2011

3-wöchige USA-Journalistenprogramme 2011
Frühjahr und Herbst


RIAS USA-Frühjahrsprogramm
27. März – 16. April 2011

Zwölf deutsche Journalisten in den USA: Organisiertes Programm in Washington und New York sowie für alle Teilnehmer jeweils individuelles Praktikum in amerikanischen Rundfunk- oder Fernsehstationen.

  


TEILNEHMERBERICHTE

Frank Berge, Hessischer Rundfunk, Frankfurt

To peel an onion

Dankbarkeit und Ungewissheit! Nach drei sehr intensiven Wochen Austauschprogramm bleiben bei mir Dankbarkeit und Ungewissheit zurück: Dankbarkeit, dass man mir die Teilnahme an diesem grandiosen Programm ermöglicht hat. Und Ungewissheit darüber, wie stark ich mein Verständnis der politischen Kultur, der Gesellschaft und des täglichen Lebens in den Vereinigten Staaten tatsächlich vertieft habe. Wie weit konnte ich die „Zwiebel USA“ für mich häuten?

An der äußeren Schale konnte ich jedenfalls feststellen, dass der durchschnittliche U.S.-Amerikaner einen freundlicheren Umgangston pflegt als der Deutsche — oder genauer gesagt: als der Hesse. Sowohl in Washington, eine überraschend entspannte und übersichtliche Hauptstadt, als auch in meiner Praktikumsstadt Portland (Oregon) und selbst in der umtriebigen Weltmetropole New York begegneten mir die zahlreichen Gesprächspartner und Praktikumsbetreuer nicht nur stets zuvorkommend, sondern auch weltoffen und reflektiert. Das wollte so gar nicht zum häufig kolportierten Vorurteil passen, der U.S.-Amerikaner bevorzuge es, in seiner eigenen Welt zu leben.

Beim Prozess, sukzessive weitere Häute der Zwiebel zu entfernen, halfen unsere Treffen mit den Denkfabriken der U.S.-amerikanischen Politik — den think tanks. Niemals zuvor hatte ich einen gebildeten und sehr eloquenten Menschen sinngemäß sagen hören: „Erderwärmung hin, Schmelze der Polkappen her! Wir dürfen die U.S.-Wirtschaft nicht abwürgen und müssen deshalb die Ölpreise im Land niedrig halten. Außerdem ist es nicht erwiesen, dass sich die Erde tatsächlich erwärmt. Oder haben Sie etwa in der letzten Zeit eine Pazifikinsel untergehen sehen?“ Die konservative Heritage Foundation ließ mich ratlos zurück, während die liberale Brookings Institution einen Lobgesang auf die Energiepolitik in Deutschland anstimmte.

Die Besuche bei einer Reihe meinungsbildender U.S.-Medien, vom rechtskonservativen Fox News bis zum linksliberalen msnbc, von National Public Radio bis zur New York Times haben zwar weniger beim Verständnis der U.S.-Gesellschaft geholfen, waren aber in Bezug auf die journalischen Arbeitsweisen sehr lehrreich. Bei allen Gemeinsamkeiten konnten wir doch einige interessante Unterschiede feststellen: So sprechen die Reporter U.S.-amerikanischer Fernsehnetworks beispielsweise zuerst ihren Bericht ein und lassen diesen dann anschließend von Producern mit Bildern und Grafiken belegen. In Deutschland gibt dagegen primär das Bild den Ton an.

Eindrucksvoll war auch die Art und Weise, wie bei meiner Praktikumsstation, dem Oregon Public Radio, soziale Netzwerke und internetbasierte PC-Anwendungen genutzt werden, um die Radiohörer besser ins Programm einbinden und die eigene Studiokommunikation optimieren zu können. So bin ich erstmals mit Google-Text konfrontiert worden. Bei OPR wird diese webbasierte Anwendung unter anderem dazu genutzt, im Funkhaus — gemeinsam mit Außenreportern — Nachrichtenmeldungen zu erstellen. Zudem werden den Moderatoren von Live-Sendungen per Google-Text ausgewählte Hörerreaktionen übermittelt, ebenso wie komplette Anmoderationen.

Das Häuten der Zwiebel wurde entscheidend vorangetrieben durch zwei Punkte unseres gemeinsamen Besuchsprogramms und verschiedene Erlebnisse während meiner Praktikumswoche: In Washington, D.C. besuchten wir die Betreiber einer kleinen Internetseite, die sich darauf konzentriert, Nachrichten für einige wenige Blocks der Stadt aufzubereiten. Noch wirft das Projekt keinen Gewinn ab, sondern ist vielmehr ein Zuschussgeschäft — sowohl finanziell als auch in Bezug auf den zeitlichen Aufwand der Nebenberufsjournalisten. Unsere bohrenden Fragen nach dem finanziellen Konzept und der pekuniären Tragfähigkeit wurden — soweit möglich — geduldig beantwortet, machten aber auch klar, was unter dem American Spirit zu verstehen ist. Das Motto der U.S.-Kolleginnen und Kollegen hätte lauten können: „Wir sind von dem Projekt überzeugt, fangen deshalb schon einmal an und hoffen, dass es irgendwann in der Zukunft Gewinn abwerfen wird! Wenn nicht, können wir uns dann Gedanken machen, wie es weitergehen soll.“ Wir Deutschen hingegen waren fokussiert auf etwaige Finanzierungsprobleme, an denen das Projekt scheitern könnte. Ein „Wir fangen jetzt einfach mal an!“ hätte es mit uns wohl kaum gegeben…

Mit einem Stirnrunzeln ließ mich auch der Besuch eines Ärztezentrums in meiner Praktikumsstadt Portland zurück, das sich auf Discountpreise und eine einfach nachzuvollziehende Preisstruktur spezialsiert hat. Der mich betreuende Reporter sprach von einem „McDonald´s des Gesundheitswesens“: ein Arztbesuch kostet 99 U.S.-Dollar. Es soll keine versteckten Gebühren geben, keine Sonderkosten, man bekommt 20 Minuten beim Arzt garantiert! Für jemanden, der im deutschen Sozialstaat mit der Pflicht einer Krankenversicherung aufgewachsen ist, war diese Erfahrung befremdlich. Ähnlich wie das Gespräch mit älteren Menschen über ihren Retirement Plan, über die Frage, wann sie es sich finanziell leisten können, in den Ruhestand zu gehen — oder aber die Aussage einer Journalistin des Senders msnbc: „Ich habe einen festen Arbeitsvertrag über ein Jahr abgelehnt. Ich hätte sonst das Gefühl gehabt, mich zu stark zu binden.“

Ich habe den Eindruck gewonnen, dass es vor allem die Entstehungsgeschichte der Vereinigten Staaten von Amerika ist, die das Denken und Handeln dort bis heute entscheidend beeinflusst. Welch wichtige Rolle Religion, Diversität und Riskobereitschaft bis heute im U.S.-Alltag spielen, habe ich nicht nur beim Pessach-Fest einer liberalen jüdischen Gemeinde in New York erlebt, an welchem wir als Gruppe teilnehmen durften. Auch das Pew Forum, eine politisch unabhängige Denkfabrik, untermauerte diesen Eindruck mit wissenschaftlichen Zahlen.

Habe ich mit diesen Eindrücken das Innerste der Zwiebel erreicht? Habe ich nur selektiv wahrgenommen? Wie dargelegt: Ich weiß es nicht! Es wird sicherlich noch einige Zeit dauern, bis sich die Eindrücke gesetzt haben und ich mir eine Bewertung zutraue. Im Moment kann nur konstatieren, dass das Austauschprogramm sehr lehrreich und eindrucksvoll war. Ich fühle mich priviligiert, dass ich daran habe teilnehmen dürfen. Ich danke der Rias-Kommission dafür, dass ich meinen Horizont beträchtlich erweitern konnte. Erfahren habe ich auf jeden Fall, dass es DIE USA und DIE U.S.-AMERIKANER nicht gibt. Verallgemeinerungen helfen — wie so oft — nicht dabei, den vertrauten und doch so unterschiedlichen Freund im Westen zu verstehen.

Vielleicht kommt dies dem Innersten der Zwiebel nahe?

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Judith Beyermann, Zweites Deutsches Fernsehen, Mainz

Ankunft später Sonntagabend, Montag morgen — kurz vor 9:00 — welcome meeting… …und schon sind wir mittendrin — im RIAS exchange program:

Washington Week
Stadtrundfahrt, CNN, Fox News, NBC News, AP, WTOP News Radio, National Public Radio, außerdem die konservative Heritage Foundation, das eher liberale Brookings Institut, PR-Profi Mark Putnam, der National Congress of American Indians, die deutsche Botschaft und das U.S. Department of State usw. … — die Woche ist prall gefüllt. Unser spring topic ist das age of Obama und wir erhalten die Möglichkeit mit Medienvertretern, Konservativen und Liberalen über Obamas Errungenschaften, Versäumnisse und über seine mögliche Wiederwahl zu diskutieren.

Auch über die amerikanischen Medien lernen wir viel und bekommen eine Vorstellung, wie das Fernseh- und Radiogeschäft funktioniert: viel viel Werbung, unendlich viele TV-Kanäle, dementsprechend viele Meinungen, anspruchsvolle Diskussionen, extreme Stimmungsmache, manchmal Hetze, viel Unterhaltung usw… Über das System lässt sich natürlich trefflich streiten, aber eins ist sicher — für wirklich jeden Zuschauer ist etwas dabei!

Die meisten von uns sind schon einmal in den USA gewesen. Durch RIAS aber bekommen wir die Chance, hinter die Kulissen schauen. Die Woche in Washington vergeht wie im Flug und wir sind vollgestopft mit Eindrücken.

Denver, Colorado
Zusammen mit einer sehr netten Kollegin komme ich nach Denver, Colorado. Wir sind sehr zufrieden. Denver ist ein ziemlich guter Ort für die Praxiswoche!

Nach der ganzen Theorie brennen wir darauf, den Redaktionsalltag kennen zu lernen: Was ist denn nun tatsächlich ein Assistant Producer, ein Senior Producer, ein Executive Producer, ein Security Producer … Warum vertont man die Stück in Amerika erst und schneidet die Bilder erst später drauf? Macht das Sinn? Wie finden die Redaktionen ihre Inhalte? Welche Maßstäbe werden angelegt, damit ein Thema seinen Weg ins Programm findet?

Unser host heißt Jason, er begrüßt uns trotz Schneeverwehungen im T-Shirt. Noch am ersten Abend gehen wir mexikanisch essen und trinken dazu einen wunderbaren frozen strawberry margherita. Da Denver beinahe 1600m hoch gelegen ist, merken wir den Alkohol schneller als gedacht und schlafen dementsprechend gut.

Mittags treffen wir bei KCNC ein, einer CBS Lokalstation. Wir wissen nicht wirklich, was uns erwartet, und landen direkt in der Redaktionssitzung für die Abendsendungen (17:00, 18:00 und 22:00). Die Themen des Tages: unaufgeklärte Morde, spektakuläre Unfälle, zwielichtige High School Lehrer und ganz ganz groß — die Waldbrände in den Rocky Mountains!

Die Chance auf einen Waldbrand-Dreh möchte ich mir nicht entgehen lassen und sitze 10 Minuten später bei Rob McClur im Auto. Der Kameramann ist ein Colorado native und erklärt mir, was ich zu erwarten habe. Wir fahren ca. 1,5 Stunden gen Norden und dabei kann ich mir die Landschaft anschauen. Zu meiner Rechten sehe ich die Ausläufer der Great Plains, die legendäre Steppenlandschaft, die heute die Kornkammer der USA ist. Es hat tagelang nicht geregnet. Zu meiner Linken liegen die Ausläufer der Rocky Mountains. Auch hier macht die anhaltende Trockenheit Mensch und Natur zu schaffen. Es wird schnell klar, dass die klimatischen Bedingungen geradezu ideal für Waldbrände sind. Rob erzählt, dass die Waldbrandsaison normalerweise von Mai bis September dauert, allein in diesem März hat es aber bereits 64 Waldbrände gegeben.

Wir erreichen unseren Zielort, eine abgesperrt Straße. Den eigentlich betroffenen „Unglücksort“ Masonville dürfen wir gar nicht anfahren, zu gefährlich, sagt der Sheriff… Also gesellen wir uns zu den anderen TV-Kollegen und bauen die Technik auf. Reporter Mike kommt von der „Besichtigungstour“ zurück und sieht nicht wirklich glücklich aus. Die Bildausbeute ist mehr als bescheiden, aber es hilft nichts. Das Stück muss in die Nachrichten und Mike holt alles raus… Er schreibt seinen Text, vertont. Erst danach schneidet der Kameramann, der auch Cutter ist, die Bilder drauf. Ist zwar eine ungewohnte Arbeitsweise, geht aber auch. Wirklich schön ist, dass ein echter Austausch unter Kollegen stattfindet. Das nennt man dann wohl mutual understanding. Wir sind noch gar nicht richtig angekommen, da fliegen wir schon wieder nach New York.

New York Week
Wir freuen uns auf das Wiedersehen mit der Gruppe. Jeder hat was zu erzählen, alle haben viel erlebt. Das Programm in New York ist nicht ganz so durchgetaktet wie in D.C.. Wir sehen u.a. die UNO, besuchen die New York Times, eine high school in New Jersey, die Gedenkstätte des WTC und haben ein spannendes Treffen mit dem American Jewish Committee…

Die drei Wochen USA vergehen wie im Flug und die Mischung war perfekt: das politische Washington D.C., eine wunderbare mid station in Denver, Colorado und das pulsierende New York.

Jetzt bin auch ich ein Rias Fellow — schönes Gefühl. Der Aufenthalt hat sich sehr gelohnt! Danke RIAS und bis bald!

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Bobby Cherian, Zweites Deutsches Fernsehen, Mainz

Der RIAS-Trip hat mir noch lange in den Knochen gesteckt. Drei Wochen durchgepowert, das geht nicht spurlos an einem vorüber. Und auch aus dem Kopf habe die Reise lange nicht rausbekommen. Das allerdings habe ich keinesfalls als negativ empfunden.

Es war meine erste Reise in die USA überhaupt und eins ist mir klar geworden: die Vereinigten Staaten ticken irgendwie anders. Das wurde bereits in Deutschland am Flughafen Frankfurt deutlich. Natürlich hatte ich mich im Vorfeld darüber informiert, dass die Sicherheitsbestimmungen bei Flügen in die USA anders sind als bei anderen Flügen. Aber dann noch vor dem Check-In Fragen gestellt zu bekommen wie „Wer hat diesen Koffer gepackt?“, „Führen Sie etwas mit sich, das als Waffe benutzt werden könnte?“, das war spannend. Ein ähnliches Prozedere noch mal beim Boarding: „Ist das Ihr Handgepäck?“, „Haben Sie es die ganze Zeit über beaufsichtigt?“ Obwohl ich mich an alle Gepäckbestimmungen gehalten hatte, stiegen in mir beinahe schon Schuldgefühle auf (Hab ich auch wirklich alles richtig gemacht?). Faszinierend, welche Wirkung diese Kontroll-Arie hatte. Und ebenso faszinierend war die Tatsache, dass diese Regeln nur für USA-Einreisende gelten. Weder bei den Inlandsflügen noch beim Rückflug gab es ein ähnliches Prozedere. Was bedeutet das? Sind nur Menschen von „draußen“ potenziell gefährlich?

Die Woche in Washington in aller Kürze. Eine tolle, lebendige Stadt mit sehr viel Flair. Das Hotel nur 5 Gehminuten vom Weißen Haus entfernt, das Programm vollgepackt mit spannenden Besichtigungen und hocheloquenten Gesprächspartnern. Den Versuch, all die interessanten und spannenden Aspekte dieser Woche wiederzugeben, spare ich mir. Dafür würde der Platz nicht reichen. Zwei Highlights möchte ich dennoch zumindest benennen: das Gespräch mit Mark Putnam, der für Barack Obama die Fernsehwahlwerbekampagne entwickelt hat und der Besuch beim PEW Forum (das religiöse Entwicklungen in den USA beobachtet) und seinem Direktor Luis Lugo.

Dann war da der Gang über den Arlington Friedhof an einem freien Nachmittag. Bedrückend und faszinierend zugleich. Grabsteine so weit das Auge reicht und eine Heldenverehrung, wie ich sie noch nicht erlebt habe. Nahezu surreal der Wachwechsel am Grab des unbekannten Soldaten, eine seltsame Stille und ein sehr langgezogenes Ritual. Alle Besucher (fast ausschließlich Amerikaner) wirkten sehr ergriffen, insbesondere die vielen anwesenden Veteranen. Diese Senioren saßen in ihren Rollstühlen oder standen um das Grab herum und trugen bunte Base-Caps mit den eingestickten Namen ihrer Einheiten oder Aufschriften wie „World War II“. Die Aufmachung erinnerte mich irgendwie an Fankleidung, die die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Team signalisieren soll.

Natürlich ging es an dieser Gedenkstätte in erster Linie um das Andenken an die Gefallenen, aber das ganze Drumherum sprach auch für ein klares Hochhalten des Militärs. Genau das ist mir in den drei Wochen immer wieder begegnet. An den Flughäfen wurden Heimkehrer mit wiederkehrenden Bandansagen und mit Leuchtreklamen begrüßt. Ein Fernsehbeitrag auf FOX zeigte einen normalerweise in Afghanistan stationierten Soldaten auf Heimatbesuch, der wie ein Held gefeiert wurde. Kein Wort dazu, wie es ihm geht und ob er eventuell Traumata davongetragen hat. Im Starbucks in Fort Myers, Florida, hingen Fotos von Truppen im Nahen Osten am schwarzen Brett, denen Kaffeetüten geschickt worden waren. Im Foyer der Hoboken High School, die wir in New Jersey besucht haben, war ein Rekrutierungsstand der Army aufgebaut.

Das Gedenken an die Toten aller Kriege in Arlington erschien mir pompös, der generelle Umgang mit dem Thema „Militär“ eher unkritisch, geradezu verherrlichend. Ich frage mich, warum das so ist. Vielleicht, um nachfolgenden Generationen zu signalisieren: es lohnt sich weiterhin, Soldat zu werden? Weil Amerika sich so den Nachschub für seine Truppen sichert?

Vom Arlington National Cemetery lässt sich direkt auf das Pentagon schauen; umgekehrt wird es genauso sein. Vielleicht soll den Entscheidungsträgern im Verteidigungsministerium mit den Feldern voller Grabsteine direkt vor ihren Augen immer wieder die Konsequenzen ihrer Handlungen ins Bewusstsein gerufen werden, reimte ich mir zusammen. Mein Mit-Fellow Jan sagte mir, so ethisch würde man in den USA nicht denken. Ich will trotzdem hoffen, dass es so ist.

Nach Washington kam Fort Myers, Florida, meine Middle-Station. Eine ganz andere Welt mit ganz anderen Leuten. Schon wieder zeigte sich das bereits beim Hinflug. Der Flieger klischeemäßig gefüllt mit nahezu ausschließlich weißen Rentnern. Keine Schwarzen, keine Hispanics, keine Asiaten. Die einzige dunkelhäutige Person an Bord war ich. In Fort Myers selbst war es vielerorts genauso. Mir ist das wirklich aufgefallen und aufgefallen bin ich dort wohl auch. Denn seltsamerweise reagierten bei mehreren Gelegenheiten die Menschen zurückhaltend auf mich. Zum Beispiel als ich im Supermarkt an der Kasse bezahlte und weder das typische „How are you?“ noch eine Verabschiedungsfloskel kam, als ich dem sonst so gesprächigen Skipper einer Fähre eine Frage stellte, die einsilbig beantwortet wurde oder auch als ich im Starbucks einen Kaffee orderte, den ich wesentlich später bekam als die Leute, die nach mir bestellt hatten. Interessante, individuelle und auch sehr wertvolle Erfahrungen, die ich hier nicht festhalten würde, wenn mir dieses Verhalten nicht so häufig begegnet wäre. Fort Myers war definitiv anders als Washington und auch anders als New York.

Das Wetter toll, mein Host Patrick Nolan von FOX4 sehr freundlich, wenn auch sehr busy. Da scheinen sich amerikanische Moderatoren nicht von deutschen zu unterscheiden. Die FOX-Lokalstation wirbt mit dem Slogan „In your corner“. Heißt also, hier will man dicht dran sein an den Leuten, man kämpft für sie, vertritt ihre Interessen. Tatsächlich ist bei fast jeder Geschichte ein Reporter am Ort des Geschehens und wird live geschaltet, auch bei verhältnismäßig kleinen Storys. Sehr spannend, dass die Kollegen dazu nicht mehr benötigen als einen Reporter und einen Kameramann, der sich neben dem Filmen auch noch um alle anderen technischen Belange (Herstellen der Satelliten-Verbindung, Schnitt, Kabel legen) kümmert. So abgespeckt geht’s also auch. Obwohl ich zugeben muss, dass mir unsere Personalstärke bei vergleichbaren Events eher zusagt. Eine Schalte mit insgesamt drei Leuten ist einfach stressfreier für alle Beteiligten.

In Florida hatte ich einen Mietwagen und viel Zeit für mich. Beides war super und beides habe ich intensiv genutzt. Fort Myers Beach, Sanibel Island inklusive Fahrt durch das dortige Naturschutzreservat, Pine Island, mit der Fähre nach Cayo Costa, die Alligator-Alley runter nach Fort Lauderdale und ein Besuch beim Public Radio WGCU, den mein Host Patrick organisiert hatte. Dass ich die Gegend auf eigene Faust erkunden konnte, war toll. Danach hatte ich mich aber auch satt gesehen an Florida. Eine schöne Gegend, aber keine, in der ich auf Dauer leben könnte.

Dann kam New York, schnell, hell, grell (was um alles in der Welt kostet es, eine so riesige, leuchtende Reklametafel am Times Square zu buchen?) und absolut überwältigend. Die Gruppe war wieder zusammen, das Programm ging weiter. Auch wenn im Big Apple wieder äußerst spannende Termine auf uns warteten, war ich froh, dass es nicht mehr so viele waren wie in Washington. Aus zwei Gründen: erstens blieb uns so genug Zeit, die Stadt für uns selbst zu entdecken. Zweitens steckte mir die Washington- und die Florida-Woche noch dermaßen in den Knochen, dass ich nur schwer in der Lage gewesen wäre, das Tempo weiter zu halten. So passte alles zusammen, die offiziellen Termine beim American Jewish Commitee und der Gang entlang an Ground Zero genauso wie die selbst organisierte Fahrt nach Staten Island und der Stopp am Campus der Columbia University, um nur einige wenige Aspekte zu nennen.

Was bleibt zurück nach drei Wochen Power-Programm USA?

Zuerst einmal unzählige Eindrücke und Erfahrungen. Dann Dankbarkeit dafür, dass ich an dieser Reise teilnehmen durfte und für die Spitzengruppe, in die mich die RIAS Kommission gesteckt hat. Ich weiß nicht, wie die Kommission das gemacht hat, aber das Ergebnis war klasse. Die Gruppe hat toll funktioniert; selbstverständlich ist das bei einem so bunt zusammengewürfelten Haufen nicht. Die Teilnahme am RIAS-Programm war meine Chance, mir endlich ein eigenes Bild von den USA machen zu können. Ich weiß, es ist kein vollständiges, dafür habe ich viel zu wenig vom Land gesehen. Aber der feste Entschluss ist da, in Zukunft noch mehr zu entdecken und kennenzulernen. Ich bin immer noch erstaunt von der Erkenntnis, dass ein Land, das dem unseren in vielen Belangen so ähnelt (Lebensstandard, technische Entwicklung) doch in vielerlei Hinsicht so anders ist.

Die letzte Erkenntnis, die ich an dieser Stelle formulieren möchte, lautet: nach zwei Wochen im Anzug fühlt sich selbst der Gelegenheitsträger in dem Outfit richtig wohl. Der vorgegebene Dresscode ist den Terminen definitiv angemessen. Und keine Sorge: auch mit Businessklamotten im Gepäck bleibt genug Platz im Koffer für alles, was man sonst so braucht.

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Jana Ebert, Rundfunk Berlin-Brandenburg, Inforadio

Drei Wochen USA, jede Woche eine neue Stadt, jeden Tag neue Gespräche und Eindrücke. In meinem Kopf bleibt ein bunter Film, zu dem die einzelnen Erlebnisse verschmelzen: Das rote Telefon bei CNN. Probesitzen als Newsanchor. Die Sprüche der Heritage Foundation: „Ich kann Ihnen hundert Beweise nennen, dass es den Klimawandel nicht gibt.“ Let’s go, Jon ruft uns: „Rias!“. Wir müssen weiter. WTOP, der Infokanal mit dem berühmtesten Verkehrsfunker Washingtons. Sonnenaufgang über Denver und in der Ferne die schneebedeckten Gipfel der Rocky Mountains. „New York, New York“ schallt es aus den Buslautsprechern und wir brausen im Sonnenuntergang über den East River nach Manhattan. High School, Ground Zero. — Fetzen eines wunderbaren Rias-Films. Ich versuche ihn ein bisschen anzuhalten:

Strahlend blauer Himmel und blühende Kirschbäume. So empfängt uns Washington D.C. Der Tag hatte früh begonnen und nimmt nun nach 11 Stunden Flug und Sicherheitskontrollen bei der Einreise noch immer kein Ende. Zu Hause ist es Mitternacht, hier wartet ein herrlicher Sonnenuntergang. Todmüde, doch entschlossen laufe ich noch zu dem schönen Park um die Ecke. Ich stehe vor einem hohen Eisenzaun, dahinter eine weiße Villa. Moment, die kenne ich aus dem Fernsehen — es ist das Weiße Haus! Nach all den Kontrollen, Fragen und Fotos am Flughafen wundere ich mich: wieso ist hier kein Polizist zu sehen?

Fernsehen vorm Einschlafen: bei Radio Shack gibt es zum Einkauf über 50 Dollar eine Pistole gratis. Das ist sogar in Amerika eine Meldung wert. Beim Frühstück am nächsten Tag produziert jeder von uns einen kleinen Müllberg: Besteck aus Plastik, das Essen in großen Plastikbehältern und der Kaffee in Styroporbechern. Richtiges Geschirr gibt es nicht, aber Gewissensbisse gratis zum Frühstück. Machen sich die Amerikaner darüber keine Gedanken?

Einerseits ist es angenehm, dieses typisch deutsche Kritisieren und Zweifeln hinter sich zu lassen und diesen Enthusiasmus zu erleben, mit dem zum Beispiel die Optimisten von „Borderstan.com“ eine lokale Internetzeitung betreiben, ohne vorher genau die Vor- und Nachteile abgewogen und überlegt zu haben, ob es sich rechnet. Doch andererseits ist diese Freiheit von Bedenken manchmal nur erschreckende Gedankenlosigkeit oder fehlendes Verantwortungsbewusstsein. Bei der „Heritage Foundation“ erklärt man uns: Um den Klimawandel aufzuhalten, müsste man den Lebensstil so sehr ändern und das würde die Wirtschaft so stark treffen, dass es das nicht wert sei. Der konservative Think Tank hat in den letzten vier Jahren rasant an Unterstützung gewonnen. Die Leute geben Geld und sagen: wir sind nicht zufrieden mit der Regierung, bitte tut etwas dagegen. „Heritage“ recherchiert mit etwa 200 angestellten Wissenschaftlern. Sie versorgen Kongressabgeordnete und Parteien mit den Ergebnissen dieser Forschungsarbeit. Auch der Umgang mit den Medien ist professionell organisiert. Die Organisation hat ein eigenes Fernsehstudio und moderne Radioproduktionsplätze. So kann sie Expertengespräche für Stationen im ganzen Land anbieten und gleichzeitig wirksam für sich werben. Ein faszinierender Einblick in die Arbeit von Lobbyisten.

Am nächsten Tag beim liberalen Think Tank „Brookings“ fügt sich das Puzzle weiter zusammen: Bruce Katz sagt, die USA stehen vor einem gewaltigen Wandel. Viele Amerikaner wollten aber, dass alles so bleibt, wie es ist. Er spricht über die Auswirkungen der Rezession und dass er fasziniert sei vom deutschen Wirtschaftsmodell. Er nennt die Demographie als wichtigen Faktor: In 20 Jahren gebe es keine weiße Mehrheit mehr in den USA, sondern eine „majority of minority“. Präsident Obama muss nun den Wirtschaftsaufschwung unterstützen und gleichzeitig das Staatsdefizit in den Griff kriegen. Ein „Riesensandwich“ voller Probleme habe er bekommen, sagt der ehemalige Communications Director der Republikaner, Mike Collins. Obama sei soviel Widerstand und Hass entgegengeschlagen wie keinem anderen Präsidenten zuvor. Ich verstehe besser, warum die Enttäuschung der Amerikaner so groß ist. Nur im Souvenirshop nebenan lebt die Obamamania weiter: hier finden wir sogar „Obama Mints — Yes we candy“…

Der Patriotismus ist indes ungebrochen. „Dem Land dienen“, diese Worte fallen auffällig oft. Sogar bei CNN. Wie reagiert der Sender, wenn seine Reporter in Gefahr geraten? Die Korrespondenten entscheiden selbst, sagt Pamela Benson, die von Anfang an bei CNN gearbeitet hat. Oft sind sie mittendrin, „dedicated to serve the country“. Am Abend die Meldung: ein Freelancer von CNN wurde im Irak getötet.

Auf dem Weg zu unserer zweiten Station — von Washington nach Denver, Colorado, platziert mich der Zufall neben einen jungen Soldaten der Marines. Wir reden den ganzen Flug über. Er erzählt, dass er mit 21 Jahren im Irak war, mit 23 in Afghanistan, jeweils für ein halbes Jahr. Angst? Die hat er verdrängt. Außerdem wisse man doch, worauf man sich eingelassen hat, wenn man zum Militär geht. Da wird eben geschossen, lacht er. „I’m proud of my country, I’m proud of the Stars and Stripes“ und er wolle seinem Land etwas zurückgeben. Es klingt wie eine Formel.

Denver empfängt uns mit Schnee im April! Das Tor zum wilden Westen ist ungewöhnlich kalt. Am Morgen waren es noch über 20 Grad Celcius, jetzt sind es gerade mal um die Null. Ein Blizzard ist schuld. Unser Host, Jason Hussong, holt uns im Hotel zum Essen ab und steigt bei Schneeregen im kurzärmeligen T-Shirt aus dem Auto. Morgens, als er zur Arbeit fuhr, brauchte er ja noch keine Jacke. In Colorado heißt es: Wenn dir das Wetter nicht gefällt, warte fünf Minuten. Doch nicht nur das Wetter scheint wenig stabil, auch der Boden schwankt leicht, seit ich dem Flugzeug entstiegen bin. Das ist die Höhenluft der „Mile High City“ — Denver liegt genau eine Meile über dem Meeresspiegel.

Wir sind bei der Redaktionskonferenz von KCNC-TV, der regionalen CBS-Station. Der Sendungsplan wird besprochen. Der Chef hat über Twitter von einem ungewöhnlichen Autounfall erfahren: Eine Frau ist auf einer entlegenen Landstraße zu schnell in eine Kurve gefahren, hat sich überschlagen und landete kopfüber im Bewässerungsgraben eines Farmers. Dort lag sie 15 Stunden lang, bis der Farmer sie am nächsten Morgen entdeckte und rettete. Moderator und Reporter Tom Mustin fährt zum Ort des Geschehens. Hier, im Osten von Denver, ist die Landschaft überraschend flach und eintönig. Morgan County hat eine Hauptstraße, Supermarkt, Bank. Das war’s. Möchtest Du hier leben, fragt mich Tom im Scherz. Am Rande der Ödnis finden wir das Haus des Sheriffs. Der zeigt Tom alle Fotos, die er von dem Unglück und der Rettungsaktion hat. Zusammen wählen sie die besten aus und dann verschickt der Sheriff sie routiniert per e-Mail an die Redaktion in Denver. Später erfährt Tom von der Polizei sogar den Namen und das Alter der Frau und lässt die Redaktion bei Facebook nach ihrem Foto suchen. Wie die Betroffene das findet, darüber macht sich offenbar keiner Gedanken.

Auf der langen Rückfahrt wählt Tom bereits im Auto die O-Töne aus, denn viel Zeit bleibt nicht mehr bis zur Sendung. In der Redaktion schreibt er zuerst seinen Text und nimmt ihn auf. Dann erst schneidet der Kameramann die Bilder zum fertigen Beitrag. Ungewöhnlich ist auch, dass jeder Reporter sein Stück in der Sendung selbst kurz an- und abmoderiert, so als stünde er gerade noch am Ort des Geschehens. Jetzt wird mir klar, warum die meisten Reporter hier so smart aussehen und warum Uniprofessorin Roxanne Russell von einem ihrer Journalistenstudenten erzählte, der fürchtete keinen Job zu bekommen, weil er blass und rothaarig ist. Die Gesetze des Privatfernsehens…

Die Wirtschaftskrise hat auch auf die Medienlandschaft Auswirkungen. Die „Rocky Mountain News“ musste nach fast 150 Jahren Existenz aufgeben. KCNC-TV muss ebenfalls sparen. Man sieht es dem Redaktionsgebäude an und der Helikopter des Senders wurde abgeschafft, erzählt mir Kameramann David Gregg traurig. Er ist seit 31 Jahren bei KCNC und hat einst mit dem Hubschrauber zwei New Yorkern das Leben gerettet. Sie waren im „Rocky Mountain National Park“ abgestürzt und hatten auf einem winzigen Felsplateau eine Woche lang ausgeharrt. Bis KCNC sie entdeckte — noch vor den Suchmannschaften der Polizei.

Die Medienlandschaft Colorados expandiert aber auch: für die wachsende hispano-amerikanische Gemeinde gibt es einen eigenen Fernsehsender. „Univision Colorado“ zeigt Nachrichten, die die spanisch-sprachigen Einwanderer betreffen und zwar konsequent in deren Muttersprache. Selbst wenn Gesprächspartner englisch reden, wird die spanische Übersetzung darüber gelegt. Funktioniert so Integration? In Deutschland würden darüber Diskussionen toben, die Amerikaner machen es einfach.

Eine ganz andere Seite der USA erleben Judith und ich in der Universitätsstadt Boulder. Hier gibt es kritische Geister, viele Sportler und Fahrradwege. Die Uni hat sogar ein Zentrum für Umweltjournalismus. Dort diskutieren wir mit einer Gruppe Journalisten, die sich auf Umweltthemen spezialisiert haben. Es ist schwer dafür einen Platz in den Medien zu finden. Fachmagazine, Bücher oder Blogs — das sind ihre Wege an die Öffentlichkeit. Die Diskussion über Klimawandel und Umweltverschmutzung ist politisiert, erzählen sie. Wer für Umweltschutz eintritt, werde in den USA als links oder gar sozialistisch angesehen. Das geht sogar soweit, dass Lehrer kritisiert und angefeindet werden, wenn sie versuchen mit ihren Schülern über Umweltthemen zu reden. Dann heißt es, sie müssten doch neutral sein und dürften auf keinen Fall in irgendeiner Richtung politisch agieren…

Am letzten Tag fahren wir auf den „Lookout Mountain“, zum Grab des berühmten Buffalo Bill, dem Mann, der mit einer Indianershow durch Europa reiste und damit unser Bild vom Wilden Westen und Amerikas Ureinwohnern prägte. Im Museum neben dem Grabmal lese ich das Zitat eines der Indianer, die mit Buffalo Bill umherzogen: „Ich möchte in den Wald gehen und mir ein Tuch über den Kopf ziehen, um all die Eindrücke zu verarbeiten.“ Der Mann spricht mir aus dem Herzen, denn auch ich leide inzwischen an Reizüberflutung.

Doch statt Einsamkeit erwartet mich nun New York. Es geht mitten hinein ins Gewusel. Wir wohnen um die Ecke vom Times Square. Die New York Times hat ihr neues Redaktionshaus inzwischen ein paar Straßen weiter. Hell und sehr modern ist es, hier möchte man gern arbeiten. Wir diskutieren über die neue Paywall der Zeitung. Highlights aber sind wieder die persönlichen Kontakte: zum Beispiel das Treffen mit dem Hedgefonds-Manager oder die Gespräche mit den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde beim Pessachfest. Im Gedächtnis bleibt auch die tapfere, kluge Frau, die ihren Sohn am 11. September 2001 verloren hat und uns die Tränen in die Augen treibt. New York hat soviel zu bieten. Hier ist immer etwas los und selbst im Hotelzimmer hupt, pfeift oder rauscht stets irgendetwas.

Drei Wochen USA, drei Städte, dutzende Gespräche — das Rias-Programm hat mir einen direkten Eindruck von der amerikanischen Gesellschaft ermöglicht, mich die Stimmung im Land spüren lassen. Ich habe viel gelernt über das völlig andere Mediensystem und die Arbeit der Journalisten, aber auch über die Mentalität der Menschen und den amerikanischen Unternehmergeist.

Es war eine unglaublich bereichernde Reise. Sie ist Quelle neuer Ideen und positiver Energie, die noch lange sprudeln wird. Doch den Optimismus und die Freundlichkeit der Amerikaner vermisse ich schon jetzt.

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Julia Eikmann, Deutschlandradio Kultur, Berlin

Wo Amerika ganz Amerika ist — eine Woche im Heartland der Vereinigten Staaten

Die zwanzig Tische im Konferenzsaal des Hotel Ambassador in Amarillo, Texas, sind üppig gedeckt. Die jährliche Tagung der Panhandle Press Association ist für die örtlichen Medienvertreter ein Muss. An meinem Tisch, an den ich herzlich eingeladen wurde, kaum dass ich durch die Tür trat, bin ich die einzige Journalistin. Auf jedem der ordentlich gebügelten Polohemden meiner Tischnachbarn ist ein Firmenlogo eingestickt, die hiesigen Elektrik-Betriebe haben das reichhaltige Dinner gesponsert. Und die Give-aways, die sich in der Mitte des Tisches zu einem Berg auftürmen.

„So, where in de States hav‘ ya been so far?“, fragt mich der schnurrbärtige Texaner zu meiner Rechten. „Last week we stayed in Washington, D.C.…“, beginne ich den Satz, und werde gleich unterbrochen „Dat’s not the United States!“ — „Next week we gonna meet in New York City…“, versuche ich es noch einmal. Mein Nachbar wendet sich ab und verdreht die Augen.

Sie sind sehr eigen, die Texaner, sehr stolz, überraschend liebenswert und geradezu unheimlich gastfreundlich. Enyonam Osei-Hwere arbeitet an der West Texas A&M University in Canyon, an der ich meine Station-Week verbringen durfte. Sie ist vor kurzem mit ihrem Mann aus Ghana in die Staaten gekommen. Warum sie sich das kleine Städtchen Canyon zum Leben ausgesucht haben? Sie hätten sehr genau geguckt, aus Angst vor Rassismus in den USA. Hier wären die Menschen so aufgeschlossen und freundlich, dass sie sich von Anfang an wohl gefühlt hätten.

Tatsächlich sind die Menschen in Randall County auffallend gastfreundlich. Eine der ersten Fragen ist immer, ob man genug zu trinken hat. Aus gutem Grund, bei 31Grad und extrem trockener Luft. Trotzdem habe ich mich lieber an der frischen Luft als in den auf Kühlschranktemperatur runter gefrosteten Räumen aufgehalten. Die Nylonstrumpfhose in meiner Handtasche wurde zum ständigen Begleiter, rein, anziehen, raus, ausziehen. Aus Solidarität mit den armen Kindern in Afrika, die sich keine Schuhe leisten können, kamen etliche Studenten an meinem ersten Tag barfuß zur Uni. In kurzen Hosen und T-Shirt, versteht sich. Mir wurde schon vom Zusehen kalt.

Überhaupt, das Wetter. Nicht nur mich hat es bewegt, auch die Zuschauer der vier lokalen Fernsehsender scheint nichts mehr zu interessieren. Die Meteorologen sind Stars! Vermutlich ist der Norden von Texas, die so genannte Panhandle, das Paradies für Wettervorhersager schlechthin. Der Landstrich ist extrem flach („Wenn dein Hund wegläuft, kannst Du ihm noch drei Tage nachsehen.“). Schnee, Hitze, Tornados, alles an einem Tag, kein Problem. Zumindest Schnee und Hitze kann ich persönlich bezeugen.

Da wundert sich die Deutsche, dass die unglaublich vielen übersteuerten Airconditions nicht mit Solar- und Windkraft betrieben werden. Meinen Plänen, an diesen sehr trockenen, aber sehr netten Flecken Erde zurück zu kommen und mit erneuerbaren Energien reicher zu werden als J.R. Ewing jemals war, wurde dann doch der Wind aus den Rädern genommen: Es geht bereits los. Die Pläne für erste Windfarmen existieren, Siemens war schneller.

Also vielleicht doch die Uni-Karriere. Die Arbeitsbedingungen in den USA haben mich zwar negativ überrascht, schlechte Bezahlung, wenig Urlaub, kurze Vertragslaufzeiten, aber ein solches Miteinander von Studenten und Lehrenden kann man sich nur wünschen. Jeder der Professoren sagt, er habe den besten Job der Welt. Hier gibt es keine geschlossenen Türen und Sprechzeiten, sie kennen alle Studierenden beim Vornamen. Und erst die Ausstattung! Blitzneue Kameras in den universitätseigenen Fernsehstudios, HD selbstverständlich, Protools am Audio-Schnittplatz, zwei großartig ausgestattete Theaterbühnen, ausschließlich „Smart-Classrooms“ mit Beamer, PC und Audio-Equipment, eine Post, ein Schwimmbad usw. usf. Nur zur Erinnerung, wir befinden uns im 12.000-Einwohner-Städtchen Canyon.

Von den 12.000 Einwohnern kenne ich jetzt mindestens die Hälfte. Meinem wunderbaren Host, Ex-npr-Radiomann und heute Journalistik-Professor, lag es sehr am Herzen, mich allen vorzustellen. Immer dann, wenn ich nicht gerade vor dem Rotary-Club oder diversen Klassen Vorträge über die Deutschen im Allgemeinen, unser Mediensystem und den RIAS im Besonderen gehalten habe, führte er mich durch die Flure und Büros. Oder zum Essen aus. Beste Steaks aus universitätseigener Schlachtung oder zumindest direkter Nachbarschaft. Obst und Gemüse sucht man in Texas vergeblich.

Neben dem Uni-Campus hatte ich Gelegenheit, mehrere Fernsehsender und eine Radiostation zu besuchen und mit den Reportern raus zu fahren. Es waren sehr aufschlussreiche, sehr intensive und sehr lange Tage. Ein paar Minuten, um zu verschnaufen, das Erlebte sacken zu lassen oder Wäsche zu waschen, wären auch nicht verkehrt gewesen. Trotzdem möchte ich keines der vielen kleinen Erlebnisse in Texas missen. Sie waren es, die mir diesen Landstrich, platt wie eine Flunder, trocken und voller Klischees, innerhalb kürzester Zeit ans Herz wachsen lassen und — wider Erwarten — die Lust auf eine Rückkehr geweckt haben.

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Mirja Fiedler, Südwestrundfunk

Washington, DC, 27. März – 3. April 2011

CNN, FOX News, Heritage Foundation und Brookings Institution, NBC News, WTOP und NPR, AP, Pew, politische Berater und Pressesprecher, Deutsche Botschaft und US-Außenministerium – eine Woche vollgepackt mit Terminen, spannenden Gesprächspartnern und anregenden Diskussionen. Da fällt es kaum auf, dass die Temperaturen niedrig sind und die Kirschbäume am tidal basin nicht richtig aufblühen. In Washington, DC hatte ich vor sechs Jahren studiert und meinen Master erhalten. Es macht immer wieder Spaß, dorthin zurückzukehren und in die Welt der Intellektuellen und Politprofis einzutauchen.

Spartanburg, South Carolina, 3. – 9. April 2011

TC in “the fourth unhappiest city in the US“

US Airways, Flug 1737 nach Charlotte, North Carolina. Im Flugzeug sitzt Vanessa aus Charleston, South Carolina neben mir. Die Afro-Amerikanerin kommt gerade aus Garmisch-Partenkirchen und ist auf dem Weg nach Alabama. In Deutschland hat sie US-Militär trainiert. Es ging um Chancengleichheit. Neben ihr zwei Mütter mit ihren Töchtern aus Detroit. Sie sind für die spring break auf dem Weg nach Key West, Florida. Die Reise ist ein Geschenk an die Töchter zum High School-Abschluss.

Ferien scheint mein Gastgeber Thomas Colones kaum zu kennen. Am Flughafen begrüßt mich der 57-Jährige mit einer Baseballkappe seines Arbeitgebers CBS auf dem Kopf. Ausnahmsweise ist er in seinem Privatauto gekommen. Ansonsten fährt er mit dem WSPA-TV-Auto durch die Südstaaten – immer mit der Kamera an Bord. Seit mehr als 30 Jahren arbeitet TC – wie ich ihn nennen soll – als Kameramann für den Fernsehsender.

WSPA-TV gehört zum Sender CBS und versorgt mit Konkurrenten den 36. größten Markt der US-Fernsehsender. Die Journalisten des Senders berichten aus North und South Carolina, Georgia und Tennessee. Der Hauptsitz des Senders liegt in Spartanburg, South Carolina – frisch zur „fourth unhappiest city in the US“ gekürt.

Mein Gastgeber Thomas Colones will trotzdem in Spartanburg bleiben. Der 57-Jährige ist auf einem Militärgelände in den Südstaaten aufgewachsen. Sein Vater lernte Deutsch. TC studierte Journalistik an der University of North Carolina in Chapel Hill. Trotzdem hält er nicht viel von Universitäten.

Einen Arbeitsvertrag hat TC bei WSPA-TV nicht – trotz 34 Jahren im Dienste des Senders. „So the bosses can fire you any time?“ – „They have to give you notice two weeks in advance.“ Bis jetzt hat TC seinen Job behalten, obwohl die Wirtschaftskrise CBS unter den großen networks am härtesten getroffen hat. Die Folge: WSPA-TV feuerte mehr als 20 Mitarbeiter, stellte junge Reporter ein, die als Videojournalisten und Multimediajournalisten arbeiten. Das spart den Kameramann. Einen Tonassistenten gibt es sowieso nicht.

On assignment with community watchdog

Im Geländewagen von WSPA News Channel 7 sind wir mit community watchdog Chris Cato unterwegs. Das Motto des Senders: „on your side”. Die Reporter versuchen, es jeden Tag umzusetzen. Ein arbeitsloser Lastwagenfahrer hat den Reporter mit E-mails bombardiert. Der Grund: Highway 76. Zwischen Clinton und Laurens ist er seiner Meinung nach falsch mit den Himmelsrichtungen East und West ausgezeichnet. Notärzte, Krankenwagen und Lieferanten verfahren sich deswegen. Auch unser Navigationssystem zeigt an, dass das Krankenhaus auf der anderen Seite des Ortes liegt. An den Straßenschildern macht Chris zwei Aufsager – vorgeschrieben in jedem Beitrag des Senders. Der andere Aufsager wird in der Sendung als Teaser eingesetzt. Ein Afro-Amerikaner ruft Chris aus dem fahrenden Auto „watchdog“ hinterher. Chris lacht. „See, they know me around here.“ Die Aufsager scheinen zu wirken. Die Zuschauer kennen ihre Reporter vom Bildschirm.

In Laurens bittet Chris den Kameramann, einen kleinen Umweg zu fahren. Er will mir einen Laden hinter dem historischen Gerichtsgebäude zeigen. Der Reporter erklärt mir, dass sich im „world`s famous redneck shop“ regelmäßig Mitglieder des Ku Klux Klans treffen. Willkommen in den Südstaaten! Die Flaggen der confederates hängen noch an manchen Häusern. Die Menschen hier scheinen auch heute stolz auf ihre Geschichte zu sein. South Carolina war der erste Bundesstaat, der sich im Jahr 1860 von der Union abspaltete. Das führte letztendlich zum amerikanischen Bürgerkrieg.

Gegen 18.30 Uhr sitzen wir im Restaurant Copper River Grill. Der Kellner serviert uns Cola, Burger und Pommes. Das erste Essen nach dem Frühstück. TC hatte mich gewarnt: Er lebt in seinem news truck, auf der Straße und im Sender. Frau und Kinder hat er nicht. Dafür immer cookies im Auto – als Notration.

Problem solver

Am nächsten Tag fahren wir mit Reporterin Dianne Derby im WSPA-TV-Auto hinaus. Ihr beat: problem solver. Eine ehemalige Marinesoldatin hat sie um Hilfe gebeten. Sie hat eine Handy-Rechnung über 2.600 Dollar bekommen. Im Arm hält die junge Frau ihr neun Wochen altes Baby. Ihr Mann bildet im Irak Sicherheitskräfte aus. „Die Telefonrechnung ist höher, als seine Militärbasis ihm monatlich zahlt.“ Dianne Derby ruft den Telefonanbieter an. Das Problem ist am Ende des Tages gelöst – und WSPA-TV hat einen Beitrag im Programm.

Atlanta, Georgia

Ein ausdrückliches Wunschziel von mir. Als ehemalige Amerikanistik-Studentin und High School-Austauschschülerin in einer afro-amerikanischen Gastfamilie möchte ich unbedingt zur nationalen historischen Gedenkstätte für Martin Luther King. Beeindruckend zu sehen, von wo aus die US-amerikanische Bürgerrechtsbewegung startete. Wenige Meilen entfernt im Coca-Cola-Museum geht es globaler zu. Mein Gastgeber TC liebt es, vereinzelt deutsche Wörter fallen zu lassen. Daraufhin spricht uns eine Frau aus Mainz an. Ihre Enkeltochter absolviert gerade ein High School- Jahr in den USA. Sie hat die Gastfamilie bereits drei Mal gewechselt. Nicht jeder hat so viel Erfahrung mit dem deutsch-amerikanischen Austausch wie mein Gastgeber. Ich bin bereits TC`s zwölfte RIAS-Stipendiatin.

In Atlanta treffen wir auch einen Freund, mit dem ich in Washington, DC zusammen zur Uni gegangen bin. Mittlerweile arbeitet Chris Pettigrew als Producer bei CNN International. Er zeigt uns einige Redaktionen, Regie und Studios im CNN-Hauptsitz.

Tragic death

Wir sind wieder mit WSPA-TV-Reporterin Dianne Derby unterwegs – dieses Mal für eine breaking news story. Ein High School-Schüler kommt wenige Tage vor seiner Abschlussfeier bei einem Autounfall ums Leben. Tragisch: Er stirbt auf dem Highway, der in Erinnerung an seinen Vater benannt ist. Der Soldat wurde vor drei Jahren in Afghanistan getötet. Unter dem Gedenkschild am Highway macht Dianne einen Aufsager – in Kleid und high heels. Die Reporterin wird später noch die Sendung moderieren. Zeit zum Umziehen bleibt nicht. Sie wird ihren Beitrag bis fünf Minuten vor Beginn der Sendung produzieren. Der einzige Vorteil für sie: Die US-Amerikaner schreiben erst ihren Text für den Beitrag, sprechen ihn ein. Anschließend schneidet der Cutter die Bilder auf den eingesprochenen Text. Das machen bei WSPA-TV übrigens die Kameraleute. Sie sind Kamerafrau bzw. –mann und Cutter in einem. Dianne vertraut TC, so dass er den Beitrag alleine fertig produziert.

Im Beitrag ist auch ein kurzer O-Ton, den ich geholt hatte. An der Unfallstelle spricht Dianne mit dem Sheriff. Er kennt die Familie des toten High School-Schülers. In dem Moment kommt eine Augenzeugin vorbei. TC drückt mir das Mikro in die Hand. Mein erstes Interview für den Fernsehsender. „Von dem Schrei konntest du hören, dass jemand tot ist“, sagt die Zeugin.

Sightseeing in Charleston

Häuser im Kolonialstil, Pferdekutschen transportieren Touristen durch die mit Palmen gesäumten Straßen, auf dem ehemaligen Sklavenmarkt verkaufen Afro- Amerikanerinnen sweetgrass baskets. In Charleston scheint die Zeit teilweise stehen geblieben zu sein. Hier möchte TC mir „the real South“ zeigen. Vor Hyman`s Fischrestaurant warten wir eine halbe Stunde auf einen Platz. Dann sitze ich an einem Tisch, an dem auch schon Barbara Streisand gegessen haben soll. Ob Shirt, Baseballkappe oder Button – TC begrüßt unterwegs jeden, der in irgendeiner Form in der US-Armee gedient hat. „Thank you for your service, Sir. I appreciate it.“

An der Battery leben die alteingesessenen Südstaatler in mehrere Millionen Dollar teuren Villen. In den öffentlichen Parkanlagen erinnern Statuen und gusseiserne Kanonen an die erbitterten Kämpfe zu Zeiten des amerikanischen Bürgerkriegs. Heute liegt im Hafen ein riesiges Kreuzfahrtschiff vor Anker. Auf dem Wasser schippert ein weißes Segelboot. Ferienstimmung. An einem Strand noch kurz die Füße im Meerwasser abkühlen, bevor es vom „laid-back South“ wieder in den intellektuellen Nordosten geht.

New York City, 9. – 16. April 2011

Gottesdienst in einer der ältesten afro-amerikanischen Kirchen in Harlem, MSNBC, New York Times, Hedgefonds-Manager, High School-Schüler in New Jersey, World Trade Center-Gedenkstätte, Vereinte Nationen inklusive Hintergrundgespräch mit einem deutschen Diplomaten, American Jewish Committee mit Pessachfest, Theater am Broadway mit Ben Stiller – Kontrastprogramm zu South Carolina.

Drei intensive, aufregende und abwechslungsreiche Wochen gehen zu Ende. Fünf weitere Tage verbringe ich bei Freunden in New York. Lange hatte ich davon geträumt, wieder in die USA zurückzukehren. RIAS hat es mir ermöglicht. Dabei konnte ich neue, spannende Aspekte des American Dream in der Zeit unter dem ersten afro-amerikanischen Präsidenten kennenlernen. Ich bin mir sicher, es gibt noch mehr zu entdecken. I`ll be back!

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Maurice Gully, Südwestrundfunk, Ludwigshafen

Ängstlicher Blick in den Rückspiegel: Ich höre lautes Sirenengeheul, sehe rot-blau flackernde Warnlichter. Natürlich meinen die Cops uns. Schließlich ist sonst kein anderes Fahrzeug weit und breit zu sehen, hier auf der verlassenen Hauptstraße des kleinen Örtchens Hatch in New Mexico. Meine amerikanische Kollegin Monica fährt rechts ran.

Ab jetzt beginnt Hollywood: Die beiden Cops, ganz in schwarz gekleidet, mit Spiegel-Sonnbrille und Cowboyhut, kommen langsam auf unser Auto zu. Sicherheitshalber bleibe ich erstmal auf dem Beifahrersitz sitzen, lege die Hände gut sichtbar auf meine Beine. Monica ist mutiger. Mit ihrem mexikanischen Charme und ihrer amerikanischen Coolness geht sie direkt in die Offensive. Nicht geblinkt und keine Kopie der Autoversicherung: das kann teuer werden.

Monica erzählt den strengen Polizisten, dass sie gerade eine Radio-Story über den berühmten Chili aus Hatch macht. Das gefällt den Cops, sie mögen Chili. Sie mögen auch Monica. Jetzt sieht das Drehbuch eine Wendung vor. Die beiden stattlichen Männer kommen nun auch zu mir. Ich erzähle, dass ich aus Deutschland sei und ein journalistisches Austauschprogramm mache. Und dass ich Chili mag.

Mehr braucht es jetzt nicht mehr. Das Eis ist gebrochen. Wir machen Fotos mit den beiden Cops und mir. Für die Kamera gucken sie extra böse, wedeln mit meinem deutschen Ausweis und lassen ihre Handschellen auf- und zuklicken. Später werde ich ihnen die Fotos mailen. Deutsche Journalisten verirren sich schließlich nicht häufig nach Hatch. Selbstverständlich zahlen Monica und ich an diesem Tag keine Strafgebühr, es bleibt bei einer schriftlichen Verwarnung.

Es ist eine Geschichte wie diese, die auf den Punkt bringt, worum es beim RIAS-Programm geht: Eintauchen in Amerika. Mein bisheriges Bild, das ich von dem Land und den Menschen in den vergangenen Jahren bekommen habe, wird in diesen drei Wochen Washington / Las Cruces (New Mexiko) / New York verfestigt, erneuert, korrigiert.

Die Zeit in meiner Mittelstation Las Cruces ist zweifelsfrei der Höhepunkt der drei Wochen. Sehr herzlich werde ich von meinem „Host“ Fred aufgenommen, der für die Radio- und TV-Station KRWG arbeitet. Der Sender gehört zur Familie der Public Broadcaster und ist mit einem lokalen Bürgerfunksender in Deutschland vergleichbar. Ein kleines Team produziert Radio- und TV Beiträge für New Mexico und West-Texas. Es kommt nicht selten vor, dass die Kollegen, mit denen ich in dieser Woche unterwegs bin, mit Videokamera, Mikrofon und Fotokamera ausgerüstet sind. Zeitgleich produzieren sie für das Radio, TV und Internetprogramm.

Die Wochen in Washington und New York bilden den Rahmen des dreiwöchigen Stipendiums. Mit meinen deutschen Kollegen aus der RIAS-Gruppe geht es zunächst zu vielen unterschiedlichen Terminen kreuz und quer durch die amerikanische Hauptstadt. Wir lernen u. a. die Redaktionsräume von CNN, FOX News und der Radiostation WTOP 103.5 FM kennen.

In vielen Gesprächen mit unseren amerikanischen Kollegen erfahren wir ihre Sicht der Dinge: Obama läge, zwei Jahre nach seinem Amtsantritt, weit hinter den Erwartungen des amerikanischen Volkes zurück und, nun ja, es gäbe allerdings keine wirkliche Alternative und deshalb rechne man mit einer erneuten Amtszeit. Und, nein, das Verhältnis zwischen der Bundesrepublik und den USA hätte sich nach der deutschen Enthaltung im UN-Sicherheitsrat zum Libyen-Einsatz nicht merklich verändert.

Neben intensiven Diskussionen und spannenden amerikanischen Inneneinsichten bleibt auch Zeit, Washington etwas näher kennen zu lernen: Die Hauptstadt zeigt sich uns in diesen Tagen von ihrer schönsten Seite: Es ist Cherry-Blossom-Zeit. Überall blühen japanische Kirschbäume in zartem rosa-rot und weiß.

Die dritte und letzte Etappe: New York. Traumstadt.
Nach der Woche in der Mittelstation ist es schön, die Gruppe wieder zu sehen. Das Hotel liegt nur wenige Minuten vom Times Square entfernt. Die Stadt hat sich seit meinem Praktikumsaufenthalt vor sechs Jahren kaum verändert. Der Puls taktet sofort wieder hoch zum vertrauten Beat der Stadt: laut, hektisch, bunt, schrill. Überholspur.
Auch in Manhattan geht es wieder kreuz und quer: Upper West Side, Downtown, East Village. UN, Jewish Committee, MSNBC und vieles mehr. Bei der New York Times erwischen wir einen spannenden Zeitpunkt: Seit kurzem wurde hier die „Paywall“ in der Online-Ausgabe eingeführt. Wer mehr als 20 Artikel pro Monat lesen will, muss zahlen. Wie zufrieden die Macher damit wirklich sind, lassen sie uns trotz hartnäckigen Nachfragens nicht wirklich wissen.

Ein besonders bewegender Moment erwartet uns an der Gedenkstätte „Ground Zero“. Wir sprechen mit einer Frau, die ihren Sohn bei den Anschlägen des 11. September verloren hat. Sie erzählt, wie sehr sich Amerika seitdem verändert hat. Und wie traurig sie darüber ist, dass die Moslems in ihrer Nachbarschaft bis heute argwöhnisch beäugt werden. Auch das ist Amerika.

Drei Wochen Vereinigte Staaten. Drei Wochen, die intensiver nicht hätten sein können. Dieses Land ist alles: offenherzig, charmant-verrückt, diskussionswürdig und -fähig. Und es ist wieder einmal ein Stückchen näher an die eigene Haustür gerückt.

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Inga Hoff, Zweites Deutsches Fernsehen, Mainz

„Shovelling News“ — oder: „Tippi-Toppi”

„Shovelling News“ — so hatte uns eine Korrespondentin den Arbeitsalltag eines großen Nachrichtensenders beschrieben. Und genau das trifft, wenngleich in anderer Form, auch auf das RIAS-Programm zu. Nur keine Pause, immer weiter Informationen schaufeln. Gut, wir machen nicht 150 Schalten pro Tag wie manch ein U.S.-Reporter on location und sehen definitiv mehr Tageslicht als die meisten Redakteure in den USA in ihren Büroboxen, aber der Vergleich ist trotzdem gerechtfertigt.

Klar, zurück in Deutschland fragt man sich, was bleibt von der Reise? Aber es ist gar nicht so wenig, was mir davon bleibt. Es sind genau 1243 Fotos vom Programm, 5 Badges, 37 Visitenkarten, fast genauso viele neue Facebook-Kontakte, ein Paar Kilo mehr durch die Burger-und-Pizza-Ernährung und zum Glück noch viel schwerer wiegende, tonnenschwere wundervolle, unglaubliche und teilweise sehr lustige Erinnerungen an die Zeit.

Ich habe dabei nicht nur die USA besser kennen gelernt, sondern auch die anderen Redakteure aus Deutschland. Diese Gruppe war einfach klasse und wir haben uns von Anfang an prima verstanden. Sogar so gut, dass wir es in der morgendlichen Kälte und beschallt von unfreundlichen Kommentaren des Ushers stundenlang zusammen in der Schlange zum Sonntagsgottesdienst in der Abyssinian Baptist Church in Harlem ausgehalten haben, ohne auch nur Anzeichen eines Dschungel-Camp-Kollers zu zeigen.

Getreu der Einsteinschen Erkenntnis, dass Zeit relativ ist, vergingen die drei Wochen in den USA viel zu schnell. Ein Highlight jagte das nächste, schneller als die Tornadojäger in Oklahoma unterwegs sind, und viel zu schnell, um alles sofort verarbeiten zu können. Ich versuche also im Folgenden kurz die Highlights meiner Highlights der Reise wiederzugeben. Da waren zu allererst die exklusiven Begegnungen mit Menschen, die man sonst wohl nie in seinem Leben getroffen hätte — wie zum Beispiel Mark Putnam, ein Medienberater für Politiker und auch TV-Kampagnenstratege für Obama. Er ist wohl der Steve Jobbs der Medien und erzählt uns, unscheinbar in Turnschuhen, einem Mittelklasse-Pullover und alten Jeans, wie er die teuerste politische Werbekampagne aller Zeiten organisiert und produziert hat.

Bewegend war vor allem das Treffen am Ground Zero mit Tracey. Sie hat durch die Anschläge 9/11 ihren Sohn verloren, der in einem der Türme gearbeitet hat. Den Tränen nahe hat sie uns ihre persönliche Geschichte zum 11. September erzählt, von der letzten Verabschiedung ihres Sohnes am Morgen des 11. Septembers bis zu den Angriffen auf die Menschen in der muslimischen Gemeinde, in der sie sich engagiert.

Wir haben viele Journalisten getroffen, unter ihnen auch Pulitzerpreisträger, einige Korrespondenten fürs Weiße Haus, den Helikopterpiloten Jim Gardner aus Oklahoma, der nicht nur Tornados, sondern auch flüchtende Kriminelle aus der Luft jagt, Vertreter ganz unterschiedlichster Gruppen und Religionen bei der herzlichen, traditionellen Pessach-Feier in der jüdischen Gemeinde New Yorks, waren in den Redaktionen von beispielsweise CNN, NBC, Fox News, haben der ehrwürdigen New York Times einen Besuch abgestattet, haben einen Hedgefond-Besitzer getroffen, Vertreter der großen Think Tanks, die die O-Töne gleich in ihrem eigenen professionellen TV- und Radio-Studio produzieren können und dann den Sendern überspielen, die Begründer eines Mikroblogs, die leidenschaftlich über ihre Nachbarschaft bloggen und viele, viele andere interessante Leute.

Einiges hat mich sehr erstaunt. Das sind teilweise die kleinen Erlebnisse am Rande — wie zum Beispiel dass auch 7-Jährige sich im Kino einen Horrorfilm anschauen können (während wir uns bei logo! schon Gedanken machen, ob wir den Kindern verwundete Menschen zeigen können), oder dass gerade mal die Hälfte der Journalistikstudenten an einer Uni sich über die aktuelle Nachrichtenlage informiert (davon die meisten über Twitter, was eh das Zauberwort in den USA scheint) — , auch der Rekrutierungsstand der Army direkt in einer Highschool hat mich verwundert. Man stutzt, wenn eine Journalistin, die prinzipiell jeden Tag gekündigt werden könnte, erzählt, dass sie den angebotenen 1-Jahres-Vertrag abgelehnt hat, weil sie nicht so eingeschränkt sein will in ihrer Freiheit, oder wenn die Kinder aus den lateinamerikanischen Familien der Hoboken Highschool in einem Vorort von New York erzählen, dass das Bildungssystem mit den hohen Studiengebühren gar nicht ungerecht sei, weil es ja wirklich genug Stipendien gebe….

Tja, und was habe ich nun gelernt?

Ich habe beispielsweise gelernt, dass „When it bleeds it leads“ durchaus das Motto eines erfolgreichen TV-Senders sein kann, dass 2030 die weiße Mehrheit in den USA in der Minderheit sein wird, dass „off the record“ im Gesprächsprotokoll nicht unbedingt heißt, dass es auch spannende, exklusive Antworten geben muss, dass Menschen mit indianischen Wurzeln wirklich nicht die naiven Klischees erfüllen müssen — weder die romantischen Ideen von Naturbürgern im Wilden Westen noch das Klischee eines desillusionierten Bewohners eines Reservats, sondern dass Indianerstämme wie die Chickasaw nicht nur eine eigene Nation bilden, sondern auch geschickte Unternehmer sind. Ich habe auch erfahren (bei einem mitreißenden NBA-Spiel der Oklahoma City Thunders übrigens, danke und viel Erfolg bei den Playoffs!), dass Sport in den USA eine einzige, bis ins letzte Detail durchorganisierte Entertainment-Veranstaltung ist, bei der in der Spielpause durchaus auch Rekruten der U.S.-Army vereidigt werden können und dass eine „kleine“ Cola bei so einem Spiel nicht weniger als ein 1-Liter-Becher ist. (Generell ist das Wort „small“ im gastronomischen Bereich nun wirklich eine Untertreibung.) Ich habe gelernt, dass das, was wir denken, worüber sich die Amerikaner Gedanken machen, auch nicht zwingend mit dem übereinstimmen muss, worüber sich die Amerikaner tatsächlich Gedanken machen. Während es in den deutschen Medien als Affront galt, dass Deutschland sich bei der Abstimmung im Weltsicherheitsrat zum Libyen-Einsatz enthalten hat, wussten einige Amerikaner auf ihre Sichtweise dazu befragt nicht mal, wie Deutschland überhaupt abgestimmt hatte.

Was den Journalismus angeht, so findet man in den Redaktionen wohl die selben Produktionssysteme und Studioeinrichtungen wie bei uns, Arbeitsweise und Einstellung der Redakteure und Redaktionen könnten teilweise kaum unterschiedlicher sein. Zum Beispiel: Reporter, die vom Dreh kommen, schreiben ihr Textkonzept und sprechen es ein. Damit ist der Job des Reporters beendet und der Cutter muss allein halbwegs passende Bilder zum Text finden — wobei das mit dem „halbwegs passend“ dann auch wieder eine spezielle Eigenart ist. (Ich habe übrigens versucht, unsere Cutter von diesem System auch in unserer Redaktion zu überzeigen, was aber auf kein großes Interesse stieß.)

Und betrachtet man die Ausrüstung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in den USA so hoffe ich ernsthaft, dass es den Öffentlich-Rechtlichen in Deutschland niemals so ergehen wird. Meine Station Week habe ich übrigens in Oklahoma verbracht. „Geographically in the middle of the USA, culturally in the middle of nowhere“, heißt es über den Bundesstaat. Nach der Woche dort kann ich mir aber kaum einen besseren Ort für eine Station Week vorstellen. Es war zweifellos ein ganz anderer Teil der USA, den man kennengelernt hat, unheimlich nette, „Okie“ Menschen dort und ich habe einiges gelernt und erlebt. Wo muss man sonst am Flughafen gleich ein Interview geben, wenn man nicht gerade ein Hollywoodstar ist oder wann steht man sonst den Studenten für eine Panel Discussion Rede und Antwort zusammen mit CNN Senior Correspondent in Paris, Jim Bitterman, — und ARD-Reporter Michael Stempfle nicht zu vergessen;-)? Und man sagt noch etwas anderes über Oklahoma: es seien die freundlichsten Menschen der Welt, nur wenn sie wählen, würden sie sich selbst zum Idioten machen. Den ersten Teil kann ich bestätigen, den zweiten Teil muss jeder selbst beurteilen — für den waffenvernarrten und traditionell republikanischsten aller Staaten, so republikanisch, dass sich die demokratischen Präsidentschaftskandidaten auch den persönlichen Wahlkampf dort sparen können, die Republikaner sowieso. In Oklahoma City waren die Ölpumpen allgegenwärtig. Erdöl und Erdgas haben dem Staat einen stattlichen Wohlverstand verschafft. Die Innenstadt in Bricktown ist, weil es einfach gefiel, den Kanälen und Backsteinhäusern in San Antonio nachempfunden und die studentische Nachrichtenredaktion der Oklahoma University ist technisch wohl besser ausgestattet als die meisten Sender hier in Deutschland. Sieht man den Ölreichtum, verwundert es erstmal nicht, dass sich bei der Abstimmung im Bundessenat keine einzige Stimme für das neue Umweltschutzgesetz fand und Umweltschutz generell sagen wir eine eher „untergeordnete“ Rolle spielt. Die Woche in Oklahoma war definitiv vielfältig und wie das gesamte Programm interessant und reich an einprägsamen, wundervollen Begegnungen…

Ich werde die vielen Eindrücke in dieser intensiven RIAS-Zeit und die Gruppe schon ein wenig vermissen. Nur eine Sache eher weniger: das tägliche Ausfüllen des Feedbackbogens. Allerdings habe ich da inzwischen einen adäquaten Ersatz bei der täglichen Arbeit gefunden: das Ausfüllen der Rechtemeldungen in der Redaktion. Ich habe lange überlegt, welchen klugen Schlusssatz ich für den Erfahrungsbericht verwenden kann. Ganz kurz habe ich an ein sehr kluges Zitat gedacht. Ich fand dann den Satz von Miriam Beard: „Certainly, travel is more than seeing of sights; it is a change certainly goes on, deep and permanent, in the ideas of living.“ Auch wenn das wohl zutrifft, es schien mir doch zu hochtrabend. Und so lautet mein Fazit eher „It was absolutely awesome!“ (wie es der U.S.-Amerikaner sagen würde) oder „Tippi-toppi!“ (ich hoffe, man schreibt es auch so), wie ein lustiger Mitfellow während des Programms nicht müde wurde unsere Erlebnisse zu kommentieren. Danke RIAS für diese tolle Erfahrung und perfekte Organisation!

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Katrin Kahlke, Norddeutscher Rundfunk, Schwerin

In Oregon gibt es kein schlechtes Wetter. Auch nicht, wenn es kalt ist und den ganzen Tag wie aus Gießkannen regnet. Neben mir im Auto sitzt Tracy. Sie trägt eine leichte Regenjacke und Gummi-Sandalen. Wir sind auf Erkundungstour und halten auf dem Weg zur Küste überall an, wo es für mich etwas zu sehen gibt. Erste Station: das Kasino. Es wird von Indianern betrieben und liegt mitten in der Wildnis. Von außen ein schickes Ressort mit Golfrasen und Strandhafer — innen die kleine Version von Las Vegas. Dutzende Slotmachines rattern und klingeln. Die Besucher — fast ausschließlich Rentner — schieben Rollatoren vor sich her und rauchen Zigaretten. “Es kommen sehr viele Touristen hierher. Wir Amerikaner lieben das Glücksspiel”, erzählt mir Tracy und lacht über mein verdutztes Gesicht.

Wir besuchen noch eine Seelöwenhöhle unterhalb der traumhaft schönen Küste und wärmen uns auf der Rücktour bei Lori auf. Sie hat ein kleines Restaurant gleich neben dem Highway und ist berühmt für ihr selbstgebackenes Gingerbread. Außer uns ist niemand da. Mit der Kaffeekanne in der Hand berichtet uns Lori, dass sie alle Kellner entlassen musste. Es kommen kaum noch Gäste. Viele müssten sparen und gingen nur noch selten aus. Obendrein regne es ja in Oregon neun Monate im Jahr. Wem sollte sie also die Schuld dafür geben?

Ich bin gerade erst angekommen und mitten drin. Im richtigen Amerika. Herzlich empfangen von meinem „Host”, Tracy, die sich rührend um mich kümmert, seitenweise e-mails schreibt und mich mit Karten, Reiseführern und Tipps versorgt, als würde ich für immer bleiben. Offen spricht sie über alles, was ihr Land momentan bewegt. Die Wirtschaftskrise der Vereinigten Staaten, die die Nordpazifik-Küste mit voller Wucht getroffen hat. Es gibt hier die höchste Arbeitslosenquote der USA, fast 11 Prozent. Auch Tracys Freundin Dawn-Mari hatte es erwischt. Ich treffe sie am nächsten Tag in einer großen Lagerhalle. Dawn-Mari hat als Journalistin über die Autoindustrie berichtet. Und gut verdient. Bis die Krise kam. Einige Firmen gingen pleite. 5.000 Jobs waren auf einen Schlag weg. Auch der von Dawn-Mari. Jetzt ist sie Sprecherin einer Foodbank, einer gemeinnützigen Organisation vergleichbar mit den Tafeln in Deutschland. Nur größer. Sie sammelt Spenden, verteilt Lebensmittel. Allein 14.300 warme Mahlzeiten pro Tag in Eugene, der kleinen Universitätsstadt, in der ich eine Woche lang wohnen darf. Sie habe einen sinnvollen Job, sagt Dawn-Mari: „Oregon ist einer der hungrigsten Staaten. Nur in Alabama und Maine gibt es noch mehr Menschen, die nicht genug zu essen haben. Jedes Jahr werden es mehr.” Mehr Familien, in denen Eltern ihren Kindern zuliebe aufs Essen verzichten und mehr Alte und Alleinstehende, von ihren letzten Dollars Hundefutter kaufen, damit sie ihren vierbeinigen Freund versorgen können und nicht allein sind.

Viele Menschen hätten Grund zum Verzweifeln angesichts der düsteren Prognosen. Aber sie scheinen ihr Schicksal mit Fassung zu tragen, fangen etwas Neues an. Wer kann, sucht sich einen anderen Job.

Tracy macht ihren mit sehr viel Leidenschaft und einer bemerkenswerten Leichtigkeit. Sie ist Nachrichtenredakteurin bei New Country Music, einem kleinen Sender, der ausschließlich Countrysongs spielt und schon viele Preise eingeheimst hat. Tracy kennt sich in der Musikszene fabelhaft aus. Ihre Show war in diesem Jahr für den wichtigsten Music Award in Las Vegas nominiert. Tracys Hauptaufgabe aber sind die Nachrichten. Jeden Morgen zwischen halb sechs und neun Uhr früh sortiert sie in ihrem kleinen Studio Agenturmeldungen und liest die winzigen Zettelchen halbstündlich vor. Kurz und knapp das Neueste aus aller Welt und Amerika, gut aufbereitet, verständlich und seriös. Fukushima, der Libyen-Einsatz oder die Fernsehansprachen von Präsident Obama findet Tracy wichtig, also kommen sie fast immer vor. Die beiden Moderatoren Bill und Tim sorgen für Unterhaltung. Sie wählen Musik aus (elf Titel pro Stunde!), telefonieren nebenbei mit Hörern, machen Witze und beantworten Fragen, die via Facebook oder Twitter gestellt werden. Ein beachtliches Arbeitspensum! Nach der Sendung geht für die Crew die Arbeit weiter, dann unterstützen sie zum Beispiel Wohltätigkeitsaktionen oder produzieren kleine Werbespots. Der Sender ist mit seinem Konzept höchst erfolgreich — sogar Marktführer.

Die Woche in Oregon war für mich der Höhepunkt der dreiwöchigen RIAS-Reise. Die Chance zu haben, für einen kurzen Moment ganz tief einzutauchen in das Land und das Leben seiner Bewohner. Die Tage in Washington und New York trugen dazu bei, die vielen Facetten des journalistischen Arbeitens kennenzulernen. Wir sind durch die Redaktionsräume der großen Sender und Agenturen gelaufen, wir trafen die Macher der New York Times und ließen uns von den konservativen Denkern der Heritage Foundation erklären, dass Klimaschutz irgendwie Blödsinn ist. Überraschend offenherzig und diskussionsfreudig waren alle, die wir getroffen haben. Die Gespräche intensiv und bewegend. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mit so viel Input und positiver Energie nach Hause fahren würde.

Eine Rückkehr in die USA wird es ganz sicher geben. Land- und Straßenkarten, Reiseführer, Stadtpläne, Wegbeschreibungen habe ich jedenfalls reichlich — besonders für Oregon.

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Janina Kalle, Norddeutscher Rundfunk, Hamburg

Ein New York Strip Steak liegt vor mir auf dem Teller. Brokkoli und Babykarrotten bilden eine appetitliche, vitaminreiche Umrahmung und ein Berg von Kartoffelschnitzen bittet geradezu darum, in Ketchup getunkt zu werden, das in einer kleinen Schale daneben steht. Nur um es vorweg zu nehmen: Dieses Stück Fleisch, das da in Austin, Texas vor mir auf dem Teller liegt, wird das beste Steak gewesen sein, das ich bis dahin gegessen habe. Und trotz dieser ausgereiften Technik und der tadellosen Qualität des Fleisches werde ich das Steak nicht aufessen. 400 Gramm Fleisch auf ein Mal sind einfach zu viel, selbst für eine geübte Esserin. Ich habe einen halbvollen Teller zurückgehen lassen.

Dieses Bild geht mir immer wieder durch den Kopf, wenn ich an die drei Wochen USA denke, die mir Rias ermöglicht hat. Es war meine erste USA Reise und es wird mit Sicherheit nicht die letzte gewesen sein. Denn auch jetzt erscheint mir das Land rätselhaft. (Was bei über 300 Millionen Einwohnern und mindestens doppelt so vielen Meinungen wenig verwundert.)

Wir haben die „Heritage Foundation“ besucht, den konservativen Thinktank Amerikas, der mir bis dahin nur in unguter Erinnerung war, weil die Foundation damals den zweiten Irakkrieg befürwortet hat. Wir wurden in einem gediegenen Neubau empfangen mit fingerdicken Teppichen und schweren Holzmöbeln. Und ohne mit der Wimper zu zucken hat uns der ungemein smarte und freundliche Pressesprecher Antworten gegeben wie: „Global warming? Gibt es nicht. Zeigen Sie mir eine Insel, die untergegangen ist.“ „Erneuerbare Energien? Unser Wohlstand fußt auf fossilen Brennstoffen und das ist gut so.“ „Atomkraft? Ja — die ist sicher und sauber.“ „Irakkrieg? Nun, demokratische Staaten bekriegen sich laut Erfahrungswerten seltener als Diktaturen. Wir sind froh, dass wir in Afghanistan und dem Irak Demokratie geschaffen haben.“

Einen Tag später waren wir bei „Brookings Institution“, also dem großen linken Thinktank. Die Aufzüge drohten stecken zu bleiben und der Konferenzsaal erinnerte an einen Hörsaal einer 70er Jahre Universität im Ruhrgebiet. Dieses Mal bekamen wir komplett gegenteilige Antworten: „Zukunft der USA? Metropolen und grüne Energie, wir müssen uns von dem Bild des guten, weißen Amerikaners auf dem Land als identitätsstiftendes Bild verabschieden.“ „Zukunftschancen Amerikas? Europa kämpft mit der Überalterung und wird das Problem nicht lösen. Wir haben die Hispanics und die Schwarzen. Das ist unsere Chance. Wenn es einer Gesellschaft gelingt so unterschiedliche Gruppen zu integrieren, dann ist es die U.S.-Gesellschaft. Und wir müssen es schaffen.“ Auf die Frage warum der amerikanische Wahlkampf so oft mit irrationalen Vorwürfen gespickt sei, wie zum Beispiel, dass Obama nicht in den USA geboren ist, antwortete der Institutsleiter Bruce Katz: „United States Area is (often) a factfree zone“.

Schon diese beiden Welten waren mehr als schwer zu vereinbaren, obwohl zwischen den beiden Gebäuden kaum zwei Kilometer Luftlinie lagen. Vermutlich würde man in Deutschland auch bei der „Konrad Adenauer-“ und der „Rosa Luxemburg Stiftung“ sehr unterschiedliche Ansätze kennen lernen. Aber in Deutschland referieren die unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen viel stärker auf die gleichen Zahlen und Fakten. Niemand würde tatsächlich die globale Erwärmung in Frage stellen. Die amerikanische Bandbreite im Denken und im einander Akzeptieren war mir neu.

In den folgenden Tagen haben wir hochintelligente Statistiker vom Pew Institut kennen gelernt, Republikaner, die linksintellektuell waren, eine schwarze Pastorin, die aussah wie ein Supermodell, eine jüdische Gemeinde, die Araber zum Passahfest eingeladen hat, und vieles mehr. Ich habe gelernt, dass ein Großteil der Abgeordneten beider U.S.-Kammern keinen Reisepass besitzt, also noch nie oder zumindest nicht in den vergangenen Jahren im Ausland war. Ich bin gefragt worden, was an Mülltrennung so toll sein soll, wieso ich vier Tage Zeit für einen Fernsehbeitrag habe, der nur drei bis fünf Minuten lang ist, und ich habe jede Menge Dinge gegessen, die zu fett, zu frittiert und zu geschmacksneutral waren um mich irgendwie zufrieden zu stellen. Und ich habe mich immer wieder von neuem in Innenstädten gegruselt, die voll Beton waren und menschenleer, weil alle Bürger entweder in einer Shopping-Mall waren, im Auto oder zu Hause.

Und ich habe ein gigantisch gutes „New York Strip Steak“ gegessen — und musste mitten drin für mich entscheiden, dass ich nicht mehr weiter essen kann. Ein Entschluss, zu dem sich mein freier Wille nur sehr mühsam durchringen konnte, angesichts dieses sehr guten Essens. Aber die amerikanische Freiheit spiegelt sich für mich nicht nur in dem Denken und den unmöglichsten Kombinationen wieder (wie einer grell geschminkten, gertenschlanken Pastorin), sondern eben auch auf dem Teller. Wenn alles möglich ist, muss sich der Einzelne seinen Weg und sein Maß alleine finden. Die vielen übergewichtigen Amerikaner, die ich vor allem auf dem Land gesehen habe, zeigen ganz plastisch, dass das dem Menschen nicht immer leicht fällt. Aber die enorm originellen und unkonventionellen Köpfe, die wir treffen konnten, haben mir auch gezeigt, welch brillanten und neuen Ideen durch eben diesen Geist der Freiheit entstehen können.

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Jan Liebold, Norddeutscher Rundfunk, Hamburg

Natürlich kenne ich die Vereinigten Staaten von Amerika. Schließlich bin ich schon zweimal da gewesen, ich habe mir ein Bild vom Land und seinen Menschen gemacht.

In den USA ist alles ein bisschen größer und bunter, es wird gern dick aufgetragen. Werbetafeln und Hausfassaden glitzern um die Wette, Fernsehsendungen heißen SHOW. Wenn ein Politiker redet, hält die Nation den Atem an, die Präsidentschaftswahl wird zum WETTLAUF ums Weiße Haus. Ein Heer von PR-Beratern macht aus den Kandidaten Werbeträger, heroische Kunstfiguren wie Superman. Leider hat das kaum noch mit der Wirklichkeit zu tun.

Im Süden des Landes glauben die Menschen an den Ku-Klux-Klan und Scientology. Hier trägt jeder Amerikaner eine Waffe, weil er sich vor allem schützen muss, was schwarz oder spanisch ist. Es wird gern und viel in die Kirche gegangen, fast kein Haus, vor dem nicht die Stars und Stripes gehisst werden. Vom Rest der Welt versteht man hier soviel wie British Petroleum vom Umweltschutz. Amerika ist schließlich der Dreh- und Angelpunkt der zivilisierten Welt.

Und dann gibt es da noch die Heuschrecken, smarte Hedgefond-Manager, denen nur eines wichtig ist: Der Dollar. Rolex und Armani-Anzug sind Phallussymbole, weit wichtiger als die Ehefrau und sowieso wird alles das, was die Gewinnmaximierung behindert, als böse und unamerikanisch interpretiert. Krisen sind nämlich zyklisch, und Lehmann Brothers… war das was?

Jetzt fahre ich also noch mal hin, in dieses Land. Zusammen mit elf Kollegen geht es nach Washington, dann bin ich für eine Woche als Praktikant in Florida und später treffen wir uns wieder in New York. Mehr als eine Bestätigung meiner USA-Bilder erwarte ich eigentlich nicht. Doch schon nach den ersten Gesprächen mit Journalisten, PR-Leuten und politischen Insidern wird klar: Amerika überrascht.

Zum Beispiel durch Mark Putnam, eigentlich studierter Molekularbiologe, seit Jahren aber PR-Experte und erfolgreicher Autor von Wahlwerbespots für U.S.-Politiker. Zuletzt hat er die politische Kampagne von Barack Obama filmisch umgesetzt. Ein Big Deal also. Doch als er uns von seiner Arbeit berichtet und fast ein bisschen schüchtern wirkt im viel zu großen Woll-Sweatshirt und abgewetzten Jeans, die in Billigturnschuhen stecken, wird schnell klar, dass überbordender Pathos und Kaugummilächeln auch in Amerika noch längst keinen U.S.-Politiker an die Macht bringen. Ungewöhnliche Seiten an einem Kandidaten entdecken, mit Witz und Ironie auch über eigene Schwächen sprechen, in kurzen, clipartigen Bildern möglichst vollständig informieren — das ist Marks Geschäft und er beherrscht es eindrucksvoll. Steife Machtmenschen lachen plötzlich über sich selber, bärbeißige Typen müssen lernen, locker und verständlich auf den Punkt zu kommen. In Putnams Spots macht sich das politische Amerika ein bisschen lustig über sich selbst. Und das wirkt sehr sympathisch.

In Florida arbeite ich bei WTSP, einem Nachrichtensender für den Großraum Tampa Bay. Mein Host ist Libby Hendren, eine 30jährige Planungsredakteurin, die stolz ist auf ihr Amerika und den Sunshine State Florida. Zwar hat der Sender schon bessere Zeiten gesehen, Studios und Arbeitsplätze wirken wie Leihgaben aus den Achtzigern, doch der Idealismus, mit der Libby an die Arbeit geht, beeindruckt mich. Nachrichten begreift man bei WTSP eigentlich als Serviceangebot für den Alltag, Wetter- und Verkehrsmeldungen sind die wichtigsten Themen in jeder Newssendung. Und die Bosse von WTSP definieren erfolgreichen Journalismus hauptsächlich über die Quote. Doch Libby ist das egal. Fukushima, der Krieg in Libyen, die Euro-Krise — kaum eine Sendung vergeht, in der sie nicht ein Auslandsthema ins Programm bringt. Die Auseinandersetzung mit dem Chef nimmt sie in Kauf. Denn sie ist überzeugt: Amerika muss mehr über die Welt wissen. Schließlich seien die USA nicht das Zentrum der Zivilisation, es gäbe einiges, das schief gelaufen sei im Land der unbegrenzten Möglichkeiten und was man besser machen müsste. Ein amerikanischer Blick über die Sandstrände von Florida hinweg, ohne Vorurteile — das zeichnet Libby aus. Die Gespräche mit ihr sind eindrucksvoll.

In New York treffen wir uns zum Gespräch mit Lawrence Heller, einem Hedgefond-Manager, der seit mehr als 20 Jahren an der Wall Street arbeitet und ein Vermögen gemacht hat mit Spekulationen auf Pleiteunternehmen und Wachstumsbranchen. Sein Besprechungszimmer beherbergt die Reliquien des Erfolgs. 70 Zoll-Breitbildfernseher, sündhaft teures Gemälde an der Wand, bitte vorsichtig beim Hinsetzen und Zurücklehnen! Doch dann äußert sich Heller skeptisch über die Gesetze der Finanzwirtschaft. Die amerikanische Politik des Schuldenmachens sei zum Scheitern verurteilt, gigantische Bilanzlücken und steigende Inflation könnten nur zu einem Ende führen: Dem Zusammenbruch des Währungssystems. An den Dollar glaubt der Manager schon längst nicht mehr. Wer sein Vermögen retten wolle, der müsse Gold kaufen, und zwar schnell, rät Heller. Gut klingt das alles nicht aus dem Munde des Finanzexperten. Und seine Entschiedenheit ist bemerkenswert — denn der Wandel von einem, der immer an den Dollar geglaubt hat, zum Skeptiker, der plötzlich nichts mehr hören will von ungebremstem Wachstum, muss stutzig machen. Eine offene und schonungslose Analyse, ausgesprochen mitten in Manhattan, im Konsummekka des Westens.

Was bleibt von einer Amerika-Reise, bei der am Ende doch vieles deutlich anders war als ich mir es vorgestellt habe? Auf jeden Fall eine Menge geplatzter Klischees, stattdessen die Erkenntnis, dass viele Amerikaner im Jahr 2011 nachdenklich und reflektiert über sich, die USA, die Welt sprechen. Vieles, was in Deutschland lange Zeit als typisch amerikanisch wahrgenommen wurde, der unbedingte Glaube an die eigene Überlegenheit und das feste Vertrauen in die amerikanische Mission, verliert zwischen Washington, Florida und New York allmählich an Gültigkeit. Den ein oder anderen mag das beunruhigen, ich habe dieses Amerika auf jeden Fall gemocht.

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Michael Stempfle, ARD aktuell Mainz

U.S.-Journalisten großer Fernsehanstalten nutzen soziale Netzwerke bei ihrer Arbeit häufiger als wir in Deutschland. Das war eine von vielen Erkenntnissen beim Frühjahrsprogramm der RIAS-Kommission. Google Plus war zu Beginn des Jahres 2011 zwar noch kein Thema; dafür aber twitter, facebook und auch der ein oder andere blog. Die social media werden bei der Themenauswahl, Recherche oder Suche nach potentiellen Gesprächspartnern viel häufiger in Anspruch genommen als bei uns.

Dass deutsche Journalisten große Bedenken gegenüber twitter haben, wurde uns in New York vor Augen geführt. Bei einer großen deutschen Institution haben wir zum Beispiel erfahren, dass ihr relativ wenige deutsche Journalisten auf twitter folgen. Die vergleichbare U.S.-Einrichtung hatte zumindest zu diesem Zeitpunkt verhältnismäßig mehr follower. Das mag banal klingen, doch die Ablehnung der deutschen Journalisten gegenüber twitter hat Folgen: Wenn die tweets der deutschen Institution mit den links zu Pressemitteilungen kaum gelesen werden, heißt das im Umkehrschluss, dass die Institution mehr Telefonate mit Journalisten führen oder Informationen individuell per Email oder gar per Fax verschicken muss. Ein vergleichsweise umständliches und aufwändiges Verfahren. Das sei unnötig, findet die besagte Einrichtung, zumindest dann, wenn es nicht darum gehe, komplizierte Sachverhalte mit Journalisten zu klären, sondern nur darum, eine Information weiterzugeben, eine ganz gewöhnliche Pressemitteilung.

U.S.-Journalisten scheinen von Grund auf weniger Bedenken gegenüber twitter zu haben. Besonders deutlich wird das, wenn man mit Nachwuchsjournalisten spricht. Am Gaylord College der University of Oklahoma konnten wir auch mit Studierenden diskutieren. Für mich war erstaunlich zu erfahren, dass für eine Mehrzahl der Journalistik-Studenten twitter die erste Informationsquelle ist. Sicherlich war das nur eine Momentaufnahme und alles andere als eine repräsentative Umfrage. Aber die Diskussion zeigte mir, dass twitter anders als bei uns auch als eine Art Nachrichtenmedium verstanden wird; ein Nachrichtenmedium, das eben nur mit viel mehr Vorsicht zu genießen ist als klassische Medien. Für diese Nachwuchsjournalisten ist klar: Viele Neuigkeiten verbreiten sich zuerst über twitter. Warum sollte ich darauf verzichten? Man könne dann ja noch immer checken, ob die tweets auch wirklich stimmten oder nicht.

Bei den vielen Redaktionsgesprächen, die wir in den drei Wochen führen konnten, war die Einbindung der sozialen Netzwerke in die journalistische Arbeit immer wieder Thema. Als ich aus den USA zurückkam, hab ich einige unserer U.S.-Kollegen noch mal darauf angesprochen — hier deren Antworten:

Planungsredakteure sagen, der Vorteil von twitter liege darin, dass sie möglicherweise schneller an Informationen herankommen. Ein aktuelles Beispiel ist der Tod von Amy Winehouse. Die Nachricht kam zuerst auf twitter; Nachrichtenagenturen, Fernseh-, Radiosender und Zeitungen hatten das Nachsehen. Klar, dass Journalisten so eine twitter-Nachricht nicht einfach veröffentlichen könnten, sobald sie auftaucht. Aber ein Planer, der die social media-Welt überblickt, hat überhaupt erst die Chance, solche twitter-Meldungen aufzuspüren und sie auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen.

Reporter sagen, der Vorteil liege darin, dass sie mit twitter eine zusätzliche Recherchequelle haben. Viele U.S.-Kollegen checken erst einmal, welche tweets es zu ihrem Thema gibt, welche potentiellen Gesprächspartner sich auf twitter äußern oder welcher Aspekt des Themas auf twitter besonders hitzig diskutiert wird, bevor sie dann mit ihrer klassischen Recherche anfangen. Das mag simpel klingen, doch die Kunst besteht darin, informierten und vertrauenswürdigen usern zu folgen und gleichzeitig den trash herauszufiltern. Dass U.S.-Kollegen die Informationen, die sie bei twitter finden, nicht einfach übernehmen, sondern durch eigene Recherchen vor Ort, durch Gespräche und Telefonate usw. überprüfen, ist für sie eine journalistische Pflicht und eine Selbstverständlichkeit, sagen sie.

Die Nachteile von „twitter“, die wohl der Hauptgrund für die Skepsis vieler deutscher Journalisten sind, kennen natürlich auch die U.S.-Kollegen: Die Gefahr also, dass Gerüchte oder Unwahrheiten verbreitet werden. Ein großer Sender in den USA soll den Tod von Senatorin Giffords aus Arizona gemeldet haben, obwohl diese den Anschlag bekanntlich überlebt hat. Eine Falschmeldung, die angeblich auf ein tweet zurückging und eigentlich leicht zu überprüfen gewesen wäre. Für viele U.S.-Kollegen sind solche Erfahrungen aber kein Grund, auf twitter zu verzichten, sondern vielmehr Ansporn, tweets, die von Interesse sein könnten, noch gründlicher zu überprüfen.

Facebook scheint bei deutschen Journalisten beliebter zu sein als twitter. Und dennoch nutzen wir es nicht in gleichem Maß wie unsere U.S.-Kollegen. Ein Beispiel: die Informationssuche zum Erdbeben in Japan. Wir haben mit Journalisten gesprochen, die kurz nach Ausbruch der Katastrophe auf facebook gezielt nach Augenzeugen gesucht und Informationen, Fotos oder Videos von ihnen erfragt haben. Wie glaubwürdig kann Material sein, das ich von Unbekannten über „facebook“ bekomme, haben wir die U.S.-Kollegen gefragt. Es gibt Möglichkeiten, das — zumindest in Ansätzen — zu überprüfen, war die Antwort. Stimmen die Straßennamen, die auf den Videos zu sehen sind? Gibt es die Gebäude, die zu sehen sind, tatsächlich in der Stadt, von der die Rede ist? Gibt es Hinweise darauf, an welchem Tag das Material gedreht ist und zu welcher Uhrzeit? Welchen Akzent sprechen die Menschen, die zu hören sind? Bei der Diskussion über die begrenzten Möglichkeiten der Überprüfung ist eines auch klar geworden: ein Risiko bleibt! Wichtig sei, das Video, für dessen Veröffentlichung man sich nach einer gründlichen Überprüfung schließlich entscheidet, richtig einzuordnen und klarzumachen, dass es sich dabei ausdrücklich nicht um selbst gedrehtes Material, sondern um Amateuraufnahmen handelt.

Auch das Bloggen hat in den USA grundsätzlich einen höheren Stellenwert hat als bei uns. Das wurde beim Vortrag eines CNN-Korrespondenten an der University of Oklahoma deutlich. Zu aktuellen Themen spontan zu bloggen, sprachlich kreativ zu sein, user für seinen Blog zu begeistern, zu gewitzten Kommentaren zu animieren… all das wird in den USA als moderne, journalistische Kommunikationsform verstanden. Umgekehrt haben mir ein paar Redakteure gesagt, dass gute Blogs mit investigativen Recherchen (wie zum Beispiel auf propublica.org) für sie zur Morgenlektüre dazu gehören wie Tageszeitungen oder Frühsendungen.

Welche Erkenntnisse kann ich als Journalist daraus gewinnen? Meiner Ansicht nach steckt eine Chance darin, soziale Netzwerke stärker als bislang in die journalistische Arbeit mit einzubeziehen. Fernsehen, Radio und Zeitungen auf der einen Seite und das Internet auf der anderen sind bei uns häufig zwei getrennten Welten. Wer Nachrichten für klassische Medien macht, kann die Augen vor den Diskussionen im Internet nicht verschließen, sondern muss zumindest im Blick haben, was in den sozialen Netzwerken vor sich geht — die nötige journalistische Distanz immer vorausgesetzt.

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RIAS USA-Herbstprogramm
17. Oktober – 4. November 2011

Zwölf deutsche Journalisten in den USA: Organisiertes Programm in Washington und New York sowie für alle Teilnehmer jeweils individuelles Praktikum in amerikanischen Rundfunk- oder Fernsehstationen.

 

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TEILNEHMERBERICHTE

Magdalena Bienert, Rundfunk Berlin Brandenburg, Berlin

„Don’t be so German!“
ABC, PBS, und CNN; NBC, NPR und NYC — wir sind´s, die Fantastischen Zwölf und Amerika liegt uns zu Füßen! Lag, muss man an dieser Stelle leider sagen.

Die RIAS-Reise sieht in meinem Kopf so aus, wie New York aus dem Flugzeug bei Nacht: die Eindrücke blinken und glitzern bunt durcheinander und die große Frage ist: welche Lichter werden auch in Berlin weiterflackern?! Was ich jetzt schon in luftiger Höhe weiß, ist Folgendes:

Wann immer ich jetzt einen Fahrstuhl betrete, werde ich mich noch hineinquetschen, egal wie voll er schon ist. Mit dem Satz: „Don´t be so German!“ schob unser Host Jon den höflichen deutschen Rest, der noch vor der Fahrstuhltür warten wollte, bestimmt ins Innere. Okay, einfach mal locker machen.

Wann immer ich jetzt eine deutsche Nachrichten-Sendung sehe, werde ich mir die Dramaturgie genauer angucken. Was kommt am Anfang, was am Schluss und sind Hundebabys und Spinnenphobien auch bei uns eine Meldung wert? News und Nachrichten — ein himmelweiter Unterschied!

Ich nehme mir vor, bei meiner nächsten Reportage etwas von der amerikanischen Lockerheit beizubehalten. Wobei das schon paradox ist: es sich vorzunehmen. Der Ami nimmt sich nix vor, er macht einfach. Beeindruckend wie professionell und entspannt zugleich die Moderatoren und auch Reporter agieren, wenn sie nur noch wenige Sekunden vom nächsten Live-Shot entfernt sind. Hier noch ein „hello“, dort noch ein Scherz mit der Besuchergruppe. Präsentation ist alles, das täuscht dann auch schon mal über flache Inhalte hinweg.

Ich muss auf jeden Fall anfangen zu twittern, mir vielleicht sogar ein Tweetdeck einrichten? Noch mehr Facebook als Themen-Quelle nutzen. Ohne neue Medien und Netzwerke geht in Amerika nichts mehr. Wie langsam doch da unsere medialen Mühlen im Vergleich mahlen. Allerdings wird dadurch so manch unwichtige Message immerhin nicht sofort in die Welt hinausgeblasen.

Zwischen den zahlreichen Meetings und Redaktionsbesichtigungen mit den anderen Business Punks (unserer 12er Gruppe) liegt die Stationweek, die man kaum unerwähnt lassen kann und die noch mal eine ganz andere Seite des Landes aufzeigt: Mein temporärer Reisepartner Christian vom NDR und ich bekommen in Indiana die volle Breitseite Amerika. Unser liebenswerter Host Garrett in Indianapolis beginnt seine Schicht bei der TV-Morningshow von FOX59 News jeden Tag um 2.30 a.m. Wir befinden das spontan für recht ungesund, doch Garrett versichert, dass es ihm egal sei, wann er sich seine 6 bis

7 Stunden Schlaf hole. Wir dürfen zum Glück etwas später erscheinen, und als wir gegen sieben Uhr im Sender sind, nimmt mich ein Kameramann direkt mit zu seiner nächsten Live-Schalte. Es ist kurz vor Halloween und ein privater Radiosender lässt seine beiden Morgen-Moderatoren von einem großen Parkplatz aus moderieren. Schlicht mit zwei Laptops, einer Telefonleitung und einem Zeltdach ausgerüstet senden sie vier Stunden bei Nieselwetter und bewerben ununterbrochen den kommenden Höhepunkt ihrer Aktion: von einem Kran wird ein riesiger Kürbis fallengelassen. Wow. Ironie überträgt sich nur selten im Radio, zum Glück ist hier auch keine dabei… Als wäre es DAS Jahrhundert-Event wird das große gelbe Gemüse schließlich in die Höhe gehievt, um unter dem wachsamen Auge des Fox59-Kameramannes, der Moderatoren und einiger Schaulustiger mit einem ziemlich lauten Knall auf dem Parkplatzboden in sehr viele Einzelteile zu zerschmettern. Kleine Kinder rennen los, umklammern ihre matschige Beute und lassen sich Fragen gefallen, wie: „How do you feel? Was it awsome?“ Wahnsinn, eine derart debile und dann auch noch recht visuelle Aktion im Radio zu übertragen kann vermutlich nur Amerikanern einfallen und auch gefallen. Ich bin tatsächlich ein bisschen baff. Der Kameramann, der gleichzeitig Producer, Regisseur und Ton-Mann ist, packt innerhalb von fünf Minuten alles zusammen und wir düsen zurück in die Redaktion. Um kurz nach zehn ist Schluss für Garrett und das Energiebündel macht mit uns noch einen Ausflug ins fast 2 Stunden entfernte Ohio zum Air Force Museum. Hier kann man die Maschinen von Kennedy, Roosevelt oder auch Eisenhower bestaunen und sogar betreten. Kennedy hatte auf jeden Fall die gemütlichsten und größten Sitze in seiner Air Force One, mit der er 1963 auch nach Berlin gereist ist. Weitere drei Hangars auf der immer noch größten intakten Air Force Base sind gefüllt mit Kriegsflugzeugen aus sämtlichen Jahrzehnten und nicht wenige zieren Pin-Ups und patriotische Sprüche. Dieser sehr amerikanische Tag wird abgerundet mit einem Besuch eines Fastfood-Restaurants. Hier gibt es das berühmte Cincinatti Style Chili: unter einer fünf Zentimeter dicken Cheddar Cheese Schicht sind Spagetti mit einer süßlichen, mit Zimt verfeinerten Bolognese versteckt. Wir lieben es. Allerdings blicken Christian und ich nach eineinhalb Wochen besorgt auf unsere rund gewordenen Bäuche. Seit Tagen war ich nicht mehr richtig hungrig. Essen bestimmt einen Großteil meiner Gedanken in Amerika. Nach der ersten Woche in Washington und direkt gegenüber einer Muffin-Bäckerei ist mein Bedarf an Zucker ausreichend gedeckt. Jetzt bin ich den Bagels verfallen. Jemand erzählt, McDonalds hätte all seinen Größen wieder mal ein „upgrade“ verpasst. Eine mittlere Portion wird jetzt also als kleine verkauft. Ein eher seltener Fall von amerikanischem Understatement.

In der letzten Woche in New York wird es allerdings wieder so hektisch, dass viele Kalorien verbrannt werden. Ewig lange Rolltreppenzungen würgen uns von oben nach unten, den Rest erledigen die Metro und unsere tapferen Füße. Meine 7cm Absatzschuhe vom ersten Tag in Washington haben nach diesem nie wieder das Tageslicht erblickt. Keine Chance. Wir laufen sehr sehr viel, versuchen uns dem New Yorker Treiben anzupassen. Von der linken Seite gesehen klappt das gut, da schwappt stets ein Kaffeebecher, aber anstatt eines Handys in der Rechten wedeln wir noch oft mit Stadtplänen. Was soll man über New York sagen? Als Großstadt-Mensch kann man es nur lieben und Termine wie bei den Vereinten Nationen oder der New York Times runden die drei Wochen ab. Wer zu Halloween in der Stadt ist, sollte unbedingt versuchen zur Parade zu gehen — mehr quirliges New York geht kaum. Überhaupt ist ein weiterer nicht zu verachtender und nachhaltiger Punkt das social life nach 6 p.m.. Chronische Übermüdung in den letzten Tagen sollte einen nicht davon abhalten (r)auszugehen, sich in einem Pub zu Musik aus Fernsehern die Seele aus dem Leib zu tanzen oder auf einer Hip Hop Party zu versuchen als einzige Weiße nur halbwegs so locker mit dem Hintern zu wackeln, wie der ganze Laden. Obligatorisch ist für die echten New YorkerInnen auch der wöchentliche Besuch eines Nail Spa. Allerdings sollte man es tunlichst vermeiden bei der Pedicure zu kichern — die coole New Yorkerin liest dabei nämlich so gelassen das People-Magazine, als säße sie bloß in der U-Bahn. Und da ist sie nämlich wieder, diese amerikanische Gelassenheit…

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Torben Börgers, Norddeutscher Rundfunk, Hamburg

Die quadratische Ausschachtung ist ungefähr zehn Meter tief und mindestens so groß wie zwei Olympia-Schwimmbecken. Über ihre hüfthohe Begrenzungsmauer ergießt sich ein nicht endender Schwall klaren Wassers, das sich auf dem Grund des Bassins sammelt. Von dort fließt der träge Strom in das etwas tiefer gelegene Zentrum der Anlage, wo er in einem tiefen, schwarzen Loch versiegt, dessen Ende man nicht sehen kann. Die Fragezeichen auf den Gesichtern der anderen sind unübersehbar. „Irgendwie packt mich das nicht,“ flüstert mir Valentina ins Ohr — und für einen Moment bin ich geneigt, ihr zuzustimmen.

Wir stehen am Ground Zero, genauer gesagt an dessen erst kürzlich eröffnetem Memorial.

Die immer noch im Bau befindliche Anlage soll an den Tag erinnern, der aus Amerika ein anderes Land gemacht hat. In die Balustrade vor uns sind die Namen der Opfer graviert, irgendjemand hat eine Nationalflagge in die Ausbuchtung eines der Anfangsnamen gesteckt, daneben reckt eine Rose ihren Kopf in den wolkenlosen New Yorker Herbsthimmel. Und plötzlich packt’s mich doch: Je länger ich auf die Wasser-Kaskaden starre, desto deutlicher zeichnet sich die Silhouette der Zwillingstürme vor meinen Augen ab. Überall da, wo sich das Licht in dem Wasserfall bricht, meine ich Menschen zu sehen, die vor lauter Verzweiflung aus dem Fenster ihres Büros gesprungen sind. Alles was ich höre, ist ein ohrenbetäubendes Rauschen, das von Minute zu Minute lauter wird. Es ist eine körperliche Erfahrung, von der ich mich ausruhen muss. Auf einem etwas abseits gelegenen Steinpodest sitzend treffe ich auf eine schweigende Valentina. Wir brauchen nichts zu sagen.

Es sind Erfahrungen wie diese, die unsere drei Wochen zu etwas ganz besonderem machen. Nie im Leben hätte ich damit gerechnet, so nachhaltig berührt zu werden – von den Menschen, die mit mir gereist sind — und von dem Land, das ich doch eigentlich schon zu kennen geglaubt hatte.

Rückblick: Drei Wochen vor der Abreise fische ich ein Stück Papier aus meinem ausnahmsweise mal funktionstüchtigen Büro-Drucker. Zwölf Namen stehen darauf: Die Teilnehmer des Herbstprogramms, meine Weggefährten in den kommenden drei Wochen. Eine Schicksalsgemeinschaft, zusammengewürfelt von Rainer Hasters und der RIAS-Kommission. Obama, Cain, Perry? Egal. Im Moment zählen nur Stamm, Brandt und Bienert. Ich bin nachgerückt. Ob das ein gutes Omen ist?

Der Spaß beginnt schon weit vor dem Abflug: Einlesen sollen wir uns, hat Jon in einer seiner Mails geschrieben. Leicht gesagt, bei 12-stündigen Arbeitstagen. Wikipedia allein wird’s dieses Mal wohl nicht richten. Erschwerend hinzu kommt, dass die Vereinigten Staaten von Amerika so etwas Ähnliches sind wie das Geheimnis ewiger Liebe: viel besungen, viel beschrieben, und trotzdem weiß’ keiner so genau, was sich dahinter verbirgt.

Wo also anfangen? Ich suche erstmal nach einem Restaurant in Washington D.C. Da ich dank der flexiblen Reiseplanung in der Vorwoche des Programms meine Gastfamilie aus High-School-Tagen in Baltimore besuchen kann, bin ich als erster vor Ort — und beauftrage mich selbst damit, den Eröffnungsabend zu planen. Bei Bayer, Henkel und Co. heißt das bestimmt Teambuilding. Ich freue mich aber einfach nur auf das Kennenlernen und stelle mir vor, wie elf hungrige Deutsche aus dem Langstreckenflieger steigen. Doch schon bei der groben Menü-Auswahl kommen mir erste Zweifel: Wie soll man ein Dutzend grundverschiedene Individualisten an einen Tisch bringen, ohne mindestens in drei bis fünf Fettnäpfchen zu treten? Ich entscheide mich für den Italiener um die Ecke und habe Glück: Rund drei Minuten nach unserer Ankunft sitzt fast die gesamte Gruppe einträchtig um einengroßen Holztisch, trinkt Wein und teilt sich Vorspeisen.

Was auf den Italiener folgt, ist ein Parforce-Ritt durch das politische und kulturelle Washington. Angetrieben durch unseren weiter oben bereits erwähnten Guide Jon (Ebinger) spulen wir ein Besuchs- und Besichtigungsprogramm ab, das jeder Königsfamilie zu Ehren gereichen würde — viele Hände schütteln wir. Die Rollen sind schnell verteilt: Christian ist der meist fotografierte Mann unserer illustren Runde, Sven stellt die schlauesten Fragen und Ulrike ist ein Organisationsgenie — gut, dass ich nach einer Woche Washington mit ihr zusammen in den Flieger nach Atlanta steige.

Das CNN-Gebäude sehen wir schon beim Landeanflug — wie ein von Obelix vergessener Hinkelstein dominiert die Heimat des weltgrößten Nachrichtensenders die westliche Skyline von Georgias Hauptstadt. Die Innenansicht ist nicht weniger beeindruckend: Im Newsroom beobachten rund 200 Redakteure im Drei-Schicht-Betrieb auf mindestens 600 Bildschirmen das globale Geschehen — der Kontrollraum der NASA muss dagegen wie ein Computerlabor der Volkshochschule aussehen. Besetzt ist das Herzstück der Nachrichtenfabrik 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche und 365 Tage im Jahr — eine Fließbandproduktion, an der Henry Ford seine helle Freude hätte! Auf der Galerie über den Köpfen drücken sich Besucher von „Planet CNN“ die Nase an einer der unzähligen Panoramascheiben platt — arbeiten wie im Big Brother Container, nur ohne Sound. Jede noch so kleine Meldung wird auf ihre mögliche Relevanz geprüft. Passiert irgendwo auf der Erde etwas Spannendes, ist eine Kamera von CNN schon da — oder auf dem Weg dorthin. So scheint es zumindest. „Die meisten denken, wir hätten überall unsere eigenen Leute“, sagt Chris, der uns seit gut einer Stunde durch das Labyrinth aus Redaktionen, Schnitträumen und Studios führt. „Dabei profitieren wir vor allem von unserem guten Netzwerk an kleinen Partnersendern — falls mal in Hamburg der Hauptbahnhof explodiert, rufen wir vielleicht Dich an.“ An seinem Lächeln erkenne ich, dass er das nicht hundertprozentig ernst gemeint hat — aber ein bisschen erklären seine Worte schon, warum in dieser Woche ausnahmslos alle Zeit für uns haben und nett zu uns sind.

Was mir auf unserer Tour durch die Sender besonders gefällt, ist der fast schon kindische Spaß am Fernsehmachen, mit dem unsere Gastgeber zu Werke gehen — ungeachtet der auch und vor allem in Amerika härter gewordenen Bedingungen für alle Beteiligten. Mit zu Recht stolz geschwellter Brust präsentieren unsere Gastgeber die durchschnittlich fünf bis acht in der Redaktion aufgebauten Live-Positionen, auf denen Reporter das Wetter ansagen oder Interviewgäste quer durch alle Sendungen geschaltet werden. Praktisch jeder Moderator freut sich, wenn wir während einer Werbeunterbrechung in sein Studio stolpern, um eines unserer unzähligen Erinnerungsfotos für die Facebookgemeinde zu schießen. Und selbst der kleinste Producer im verstaubtesten Regieraum fühlt sich als Teil einer gut geölten Maschine. Vieles wirkt angenehm improvisiert: Monströse Bildhintergründe werden von Aufnahmeleitern innerhalb von Sekunden aus den Kulissen geschoben (ABC), Studio-Aktionen finden aus Platzmangel schon mal auf dem Flur statt (Fox) und in einem Fall befinden sich Studio und Redaktion gleich im selben Raum, nur durch einen schwarzen Samtvorhang getrennt (MSNBC) — in Deutschland unvorstellbar!

Es ist dieser vielbeschriebene Spirit, den sich die Amerikaner tatsächlich bewahrt haben — allen Krisen und Untergangsszenarien zum Trotz. Kein blinder Optimismus, sondern die Fähigkeit, Dinge so anzunehmen, wie sie sind — sie aber nicht so zu lassen. Wenn es mir gelingen sollte, davon auch nur ein Spurenelement in den Alltag auf der anderen Seite des Atlantiks zu retten, hätte das RIAS-Programm mehr bewirkt, als hundert Stunden auf der Couch von Woody Allens Therapeuten…

Apropos Woody Allen: Als wir in New York zum gefühlt achten Mal in sieben Tagen zu unserem Stamm-Asiaten gehen, ist das Abenteuer Amerika plötzlich zu Ende. Hinter uns liegen drei nur sehr schwer beschreibliche Wochen, die ich seit meiner Rückkehr immer wieder zu den besten Reisen meines Lebens gezählt habe — ohne auch nur einen Hauch zu übertreiben. Natürlich hat das mit der fabelhaften Organisation zu tun, für die vor Ort vor allem Jon zuständig war. Selbstverständlich war es toll, Städte wie D.C., Atlanta oder New York zu besuchen. Und ohne Zweifel waren unsere Gastgeber durch die Bank weg hochinteressante, herzliche und offene Gesprächspartner, die nie auch nur einen Hauch von Langeweile oder Unwohlsein aufkommen ließen (über die wenigen Ausnahmen hüllen wir den wohlwollenden Mantel des Schweigens) — vor allem war es aber der Verdienst dieser Gruppe, die sich vielleicht nicht wirklich gesucht, aber definitiv gefunden hat.

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Ulrike Brandt, N24, Berlin

Was wir alles erlebt haben? Ach, das glaubt ja doch keiner…

Und auch noch heute – zwei Wochen nach der Reise — klingen Jon Ebingers Parolen in meinem Ohr, sobald sich mein Schritt verlangsamt: „Keep Walking!“ — „We have not got time for this.“ — „1 o’clock, sharp!“ — „Dress nicely, no Jeans!“

Wer jetzt denkt, die Zeit in D.C. war stressig, der hat recht. Positiver, spannender, aufregender, beeindruckender, manchmal wundersamer Stress. Da Essen generell überbewertet ist, konnten wir uns auf das Wesentliche konzentrieren. Wir besichtigten Fernseh- und Radiosender wie CNN Washington, Fox News, WJLA-TV und hatten tolle Diskussionen mit den Angestellten und besorgten Journalisten. Es gab Treffen mit Think Tank Mitarbeitern, Werbekreativen, und Tea Party Movement-Experten. Wir verfolgten Vorbereitungen zum Fundraising einer Radiostation und schauten hinter die Kulissen des Meinungsforschungsinstituts Gallup Poll. Auch die Kultur kam nicht zu kurz, z.B. bei einer Stadtrundfahrt und der Cartoon-Auktion im Newseum. Fast privat wurde es dann beim Welcome-Dinner mit U.S.-Kollegen, bei Häppchen und „plenty of wine and beer“. Mein absolutes Highlight? „Das Kapitol.“ Man atmet hier Geschichte. Unfassbar, wer alles vor uns durch die Flure gewandelt ist, an diesen Schreibtischen gesessen hat und diese Klinken gedrückt hat. Dass man meinte im Bildnis von „Jeannette Rankin“, der ersten Frau im U.S.-Kongress, eine Urahnin von mir entdeckt zu haben, war auch eine spannende Erfahrung.

Und fast nebenbei die kleinen und berührenden Momente am Rande der Termine. Der Sonnenaufgang hinterm Washington Monument beim morgendlichen Joggen durch das von vier verschiedenen Security Forces gesicherten Regierungsviertel (FBI, Metropolitan Police Department Columbia, der United States Capitol Police und den Park Rangers). Da laufen die ersten Sportlichen die Treppen des Lincoln Memorials hoch, während die letzten Obdachlosen die Decken neben dem Jefferson Memorial zusammenrollen. Die Gruppen meditierender Büroangestellter im Park. Oder die Verhaftungen der Mitglieder der „Occupy Surpreme Court“-Bewegung auf den Treppen desselbigen.

Die Occupy Bewegung sollte sowieso noch das inoffizielle Motto unserer USA-Reise werden. Egal wohin es die einzelnen Reiseteilnehmer verschlug, die „Occupyer“ hatten schon ihre Zelte aufgeschlagen und waren bereit mit uns zu diskutieren. Uns ihre Sicht, die Sicht der 99% zu geben.

Genauso war es auch in Atlanta, wo meine Stationweek stattfand. CNN — mein absoluter Wunsch und ich wage zu behaupten, ein tolles Pendant zu N24, meinem Heimatsender. Zusammen mit meinem Kollegen Torben Börgers vom NDR durfte ich Planet CNN erforschen. Die Zentrale einer echten Nachrichtenfabrik. Neben CNN U.S. sind auch CNN International und CNN en Español in diesen raumschiffartigen Newsräumen untergebracht, die manchmal an Aquarien erinnern. Man muss schon sehr routiniert sein, um die täglichen Besucherströme gelassen hinzunehmen, die im Minutentakt durch den laufenden Betrieb geschleust werden.

Und immer wieder diese Offenheit der Kollegen. Nicht nur bei politischen Themen, wie den bald anstehenden U.S.-Präsidentschaftswahlen, sondern auch beim Leben als Journalist, das sich doch deutlich vom Gros der hiesigen Zunft unterscheidet. Es erfordert eine hohe Flexibilität, um in diesem sozialen Haifischbecken oben auf zu schwimmen. Und trotzdem oder gerade bei ihnen, sieht man sie noch, die Begeisterung für das, was sie machen. Ob der Star-Reporter Martin Savidge, dessen Humvee (Studio und Herberge einer ganzen Newscrew bei Irakkrieg-Reportagen) im CNN-Center ausgestellt ist; Henry Durand eine One-man-Band in Sachen Kamera, Licht und Ton oder Chris Youd und seine Frau Sara McDonald, die als Media- und Senior Producer voller Leidenschaft das Rad mit in Bewegung halten.

Auf keinen Fall darf ich unsere Hosts vergessen, Jason Evans, Melissa Young und Salvador Morales, die mit unglaublicher Herzenswärme und Begeisterung unsere Woche unvergesslich gemacht haben. Ob auf den Spuren von Martin Luther King und Jimmy Carter, Podiumsdiskussionen im Morehouse College (einem rein schwarzen Männerkolleg), einem Dreh im „Der Biergarten“ (also Brez’n können die ja), dem Geruch von Aufbruch und Abenteuer bei Occupy Atlanta, echtem Südstaatenessen… das man mal probieren darf, das aber auch die menschlichen Größenverhältnisse in den USA erklärt. Es ist schon erstaunlich, was man alles frittieren kann.

Wenn man dann noch konnte, warteten hunderte Geschmacksproben aus aller Welt im Coca-Cola-Museum und ein Jay-Z-Konzert, quasi alles unterirdisch mit CNN verbunden. Denn Planet CNN hätten wir eigentlich nicht wirklich verlassen müssen, denn vom Food Court über Wäscheservice, Hotel und zwei Fitnessstudios gibt es hier wirklich alles. Wer dann doch mal in die U-Bahn (hier MARTA) stieg, bekam einen kurzen Eindruck vom hohen Anteil der afro-amerikanischen Bevölkerung, sprich: Wenn man die einzige Weiße und Blonde im ganzen Abteil ist.

Der Abschied fiel uns schon ein bisschen schwer, vor allem deswegen, weil wir bei 26°C auf unseren Flug nach New York City warten mussten, der wahlweise gestrichen oder verschoben wurde. Und zwar, weil in NYC ein Schneesturm tobte, der ALLE DREI Flughäfen lahmgelegt hatte. Ein nettes Beispiel für das Land der Gegensätze.

Das Wetter war uns dann aber doch hold und vom BILD-Zeitungs-„Schneechaos an der Ostküste“ zumindest in der City nichts mehr zu ahnen. Es herrschten zwar frostige Temperaturen, aber die Sonne zeigte ihr Promigesicht, wie es sich für die Hauptstadt der Welt, den Big Apple gehört. Und so blieb es dann auch für den nächsten Marathon, der vor uns lag.

Und wie schon in D.C. war ein Treffen spannender, interessanter, denkwürdiger als das nächste. Und neben einer wunderbaren Halloween Parade konnten wir uns dann tatsächlich nur schwer zwischen einer Karriere im 23. Stock des Deutschen Hauses, Qualitätsjournalismus der New York Times, oder kostenfreier Abfütterung als Mitarbeiter bei Bloomberg TV entscheiden. Mussten wir ja auch nicht. Denn wir hatten sie, die „Volle Packung“ — Kultur, Leben, Business, fantastische Kollegen, unauslöschliche Erinnerungen. Und was bleibt, ist Dank und der Wunsch zurückzukehren, tiefer einzutauchen in eine faszinierende Welt, eine Welt im steten Wandel.
Es ist schön bestätigt zu wissen, dass die USA mehr sind als McDonald’s, Disney Land, „Yes, we can“ und tatsächlich voller Menschen, denen es peinlich ist, dass wir schon von Sarah Palin gehört haben.

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Christian Buhk, Norddeutscher Rundfunk, Hamburg

„Wartet mal kurz,“ ruft er uns schnell zu, winkt seinen Kameramann vom Kaffee weg und dreht sich in seine Position. Was zwanzig Sekunden später folgt, ist ein zweiminütiger Aufsager aus dem Stand, informativ, locker und garniert mit einer charmanten Rückgabe ins Studio. In der „FOX 59 Morning Show“ war ein geplanter Beitrag weggebrochen und so musste Live-Reporter Jake Miller noch einmal ran. Dass er kurz zuvor von seinem Auftritt noch nichts wusste, und er mit zwei deutschen Journalisten über das Reporterleben und über frühes Aufstehen sprach, brachte ihn nicht aus der Ruhe.

„News that work for you,“ ist das Motto der Nachrichten von FOX 95 im U.S.-Bundesstaat Indiana, dem Ort meiner Stationweek, die ich zusammen mit Magdalena Bienert vom RBB verbracht habe. Neben Reporter Jake ist da auch noch Moderator Ray, der am nächsten Tag im Studio zwischen zwei Beiträgen mal schnell in meine Lederjacke schlüpft und eine fröhliche Bemerkung über europäischen Modestil macht. Jake, Ray und Wettermann, sorry — „Chief meteorologist“, Jim, sie alle nehmen sich Zeit für uns und das obwohl ihr Tag bereits um 3 Uhr morgens begann und sie nach der Sendung ja auch noch die Versionen für die Internetseite einsprechen müssen, ein paar Teaser bei Facebook einstellen und einige Infos twittern werden.

Überhaupt das Internet. Immer wieder finden sich große Teile unserer Gruppe mit gesenktem Blick an einer Straßenecke oder vor dem Verkaufstresen einer berühmten Kaffee to-go Kette wieder. Nicht weil das Tempo der vielen Besuche zu hoch ist oder sich Heimweh breit macht, sondern weil das Smartphone wieder eine Free WiFi Zone ausfindig gemacht hat. Die Möglichkeit für uns eben mal schnell Mails zu checken oder zu posten, welche besondere Tür sich beim letzten Termin gerade wieder geöffnet hat. Und Türen öffneten sich in diesen drei Wochen eine Menge. Nehmen wir nur mal die in Washington D.C.: Da waren es, um nur einige zu nennen, die schweren, altehrwürdigen Türen der Pressetribüne im Capitol, die älteren, mit Spenden gangbar gehaltenen Türen der Public Radio Station WAMU oder die schallgeschützten Türen vom CNN Studio.

Wobei eine Studiotür bei CNN geschlossen blieb. Es war die, hinter der Reporter- und Journalistenlegende Wolf Blitzer Sekunden zuvor mit seinem „Situation Room“ auf Sendung gegangen war: Muammar al-Gaddafi tot — die Meldung des Tages.

Social Media ist aber nicht nur ein Instrument, um die Daheimgebliebenen mit schwärmerischen Erfahrungsberichten aus den USA zu versorgen, sondern auch um zu erfahren, worüber die Zuschauer sprechen, was „Talk of the town“ ist. Dazu nutzen z.B. die Journalisten vom lokalen ABC-Sender, die sich ihren Newsroom mit einem 24 Stunden Nachrichtenkanal und einem online-print Politikmagazin teilen, das Tweetdeck.

Mitten in der Großraumredaktion steht ein riesiger Bildschirm, auf dem ständig aktualisiert die Meldungen auftauchen, über die sich die Twitter-Follower des Senders gerade austauschen. Erscheint ein Thema sehr häufig, ist es bestimmt eines, das man auf seine Nachrichtenwertigkeit prüft und ggf. ins Programm hebt. Hat man es dann in der Sendung wird der Zuschauer darüber selbstverständlich via Twitter oder Facebook informiert.

Der kleine Bildschirm des Handys ist auch die erste Quelle, auf der sich die Schüler einer High-School in New Jersey über das Neueste informieren. Fernsehnachrichten zu einer definierten Einschaltzeit, das ist nichts für sie, genauso old-fashioned wie Radio, das hört man höchstens noch im Auto. Aber die Schüler erzählen uns beim Besuch in ihrer Klasse noch mehr. Sie berichten von ihren Eltern, die sich wegen der Wirtschaftskrise um ihre Jobs sorgen und von ihren eigenen Träumen und Zielen, die sie aber nicht aufgeben. Es wird schon weitergehen, muss ja.

Die republikanischen Präsidentschaftskandidaten sind überzeugt und einer Meinung, dass es so nicht weitergehen kann, weil Präsident Obama nach ihrer Beurteilung das Land nicht im Griff hat. Ein Gouverneur, ein ehemaliger Gouverneur, ein Ex-Chef einer Pizzakette und noch einige andere. Sie alle wollen zeigen, dass sie der bessere Präsident sind und dass es mit ihnen an der Macht wieder nach oben geht. Dafür stellen sie sich fast jeden Tag vor eine andere Kamera und das, was sie vor dieser mehr oder weniger geschickt formulieren, ist Stoff genug für die allabendlichen Sendungen im Kabelfernsehen. Dort werden sie je nach politischer Ausrichtung gefeiert oder durch den medialen Kakao gezogen.

Wie so eine Sendung funktioniert, auch das erleben wir. Im Konferenzraum von MSNBC in New York beobachten wir wie Moderatorin Rachel Maddow sich im nur wenige Meter entfernten Studio über den Präsidentschaftskandidaten Rick Perry lustig macht. Dieser hatte sich bei einer Veranstaltung so enthusiastisch gegeben, dass man ihm geistige Umnachtung unterstellen könnte oder einen zu tiefen Blick ins Rotweinglas. Zugegeben: es waren komische Bilder, aber sind diese gleich ganze zwanzig Minuten Sendezeit wert? Wahrscheinlich, wenn man sich als Sender der linksliberalen Zuschauer versteht.

Was den Zuschauern, die dem konservativen Lager zuzuordnen sind, angeboten wird, erlebten wir gute zwölf Stunden zuvor, beim Besuch der Fox Morning Show: Zwischen einer perfekten Kürbisdeko und Auftritten einer Mumienband, es war schließlich Halloween, saßen die Töchter vom republikanischen Präsidentschaftskandidaten Jon Huntsman auf der Couch, durften ihren Daddy in den höchsten Tönen loben und kassierten dabei ein zustimmendes Lächeln der Moderatorin.

In diesem Land scheint eben vieles möglich. Vielleicht nicht mehr so unbefangen und so einfach wie noch vor einigen Jahren, als noch keine Demonstranten in Zelten auf das gesellschaftliche Ungleichgewicht aufmerksam machten, aber trotz allem mit einer großen Portion Leidenschaft.

Drei Wochen RIAS-Stipendium waren eine großartige Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Es war eine interessante, horizonterweiternde und eindrucksvolle Zeit, die ich mit tollen Mitstipendiaten verbringen durfte. Die RIAS-Kommission hat nämlich nicht nur ein beeindruckendes Programm, sondern auch eine großartige Gruppe zusammengestellt. Es war super mit euch!

Am Ende bleibt mir nur „Danke“ zu sagen, für die Möglichkeit an diesem Programm teilzunehmen.
P.S.: Sobald ich diesen Text abgeschickt habe, werde ich mir einen Twitteraccount zulegen, denn noch etwas habe ich gelernt: „News don’t wait for airtime — and the audience either“

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Valentina Dobrosavljevic, Westdeutscher Rundfunk, Köln

USA, Oktober 2011 — „The coming jobs war“ …goldene Buchstaben auf schwarzem Grund — so sieht der Titel des aktuellen Buches von Jim Clifton, CEO von Gallup, aus und steht schon fast sinnbildlich für das Ende der goldenen Zeiten in den USA. In Washington D.C, in Cincinnati/Ohio und natürlich in New York, sind die Menschen auf der Straße und protestieren. Wogegen? So ziemlich alles. „Wir sind die 99 Prozent,“ sagen sie und meinen: Wir sind die, die nicht von der Dekade des finanziellen Booms profitiert haben; wir haben unsere Arbeitsplätze und Wohnungen verloren; für unsere Ausbildung haben wir uns mit Zehntausenden von Dollar verschuldet; jetzt haben wir unsere Abschlüsse in der Tasche und stehen vor der Dauerarbeitslosigkeit oder Unterbeschäftigung.

Unser erster Termin in Washington D.C., beim führenden Meinungsforschungsinstitut Gallup, zeichnet ein ziemlich düsteres Bild der USA heute. 81 Prozent der Amerikaner sind unzufrieden mit ihrer Regierung. Ein Rekord-Hoch. Das Ansehen der Politiker ist so schlecht wie nie, die Zustimmung für Präsident Obama im all-time low bei 38 Prozent. Gerade mal noch 13 Prozent sind zufrieden mit der Art und Weise, wie mit den Problemen im Land umgegangen wird. Und das größte Problem: Unemployment/Jobs. Nach zwei Stunden sind wir voll mit Zahlen und gut vorbereitet für die vielen Termine, Bilder und Gespräche der nächsten drei Wochen.

Etwas, worauf uns der Termin nicht vorbereitet hat, das sich aber auch ohne Zahlen vermittelt: Amerika ist festgefahren, politisch borniert, Demokraten und Republikaner verfeindet, es gibt nur noch dafür und dagegen, aber nirgendwo ein miteinander. Die Polarisierung zieht sich durch alle Bereiche — im politischen Washington sind sogar Freundschaften gefährdet, die meisten würden es nun so halten, dass sie gar nicht mehr über Politik sprechen. Der Freundschaft zuliebe.

Wer sich seine Meinung trotzdem bestätigen lassen möchte, der kann das allabendlich im Fernsehen. Entweder mit dem O’Reilly Factor bei FOX oder dem linken Pendant, der Rachel Maddow Show bei MSNBC. Und irgendwie passt dazu, was uns Wally Dean von der Washington University über amerikanische Medien gesagt hat: „Neutrality was the best business concept for journalists“ und nie ein hehres Ziel oder, um es mit den Worten von Bruce Katz von der Denkfabrik Brookings Institution zu sagen: „You’ll get the news you want.“ Und vielleicht erscheint es gerade deshalb so lustig, dass ausgerechnet FOX News mit dem Slogan für sich wirbt: Fair and balanced. Ist klar. Und klar wird langsam auch, dass in diesem Land anything goes, weil nämlich alles Meinungsfreiheit ist. Zu Mord dürfen sie natürlich auch in den amerikanischen Medien nicht aufrufen, aber politischer Mord ist ja nicht dasselbe und Rufmord irgendwie ja auch nicht. Einer, der sich darum kümmert, einen Ruf überhaupt erst aufzubauen, ist Mark Putnam. Ihn treffen wir in Washington D.C. Er ist so etwas wie ein Genie — mit seinen politischen Kampagnen und „Wahlwerbespots“ hat er erstaunlich vielen Demokraten ins Amt verholfen unter anderem Barack Obama. Was eine gute Kampagne ausmacht? „You have to get the strategy right,“ und deshalb ist political media für ihn „grounded in research“. Ein riesengroßes Kornfeld, Ähren, die sich sanft im Wind biegen, dazu die Weite Amerikas, Stars and Stripes, viele Hände, die geschüttelt werden, Nahaufnahmen von Menschen und die Stimme Obamas: „With each passing month our country is facing increasingly difficult times, but everywhere I go, despite the economic crisis, and war, and uncertainty about tomorrow, I still see optimism and hope and strength.“ Das sind die Worte des damaligen demokratischen Bewerbers für das Präsidentenamt. Und er macht weiter und sagt, wie sehr der Kurs eines Präsidenten den Verlauf der Geschichte beeinflusst. Nun, zwei Jahre später sind die meisten enttäuscht von seiner Politik. Er habe zu wenig getan, sein Health-Care-Programm sei vielleicht gut gewesen, der Zeitpunkt aber falsch. Mark Putnam hat nicht gesagt, inwiefern es gefährlich wird, wenn die Erwartungen zu groß sind, wie tief der Fall dann ist. Ein Problem, wenn man auf Gefühle setzt in Wahlwerbespots, Irrationalität verträgt sich nur wenig mit einem reality check-up.

Fern jeder Realität scheint auch die obskure Tea-Party Bewegung zu sein. Wir treffen Jerry Mayer in der Nähe seiner Universität zum Lunch. Er ist einer der wenigen, die den Aufstieg dieser republikanischen Splittergruppe von Anfang an beobachtet. Früher war er Anhänger der Republikaner, heute schämt er sich für den Zustand dieser Partei. Die Tea-Party sei eine ziemlich weiße Rally — aber sie wollen nicht Rassisten genannt werden. Eine kleine Bewegung groß gemacht durch den Sender FOX. Sie schüren irrationale Ängste: Sie warnen beispielsweise davor, dass in Oklahoma die Scharia eingeführt wird. Oklahoma, Scharia? O ja, und ein ganz negatives Beispiel sei Europa. So wie Europa dürfe die USA nie werden, warnt die Tea-Party, denn dort hätten ja die Muslime die Macht übernommen. Wie das? Na wegen der europäischen laissez-faire-Politik und dieser… Toleranz. Wir erzählen von Sarrazin und der Gefahr, die er beschreibt, die Gefahr overfucked zu werden, er korrigiert uns, es hieße „outfucked“ und diese Angst würden auch die Amerikaner kennen. „The American dream is fading,“ fährt er fort, noch nie sei die soziale Mobilität so eingeschränkt gewesen und gibt uns noch einen Literatur-Tipp: „The winner takes all politics: How Washington made the rich richer and turned its back on the middle-class.“

Der Mittelstand in den USA erodiert. Direkt neben unserem Hotel in Cincinnati sammelt sich die dortige Occupy-Bewegung. Cincinnati ist eine der bedeutendsten Handels- und Fabrikstädte Amerikas, genannt die „Königin des Westens“, der Konsumgüter-Multi Procter and Gamble hat dort seinen Firmensitz, Chiquita Bananen auch. Noch. Eigentlich unverständlich, warum die Stadt in den vergangenen Jahren geschrumpft ist; sie hat heute weniger Einwohner als im Jahr 1900. Ein paar davon treffen sich jeden Abend im Piatt Park. Zwischen Elm Street und Vine ist um 18 Uhr Vollversammlung der Occupier. Man denkt irgendwie mehr an „Nightmare on Elm Street“ und weniger an den „American Dream“. Kurz vor unserer Anreise wurde der Park geräumt und den Demonstranten verboten nach 22 Uhr noch dort zu sein. Jetzt kommen sie eben jeden Abend und bleiben ziemlich konsequent bis 22 Uhr, beenden ihren Protest allabendlich mit einem mahnenden Lichterketten-Spaziergang durch downtown. Die Unzufriedenheit ist diffus. Die Frustration groß, nicht nur über das Leben an sich, sondern auch über das Protestieren. Es ist kalt geworden, und schüttet in Kübeln, ich rauche eine letzte Zigarette vor dem Schlafen gehen und Jason schleicht sich heran. Unverfänglich fängt er ein Gespräch an: „Hi, how are you, oh cool from Germany,“ er sei erst vor vier Monaten nach Cincinnati gezogen. Er hat lange als Tellerwäscher gearbeitet und sich auf einen Stundenlohn von 9 Dollar hoch gearbeitet. Dann wurden seine Schichten immer weniger. Irgendwann hat sich das Arbeiten überhaupt nicht mehr gelohnt, er konnte seine Wohnung nicht mehr bezahlen. Jetzt wohnt er in einem homeless shelter, er zeigt ganz stolz seine Winterjacke, die er bekommen hat. Seine Eltern wollte er nicht um Geld anpumpen, mich schon. Unsere Begegnung endet mit seiner Frage: „Can I give you a hug?“ Wir umarmen uns und ich entscheide mich doch noch für ein Bier an der Bar.

Früher hieß es „vom Tellerwäscher zum Millionär“. Heute wird aus dem Tellerwäscher ein Obdachloser. Allen Protestierenden gemein ist der Satz: „Für uns ist der Amerikanische Traum vorbei.“

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Michael Groth, Deutschlandradio Kultur, Berlin

Erleben, lernen, verarbeiten: der Dreiklang steht für die Orte Washington – Austin – New York City ebenso wie für das dort Gesehene und Gehörte. Die große der Zahl der besuchten TV- und Radiostationen ermöglicht Vergleiche und Erkenntnisse. Als da wären:

— U.S.-Journalisten praktizieren ihr Handwerk mit höchster Professionalität. Und das unter Bedingungen, die technisch „state of the art“ sind (z.B. die Projektionswand bei CNN), deren soziale (arbeitsmedizinische) Komponente indes von einem deutschen Gast eher mit Befremden zur Kenntnis genommen wird (Großraumbüros für Hunderte mit kleinstmöglichen Arbeitsplätzen). Durchaus vergleichbar mit der Tatsache, das die Amerikaner einerseits, zum Beispiel, modernste Flug- oder Medizingeräte erfinden und nutzen, andererseits der Strom — sogar in Großstädten — über Land transportiert wird, und deshalb schon bei kleineren Unwettern Ausfälle drohen.

— Trotz harter, hochprofessioneller Arbeit mit guter technischer Unterstützung ist das Ergebnis beklagenswert. Die Inhalte lokaler amerikanischer Nachrichtensendungen reduzieren sich auf Unfälle, Kriminalität, Sport, Wetter. Auch in den nationalen „Nightly News“ (22 Minuten am Tag) sucht man Berichte aus dem Ausland oft vergeblich. Selbst der Krieg in Afghanistan ist kaum noch Sendeminuten wert. In den politischen Talkshows wird in der Regel Ideologie transportiert. Unter dem Deckmantel einer „Nachrichtensendung“. Während unseres Aufenthaltes (18.10.–3.11.2011) ging es dabei nahezu ausschließlich um den Wettbewerb der republikanischen Präsidentschaftskandidaten. Je nach Standpunkt des „Anchors“ wurde der eine oder andere (oder alle) gepriesen oder verdammt.

— „Monomedial“ ist „megaout“. Niemand, der nicht neben seiner TV- oder Radiotätigkeit bloggt, twittert, oder sich auf eine andere Art an der Internetrepräsentanz seines Unternehmens beteiligt. Die crossmedialen Verweise binden das Publikum und verweisen — auch journalistisch- auf neue Wege.

Neben den „medialen“ Programmpunkten bot das Stipendium eine gelungene Mischung aus Sightseeing (Höhepunkte: das Martin-Luther-King-Denkmal in Washington und das 9/11 Memorial in NYC) und Treffen, bei denen es um U.S.- oder internationale Politik ging. Besonders beeindruckend: der „Campaign-Spot“-Produzent in Washington und das American Jewish Committee mit Direktor Harris.

Zwischen den Gruppenerlebnissen in Washington und New York bot die „stationweek“ eine gelungene Ergänzung. KUT, der (öffentliche) Radiosender an der University of Texas in Austin, bietet ein kleines, aber feines Programm. Sehr viel zeitgenössische Musik (Austin gilt — zu Recht — als „live music capital of the USA“), aber auch großflächige Nachrichtensendungen, das meiste übernommen von NPR (National Public Radio), versehen mit „local news“. Aus der Redaktionsbeobachtung gewann ich wertvolle Eindrücke und Hinweise, die ich für eigene Produktionen nutzen werde. Auch das texanische Lebensgefühl (Freundlichkeit, gepaart mit großem Selbstbewusstsein) wird in Erinnerung bleiben.

Ein Ausflug in die (ehemalige) deutsche Stadt Fredericksburg machte deutlich, dass Einwanderer aus Mitteleuropa diesen Teil der Vereinigten Staaten mitgeprägt haben. Spuren davon sind noch heute zu besichtigen.
Last, but not least, der Dank an die Gruppe: Ihr wart toll, kein Stress, immer freundlich und gut drauf; Dank an das RIAS-Team in Berlin für die Vorbereitung und jede Hilfe; Dank an Jon Ebinger, unseren stets geduldigen „tourguide and leader“, dem es, auch aufgrund seiner persönlichen Kontakte, gelang, das „Beste vom Besten“ zu bieten.

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Ilka Münchenberg, Westdeutscher Rundfunk, Köln

Schneesturm in New York — der berüchtigte „Nor’Easter“, der seit Jahrzehnten nicht mehr so früh im Jahr an der Ostküste gewütet hat. Und ich sitze bei strahlend blauem Himmel am Flughafen in Milwaukee fest, zwei Flugstunden entfernt vom Trubel. Die Menschen um mich herum sind äußerst gelassen. Welcome im Mittleren Westen Amerikas, in Wisconsin, nahe an der Grenze zu Canada! „You know, the people here are very easy-going and perhaps we are happier than other people”, sagt die Endzwanzigerin Laura, während sie sich für die Nacht auf dem Flughafen einen bequemeren Platz zum Schlafen sucht. Der erste Tag ihres insgesamt sechstägigen Jahresurlaubs ist fast vorüber. Doch das scheint sie nicht aus der Ruhe zu bringen. Auch ich passe mich an. Nach vollgepackten, fulminanten zwei Wochen in Washingon D.C. und meiner „station week“ in Madison ist es das erste Mal, dass ich einfach so da sitze und warte.

Wie viele Begegnungen, Eindrücke, Gespräche passen allein in sechs Tage D.C.! Wie gespannt war ich darauf, die Staaten zu bereisen, die nicht mehr das promised land sind, sondern spürbar angeschlagen. Ein Land, dessen Arbeitslosigkeit bei über 9 Prozent liegt und in dem so viele Menschen in Armut leben wie seit Anfang der 90er Jahre nicht mehr. „Jobs, Jobs, Jobs“ ist deshalb das einzige Thema, das 2012 die Präsidentschaft entscheiden wird, sagt Bruce Katz von den Brookings Institutions, einem eher demokratischen Think Tank. Amerika hat sich gewandelt, doch mit der Hoffnung ist es nicht weit her. Alle Amerikaner, mit denen ich spreche, sind so enttäuscht über ihren Präsidenten. Werden viele Menschen im kommenden Jahr zur Wahl gehen? Und welcher Republikaner könnte Obama herausfordern? Während ein möglicher Gegenkandidat nach dem anderen wieder von der politischen Bühne verschwindet, herrscht überall nur Achselzucken.

Europa ist hier sehr weit weg (und schuld an der U.S.-Wirtschaftskrise). Nachdem sich die EU auf ein neues Rettungspaket einigt, zollen die Titelseiten der deutschen Kanzlerin zwar Respekt. Doch als die Märkte wenige Tage später erneut kollabieren, interessiert sich kaum noch jemand für das Thema. Europa hat es schwer in den amerikanischen Medien, bestätigen uns alle Journalisten, die wir treffen. Auch auf dem Capitol Hill, wo wir einen Blick in die Press Gallery der Hauptstadtjournalisten werfen dürfen, sehen wir: überall müssen sich die europäischen Medien weit hinten anstellen.

Und noch etwas erfahren wir gleich zu Anfang über die U.S.-Medien: “Opinion shows make more money than news”, sagt uns Producerin Jacqueline Pham bei Fox News. Mit Meinung und Obama-Bashing hat der Sender die Tea-Party groß gemacht. Die Menschen hören, was sie hören wollen und sie bekommen, was sie bekommen wollen, so auch unser RIAS-Guide vor Ort, Jon Ebinger. Die Amerikaner sind für alles und jeden offen. Was ihre Meinungen betrifft, stimmt das nicht immer.

An riesigen Weideflächen fahre ich auf dem Highway gen Westen, an den typisch roten Farmhäusern und Wassertürmen vorüber. Alles platt hier, ich bin im Land der Käseköpfe — wie die Amerikaner die Einwohner von Wisconsin nennen. Weil nirgendwo sonst in den USA so viel Milch produziert wird wie hier. Ungewohnt ist für mich der Anblick der unzähligen tot gefahrenen Tiere. In zwei Stunden zähle ich allein rund 10 tote Rehe und Hirsche, die vielen Dachse und das andere Roadkill gar nicht zu erwähnen. So bin ich froh, als ich ohne Autobeule die Hauptstadt Madison erreiche, eine wunderbar lebendige Unistadt mit rund 40.000 Studenten. Wäre RIAS nicht gewesen, hätte es mich hierher nie hinverschlagen. Jetzt habe ich dort so wundervolle Menschen kennen gelernt, dass ich mir wünsche, meine Gastgeber und ihre Familien eines Tages auch meiner Familie vorstellen zu können!

„Wenn hier irgendetwas passiert, dann bist Du nah dran. Vom Hotel aus kann man direkt zum Kapitol hinüberschauen,“ hatten mich meine beiden Gastgeber Rick Blum und Joel Waldinger begrüßt. Und tatsächlich: in der State Street, die vom Kapitol wegführt, treffen sich die Studenten. Von hier aus ist ein versprengtes „Occupy“-Grüppchen zu beobachten. Und hierher hat ganz Amerika geblickt, als im Frühjahr dieses Jahres Hunderttausende Demonstranten gen Regierungssitz marschierten. Als — nicht ganz so easy going – ein Kampf zwischen Gewerkschaften und Republikanern wütete, den die Menschen hier „einen Vorgeschmack auf die Präsidentenwahl 2012“ nannten. Wisconsin zählt zu den „Swing States“, die ausschlaggebend sind. Auslöser für die Proteste war die Wahl eines Republikaners ins Amt des Gouverneurs und seine radikale Sparpolitik im öffentlichen Dienst. Seit März singen rund 50 Demonstranten jeden Mittag punkt zwölf Uhr eine Stunde lang Protestlieder in der marmornen Halle des Kapitols. Bis Januar wollen sie durchhalten, bis dahin müssen genügend Unterschriften gegen den Gouverneur zusammen sein. Dann könnte es eine Neuwahl geben.

Selbst europäische Medien interessierten sich plötzlich für Madison, begeistert sich mein Host Rick, Planer beim privaten Regionalsender Wisc-TV. Seine Kollegin Jessica wurde durch ihre Berichte über die Proteste sogar zum lokalen Shooting-Star. 200 Fellowers hatte die Reporterin vor Beginn der Demos auf Twitter. Als der Streit zwischen Republikanern und Gewerkschaften auf dem Höhepunkt war, folgten ihren Kommentaren rund 10.000. Ein halbes Jahr später sind es immer noch Tausende Fans. Eines Morgens vor der Planungskonferenz sehe ich Jessica im Gespräch via Skype mit einer Gruppe junger Leute. Wie sich herausstellt, gibt sie eine Vorlesung zum Thema „Twitter und politische Berichterstattung“ — vor Harvard-Studenten. Das Netz ist hier alles in den USA. Jeder Sender hat zig Twitter-Accounts, egal zu welchem Thema. Standard ist auch nach jedem Dreh ein Aufsager in die iphone-Kamera — per App wird das Ganze dann auf die website geschickt. Die Zukunft lässt grüßen.

Bei Eiseskälte halten die „99 Prozent“ in Madison, darunter viele Obdachlose, in notdürftig zusammengeschusterten „Occupy“-Zelten die Stellung. Gemeinsame Themen und Ziele gibt es durchaus, aber kaum jemand, der sie vorantreiben könnte. „The group speaks for the group,“ erklärt mir der 25 Jahre alte Christian, „all of us are leaders“. Was heißt, keiner ist es. Wir sind nicht hier, um die Demokraten zu unterstützen, stellt Sozialarbeiter Robert klar. Wen dann? „Left-wing, right-wing, chicken-wing, it doesn’t matter what you are,“ ergänzt seine Kollegin lakonisch. Zumindest in dieser Stadt hat „Occupy“ keine Zukunft. Bis zum Wochenende muss die Gruppe ihren Platz räumen. Die geplante Halloween-Parade führt mitten durch die Zelte hindurch.

An etwas werde ich mich nie gewöhnen: die andauernden Unterbrechungen im U.S.-Fernsehen. „You do not have their full attention,“ hatte uns schon Professor Wally Dean an der George Washington University über das amerikanische Publikum gesagt. Aber wie lassen sich dann gute Geschichten erzählen, wenn ohnehin keiner dran bleibt? Mein Gastgeber Joel Waldinger arbeitet für das öffentliche Fernsehen in Wisconsin und hat den Glauben an wichtige Projekte dennoch nicht verloren. Auch wenn es mühsam ist, sie zu verwirklichen. Ohne Fundraising geht hier gar nichts. Als ich von der Haushaltsabgabe in Deutschland erzähle, will mir das keiner glauben. Fünf Jahre lang und die volle Unterstützung der RIAS BERLIN KOMMISSION brauchte Joel, um seinen Film über „die einzige auf Befehl Adolf Hitlers hingerichtete amerikanische Widerstandskämpferin“ zu stemmen. Als RIAS-Fellow in Berlin hatte Joel das Holocaust-Denkmal besucht und war dort auf die Geschichte der Mildred Harnack gestoßen. Sie lebte ursprünglich in Madison und war dann mit ihrem deutschen Ehemann nach Berlin gezogen. Ein sehr beeindruckender Dokumentarfilm ist daraus geworden, der wenige Tage vor meiner Ankunft fertig wurde. Joel nimmt mich mit, als er in einem Studenten-Seminar und in zwei Highschool-Klassen seinen Film vorführt. Die anschließenden Gespräche und Fragen sind für mich als deutscher Gast ein ganz besonderer Moment meiner Reise.

Nach einer gemeinsamen „deutschen“ Abschieds-Bratwurst im „Brats-Haus“ — die Hälfte der Einwohner von Wisconsin hat deutsche Wurzeln — und einem umkämpften Eishockeymatch der Uni-Mannschaft muss ich mich von Madison losreißen. Der Schnee ist fast weg, die Sonne strahlt schon wieder, als ich New York endlich doch noch erreiche. Auch auf meine Gruppe freue ich mich. Und wieder quillt das Erlebnis-Füllhorn nur so über: eine Besichtigungstour bei den Vereinten Nationen, mit Pressekonferenz und Gespräch mit Ban Ki Moons Vize-Sprecher. Ein ernüchternder Austausch mit David Harris, Direktor des American Jewish Committee, der wenig optimistisch in die Zukunft blickt, weil es in der Politik an Visionären fehle.

Und ein Besuch an der Hoboken High School, in der 30 Flur-Kameras über die Schüler wachen. Viele von ihnen stammen aus Einwanderer-Familien. Als wir 16jährige in Teams an Tischen puzzlen sehen, sagt uns die Lehrerin, dass viele das zum ersten Mal in ihrem Leben tun. Sie sprüht geradezu vor Optimismus für ihre Schüler, ganz nach dem uramerikanischen Mantra: „Wenn Du willst, kannst Du Deine Ziele erreichen.“ Natascha hat sieben Halbgeschwister und ist auf staatliche Unterstützung beim Schulgeld angewiesen. Ihre Schulnoten sind nicht die besten. Aber sie engagiert sich im Rettungssanitäter-Team der Schule, mit dem sie sogar auf Wettkämpfe geht. Das könnte ihr helfen, ihren Traum von einem Uni-Stipendium am Ende ihrer Schulzeit wahr werden zu lassen, hofft Natascha. Sie will sich bei der Navy um ein Stipendium bewerben.

So viele Bilder hatte ich gesehen, so viele Erlebnisberichte anlässlich des zehnten Jahrestags von 9/11 gehört. Nun stehe ich das erste Mal hier am Ground Zero, wo alles zermalmt wurde. Die zwei riesigen Becken, die Fundamente der Zwillingstürme, sind enorm: Ein Wachpolizist biegt plötzlich vor mir ab, geht zu einer der Granitplatten, die die Becken umgeben und streicht über einen eingravierten Namen. Und plötzlich ist alles ganz nah. Auch nach zehn Jahren ist die Sehnsucht nach den verlorenen Liebsten so unfassbar groß.

Wie viele unvergessliche Eindrücke nehme ich aus den Staaten mit – neben den vielen Kontakten und Website-Tipps der amerikanischen Kollegen. Was für ein Glück hatten wir mit der Mischung unserer RIAS-Truppe. Als ich die vielen, vielen Bilder meinem Mann und meinen Kindern zu Hause zeige, kann ich kaum glauben, dass es nur drei Wochen waren. Was Jon Ebinger und das RIAS-Team mir ermöglicht haben, war großartig und wundervoll. Dafür ganz herzlichen Dank!

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Bettina Schön, Norddeutscher Rundfunk/ ARD, Hamburg

Kurz schien die Zeit stehen geblieben zu sein. Beim Hinflug über Grönland. Keine Wolke am Himmel. Freier Ausblick über blitzendblaues Eis, türkisgrünes Wasser. So weit das Auge reicht. Unendlich. Unfassbar. Und dazu Sekt for free im Crewbereich.

Doch dieser Magic Moment der Anreise war schnell vergessen. Das “Augenblick verweile doch!” der alten Welt wurde prompt abgelöst vom “Time is our Enemy!” der neuen.

Eine Reise wie ein Zip-File: Drei Wochen fürs ganze Land, drei Stunden für den Sightseeingtrip durch die Hauptstadt. Weißes Haus, Dupont Circle, Adams Morgan, Capitol Hill, Jefferson Memorial, Lincoln Memorial, das neue Martin-Luther-Denkmal. Kurzstopp. Kurzgeschichte. Kurz Foto. Und dann geht’s weiter. Denn “Time is our Enemy!” — so der einprägsame Spruch unseres Guides bei der Turbostadtrundfahrt.

Was hängen bleibt? Wenig Fakten, Fakten, Fakten. Aber die lassen sich ja sowieso nachlesen. Hängen bleiben einige, komprimierte Episoden mit viel Substanz. Aphorismen für Zeitsparer.

Hängen bleibt die Willkommensparty bei Roxanne Russell. Journalismus-Professorin. Coole Gastgeberin. Wein, Bier, Gespräche in Bethesda. Direkt vis-à-vis: das größte Militärkrankenhaus der USA. Dort wird der Präsident behandelt — und Tausende Soldaten werden behandelt, die aus Afghanistan, Irak, der ganzen Welt verwundet zurück kehren. Roxanne fasst das Drama ihres Landes zusammen, die soziale Spaltung — die Bigotterie der Landesverteidigung: “Wir Ostküstler, Teil der intellektuellen Elite des Landes, wir tun uns leicht, die Kriege verwerflich zu finden, uns raus zu halten. Hier direkt gegenüber, da liegen die Jungs und Mädels von Eltern aus dem Midwest. Eltern, die nicht das Geld haben, eine Berufsausbildung oder gar ein Studium zu bezahlen, Also gehen sie zum Militär. Das ist quasi die letzte, zynische Sozialleistung unseres Staates.”

Hängen bleibt der Besuch bei Pam Benson, zuständig für das Thema Nationale Sicherheit bei CNN. “I hate politics,” sagt sie, spricht von Dramaturgie, immer stärkerer Personalisierung, immer mehr Tempo im Nachrichtenfernsehen. Und während ich nachdenke, ob das nun rhetorisch brillant und realistisch — oder doch ein bisschen zynisch ist, blinken rote “News alerts” auf allen Bildschirmen auf. Muammar Gaddafi ist gefangen. Tot. Dramatisch. Personalisiert. Flashy.

Mark Putnam. Campaigner. Emotionalisierer für Obama. 20, 30 Sekunden — so lang ist ein Wahlspot. So lang währt die Chance, die Wähler zu überzeugen. “Time is our Enemy”! Putnam beschwört “Creativity for the sake of creativity“. Wer für sich werben will sollte auffallen — und dabei authentisch bleiben. Spannend, was das wohl für Obamas zweiten Wahlkampf bedeuten wird?

Cincinnati. Top Ten der Reiseziele in den USA. Ich wäre trotzdem so schnell nicht hingefahren. Nun aber bin ich voller Eindrücke. 300.000 Einwohner. Amerikaner. Deutsche. Iren. Italiener. Starbucks hat keine Chance. Kaffeekultur ist italienisch. Espressomäßig. Und deutsch gefiltert. Wir haben großartige Hosts. Mit Ann hören wir Radio. Mit Chris sehen wir fern. Und Laure macht Politik. Nicht ganz so wie George Clooney, der in den “Ides of March” Cincinnati aufmischt, diese schöne Stadt — und großartige Filmkulisse.

New York. Halloween. Tanzende und singende Mumien in der Fox-Morningshow. Ich verstehe schnell, warum Fox News der meistgesehene Sender des Landes ist. Entertainment pur. Von Inhalt keine Spur. Ist das politisch? Wer dem Slogan „We report, you decide“ folgt, dem wird schlicht und einfach ganz schön viel Welt vorenthalten: Kinder, Hunde, Frauen von demokratischen Politikern beispielsweise, die gerade Bücher geschrieben oder CDs aufgenommen haben. Oder Männer mit langen oder Frauen mit braunen Haaren. Afrika, Südamerika: „Fair and balanced“ weglassen. Das ist mächtig politisch! Rechts wie links: Abends schlägt Rachel Maddow zurück — durchaus geistreicher. Ebenso politisch!

The End. Yes it’s over and it’s true — there is nothing we can do. Es war eine beeindruckende Reise. Die Zeit ist uns wirklich davon gerannt. Ein Glück, die Erinnerungen werden bleiben: Es gibt unzählige Magic Moments zu un-zippen!

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Daniela Sonntag, ZDF, Erfurt

Wie versteht man ein Land, in dem alles eine Nummer größer, alle Wege weiter, alles Streben eine andere Dimension hat? Aus Deutschland in die USA, unbegrenzte Möglichkeiten- dachte ich. Nach drei Wochen USA sehe ich aber auch die andere Seite- die Möglichkeit, grandios zu scheitern. Mit jedem Tag meiner Reise beschlich mich mehr das Gefühl eines schier unauflösbaren Widerspruchs in diesem Land: den Anspruch, es zu schaffen und die Angst, dabei seine Lebensfreude, seine Freunde und seine Ideale zu verlieren. Mein vorherrschender Eindruck ist der einer nicht enden wollenden Anstrengung, es sich selbst und den Umständen recht machen zu müssen. Daraus resultiert das Gefühl einer alles überlagernden Müdigkeit, wie ich sie noch nie im Ausland spüren konnte.

Die Müdigkeit ist allgegenwärtig. Sie begleitet die offizielle Freundlichkeit der Amerikaner, wenn man am Flughafen abgefertigt oder in einem Restaurant bedient wird. Sie ist aber auch zu spüren, wenn sich Kollegen herzlich über den Besuch aus Deutschland freuen. Über allem lässt sich die Berechnung nicht übersehen: Was nützt es mir?

Ich war noch nie zuvor in den USA. Natürlich sind drei Wochen viel zu kurz, um die Menschen so kennen zu lernen, wie sie sind. Drei Wochen reichen aber zu verstehen, wie sie gerne sein würden.

Der Reihe nach. Meine erste Station ist Washington. Nach dem langen Flug freue ich mich auf mein Hotelzimmer und ein wenig Ruhe. Andererseits möchte ich die knappe Zeit nutzen. Effektivität bestimmt das Handeln, heißt es in einem Song der nicht mehr ganz neuen deutschen Welle; es klingt wie eine Übersetzung aus dem Amerikanischen.

Washington ist die Hauptstadt eines Empires, keine Frage. Die Museen an der Mall zeugen vom Reichtum eines großen Landes. Wie das Vietnam War Memorial von einer seiner größten Verwundungen erzählt. Die schlichte Schönheit des schwarzen Steins bildet das würdige Fundament für die Namen derer, die in der Fremde ihr Leben ließen. Es hätte gar nicht des weinenden Veteranen bedurft, der trauernd seiner Kameraden gedachte; doch er gab der Trauer – und eben der Müdigkeit — ein Gesicht. Scheitern verboten! Was, wenn ein ganzes Land scheitert? Die Amerikaner bauen ein neues Memorial. Der Künstler, Chinese, meißelt das Gesicht von Martin Luther King. Übergroß, die Augen, die in die Zukunft blicken sollen aber wirken wie tot. Es ist die Hommage an die ‚anderen’ Amerikaner, solange einer der ihren noch Präsident ist. Wie war das, als Obama siegte, frage ich einen, der sich dort fotografieren lässt. „Ja,“ sagt er, „das ist lange her,“ und lächelt müde.

Mit Vietnam mag der Zweifel unter die Amerikaner gekommen sein. Wenn so etwas schief geht, was dann noch alles? Wenn ein Hoffnungsträger wie Obama den Glauben einbüßt, wie soll das Land ihn behalten? Wir treffen, und das ist nur ein beeindruckender Teil an diesem Programm, viele Menschen, die tief blicken können in die amerikanische Seele. Berater, Strategen, Mark Putnam, einen Werbeexperten, der Obama mit einem der eindrucksvollsten Spots der Politikgeschichte bekannt gemacht hat. Der Mann sprüht vor Energie, endlich das Amerika, das ich erwartet hatte. Aber noch mal für Obama werben, Putnam drückt um die Frage herum und wirkt ganz plötzlich doch so müde. In der Hauptstadt, der politischen Mitte des Landes, kann man die Lähmung förmlich greifen. Und die Müdigkeit wird meine treue Begleiterin während der Reise hinüber an den Pazifik und wieder zurück.

Washington und seine Presse, seine politischen Stiftungen und Think Tanks, bleiben als riesige Maschine in Erinnerung. Die Zahnrädchen rattern immer schneller, und doch habe ich das Gefühl, die maximale Drehzahl ist erreicht. Journalisten schreiben, twittern, drehen, sprechen und senden rund um die Uhr, Denkpausen gestrichen. Wer den Job machen will, muß sich in dieses System einfügen, nicht alle wollen das. Früher, erzählt uns die Frau, die sich um die Belange der Journalisten im Weißen Haus kümmert, war der Staatsdienst attraktiv. Jetzt, so Olga Ramirez, sind die Bewerberzahlen für die Press Galerie in den Keller gegangen. Das alte Prinzip „viel Renommee bei schlechter Bezahlung“ verfängt offensichtlich nicht mehr. Im Washington Examiner, den wir geschenkt bekommen, zähle ich später 192 Zwangsversteigerungen. Es werden nicht alles Staatsbedienstete gewesen sein, die ihr Haus nicht mehr halten konnten.

Dennoch behalte ich Washington als grünste der Städte meiner USA-Reise in Erinnerung. In Georgetown ließe es sich bestimmt leben. Weil es universitär ist, die Straßen pulsieren, weil es europäischer als seine Umgebung ist. Nicht von ungefähr lieben es deutsche Auslandkorrespondenten, ihre TV-Bereichte aus dem Viertel abzusetzen. Die Chance, zu Hause verstanden zu werden, mag von hier aus vielleicht sogar ein wenig größer sein als anderswo in der Stadt, sicher findet man aber nach dem Dreh eine hübsche Kneipe oder ein verheißungsvolles Restaurant, um den Arbeitstag ausklingen zu lassen.

Nach Washington D.C. steht Seattle auf dem Programm. Die Heimat von Curt Cobain, Microsoft und Boeing, ich erwarte Leben, Fortschritt, Hoffnung, eine prosperierende Metropole. Doch so schnell mich der Jet auch an die Westküste bringt, die Müdigkeit ist schon da. Steve Scher vom öffentlichen Radio ist extrem freundlich und unendlich überarbeitet. Er kocht köstlich für mich und ist doch sichtlich froh, als ich gehe. Er muss früh ins Bett, die Morning Show im Radio wartet — und eben auch nicht. Er wohnt gefühlt weit draußen von Downtown. Doch hätte er sich das Haus nicht schon vor 25 Jahren gekauft, würde er noch weiter draußen wohnen. Von seinem Gehalt, erzählt er, ließe es sich heute nicht mehr bezahlen.

Seattle ist wie alle U.S.-Großstädte: Straßen kreuzen sich in rechten Winkeln, sie sind durchnummeriert. Doch Seattle ist auch eine Küstenstadt. Ständig legt eine Fähre ab und entschwindet Richtung Westen. Irgendwo hinter dem Horizont liegen Japan und Korea, China und Taiwan. Nie in meinem Leben war ich so weit von Europa entfernt. Ich beginne zu verstehen, dass hier andere Länder wichtig sind. In Gesprächen bewegt die Menschen ein drohender Konflikt zwischen Taiwan und China mehr, als der existierende im Nahen Osten oder Afghanistan. Deutschlands außenpolitische Sorgen sind hier verdammt weit weg.

Im Seattle Aquarium werde ich dann Zeuge einer besonderen journalistischen Kostbarkeit: Ein örtlicher Fernsehsender berichtet vom Underwater Pumpkin Carving. Für einen Moment befürchte ich, das Unterwasser-Kürbis-Schnitzen setzt zu Hause neue Maßstäbe, bevor ich wieder in Deutschland bin. Der Reporter taucht routiniert ab, nach 20 Minuten ist die Sendung vorbei, der Mann quält sich aus dem Neopren. Aber wenn sie schon mal hier sind, drehen sie jetzt gleich noch zwei Beiträge. Ein langer Tag? Ach was, ist immer so, gähnt er.

Von seiner skurrilen Seite zeigt sich Amerika auf meiner Reise zurück an die Ostküste. Erst packt einer meiner Mitreisenden hoch über den Wolken aus seinem Handgepäck einen kleinen bunten Pagagei aus. Ich weiß nicht, welche Sicherheitsbestimmungen in diesem nach Sicherheit dürstendem Land für exotische Vögel gelten, hier in der Luft stört sich wirklich kein Passagier an dem Grünling. Doch die Freude über die offenkundige Lücke in den Sicherheitsbestimmungen der Airline währte nicht lange. Ein Blizzard über New York sorgte zunächst für eine Unterbrechung der Reise in Chicago. Alle Versuche, dem Big Apple näher zu kommen, scheitern final in Columbu, Ohio.

Über das Flughafen-Hotel lässt sich nicht viel sagen. Wie über die Ingenieure von Microsoft, die mit an der Bar gestrandet sind. Ihre Vorfahren stemmen alle aus Pakistan, sie sind, natürlich, echte Amerikaner. Aber zu einem großen Gespräch kommt es nicht. Die drei sind, sorry, müde und müssen früh raus.

Am nächsten Tag geht es dann doch nach NYC. Die Stadt ist vom brummeligen Taxifahrer bis zu den Sirenen der Polizeiautos, die ständig an irgend einer Ecke der Stadt vor sich hinquengeln, die Unruhe selbst. Auch wenn hier einer müde ist, zeigt er es nicht. Alles ist unheimlich jung, unheimlich schnell und erschreckend munter.

„Tja,“ sagen die alten Auskenner, „New York ist eben nicht Amerika“.

Doch wie sind die USA wirklich? Eine Antwort darauf fällt schwer. Am besten, ich kehre bald einmal zurück. Vielleicht mit meiner Familie in einen der Nationalparks im Westen. Wo Müdigkeit nicht zählt.

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Sonja Stamm, Norddeutscher Rundfunk/ ARD, Hamburg

Washington und New York — für mich alte Bekannte. 2005 verbrachte ich dort eineinhalb Monate, um deutsche Korrespondenten zu interviewen: über ihre Arbeit, ihr Rollenverständnis und die Probleme sowohl mit U.S.-Behörden als auch mit der eigenen Heimatredaktion. Jetzt sollte ich im Rahmen des RIAS-Programms die Gelegenheit bekommen, die andere Seite kennen zu lernen: amerikanische Medien, Institutionen und Regierungseinrichtungen.

Bereits die erste Woche in D.C. hielt einige große Namen bereit. Der Vormittag bei CNN entpuppte sich als überraschend spektakulär – nicht nur, weil sich unsere Ansprechpartnerin Pam Benson, eine ehemalige RIAS-Teilnehmerin, unglaublich viel Zeit für uns nahm und alle Fragen bereitwillig beantwortete. An diesem Morgen wurde auch Muammar al Gaddafi gefangen genommen und getötet — ein historischer Tag. Während unseres Meetings im Konferenzraum liefen die Bilder seines Leichnams in einer Dauerschleife auf den Bildschirmen im Hintergrund. Und wir kamen nicht umhin zu fragen, wie CNN es mit der Ethik hält. Wurde darüber diskutiert, ob man derart brutale Bilder senden sollte? Pam Benson bejahte. Die historische Dimension des Ereignisses habe letztendlich den Ausschlag gegeben, Gaddafis Leichnam zu zeigen.

FOX und AP wiederum zeigten uns, dass die Medienbranche in den USA kein einfaches Metier ist. So berichtete uns Jacqueline Pham, die Ansprechpartnerin bei FOX, dass ältere Moderatoren bei diesem Sender die absolute Ausnahme seien. Die meisten müssten sich nach mehreren Jahren im Geschäft andere Jobs suchen, denn FOX setze auf junge Gesichter. Bei AP wiederum erzählte uns ein Ansprechpartner, dass er sehr lange arbeitslos war, bevor er diesen Job bekam — und dass das in den USA fast normal sei. Die gesamte Branche habe in den vergangenen Jahren gelitten. Auch AP selbst müsse kämpfen, um sich am Markt behaupten zu können.

Universitäts-Professor Jerry Mayer war eine echte Bereicherung. Beim ungezwungenen Lunch in einem Studenten-Café plauderte er mit uns über die Tea-Party-Bewegung, die anstehenden Wahlen und das Hochschulsystem in den USA, und wir erhielten interessante Hintergrundinformationen, die über das hinausgingen, was die Medien berichten. Mark Putnam wiederum erwies sich als der geniale Kopf hinter den demokratischen Wahlwerbespots: Mit witzig-unterhaltsamen oder auch ernsthaften, fast schon pathetischen Kurzfilmen rückt er für anstehende Wahlen Politiker ins beste Licht – unter anderem für US-Präsident Obama.

Nach einer Woche Hauptstadtleben folgte das Kontrastprogramm — die Station-Week in Springfield, Missouri. Mein Betreuer war Ed Fillmer, ein frei arbeitender Videojournalist, weshalb ich keinem Medium zugeordnet war, sondern mit ihm die ganze Region und die journalistische Landschaft frei erkunden konnte. Dazu hatte er ein Programm zusammengestellt, das Treffen mit Fernseh-, Radiosendern, einen Rundgang durch ein Gefängnis und Gespräche mit gemeinnützigen Institutionen beinhaltete.

Bei den Radio- und Fernsehsendern ging alles etwas ruhiger zu als in der U.S.-Hauptstadt. Die Atmosphäre war entspannter, die Newsrooms kleiner, und die Redakteure hatten Zeit für kurze Gespräche. Bei KY3, einem regionalen Fernsehsender, dominierte die Verkehrs-, Wetter- und Sportberichterstattung – dem Redaktionsleiter zufolge die Themen, die die Zuschauer aus der Region am meisten interessieren.

National Public Radio wiederum befand sich gerade in einer Spendenwoche. Moderatoren, aber auch prominente Gäste aus der Region forderten die Hörer auf, dem Sender Geld zu schenken, um die Qualität des Programms auch im kommenden Jahr sicherzustellen — so etwas kennt man hierzulande nur von der „taz“.

Und schließlich lernte ich auch die Schattenseite des Lebens in Springfield kennen. Ein Rundgang durch das Gefängnis zeigte mir, dass die Region mit Arbeitslosigkeit, Armut und Drogenmissbrauch zu kämpfen hat — und dass die Zahlen der Betroffenen in diesen Tagen steigen. Doch die Krise und die damit einhergehenden Probleme bringen auch Gutes hervor: „Convoy of Hope“ zum Beispiel — eine Organisation, die nach Katastrophen wie einem Schneesturm oder einem Erdbeben Soforthilfe leistet — oder auch „Care to Learn“: Eine Einrichtung, die bedürftigen Schulkindern unbürokratisch hilft — beispielsweise durch den Kauf eines dringend benötigten Wintermantels.

Einen Tag vor der Abreise bekam ich noch die Gelegenheit, mit einem Universitäts-Professor und New Media Consultant zwei Stunden lang über die Entwicklung neuer Medien und die Unterschiede zwischen deutschen und US-Online-Angeboten zu sprechen. Eine hochinteressante Diskussion, an die ich gerne zurückdenke und die mir für meinen Arbeitsalltag in Deutschland viel gegeben hat.

In der dritten Woche fand unsere Gruppe in New York wieder zusammen. Zunächst konnten wir die Stadt auf eigene Faust erkunden. Dann besuchten wir die „Morning-Show“ von FOX, und wir bekamen die Gelegenheit, sowohl in der Regie als auch im Studio die Sendung zu verfolgen. Gegen Abend hatten wir noch einen Termin mit der Producerin der „Rachel Maddow Show.“ Auch hier dominierte der Vorwahlkampf: Die Moderatorin nahm potenzielle Kandidaten der Republikaner aufs Korn.

Ein persönliches Highlight war für mich der Besuch bei den Vereinten Nationen — ist die UNO doch eine der Organisationen, über die ich als Nachrichtenjournalistin häufig berichte. Jetzt hatte ich die Gelegenheit, selbst an den Schauplätzen des Euro-Feedmaterials vorbeizuschauen und den Pressesprecher von Generalsekretär Ban Ki Moon kennenzulernen: Martin Nesirky — der überraschend gut Deutsch sprach.

Den Abschluss unseres New-York-Programms bildete ein Besuch beim American Jewish Committee, das noch einmal eine spannende Gesprächsrunde mit sich brachte. Dabei ging es vor allem um die aktuelle Israel-Politik — sowohl in Bezug auf die Palästinenser als auch den Iran.

Der Abschied von New York und damit der RIAS-Gruppe folgte für mich am nächsten Tag, und ich muss abschließend sagen: Es war nicht nur eine Reise, die mich journalistisch und persönlich weitergebracht hat, sondern es war auch faszinierend zu sehen, wie sich das Land innerhalb weniger Jahre weiterentwickelt hat. Der Aufenthalt war ein echtes Geschenk.

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Sven Trösch, Norddeutscher Rundfunk, Hamburg

Das Büro von CJ Beutien ist winzig klein und quillt über vor Erinnerungsstücken: alte Autogrammkarten, Schnappschüsse von Dreharbeiten, Modellautos mit Satellitenschüssel auf dem Dach — all das erzählt von einer langen Fernsehkarriere. CJ hat als Außenreporter angefangen, wurde dann Nachrichtenmoderator und leitet jetzt seine eigene Redaktion. Alle paar Jahre ein neuer Job, alle paar Jahre eine neue Stadt. So ist es üblich in Amerika. Nun sitzt er an seinem Schreibtisch bei WNDU, einem von drei lokalen Fernsehsendern in South Bend, Indiana, und ist verzweifelt. Wie es aussieht, muss er im neuen Jahr einen oder zwei seiner Reporter vor die Tür setzen. Nicht etwa, weil sie nicht gut genug seien, sondern weil er sie nicht mehr bezahlen kann. Früher sei vieles einfacher gewesen, erzählt er mir, in den goldenen Zeiten des Fernsehens, als Geld im Überfluss vorhanden schien. Damals gehörten die meisten kleinen Sender mittelständischen Familienunternehmen, für die das Mediengeschäft eine Liebhaberei war, die langfristig Gewinne abwerfen sollte. Inzwischen seien viele Fernsehstationen von Kapitalanlagegesellschaften aufgekauft worden, die auf schnellen Profit aus seien und den letzten Cent aus den Sendern herauspressen. Je mehr Geld im Rachen der Anleger lande, desto weniger Personal könne er sich leisten und desto mehr müssen die verbleibenden Reporter arbeiten. Als ich CJ sage, dass man solche Anlagegesellschaften bei uns Heuschrecken nennt, lacht er bitter.

Amerika, das Land des entfesselten Kapitalismus, das Land der Finanz- und Wirtschaftskrise. Was wir zwölf deutsche Journalisten in den beiden Wochen in Washington und New York mit Fachleuten aus Politik und Medien theoretisch erörtern — während meines Praktikums im Mittleren Westen kann ich es mir vor Ort anschauen. Stichwort Krise: South Bend ist eine Stadt, die schon bessere Zeiten gesehen hat. Bis in die sechziger Jahre baute die Firma Studebaker hier ihre legendären Limousinen. Bei Studebaker verdienten die Arbeiter die höchsten Löhne der ganzen Branche, und South Bend florierte. Ein repräsentatives Stadtzentrum mit Hochhäusern und drei Theatern, für jede Familie ein gepflegtes Eigenheim mit Veranda und Vorgarten. Als die Firma bankrott ging, begann der Niedergang. Die Einwohnerzahl schrumpfte von 130 000 um ein Viertel, viele der schönen Art-déco-Bürogebäude in der Innenstadt standen leer und wurden abgerissen. Heute arbeiten die meisten Menschen im Dienstleistungssektor — Servicejobs in einem der großen Krankenhäuser oder der katholischen Notre Dame University, deren erfolgreiche Footballmannschaft jeder Amerikaner kennt.

Während im fernen Washington die politischen Kommentatoren orakeln, ob Präsident Obama die nächste Wahl übersteht, ist in South Bend der Wahlkampf längst in vollem Gange. Das Volk ist demnächst aufgerufen, einen neuen Bürgermeister zu wählen, und auch diesmal wird es wohl wieder ein Demokrat schaffen. Was die politische Farbenlehre angeht, scheint South Bend immer noch eine stramm gewerkschaftlich organisierte Arbeiterstadt zu sein. Ich bin überrascht, wie nüchtern die Berichterstattung im Lokalfernsehen abläuft. Selbst der örtliche Ableger von Fox News, dem konservativen Scharfmacher in der amerikanischen Fernsehlandschaft, gibt sich handzahm. Hat man uns nicht erzählt, das die USA ein politisch völlig polarisiertes Land seien? Mark Peterson, einer der wenigen altgedienten Reporter bei meinem Gastsender WNDU, schüttelt den Kopf. Nein, auf kommunaler Ebene werde die Suppe bei Weitem nicht so heiß gegessen, wie sie in der Hauptstadt gekocht werde. Hier seien Politiker und Bürger vor allem an pragmatischen Lösungen interessiert. Wenn ich wissen wolle, wie amerikanische Lokalpolitik funktioniere, solle ich mal 30 Meilen weiter nach Nappanee fahren. Dort sei sein alter Golfkumpel Larry Bürgermeister, der werde mich gerne herumführen.

Im Rathaus der 7000 Seelen großen Nachbarstadt empfängt mich ein fröhlich zwinkernder Endfünfziger in Jeans und Sweatshirt. Sein Händedruck ist fest, sein Stolz auf Nappanee („die einzige Stadt, in deren Namen jeder Buchstabe doppelt vorkommt“) ist groß. Larry Thompson gehört das örtliche Bestattungsunternehmen, als Bürgermeister amtiert der eingefleischte Republikaner seit drei Wahlperioden. Bald werden vier weitere Jahre dazukommen, denn bei den anstehenden Wahlen gibt es keinen Gegenkandidaten. „Die Demokraten sind mit meiner Amtsführung so zufrieden, dass sie diesmal niemanden gegen mich aufgestellt haben“, erzählt Larry mit einem listigen Grinsen. In Nappanee komme es nicht aufs politische Lager an, sondern darauf, wo eine neue Straße gebaut und welches Schuldach repariert werde. Solche Probleme diskutiere man nicht entlang von Parteigrenzen, sondern mit dem gesunden Menschenverstand. Außerdem lebten in seiner Gemeinde sehr viele Anhänger der mennonitischen Kirche, die aus religiösen Gründen niemals wählen gingen und denen völlig egal sei, welche Partei gerade den Bürgermeister stellt. „Die wollen von der Politik in Ruhe gelassen werden und kommen höchsten in Notfällen ins Rathaus. Das einzige, was sie dann brauchen, ist ein kompetenter Ansprechpartner.“ Beim Abendessen unterhalten sich Larry und seine Frau Linda nach dem obligatorischen Tischgebet mit mir über das amerikanische Gesundheitssystem. Was ich von Obamas Reformen halte, wollen sie wissen. Als ich sage, dass das aus europäischer Sicht ein zaghafter Schritt in die richtige Richtung sei, verziehen die Thompsons die Gesichter. Wenn wir so was drüben bei uns unbedingt gutheißen wollten, bitte sehr. Aber im Amerika sei der Sozialismus doch ganz und gar fehl am Platze.

Zurück bei WNDU in South Bend. Nach so viel pragmatischer Lokalpolitik brauche ich eine Auszeit auf vertrautem Fernsehterrain. Doch halt, ganz so vertraut läuft das hier alles nicht ab. Beim Außendreh mit Nachwuchsreporterin Katherine Rufener vermisse ich Kameramann und Tonassistent. Während Katherine und ich die Ausrüstung zum Drehort schleppen, frage ich, wo denn die anderen seien. „Es gibt keine anderen“, lautet die Antwort. Ich staune. Katherine macht alles allein: Bild, Ton und hinterher im Sender auch noch Schnitt und Mischung — manchmal für drei Nachrichtenstücke am Tag. „Quick and dirty“ würden wir in Deutschland dazu sagen, und ehrlich gesagt sieht man das den Beiträgen hinterher auch ein bisschen an. Ich merke aber schnell, dass es bei den Nachrichten von WNDU nicht unbedingt um wohlkomponierte und handwerklich tadellose Beiträge geht, sondern um Schnelligkeit und vor allem um die perfekte Präsentation. Die Hauptausgabe um 18 Uhr, die ich mir live im Studio ansehe, hat alles, was zum Klischee einer amerikanischen Newsshow gehört: eine aufwendige fanfarenklingende Verpackung, ein empathisches Moderatorenduo (das zufällig auch noch aus Bruder und Schwester besteht) und vor allem ganz viel Drama, möglichst mit „breaking news“. Dass es inhaltlich an diesem Abend lediglich um einen Autounfall, die Grundsteinlegung einer neuen Feuerwache und um die Wetteraussichten für den nächsten Tag handelt, tut dem Pathos keinen Abbruch. Im Gegenteil, im Vergleich dazu kommen mir die Tagesthemen wie eine lahme Ente vor. Bemerkenswert: Säße ich nicht still in einer Ecke, wären die Moderatoren ganz allein im Studio. Kein Aufnahmeleiter, keine Kameraleute, kein Maskenbildner. Die Technik ist soweit wie möglich automatisiert, und den Rest müssen die Moderatoren selbst machen, Schminken und Verkabeln inklusive — beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen in Deutschland schwer vorstellbar. Der Sparzwang in Amerika scheint noch weitaus größer zu sein als bei uns.

Zum Ende meines Aufenthalts bei WNDU gibt es einen peinlichen Moment. Am letzten Tag wollen alle wissen, wie Fernsehen in Deutschland aussieht und was für Beiträge ich mache. Die könne man sich doch gemeinsam im Internet anschauen. Als ich erklären muss, dass das nicht gehe, weil bei uns nur ein Teil der Stücke in Netz gestellt werden dürfe und das auch nur für ein paar Tage, schießt mir die Schamesröte ins Gesicht. Complicated German media law! Redaktionsleiter CJ und die anderen geben sich Mühe, ihr Erstaunen zu verbergen, denn bei Ihnen wird nach der Sendung natürlich immer alles sofort und ohne zeitliche Beschränkung im Internet veröffentlicht. Zum Abschied schenken sie mir eine Plüschdecke mit WNDU-Logo fürs Wohnzimmersofa. Sie hat Ärmel, damit ich beim Fernsehen gleichzeitig zugedeckt bleiben und essen kann. Die denken eben praktisch, die Amerikaner.

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Johanna Wahl, Südwestrundfunk, Mainz

„Ooh, tomaaatoooohes,“ höhnt es von hinten. Anlass für den Spott ist meine eher britisch-irische Aussprache. Da klingen tomatoes eben nicht nach potatoes.

Die, die mich hänseln, sind keine Teenager, sondern zwei bestens gelaunte Motorrad-Polizisten, die aussehen als wären sie einem Gangsterfilm entsprungen. Ich schmunzele, bezahle mein Tomaten-Käse-Sandwich und mache mich auf den Weg zur „16th Street Baptist Church“, in der in den 1960er Jahren auch Martin Luther King gesprochen hat. In dem bekannten Gotteshaus findet die Gedenkveranstaltung für den verstorbenen Bürgerrechtskämpfer Fred Shuttlesworth statt. Gleich an meinem ersten Tag in Birmingham komme ich mit der dunklen Geschichte dieser Südstaaten-Stadt in Berührung. 1963 starben in der Kirche vier afroamerikanische Mädchen, durch eine Bombe des Ku-Klux-Klans. Das hat der Stadt in Alabama einen unschönen Spitznamen eingebracht: „Bombingham“.

Im Gedenkgottesdienst ist die Stimmung auffallend gut. Die Damen tragen bunte Kleider und große Hüte. Manch emotionale Rede verwandelt sich von einer Zeile zur nächsten in einen Gospel-Song. Aus der Menge kommt immer wieder ein „Yeah“. Oder ein „Amen“. Da ich noch leicht krank aus dem herbstlichen Deutschland abgereist bin, mache ich einen kleinen Mittagsschlaf auf der Wiese hinter der Kirche. Eine Stunde später wache ich auf. Mit Sonnenbrand und zwölf Schnakenstichen! Sowas passiert eben Ende Oktober in Alabama. Ich staune und gehe zurück in die Gedenkveranstaltung. „Reverend Fred Shuttlesworth war ein mutiger Mann,“ sagt der Redner. „Amen!” ruft da laut und spontan die Fotografin neben mir. Aha! So tut man also seine Zustimmung kund. Als einige Tage später Herman Cain, zu dem Zeitpunkt noch im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner, Wahlkampf-Stopp macht in Alabama, horche ich wieder auf. „Yes, we Cain,” schallt es dem Unternehmer aus Georgia begeistert entgegen. Cain erklärt sein 999-Programm, dann greift er Präsident Obama an. Obama müsse weg, schreit Cain, „Amen” rufen darauf einige Tea-Party-Anhänger, natürlich lauthals. „Amen” als Zustimmung in einer politischen Rede. Ich staune und schlucke. Außer „Amen” fällt mir noch das andere A-Wort auf, das Amerikaner gerne mal sagen, irgendwie passt es auch immer. „Du heißt Johanna — awesome.“ „Du bleibst eine Woche — awesome.“ „Du bist aus Deutschland — awesome! Mein Urgroßvater kam auch aus Deutschland.“

Stephanie Salvatore hat italienische Vorfahren. Sie ist eine der jungen Reporterinnen bei CBS-42-News. Und sie freut sich wirklich, dass ich sie einige Tage begleite. Denn Stephanie ist eigentlich immer allein unterwegs. Wie alle ihre Kollegen beim Lokalfernsehsender in Birmingham macht sie die One-Man-Show: Sie dreht selbst, sie schneidet selbst und sie fährt selbst, einen SUV. Natürlich. Ich staune. Manchmal, wenn Stephe aussteigt, um zu filmen, lässt sie den Motor laufen. 10, 15, 20 Minuten lang. „Wir bleiben doch nur kurz,“ sagt sie auf meinen Hinweis. Mein deutsches Ökogewissen leidet. Als wir am Rande von Birmingham in Pratt City Aufnahmen machen, bin ich mir gar nicht sicher, ob Stephe den Motor abstellt oder nicht. Ich bin zu abgelenkt, zu überwältigt, von den schrecklichen Eindrücken: Teile der Wand mit dem schiefen Fensterrahmen stehen noch, in der zersplitterten Scheibe hängt noch die weiße Spitzen-Gardine, aber der Rest des Hauses, der ist zerstört. Es erinnert an ein eingefallenes Kartenhaus, von dem am Ende nur eine Karte stehen geblieben ist. In einem Baum vor dem zerstörten Haus hängen Stofffetzen. Vielleicht sind es die Vorhänge aus einem der anderen ehemaligen Fenster. Fast sieht es so aus, als hätte der Tornado erst gestern hier gewütet. Ich bin sprachlos. Denn ich weiß ja, dass die Katastrophe in Wirklichkeit schon ein halbes Jahr her ist. Genau gegenüber klafft ein Loch. Nur noch die Vorgartentreppe erinnert daran, dass dort auch einmal ein Haus stand. Inzwischen führt die Treppe ins Leere, nun ja, zu einem Haufen Schutt, keine einzige Wand steht mehr. Ein erschütterndes Bild!

Aus vielen solcher Bilder macht Stephanie ihren Film, danach steht noch ein Live-Gespräch an. William Bell, der Bürgermeister von Birmingham wird zum Interview erwartet. Stephanie positioniert sich vor dem ehemaligen Krisenzentrum in Pratt City. Der Bürgermeister fährt in einem schwarzen SUV vor, mit verdunkelten Scheiben, seine Bodyguards erinnern ein wenig an Türsteher eines noblen Nachtklubs, sie sind auffallend freundlich. Ich staune. Mal wieder. Stephanie hat inzwischen Schminke aufgelegt. Auf einmal wird mir klar, dass die junge Reporterin nicht nur selbst dreht, selbst schneidet und natürlich textet, sondern auch noch überdurchschnittlich gut aussieht. Den Hightech-Satellitenwagen und die Live-Kamera bedient ein junger Mann in schicken Anzugshosen, Chris Womack, ein CBS-42-Reporter-Kollege von Stephanie. Gerade erst hat er einen Film über die Lebensbedingungen von U.S.-Soldaten gemacht. Weil heute morgen noch nicht klar war, ob er als Reporter oder als Techniker (!) gebraucht wird, hat sich Chris für die elegante Garderobe entschieden. Offenbar in der Hoffnung, vor der Kamera zu stehen. Nun ist es also dumm gelaufen für ihn, denn er ist hinter der Kamera gelandet. Wie Chris es schafft, den komplizierten Satellitenwagen zum Laufen zu bringen, ist mir, der TV-Reporterin aus good old Germany, unerklärlich. Chris bemerkt meine Verwunderung über sein technisches Know How und sagt: „Je mehr Qualifikationen ich habe, desto sicherer ist mein Job.“ Ich staune! Wie so oft während der aufregenden drei Wochen mit RIAS in den USA. Herzlichen Dank! It was awesome! Amen!

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