oder ganz zufällige Begegnungen. Menschen, die mir die USA in dieser spannenden Zeit nähergebracht haben.

Washington D.C.

Dr. Luis E. Lugo zum Beispiel. Den quirligen Direktor des „Pew Forum on Religion and Public Life“ treffen wir am Donnerstag der ersten Woche in Washington D.C. In einem feudalen Gebäude aus Marmor und Glas an der L Street leitet der gebürtige Kubaner eine im Jahr 2000 gegründete Institution, die sich selbst als „fact tank“ bezeichnet. Das Ziel: Interaktionen zwischen Religion und Politik ausloten. Das Forum erstellt Analysen und Berichte, führt Umfragen zu religiösen Einstellungen durch. Nicht nur angesichts der bevorstehenden Präsidentschaftswahl ein hochbrisantes Gebiet, werden in den USA religiöse Einstellungen doch zunehmend zum Dreh- und Angelpunkt der öffentlichen Meinung. 60% der Amerikaner würden niemals einen Atheisten zum Präsidenten wählen. Beide Präsidentschaftskandidaten, Obama und McCain, zeigten sich im Wahlkampf also demonstrativ offen gegenüber den Religionen, so Dr. Lugo, der uns die Erkenntnisse seines Instituts durch zahlreiche Graphiken und Schaubilder illustriert. Danach könne Obama mit den Stimmen der schwarzen Protestanten und der katholischen Latinos rechnen. Jüdische Wähler zeigten sich ihm gegenüber skeptischer als gegenüber vorherigen demokratischen Kandidaten, da Obamas Israel-Politik bisher keine klaren Konturen zeige. Sarah Palin habe die Evangelikalen nach einigen Verstimmungen wieder sicher hinter die Republikaner gebracht. Und, durchaus aufschlußreich: Wer häufiger als einmal pro Woche den Gottesdienst besuche, tendiere eher dem republikanischen Wählerpotential zu als dem demokratischen. Über den tatsächlichen Ausgang der U.S.-Wahl kann auch der sympathische Dr. Lugo zu diesem Zeitpunkt nur Spekulationen anstellen. Eine Woche später aber lese ich eine Prognose des „Pew Forums“, die in allen großen U.S.-Zeitungen erscheint. Und die kommt dem tatsächlichen Ergebnis dann verdammt nahe.

Noch vor kurzem war Robert Wood an der amerikanischen Botschaft in Berlin, dann zog ihn das U.S. Department of State ab. Seitdem ist der Afroamerikaner Sprecher von U.S.-Außenministerin Condoleezza Rice. Täglich um 10.30 Uhr führt er ein Briefing für die Washingtoner Journalisten durch. Wir RIAS-Fellows nehmen ganz hinten Platz im „Carl T. Rowan Press Briefing Room“, der uns von zahlreichen Fernsehübertragungen her bekannt ist. Heute geht es um den Iran, nichts wirklich Brisantes, nur eine Handvoll Hauptstadtjournalisten sind gekommen. Keine gute Zeit für den Karrierediplomaten Woods: Zwei Wochen vor der Wahl ist die Luft raus, wichtige politische Entscheidungen sind nicht mehr zu verkünden. Rice weilt gerade in Mexiko, wo sie sich auf einem Kongress für die Sache der Frauen einsetzt. Mehr als eine Meldung ist das nicht wert. Trotzdem „business as usual“ für Woods. Sein Tag beginnt morgens um 7.30 Uhr mit der peniblen Prüfung der aktuellen Nachrichten- und Presselage, auch mal eine persönliche Abstimmung mit Rice. Ein falsches Wort wäre auch jetzt noch fatal! Woods gibt sich im Briefing hart und undurchdringlich, nachher im Gespräch mit uns RIAS-Leuten offen und persönlich. Seine Tage im Department of State sind gezählt. Noch bis zum 20. Januar, der Amtseinführung des neuen Präsidenten, bleibt er auf seiner Stelle. Bis dahin will er die neue Administration in der „transition period“ nach Kräften unterstützen. Was dann kommt? Wood, der fließend Deutsch spricht, will gerne wieder zurück an die amerikanische Botschaft in Berlin. In Deutschland wird der Amerikaner erneut willkommen sein.

Portland (Oregon)

Die zweite Woche des RIAS-Programms verbringe ich in Portland, der Hauptstadt des U.S.-Bundesstaates Oregon. Beim kommerziellen Fernsehsender und lokalen Marktführer „KGW-TV“ darf ich einen Blick hinter die Kulissen der amerikanischen Fernsehkollegen werfen. Hier im pazifischen Nordwesten der USA ist man liberal und wählt traditionell demokratisch. Die Verhältnisse sind klar. Weder Obama noch McCain halten es für nötig, in Oregon auch nur eine einzige Wahlkampfveranstaltung abzuhalten. Ausgerechnet hier treffe ich bei zwei Gelegenheiten auf stramme Republikaner.

„Paß `auf, sie glaubt, es ist vergiftet“, warnt Reporter Pat Dorris den Kameraman, als der mir ein Bonbon anbietet. Pat ist durch seine Wahrnehmung der deutschen Berichterstattung über die USA der felsenfesten Überzeugung, ich würde, wie überhaupt alle Deutschen, den Amerikanern abgrundtief misstrauen. Der 46-jährige ist Vater von zwei kleinen Söhnen, Gatte einer „fulltime mum“ und voll konservativer Ideale. Es dauert eine Weile, bis ich ihn davon überzeugt habe, daß man in Deutschland keine Vorbehalte gegen die Amerikaner hegt, allenfalls der Politik von U.S.-Präsident George W. Bush skeptisch gegenübersteht. Pat, politischer Reporter bei „KGW“, macht heute einen Beitrag über den Gouverneurswahlkampf im angrenzenden Bundesstaat Washington. Die Autofahrt dorthin — vorbei am gewaltigen Columbia-River, der nur ein paar Meilen weiter in den Pazifik mündet- gerät zu einem amüsanten Schlagabtausch zwischen Republikaner Pat und Kameramann Michael. Letzterer wählt demokratisch und hält Bush für den „schlechtesten Präsidenten, den wir je hatten.“ In Longview, einer der typischen amerikanischen, quadratisch angelegten Kleinstädte mit ein paar Flachbauten, wartet dann schon der republikanische Gouverneurskandidat Dino Rossi. Der ähnelt verblüffend George W. Bush, hat schon ein paar Mal vergeblich kandidiert und selbst Pat gibt nach dem Interview bedauernd zu, daß die politische Karriere von Rossi wohl am Ende sei. Sarah Palin, meint er plötzlich, sei auch eine schlechte Idee gewesen. Auf der Fahrt zurück nach Portland unterhalten Pat und ich uns glänzend- und essen darauf einen (garantiert unvergifteten) Burger bei Wendy`s.

Obama auf Tassen, McCain als Tischuntersetzer, Obama als Brieföffner, McCain als Punchball, Obama auf T-Shirts, McCain als Anstecker, Fähnchen von Obama und McCain auf Fenstern und in Vorgärten, lebensgroße Pappfiguren der Kontrahenten in Geschäften, eine Rückwärtsuhr, die ungeduldig, die Tage bis zur Präsidentschaft Obamas zählt… die Amerikaner zeigen sich in Sachen Wahlkampf-Devotionalien erfinderisch. Meine erstehe ich in Portland bei „Powell`s Bookshop“, dem nach eigenen Angaben größten Buchladen der USA. Er nimmt einen ganzen Block ein, Bücher und Kleinkram bis unter die Decke. Weil ich mich bei meinen Einkäufen nicht beherrschen kann, brauche ich danach einen weiteren Koffer. Den erstehe ich bei „Fink`s Luggage“ downtown Portland. Ein freundlicher älterer Herr mit ergrautem Bart und goldgerahmter Brille bedient mich und verrät mit einem auf Deutsch geäußerten „Dankescheen“, daß mein Englisch keineswegs akzentfrei ist. Wir kommen ins Gespräch. Harvey Fink stellt sich als jüdischer Einwanderer der 2. Generation vor, die Mutter stammte aus Litauen, der Vater aus Russland. Wegen der Verwandtschaft zum Jiddischen kann er ein bisschen Deutsch. Vor 40 Jahren ist Fink von New Jersey an die Westküste gezogen, hat das Geschäft mit den Koffern aufgebaut und vor kurzem an seinen Sohn Alex übergeben. Im Laden steht er immer noch::“I love this place, I get to meet such interesting people.“ Vom Kapitalismus ist der alte Herr zutiefst überzeugt. Leistung müsse sich lohnen. Es könne nicht angehen, daß diejenigen, die nichts leisteten, Geld vom Staat forderten. Obama mit seinen politischen Vorstellungen — für Fink kommt das einem Weltuntergang nahe. Liberale Journalisten hätten den Mann hochgeschrieben. Fink fragt mich jetzt nach meinem Beruf. Und ich muß zugeben, ja doch, ich bin eher eine liberale Journalistin. Trotzdem, wir trennen uns in Freundschaft. Ein paar Tage später sitze ich im Flieger, von Portland nach New York. Der bei Mr. Fink erstandene rote Koffer ist sicher im Flugzeug verstaut. Ich lese einen Roman des amerikanischen Schriftstellers Philip Roth. Da ist plötzlich von einem jüdischen Kofferladenbesitzer an der Westküste die Rede, der mich an meinen Mr. Fink erinnert. Offenbar ein durchaus typischer Amerikaner.

New York

Drei Tage vor der mit Spannung erwarteten U.S.-Wahl kommen wir nach unseren Praktikumsstationen in New York an. Ist das Lebensgefühl an der Westküste von „easy-going“ geprägt, so holt mich jetzt wieder der „fast pace“ der Ostküste ein. Mal zu Fuß, mal mit der Subway, aber immer in hohem Tempo geht es zu den Terminen, darunter der Besuch von Ground Zero und den Vereinten Nationen.

Beeindruckend ist unser Besuch an der Highschool von Hoboken in New Jersey, nur einen Katzensprung von New York entfernt. Dort bekommen wir am Vormittag des 4. November einen unmittelbaren Eindruck vom Ablauf des Wahltags. In der Highschool stehen hochmoderne Wahlautomaten mit Touch-Screen, nach und nach bilden die Wähler davor lange Schlangen. In den USA herrscht die höchste Wahlbeteiligung seit hundert Jahren. Hier treffen wir auch die Lehrerin Rachel Grygiel, eine blonde junge Frau, die für uns eine Diskussion mit ihren Schülern organisiert. Die sind alle zwischen 16 oder 17 Jahre alt, bestens informiert — und mit klaren Präferenzen. Für einen schwarzen Jungen ist McCain definitiv der bessere Kandidat. Eine andere Schülerin findet sich durch die republikanische Kandidatin für das Amt der Vizepräsidentin, Sarah Palin, an eine „Kosmetikverkäuferin“ erinnert und schämt sich für sie „im Namen aller Frauen“.

Für den Abend hat uns David Harris, der Exekutive Director des American Jewish Committee, zur „Election Night Watching Party“ in die „Naked Lunch Bar“ in SoHo eingeladen. Am Abend des 4. November hält es uns dort aber nicht lange. Viel spannender sind Times Square und Rockefeller Center. Ab 18.00 Uhr füllen sich die Plätze mit Menschen. Am Times Square haben sich die amerikanischen Fernsehsender CNN und ABC positioniert, am Rockefeller Center MSNBC. Der Stand der Ergebnisse lässt sich über blaue und rote Säulen ablesen, die auf das Gebäude projiziert werden. Auch über große Fernsehschirme verfolgen die Menschen die Wahlergebnisse in den einzelnen Bundesstaaten. Hier in New York ist die Tendenz deutlich: Begeisterte Rufe, wenn ein Staat an Obama geht. Schweigen, wenn McCain gewinnt. Fliegende Händler verkaufen ihre letzten Sticker und Fähnchen. Noch vor Mitternacht ist dann die Wahl entschieden. Rund 140 Jahre nach Abschaffung der Sklaverei steht ein Afroamerikaner an der Spitze der USA.

Vier Tage später noch ein kurzer Blick auf die Freiheitsstatue (viel Zeit für Stadtbesichtigungen hatten wir nicht!), dann geht es schon wieder zurück nach Deutschland. Durch das RIAS-Herbstprogramm 2008 durfte ich Menschen kennenlernen, die mir einen intensiven Einblick in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft der USA ermöglichten. In einer Zeit, die in die Geschichtsbücher eingehen wird.

———

Melanie Montag, Hessischer Rundfunk, Frankfurt am Main

Oregon ist anders. Es ist der einzige Bundesstaat der USA, der aktive Sterbehilfe erlaubt — und das schon seit Ende der 90er Jahre. Als erster Staat hat Oregon eine Abgabe auf Getränkedosen eingeführt. Oregon erhebt keine Verkaufssteuer. Und als einziger Bundesstaat wählt Oregon den neuen U.S.-Präsidenten ausschließlich per Brief — Polling Stations wie überall sonst gibt es hier nicht.

Eugene scheint der Inbegriff dieses Andersseins zu sein — diese Universitätsstadt, 130 Meilen südlich von Portland und etwa eine Autostunde von der Pazifikküste entfernt. Sehr unaufgeregt, sehr umweltbewusst. Es fahren öffentliche Busse und es gibt viele Radwege.

„We’re really engaged here in Eugene“, sagt Bill, der Moderator bei meiner Gast-Radiostation, KKNU.FM, New Country 93.3 — und zeigt mir ein Foto seiner Familie. Zwölf Kinder haben seine Frau und er, nur drei davon sind ihre leiblichen. Alle anderen hat das Paar als Pflegekinder aufgenommen oder adoptiert. Bills Frau hat eine Stiftung gegründet, die hilft, für Kinder neue Eltern zu finden. Und mein Host Tracy, die Nachrichtenfrau bei KKNU.FM, zeigt mir viele ähnliche Beispiele: Die Foodbank von Lane County, die mit Hilfe vieler Freiwilliger tonnenweise Lebensmittel sammelt und an Bedürftige weitergibt. Next-Step-Recycling, wo in einer Lagerhalle aus Computerschrott neue Rechner zusammengesetzt und für wenig Geld an die abgegeben werden, die sich keine neue Technik leisten können. Greenhill Humane Society, ein Tierheim, dass nur dank vieler Freiwilliger und Spenden existiert. Die Organisation Relief Nursery, die kostenlos benachteiligte Kinder betreut und auch deren Eltern hilft, um Gewalt und Missbrauch in Familien vorzubeugen.

Ich frage Tracy, ob es normal ist, dass so viele Amerikaner sich freiwillig für alle möglichen Zwecke engagieren. Sie sagt, es gebe zwar auch überall sonst solche Einrichtungen, aber Eugene sei da schon etwas Besonderes. Das wird gern auch mit den vielen Hippies erklärt, die sich in den 70er Jahren hier niedergelassen haben und sich jetzt — in die Jahre gekommen — nach wie vor für die Gemeinschaft einsetzen.

In meiner Woche in Eugene wird mir aber auch klar: Nicht alles ist anders in Oregon. Auch hier kämpfen die Menschen mit der Finanz- und Wirtschaftskrise. Einer der größten Arbeitgeber der Stadt hat sein Werk für Speicherchips gerade geschlossen. Mehrere hundert Menschen haben ihre Jobs verloren. Als ich den lokalen Radiosender KLCC in Eugene besuche, ist eine der Top-Meldungen, dass ein sehr berühmtes Restaurant downtown nach 28 Jahren geschlossen hat. „Café Zenon“ hatte schon seit einer Weile mit Problemen gekämpft. Die Verluste an den Finanzmärkten und die Sorgen der Menschen um ihr Geld haben das Geschäft schließlich in die Brüche gehen lassen. In einem anderen Stadtteil zeigt mir Tracy einen Komplex neu gebauter Reihenhäuser, für die keine Käufer gefunden werden. Und auch die vielen Nonprofit-Organisationen in Eugene spüren die finanziellen Probleme der Menschen. Bei der Foodbank von Lane County bewerben sich viel mehr Menschen als üblich für günstige Lebensmittelpakete. Auch die Relief Nurseries haben mehr Zulauf von Familien, „die niemals gedacht hätten, dass sie Probleme bekommen und auf uns zurückkommen würden“, erzählt Irene, die Chefin hier. Oft seien Jobverlust und finanzielle Ängste der Anlass für familiäre Schwierigkeiten und Gewalt.

Und: Auch in Eugene ist Wahlkampf, wenn auch verhalten und eher hinter verschlossenen Türen. Im Kampagnenbüro von Barack Obama telefonieren in diesen letzten Tagen vor der Abstimmung dutzende Freiwillige, um die Menschen davon zu überzeugen, wählen zu gehen. Ein Wahlkampfbüro der Republikaner oder sogar von John McCain suchen wir allerdings vergebens. Das liege möglicherweise in Utah, höre ich später im Scherz. Denn Oregon ist traditionell ein „blue state“ und wird am Wahlabend genau so klar wie die Nachbarstaaten Washington und Kalifornien an den Demokraten Obama gehen. „Ich kann es nicht erwarten, dass die Wahl endlich vorbei ist,“ sagt Bill, der Country-Moderator, eine Woche vor dem heiß ersehnten 4. November. Der mehr als 20-monatige Wahlkampf hat die Leute politikmüde gemacht, hier genauso wie in den Metropolen an der Ostküste.

In der Wahlnacht auf dem Times Square in New York, muss ich an Bill und die anderen denken — als ich zuerst John McCain, dann den künftigen Präsidenten Barack Obama auf der CNN-Großbild-Leinwand reden sehe. Ja, sie alle haben lange warten müssen. Aber dafür sind sie jetzt auch mit einem sehr besonderen Moment belohnt worden. Ich frage mich, ob Politik in Deutschland einen solchen kollektiven Freudentaumel auslösen könnte — und bin mir sicher, die Antwort ist nein, wenn man vom Mauerfall einmal absieht. Eine Frau neben mir — sie ist schwarz und um die 30 — sagt, sie könne sich an keinen glücklicheren Moment in ihrem Leben erinnern. Und es klingt nicht einen Moment wie eine Floskel.

———

Stephanie Naab, Südwestrundfunk, Mainz

Washington — Salt Lake City -New York

„Get the black man in the white house“ steht da in weißen Buchstaben auf Dales schwarzem T-Shirt. Er ist Professor für Journalismus an der Brigham Young University. Und für die nächsten zwei Tage mein Host. Dale ist Mormone. Wie fast alle Menschen in Provo, Utah. Als er mich am nächsten Morgen abholt, fahren wir erst einmal zum gemeinsamen Frühstück in einen Coffee Shop. Gemeinsam mit einem Kollegen von Dale. Sein Kollege möchte mich nachmittags mit in seinen Unterricht nehmen. Das Thema seines Kurses: Wie funktionieren die Medien in anderen Ländern? Und wie haben historische Ereignisse die Richtlinien der Berichterstattung eventuell beeinflusst? Ich soll vor allem ein bisschen was darüber erzählen, wie sich die Medien in Deutschland seit dem dritten Reich entwickelt haben. Er hätte gelesen, dass die Berichterstattung seitdem sehr um Neutralität bemüht sei. Und das wäre für seine Studenten sehr spannend, wenn ich über diese Entwicklung etwas erzählen könnte. Auf den Schock brauche ich erst mal einen Kaffee. Aber die Kaffeemaschine im Coffee Shop funktioniert nicht. Dann erst fällt mir auf, dass ich die Einzige bin, die überhaupt einen Kaffee bestellt hat. Mormonen trinken nämlich neben Alkohol auch keinen Kaffee. Ich versuche also mit Orangensaft wach zu werden. „Das fängt ja gut an“, denke ich. Dann wird der Tag doch noch ausgesprochen nett. Bevor ich meinen Vortrag halten soll, sind noch andere aus dem Seminar an der Reihe. Eine Studentin aus Venezuela berichtet über den Einfluss der Medien unter der Chavez Regierung. Ein Student aus Finnland über das öffentlich-rechtliche Fernsehen in seiner Heimat. Dann bin ich an der Reihe. Nicht auf alle Fragen weiß ich sofort die passende Antwort, aber es wird eine spannende Unterhaltung. Auf dem Campus gibt es auch einen Radio- und einen Fernsehsender für die Studenten. Für ihre Fernsehnachrichten mittags auf CNBC haben sie schon mehrere Preise gewonnen. Wer hier seinen Abschluss macht, der will etwas werden. An der Wand hängt eine Liste von erfolgreichen Absolventen. Einer ist jetzt Reporter bei CNN. Da wollen irgendwann mal alle hin.

Den Rest der Woche verbringe ich in Salt Lake City. Hier steht der Tempel der Mormonen. Eine riesige Kathedrale in strahlendem Weiß. Aber man muss schon lange nicht mehr Mormone sein, um in Salt Lake City zu leben und zu arbeiten. Ich besuche die Salt Lake Tribune, die größte Tageszeitung von Salt Lake City; einen öffentlichen Radiosender und einen privaten Radio- und Fernsehsender. Die tägliche Reporterroutine dreht sich in den nächsten drei Tagen um eine Tote auf dem Highway, einen Überfall in einem Motel, die Gesundheitsprüfung der Schulkantinen oder die Haushaltsdebatte im Rathaus. Und natürlich um die Wahlen. Salt Lake City wählt normalerweise republikanisch. Aber auch hier ist Barack Obama das erste und letzte Gesprächsthema. Wird er es schaffen? Oder gewinnt doch noch John McCain? Jeder, den ich treffe, will von mir wissen, wie die Deutschen über die Wahlen in Amerika denken. Darin habe ich mittlerweile schon eine gewisse Routine.

Denn auch schon die Woche zuvor in Washington — unsere erste Rias Woche — bekamen wir schnell Übung darin. Egal ob konservativer Think Tank, deutsche Botschaft oder die Kollegen im ARD-Studio — das Gesprächsthema waren natürlich die Wahlen und warum wer das Rennen machen wird. Und jede zweite Frage, die wir stellen ist eine „gute“ Frage.

„That is a very good question!“ Heisst übersetzt aber eher so viel wie „Diese Frage haben wir uns auch schon gestellt und suchen noch nach der Antwort.”Überhaupt, Washington- ganz anders als ich es von meinem ersten Besuch einige Jahre zuvor in Erinnerung habe. Unser Hotel liegt direkt um die Ecke vom weißen Haus. Das hat eindeutig was. Trotz aller journalistischer Distanz und Neutralität ist es aufregend mittendrin zu sein. Obama Tassen, Obama Wackelpuppen oder McCain Briefbeschwerer feilschen in den Geschäften um die Gunst der Wahltouristen. Election goes Hollywood. Bloß nicht anstecken lassen. Concepcion Picciotto trägt keine Obama Buttons. Aber, dass sie gegen George Bush ist, weiß jeder sofort, der ihre Protestplakate liest. Seit 1981 protestiert Concepcion vor dem weißen Haus. Eigentlich darf man mittlerweile nicht mehr so nah am weißen Haus protestieren, aber weil Concepcion schon länger da ist als die neuen Sicherheitsbestimmungen, darf sie bleiben. Vorausgesetzt, ihr Proteststand ist rund um die Uhr besetzt.

New York, unserer letzten Station in den drei Rias Wochen, hat keine Concepcion — dafür aber den Times Square. Der wird in der Wahlnacht zum Wohnzimmer der Nation. Über alle Bildschirme flimmern die Wahlergebnisse. John McCain hält seine Abschiedsrede und gleich wird Barack Obama live aus Chicago sprechen. Amerika steht Kopf. Am Mittag waren wir noch in Hoboken, New Yersey. Haben eine High School besucht. Und während unten in der Eingangshalle die Wahlberechtigten ihre Stimme in den Wahlcomputer eingeben, sitzen wir oben in einem Klassenraum und unterhalten uns mit einigen Schülern über die Wahl und die Präsidentschaftskandidaten. Fast alle sind noch zu jung um zu wählen, aber alle haben eine Meinung. Das ist spannend. Es wird einer der interessantesten Nachmittage in New York. Am nächsten Tag, dem Tag nach der Wahl und Barack Obamas Präsidentschaftssieg, besuchen wir die Vereinten Nationen. Wandeln durch Gänge und Hallen, machen Fotos und lassen uns fotografieren. Dass Amerika in der Nacht seinen ersten schwarzen Präsidenten gewählt hat — hier irgendwie noch weit weg. Mit den Problemen im Sicherheitsrat wird der neue „President Elect“ wahrscheinlich noch früh genug konfrontiert werden. Am nächsten Tag sind wir noch bei Bloomberg News. Eine Welt für sich. Jeder Mitarbeiter loggt sich hier mit seinem Fingerabdruck ins System ein. Ach ja, und wie man hört ist Brad Pitt gerade da und gibt ein Interview. Nach unserem Besuch an der Columbia Universität wollen wir eigentlich noch zur Börse. Aber die Finanzkrise geht vor — unser Besuch fällt aus. No Visitors at this time!

Wir hatten trotzdem eine tolle Zeit! Haben viel gesehen, erlebt und viele „gute“ Fragen gestellt. Konnten umgekehrt hoffentlich auch ein paar Antworten geben. Über Deutschland und unsere Sicht der Dinge. Bleibt zum Schluss nur noch die Frage — mit welchen Protestplakaten Concepcion demnächst Barack Obama das Leben schwer machen wird. „That, indeed, might be the only true „very good question”…

———

Bianca Speck, Norddeutscher Rundfunk, Hamburg

1. Woche: Washington, D.C.

Ein strahlender Sonntagvormittag im Oktober. Wir stehen vor dem Weißen Haus mitten in Washington: Zwölf RIAS-Fellows, unser Programmkoordinator Jon und unsere Stadtführerin Linda. Und während Linda erklärt, wo sich genau das Oval Office befindet, kreist in meinem Kopf nur die eine Frage: Wer wird hier im Januar 2009 als neuer U.S.-Präsident einziehen? Barack Obama oder John McCain? Eine Frage, die sich während unseres dreiwöchigen Amerika-Aufenthalts beantworten wird.

Ein umfangreiches Programm hat Jon für uns zusammengestellt. Ein Termin jagt den nächsten. „Look nice! Dress sharp!“ — so lautet Jons Ansage. Business–Klamotten sind im Mutterland der Jeans für uns täglich Pflicht. Und zugegebenermaßen — dem Programm angemessen. Wir besuchen zum Beispiel den deutschen Botschafter, sind bei einer Pressekonferenz im Department of State dabei oder führen ein Gespräch mit Vertretern der konservativen, einflussreichen Heritage Foundation. Und wenn uns bei einem der zahlreichen Meetings auf unsere Fragen zunächst mit „Good question!“ oder gar mit „Excellent question!“ geantwortet wird, wissen wir, dass wir unsere amerikanischen Gesprächspartner (zumindest scheinbar) für uns gewonnen haben.

In der Zentrale des National Public Radio (NPR) sitzen wir dicht gedrängt in der Redaktionskonferenz der Talkshow „Tell me more“. Nie hätte ich es für möglich gehalten, dass in den USA so engagiert, kritisch und konstruktiv über eine Sendung diskutiert wird. Michel Martin, afroamerikanische Moderatorin und seit über 25 Jahren Journalistin, zieht uns alle in ihren Bann. Auf die bevorstehende Wahl und Barack Obama angesprochen, reagiert die sehr tough wirkende Michel plötzlich emotional. Sie habe es sich bis vor kurzem kaum vorstellen können, dass ein Schwarzer möglicherweise bald U.S.-Präsident werden könnte.

Beim kommerziellen Sender WTOP schildern uns Reporterin Kate Ryan und Programmdirektor Jim Farley lebendig ihre Arbeitsbedingungen im volldigitalisierten Radioalltag. Der Radioreporter ist hier längst zum Multimedia-Reporter avanciert: nicht nur Mikrofon und Aufnahmegerät gehören zu seiner Standardausstattung, sondern auch Foto- oder Videokamera und iPod. Wenn Kate von einem Ereignis vor Ort berichtet und ihre 35-sekündigen Nachrichtenaufsager schreibt, wird von ihr auch erwartet, Bilder für das Webangebot des Senders zu liefern. Arbeitsbedingungen, die uns in Deutschland in den nächsten Jahren auch bevorstehen könnten. — besonders beeindruckt sind wir aber von WTOP-„traffic man“ Bob. Der Verkehrsfunker mit den grauen Haaren muss alle zehn Minuten die neuesten Staumeldungen während der „rush hour“ in D.C. liefern. Dazu überwacht er diverse Webcams, hört ganz ungeniert den Polizeifunk ab, telefoniert mit Staumeldern und hat für alle Fälle einen großen Satz Straßenkarten zur Hand. Nach zehn Minuten in seinem Mini-Studio fragen sich die meisten von uns, wie er dieses „Multitasking“ nur Tag für Tag aushalten kann. Immerhin macht er den Job schon seit 1979…

Wir treffen auch deutsche Kollegen in Washington. Im schönen Stadtteil Georgetown besuchen wir das ARD-Studio. Fernsehkorrespondent Thomas Berbner erzählt uns vom Arbeitsalltag und von den Vorbereitungen für die geplanten Wahlsendungen. Schließlich dürfen wir uns noch das Wahlstudio anschauen. Schnell machen wir noch einige Erinnerungsfotos am Moderatorenpult, wo Jörg Schönenborn und Co. am 4. November die aktuellen Hochrechnungen verkünden werden.

Welchen großen Einfluss die Religion bei der Wahlentscheidung der Amerikaner spielt, erfahren wir im Pew Forum on Religion and Public Life. Der sehr charismatische kubanisch-stämmige Direktor Luis Lugo schildert uns, dass es für die meisten Amerikaner extrem wichtig sei, dass ein Präsident gläubig ist. Gleichzeitig erfahren wir von ihm auch, dass 13 Prozent der Amerikaner Umfragen zufolge immer noch fälschlicherweise annehmen, dass Präsidentschaftskandidat Obama Moslem sei. Der Besuch im Pew Forum — für mich eines der informativsten Meetings des RIAS-Programms.

2. Woche: Fernsehstation Fox 4 in Fort Myers, Florida

„Yes, we can! Yes, we can!“ hallt es durch den überfüllten Raum des Vineyards Community Center im feinen Naples an der Südwestküste Floridas. Es sind vor allem ältere Frauen und Männer, die an diesem sonnigen, aber kühlen Oktobermorgen zu der Wahlkampfveranstaltung der Demokraten sechs Tage vor der Präsidentenwahl gekommen sind. Nachdem sie von den lokalen Parteigrößen und einem Pastor eingeschworen worden sind, warten die Besucher auf eine Frau, die Präsidentschaftskandidat Barack Obama im „swing state“ Florida unterstützen will: Caroline Kennedy. Die 51-Jährige ist das einzige noch lebende Kind John F. Kennedys und seiner Frau Jackie. Ein bewegender Moment auch für mich, als die zierliche Frau schließlich ans Rednerpult tritt. Gut eine Woche zuvor hatte ich noch mit meinen RIAS-Fellows am Grab ihrer berühmten Eltern auf dem Arlington-Friedhof in Washington gestanden.

Caroline Kennedy wirbt in Naples mit einer nur achtminütigen Rede für Obama. Sie vergleicht das Charisma Obamas mit dem ihres Vaters, spricht sogar von einem möglichen „president like my father“. Jubel bei den etwa 300 Zuhörern. Danach hat Justine, die gut gestylte TV-Reporterin des Lokalsenders Fox 4, die ich an diesem Tag begleiten darf, noch ein „one-on-one“-Interview mit Caroline Kennedy. In einem schmucklosen Nebenraum des Gemeindezentrums darf sie fünf Minuten lang ihre Fragen stellen, dann kommt der nächste Lokalsender dran.

Nur eine halbe Stunde nach unserer Rückkehr zur Fernsehstation in Fort Myers steht Justines vollständiges Interview mit Caroline Kennedy bereits auf der Internetseite von Fox 4. Ihr Fernsehbericht in den Abendnachrichten um 22 Uhr darf nur zwei Minuten lang werden. Justine sichtet zuerst ihr Material, schreibt ihren Text, lässt ihn vom CvD abnehmen und macht dann ihre Sprachaufnahme. Das fertige Manuskript mit Timecodes gibt sie dem Kameramann, der nun nach ihren Anweisungen den Beitrag schneidet — die Reporterin natürlich stets mit im Bild, so will es der Sender. Beim Schnitt selbst ist Justine aber nicht mehr dabei. Eine andere Arbeitsweise als bei uns in Deutschland…

Nächster Morgen, Abfahrt 5.30 Uhr vor der Fox 4-Zentrale. Mit Reporterin Marisa und den Kameramännern Miguel und Jason geht es in der Dunkelheit los gen Norden — nach Sarasota. Ein Traum soll heute für mich in Erfüllung gehen: Ich werde Barack Obama sehen! Bei unserer Ankunft um kurz vor 7 Uhr ein für uns deutsche Journalisten schon medialer Ausnahmezustand vor dem örtlichen Baseballstadion: Zwölf TV-Satellitenübertragungswagen sind bereits einsatzbereit, die ersten Reporter der Morningshows berichten live aus Sarasota. Es hat sich eine mehrere hundert Meter lange Menschenschlange gebildet. Die ersten Obama-Anhänger stehen bereits seit 1 Uhr nachts hier und bibbern in der für Florida ungewöhnlichen Kälte. Um 9 Uhr wird das Stadion jedoch erst geöffnet, wir von der Presse dürfen schon um 8.30 Uhr hinein. Obamas Auftritt wird für 11.30 Uhr erwartet.

Als eines von mehr als 30 Kamerateams bauen wir uns auf einer der beiden Pressetribünen auf. Jedes akkreditierte Team bekommt eine markierte, zwei Quadratmeter große Fläche zugewiesen. Die großen Sender CNN und NBC stehen vor uns. Nur 20 Meter trennen uns vom Rednerpult. Nun beginnt das Warten. Langsam füllt sich das Stadion, Tausende nehmen auf den Zuschauerrängen Platz. Reporterin Marisa hat bereits ihren „Stand up“ für Fox 4 aufgezeichnet. Gegen 11 Uhr dann das „Warming up“ auf der Bühne: Zuerst ein Prediger, dann ein kollektiver Schwur auf die U.S.-Fahne und Ansprachen der örtlichen Parteigrößen. Anschließend singen alle die Nationalhymne. Plötzlich schwebt Barack Obama mit seinem Flugzeug bestens inszeniert über das Stadion — und alle jubeln ihm von unten zu, schwenken Amerika-Fähnchen. 20 Minuten später dann Riesen-Freude und „Obama, Obama“-Sprechchöre, als der Senator von Illinois endlich die Bühne betritt. Mehr als 30 Minuten wird er dann frei sprechen — über gerechtere Steuern, ein besseres Gesundheitssystem oder erneuerbare Energien. Immer wieder wird er von Beifallsstürmen unterbrochen. Die Zuschauer halten Schilder hoch mit „Yes, we can“, „Change we need“ oder „Obama, Biden“- Aufdruck. Obama wirkt wie ein Messias, von dem sich alle Großes erhoffen. Die Situation hat etwas Befremdliches und zugleich auch Überwältigendes. Ich hocke zwischen all den Kameras und Stativen und bin ebenfalls eingenommen von Obamas Charisma. Dabei kommt er mir eigentlich wie ein alter Bekannter vor, denn bei jedem Einschalten des Fernsehers während des RIAS-Programms habe ich spätestens nach zwei Minuten diesen Mann gesehen und diese Stimme gehört.

Nach unserer Rückkehr zum Sender in Fort Myers zeige ich meinem Host Patrick Nolan die vielen Fotos, die ich von Obama gemacht habe. Ich bin Patrick sehr dankbar, dass er mir ermöglicht hat, zu diesem unvergesslichen Dreh mitzufahren. Mein Obama-Rausch hält übrigens noch bis zum heutigen Tage an…

3. Woche: New York

„Vote here today — vote aquí hoy“. Auf Englisch und Spanisch prangt der Aufruf, hier heute wählen zu gehen, auf Schildern an den Eingangstüren der Hoboken High School. Denn die Schule in Frank Sinatras Geburtsstadt Hoboken/New Jersey, auf der anderen Seite des Hudson River gegenüber von Manhattan, ist an diesem historischen 4. November auch Wahllokal. Es ist der Tag der Entscheidung, auf den wir seit Beginn des RIAS-Programms hinfiebern, der immer wieder Thema in all den vielen Meetings war.

Wir lassen uns die amerikanischen Wahlautomaten zeigen und das Auszählungsprocedere erklären. Doch eigentlich sind wir wegen der Schüler der Hoboken High School hier. Obwohl sie am Wahltag unterrichtsfrei haben, sind einige Juniors und Seniors extra für ein Gespräch mit uns in der Schule erschienen. Es wird das für mich erfrischendste Treffen des RIAS-Programms. Die 16- und 17-Jährigen, die alle als Kinder von Einwanderern in den USA geboren wurden, diskutieren über die Präsidentschaftskandidaten. Ein temperamentvolles Mädchen mit karibischen Wurzeln bringt uns zum Lachen, als sie Sarah Palin, die Vize-Präsidentenkandidatin der Republikaner, als „Beleidigung für alle Frauen“ bezeichnet. Der einzige Schüler mit dunkler Hautfarbe in der Runde verteidigt tapfer seinen politischen Standpunkt — er würde als Einziger hier John McCain wählen. Ich bin beeindruckt. Denn ich hätte nicht erwartet, dass U.S.-Teenager so lebhaft über Politik streiten würden. Aber diese Wahl ist eben historisch. Dennoch macht mich auch einiges nachdenklich. Danach gefragt, was sie über Deutschland wissen, fällt den Schülern nur der Holocaust ein. Betretenes Schweigen im Klassenraum. Noch immer prägen die Gräueltaten der Nazis offenbar das Bild von Deutschland in Amerika. Erst auf meine Nachfrage hin, ob sie vom Fall der Berliner Mauer und der deutschen Wiedervereinigung gehört hätten, fällt den Schülern ein, dass sie doch noch etwas mehr über die deutsche Geschichte gelernt haben.

Wir sind dabei, als in den USA Geschichte geschrieben wird. Am Abend des 4. November zieht es einige RIAS-Fellows und mich auf den Times Square. Wir sind bestens ausgerüstet: mit Buttons und Obama-Fahnen in der Hand verfolgen wir auf der Großbildleinwand von CNN das Wahlgeschehen. Seit dem Schließen der ersten Wahllokale an der Ostküste liegt Obama in Führung. Doch es dauert noch einige Stunden, bis er die erforderliche Marke von mindestens 270 Wahlmännerstimmen überspringen wird. Um 23 Uhr schließen endlich die Wahllokale an der Westküste. Plötzlich Countdown-Stimmung in New York. Die Zuschauer zählen laut und im Chor: „Ten, nine, eight..“ Bei „Zero“ dann auf der Leinwand die Einblendung des Abends: „BREAKING NEWS: OBAMA ELECTED PRESIDENT.“ Die Menschen auf dem Times Square schreien auf vor Freude, reißen die Arme hoch, schwenken ihre Fahnen. Überall blitzen Fotokameras. Eine wildfremde Frau fällt mir um den Hals und weint vor Freude. Minutenlang hält der unglaubliche Jubel an. Die gelben Taxis fahren hupend im Autokorso vorbei. Ich habe Gänsehaut. Erstmals in der Geschichte der Vereinigten Staaten ist ein Schwarzer zum Präsidenten gewählt worden. Und wir sind live dabei und jubeln mit. Und spätestens nach Obamas Siegesrede ist allen klar: dieser Mann könnte die Welt verändern.

Am Morgen danach: der Run auf die New Yorker Tageszeitungen. Schon am Vormittag werden alle Ausgaben restlos ausverkauft sein. Die Amerikaner als Internet-Nation Nummer Eins wollen an diesem 5. November Papier in den Händen halten, sie wollen schwarz auf weiß lesen, was da in ihrem Land geschehen ist. Zum Glück kaufe ich bereits um kurz nach 8 Uhr die historische Ausgabe der New York Times. Die Titelschlagzeile: „Obama. Racial barrier falls in decisive victory.“ „Victory“ — dieses Wort und ein Foto Obamas sind auch auf den Button gedruckt, den ich an meinem Mantel trage, als wir die 45. Straße entlang zum Hauptquartier der Vereinten Nationen laufen, um dort die Generalversammlung oder den Saal des Weltsicherheitsrats zu besichtigen. Den ganzen Tag, überall in der Stadt werde ich an diesem 5. November positiv auf meinen Button angesprochen, vom schwarzen Straßenpolizisten an der Ecke bis hin zu Verkäufern bei Macy’s oder Kassierern bei Starbucks. Die New Yorker haben eben mehrheitlich die Demokraten gewählt. Und von diesem „Victory“ erhoffen sich viele den Wandel, den Neuanfang für ihr Land nach der Bush-Regierung. Diese Aufbruchstimmung der New Yorker hat mich angesteckt — und ein kleines Stück davon habe ich aus Amerika nach Deutschland mitgenommen.

Fazit

Das RIAS-Programm hat mich sehr bereichert. Es war sehr interessant und facettenreich: von den Treffen mit engagierten Radio- und Fernsehmachern, den Gesprächen mit Intellektuellen in den Stiftungen, think tanks und Universitäten bis hin zu der bewegenden Begegnung mit Hinterbliebenen im Tribute WTC 9/11 Visitor Center am Ground Zero. Das Programm in seiner Gesamtheit hat mir ermöglicht, ein differenzierteres Bild von Amerika und seiner Gesellschaft zu bekommen. Von den Amerikanern bin ich stets freundlich und offen empfangen worden. Während der historischen Präsidentenwahl am Programm teilnehmen zu dürfen, war wunderbar. Diese drei Wochen in den USA werden unvergesslich bleiben.

Herzlichen Dank für alles an die RIAS Berlin Kommission!

———

Kerstin Steinbrecher, Westdeutscher Rundfunk, Köln

Momentaufnahmen

Eigentlich wusste ich es. Abstrakt. Dass „die Amerikaner“ — oh weh! — ein entspannteres Verhältnis zu ihrer Armee haben als „wir Deutschen“. Dass sie viel eher bereit sind, im öffentlichen Leben Raum zu schaffen für kulturelle oder religiöse Besonderheiten. Dass sie, wenn sie etwas satt haben, nicht groß lamentieren, sondern Dinge selbst in die Hand nehmen (und häufig auch das nötige Geld dafür). Soweit die politisch unkorrekten Verallgemeinerungen. Schon nach einigen Tagen des RIAS-Programms merkte ich: „Wissen“ muss manchmal aufgefrischt, hinterfragt — und wenn nötig über Bord geworfen werden.

Tag 1

Die RIAS-Gemeinde formiert sich. Zwei von uns finden sich im ICE nach Frankfurt, im Flugzeug kommen weitere hinzu. Gemeinsam ist die Wartezeit an der Passkontrolle in Washington kürzer. Die junge blonde Dame von der Border Patrol scheint einen schlechten Tag zu haben. „What are you here for?“ Die Frage klingt wie ein Bellen. Meine Antwort nimmt sie wortlos entgegen. Fingerabdrücke! Ach so, ja. Fingerabdrücke!! Ihre Stimme wird eindringlicher, ich bin zu langsam. Schnell, schnell. Quick, don’t waste time. Es soll ein Leitspruch dieser Reise werden. Erst den Daumen der rechten Hand, auf den Scanner, dann die restlichen vier Finger der rechten Hand, dann dasselbe mit der linken Hand. Und ein Foto. Welcome to America, Land of the Free. Die Terroranschläge haben ihre Spuren hinterlassen. An vielen Stellen unserer Reise werden wir unsere Taschen durch Röntgengeräte schicken, wird das Piepsen der Metalldetektoren eine hektische Suche nach den Ursachen in deutschen Taschen und Mänteln auslösen.

Auf dem Weg zu einem der Großraumtaxis des Washingtoner Flughafens sehe ich, wie ein Border Patrol Officer, ein großer breitschultriger Schwarzer, auf einer Empore in einem Seitenflügel des Flughafens seine Stiefel auszieht, sie fein säuberlich neben sich platziert und sich gen Mekka verneigt. Ist es Zufall, dass ich das in Deutschland noch nicht gesehen habe?

Tag 3

„15 days to go before the election“: Egal welches Fernsehprogramm ich einschalte, überall prangt diese Erinnerung. Diese Wahl ist anders. Die Menschen sind interessiert. Aber die Menschen haben es gleichzeitig auch satt: so viele Monate Wahlkampf. Ein Hotelangestellter des Club Quarter Hotels trägt heute ein schwarzes T-Shirt mit einem glitzernden Obama-Konterfei aus Strass. Morgens, als ich bei Starbucks in der Frühstücksschlange stehe, reißt eine Frau die Tür auf und stürmt auf mich zu: „Tell your boss George Bush is a criminal. Tell him Amanda White said so.“ Ah so. Ja, das wird meinen Chef sicherlich interessieren. Auf der Straße steht eine kleine Frau, ihr Gesicht durch einen transparenten schwarzen Schleier komplett verhüllt. „Black Widows against Wars“ steht auf ihrem Schild. Woher nehmen die Menschen bloß den Glauben, dass sie auf diesem Weg etwas erreichen? Einfach dadurch, dass sie stundenlang an einer Straßenkreuzung stehen oder Wildfremde morgens im Café ansprechen?

Tag 5

13 days to go. Heute morgen laufe ich vor dem Frühstück um das Weiße Haus. Wie klein es doch in Wirklichkeit ist. Wie weiß es in der Oktobersonne strahlt — und wie nah man seinen Bewohnern kommen kann, auch wenn man nicht weiß, ob sie gerade da sind. Die Scharfschützen auf dem Dach bleiben meinem Auge verborgen. Wer wohl als nächstes hier residiert? Obama oder McCain? McCain oder Obama? Diese Frage taucht in unseren Gesprächen immer wieder auf. Obama, vermuten einige. Andere wiegen unschlüssig ihren Kopf. Man weiß es nicht. Ein junger charismatischer Präsidentschaftsanwärter. Kennedy war auch jung. Es wird doch nichts passieren? Manche scheinen fast abergläubisch. Hoffen, wagen es aber nicht in Worte zu fassen, aus Furcht, es würde in letzter Minute noch etwas passieren. Die Hoffnung auf „Change“ steht im Subtext vieler Konversationen. Obama oder McCain — egal, sagen andere. Wir brauchen dringend einen anderen Kurs. Und den bekommen wir — either way.

Tag 9

Acht Tage Washington machen Lust auf mehr, doch ich sitze schon im Flieger nach Austin, Texas. In Dallas steige ich um. Wäre ich Soldatin, hätte ich freien Zugang zu den Annehmlichkeiten der Senators’ Lounge: „GIs, we truly appreciate your service to this country. Please come in.”

Texas, ein „roter Staat”, fest in Republikaner-Hand. Neben mir im Flugzeug sitzt ein Arzt der Navy auf dem Weg zu einem wissenschaftlichen Kongress und kennt mindestens hundert gute Gründe, warum McCain der Kandidat seiner Wahl ist. Bis Dallas schaffen wir nur zehn. Ob Obamas Hautfarbe eine Rolle spielen könnte — die Frage ist so unamerikanisch unkorrekt, man mag sie gar nicht stellen. Findet man doch einen Weg sie subkutan in die Gesprächsvene zu injizieren, heißt es: „Ja, das kann sein.“ Ob das heißt: Es werden ihn mehr Menschen wählen wegen seiner Hautfarbe“ oder „Es werden ihn weniger Menschen wählen wegen seiner Hautfarbe“, mag keiner sagen — vermag aber auch keiner zu sagen, auch nicht die Analysten der vielen Talkshows.

Tag 10

Rachel, die amerikanische Journalistin, die mich während meiner „Station Week“ betreut, hat Termine für mich gemacht. Die Bürochefin von AP Texas führt mich durch das texanische Kapitol, den ehemaligen Amtssitz des noch amtierenden Präsidenten. Ein prächtiges Bauwerk mit strahlend-weißen Säulen, gediegen-dunklem Richter-Mobiliar und einem polierten Marmorboden. Ebenso wie die khakifarbenen Uniformen der State Troopers Insignien der Macht, die zumindest aus diesem Bundesstaat nicht wegzudenken sind. George W. lächelt etwas unbeholfen aus seinem Gouverneurs-Ölportrait — bald wird er nicht nur in Austin, Texas, sondern auch in Washington zur politischen Erinnerung geronnen sein. Obama oder McCain? 8 days to go until the election.

Tag 11

Ein Besuch des Bob Bullock Texas State History Museums lohnt sich. State of the Art Museumspädagogik. Robert Hicks, der Leiter, führt mich höchstpersönlich durch die Ausstellung „Cowboys & Presidents“. Er nimmt sich die Zeit und lässt es sich nicht nehmen, mit mir im museumseigenen Spirit Theatre Museum den halbstündigen Film „Spirit of Texas“ anzusehen — wohl zum hundertsten Mal. Ein Film? Eine Hymne, ein Lobgesang auf den texanischen „Can-do-Spirit“. Ein Hindernis in unserem Weg? Spornt uns Texaner noch mehr an. Jemand sagt, das geht nicht? Wir zeigen es ihm. Ich muss grinsen. Robert Hicks auch. „It wasn’t a subtle message, was it?“ fragt er später. Not exactly subtle, no. George Bush ist so, sagt Rachel später. Er hat den „Can-do-Spirit“ verinnerlicht und ist damit nicht nur den Europäern auf die Füße getreten, sondern auch vielen Amerikanern. Sie habe es selbst auf Pressekonferenzen gesehen. Dabei sei er doch eigentlich nur typisch texanisch. Typisch texanisch? Typisch amerikanisch? Oh je.

Tag 12

Die nächsten Tage verbringe ich an der School of Journalism an der Texas State University in St. Marcos. Die Studenten sind sehr viel besser informiert als der Durchschnitt der Bevölkerung. Wie an vielen amerikanischen Universitäten ist die technische Ausstattung ein Traum. Interessiert, aber auch ein bisschen ungläubig hören sie zu, was ich ihnen über das deutsche Rundfunkwesen erzähle. Öffentlich-rechtlich? Also „Public Radio“ — nur ohne Fundraising, ohne dass ständig Gelder eingetrieben und Sponsoren akquiriert werden müssen? Vielen erscheint es wie das Paradies. Ob es denn auch Crime-Reporting gäbe in unserer Station? Ich denke an das, was ich in den letzten Tagen allabendlich im Fernsehen gesehen habe. So, denke ich, gibt es das bei uns nur in Ansätzen. Ich versuche mich an einer diplomatischen Antwort.

Tag 14

Bei News8Austin, dem Fernsehsender, bei dem Rachel arbeitet, sitzen alle in kleinen Cubicles nebeneinander. Möchte jemand ein Live-Take machen, wird vorne im Newsroom eine Wand ausgeklappt — und zwei Sekunden später ist derjenige on air. Efficiency wins. Platz ist in der kleinsten Hütte, das ist eine Erkenntnis unserer vielen Besuche in amerikanischen Radio- und Fernsehstationen. Wir sehen Verkehrsreporter, die ohne eine einzige Notiz fünf Minuten Programm bestreiten, mit einer Verve, die jeden Chef neidisch und die den Verkehr zur Hauptattraktion des Programms machen dürfte. Wir sehen Reporter einer lokalen Radiostation, die beladen mit technischem Equipment zu ihren Einsätzen fahren — man kann ja nie wissen, ob man bei einem Termin nicht hier noch ein Bild schießen, dort noch schnell einen Text und oder ein Videoclip zuliefern kann. Efficiency wins. Geht nicht, gibt’s nicht. Ich treffe Menschen, die diese Leitsprüche verinnerlicht haben. Ich treffe andere, die bedauern, dass sich Journalistinnen und Journalisten immer weniger auf die Inhalte konzentrieren können.

Tag 16

New York heißt uns mit einem strahlend-blauen Himmel willkommen. Das hilft, morgens um sechs aufzustehen und in der reichlich verlotterten Metro einmal quer durch die Stadt zum Gottesdienst in der First Abyssinian Baptist Church zu gehen, während der Rest der Metropole sich bereit macht für den New York City Marathon. Gut gekleidete schwarze Männer, Frauen in ausladenden bunten Hüten, Kinder in ihrem besten Sonntags-Outfit gehen, nein, flanieren an uns vorbei. Der Gottesdienst gehört dazu zum allgemeinen Sonntagsritual in diesem Teil von Harlem. Ein Stück Selbstversicherung in einer nicht immer freundlichen Umgebung. Dann ist unsere Zeit gekommen. Weißlivrierte Helfer mit weißen Handschuhen weisen uns den Weg. Als internationale Gäste werden wir von dem charismatischen Prediger gesondert begrüßt, unsere Sitznachbarn reichen uns mit einem breiten Lächeln die Hand. Amen! Yeah! Kommentare gehören zu der Predigt, ebenso wie die Jazzimprovisationen am Klavier und der Gospelchor, der alle zum Mitsingen und Klatschen inspiriert. Eine schwarze Gemeinde, drei Tage vor der Wahl. Der Pastor schließt beide Kandidaten in sein Gebet mit ein. Obama und McCain. Möge der bessere gewinnen. Aber, sagt er, es ist wichtig, dass ihr wählen geht. Your vote counts!

Tag 18

Election Day! Wir sind einer Einladung des American Jewish Committee gefolgt. Auf dem Weg zu unserer Wahlparty in einer Bar in Chelsea kommen wir an einem Kino vorbei, an dem die Menschen wie jeden Abend Schlange stehen. Der Wahl-Virus hat offenbar nicht alle infiziert. Die Bar ist voll. Auf Dutzenden Bildschirmen tragen die Networks des Landes die Informationen zusammen. Staat um Staat färbt sich. Mal rot für McCain, mal blau für Obama. Erst gegen zehn steht fest: Amerika hat einen neuen Präsidenten, Barack Obama. McCain zeigt sich als guter Verlierer. Seine Rede beeindruckt. Ein guter Verlierer — auch das bedeutet etwas in Amerika. Auf dem Times Square herrscht

Weltmeisterstimmung. Menscheln jubeln, Schwarze und Weiße liegen sich in den Armen. Schwarze fangen vor Rührung an zu weinen, Oprah Winfrey auf dem Bildschirm ebenso wie die Menschen hier auf dem Times Square. Sie sprechen davon, dass ihre Kinder es immer gehasst hätten schwarz zu sein. Und dass diese Zeit nun vorbei sei, denn nun, nun hätten sie ein Vorbild. Einen neuen schwarzen Präsidenten. Schon jetzt ein Star, dem die Menschen zu Füßen liegen, noch zumindest. Wir fragen uns, welcher deutsche Politiker, welche deutsche Politikerin wohl vergleichbare Star-Qualitäten aufzuweisen hätte.

Tags drauf werden die Zeitungen schon mittags ausverkauft sein. Das Time Magazin, dass ein paar Tage später erscheint, wird streng limitiert. Mehr als zehn Ausgaben der „Commemorative Issue“ darf ein einzelner nicht kaufen. Hatten wir auch nicht vor, denn wir waren dabei, in diesem spannenden Land, zu dieser spannenden Zeit, bei dieser historischen Wahl.

Ob sich nun wirklich etwas ändern wird im Verhältnis zwischen Europa und den USA? Ob Obama es nun richten wird? Ob er eine Lösung hat für die angeschlagene Automobilindustrie und die darbende Weltwirtschaft? Wir können diese Fragen stellen, die Antworten vermag noch keiner zu geben.

Antworten sind es auch nicht, die von diesem RIAS-Programm haften bleiben werden. Es sind Eindrücke, Momentaufnahmen, die später zusammen gepuzzelt werden wollen. Es sind mehr Fragen geworden — und das Bedürfnis wiederzukommen.

———

Dirk Steinmetz, BLR & Radio Dienst HF-Agentur, Berlin

Kurz nach der Reise frage ich mich selber, was mich am meisten überrascht hat. War es die Offenheit und Freundlichkeit der Amerikaner, die (jedenfalls in den meisten Fällen) nicht aufgesetzt oder unecht wirkte? War es die Tatsache, dass die Amerikaner sich selbst über die Bewegung definieren, dass sie immer mobil sind, um ja keine Chance zu verpassen? War es ihr unerschütterlicher Optimismus? Oder ihr fester Glaube an die Zukunft auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten? Es ist eine Dreiwochen-Tour der Kontraste in einer Zeit der politischen und wirtschaftlichen Umbrüche.

„Manche Menschen sollten keine Kinder bekommen dürfen“, sagt Yami Virgin, Reporterin bei KABB-Fox-29 in San Antonio, Texas. Sie ist im sechsten Monat schwanger, hat bereits eine kleine Tochter. Die Geschichte, die sie heute recherchiert, schlägt ihr auf den Magen. Es geht um den Tod eines zweijährigen Mädchens. Cyleste Gonzales starb auf dem Weg ins Krankenhaus, nachdem Pflegeeltern den Krankenwagen gerufen hatten. Am ganzen Körper stellten die Ärzte Blutergüsse fest, ein Arm war gebrochen. Ob es ein Fall von Kindesmissbrauch ist, ein Fall von Vernachlässigung oder nur ein Unfall? Egal, die Fakten, die sie recherchiert, bringen Yami Virgin in jedem Fall auf die Palme. „Die Mutter war heroinabhängig, sie hat ihre ersten drei Kinder zur Adoption freigegeben,“ erzählt sie aufgebracht und gleichzeitig traurig, nachdem sie mit dem Child Protection Service gesprochen hat, dem Jugendamt. Die Frau bekam aber noch drei weitere Kinder, jetzt zwischen einem und vier Jahren alt. Sie gab sie zu Verwandten in Pflege, da sie gerade im Gefängnis sitzt und auch der Vater nicht verfügbar ist. Er sitzt nämlich auch. Und jetzt sitzen auch die Pflegeeltern, vorläufig jedenfalls.

Den ganzen Tag über sind wir hin- und hergefahren, vom Hauptquartier der Polizei zu dem Ort, an dem Cyleste gemeldet war. Eine schäbige Gegend, kleine beige Einfamilienhäuser stehen eng beieinander, dazwischen verdorrter Rasen, viel Müll und Unrat. Fliegen überall, die Kakerlaken im Vorgarten passen gut zu dem etwas süßlichen Geruch, der durch die Luft wabert. Der Ort, zu dem die Polizei gerufen wurde, ist drei Strassen weiter und auch nicht gerade eine Villengegend. Überall sind die Rollos heruntergelassen, stark beschädigte Autos stehen am Strassenrand. „Pass‘ auf“, raunt mir Yami zu, „man weiss nie, wie die Menschen hier reagieren.“ Auch Kameramann Brian ist vorsichtig. „Manche gehen gleich auf die Kamera los“, erzählt er. Er filmt, wie die Nachbarskinder mit faustgroßen Steinen werfen. Zum Glück nicht nach uns.

Genau eine Woche vorher durften wir RIAS-Fellows auf äußerst bequemen Ledersesseln Platz nehmen, in Washington, D.C., bei der streng konservativen Heritage Foundation. Blick aufs Kapitol, edle Möbel, dunkles Holz. Es gibt gekühlte Getränke und Kekse. Die klassischen amerikanischen Werte werden hier hochgehalten. Familie und so weiter. Welcher Kontrast zur Lockend Street, im Westen von San Antonio, in Alamo Hills, wo die kleine Cyleste zuletzt auf der Schaukel sass, bevor sie starb. Zum Capitol Hill sind es nur 1400 Meilen Luftlinie — gefühlt aber entspricht die Entfernung mehreren Lichtjahren. „Kultiviere eine Umgebung, in der die immerwährenden Institutionen der Familie und Religion blühen und ihre Rolle ausfüllen können, geordnete Freiheit in Amerika aufrechtzuerhalten,“ so steht es schwarz auf weiß in den Unterlagen der Heritage Foundation. Dass die Wirklichkeit mitunter anders ist, das habe ich in San Antonio, Texas, jedenfalls gelernt.

Gleich an diesem ersten Tag bei KABB lerne ich aber noch mehr. Zum Beispiel verstehe ich jetzt, wieso die Medien in den USA so schnell Details kennen, wenn es einen Kriminalfall gegeben hat: Es ist ganz simpel: Die Polizei gibt einfach die Unterlagen heraus. Da stehen die Klarnamen, die Adressen, die Nummernschilder der Autos drin. Aber auch andere Fragen können Yami und die anderen Reporter schnell klären: Wem zum Beispiel gehört das Auto, das vor dem Haus in der Lockend Street parkt? Ein Anruf bringt Klarheit, die Datensammlungen scheinen frei verfügbar zu sein. Ob das alles die Öffentlichkeit erfahren muss, steht hier nicht zur Diskussion. Völlige Informationsfreiheit nennt man das.

Es sind natürlich die offiziellen Gespräche im Rahmen des Gruppenprogramms, die einem einen tiefen Blick erlauben in das, was die Vereinigten Staaten ausmachen. Von Luis Lugo vom Pew Forum on Religion zu erfahren, wie wichtig für die Wähler die religiösen Ansichten des Kandidaten sind, erklärt auch, wieso sich der Wahlkampf so stark um den Glauben an Gott dreht — in Deutschland wäre das kein Thema. Vom früheren Drei-Sterne-General Thomas L. Wilkerson, Chef des U.S. Naval Institutes keine Antwort darauf zu bekommen, was amerikanische Soldaten denken, war zwar nicht ergiebig, aber dennoch aufschlussreich. Während man bei diesem Gespräch glaubte, die Kälte der Macht zu fühlen, werden wir im World Trade Memorial in New York City von Lee Ielpi warmherzig empfangen. Der Feuerwehr-Veteran hat beim Anschlag des 11. September seinen Sohn Jonathan verloren, der Aufbau des Museums und das Gedenken an den Terroranschlag scheinen ihm Kraft zu geben.

Es sind aber auch andere Begegnungen außerhalb des offiziellen RIAS-Programms, die mein Amerika-Bild verändern. Nicht, dass ich zuvor ein zu negatives oder zu positives Bild im Kopf hatte — nach den drei Wochen formen sich die Eindrücke der Reise aber auf jeden Fall zu einem umfassenderen, differenzierteren und auch intensiveren Gesamtbild. Da ist der 71-Jährige texanische Scheidungsanwalt, der im Flugzeug von Dallas nach La Guardia, New York, neben mir sitzt. Ein lebenslustiger Kerl ist er, verheiratet mit einer 40-Jährigen. Es ist seine dritte Ehe, drei doppelte Scotch sind seine einzige Flüssigkeitszufuhr während des Flugs. „Wir müssen zusehen, dass die klerikalen Bibel-Leser endlich aus dem Weißen Haus rausfliegen,“ raunt er mir zu. Feuer und Flamme ist er für Obama, will dass sich schnell etwas ändert in den internationalen Beziehungen, dass die USA nicht mehr isoliert sind. Von Texas als „Bush-Land“ konnte man jedenfalls keineswegs reden.

Und selbst Pannen und Zwischenfälle bleiben dank der Hilfsbereitschaft der Amerikaner nicht als Negativerlebnisse hängen. Dass in den USA alles etwas größer ist, merke ich auf dem Flughafen von Dallas-Fort Worth, als ich mit dem Zubringerzug 15 Minuten zu meinem Anschlussterminal fahre. Und dann 15 Minuten wieder zurück, weil ich am falschen Terminal war. „Everything ok“, sagt mir die Dame am Gate. Kaum im Flugzeug, schließen sich schon die Türen… Auch eine dicke Beule im Mietwagen, deren Verursacher einfach weiterfuhr, ohne sich darum zu kümmern, ist halb so schlimm. Polizei-Officer und Mietwagen-Bediensteter reagieren ganz locker: „Dafür haben Sie ja eine Versicherung.“

Immer wieder hat mich in den drei Wochen überrascht, wie sehr die U.S.-Amerikaner daran interessiert sind zu erfahren, was das Ausland über sie denkt. Mehrmals muss ich erklären, dass die Deutschen in ihrer Meinung über Amerika zwischen der U.S.-Regierung und den U.S.-Bürgern unterscheiden. Öfter als erwartet, treffe ich auch U.S.-Bürger mit deutschen Wurzeln. Jeder zweite scheint entweder einen deutschen Großvater zu haben oder mit der Army in Deutschland stationiert gewesen zu sein. Eine Mitarbeiterin von American Airlines in San Antonio ist höchst erfreut, als sie hört, dass ich aus Deutschland komme. „Oh ick war in Heidelbörg, mit mein klein Mädschen.“ Und ein älterer Herr, der mich mit Info-Broschüren und einem Stadtplan versorgt, erzählt mir von seiner Zeit in Ramstein und Frankfurt/ Main. Ob sie deshalb mehr daran interessiert sind, was außerhalb ihres eigenen Landes gedacht wird, weil sie lange im Ausland waren? Der Besuch in der Hoboken Highschool in New Jersey scheint dann die Vorurteile zu bestätigen, dass die Amerikaner hauptsächlich interessiert, was in den eigenen Landesgrenzen passiert. Den 16-Jährigen Schülern dort fällt zu Deutschland leider nur „Holocaust“ und „Hitler“ ein.

Es ist unglaublich, wie viel man von den USA sehen kann in nur drei Wochen. Und wo man mit dem RIAS-Programm überall hinkommt… Deutsche Botschaft, CBS, ABC, Bloomberg — das habe ich gar nicht geschafft, detailliert zu erwähnen, tolle Termine waren es allemal. Manchmal schnappten wir alle nach Luft — natürlich, weil wir überwältigt waren von den Eindrücken, seltener auch, weil wir außer Puste kamen wegen Jons schnellem Schritt. Es sollte ja keine Fotoreise sein, aber beeindruckend war es auch, hinter dem dunklen Rednerpult in der Generalversammlung der Vereinten Nationen zu stehen oder direkt neben dem großen Tisch des Sicherheitsrates. Und am Times Square selbst dabei zu sein in der Wahlnacht, die Begeisterung der dort feiernden Amerikaner hautnah zu erleben und den neugewählten Präsidenten Barack Obama auf der Großbildleinwand zu sehen — Was für eine Nacht! Das war dann noch das Tüpfelchen auf dem „i“. So etwas erlebt man vielleicht nur einmal im Leben.

———

Hans-Joachim Wiese, Deutschlandradio Kultur, Berlin

Barack Obama. Als wir in Washington ankamen, war er noch Präsidentschafts-Kandidat. Wie ein Messias schwebte er über dieser Reise, wie ein neuer Heilsbringer, mit dessen Wahl alles gut werden würde. Es gab buchstäblich keinen Termin, bei dem nicht wenigstens eine Frage zu Barack Obama gestellt wurde, und alle, wirklich alle Befragten gaben sich mehr oder weniger offen als Obama-Fans zu erkennen. Wo waren nur all die McCain-Anhänger geblieben?

Ich hatte mich bei meiner Kollegin Sylvia Burian vom NDR, die das Programm ein Jahr zuvor absolviert hatte, erkundigt. Sie hatte mich gewarnt: das wird kein Erholungstrip, Jon Ebinger, unser Betreuer, habe ein dicht gedrängtes Programm zusammengestellt, und er stelle hohe Ansprüche an Disziplin und Leidensbereitschaft. Wie wahr! Die erste Woche in Washington war hart, aber auch hoch interessant.

National Public Radio. Doch irgendwie sehr anders als unser Öffentlich-Rechtliches. Von Spenden leben die, wenigstens zum Teil. Undenkbar hierzulande. Aber das Programm scheint deutlich anspruchsvoller zu sein, als das der Privaten in den USA. Michel Martin, Anchor-Woman einer Multikulti-Sendung, ist faszinierend und unterhaltsam. Lisa Shepard, die Ombudsfrau bei NPR, leider weniger, obwohl auch ihr Job wichtig ist. Barack Obama? Klar, bei NPR sind alle für ihn.

Die Heritage-Foundation: alerte, (relativ) junge Männer, nett, freundlich. Leider vertreten sie die falschen Auffassungen, aber zu denen stehen sie. Scharfe Kritik an Obama? Selbst hier, in diesem erz-konservativen Think-Tank: Fehlanzeige.Lee Huebner von der George Washington Universität ließ uns über die Super-Ausstattung staunen, über die die Journalisten-Ausbildung dort verfügt. Bei rund 50 000 Dollar Studiengebühr im Jahr darf man die aber wohl auch erwarten. Sind die U.S.-Journalisten deshalb besser als andere? Wenn man das Fernsehprogramm zugrunde legt, sind Zweifel erlaubt. Thomas Berbner von der ARD und der deutsche BotschafterKlaus Scharioth gaben uns interessante Ein-und Ausblicke in und auf die U.S.-Politik aus deutscher Sicht. Auch sie waren sich sicher: es kann nur einen neuen U.S.-Präsidenten geben: Barack Obama.

Ein Höhepunkt: WTOP News Radio. Bessere und mitreißendere Vertreter ihrer Station als Kate Ryan und Jim Farley sind kaum vorstellbar. Da wurde sogar der Verkehrsfunk zum Event. Anders Black Entertainment Television. Pamela Gentry, Senior Political Producer, vergab mit ihrem uninspirierten Auftritt die Chance, auf die Bedeutung ihres Programms hinzuweisen. Was auf den ersten Blick eher dröge Kost erwarten ließ, entpuppte sich als wahrer Informations-Tsunami: Luis Lugo vom Pew Forum überflutete uns förmlich mit Ergebnissen seiner Umfragearbeit. Wichtigste Erkentnis: in den USA spielt die Religion eine ganz bedeutende Rolle, viel bedeutender als bei uns. Zitat Lugo: „Bester Indikator für das Wahlverhalten ist die Häufigkeit des Gottesdienstbesuchs.” Luis Lugo wollte sich übrigens als einziger nicht auf einen Wahlsieger Obama festlegen. Aber das gehört wohl zu seinem Job.

Ziemlich beeindruckt und auch etwas ermattet vom Programm in Washington kam ich in South Bend, Indiana, zu meiner Praktikumswoche an. South Bend, wo ist das denn? Genau das hatte ich mich bzw. meine Vorgängerin Sylvia Burian auch gefragt, als ich von meinem Schicksal erfuhr. Die Stadt liegt etwas östlich von der Südspitze des Michigan-Sees, gar nicht weit von Chicago entfernt. Also nicht wirklich wie befürchtet im Nirgendwo. Okay, richtig viel los ist in South Bend nicht. Aber letztlich entpuppte es sich als das „wahre” Amerika, viel authentischer als Washington oder New York.

Mein Host, CJ Beutien, ist ein, nun ja, etwas zurückhaltender Mensch. Seine deutschen Vorfahren stammen aus der Gegend von Lübeck. Mag sein, dass er noch einige norddeutsche Gene beherbergt. Als Flensburger sind mir die durchaus nicht fremd, weshalb ich sehr gut mit CJ klar kam. Er empfing mich nicht mit einem komplett ausgearbeiteten Programm, sondern erwartete von mir, dass ich Wünsche äußerte und selbst aktiv würde.

Was ich dann auch tat. CJ ist der Nachrichtenchef von WNDU, einer der beiden örtlichen Fernsehstationen. Ich fuhr also einige Male mit einem Team raus zum Dreh. Keine weltbewegenden Themen: Probleme bei der Auszahlung des Arbeitslosengelds im Arbeitsamt, öffentliche Anhörung zu fehlenden Steuerzahlungen eines nahen Kasinos oder erster Spatenstich für eine kleine Bahnstation. WNDU ist ein typischer U.S.-Regionalsender, bei dem die Wetterberichterstattung eine ganz wichtige Rolle spielt. Für mich als Radiomensch war das eine völlig neue, sehr interessante Erfahrung. Wobei mir auch auffiel, unter welchem Druck die Kolleginnen und Kollegen in den USA arbeiten müssen. Regelarbeitszeit von 9 bis 19 Uhr, oft auch länger, mehrere Beiträge am Tag, dazwischen Live-Auftritte im Studio. Häufig Wochenenddienste. Eine Woche Jahresurlaub als Berufsanfänger, später zwei Wochen. — Wir jammern in Deutschland auf hohem Niveau!

Wie gesagt, CJ hatte kein Programm für mich ausgearbeitet. Das war auch gut so, denn so wenig prickelnd South Bend als Stadt ist, so interessant ist die nähere Umgebung. Nicht weit entfernt ist „Amish-Country”. In Shipshewana etwa leben die Amish-People heute noch wie vor 300 Jahren. Die schwarz gekleideten, tief gläubigen Nachkommen der so genannten Wiedertäufer aus Deutschland und der Schweiz verzichten auf alle Annehmlichkeiten des modernen Lebens, wie Elektrizität oder Autos. Sie bewegen sich auch heute noch in ihren schwarzen, geschlossenen Pferdekutschen fort und sprechen untereinander einen merkwürdigen altdeutschen Dialekt.Ich konnte ihn nicht verstehen.

Indiana ist übrigens ein durch und durch roter, also republikanischer Staat und das schon seit Jahrzehnten. Aber auch hier waren sich mein Gastgeber CJ und alle anderen Gesprächspartner keineswegs sicher, dass das so bleiben würde. Neben diverser Schießereien war Barack Obama jedenfalls auch in South Bend das herausragende Thema.

Nach dem ruhigen und provinziellen South Bend traf mich das hektische und aufgeregte New York wie ein Schock. Glücklicherweise sorgte Jon mit einem erneut dicht gedrängten Programm dafür, dass sich der gar nicht erst vertiefen konnte. American Jewish Commitee, Ground Zero, CBS News, UNO, Peterson Foundation: alles sehr interessante Termine. Ein Besuch bei Bloomberg News. Ist das das Fernsehen der Zukunft? Aseptisch und glatt gebügelt?

Aber dann der 4. November. Wahltag. Der Tag, auf den alle gewartet hatten. Er begann mit einem Besuch der Hoboken High School, in der ein Wahllokal eingerichtet war. Ein Treffen mit Schülerinnen und Schülern. Kein einziger der Jugendlichen ohne „Migrantenhintergrund”. In den USA ist das überhaupt kein Thema. Die Meinungen über Barack Obama geteilt. Der afro-amerikanische Schüler outete sich als McCain-Anhänger, während das Mädchen kolumbianischer Herkunft „als Frau“, wie sie sagte, scharfe Kritik an Sarah Palin übte.

Read more

Dann der Wahlabend. Das geplante Treffen in einer Kneipe war ein Reinfall. Der Laden überfüllt und viel zu laut. Ein Glücksfall. Denn so gingen wir zum Times Square und zum Rockefeller Center und bekamen die Stimmung hautnah mit. Es war ein Volksfest. Die Erleichterung, ja Erschütterung vieler, vor allem schwarzer Menschen war geradezu körperlich spürbar, als der Sieg Barack Obamas recht früh feststand. Übrigens auch in Indiana. Es war ein historischer Wahlsieg, an diesem Abend wurde Weltgeschichte geschrieben. Und wir können sagen, wir sind dabei gewesen.