2014

3-wöchige USA-Journalistenprogramme 2014
Frühjahr und Herbst


RIAS USA-Frühjahrsprogramm
17. März – 4. April 2014

Elf deutsche Journalisten in den USA: Organisiertes Programm in Washington D.C. sowie für alle Teilnehmer jeweils ein individuelles Praktikum in einer amerikanischen Rundfunk- oder Fernsehstation.

 

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TEILNEHMERBERICHTE

Julia Barth, Westdeutscher Rundfunk, Berlin

Randy ist Geologe aus Oklahoma, Mitte 50, supersympathisch, offen, interessiert — und erzkonservativ. Als einige von uns ihn auf dem Flug von Washington nach Dallas kennen lernen, haben er und seine Frau Barbe gerade die drei Tage dauernde Hochzeitsfeier ihrer Nichte hinter sich. Trotz entsprechenden Hangovers geraten wir schnell in ein intensives Gespräch. Obama, sagt Randy, „is a complete desaster“. Und es wird schnell klar: Es gibt nichts, was der amerikanische Präsident tun könnte, das Randy von dieser Meinung abbringt. Allein diese Gesundheitsreform — selten hat Randy so einen Unsinn erlebt. Er muss nämlich jetzt für Leistungen bezahlen, die er selber gar nicht in Anspruch nehmen kann. Schwangerschaftsvorsorge zum Beispiel. Dass er umgekehrt auf andere Weise von Obama-Care profitieren könnte, überzeugt ihn nicht. Und dass wir sogar ziemlich viel von dieser Form von Sozialstaat halten und das System als gut und selbstverständlich erachten, nimmt er so interessiert wie erstaunt zur Kenntnis. Was die Republikaner momentan besser machen als Obama, kann Randy nicht sagen. Eigentlich findet er sogar, dass sie im Moment ziemlich viel falsch machen und erhebliche Mitschuld daran tragen, dass in der amerikanischen Politik absoluter Stillstand herrscht. Trotzdem wird er sie wieder wählen. Und das aus voller Überzeugung.

Randys Ausführungen sind für mich ein Beleg dessen, was wir einige Tage vorher von John Hudak von The Brookings Institution gehört haben — einem liberalen Think Tank in Washington D.C. Früher, sagt Hudak, gab es liberale Republikaner und konservative Demokraten. Heute sind die beiden Lager so weit auseinander, wie seit dem Bürgerkrieg nicht mehr. Ziel sei dabei nicht mal, für die eigene Politik zu kämpfen, Ziel sei es sicherzustellen, dass die anderen sich nicht durchsetzen. Wenn ein Demokrat heute sagt, der Himmel ist blau, würde der Republikaner ihn als grün bezeichnen, nur um zu widersprechen. Das hat zur Folge, dass im Moment gerade mal ein Zehntel so viele Gesetze verabschiedet werden wie in „normalen“ Jahren. Der überproportional ideologisch geprägte Kampf führt zu einem selten erlebten Stillstand — the grid lock. Helfen tut das den Konservativen nicht, meint der Sozialwissenschaftler, und seine Erklärung dafür klingt für mich ziemlich plausibel. Denn die USA werden jünger, liberaler und weniger weiß. Die Latinos sind diejenigen, die künftig mehr und mehr Einfluss auf den Wahlausgang nehmen werden. Das führt dazu, ist Hudak überzeugt, dass etwa ein klassisch konservativer Staat wie Arizona in ein paar Jahren längst nicht mehr automatisch von den Republikanern gewonnen wird. Gesetzt den Fall, dass sie nicht anfangen, um die Stimmen der Latinos zu werben.

In eben genau diesem Arizona allerdings, machen die verantwortlichen Politiker auf mich nicht gerade den Eindruck, als würden sie diesen Rat beherzigen wollen. Dort habe ich die großartige Chance, mit einem Reporter meiner Praktikumsstation Arizona Public Radio in Tucson einen Tag an der mexikanischen Grenze zu verbringen. Will Seberger berichtet seit Jahren über die Themen illegale Einwanderung und Drogenschmuggel. Er bewegt sich im eindrucksvoll bedrückenden Grenzgebiet mit einer bemerkenswerten Selbstverständlichkeit und ich mich, dank ihm, mit ihm mit. Arizona, erklärt Will, investiert viel Geld in die Abriegelung und Bewachung der Grenze. Ein hoher Zaun aus ausrangierten Eisenbahnschienen zieht sich beklemmend durch die Wüstenlandschaft rund um den zweigeteilten Ort Nogales. Hinzu kommen Videoüberwachungsposten alle 100 Meter und die Border Patrol, die dort akribisch Streife fährt und uns aufsucht, keine 30 Sekunden nachdem wir unseren Wagen dort abgestellt haben. Die Stimmung ist angespannt, Wills Geschichten beeindruckend. Vor wenigen Wochen hat eben diese Border Patrol durch den Zaun einen mexikanischen Jungen erschossen, weil er angeblich Steine über die Grenze geworfen hat. Von der mexikanischen Seite der Grenze aus sieht man die Einschusslöcher und erkennt schnell — nicht mal Hulk Hogan wäre in der Lage gewesen, Steine so weit und so hoch zu werfen. Ich brauche nicht viel Fantasie, um mir vorzustellen, was im umgekehrten Fall losgewesen wäre.

Trotz der hermetisch abgeriegelten Grenze versuchen etliche Mexikaner immer wieder, in die USA zu kommen. Will kennt einige solcher Geschichten und weiß, nur die wenigsten überleben die lange Wanderung durch den Süden Arizonas. Die Wüste dort ist so weit und bietet so wenig Unterschlupf, dass man gar nicht so viel Wasser tragen kann, wie man bräuchte, um weit genug in das Land vorzudringen.

Eben diese Weite und die extremen Gegensätze sind es aber auch, die mich wieder einmal an den USA beeindrucken. So engstirnig und festgefahren sich die politische Situation gerade darstellt, so offen und großzügig ist das Land. Und viele Menschen mit ihm. Die Weite und abwechslungsreiche Landschaft Arizonas macht das deutlich, aber auch die pulsierende, vor Leben überquellende Stadt New York, die mich auch diesmal wieder vollkommen in ihren Bann zieht. Und die ich dank RIAS noch einmal ganz anders kennen lernen darf. Keine 24 Stunden liegen zwischen dem Treffen bei Bloomberg News, wo auf hohem Niveau Wirtschaftsdaten und -nachrichten verkauft werden. Und wo nur die Leistungsstärksten und Smartesten Platz haben. Und dem Treffen mit Bob Jamieson, der die Suppenküche der St. James Church in der Upper East Side betreibt und den wir für einen Vormittag als ehrenamtliche Helfer unterstützen dürfen. Einer von vielen Momenten der drei RIAS-Wochen, in denen ich es als großes Privileg empfinde, an diesem Programm teilnehmen zu dürfen.

In den USA wird zum Großteil vollkommen anders Journalismus gemacht. Was den Einsatz von Sozialen Medien im Nachrichtengeschäft betrifft, hängen wir im Vergleich meilenweit zurück. Was journalistische Berichterstattungsstandards betrifft, sind wir für mein Empfinden häufig deutlich voraus. Diese Erkenntnis und einiges mehr nehme ich rein beruflich aus den drei Wochen RIAS mit. Vor allem hat mich diese so abwechslungsreiche, gegensätzliche und hochgetaktete Reise aber persönlich bereichert. Mich an Orte gebracht, die ich ohne RIAS nie zu Gesicht bekommen hätte, mich lernen lassen von beeindruckenden, offenen und interessierten Menschen mit einer großen Willkommenskultur. Und mir wieder einmal den Pomp, den Pathos und die Widersprüche zu spüren gegeben, die dieses Land in die eine wie die andere Richtung so bewundernswert machen.

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Johannes Batzdorf, Mitteldeutscher Rundfunk, Leipzig

Eigentlich wollte ich dem Winterwetter ein Schnippchen schlagen. Der Plan angesichts des Schneefalls: Einige Washingtoner Indoor-Highlights besuchen. Ideales Wetter für einen Besuch im Museum und in der Library of Congress. Und dann das: Shutdown — „due to an emergency,“ stand am Smithsonian Castle angeschlagen. Hätte ich mal den lokalen Nachrichtensendern etwas mehr Glauben geschenkt, die doch die ganze Zeit vom Chaos berichteten. So überzeugte ich mich selbst davon — schließlich bin ich durch den Jetlag zum ungewollten Frühaufsteher mutiert und wollte den Tag und meine frühere Anreise nach Washington ausnutzen. Der Wachmann am Kapitol sagte zur Schließung fast schon entschuldigend: „It’s D.C.“ Und so hatte ich die schneebedeckte Mall für mich alleine. Fast. Das National Air- and Space-Museum am Rande der Washingtoner Flaniermeile hatte dann doch geöffnet. Ein trockenes Plätzchen. Nur, dass irgendwie alle Touristen und Ausflugsgruppen dort gestrandet sind.

Der ungewöhnlich lange und harte Winter hat in der U.S.-Hauptstadt nicht nur den Alltag der Menschen ausgebremst. Auch politisch hieß es „gridlock“: Obama geschwächt, die Parteien polarisiert, der politische Betrieb festgefahren. Neben dem Wetter kennen die großen Fernsehsender anscheinend nur ein Thema: „Missing Malaysia Airlines MH370.“ Die möglichen Sanktionen gegen Russland sind bei CNN beispielsweise nur eine Randnotiz. Interessante Voraussetzungen also, um mehr über die Medienwelt und die politischen Befindlichkeiten in den USA zu erfahren. Glücklicherweise sind die RIAS-Kollegen heil und unbeschadet von den Wetterkapriolen gelandet. Das Programm konnte also planmäßig starten.

Buhlen um Aufmerksamkeit

Während das Land politisch gesehen blockiert ist, haben viele Menschen, so meine Beobachtung, für die Politik nur ein Kopfschütteln übrig. Aber der Maschinenraum läuft: Die Menschen gehen ihrer Arbeit nach, regen sich über „die da oben“ offenbar schon gar nicht mehr auf und konzentrieren sich auf ihr Privatleben. Kein Wunder, dass politische Berichterstattung in den Medien beim Publikum nicht anzukommen scheint. „Manchmal denke ich, wir wissen zu viel über unser Publikum. Deshalb machen wir das Programm so wie es ist“, sagte ein Programmverantwortlicher. Es geht um die Quote, um das Buhlen um Aufmerksamkeit. Abseits der politischen Schlammschlachten in Washington ziehen besonders Geschichten übers Wetter, über Verkehr, Skurriles und Crime. Originär Themen des Boulevards. Aber — und das ist für mich überraschend gewesen — man muss gar nicht so lange suchen, um auch Angebote zu finden, die tiefer gehen: NPR, Zeitungen und Online-Angebote mit Video- und Audio-Portalen, die auch Hintergrund bieten. Es gibt also mehr als nur die oberflächliche Medienwelt, die einem beim Zappen ins Auge springt. Und im Bereich der Printmedien hat hier und da schon längst ein Wandel des Selbstverständnisses stattgefunden: So versteht sich das „Wall Street Journal“ längst nicht mehr als Zeitung, sondern als multimediales Angebot, das seine Geschichten für das jeweilige Medium aufbereitet. Dass es noch Käufer der Printausgabe gibt, darüber scheint man selbst in der Redaktion überrascht zu sein.

Trotz unterschiedlicher Selbstverständnisse der Medien, die wir kennen gelernt haben, die Herausforderungen sind für alle gleich: Wie erreiche ich in einem digitalen Zeitalter mein Publikum. Und hier scheinen die Medienmacher die Social-Media deutlich stärker zu nutzen als wir in Deutschland: Ein Twitter- und beruflicher Facebook-Account gehören für den Journalisten insbesondere für den Reporter zum Standard, um auf Geschichten hinzuweisen und um sie auf verschiedenen Kanälen zu bedienen.

Das Massengeschäft „News“

Auch mein Host, Beau J. Berman, twittert schon vor der eigentlichen Ausstrahlung Infos über seine Geschichte. Verknüpft mit Facebook hält er seine „Follower“ auf dem Laufenden. Spätestens hier wird deutlich: Das News-Business in den USA ist ein hart umkämpfter Markt — selbst auf regionaler Ebene. Und Social-Media gelten als selbstverständlicher Teil der Arbeit.

Mein Gastgeber arbeitet als Reporter bei Fox, Connecticut, einem TV-Sender, der zum „Courant“, einer der ältesten Zeitungen des Landes gehört. Gemeinsam teilen sich Zeitung, Online und TV einen großen Newsroom. Dadurch, dass mein Gastgeber ähnliche Aufgaben hat wie ich, war die Station ideal, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede meiner und seiner Arbeit kennen zu lernen. Vor allem die Live-Präsenz der Reporter ist deutlich größer als in den Formaten, für die ich arbeite. Außerdem vertonen die Autoren ihre Stücke zuerst, dann schneidet der Kameramann die Bilder zum Text. Überrascht war ich über die Berichterstattung über den Unfalltod einer Lehrerin, die mit einem Schulbus kollidiert war. Um 17 Uhr standen vier Reporter vor der Schule und berichten live für ihre jeweiligen Sendungen. Es war ein nachrichtenarmer Tag — aber irgendwie beispielhaft für das Massengeschäft.

Die Zeit in Connecticut bot nicht nur einen guten Vergleich beider Mediensysteme. Wo sonst — by the way: Connecticut trägt den Beinamen „The Constitution State“ — ist Geschichte so nah: Sei es in den Kolonialbauten britischen Stils, bei Ausflügen nach New Haven (Yale) und Boston. Gleichzeitig überraschte mich die Offenheit gegenüber Deutschland und Europa. Es gab fast niemanden in der Redaktion, der nicht irgendwelche Vorfahren oder sogar nahe Verwandte in Europa hat. Und dann gab es die Neugierigen, für die ich zum Botschafter wurde. So erzählte mir ein junger Kollege stolz, dass er alle Bundesliga-Vereine aufzählen kann und die meisten Spieler von FC Bayern München namentlich kennt. Richtig baff war ich dann aber, als er mich fragte: Welche Sprache eigentlich in Deutschland gesprochen werde. Nachdem ich ihm erklärt habe, dass wir deutsch sprechen, antwortete er: „Achso, ich dachte, in Deutschland können alle Englisch.“

Eroberungszug von Unterhaltung und Show

Während auch die Nachrichten sehr von Infotainment — also von Informationen, die unterhaltsam vermittelt werden — geprägt sind, scheinen Unterhaltung und Show auch andere Bereiche erobert zu haben. Ich habe noch niemals in meinem Leben so gelacht, wie in der Sonntagsmesse mit dem New Yorker Kardinal Timothy Dolan. Er war einer der Favoriten der Papstwahl 2013 und scherzte im Gottesdienst darüber, dass er vor einem Jahr verloren habe. Das Gute daran sei: Papst Franziskus sei das Amt übertragen worden. Auch über sein Gewand — an diesem Tag war pink liturgische Farbe — hatte er einen amüsanten Kommentar übrig.

Am Ende ist es mir doch noch gelungen, dem langen Winterwetter an der Ostküste ein Schnippchen zu schlagen. Nach drei Wochen RIAS bin ich privat nach Florida geflogen, um die Zeit in den USA ausklingen zu lassen. Der Schnee und das nasskalte Schmuddelwetter an der nördlichen Ostküste waren erwartungsgemäß schnell vergessen. Auch wenn der Fokus auf Urlaub lag, haben mich auch die Erlebnisse dort sehr geprägt, vor allem mit Blick auf die Migration. Ich habe Menschen getroffen, die nur spanisch konnten und Hilfe beim Englisch sprechen und verstehen brauchten. Vor diesem Hintergrund bin ich mir sicher: In 10 Jahren werden die USA ein anderes Land sein und die Politik wird sich auf die steigende Zahl spanisch sprechender Menschen einstellen müssen.

Das Wetter hat es am Ende versöhnlich mit mir gemeint. Ein Thema allerdings hat mich vom Anfang bis zum Ende der Reise verfolgt: Der „missing plane MH370“. Das Thema war auch am Heimreisetag bei CNN der Aufmacher.

Vielschichtige USA

Trotz einiger Male Kopfschütteln: Es werden die Begegnungen sein, von denen ich noch lange zehren werde. Das politische System mag politisch polarisiert sein und die Medien mögen der Logik von Quote und Geld folgen, die Menschen aber ticken sehr vielschichtiger als gedacht und erwartet. Egal wo, ich habe überall freundliche, zuvorkommende und hilfsbereite Menschen kennen gelernt. Sei es der Schaffner im Amtrak, der mir erklärt hat, warum er bei der Kontrolle bunte Zettel über die Sitze steckt. Oder Hans, der Sicherheitschef und Auswanderer aus Deutschland, der mir seinen Blickwinkel auf die manchmal verrückt erscheinenden USA gab. Die Wal-mart-Mitarbeiter, die mit meinem Sicherheitschip auf der Visa-Karte überfordert waren. Und nicht zuletzt die energiegeladene 85-jährige Helen, die mich aufgemuntert hat, manche Dinge nicht zweifelnd, sondern positiv denkend anzugehen.

Vielen Dank an RIAS für drei intensive Wochen in den USA. Vielen Dank auch an die Gruppe. Ihr wart awesome!

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Benjamin Daniel, Zweites Deutsches Fernsehen, Mainz

Rockies, Rausch und Rock ‘n’ Roll — Ein Tag im amerikanischen „Cannabis-Capital”

„Life, Liberty and the pursuit of Happiness,” “Leben, Freiheit und das Streben nach Glück,” steht am Eingang des Coffee-Shops in Denver. Dieser Satz, den einst die Gründerväter des Landes in der Unabhängigkeitserklärung niederschrieben, ist das einzige, was hier an Amerika denken lässt. Der Rest erinnert eher an Jamaika. Die Tür geht auf. Blau-grauer, süßlich riechender, vermeintlich verbotener Rauch quillt nach draußen. Ich betrete einen der 24 lizenzierten Marihuana-Läden Colorados.

Hank nimmt mich in Empfang. Er strahlt über das ganze Gesicht. Im Hintergrund laufen Rock ‘n’ Roll-Klassiker aus den Sechzigern. „Endlich haben die da oben mal was richtig gemacht, he?“ plärrt er mir entgegen. Der 62-jährige ist stolzer Geschäftsführer eines „Pot-Shops“, in dem seit 1. Januar 2014 jeder, der älter als 21 ist, rezeptfrei Marihuana kaufen kann. Ich bekomme eine Einweisung: Natürlich gibt es hier klassische Joints zu kaufen — in allen Geschmacksrichtungen. Doch auch THC-Cookies, Hasch-Schokoriegel oder Cannabis-Kaugummis stehen bei den Kunden hoch im Kurs.

Das Geschäft blüht

Eine Woche nach der Legalisierung hatten sich die Preise für Marihuana bereits verdoppelt. Zum Leidwesen derer, die aus medizinischen Gründen auf die schmerzlindernden „THC-Medikamente“ angewiesen sind. Mittlerweile hat auch Washington den rezeptfreien Verkauf legalisiert, weitere Staaten wollen nachziehen. Die Industrie wächst rasant. Investoren reiben sich die Hände. Es ist ein Milliardengeschäft. Goldgräberstimmung durch Drogenlegalisierung — ausgerechnet in einem Land, in dem man erst ab 21 Alkohol trinken darf.

Hank nimmt mich mit auf eine „Hasch-Tour“. Mit dem Bus karrt er Pot-Pilger aus der ganzen Welt durch Denver. Kostenpunkt pro Person: 200 Dollar. Aus den übersteuernden Boxen tönt „Purple Haze“ von Jimmy Hendrix — natürlich. Ein Stopp an einer Cannabis-Farm und einem Utensilien-Laden. Letzter Halt ist sein eigenes Geschäft.

Der amerikanische THC-Traum

Es ist mittlerweile 17 Uhr. Hank dreht das Türschild um. „Closed.“ Er zündet sich eine Tüte an. Jahrzehnte hat er für die Legalisierung der Droge gekämpft. Die Warnungen der Kritiker, dass auch Cannabis abhängig mache und schwere körperliche und psychische Schäden verursachen könne, scheinen ihn kalt zu lassen. Ob er die Argumente der Cannabis-Gegner nachvollziehen kann? „Natürlich kann ich das. Aber wissen Sie, mit Alkohol verhält es sich doch ähnlich. Man muss diese Genussmittel eben in Maßen konsumieren. Und das muss jeder mit sich selbst ausmachen. Wenn man diese Güter verbietet, steigert das doch nur noch weiter den Reiz sie zu nehmen.“

Ansichtssache, denke ich mir. Für Hank und seine Gleichgesinnten, erklärt er, sei ein gar nicht so unamerikanischer Traum in Erfüllung gegangen. Schließlich habe schon George Washington Marihuana anbauen lassen. Wir verabschieden uns und als er die Tür von innen schließt, springt mir erneut der Schriftzug darauf ins Auge: „Life, Liberty and the pursuit of Happiness.“ Als Jefferson und Co. die Zeile verfasst haben, dachten sie sicher in größeren Sphären. Doch Hank ist durch die Verwirklichung seines Traums bei seinem „Streben nach Glück“ ein Stückchen weiter gekommen.

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Dominic Hebestreit, Südwestrundfunk, Mainz

Im Land der Gegensätze

„Kansas City?“, haben viele Freunde und Kollegen vor meiner Abreise überrascht gefragt und gemeint: „Da wirst du das „richtige“ Amerika kennenlernen! Den Mittleren Westen!“ Was immer das „richtige“ Amerika ist, habe ich mir noch gedacht.

Nun bin ich genau auf dem Weg dorthin — nach Kansas City. Es ist ein sonniger Samstag im März, aber ziemlich frostig! Vor mir tut sich allmählich die sonnenerhellte Silhouette von Kansas City auf. Etwa 20 Wolkenkratzer; einer sieht aus wie der andere und könnte so wohl auch in jeder anderen U.S.-Großstadt stehen. Und die Metropole überrascht mich mit einem Stadtteil, der wie ein Nachbau des spanischen Sevilla aussieht. Vor gut 90 Jahren wurde das Viertel als Einkaufsmeile auf dem Reißbrett geplant. An einer Kreuzung spielt ein Straßenmusiker auf seiner Posaune Beethovens „Freude schöner Götterfunken“. Und ich frage mich: „Das soll das „richtige“ Amerika sein?? Der Mittlere Westen?“

Es sind Überraschungen wie diese, die das RIAS-Programm so außergewöhnlich machen. Drei Wochen einzigartige Begegnungen und einmalige Erfahrungen. Und wie bei einem Mosaik vervollständigt sich mein Bild von den USA mit jedem neuen Teilchen.

Der Niedergang und die Wiedergeburt der Nachrichten

An meinem ersten Tag der Reise geht es mir wie so vielen. Ich schaue verwundert auf das Weiße Haus und denke: Mensch, das ist ganz schön klein! Einigermaßen bescheiden für ein Land, das als „die Weltmacht“ gilt. Umso monumentaler ist die National Mall mit dem Lincoln Memorial, dem Washington Monument und dem riesigen Capitol, dem Zentrum der Macht. Gegenwärtig aber wohl ein Zentrum des Machtverlusts.

Ich stehe am Rednerpult im Studio der Radio-Television Correspondents’ Gallery. Dort, wo sich Demokraten und Republikaner ihren medialen Schlagabtausch vor den Fernsehkameras liefern. Immer seltener gehe es ihnen dabei ernsthaft um politische Inhalte, beklagen viele Journalisten und Beobachter, mit denen ich während dieser Reise spreche. Durch die Machtverhältnisse im Repräsentantenhaus und dem Senat ist der politische Stillstand zementiert. „Und in dieser Situation baut der Präsident seine Macht aus“, erklärt John Hudak, von der Brookings Institution in Washington. Eigentlich wäre das die Stunde für Politik-Redakteure, denke ich. Aber die Nachrichtensendungen kennen in diesen Tagen nur ein Thema: die Suche nach einer verschollenen Boing 777 der Malaysia Airlines. CNN hat seine Quote in der Primetime dadurch zeitweise verdoppelt. Korrespondenten-Filme, Schaltgespräche und opulente Grafiken — auch wenn es aus rein journalistischer Sicht nichts Neues zu berichten gab. Augenscheinlich bekommen die U.S.-Zuschauer genau das zu sehen, was wollen. Aber wer berichtet über die Dinge, die die Zuschauer wissen sollten? Der Radiosender WTOP bietet Nachrichten aus Washington rund um die Uhr. Beiträge sind selten länger als 45 Sekunden — zwei bis drei O-Töne eingeschlossen! Preisgekrönter Journalismus. Aber ist das „echte“ Information?

Wer Informationen will, sucht sie ohnehin gezielt im Internet — und immer seltener bei den Nachrichten-Flagschiffen der Fernsehsender oder in den Traditionsblättern. Die sozialen Netzwerke sind die neuen Gatekeeper. Die Zeitungen machen aus dem Abwärtstrend eine Tugend. Die New York Times baut ihr On-Demand-Videoangebot rapide aus — in beeindruckender Qualität; oder das Wall Street Journal, das Social-Media-Plattformen konsequent als Traffic-Generator für die eigene Homepage nutzt. Es sind alles Versuche, dem Wandel zu begegnen; aber keine Patentrezepte.

Das Zuschauerinteresse an Politikthemen sei am Boden, klagen viele U.S.-Journalisten. Nur, woran liegt das? Ein Gesprächspartner bei CBS News bringt es auf eine simple Formel: „Der Fall des Eisernen Vorhangs hat den Niedergang der Nachrichten eingeläutet“. Bei ABC News meint ein anderer hingegen, die Anschläge vom 11. September seien die Wiedergeburt der Nachrichten gewesen. Unterschiedlicher könnten die Einschätzungen nicht sein. Und genau das ist das große Plus von RIAS: Durch die vielen Gespräche fügen sich die Mosaiksteine zu einem Bild. Manche Mosaiksteine werfen neue, ungeahnte Fragen auf. Es gibt eben keine einfachen Wahrheiten.

Hauptsache live

Ein Planungsredakteur von KCTV5 in Kansas City, Missouri, platzt in die Nachmittagskonferenz. Es hat einen Schulbusunfall gegeben. Der Newsroom von KCTV5, einem Ableger von CBS, ist wie elektrisiert. Sofort fährt einer der Reporter los. Er soll auf jeden Fall mit einem Übertragungswagen fahren, ruft der Redaktionsleiter hinterher.

Ein zweiter Kameramann nimmt mich in seinem Auto mit. Als wir ankommen, sind bereits fünf Kameras da. Ich steige aus dem Wagen und bleibe einen kurzen Moment stehen. Ein gelber Schulbus steht am Straßenrand. Drum herum eine Traube von rund 15 Reportern und Fotografen. Ich stelle mich dazu und beobachte das Treiben. Ein Schüler schildert den Reportern, was passiert ist. Neben mir steht der Kameramann eines anderen Senders. Auf seinem Rücken trägt er eine „LiveU“, ein Gerät, mit dem er sein Material noch während des Drehens per Mobilfunk zu seinem Sender überspielt. Echtzeit-Journalismus von der Unfallstelle. Auch die Zeitungsjournalisten haben ihre Videofilmer mitgebracht. Einer dreht mit seinem Smartphone, ein anderer mit seinem Tablet-PC. Wenige Minuten später machen die Fernsehreporter ihre Live-Schalten. Wer zuerst mit der Geschichte auf dem Sender ist, gewinnt den Wettbewerb. Es muss schnell gehen, denn der Schulbus wird gleich abgeschleppt. Vorne unter dem Motor hat er etwas Flüssigkeit verloren. Ich suche nach Schäden an dem Bus. Vergeblich. Vor allem aber suche ich nach einer Antwort auf die Frage, warum dieser Unfall Anlass zur Live-Berichterstattung ist. Vor allem, wenn man sich vor Augen führt, dass es gerade mal einen einzigen Leichtverletzten gab.

„Live is everything,“ erklärt der KCTV5-Kameramann auf dem Rückweg. „Das erhöht den Nachrichtenwert einer Story.“ Live-Berichterstattung zum Selbstzweck. Und mit der sogenannten Mikrowellen-Übertragungstechnik gelingt das in einem definierten Umkreis der Fernsehstationen äußerst zuverlässig und obendrein auch noch supergünstig. Die Reporter und Kameraleute nutzen diese Möglichkeit beeindruckend routiniert. So wie Reporterin Heather Staggers. Ihr Arbeitspensum ist enorm. Meistens berichtet sie am Tag über zwei Themen — jeweils live und mit einem Reporterfilm. Trotzdem findet sie noch die Zeit, meine Fragen zu beantworten und lädt mich sogar ein, ihre Familie kennenzulernen. Überhaupt sind die Menschen in Kansas City ausgesprochen offen und interessiert. Und gefühlt jeder Zweite erzählt mir von seinen familiären Wurzeln in Europa. Irland, Dänemark, Italien, Deutschland. Das „richtige“ Amerika in Kansas City fühlt sich einmal mehr sehr europäisch an.

Auch Tage nach der Reise rätsle ich noch immer, wie nah und fern Deutschland und die USA sich nun sind. Die vielen Mosaiksteinchen während des RIAS-Programms haben sich zusammengefügt. Aber je nach Blickwinkel ändert sich das Bild aufs Neue.

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Stefanie Hornig, Norddeutscher Rundfunk, Hamburg

„Tsunami Debris Watch. Find it. Bag it. Leave it.” An dem großen Schild am Parkplatz kommt niemand vorbei, der durch den Wald ans Wasser will. Wie jetzt? Überbleibsel vom großen Tsunami 2011 in Japan sammeln die Leute heute, drei Jahre später, hier noch vom Strand auf? Klar, sagt Tracy, mein Host aus Eugene, Oregon, ganz im Westen der USA. Letztes Mal als sie die eine Stunde mit dem Auto an die Küste gefahren war, um mal den Kopf frei zu bekommen beim schweren rollenden Rauschen der Pazifikwellen und dem unbändigen Wind — da hat sie beim Spaziergang zwischendurch immer wieder mal was aufgeklaubt. Flaschen mit japanischer Aufschrift, Holz- und Plastikteile. Die Zeiten, als noch ganz große Trümmer angeschwemmt wurden, sind aber vorbei. Damals mussten Kräne und Transporter an den mächtigen weißen Strand manövriert werden, um einen ganzen Bootsanleger, mehrere verbeulte Fischerboote und einen Teil eines japanischen Tempeltors abzutransportieren. Um die Anwohner und Besucher zu beruhigen, werden Wasser, Luft und Sand immer noch regelmäßig auf ihre radioaktive Strahlung hin untersucht.

Und nicht nur dadurch ist Asien plötzlich näher als Europa. Europa, das in unserer RIAS-Woche in Washington D.C. überall zu entdecken war. In der Geschichte, den politischen Ideen, dem Baustil der repräsentativen Gebäude. Hier in Oregon, auf der anderen Seite des Kontinents, auf beeindruckenden Dünen, die jedem Sylt-Liebhaber die Sprache verschlagen müssen, treffe ich Scott mit seinen beiden Söhnen. Sie üben mit ihren drei und fünf Jahren schon die ersten Schwünge auf dem Sandboard. Eines Tages werden sie hier lässig die Sandhänge hinabgleiten, so wie die Einwohner Hawaiis auf ihren Surfbrettern die Wellen des Pazifiks beherrschen. Ihr Vater feuert die beiden an und hat nebenbei Zeit für eine Runde Smalltalk. Scott ist Software-Entwickler. Er ist aus dem Nordwesten Oregons hierher ans Meer gekommen — aus dem „Silicon Forest“, wo es besonders viele Technologieunternehmen gibt. Eine Art nördlicher Ableger des Silicon Valley, hier in einem der grünsten US-Bundesstaaten. Scotts Familie stammt aus Japan, so wie viele an der Westcoast — vor allem unten in Kalifornien, rund um San Francisco, leben viele Amerikaner asiatischer Abstammung, sagt er.

Zum Oregon-typischen Regen hier in den Dünen sagt Scott: Nein, es macht den Jungs nichts aus, bei dem Wetter draußen zu toben. „Thats what god gave us hoodies for!” Nach zwei Tagen ist mir klar: Witze über das Klima gehören hier zum guten Ton. Kein Wunder: Der viele Regen prägt die Natur. Nirgendwo in den USA habe ich so sattgrüne Wiesen gesehen und so dichte Wälder. Obwohl im März noch kein einziges Blatt an den Ästen sprießt, sind auch die schon grün — denn die Bäume sind üppig bewachsen mit Moosen und Flechten. Und Oregonians lieben es, in dieser grünen Umgebung Zeit zu verbringen. Laufen, fischen, jagen gehören zu den beliebtesten Freizeitbeschäftigungen. Und so wird mir auch klar, warum eine so Outdoor-verliebte und verspielte Idee wie „Geocaching” ausgerechnet hier entstanden ist. Im Jahr 2000 war es, als die ersten Geocacher in der Nähe von Portland sich auf die Suche nach einer Art „Schatzkiste” machten, die der Erfinder zuvor im freien Gelände versteckt hatte. Den Ort hatte er in Form der exakten Koordinaten im Internet bekannt gegeben — zu finden mithilfe eines GPS-Geräts. Geboren war die Schnitzeljagd 2.0. Heute sind Menschen in aller Welt mit kleinen GPS-Geräten auf der Suche nach solchen verborgenen Hinterlassenschaften — auch bei uns in Deutschland. Und auch rund um Eugene und das Willamette Valley; auch dank der Touristikzentrale, die hier bezeichnenderweise „Adventure Center” heißt. Sie hat extra ein paar Dutzend solcher Caches verstecken lassen, um einen Anreiz für Touren und Ausflüge zu geben. Dana hat die Verstecke festgelegt und nimmt mich mit auf eine Tour zu einem rauschenden Wildbach mitten im Wald, irgendwo in den Bergen. Noch mehr grün! Noch mehr Wasser! Und noch ein Oregonian, der sehr verbunden ist mit seiner Heimat, ohne auch nur annähernd patriotische Töne anzuschlagen.

Kein Zweifel — ich bin angekommen auf der anderen Seite der USA, dieses mächtigen Landes. Warum Analysten damit rechnen, dass spanischsprachige Zuwanderer die nächsten Wahlen entscheiden könnten; welche Onlinestrategie altehrwürdigen Print-Institutionen wie dem Wall Street Journal das Überleben sichern sollen; warum verlässliche Verkehrsmeldungen im Radio auch für Politiker mit Weltmacht auf dem Weg zum nächsten Termin in der Hauptstadt manchmal entscheidender sein können als politische Analysen und Interviews — all diese Gedanken aus den vielen Begegnungen in einer Woche Washington D.C. klingen noch nach.

Doch hier in meiner Stationweek habe ich bald den Sound von Country-Musik im Ohr. In Eugene lerne ich Tracys Radiosender KKNU-FM und ihre Kollegen kennen. Seit 18 Jahren sind „Barrett, Fox and Berry” das Team der Morningshow. Auch ich bin einige Jahre meines Lebens morgens um drei Uhr aufgestanden; doch ich kann trotzdem nur erahnen, was es heißt, das über einen so langen Zeitraum hinweg zu tun. Mehr als vertraut dagegen erscheint mir sofort die Atmosphäre im Studio. Morgens wird konzentriert und unaufgeregt gearbeitet. Die beiden Hosts der Show, Bill und Tim, bringen viel von ihrer Persönlichkeit ein. Tracy liefert als Newsanchor vor allem viele regionale Nachrichten und Geschichten. Unfälle auf dem Highway, Suche nach Vermissten, lokale Spendenaktionen. Ein handgemachtes Programm für die Region. Es begleitet, unterhält, liefert einen Soundtrack für den Alltag. Die Hörer danken es dem Team. Marktführer seit Sendestart, sagt Tracy. Und irgendwann zwischen Taylor Swift und Keith Urban rufen die Hörer auch mal im Studio an, wenn in einer abgelegen Region des Sendegebiets was los ist. Ehrungen von der Musikbranche gibt’s auch für die drei — zum Beispiel den Country Music Award 2014. Kategorie: On Air Personality of The Year. Glückwunsch!

Ein schöner Nebeneffekt dieser Woche voller Kontrastprogramm ist, dass ich eine weite Reise zurück Richtung Ostküste habe. Bis zu unserem Treffpunkt mit den RIAS-Fellows in New York überquere ich sagenhaft unterschiedliche Landschaften, lerne am Flughafen Dallas, dass Cowboyhut und Stiefel nicht zwangsläufig eine Verkleidung sein müssen, und versuche, meinen Sitznachbarn mit unterschiedlichen amerikanischen Akzenten von den Lippen zu lesen. Rückblickend kann ich sagen: jede Flugmeile war es wert.

Vielen Dank, RIAS! Für eine spannende Zeit, unvergessliche Begegnungen und eine ganze Gruppe „Awesome Folks”! Dieses Fellowship ist ein großes Geschenk.

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Susan Kalmbach, Bayerischer Rundfunk, München; Südwestrundfunk, Baden-Baden

“My wife can smile for 5 minutes”, feuert mich Delawares demokratischer Senator Carper an, als wir uns für das obligatorische Foto aufstellen. Die Flaggen des Bundesstaates und der Vereinigten Staaten flankieren uns. Meine Gastgeberin Amy hat diesen Termin für mich organisiert. “It will be just a meet and greet,” sagte sie. Aber es war mehr als das. Eine Stunde haben wir mit Senator Tom Carper verbracht. Er erzählte das Wenige, was er von Deutschland wusste. Ja, er sei auch schon einmal dort gewesen, durch Hamburg gefahren mit dem Zug. Diese spärliche Erfahrung bestätigte mein bisher ebenfalls übersichtliches Bild von den Amerikanern. Im Gegensatz zu uns sind sie nicht Reise-Weltmeister. Inzwischen habe ich mehr Verständnis dafür, dass viele noch nie außerhalb der USA waren. Denn der Weg ist oft weit und der Durchschnitts-Amerikaner hat in der Regel nicht mehr als 14 Tage Urlaub im Jahr. Diese kurze Zeit verbringen die Leute zuhause oder sie bereisen ihr eigenes Land. Senator Carper berichtete uns in der Folge von seinem Vorleben als Pilot in der Army. Er ist ein Vietnam-Veteran — bisher kannte ich die nur aus dem Fernsehen. Während der Carper entspannt seine Füße auf den Beistelltisch legte, sagte er: „Your government has a great green energy concept.” Das mit den Füßen war etwas zu relaxed, meinte Amy später.

Das Treffen mit dem Senator war erst der Anfang. Mein RIAS-Fellow Amy, die als Reporterin und Nachrichtenfrau beim News Talk Radiosender WDEL in Wilmington arbeitet, hatte auch noch einen Besuch im Büro des Gouverneurs des Bundesstaates Delaware arrangiert. Was für eine Ehre. In Bayern, wo ich herkomme, wäre es undenkbar, einen Termin mit Ministerpräsident Seehofer zu ergattern, weil eine amerikanische Journalistin zu Besuch ist. Amy erklärte mir, das gehe auch nur in Delaware, weil es der zweitkleinste Bundesstaat der USA ist. Diesmal hatte ich wirklich mit einem kurzen Treffen gerechnet, aber auch Gouverneur Markell nahm sich eine halbe Stunde Zeit für uns. Der Gouverneur saß ganz klassisch hinterm Schreibtisch, im Rücken viele Fotos seiner Familie, aber auch von ihm selbst, lachend mit Barack Obama, Bill Clinton oder George W. Bush. Jack Markell erzählte, er sei schon einmal für einige Wochen in Deutschland gewesen, denn er hat Studienfreunde in München. Außerdem habe er schon Frankfurt und Hamburg besichtigt. Erstaunlich fand ich, als er berichtete, dass die Gouverneure der einzelnen U.S.-Staaten überwiegend ihr eigenes Ding machen. Markell trifft seine Amtskollegen offiziell nur zweimal und Präsident Obama dreimal im Jahr.

„You should be proud of your country”. Diesen Satz habe ich während meines Aufenthaltes in den USA mehrmals gehört — von den Kollegen während meiner station week in Delaware, aber auch von Gouverneur Markell. Er war voll des Lobes für Bundeskanzlerin Merkel. Sie habe Deutschland gut durch die Finanzkrise geführt, meinte er. Die Wochen in den USA haben mir meine Sicht auf Deutschland bewusster gemacht. Wir müssen ja nicht gleich einen übertriebenen Nationalstolz an den Tag legen, aber wir könnten wenigstens zufrieden sein, dass wir hier leben dürfen. In einem Land, in dem beispielsweise das Ökobewusstsein schon recht weit fortgeschritten ist, verglichen mit den USA, wo die Mülleimer in vielen Hotels und Restaurants überquellen, von Plastikgeschirr und es mancherorts selbst Äpfel nur in Folie eingeschweißt zu kaufen gibt.

Zu der ganz persönlichen Erfahrung während meiner station week in Delaware kamen noch zwei, bereichernde Wochen in Washington und New York mit einer tollen RIAS-Fellow-Gruppe. Wir hatten Treffen mit Radio- und Fernsehleuten, die oft mit großer Verve von ihren Sendern und von ihrer Arbeit berichteten. Sie machten uns klar, wie wichtig Klickzahlen im Internet und die Einbeziehung von social media für ihre Sender sind. Beinahe wie zuhause habe ich mich bei NPR in Washington gefühlt, als Autie und Rob schilderten, dass es bei ihnen auf Inhalt und Hintergründe ankommt und weniger auf Kommerz. Bei der Brookings Institution erklärte uns Bob Hudkins, dass den Republikanern die alten Wähler schlicht wegsterben und ihr Fehler sei, dass sie sich nicht um neue kümmern. Deshalb, so Hudkins werden die Demokraten auch nach den nächsten Wahlen wieder ins Weiße Haus einziehen. Wahrscheinlich mit einer Präsidentin namens Hillary Clinton. Hochinteressant war der Besuch bei den Vereinten Nationen. Beim Presse-Briefing bekamen wir mit, dass selbst gestandene U.N.-Journalisten keine Antwort bekommen, auch wenn sie ausgefeilte Fragen haben. Der Pressesprecher im Deutschen Haus bei der U.N. hingegen war uns gegenüber gesprächig. Er schilderte sehr offen seine persönlichen Erfahrungen während einer früheren Tätigkeit in Afghanistan. Außerdem zeichnete er ein durchaus hoffnungsvolles Bild von der Zukunft des Landes am Hindukusch. Besonders war auch der Besuch bei der New York Times. Einerseits die Führung durch die Redaktionsräume, andererseits das Treffen mit drei Reportern aus der Video-Abteilung. Sie zeigten uns Beispiele ihrer anspruchsvollen Berichterstattung. Matthew Orr beispielsweise, war wenige Wochen zuvor als VJ in der Ukraine, in Kiew unterwegs, nur begleitet von einer Übersetzerin. Als One-Man-Band war er alleine verantwortlich für Kamera, Ton, Schnitt und Text.

Die USA sind ein sehr vielschichtiges Land, das bleibt mir als Haupterkenntnis dieser Reise. Zwar schreiben sich die Amerikaner immer noch auf ihre Fahnen, „land of the free“ zu sein. Doch das habe ich von der Einreise bis zur Ausreise anders empfunden. Der Alltag der Amerikaner ist geprägt von Sicherheitsdenken. Wer in ein Museum will, muss wie am Flughafen seine Tasche durchleuchten lassen und wer hinein will ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten, dem wird erst einmal klar gemacht, dass das gar nicht so einfach ist. Zwei Stunden stand ich bei der Einreise am Flughafen in der Schlange der Immigration-Behörde. Zehn Fingerabdrücke und zwei Fotos später, wähnte ich mich am Ziel — wäre da nicht diese Banane in meiner Tasche gewesen. Damit komme ich nicht durch den Zoll, das wurde mir klar, als ich die Mülleimer mit den riesigen Aufklebern sah: „No organic products…“ Also wollte ich meine Banane im Mülleimer der Flughafen-Toilette loswerden. Als ich deren Türe durchschritt, pfiff mich von hinten eine Stimme zurück, „No Miss, that is not allowed, you have to pass the agricultural custom. Big brother is watching me, dachte ich. Als ich dann endlich durch den landwirtschaftlichen Zoll gewunken wurde, offenbarte ich, dass auch noch zwei Orangen in meinem Handgepäck sind. Der Zöllner betrachtete sie mit einem besorgten Blick: mit seinen behandschuhten Fingern deutete er auf drei braune Punkte auf der Orangenschale. „You see, that is, what makes our oranges ill.“ Smile Susan, smile!

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Christoph Kober, Deutsche Welle TV, Berlin

Only in Vegas!

Sie ist also noch da. Die junge Dame, von der mir ein Freund vor der Reise erzählt hat. Sie trägt schwere Militärstiefel, eine schwarze Cargohose und ein knappes Oberteil. Sie lächelt von einer Plakatwand. Und hält ein Sturmgewehr in ihren Händen. Über ihr kommandieren dicke Buchstaben: „Try one! Shoot a real machine gun!“ Das Flugzeug liegt gerade 20 Schritte hinter mir. Noch im Terminal: die ersten Spielautomaten. Eine Rentnerin verzockt gefühlt 200 Dollar, während ihr Mann neben mir an der Gepäckausgabe wartet. Dazu Werbevideos für den „Hangover Heaven“ — ein mobiler Infusionsdienst mit Kochsalzlösung und Vitaminen hinter der Nadel. Für alle, die keine Zeit für einen Kater haben. Welcome to Las Vegas!

Auch wenn sich das Image der Zocker-Stadt langsam wandelt — hin zur familienfreundlichen Erlebnis-Metropole — viele kommen immer noch für die obligatorischen drei, vier Sause-Tage: College-Studentinnen, zukünftige Ex-Junggesellen, Party-people. Denn hier ist alles anders als zu Hause in Idaho oder Alabama, in Missouri oder Delaware, in Argentinien, Japan oder Deutschland — bunter, aufregender, freier.

Only in Las Vegas darf sich der Hotelbesucher auf tausenden Quadratmetern Kasinofläche verlieren, bevor er überhaupt auf die Straße tritt. Only in Las Vegas kann man Shows von Britney Spears und David Copperfield notfalls an einem Abend besuchen. Only in Las Vegas gibt es immer noch ein Stück Rindfleisch mit Backkartoffel und Salat zu einem Preis, der günstiger ist als eine Fahrt mit dem Linienbus in Berlin.

Las Vegas fasziniert, fesselt und überrumpelt. Auf dem Las Vegas Boulevard, dem „Strip“, fast ausschließlich Touristen. Knapp 40 Millionen im vergangenen Jahr. Ohne sie und ihr Geld wäre die Stadt nicht überlebensfähig. Doch auch nicht ohne die zwei Millionen Menschen, die hier wohnen. Und die durch ihre Arbeit den Ort in der Wüste zum Besuchermagneten werden lassen. Sie sind das Publikum, für das KSNV3 sein Programm macht.

KSNV 3 ist einer von drei Lokalsendern vor Ort und ein NBC-affiliate. Das bedeutet: Unterhaltungsprogramme wie Talkshows oder Serien kommen vom Muttersender, Nachrichten-Sendungen für die Region produziert die Station selbst, inklusive einer eigenen Morning-Show von 4:30 Uhr bis 7:00 Uhr.

Programm und Themen sind für Vegas-Verhältnisse eher unglamourös: bei der Polizei hat es offenbar Freiflüge für Mitarbeiter mit dem Polizei-Hubschrauber gegeben. Eine Gewerkschaft für Zimmermädchen, Wäscher und Kellner der örtlichen Hotels lässt über einen Streik abstimmen. Highway-Brücken müssen erneuert werden, es drohen lange Staus. Ein Dutzend Hundewelpen sucht ein neues Zuhause, KSNV3 ruft zur Adoption auf.

Diese Art Programm erwarteten die Zuschauer, sagt der geschäftsführende Redakteur Bob Stoldal. Lokale und regionale Nachrichten, dazu Wetter und umfassende Verkehrsinformationen. Mein RIAS-Host Tom Hawley fliegt jeden Morgen eine Stunde mit dem Hubschrauber über die Straßen der Stadt, um jedes stauverheißende Problem zu verkünden. Mehr local news sind gleichbedeutend mit mehr Zuschauern, glaubt man bei KSNV3. Deshalb will der Sender das Programm ausbauen. Neben der Morning-Show sowie Nachrichten am Mittag und am Abend soll es nun auch nachmittags zwei neue News-Shows geben.

Derlei Entschlossenheit in der Ausrichtung sieht man in anderen Redaktionen selten. Bei Gesprächsrunden in den Washington-Büros von CBS und ABC wird klar: die großen Nachrichten-Shows im U.S.-Fernsehen haben ein Problem. Sie schaffen es oft nicht, die Menschen mit ihren Themen zu fesseln. Gründe dafür sind nach Auskunft der Programm-Verantwortlichen ein latentes Desinteresse der Menschen an Politik, Misstrauen gegenüber „denen in Washington“ oder schlicht die Aussicht auf bessere Unterhaltung auf einem der hunderten anderen Kanäle oder im Internet. Dazu kommt die Sendezeit der Hauptnachrichten am frühen Abend — da sind die Zuschauerzahlen ohnehin gering. Ein Dilemma, ja, das geben alle Beteiligten zu. Doch Formate und Sendepläne zu ändern, davor scheuen sich die Verantwortlichen.

Andere arrivierte Medien-Unternehmen sind konsequenter. Auch weil hier die Existenzangst schon größer ist. Die Leserschaft der gedruckten Ausgabe des Wall Street Journal sei heute durchschnittlich 60 Jahre alt, sagt etwa Sudeep Reddy, aus dem Büro des Blatts in Washington D.C. In 20 Jahren wird es viele von ihnen nicht mehr geben. Wenn das WSJ überleben wolle, muss es seine Leser online erreichen. Nicht nur mit trockenen Berichten, sondern mit ausführlichen Analysen, mit interaktiven Grafiken, mit Videokommentaren.

Ähnlich das Bild bei der New York Times. Der Besuch dort war sicher einer der beeindruckendsten Termine des RIAS-Programms. Auch wegen einer Statistik: Von 8 auf 50 Mitarbeiter hat das „Zeitungs“-Haus seine Video-Redaktion im vergangenen Jahr aufgestockt. Kunden, die ihre Anzeigen auf der NYT-Website schalten, fordern mehr Bewegtbilder. Was die New York Times daraus gemacht hat, hat mir imponiert. Unaufgeregter, gleichzeitig leidenschaftlicher Journalismus zwischen 1:30 Minute und einer halben Stunde. Zum Beispiel ein Porträt über die später unterlegene Kandidatin im New Yorker Bürgermeister-Wahlkampf oder eine Reportage über eine Aktivistin auf dem Maidan in Kiew.

In Las Vegas bei KSNV3 hat man andere — lokale — Prioritäten. Auch wenn Redaktionsleiter Bob Stoldal das Attribut „unaufgeregt“ bei der Arbeit seiner Journalisten wichtig ist. Die Spiel-Party-Amüsier-Stadt Las Vegas hyperventiliert schon genug.

Im Zweifelsfall sei die Berichterstattung über eine Baustelle auf dem Highway 515, über den sich täglich der Berufsverkehr quält, wichtiger als ein Auftritt Lady Gagas in der Stadt, sagt er. Es sei denn, sie und ihre Entourage wären der Grund für die Verkehrsverstopfung.

Doch falls Ms. Gaga Interesse hat, mal ein echtes Maschinengewehr abzufeuern, womöglich nach einem Besuch im Hangover Heaven? Wertvolle Hinweise gibt’s schon am Flughafen.

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Stefan Römermann, Deutschlandradio Köln

Die erste Überraschung gibt es zum Frühstück: Denn selbst in unserem super-schicken Hotel — nur einen Steinwurf vom Weißen Haus entfernt! — gibt es zum Frühstück statt der gewohnten Porzellan-Teller nur Plastik-Geschirr und -besteck. Als Moderator einer Umwelt-Sendung gruselt es mich schon ziemlich beim Anblick des Müllbergs, der sich am Ende der Mahlzeit auf meinem Tisch angesammelt hat. Doch das ist eben — zumindest zurzeit — noch Teil des „American Way of Life“. Und diesen wollen und sollen meine RIAS-Kollegen und ich ja schließlich auf dieser Reise kennen lernen.

Nach einer Woche Washington D.C., mit gefühlten 100 Redaktionsbesuchen und Hintergrundgesprächen und mindestens zwei Dutzend frisch gesammelten Visitenkarten in der Tasche, reist deshalb jeder Teilnehmer unserer Truppe in eine andere Ecke des Landes. Bei der „Station Week“ sollen wir etwas mehr vom wahren Leben in den USA erleben. Mich verschlägt es nach Charlottesville, Virgina. Eine kleine Stadt mit gerade mal 43.000 Einwohnern. Ich mache mich auf provinzielle Langeweile gefasst, und meine „Station“ scheint auf den ersten Blick alle meine Befürchtungen zu bestätigen. WVTF Charlottesville ist eine lediglich Außenstelle des regionalen National-Public-Radio (NPR) in Virgina. Ein einziges, steriles, kleines Studio, ohne Live-Sendebetrieb. Doch die äußerst liebevolle und quirlige Sandy Hausman ersetzt hier locker den ganzen Mitarbeiterstab. Sie ist ein gutes Jahr zuvor mit RIAS auf Deutschland-Besuch gewesen und jetzt für die nächsten Tage mein Austauschpartner oder „Host“. Sie führt und fährt mich in den nächsten Tagen durch die doch ganz und gar nicht verschlafene Kleinstadt und die nähere Umgebung. Täglich produziert Sandy hier 1 bis 2 Geschichten für das Programm von WVTF und teilweise auch für das USA-weite Programm von NPR oder auch den englischen Dienst der Deutschen Welle. Und so begleite ich sie eine Woche zu Interviews und Gesprächen mit Tierschützern, mit dem Chef der Park Ranger im Shenandoah National Park, in die Blue Ridge Mountains und treffe ganz nebenbei noch die großen und kleinen Berühmtheiten von Charlottesville. Neben Wissenschaftlern der hier ansässigen University of Virginia gehören dazu auch Bürgerrechtsaktivisten und Menschen wie Bestseller-Autor John Grisham, der vor ein paar Jahren in die Stadt gezogen ist.

Zwischendurch erkunde ich auch die erstaunlich vielfältige Medienlandschaft der Kleinstadt. So gibt es hier neben der Lokalzeitung mit dem optimistischen Namen „Daily Progress“ und meiner Host-Station außerdem noch mehrere kommerzielle Radio-Sender und sogar zwei lokale Fernsehstationen in der Stadt. Bei einem Besuch der Nachrichtenredaktion von „NBC Channel 29“ traue ich meinen Augen kaum: Während in Deutschland lokale und regionale Fernsehsender selbst in Großstädten finanziell kaum über die Runden kommen, geht es „NBC Channel 29“ anscheinend bestens. Beim Redaktionsbesuch erklärt mir Nachrichtenchef David Foky stolz, dass hier insgesamt rund 80 Leute arbeiten und davon rund die Hälfte Journalisten. Benutzt wird „natürlich“ moderne, hochauflösende HDTV-Technik. Eine Ausstattung von der Sender wie „Leipzig Fernsehen“ in meiner Wahlheimat nur träumen können.

Nach sechs Tagen Kleinstadtleben schließlich das absolute Kontrastprogramm: Die Woche in New York ist wieder gefüllt mit unzähligen Meetings und Hintergrundgesprächen und natürlich mit dem Erkunden des „Big Apple“ auf eigene Faust. Viele Eindrücke dieser drei Wochen brauchen wohl noch eine Weile um wirklich vollständig verarbeitet zu werden. Manches ist wie ein Bilderbogen vorbei gerauscht — andere Begegnungen werden ich und die anderen Teilnehmer meiner RIAS-Gruppe wohl nie mehr vergessen können.

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Anna-Katharina Schubert, Westdeutscher Rundfunk; n-tv, Köln

04. April 21:55 Uhr, John F. Kennedy International Airport

Ich sitze im Flugzeug, gleich geht’s zurück nach Deutschland, und ich habe das Gefühl, dass mein Gepäck um einiges schwerer geworden ist. Denn das besteht nicht nur aus den T-Shirts, Pullis oder den kleinen Mitbringseln, die ich wie jeder ordentliche Tourist in den USA eingekauft habe. Nein, was viel mehr wiegt, sind die Erlebnisse der vergangenen drei Wochen, mit denen ich bis obenhin angefüllt bin, und die mich vor Glücklichsein fast platzen lassen. Eine Woche Washington, ein Woche Las Cruces in New Mexico und eine Woche New York: Kontrastreicher hätte mein USA-Aufenthalt wohl kaum sein können.

Washington D.C.

So eiskalt und verschneit uns die Hauptstadt begrüßt hatte, so herzlich und erwärmend war das Welcome Diner bei Roxanne Russell, RIAS-Fellow und ehemalige CBS News Produzentin. Bei Wein, Bier und leckerem libanesischen Essen lernten wir die amerikanischen Kollegen und Freunde von Roxanne kennen und kamen bei dieser Wohlfühl-Atmosphäre schnell ins Gespräch miteinander. Die erste von vielen sehr netten Einladungen und Begegnungen, die ich in den kommenden Wochen noch erleben sollte.

Ob Stadtrundfahrt, National Public Radio, CBS News, WTOP News Radio, das Brookings Institut, The Wall Street Journal, die beeindruckende Führung durch die Radio-Television Gallery des Repräsentantenhauses oder das Meeting beim Washingtoner Fernsehsender WJLA und die Unterhaltung mit Bill Nichols vom Online-Magazin Politico: Die Tage waren prall gefüllt, und mir schwirrte jeden Abend der Kopf vor lauter Eindrücken. Direkt hängen geblieben ist: Das amerikanische Fernseh- und Radiogeschäft tickt größtenteils ganz anders als in Deutschland! Weather, traffic, crime bestimmen vor allem das Programm beziehungsweise interessieren nun mal die Massen. Dazu jede Menge Werbung in unendlich vielen TV-Kanälen mit Diskussionen, Unterhaltung und 24-Stunden-Live-Berichterstattung. The missing plane, also die Suche nach dem vermissten Malaysia-Airlines-Flugzeug, war das Topthema in den amerikanischen News, dagegen bekam man so gut wie keine Infos zu den immer größer werdenden Differenzen zwischen den USA und Russland aufgrund der Krise in der Ukraine. Die Quote ist eben der alles bestimmende Faktor, was uns auch Ward Sloane vom kommerziellen Fernsehkonzern CBS mit Bedauern bestätigte. Und einen Bildungsauftrag wie wir ihn in Deutschland vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk bzw. Fernsehen gewohnt sind, gibt es in den USA eben nicht.

Die Woche in Washington verging jedenfalls wie im Flug, und kaum hatten wir elf RIAS-Teilnehmer uns kennen und schätzen gelernt, hieß es auch schon Abschied nehmen. Für mich ging es in die kleine Universitätsstadt Las Cruces im Bundesstaat New Mexico, das auch „Land der Verzauberung“ genannt wird.

Las Cruces

Hätte ich einen Songtitel für diese Woche finden müssen, dann wäre es „Into the great wide open” von Tom Petty and the Heartbreakers gewesen. Diese unendliche Weite, ab und zu durchbrochen von rot schimmernden und scharf gezackten Bergen, hat mich von Anfang an in den Bann gezogen. Ich war und bin tatsächlich verzaubert von New Mexico, von der Natur und den Menschen.

Mein „Host” Fred Martino und die Crew von der Radio- und TV-Station KRWG haben mich nämlich so herzlich aufgenommen, dass ich mich sofort wohl fühlte. Der Sender gehört zur Familie der Public Broadcaster, ist mit einem lokalen Sender in Deutschland vergleichbar und befindet sich auf dem Uni-Campus. Viele public tv and radio stations wie KRWG werden auch von den Universitäten bezuschusst, wie mir Fred erzählt. Für ihn und seine Kollegen bedeutet das ein geringeres Einkommen, aber als Uni-Angestellte bekommen sie dafür mehr Urlaubstage. Das kleine Team produziert Radio- und TV-Beiträge für New Mexico und West-Texas; das Hauptprogramm fürs Fernsehen kommt jedoch von der nichtkommerziellen TV-Senderkette PBS, die vorwiegend durch Spenden, aber auch durch staatliche Zuschüsse finanziert wird. Doch genau diese Bundesmittel wollen die Republikaner künftig streichen. Schlechte Aussichten, wo doch das Budget sowieso schon knapp bemessen ist. Bei KRWG machen jetzt schon alle alles. Anthony Moreno zum Beispiel ist Radiomoderator der täglichen Morning Show. Doch sobald er diese beendet hat, plant er seine nächsten TV-Beiträge oder ist schon unterwegs auf Dreh. Klar, dass er als VJ arbeitet und somit selbst dreht, schneidet und vertont. Eine echte One-Man-Show also, lange Arbeitstage inklusive! Und dennoch spürt man bei den amerikanischen Kollegen echte Begeisterung und Hingabe für ihren Beruf.

New York

Vom „Land der Verzauberung“ in die „Stadt, die niemals schläft!“ Die letzte Woche war der krönende Abschluss des RIAS-Programms. Wie im Rausch gingen die Tage in New York an mir vorbei: Das pulsierende Treiben in dieser U.S.-Metropole nimmt einen mit, wirbelt ohne Unterbrechung um einen herum, bis man erschöpft innehält, durchatmet, um gleich wieder loszuziehen: Es gibt ja so viel Neues zu entdecken! Besonders beeindruckend: unser Besuch bei den Vereinten Nationen. „I’ll get back to you“ ist wohl der Satz, den Journalisten bei den täglichen Pressekonferenzen von Ban Ki Moon’s Pressesprecher am meisten hören. Hauptsache man bleibt diplomatisch und politisch korrekt. Umso mehr freuten wir uns, dass sich sein Stellvertreter Mathias Gilman für uns richtig Zeit nahm. Eineinhalb Stunden lang bekamen wir Einblick in die Arbeit der Vereinten Nationen und das Gefühl dafür, dass über allem ein großes Ziel der Organisation schwebt, nämlich „Peacekeeping“! Aber auch das Meeting mit den Videojournalisten der New York Times und unser Kocheinsatz in der Suppenküche der St. James Church für die Bedürftigen in Manhattan haben mich tief beeindruckt.

Mein Fazit? Ich empfinde diese drei Wochen als ein Riesengeschenk: Ich kann es immer wieder auspacken und finde Erinnerungen, die mich glücklich machen, weil ich Außergewöhnliches erleben durfte. Danke RIAS!

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André Schünke, Norddeutscher Rundfunk, Hamburg

„Damit bin ich der Held der Straße,“ dachte ich noch, als ich am Flughafen in Amarillo, Texas, meinen weißen Jeep Compass freudestrahlend in Empfang nahm. Das MUSSte ja das größte Auto weit und breit sein! Was für ein Gefühl, wenn man zu Hause in Hamburg den kleinstmöglichen Audi fährt, um überhaupt mal ’ne Chance auf einen Parkplatz zu haben! Und natürlich, um die Umwelt zu schonen… Nun ja, den Umweltaspekt konnte ich in Texas mal getrost beiseite lassen. In dem Bundesstaat, der einen am Flughafen auf einem Banner mit dem Spruch „Yes, everything IS bigger in Texas“ begrüßt. Der Slogan entspricht der Wahrheit. Voll und ganz. Und so musste ich leider nach wenigen hundert Metern auf dem Highway feststellen, dass ich NICHT der „King of the road“ war. Im Gegenteil. Denn mein vermeintlicher „Riesen-Jeep“ hätte problemlos auf die Ladefläche der monsterhaften Pickup-Trucks gepasst, die mich hier gleich reihenweise überholten. Natürlich mit Cowboyhut-tragenden Männern am Steuer, die Gäule der Moderne reitend quasi. Echte Pferde habe ich kaum gesehen in Texas. Auch nicht angebunden vorm Saloon. Und auch einen Saloon gab es nur noch im Museum. Im „Panhandle Plains Museum“ auf dem Gelände der West Texas A&M University, das extra für den „German“ für eine kleine exklusive Führung geöffnet wurde. Von der indianischen Geschichte der Gegend erfuhr ich dort, von der Vertreibung der Indianer aus dem Palo Duro Canyon durch die Siedler, von einer wüstenartigen Vegetation — und von verschiedenen Arten der Rattlesnake, die hier beheimatet sind. Vor diesen fiesen Klapperschlangen hatte mich eine langjährige USA-Korrespondentin schon vor meiner Abreise gewarnt. Doch die einzige echte Rattlesnake, der ich begegnete, befand sich — gut gesichert — in einem Terrarium im Gift-Shop des „Big Texan“. Dem Inbegriff einer (gut gemachten) Touristen-Falle, direkt an der ehemaligen Route 66. Wer hier binnen einer Stunde ein 72 Unzen Steak samt Beilagen — Salat, Shrimpscocktail und Pommes — verdrückt, bekommt es gratis. Und ein „Winner T-Shirt“ dazu. Wer es nicht schafft, der muss zahlen — und ihm ist nach dem hastigen Genuss von gut 2 Kilo gegrilltem Rindfleisch mutmaßlich speiübel…

Ich verzichtete auf die Teilnahme und sammelte stattdessen Umfragetöne für meinen Heimatsender. Welcher Song ihnen zum Thema „Amarillo“ als erstes einfiele, fragte ich. Die eindeutige Antwort ausnahmslos ALLER Befragten: „Amarillo by Morning“ von George Strait. Eine Stadt-Hymne á la „Hamburg meine Perle“ — nur melancholischer und natürlich: Country. Von Tony Christies Hit „Is this the way to Amarillo?“ hat hier noch nie jemand etwas gehört. Auch nicht in Canyon, 20 Jeep-Minuten von Amarillo entfernt. Dort wohne ich für eine Woche im Holiday Inn Express, direkt neben der West Texas A+M-Universität. Die Studenten dort haben — wie ich gleich zu Beginn lerne, ein großes Problem: Die Parkplatznot. Denn natürlich kommt hier niemand mit dem Bus; eine Bahnverbindung gibt es nicht — und so kommt jeden Morgen fast jeder Student mit dem eigenen PickUp Truck aus dem Umland. Dem platten Umland, dem die Menschen hier sogar stolz einen eigenen Namen gegeben haben: Die „panhandle plains“. Wegen seiner Form auf der Landkarte nennt sich dieser Nordwestliche Teil Texas‘ nämlich „Panhandle“, also Pfannenstiel. Vielleicht auch wegen der Liebe seiner Bewohner zu fettig gebratenen oder frittierten Speisen. Gibt es im Rest der USA vielleicht „fried chicken“, so serviert der Texaner „deep fried chicken“. ALLES ist eben größer in Texas — sogar der Grad der Frittierung. Die Texaner sind stolz auf ihren Bundesstaat. „Don’t mess with Texas,“ steht auf dem Nippes in den Souvenir-Shops. Bei Walmart gibt’s Luftgewehre in Holzoptik für harte Männer, in Pink für die Damen und in klein und bunt für die Kids. Munition, so steht es auf der (immerhin abgeschlossenen) Vitrine, werde aber nur in kleinen Mengen abgegeben — schließlich sollen alle Kunden die Chance auf preisgünstiges Schießvergnügen bekommen. Für viele Texaner sind der Besitz und Gebrauch von Waffen etwas ganz Normales. Genau wie die Sandstürme, die Amarillo regelmäßig heimsuchen. Cool und gelassen nehmen sie sie hin. Auch ich tue es den Einheimischen gleich — und begegne dem ersten Sandsturm meines Lebens, indem ich instinktiv nur leicht das Tempo drossele und trotz Sichtweite von nur wenigen Metern einfach stur weiter fahre. Erst im Nachhinein fällt mir auf, welch verheerende Folgen eine abrupte Bremsung des zugereisten Deutschen mitten auf dem Highway gehabt hätte — denn außer mir fand vermutlich niemand den Sandsturm so aufregend, dass er deshalb über Gebühr gebremst hätte…

Butler Cain, mein Host, würde man in Deutschland einen „durch und durch feinen Kerl“ nennen. Nach vielen Jahren als professioneller Journalist („Pro“, wie die Amerikaner es kurz nennen), ist er inzwischen Juniorprofessor an der West Texas A+M, einer Universität, die nach wie vor einen ausgezeichneten Ruf in Sachen „Agriculture“ genießt. Doch auch der Kommunikationsstudiengang muss sich nicht verstecken. Die technische Ausstattung, die die Studenten nutzen dürfen, hat mich nachhaltig beeindruckt. Ich kenne einige lokale Radio oder Fernsehstationen in Deutschland, die sich solche Arbeitsbedingungen nur erträumen können. Die Mass-Communication-Studenten an der West Texas A+M verfügen über ein komplett ausgestattetes Radiostudio, aus dem Sie ein 24stündiges Programm für die Uni senden. Außerdem ein hochmodernes Fernsehstudio, in dem sie wöchentliche Nachrichten vom Campus produzieren. Dazu gibt es moderne Schnitträume, einen ganzen Raum voller Kameras für Außendrehs und — ja, tatsächlich — sogar ein voll ausgestatteter Ü-Wagen, natürlich im WTAMU-Design, steht den Studenten zur Verfügung; zum Beispiel, wenn sie mal live von einem der vielen Sportereignisse ihrer Uni berichten wollen. Möglich wird all diese großzügige Ausstattung — wie überall in Amerika üblich — durch großzügige Spenden. Eingeworben von den Professoren persönlich. Und so heißt das Fernsehstudio dann nicht einfach Fernsehstudio, sondern „AT&T“-Studio, weil der Telefonkonzern die Gerätschaften bezahlt hat.

Mein Auftrag an der Uni sollte eigentlich sein: „Talk to some professors and students, have some fun…“ Nun ja. Fun hatte ich. Allerdings wandelte sich meine Rolle vom freundlich lächelnden Zuhörer eher zum Germany-Experten. Gleich die erste Professorin, der mich mein Host Butler vorstellte, präsentierte mich begeistert ihren Geschichts-Studenten: Guckt mal! Ein echter Deutscher! Einer aus dem ehemals geteilten Land! Allerdings: Die deutsch-deutsche Teilung war — so interpretierte ich die vielen fragenden Augenpaare — nicht vielen der 18- bis 25jährigen ein Begriff. Doch ich gab mein Bestes und beantwortete all‘ ihre Fragen. Von der Geschichte des RIAS über Merkels Rolle in der Ukraine-Krise über das deutsche Mediensystem bis hin zu meinen persönlichen ersten Eindrücken von Texas. Ein gutes Englisch-Training — und eine hochspannende Erfahrung, mit der ich nicht gerechnet hatte. Spätestens als einer der Studenten mich in der Pause fragen, wie wichtig denn die Kirche für uns in Deutschland sei, wurde mir klar, wie anders diese Region der USA ist im Vergleich zur Ost- oder Westküste. Laut Wikipedia ist der Texas Panhandle die konservativste Gegend der Vereinigten Staaten. Vor Ort fuhr ich an dutzenden kleinen Kirchen vorbei, von den Baptisten bis zur „Cowboy-Church“, alle aufgereiht am Rand des Highway. Im Autoradio lief dazu entweder Country- oder Popmusik mit christlichen Texten, unterbrochen von Bibelversen und Predigt-Texten. Später erfuhr ich, dass es in der Region um Amarillo auf gut 200.000 Einwohner satte 100 Kirchen gibt. Und so blickte ich in erstaunte Augen, als ich dem Studenten erzählte, dass ich in Deutschland zwar noch Mitglied einer Kirche bin, dass mich aber selten jemand danach fragt — und dass viele meiner Freunde und Bekannten schon lange ausgetreten sind. Für ihn kaum vorstellbar. Auf MEINE Frage, ob ich denn nach Canyon oder Amarillo ziehen und dort leben könnte, OHNE Mitglied einer der vielen Kirchen zu sein, antwortet er zögernd: Dass sei wohl möglich, aber nicht zu empfehlen. Auch so tickt der „Texas Panhandle“. Wer zum shoppen mal nicht zu Walmart oder in die örtliche Mall will, der setzt sich auch gern für viereinhalb Stunden ins Auto, um in Dallas einzukaufen. Und fährt nach dem Shoppen viereinhalb Stunden zurück. An einem Tag, versteht sich. Ganz normal sei das, das erzählen mir die Studenten. Ich verstehe nun, warum die Texaner mit steigenden Energiepreisen so gar nichts anfangen können.

Zumal das Autofahren auf dem Highway bei Sonnenuntergang zu den schönsten Eindrücken meiner gesamten Reise zählt: Das Land so platt, dass ALLES, was vor mir liegt, ein einziger Sonnenuntergang ist — in allen erdenklichen Farben! Sagenhaft! Leider hatte ich auf die Schnelle nur das Handy für Fotos parat. Aber der Eindruck in meinem Kopf wird bleiben. Für immer.

Genauso wie das Bild des Riesensteaks, dass ich zwei Tage später mit den Kollegen von Pronews7 esse. Noch 24 Stunden später bin ich pappsatt. Sehr herzlich hat die Redaktion des ABC-Affiliates mich dort aufgenommen. Gleich am ersten Tag durfte ich mit raus auf einen Dreh. Immerhin konnte ich mich nützlich machen. Denn der Kollege arbeitet — wie die meisten Regionalreporter — als DJ: Kamera, Ton, Beleuchter und Reporter in einer Person (Aus irgendeinem Grund sagen die Amerikaner nicht VJ, wie bei uns, sondern DJ…). Und so ist er dankbar für einen Kollegen, der beim Einrichten der Interview-Situationen, Verkabeln der Interviepwartner — und nicht zuletzt beim Stativ-Schleppen hilft. Auch im Schnitt ist er später ganz auf sich gestellt, vertont wird auch gleich im ziemlich heruntergekommenen Schneideraum. Pronews 7 hat offensichtlich schon bessere Tage erlebt — und auch die müssen schon lange zurück liegen. Doch ich erfuhr, dass der Sender gerade von einer Broadcasting-Gruppe übernommen wurde, die am Aufbau eines neuen USA-weiten Networks arbeitet. Das erklärt, warum der Sender gleich mehrere neue junge Kollegen eingestellt hat. Viele kommen frisch von der Uni, den „Master of Communication“ gerade in der Tasche. Fast alle erzählten mir, sie seien selbstverständlich nur nach Amarillo gekommen, um hier ihre ersten Gehversuche als Journalisten zu machen und möglichst viel zu lernen. Die große Karriere — irgendwo in einer größeren ABC-Station haben sie dabei immer im Blick. Der Traum von der „Newsanchor“-Karriere ist noch lange nicht ausgeträumt in den USA. Und vielleicht kommt der nächste Star-Anchor ja aus Amarillo, Texas.

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Andrea Tönnißen, Zweites Deutsches Fernsehen, Mainz; n-tv Köln

Ein Geschenk. Eine Lebenserfahrung. Ein großer Spaß.

Washington — Die Hauptstadt empfing uns Mitte März mit Schnee. Ein Winter, der nicht enden wollte und den auch die Amerikaner ziemlich satt hatten. Unsere Stadtführerin Linda Dickinson ließ sich durch Minusgrade und Schneematsch nicht beeindrucken und spannte uns mit den Worten „And I leave you in suspense…“ an zugigen Orten oder im warmen Bus auf die Folter. Ein guter Einstieg, um die anderen Teilnehmer, die Stadt und natürlich Jon Ebinger kennenzulernen. Schon jetzt herrschte Klassenfahrtstimmung. Als dann am Nachmittag noch Barack Obama mit seiner Wagenkolonne direkt vor unserer Nase am Weißen Haus vorbeifuhr, waren wir angekommen in Washington, D.C. Am Abend hatte die RIAS-Fellow Roxanne zu einem Abendessen eingeladen. Das Essen war libanesisch und die Gäste interessant — ein schöner, entspannter erster Abend, an dem ich Jenny kennen lernte, auch RIAS-Teilnehmerin, die inzwischen keine Journalistin mehr ist, sondern sich als Anwältin für die Rechte von Migranten einsetzt. Ihr Urteil über die amerikanische Medienlandschaft, insbesondere das Fernsehen, fiel vernichtend aus. Sie hat ihr Kabelfernseh-Abo gekündigt, versorgt sich mit Informationen aus dem Netz und liest Politico, das Polit-Magazin der Stunde. Ich sollte bald selbst erfahren, dass TV-Nachrichten in den USA gewöhnungsbedürftig sind, denn am nächsten Tag ging sie los, unsere Tour durch die Medien in der Hauptstadt.

Beeindruckt hat mich Ward Sloane, Deputy Bureau Chief von CBS. Ein Urgestein im amerikanischen TV-Geschäft mit einem nüchternen Blick auf das eigene Programm. Genervt von der nicht enden wollenden Berichterstattung über die verschollene Boeing 777, erzählte man sich im Sender den Witz, wann CNN die Maschine wohl freigebe, damit endlich wieder Raum für andere Nachrichten sei. Sobald es eine winzige Neuigkeit oder besser: eine neue Spekulation gab, rief der Chef an und fragte, ob CBS diese auch im Programm habe. Ähnlich war es bei ABC, die zwar mit ihrem Frühstücksfernsehen Marktführer sind, aber so richtig glücklich wirkten unsere Gesprächspartner auch nicht. Zumal jedes Print- und TV-Medium mit der Konkurrenz aus dem Netz ringt. Der Kampf um „Eyeballs“ und Leser ist groß, die Zuschauer- und Leserzahlen sinken, und damit schrumpfen die Werbeeinnahmen. Jon bat uns, den anwesenden ABC-Kollegen über den deutschen Rundfunkstaatsvertrag zu berichten. Erstaunte Blicke, als unsere Gesprächspartner erfuhren, dass die gebührenfinanzierten Rundfunkanstalten sendungsbegleitende Inhalte nur sieben Tage auf ihren Onlineseiten belassen dürfen, da die deutschen Printmedien erfolgreich gegen die Konkurrenz im Netz geklagt haben. Das Netz und die permanente Verfügbarkeit von Informationen bereitet allen TV-Stationen Sorge. Jeder ist daher auf dem „Social-Media-Trip“, Twitter-Meldungen sind allgegenwärtig, Präsenz auf Facebook ist unerlässlich. Melissa Long, Moderatorin beim Lokalsender WXIA in Atlanta, twittert zu fast jedem Thema in ihrer Sendung. Fernsehen allein reicht schon lange nicht mehr. Und bei den Washingtoner Lokalstationen WJAL-TV/News Channel 8 hängen zwei große Monitore in der Redaktion, auf denen sofort alle Facebook-Einträge und Twitter-Meldungen verfolgt werden können. Hier führte uns Kris van Cleave durch die Redaktion, selbst RIAS-Fellow und Reporter. Ein ehrgeiziger, junger Mann, der als VJ jedes Thema tagesaktuell umsetzt — und hier begriff ich erstmals, wie Fernsehen in den USA gemacht wird. Der Reporter fährt mit einem Kameramann raus, nach dem Dreh entsteht sofort der Text, der zur Abnahme in die Redaktion geschickt wird, dann werden die Bilder auf den Text geschnitten, und direkt vor Ort produziert der Reporter Aufsager für den Beginn sowie Absager für das Ende des Beitrags, bzw. je nach Thema wird auch live geschaltet. Ein großer Unterschied zum deutschen Fernsehen, wo es weniger „Köpfe“ in einer Sendung gibt und der Text den Bildern angepasst wird.

Unerlässlich für amerikanische Nachrichten sind Wetter- und Verkehrsinfos. Beim Washingtoner Radiosender WTOP ist kein Beitrag länger als 40 Sekunden, egal ob es sich um die Ukraine-Krise, ObamaCare oder eine Schießerei handelt. Dazwischen immer wieder Wetter und Bob. Bob hat weiße Haare, trägt eine Prinz-Eisenherz-Frisur und sitzt in einem zehn Quadratmeter großen Raum mit zwei anderen Mitarbeitern, die den Polizeifunk abhören, Verkehrskameras überwachen und Höreranrufe entgegennehmen. Draußen düst Bob 2 mit dem Auto durch die Straßen von Washington DC und sucht Unfälle, Staus, freie Streckenabschnitte, Umleitungen — im Dienste des Hörers. Alle zehn Minuten ist Bob auf Sendung mit den neuesten Meldungen zum Verkehr. Nach jeder Schicht fragt er sich nicht, ob er gut war, sondern wie er morgen noch besser sein kann. Nach zwei Stunden bei WTOP hatte ich das Gefühl, ich hätte einen Wirbelsturm überlebt.

Nach diesen Terminen wurde mir erst klar, wie gut und wichtig das Programm von NPR Radio ist. Unser erster Termin in Washington führte uns zu einer Art amerikanischem Deutschlandfunk, der Hintergrundberichte, Talks und gut recherchierte Features produziert und an Partnerstationen verschickt. NPR ist anders, und jeder, der etwas auf sich hält, hört den Kanal — auch Jenny, die ehemalige Journalistin bei Roxannes Essen. Mehr als nur eine Abwechslung zu den Medienterminen bot unser Treffen mit John Hudak von The Brookings Institution. Hudak, ein untersetzter Mann mit Bart, Siegelring und — zurzeit der letzte Schrei in den Metropolen der Ostküste — bunten Herrensocken, erläuterte absolut unaufgeregt die politische Situation im Land, die geprägt sei von Stillstand, Blockadehaltung und verbalen Grabenkämpfen zwischen Demokraten und Republikanern. Nebenbei erklärte er, dass sich die Demokraten wegen der kommenden Präsidentschaftswahlen keine Sorgen machen müssten: Eine wichtige Bevölkerungsgruppe ihrer Stammwählerschaft, die Latinos, wächst jährlich um 50 000 Menschen. Traditionell republikanische Bundesstaaten werden in der Folge demokratisch, während die Wählerschaft der Konservativen ausstirbt. Eine beeindruckende Analyse der Konsequenzen, die der demographische Wandel in den USA nach sich zieht — doch welche Schlüsse hätte ein republikanisch orientierter Think Tank daraus gezogen?

Und dann ging es auch schon weiter zu meiner Station Week bei CNN in Atlanta. Kaum in der Stadt angekommen, holte mich Chuck Johnston zu einem typischen Südstaaten-Abendessen ab. Dort lernte ich einige CNN-Mitarbeiter kennen — und Melissa Long. Mit ihr verbrachte ich meinen ersten „Arbeitstag“ in Atlanta. In der lokalen TV-Station nahm ich an der Redaktionssitzung am Nachmittag teil und danach machte mich Melissa mit fast allen Mitarbeitern bekannt. Am Anfang hielt ich das für etwas übertrieben, doch im Laufe des Tages war ich ihr sehr dankbar, denn so bekam ich mehr als nur einen Einblick in die Abläufe in der Redaktion. Meine Hosts Chuck und Jason von CNN hatten diesen ersten Tag für mich organisiert und auch alles Weitere, das ich in meiner Atlanta-Woche erlebte. Ich traf Mitarbeiter von CNN Newsource, erfuhr, woher sie ihre Videos beziehen, erlebte einen wilden Schaltabend am CNN International Desk mit Azadeh Ansari, die Reporter aus der ganzen Welt in das CNN-Programm bringt, und staunte nicht schlecht, wie aufwändig CNN National über die Schlammlawine im Bundesstaat Washington berichtete. Chuck brachte es dann auch noch fertig, mich in die große Morgenkonferenz von CNN zu schmuggeln. Zugeschaltet per Video war auch London. In Bezug auf Flug MH370 war Richard Quest die Instanz, an der niemand vorbeikam. Seine Ausführungen wurden mit „Thank you, Professor Quest“ quittiert. Auch an diesem Tag gab es keine Erlösung für den Reporter im Flugsimulator, er musste weiter dort ausharren und alles nachfliegen, was an Theorien über die Route des verschollenen Flugzeugs aufkam. Zwischen meinen Terminen bei CNN schaute ich hinter die Kulissen des Aquariums in Atlanta und durfte einer Fütterung von Walhaien beiwohnen. Abends landeten wir mit drei anderen Stipendiaten aus Pakistan in einer Comedy-Show. Am Ende meines Aufenthalts stellte mich Chuck noch den Kollegen aus der Social-Media-Abteilung vor, und was die Jungs dort machen, habe ich in Deutschland noch nicht gesehen. Sie filtern Twitter-Nachrichten mit einem speziellen Programm, das Tweets nach Veröffentlichungsorten anzeigen kann und so dabei hilft zu entscheiden, ob CNN ein Thema aufnimmt. Tauchen nach einer Schießerei nicht die Begriffe „Krankenwagen“, „Waffe“ oder „Verletzter“ auf, ist das Thema uninteressant, kein Reporter wird rausgeschickt. Ansonsten durchforsten sie das Netz nach Informationen und Nachrichten jeglicher Art, klopfen interessante Bilder auf ihre Herkunft ab und erscheinen mir eher wie Spione denn wie Journalisten.

Getwittert wird sowieso überall und von jedem. In der letzten Woche in New York lernten wir den Sprecher des Deutschen Hauses der U.N. kennen, und er empfahl uns direkt, ihm auf Twitter zu folgen. Sein Bericht über die U.N., das Ansehen der Organisation und die Schwierigkeiten, die langwierigen Verhandlungen medial darzustellen, waren sehr interessant. Köstlich waren übrigens auch die Kekse des österreichischen Kochs. Unser Treffen mit Matthias, einem der Sprecher der U.N., fiel in die Kategorie „Plaudern aus dem Nähkästchen“. Was von den Szenen in der Versammlung ist Show, was ist Ernst? Er weiß, dass der U.N. das Image eines zahnlosen Tigers anhaftet, doch immerhin reden hier die Vertreter noch miteinander. Schlimmer wäre, es gäbe keinen Kontakt, meint Matthias, und wahrscheinlich hat er recht. In New York lernten wir auch Bob Jamieson kennen. Er war früher Journalist und kennt sie alle: Präsidenten, Abgeordnete und Claus Kleber aus Mainz, mit dem er sich bei Deutschland-Besuchen in Mainz zum Essen trifft. Inzwischen engagiert er sich in der St. James Church auf der Upper East Side. Zwischen Ralph Lauren und anderen Topmarken kommen hier jeden Dienstag Obdachlose zum kostenlosen Lunch vorbei. Wir alle wurden nach einer kurzen Einführung zum Küchendienst eingeteilt, servierten und lernten etwas über Armut in New York. Einige der Gäste haben Jobs, aber sie verdienen zu wenig, um sich eine Bleibe leisten zu können, denn New York ist wahnsinnig teuer. Kostenloses Essen gibt es jeden Tag an einem anderen Ort in Manhatten.

Am Ende unserer New-York-Woche empfing uns noch die New York Times, „The Gray Lady“, eine Anspielung auf die Schwarz-Weiß-Fotos in der Zeitung. Das Gebäude ist neu, und vieles wirkt modern — doch die Times ist und bleibt ein Printprodukt, das im digitalen Zeitalter profitabel und attraktiv sein muss. Das versucht sie mit einer Bezahl-App und 50 VJs. Die Videojournalisten liefern visuellen Input für die Onlineseiten. Keine schnellen Bilder, sondern gut recherchierte Geschichten, teilweise sehr aufwändig gemacht, darunter Dokumentationen mit einer Länge von bis zu 30 Minuten. Damit will die New York Times der Konkurrenz aus dem Netz die Stirn zu bieten. Ob das funktioniert, wird sich zeigen. Es ist zumindest ein journalistisch sehr anspruchsvoller Versuch, der es verdient hätte, Erfolg zu haben.
Und dann waren sie plötzlich vorbei, die drei Wochen USA mit den vielen exklusiven Terminen, sympathischen Mitreisenden und bleibenden Eindrücken.

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RIAS USA-Herbstprogramm
13. – 31. Oktober 2014

Elf deutsche Journalisten in den USA: Organisiertes Programm in Washington D.C. und New York sowie für alle Teilnehmer jeweils ein individuelles Praktikum in einer amerikanischen Rundfunk- oder Fernsehstation.

 

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TEILNEHMERBERICHTE

Patrick Döcke, ARD aktuell, Hamburg

Ich gehe auf einmal wieder zur Uni. Genauer gesagt stehe ich plötzlich vor 18 jungen Journalismus-Studenten im Rahmen meiner Station Week an der Marquette University in Milwaukee (Wisconsin). Ich versuche, ihnen unser Rundfunksystem und meine Rolle darin zu erklären („You know, like the German equivalent of the BBC.“). Professor Herbert Lowe ermuntert die Studenten, mich auszuquetschen. Danach geht es an die Planung des aktuellen Seminar-Projekts. Alles wird organisiert über Facebook-Gruppen, Doodles und ein eigenes Seminar-Blog, zudem versorgt Herb seine Studenten regelmäßig mit Tweets zu lesenswerten Stories. Ohne Online läuft hier nix mehr. Und ohne Laptop sitzt nur noch ein einziger Student da.

Herb vermittelt heute einige goldenen Regeln für eine Reportage (Raumatmo, Gesprächspartner richtig filmen und Schnittbilder, Schnittbilder, Schnittbilder). Denn bis zur nächsten Woche sollen die Studenten ein kurzes Porträt einer Person vom Campus produzieren („And none of your friends!“).

Herb ist ein Dozent, wie ich ihn mir immer gewünscht hätte: Engagiert, fordernd, hart aber fair. Mehrere Trophäen sowie Titelseiten großer Zeitschriften mit seinen Geschichten hängen in Herbs Büro und zeugen auch von seinen journalistischen Qualitäten.

Hier würde ich auch gerne noch mal zur Uni gehen, denke ich. Und frage mich: Wissen die Studenten eigentlich, wie gut sie es hier haben? Solch qualifizierte Dozenten, iMac-Schnittplätze soweit das Auge reicht. Zudem leistet sich das College eine eigene, von den Studenten herausgegebene Zeitung. Naja, entgegnet mir einer von ihnen dann später beim Mittagsessen, ist ja auch nicht ganz umsonst das Ganze. Im Schnitt mindestens 40.000 Dollar Studiengebühren fallen hier im Jahr an. Das erklärt dann auch die feudale Kantine im benachbarten Haus der Rechtswissenschaftler.

Und wohl auch, warum ein Abendessen mit der Dekanin Lori Bergen in einem hervorragenden Fischrestaurant am Ufer des meeresgleichen Lake Michigan stattfinden kann — auf Kosten der Uni. Und zudem in einer illustren Runde: Neben uns und einer weiteren Dozentin finden sich auch noch Raquel Rutledge und Marjorie Valbrun ein. Zwei Journalistinnen, die über ein von Marquette eingeworbenes Stipendium ein Jahr lang an der Uni ihre Stories recherchieren dürfen. Dabei werden sie unterstützt von den Studenten, die durch die Arbeit mit den mehrfach preisgekrönten Autoren (auch ein Pulitzer) wertvolle Erfahrungen sammeln.

Tue Gutes und dann, verdammt noch mal, rede auch darüber! Denn nur so läuft das hier. Ob das ein Vorbild ist für Deutschland? Beeindruckend ist die Lehre an der Uni schon, immer steht die Tür der Dozenten offen, es gibt so viele Möglichkeiten. Doch leisten kann sich das eben nicht jeder, allen Stipendien und Förderprogrammen zum Trotz.

Um so interessanter also, dass ein Schwerpunkt am Communications Department der Marquette die Berichterstattung über das soziale Ungleichgewicht ist. Sowohl Raquel als auch Marjorie recherchieren in diesem Bereich. Kurz darauf, bei einer Abschiedsfeier für einen langjährigen Professor, erfahre ich unter der Hand, dass diese Ausrichtung bei einigen Dozenten nicht unbedingt auf Begeisterung stößt. Da ist es auf einmal wieder, das Amerika von „us and them“.

Milwaukee ist, wie ich staunend lerne, immer noch die am stärksten von Rassentrennung geprägte Stadt in den USA. Eine Tatsache, die mir eines Abends überdeutlich klar wird: Auf der Suche nach einem Supermarkt lande ich nur wenige Minuten entfernt von meinem Hotel in einem düsteren Stadtteil, wo ich der mit Abstand weißeste Mann bin. Als ich das meiner Anlaufstelle bei Marquette berichte, die wunderbare Julie Rosene, erleidet sie beinahe einen Herzinfarkt. Ich muss ihr versprechen, abends nicht mehr zu Fuß zu meinem Hotel zu gehen (versprochen, gebrochen) und nie wieder in den Stadtteil östlich oder südlich des Hotels zu fahren (versprochen, gehalten). Für mich als Deutschen ist das alles doch sehr befremdlich.

Ebenso übrigens, was die örtlichen Fernsehstationen hier tagtäglich ausstrahlen. Diese Mischung aus Verkehrsunfällen, Hausbränden und Wetter, Wetter, Wetter. Gleich bei zwei Sendern hatte Julie für mich Besuche organisiert. Beide Male werde ich herzlich empfangen und darf sogar in den Planungskonferenzen teilnehmen. Etwas, dass mir bei uns in Hamburg undenkbar erscheint. Überhaupt ist die Offenheit der Menschen auf der gesamten Reise erstaunlich und vorbildlich.

Zum Glück war offenbar aber noch nie jemand aus den ARD-Gremien Teilnehmer des RIAS-Programms und hat die kargen, engen Newsrooms gesehen, wo Stunde um Stunde Updates, Aufsager und Beiträge produziert werden. Das ergäbe wohl einige Ideen für Sparkonzepte. Ich ziehe meinen Hut vor der Leistung der US-Kollegen, nicht zuletzt hinter den Kameras, auch wenn mir das Programm der Lokalsender inhaltlich als Hardcore-Nachrichtenmensch sehr fremd bleibt. Drei Minuten über eine Mall-Eröffnung? Und wie viel Wetterbericht kann man denn um Himmels Willen vertragen?

Mit großem Neid blicke ich hingegen darauf, wie sehr überall Social Media genutzt wird, um an Geschichten heranzukommen, die eigenen Stories zu promoten und Zuschauer und Leser zu binden. In diesem Bereich sind uns die Kollegen in den US-Redaktionen um Längen voraus. In den gesamten drei Wochen wird mir immer wieder schmerzhaft klar, wie sehr wir dabei in Deutschland hinterherhinken. Als ehemaliger Redakteur einer Online-Redaktion sind für mich die Besuche bei der „Washington Post“ und der „New York Times“, vor allem aber bei NPR, echte Highlights. Die immer beschworene Vernetzung von Print bzw. Broadcast mit Online — hier wird sie massiv vorangetrieben. Von vielen der Impulse und Ideen, die uns Mel bei NPR präsentiert, werde ich sicher noch lange zehren. Auch wenn einige Ansätze etwas orwellesque Züge tragen.

Es gäbe es noch so viel zu erzählen von diesen drei Wochen: Der Blick in den UN-Sicherheitsrat (es gibt ihn wirklich!) und die offenen Worte von Ban Ki-Moons Sprecher Stephane Dujarric. Das spontane Gefrotzel bei CNN zwischen dem alten Hasen Richard Roth, Miguel Marquez und Kollegen (das könnte man stundenlang als Programm ausstrahlen). Und nicht zuletzt der Vormittag an der Hoboken Highschool!

Aber ich setze darauf, dass meine RIAS-Kollegen die Berichterstattung darüber zu genüge und bestimmt viel besser erledigen werden als ich. Überhaupt: meine Fellows! Die nettesten, offensten Kollegen, die man sich vorstellen kann. Was für ein Jubel, als wir uns in New York nach unserer Station Week alle wiedersehen. Wir hängen fast jeden Abend gemeinsam rum und reden, reden, trinken und reden (und trinken). So weiß ich jetzt viel mehr über die Arbeit meiner ARD-Kollegen und kenne die Gesichter zu den Stimmen am Telefon, was für die Zukunft sicher sehr hilfreich sein wird.

Wie sagt man im Angelsächsischen so schön: „Distance makes the heart grow fonder.“ Und da ist einiges dran. Manchmal braucht man etwas Abstand, um wieder einen neuen Blick auf das Gewohnte zu bekommen. Ich weiß jetzt wieder mehr, was ich an Deutschland habe: Unser Sozial- und Gesundheitssystem beispielsweise, aber auch das politische System, das manchmal so langweilig scheint. Es ist gut zu wissen, dass deutsche Politiker nicht 30 bis 70 Prozent ihrer Zeit damit verbringen, am Telefon um Gelder zu werben, damit sie ihren nächsten Wahlkampf finanzieren können. So wie das die Mitglieder des Abgeordnetenhauses in Washington tun müssen.

Ich bin auch froh, dass ich daheim den Fernseher einschalten kann, ohne alle 15 Minuten erklärt zu bekommen, dass Kandidatin X eine wirtschaftliche Versagerin ist und dass Kandidat Y die Leistung von Hausfrauen angeblich nicht für Arbeit hält. Und das waren noch die harmlosen Wahlkampfspots. Überhaupt bin ich froh, in Deutschland den Fernseher einschalten zu können, und dann unaufgeregte Nachrichten zu sehen. Auch über Dinge, die nicht in meiner Stadt oder sogar meinem Land passieren.

Tja, und dann sitze ich auf einmal schon wieder im Flugzeug. Und als die 747 mit einem mächtigen Dröhnen abhebt und der Schub mich in den Sitz drückt, blicke ich doch etwas sehnsüchtig aus dem kleinen Fenster auf das Meer der orange-goldenen Lichter, welches sich unter mir ausbreitet. Prächtig, überwältigend, aber auch etwas düster und unergründlich. Ein passendes Sinnbild für dieses große Land.

Dann sind sie vorbei, meine Tage in den Staaten von Amerika. Wie vereinigt sie noch sind, werden unter anderem die Ergebnisse der Wahlen zeigen, die unter mir gerade zu Ende gehen. Und das zu verfolgen, zu melden und einzuordnen wird mir dank dieser Reise viel leichter fallen. Zumal, wie John Hudak vom Brookings Institute uns erklärte, das ganze Tamtam eh nur das Vorspiel für 2016 ist. Ich freue mich schon darauf, das dann mit geschärftem Blick zu begleiten.

„We open minds and doors,“ sagt ein Kollege bei der Schlussbesprechung über das RIAS-Programm. Dem ist nichts hinzuzufügen. Ins diesem Sinne: Danke, RIAS! Und Jungs und Mädels: Rock’n’Roll!

Ach ja, noch ein Tipp: Immer auch den Inhalt des Spamordners kontrollieren! Dann verpasst man nämlich nicht die Antwort vom Wahlkampfleiter der demokratischen Kandidatin in Wisconsin, zu dem ein netter Kollege des „Milwaukee Sentinel“ den Kontakt hergestellt hat. Und dann könnte man auch an der großen Election-Rally mit Bill Clinton teilnehmen…

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Birgit Frank, Bayerischer Rundfunk, München

Ganz oben im Regal hat Carleene Valley das starke Zeug: Dort liegt das Marihuana mit dem höchsten THC-Gehalt, in den unteren Regalen lagert die Einsteiger-Ware. Das Marihuana ist säuberlich in durchsichtigen, kindersicheren Behältern verpackt, bereit zum Verkauf. Wer bei Carleene shoppen will, muss eine Karte dabeihaben, ausgestellt von einem Arzt, mit der in Oregon der Konsum von Marihuana erlaubt ist. Der Laden sieht mit seinen hellgrün gestrichenen Wänden und den weißen Regalen aus wie eine Mischung von Apotheke und Reformhaus — nur dass hier eben Marihuana verkauft wird: pur, als Öl oder in Form von glutenfreien Cannabis-Keksen. Die Laden-Besitzerin plant, zu expandieren. Denn während in manchen U.S.- Bundesstaaten schon beim Besitz von geringen Mengen Cannabis Gefängnis droht, wird Oregon in wenigen Tagen über die komplette Legalisierung von Marihuana abstimmen. Deshalb hat mich Rias-Fellow Tracy hierhergebracht: Die Cannabis-Entscheidung bewegt viele Leute hier nämlich weit mehr als die midterm-Elections, die am gleichen Tag stattfinden.

„Niemand interessiert sich für die Wahlen,“ erzählen uns auch viele Redakteure und Moderatoren der Sender, die wir besuchen. Im Herbst 2014 sind Obamas Beliebtheitswerte am Boden, und viele Amerikaner haben sich enttäuscht von der Politik abgewendet. Aus der deutschen RIAS-Perspektive ist der amerikanische Politikbetrieb natürlich rasend interessant — nicht nur, weil einige von uns es tatsächlich in den White House Garden schaffen: Wir sind zur richtigen Zeit am richtigen Ort für die White House Garden Tour, die zweimal im Jahr stattfindet. Dabei öffnet der Präsident seine Gartentore für die Bürger Washingtons und ein paar deutsche Journalisten, die sich so zwischen Michelles Gemüsegarten und dem Oval Office tummeln können. In den Tagen danach kommen wir der Politik aber auch inhaltlich nahe: Wir diskutieren in den Redaktionen mit Journalisten über die Fehler Obamas. Außerdem schauen wir im wahrsten Sinne des Wortes bei einem Besuch des Pressebüros hinter die Kulissen des Kongresses — und wir spekulieren zu Besuch bei Thinktanks über die Präsidentschaftskandidaten 2016.

Überhaupt, die Zukunft: Bei manchen Redaktionen bekommen wir das Gefühl, einen Blick in unsere eigene zu werfen: Wenn NPR anhand der Handydaten ihrer Hörer analysiert, ob die Leute beim Zuhören joggen oder Autofahren. Wenn das meistgeklickte CNN-Video des vergangenen Monats ein animiertes Erklär-Stück über Ebola ist. Oder wenn die Washington Post eine fertig recherchierte Geschichte zurückhält, um auch noch das perfekte Webvideo dafür zu drehen. Alle Redaktionen wissen genau, von wo aus die Leute im Netz auf ihre Online-Angebote zugreifen. Wir lernen, dass die meisten von uns völlige Dinosaurier sind, was den Medienkonsum im Internet angeht: Denn nur noch wenige Amerikaner tippen wie wir regelmäßig die Adresse der Homepage in ihren Browser ein, um das Angebot der Redaktionen dann brav von oben bis unten durchzuschauen. Stattdessen stoßen hier die meisten in sozialen Netzwerken auf Artikel oder Videos, die sie interessieren — und klicken von dort aus auf die links. Daraus folgt für die Redaktionen die Frage: Wie präsentieren wir unsere Sachen am besten auf Facebook, Twitter, Instagram und Co? Und um die richtigen Antworten zu finden, investieren Zeitungen und Sender in Washington und New York gerade eine Menge Geld. Bei National Public Radio sitzt uns zum Beispiel eine Art weiblicher Mark Zuckerberg gegenüber, der uns erzählt, wie die Redaktion mithilfe von google analytics genau erfährt, was ihre Hörer wann wie hören. Auf die typisch deutsche Datenschutz-Nachfrage kommt von Frau Zuckerberg ein erstaunter Gesichtsausdruck: Aber so bekäme doch jeder Hörer genau das, was er wirklich haben möchte!

Drei Wochen RIAS, das bedeutet drei Wochen vollgestopft mit Eindrücken und Informationen. Was typisch amerikanisch ist, das kann ich nach diesen drei Wochen allerdings noch schwerer sagen als davor: Schließlich habe ich komplett verschiedene Teile der USA kennengelernt — und vor allem erfahren, wie massiv sich die Landesteile unterscheiden. Die Bürger in Oregon entscheiden am Ende tatsächlich dafür, Marihuana in ihrem Staat zu legalisieren. „Wir lieben alles, was wächst,“ erzählen mir die Leute dort immer wieder. Im Radiosender New Country 93.3 in Eugene werden mir selbstgezüchtete Gurken angeboten, das Essen ist überall bio und — genau wie die Space-Cakes im Marihuana-Shop — glutenfrei. Unter all den Alt-Hippies und Neu-Hipstern an der Westküste kann man sich kaum vorstellen, im gleichen Amerika zu sein, in dem es auch Staaten wie das konservative Texas gibt!

Nach einer Woche Oregon, wo es im Supermarkt aus Umweltgründen keine Plastiktüten gibt, lande ich dann mitten im Big Apple — wo sich mit Plastik-Vermeidung keiner lange aufhält. Die gesamte RIAS-Truppe ist mit gemischten Gefühlen hierhergekommen, schließlich hatte New York in den Tagen zuvor die Nachrichten beherrscht, unter der fetten Überschrift: Ebola in New York! Ein Arzt war nach einem Westafrika-Einsatz nach New York zurückgekehrt und hatte erst nach einigen Tagen zurück festgestellt, dass er sich angesteckt hatte. Der erste Ebola-Fall im Big Apple hat bei CNN zu tagelangen Breaking News geführt, Reporter wurden von der Gesundheitsbehörde, dem Krankenhaus und dem Apartment des Arztes live zugeschaltet, kurz: Wir hatten den Eindruck , die halbe Stadt steht Kopf. Angekommen in New York war es eher das Gegenteil: der New Yorker auf der Straße hat sich kaum für Ebola interessiert, von Panik sowieso keine Spur.

„You have to feed the monster,“ erzählt uns der Redakteur eines Nachrichtensenders, als wir ihn auf die permanenten Ebola-Eilmeldungen ansprechen. Jeder Sender kämpft hart um Quoten und Anteile — da wird manche Geschichte on air größer als sie tatsächlich ist. Trotzdem: Das Monster füttern alle immer hochprofessionell. Nach drei Wochen USA bin ich schwer beeindruckt von der der Energie, der Initiative und dem Optimismus in den Redaktionen — und auch generell.
Tausend Dank an RIAS für eine großartige Reise und eine unglaublich tolle Erfahrung!

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Gabriel Fröhlke, Westdeutscher Rundfunk, Köln

Drei Wochen USA. Drei Wochen mit einer unbekannten Gruppe jeden Tag Termine wahrnehmen. Wie wohl die Termine werden? Wie es wohl mit der Gruppe sein wird?

Jetzt, im Nachhinein kann ich nur sagen: es war genial. Ich habe in den drei Wochen so viel erlebt und gesehen, zusammen mit einer Gruppe, die von Anfang an harmoniert und unglaublich viel Spaß zusammen gehabt hat, dass es insgesamt ein hervorragender Aufenthalt war. Doch der Reihe nach.

Jon hat uns im Hotel in Washington am ersten Tag empfangen und darauf hingewiesen, dass wir aufpassen sollten, weil die kommenden drei Wochen wie im Fluge vergehen werden. Er sollte Recht behalten. Zwar hatten wir alle nach einer Woche RIAS Stipendium schon das Gefühl, mindestens drei Wochen vor Ort zu sein, weil alles so intensiv war, doch gleichzeitig verging die Zeit unfassbar schnell. Das Tolle an dem RIAS-Programm ist, dass wir in Bereiche und Redaktionen gekommen sind, die wir alleine nie kennengelernt hätten.

Zum Beispiel am zweiten Tag, einer Führung durch die „House Radio-Television Gallery“. Auf einmal stehen wir mit unserer Gastgeberin Olga in den Interviewräumen des „Capitols“, da, wo die Kongressabgeordneten Interviews geben. Und im nächsten Augenblick befinden wir uns im „House of Congress“. Es war außerdem richtig interessant zu sehen, wie wenig Platz Journalisten in den Büros vor Ort haben — eine Legebatterie ist nichts dagegen.

Sehr interessant war auch der Folgetermin bei „CBS News“, wo wir leider wegen eines Orkans eine halbe Stunde später als vereinbart aufschlugen. Der Satz eines Mitarbeiters, der bei mir hängen geblieben ist, lautet: „Never underestimate the stupidity of the American people.“ Oha. Es gibt also auch kritische Amerikaner. Und das beim Thema U.S.-amerikanische Politik.

Zu meinen Highlights zählen auch Termine wie beim Think Tank „The Brookings Institution“. John Hudak’s Organisation ist klar demokratisch. Er hat uns einen detaillierten Überblick darüber gegeben, wie sich einzelne Politiker im Hinblick auf die anstehenden Wahlen (midterm elections) schlagen. Nach dem Termin wussten wir auch, dass sich Hillary Clinton auf jeden Fall für das Amt des Präsidenten bewerben und zu über 90% auch gewinnen wird. Das wär doch was: auf den ersten afroamerikanischen Präsidenten der Vereinigten Staaten würde dann die erste Präsidentin folgen.

Sehr überrascht hat uns alle der Termin beim „National Public Radio (NPR)“. Eines der wenigen öffentlichen Medienanstalten in diesem Land ist uns internettechnisch so weit voraus, dass wir alle mit offenen Mündern den Termin verlassen haben. Hier arbeitet Mel, die Internetseiten so programmiert, dass „NPR“ den kompletten Tagesablauf der User mitkriegt und den User immer weiter mit Inhalten füttert, die zu seiner momentanen Alltagssituation passen. Beeindruckend.

Natürlich darf in meinem Fall der U.S.-Sport nicht zu kurz kommen. Am Donnerstagabend besuche ich ein Eishockeyspiel der Washington Capitals gegen die Devils aus New Jersey. Es ist doch immer wieder erstaunlich und für uns Westeuropäer auch etwas verwirrend, wenn das komplette Stadion einem Soldaten, der gerade beim Spiel ist und auf der „Videowall“ gezeigt wird, Standing Ovations entgegenbringt und jubelt, als wäre gerade ein Tor gefallen.

Bei „WJLA-TV“ unterhält sich Moderator Bruce mit uns, der jeden Tag eine Stunde live auf Sendung geht und zu einem Thema zwei bis drei Gäste einlädt. Bruce und ein Producer organisieren die komplette Show — alleine. Zwei Menschen, verantwortlich für eine Stunde Talk, jeden Tag. Bei uns undenkbar.

Ein weiteres Highlight ist der Besuch der Washington Post. Alle arbeiten hier in Großraumbüros und zwar auffallend ruhig. Das ist uns schon in anderen Redaktionsräumlichkeiten aufgefallen. Als würde niemand jemals telefonieren oder sich unterhalten. Wahnsinn. Spannend ist auch die Tatsache, dass es bei der Washington Post, einer Zeitung, mittlerweile eine eigene Abteilung für bewegtes Bild gibt. Dort entstehen Reportagen, die dann im Netz landen. Gabe, der für die Abteilung arbeitet, präsentiert uns einen seiner letzten Filme: korrupte Cops in den USA. Auch sehr beeindruckend. Eine eigene, kleine Fernsehredaktion inmitten von lauter Zeitungsschaffenden.

In meiner zweiten Woche, der sogenannten „station week“, bin ich nach Kansas City geflogen. Besser hätte es für mich, einen Sportbegeisterten, nicht laufen können. Das hiesige Baseballteam, die „Kansas City Royals“, sind nach 29 Jahren mal wieder im Finale der Major League Baseball, den „World Series“. Dementsprechend aufgeregt, blau und auch verrückt war die Stadt (das Wasser eines großen Springbrunnens in Downtown wurde mal eben blau gefärbt). Die „World Series“ beginnen auch noch ausgerechnet in Kansas City, in der Woche, die ich dort bin.

Neben einem Baseballtermin habe ich auch mehrmals Reporter in die Umkleide der Kansas City Chiefs, dem NFL-Team begleitet. Auch da staune ich immer wieder, wie angenehm doch der Umgang zwischen Presse und Profisportlern sein kann, wenn ich das mit uns in Deutschland vergleiche, wo alles erheblich komplizierter und auch schwieriger erscheint.

Besonders beeindruckt bin ich davon, wie schnell Reporter für „KCTV 5“, meinem TV-Sender für die zweite Woche, arbeiten. Ein Team besteht nur noch aus einem Kameramann und einem Reporter, der vorab schon mal den Text für die MAZ schreibt. Im Anschluss wird dann alles dem Text angepasst. Teilweise schneidet der Kameramann das Material schon mal auf einem Rechner und für die Liveschalte reicht dann eine Box, ein so genannter „UMTS-Rucksack“. Kein Ü-Wagen, nichts mehr. Unglaublich. Klar, die Themen sind sehr oft oberflächlicher als bei uns. Dafür bringen aber weniger Menschen mehr Output als bei uns.

Ich habe das Glück, dass ich fast jeden Abend Brix und Victoria treffe — zwei Mitarbeiter in meinem Alter. Wir haben sehr viel Spaß und schauen viel Baseball — meistens bei „Public viewing“-Events. Was für eine intensive Woche.

Letzte Woche: New York City. Jedes Mal aufs Neue einfach nur umwerfend, weil alles so beeindruckend ist. Meine dritte Woche beginnt mit einem Sportevent, meinem ersten NFL-Spiel. Die Buffalo Bills schlagen die New York Jets, die einfach unfassbar schlecht diese Saison sind. Trotzdem haben wir viel Spaß und genießen die Show.

In New York ist fast jeder Programmpunkt ein Highlight: die UN mit seinem Pressesprecher Stephane Dujarric, der uns erzählt, wie sein Job wirklich so ist (alles „Off the record“, natürlich). Die ständige Vertretung Deutschlands bei den Vereinten Nationen mit ihrem super Gebäude und dem Wahnsinnsausblick.

Dann CNN, der afroamerikanische Radiosender „Radio One“ und die New York Times. Über 30% des Internettraffics kommen durch soziale Medien auf die Internetseite der New York Times, weniger als zehn Prozent gehen nur noch direkt auf www.nytimes.com. Auch hier will die Zeitung dem User alles so präsentieren wie er es wünscht. Internetinhalte sollen so gut wie möglich auf die User-Bedürfnisse abgestimmt sein.

Zwischendurch sind wir auch noch in der „St. James Church“ und bewirten arme und obdachlose Menschen. Auch das ist ein Gesicht von New York City: bei all diesem unglaublichen Reichtum bleiben auch ganz viele Menschen auf der Strecke. Ein weiteres Highlight des RIAS-Programms, was uns alle total erdet und runterkommen lässt.

Den Gegensatz kriegen wir dann wieder bei Bloomberg News präsentiert. Ein Büropalast vom allerfeinsten. Alles verglast, Getränke und Snacks (fast schon ein kleines Buffett) sind kostenlos für die Mitarbeiter. Das wäre für mich die gefährlichste Ecke im ganzen Gebäude. Hier wird gefühlt Geld gedruckt. Mr. Bloomberg „himself“ arbeitet immer noch in der Redaktion: wir erleben, wie er inmitten seiner Angestellten sitzt, bevor er dann mit uns im Fahrstuhl runterfährt.

Unser letzter Programmpunkt in New York City ist der Besuch einer Highschool in New Jersey. Erschreckend, wie wenig die Jugendlichen über den Mauerfall wissen, obwohl sie vor zwei Wochen anscheinend darüber gesprochen haben. Mir wird noch mal klar, dass unser Schulsystem viele Vorteile hat: In den USA sitzen Gymnasiasten, Real- und Hauptschüler alle in einer Klasse. Der Besuch bei der Highschool ist sinnbildlich für das amerikanische Interesse an internationaler Politik: es existiert so gut wie gar nicht. Allerdings berichten Medien auch nicht darüber.

Insgesamt bin ich der RIAS BERLIN KOMMISSION für dieses Journalistenstipendium mehr als dankbar. Ich habe Menschen und Dinge kennengelernt, erlebt und gesehen, zu denen ich ohne das Programm nie Zugang gehabt hätte. Das Stipendium lässt mich viele Sachen noch einmal mit ganz anderen Augen sehen und hat mir ganz viel Input gegeben. Hinzu kommt, dass wir eine super Gruppe waren, die nicht nur sehr harmoniert hat, sondern auch sehr viel Spaß miteinander hatte. Wir alle haben den Austausch sehr genossen. Für mich eine unglaublich schöne und intensive Erfahrung.

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Anika Giese, Norddeutscher Rundfunk, Hamburg

Die Achse der Welt — oder wer dreht sich eigentlich um wen?

Mit der längsten Rolltreppe auf der nördliche Hemisphäre in eine künstliche Erdkugel fahren — klingt nach einem Vergnügungspark. Ist aber CNN. Und die Welt von CNN ist eine ganz eigene. Die, der Nachrichten. News kreieren, verkaufen und immer dran sein.

„If we are not telling the truth, we are not covering the story.“

Diesen Satz gab’s zum Motivieren. Zum Anheizen. Was für Andere der zweite Kaffee ist, ist bei CNN eine Einstellung. Gestärkt in den News-Tag, nach der morgendlichen Videokonferenz mit New York und Washington im CNN Hauptquartier in Atlanta steht die Welt kurz mal fest. Ist greifbar. Heute dominiert erneut das Thema Ebola, das packt. Hinzu kommen ein High School Shooting, Terror-Angriff in Kanada und erste — nennen wir es mal liebevoll — Teaser auf die anstehenden Midterm Elections.

Non-Stop. 24 Stunden. Überall.

Im CNN-Newsroom ist es wie an der Frankfurter Börse. Ticker, Telefone, Monitor an Monitor und Adrenalin. Breaking News krächzen verzerrt über die Lautsprecher. Auf dunkelgrauem Teppich und verstellbaren Drehstühlen laufen die Fäden zusammen oder werden gesponnen. Je nachdem auf welcher Seite vom Monitor man sitzt.

CNN domestic deckt mit circa 900 Affiliates die USA ab, um die übrige Welt kümmert sich CNN international. Alles Neue, was im Netz rumschwirrt, finden die Social Media Kollegen — ein Team sammelt die Nachrichten ein, ein anderes verbreitet Content. Ticker werden bestückt. Stücke der Korrespondenten von „The Row“, der heiligen Kuh der Fakten, verifiziert. Das iReport Team checkt den user generated content, den Menschen rund um den Erdball per Klick und Upload nach Atlanta transferieren. Und dann ist da noch die wachsende Parallel-Welt, also eine interne, nämlich CNN.com, wo Videojournalisten, Entwickler, Multi-Media-Gestalter und Autoren die digitalen Inhalte entwickeln, umsetzen, publizieren und auf „eyeballs“ hoffen. Diese #fomo (fear of missing out) kennt der andere Flur auch. Zur gleichen Zeit hoffen die Nachrichtensendungen auf Ereignisse, welche zu ihrer Programmzeit hochkochen, einen Spin-Off erleben oder einfach nur Sendeminuten schinden. Am Puls der Zeit eben, gleichwohl voraus — definitiv technisch und auch strategisch dem deutschen Journalismus voraus. Denn ja, „covern ist King“.

Die beste Host wo gibt

Und von 4000 Mitarbeitern war zu meinem Glück Azadeh Ansari meine Host. Sie hat mir ihre Welt in einer Woche gezeigt und mit Schallgeschwindigkeit konnte ich durch das dichte Geflecht an Nachrichten, Kanälen und Themen fliegen und mit und ohne Rolltreppe in diese Welt eintauchen. Thank you Azadeh!! Und dank ihrer Kollegen konnte ich auch U.S. History im Jimmy Carter Center und Marken-Wahn in der Coca Cola World erleben. Und vom Stone Mountain — ein freiliegender Granit-Monster-Koloss selbstverständlich der Größte seiner Art – einen großartigen Blick auf Atlanta und das restliche Georgia im Spätherbst erhaschen.

Einblick mit Ausblick

Verflogen sind auch die Tage in D.C. und in NYC. Dank Jon Ebinger hatten wir Zugang, Termine und Metrokarten. Ein ausgefüllter Terminkalender macht in diesem Fall auch ein erfülltes RIAS-Leben. Die Mischung aus Unbekanntem, wie das Start Up Unternehmen „Trove“, bekannten Namen wie „The New York Times“, „Washington Post“ oder „National Public Radio“ mit wiederum für uns unbekannten Strategien und Geschäftsmodellen. Bei #audience intelligence dashboard #social attention #reddit hat’s Klick gemacht. Gepaart mit einem Einsatz in einer New Yorker Suppenküche, einer Pressekonferenz bei den Vereinten Nationen oder dem Lauschen der Geschichten des investigativen Journalisten Charles Lewis. Ein breiter Mix für einen tiefen Einblick in die U.S.–amerikanische Medienlandschaft. Ein Programm mit Ausblick und on top manchmal sogar mit analogem Ausblick: aus dem Capitol, aus der deutschen Vertretung der Vereinten Nationen und den heiligen Hallen der New York Times.

RIAS has covered it and wrapped it up. Unbezahlbar wertvoll. Herzlichen Dank an Isabell Hoffmann, Lisa Ziss, Rainer Hasters und Jon Ebinger — und an die RIAS FALL 2014 Gang. #Go Big. Go large. Or go home.

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Liane Gruß, Rundfunk Berlin-Brandenburg, Potsdam

„Go big, go large or go home“

Eines der am meisten diskutierten Bücher des Jahres 2014 ist Dave Eggers’ „The Circle“. Eine Utopie über Unternehmenskultur in der Zukunft und Social Media im 360-Grad-Modus. Wie weitgehend können wir unsere Leben mit digitalen Tools lenken und lenken lassen? Ein paar Wochen vor unserer Abreise hatte ich mich in dieses Buch vergraben und war mir nicht bewusst, dass mir die zukunftsweisenden Fragen in den technisch und architektonisch modernsten Newsrooms der Welt beantwortet werden würden. Dave Eggers mag ein Vordenker sein. Aber der amerikanische Journalismus ist es auch. Die Organisatoren des RIAS-Programms haben uns ermöglicht, einen Einblick in Newsorganisationen zu bekommen, die anderen verschlossen bleiben. Natürlich trafen wir auch auf stereotypische amerikanische Verhaltensweisen. Etwa als uns die Leiterin der Pressearbeit im U.S.-Repräsentantenhaus Olga Ramirez Kornacki vom Ausbau der Räume für die Pressekonferenzen berichtet: „Go big, go large or go home“. Das Beste ist gerade gut genug und man nimmt, was man kriegen kann. Dieses Bild wird uns auch immer wieder bei unseren Besuchen in Fernsehstationen von ABC bis CBS vermittelt. Natürlich steht die hübscheste Frau der Redaktion als Anchor vor der Kamera. Und die selbstsichersten Sunnyboys sind die Vorzeigereporter der Hauptnachrichtensendungen. Eine kleine Nachricht kann die Welt bedeuten und das ganze Programm füllen, wäre da nicht Ebola. Die Amis schieben Panik und was Anderes außer die akute Gefahr durch die ersten zwei Ebola-Fälle in den USA kennen sie in diesen Tagen nicht. Zumindest in den Medien. Unter den Menschen auf der Straße ist davon nichts zu spüren. Soviel zum Klischee. Zurück zum Journalismus der Zukunft. Ob nun NPR (National Public Radio), die Washington Post, die New York Times oder das Medienunternehmen Bloomberg — keiner denkt hier mehr eindimensional in seiner angestammten Mediengattung. Audio, Video und Print greifen ineinander. Geschichten werden zurückgehalten, wenn ein anderer Ausspielweg mehr Traffic verspricht. NPR geht sogar so weit, seine Social Media Strategie zu veröffentlichen. Jeden Tag wird der Traffic auf der NPR-Homepage analysiert. Wie viel Traffic kommt über Social Media-Kanäle? Wie sehr konnte der Traffic gesteigert werden, weil ein Stück über einen Social Media-Kanal gepostet wurde? Durch welches Social Network wird der meiste Traffic erzeugt? Was sind die meistgeklickten Geschichten des letzten Tages? Mit welchen Geräten hatten Nutzer zugriff auf die NPR-Homepage? Durch ständige Analyse und Anpassung wird dem NPR-Hörer, oder besser: NPR-Nutzer, sein persönliches Nutzererlebnis geschaffen. Ganz nach dem Motto von „The Circle“: Je mehr jemand über Dich und Dein Nutzerverhalten weiß, desto mehr kannst Du davon profitieren. So fortschrittlich das auch klingt, so verhalten euphorisch müssen wir uns das erstmal durch den Kopf gehen lassen. Stichwort: Datenschutz.

Und natürlich hört die Zukunft nicht bei den Strategien auf. Nehmen wir das Bürogebäude von Bloomberg News, das mich direkt an den Gebäudekomplex in „The Circle“ erinnert. Dieses verglaste Etwas ist so surreal, dass wir viel zu spät merken, dass wir mit Michael Bloomberg Fahrstuhl fahren. Freie Drinks & Snacks für die Mitarbeiter und Wohlfühloasen inmitten von harten Börsennews lassen die Mitarbeiter sicherlich zweifeln, ob sie abends tatsächlich nach Hause fahren wollen.

Washington und New York hinterlassen einen massiven Eindruck. Wir denken spontan darüber nach, alles hinzuschmeißen, zu bleiben und uns sieben Tage die Woche in der Kantine der New York Times bekochen zu lassen. Aber zum Glück haben wir zwischendurch auch gesehen, dass nicht alles Washington, New York und Hochglanz ist. Denn wer hier arbeitet, darf sich ziemlich privilegiert fühlen.

Arcata – Hippiestadt

Unsere Stationweek zwischen unseren Stationen in Washington und New York führte uns einmal quer durch die Staaten auf die Westküste der USA nach Kalifornien. Aber nicht etwa Sunny California erwartete meine RIAS-Begleitung Annette Walter und mich sondern das ewig gleichwarme Arcata in Nordkalifornien. Ungefähr 15 Grad das ganze Jahr, Regen und Nebel müssen einkalkuliert werden. Und von Nordkalifornien könne in San Francisco noch lange nicht die Rede sein, teilte uns unsere Gastgeberin Vicky Sama direkt mit. Und eigentlich befänden wir uns auch an der Nordküste der USA, auch bekannt als „Lost Coast“. Das abgelegene Arcata liegt im einzigen Regenwaldgebiet der USA und ist bekannt für seine gigantischen Redwood Trees, den größten Bäumen der Welt, und für seine Marihuana-Anbaugebiete. Die könne man auch per Google Earth sehen. Darüber wundert sich in Arcata keiner, denn Arcata ist die entspannteste Hippie Community around. Mit medizinischer Indikation bekommt hier jeder sein Päckchen. Und inoffiziell natürlich nicht nur diejenigen. Der Großteil der Bewohner Arcatas sind Studenten. Hier drehen sich die Uhren ein bisschen langsamer, sind die Augen ein bisschen schwerer und wir fühlen uns zunächst wie Fremdkörper.

„The Germans“ – Die unbekannten Wesen

Unsere Gastgeberin Vicky ist Professorin am Journalistikzentrum der Humboldt State University. Eine Woche amerikanisches Campusleben bedeutet für uns sogleich eine ungeahnte Berühmtheit. Auf dem gesamten Gelände hängen Plakate mit unseren Gesichtern drauf. Vicky hat zu einem Kolloquium eingeladen: „The U.S. from a German perspective — Meet visiting German journalists Annette Walter and Liane Gruß — Find out what German media are saying about U.S. politics, media and society.“ In den folgenden Tagen können wir uns vor Fragen nicht retten. Vicky unterrichtet Medienethik und Medienproduktion und räumt uns Platz in ihren Vorlesungen ein. Genauso wie einige ihrer Kollegen. Eine Reporterin des regionalen NBC-Ablegers News Channel 3 kommt vorbei und hält ihre Kamera auf uns. Der Journalist Kevin Hoover begrüßt uns in seiner Radioshow „Thursday Night Talk“ auf KHSU, einer Radiostation des U.S.-weiten Netzwerkes NPR. Und zu unserem Kolloquium kommen letztendlich nicht nur Studenten sondern auch Deutsche, die seit Jahren in den USA wohnen und Amis, die vor Jahren in Deutschland studiert oder gearbeitet haben. Und genau wie in den letzten Tagen bleibt der Eindruck, dass sich die Deutschen zwar intensiv mit der amerikanischen Politik und transatlantischen Themen beschäftigen. Umgekehrt werden uns jedoch teilweise so grundlegende Fragen gestellt, dass uns bewusst wird, welche untergeordnete Rolle Deutschland in den Köpfen der Amerikaner spielen muss, auch wenn wir uns gerne etwas Anderes einbilden. Vor allem wird immer wieder nach dem Einfluss Amerikas auf Deutschland gefragt. Aber dreht die Frage mal um und stellt sie einem Amerikaner. Kann der vielleicht auch noch einen deutschen Politiker benennen? No Way!

Campusleben De Luxe

Auf dem Campus der Humboldt State University gibt es gleich zwei Radiostationen: Das Studentenradio KRFH (Radio Free Humboldt) und die Radiostation des U.S.-weiten Netzwerkes NPR. Wer lieber schreiben möchte, kommt beim Studentenmagazin „The Lumberjack“ unter oder schreibt für eines der anderen weniger regelmäßig erscheinenden Magazine. Und wer zum Fernsehen möchte, der kann unter modernsten technischen Bedingungen Fernsehbeiträge drehen und bearbeiten. Alle Journalismusstudenten sind auf ihre Art und Weise in das lokale Newsgeschehen involviert. Und ihr Output wird zum Anschauungsmaterial in einer der nächsten Vorlesungen. Wir treffen Deutsche Austauschstudenten, die von ihren Auslandssemestern schwärmen und meinen, an der Humboldt State University mehr mitnehmen zu können als in ihren Seminaren in der Heimat. Die Umgebung zwischen Pazifikküste und ewig hohen Bäumen tut ihr Übriges. Studieren in Arcata? Ein Traum! Aber nach dem Studium in Arcata bleiben? Das machen nur die, die eine familiäre Bindung zur Stadt haben. Wer im Journalismus vorne mitspielen will, verlässt die Stadt nach dem Studium. Wer einen Job bei einem der regionalen Medien bekommt, kann sich zwar glücklich schätzen, aber auch gleich um einen Nebenjob bemühen. Vom Journalismus leben? Diesen Traum kann Arcata nicht erfüllen.

RIAS sei Dank

Drei Wochen RIAS waren so vollgestopft, dass ich meine Eindrücke ein paar Wochen später immer noch täglich auseinanderpflücke. Und das liegt nicht nur am Ablauf des Programms, bei dem uns vor allem Isabell Hoffmann und Jon Ebinger immer wieder unterstützt haben. Auch die Zusammensetzung unserer Gruppe war kaum zu überbieten. Soviel ist klar: RIAS macht Freu(n)de!

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Philipp Jahn, Westdeutscher Rundfunk, Köln

„Go big, go large — or go home!“ Gleich der erste offizielle Termin der Washington-Woche macht klar, wie dieses Land tickt. Wir sind tief im Inneren des Capitol, wo uns die Direktorin der Electronic Media Gallery die Pressekonferenz-Räume des Repräsentantenhauses zeigt — und uns nebenbei das amerikanische Selbstverständnis präsentiert. Dass die Arbeitsplätze der Fernseh-Reporter in winzigen Fensternischen zwischen den fetten Säulen nicht so wirklich zu diesem Anspruch passen wollen — geschenkt! Was zählt, ist einzig der große Auftritt. Und immerhin: Die Kollegen haben zwar kaum Platz, aber der Blick über die National Mall auf das Washington Monument ist fantastisch.

Hinter Türen blicken, die sonst verschlossen bleiben, Einblicke bekommen, die sonst nicht möglich sind — das hatte ich mir vom RIAS-Programm erhofft. Und das löst das Programm voll und ganz ein, schon während der ersten Woche in Washington. Zum Beispiel im Newsroom der großen Washington Post, wo ich mich bei dem Gedanken ertappe: Hier also wurde Presse- Geschichte geschrieben, von hier aus ein amerikanischer Präsident gestürzt! Oder bei CBS im Studio von „Face the Nation“, wo die vielen gerahmten Gesichter an den Wänden davon erzählen, wer hier Sonntag für Sonntag die Lage des Landes diskutiert — eine imposante Galerie der jüngeren amerikanischen Politikgeschichte. Oder eben im Capitol.

Eine Woche nach unserer Zeit in den USA werden die Midterm-Elections die Mehrheiten im Capitol neu mischen. Die nahen Wahlen sind zwar überall sichtbar, in den Vorgärten schicker Townhouses und vor allem im Fernsehen, wo sich inzwischen der allergrößte Teil der Wahlkampf-Gelder konzentriert. Zeit für elf junge Rundfunk-Journalisten aus Deutschland haben die wahlkämpfenden Politiker aber keine. Und so sind es vor allem die beiden Termine bei den sehr gegensätzlichen Thinktanks Brookings Institution und Heritage Foundation, bei denen wir den „State of the Union“ und die politische Zukunft des Landes diskutieren. Bei Brookings erfahren wir in einem kleinen, neonbeleuchteten Raum, warum Hillary Clinton die Präsidenten-Wahl 2016 schon so gut wie gewonnen hat. Bei Heritage in holzgetäfeltem Ambiente mit Aussicht auf Mall und Capitol, was und wen die Republikaner dagegen aufbieten sollten.

Dann die Station Week — tief im Westen, in Bend, Oregon. Im liberalsten Bundesstaat der USA die konservativste Region, von den 210 Fernsehmärkten im Land die Nummer 193. Das komplette Gegenteil der großen Metropolen an der Ostküste, das macht schon der Landeanflug deutlich: Flache Holzhäuser am Fuß einer schneebedeckten Bergkette. Ein Flughafen wie auf der Modellbahn-Platte, mit nur einem Flieger, nämlich unserem. Und ein Fernsehsender, der buchstäblich aus einer Garage kommt:

KTVZ, oder etwas klangvoller NewsChannel21, „Central Oregon‘s News Leader“ — auch deshalb weil es keinen anderen Sender gibt. Garagen-Fernsehen, das mich in seiner hohen Professionalität tief beeindruckt. Hier entstehen jeden Tag fünf Stunden Live-Fernsehen für NBC und FOX. Und hier weiß jede und jeder genau, was wann zu tun ist, damit pünktlich um 17 Uhr die Haupt-Sendung an den Start gehen kann.

Probleme mit der Frauen-Quote würde der Sender wohl nicht bekommen: In den morgendlichen Konferenzen bespricht News Director Lee Anderson die Themen des Tages mit gleich acht Journalistinnen. Acht Engel für Lee — nur, dass die Stimme des Chefs nicht aus einem kleinen Lautsprecher kommt. Nach der Konferenz schwärmen dann die fünf Tagesreporterinnen aus — und ich fahre mit, jeden Tag in eine andere Ecke des weitläufigen Berichtsgebiets. Die Themen: Eine Einbruchserie, die Profiteure der Kürbis-Saison und ein Maßnahmen-Paket zum Schutz des Waldes — bestes Lokalfernsehen also! Die Reporterinnen sind dabei als One-Woman-Band unterwegs: Drehen, schneiden, mischen — sie bestreiten den kompletten Produktionsprozess alleine. Während der Woche in Bend frage ich mich immer wieder: Ist das hier nur ein Einblick in die Art, wie kleine amerikanische Lokalsender arbeiten — oder vielleicht auch ein Blick in die Zukunft unserer Arbeit in Deutschland?

Als finaler Höhepunkt dann: New York! Große Wiedersehensfreude und noch mehr zu erzählen, nachdem wir eine Woche lang in alle Ecken des Landes verstreut waren. Und auch hier öffnen sich wieder viele Türen, gleich am ersten Tag die der Headquarters der Vereinten Nationen. Den Einblick in den Sitzungssaal des Security Councils bekommen wir noch zusammen mit ein paar japanischen Touristen auf einer geführten Tour, das Gespräch mit dem Pressesprecher von Ban Ki Moon haben wir dann exklusiv. In den hochmodernen Gebäuden von CNN, New York Times und Bloomberg TV diskutieren wir die Zukunft der Medien, die Zunahme von „Breaking News“ und die Bedeutung der sozialen Medien. Jeder dieser Termine ist für sich sehr interessant, aber irgendwann sind die vielen Newsrooms, Studios und Control Rooms nur noch schwer zu unterscheiden.

Etwas Besonderes sind deshalb die beiden Termine abseits des politischmedialen Komplexes, in dem wir uns sonst so oft bewegen: Die Obdachlosenspeisung in einer Kirche in der Upper East Side und der Besuch einer staatlichen High School in New Jersey, an der neun von zehn Kindern aus Einwanderer-Familien stammen, die allermeisten aus Lateinamerika. Die Obdachlosen und die Schüler zeigen uns, nicht alle Menschen hier können so groß denken, wie die Medien-Direktorin im Capitol. Auch in diesem großen Land gibt es viele „kleine Leute“.

Mein Fazit dieser drei wunderbaren Wochen: Das RIAS-Programm ist eine sehr bereichernde Mischung aus Recherche-Reise und Klassenfahrt, bei der ich viel über ein spannendes Land gelernt und viele tolle Leute kennengelernt habe. Deshalb kann ich jeder und jedem nur empfehlen: Go RIAS, go USA — or go home!

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Kristin Joachim, Rundfunk Berlin-Brandenburg, Berlin

W a-s-h i-n-g t-o-n, baby, D.C.! W a-s-h i-n-g t-o-n, baby, D.C.! Washington, D.C. It’s paradise to me
It’s not because it is the grand old seat Of precious freedom and democracy
No, no, no, It’s not the greenery turning gold in fall The scenery circling the Mall
(„Washington D.C. — The Magnetic Fields)

Noch so ein Ausblick: wir sind auf der Dachterrasse einer Hotelbar. Blick auf das Weiße Haus und das Washington Monument. Die Sonne geht sehr dramatisch unter und lässt den Himmel in wahnsinnig kitschigen Farben leuchten. Ich finds toll! Ein Mann spricht uns an. Er sitzt, augenscheinlich mit seiner gesamten Familie, Champagner schlürfend in eine Lounge-Ecke. Ob er ein Foto von uns machen soll. Wir haben mittlerweile genug Fotos, aber wir kommen trotzdem ins Gespräch. Als er erfährt, dass wir Journalisten sind, sagt er „Oh, I’m also in the TV business!“ Und natürlich fragen wir, was genau er macht. „I own some of the TV stations in the country,“ kommt wie eine Selbstverständlichkeit zurück, und er spendiert uns ein paar sehr teure Drinks.

Macht und Einfluss sind hier in Washington D.C. einfach überall. Unglaublich viele Menschen arbeiten irgendwie für die Regierung, gegen sie oder über sie. Wir treffen Mitarbeiter von think tanks (konservative und weniger konservative), Journalisten oder start-up-Gründer.

Am meisten beeindruckt mich der Besuch bei NPR, National Public Radio. Die Leute hier sind genau wie alle anderen Medien im Land auf der Suche nach der besten Strategie, wie sie ihre Audio-Inhalte online und mit Hilfe von social media verbreiten können. Aber die Energie, die von den Leuten hier ausgeht, habe ich danach nirgendwo wieder getroffen, weder bei der Washington Post noch bei der New York Times oder den diversen Fernsehsendern. Ich habe hier zum ersten Mal den Eindruck, dass wir in Deutschland noch ziemlich viel nachzuholen haben, wenn wir gerade die Öffentlich-Rechtlichen zukunftsfähig machen wollen. Dieses Gefühl wird mich bis zum Ende der Reise übrigens nicht mehr verlassen.

Carolina, Carolina You’re hard, but you’re hard to forget („Carolina“ — The Charlie Daniels Band)

Warum North Carolina „hard“ sein kann:
Wer wie ich völlig naiv in North Carolina in Zeiten des Wahlkampfes für die midterm elections den Fernseher einschaltet, wird sehr schnell verzweifeln. Die Programme sind voll mit Wahlwerbespots für die beiden Kandidaten Kay Hagan (Demokratin) und Thom Tillis (Republikaner). Wobei diese Spots eigentlich Bashing-spots heißen müssten. Die Inhalte beschränken sich darauf, möglichst viele schmutzige Details über den Gegner in die Öffentlichkeit zu posaunen oder einfach etwas zu erfinden. Das war wirklich nur schwer zu ertragen und hat meinen Blick auf das politische System der USA nachhaltig beeinflusst.

„Hard“ sind aber auch die Arbeitsbedingungen für die Reporter bei WRAL, einem lokalen, aber ziemlich großen Fernsehsender in Raleigh, der Hauptstadt von North Carolina, wo ich meine station week verbringe. Hier dreht sich alles um facebook, twitter, instagram etc. — immer! Moderatoren twittern sogar live während ihrer Sendung, während der Wettermann gerade an der Reihe ist. Alle haben einen extra Akku für ihr Smartphone dabei, weil der normale bei dem Output niemals reichen würde.

Gleich am ersten Tag fahre ich mit Sloane und Ed raus für eine Geschichte bei der Salvation Army. Hier können sich bedürftige Familien registrieren lassen, wenn sie für ihre Kinder an Weihnachten ein Geschenk bekommen möchten. Die Schlange ist mindestens 200 Meter lang. Vor allem hispanics stehen hier. Und dann geht die Maschine los: Ed ist ein Multifunktions-Ed. Er macht die SNG startklar, dreht die Bilder, macht den Ton und schneidet die Einspieler zusammen. Sloane macht Interviews, ihre live-stand-ups, twittert die ersten Fotos vom Ort und den Menschenmassen und dreht noch mal eben ein teaser-video mit dem smartphone, das sie dann auf der facebook-Seite des Senders postet. Das ganze ist übrigens Pflicht für jeden Reporter. Ich bin wirklich tief beeindruckt. Und doch denke ich, dass die Geschichte selbst dabei viel zu kurz kommt. In die Tiefe gehen kann man unter diesen Produktionsbedingungen jedenfalls nicht.

Definitiv „hard“ ist auch ein Tag mit Reporter Ken Smith auf der State Fair North Carolina: eine Turbo-Mast-Kur im deep fried paradise. Ich habe noch nie (!!!) so viele Kalorien in so kurzer Zeit zu mir genommen. Denn jeder hier kennt Ken, und er bekommt alles umsonst: double fried fries, deep fried cookies, deep fried bananas, deep fried cheesecake oder deep fried Schokoriegel. Unfassbar.

Und warum North Carolina doch „hard to forget“ ist:
Eben genau wegen Menschen wie Ken, Sloane, Kelly oder Ed, die mich so herzlich aufgenommen und mir tolle Einblicke in ihre Arbeitswelt gegeben haben. Und dabei waren sie auch noch unglaublich lustig!

Mit einem Bild hat sich North Carolina sowieso für immer in meinen Kopf eingebrannt: ungefähr zwanzig Delfine springen ganz nah am Strand durchs Meer, und ich sitze dort zufällig und drehe völlig durch. Meine ersten Delfine!

Now you’re in New York, These streets will make you feel brand new
Big lights will inspire you, Hear it from New York, New York, New York! („New York“ – Alicia Keys)
New York ist sowieso immer toll. Aber die Einblicke (und Ausblicke) die wir in dieser Woche bekommen durften, haben noch mal alles getoppt: Pressekonferenz bei den Vereinten Nationen, Fotoshooting bei CNN, Lunch mit einer Sushi-Rolle namens „Newsroom“ in der 14. Etage der New York Times (meine neue Nummer 1 der all-time-favourite Kantinen), beim Pledge of Allegiance in einer Highschool live dabei sein und Obdachlosen in der St. James Church ein Menü servieren. Ich hab New York noch mal von einer anderen Seite kennengelernt – und jetzt liebe ich diese Stadt noch viel mehr – mit all ihren Widersprüchen. Und bevor ich es vergesse: unsere Gruppe war wahrscheinlich die beste, die es jemals gab und so auch nie wieder geben wird. Danke Leute und danke RIAS!

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Linda Kierstan, Zweites Deutsches Fernsehen, Mainz

Vorhang auf, Film ab.

Wie ist er denn, der Amerikaner? Diese Frage hatte ich mir vor der Reise mit RIAS immer wieder gestellt. Recht schnell musste ich erkennen: ER, der Amerikaner, ist genauso wie ich ihn mir auf Grundlage von Hollywood-Filmen und Büchern vorgestellt hatte.

Mein erster Aufenthalt in den USA besteht aus unzähligen surrealen Szenen, die bis zur Landung in Washington D.C. nur in meinem Kopf existiert hatten. Oft erwische ich mich auf unserer Reise dabei wie ich alles und jeden genau beobachte — manchmal muss ich mich kneifen. Menschen sind Schauspieler, Straßen und Häuser Kulissen, denke ich oft. Vor allem in unserer ersten Woche in Washington D.C. passiert mir das häufig. Beim Sender CBS bin ich mir sicher, dass Ward Sloane & Deirdre Hester aus einer Folge „Newsroom“ gefallen sind. Bei der Heritage Foundation treffen wir auf aalglatte, unaufgeregte und scheinbar perfekte Vertreter des amerikanischen Konservatismus. Die Hemden, die sie schon seit einigen Stunden tragen müssen, haben nicht eine Falte. Und als ich eines Abends von Polizisten vor dem Weißen Haus verscheucht werde, spüre ich bei all dem Stolz auch die Angst der Amerikaner — eine Angst, die tief sitzt — in einem Land, das den Patriotismus lebt wie keine andere Nation, die ich bisher bereist habe.

„Everything is bigger (and better) in Texas.“

Die Zeit rennt. Viele Gespräche, viele Gesichter und viele Diskussionen später sitze ich schon wieder im Flieger. Und da sind sie auch schon: ich erkenne durch das Fenster der Maschine unzählige Rechtecke. Auf jedem steht ein Pumpjack. Sie tun scheinbar unermüdlich das, worauf die Menschen in dieser Region besonders stolz sind. Als ich sie erkenne, weiß ich sicher, dass ich richtig bin. Midland, Texas — meine station-week. Die Region erlebt derzeit einen Öl-Boom wie es ihn lange nicht gab. Umstrittenen Fördertechniken wie dem Fracking sei Dank. Die neuen Bohrmöglichkeiten beflügeln das prosperierende Geschäft mit dem schwarzen Gold. Wo eben noch Wüste war, schießen Container-Städte aus der Erde. Hunderte Arbeitsplätze entstehen, die Kriminalität steigt. Das Ziel: Die USA wollen wieder zum größten Ölförderer der Welt werden — und sie sind auf dem besten Weg dorthin.

Besucher sind im „Lone Star State“ immer herzlich Willkommen — das macht mein Host David deutlich. Schon lange vor meiner Landung wartet er sehnsüchtig am Ende der Rolltreppe auf seinen neuen „German Friend“. Dann bin ich endlich da. Eine Umarmung und zwei Selfies später fühle ich mich zwar ein wenig verwirrt, aber auch glücklich, dass hier jemand wartet, der sich ehrlich über meinen Besuch freut. Dieses Gefühl wird auch bleiben. In nur fünf Tagen entstehen zig Fotos. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich wetten, dass David mit facebook, instagram und snapchat unter einer Decke steckt. Als ich zum ersten Mal seinen Pick-up Truck sehe, traue ich meinen Augen kaum. Meinen Renault Clio könnte ich locker auf der Ladefläche des Wagens parken, ohne Einparkhilfe und Kameras. Das ist kein Auto, das ist ein Geschoss. Hier ist einfach alles größer, lerne und erfahre ich. Autos, Straßen, Burger, Appetit… „Everything is bigger (and better) in Texas,“ erklärt mir David stolz und freut sich über diesen Satz wie ein kleines Kind, das gerade seinen ersten Cowboy-Hut geschenkt bekommen hat.

Wer lenkt eigentlich das Auto?

Sarah ist erst 24, aber bereits seit eineinhalb Jahren Reporterin bei CBS7 in Odessa (West-Texas). Drei spannende Tage verbringe ich mit ihr auf der größten Öl-Show der USA. Hier, im beschaulichen und überschaubaren Midland, treffen sich im Zwei-Jahresrhythmus die Kleinen und Großen der Branche. Es werden neue Technologien vorgestellt und verkauft — es geht um Millionen. Am ersten Tag treffen wir uns um 8 Uhr. Da ist Sarah bereits seit vier Stunden auf den Beinen, sie hat schon mehrere Live-Schalten hinter sich. In 10 Zentimeter hohen Highheels, einem schicken Kostüm und mit einem perfekten Make-Up stöckelt sie über den Asphalt. Nach einer mehr oder weniger langen Diskussion lässt sie mich den Rollkoffer mit der Kamera und der Ausrüstung ziehen. Sie trägt das Stativ. Normalerweise macht sie alles allein. Sie trägt nicht nur das Equipment von rechts nach links, sie vereinbart auch die Termine, führt die Interviews, dreht alle Bilder. Immer wieder packen wir zusammen, fahren zurück in die Station. Dort textet und schneidet Sarah ihre Beiträge — selbstverständlich allein. Dann müssen wir noch mal zurück zur Öl-Show. Nach 14 Stunden und der dritten Schicht Make-Up bleibt Sarah gut gelaunt. Sie spricht mit vielen Unternehmern, unter anderem mit dem Präsidenten der Show. Sie bleibt dabei immer professionell und (unheimlich) freundlich. Ein wenig müde wirkt sie erst bei ihrer sechsten und letzten Live-Schalte um 18 Uhr. Sie entschuldigt sich als sie gähnen muss… mich wundert’s, dass sie noch stehen kann.

Am nächsten Morgen dauert die Redaktionssitzung etwas länger als üblich. Als wir uns auf den Weg machen, haben wir noch keinen einzigen Protagonisten. Mit dem Handy in der rechten Hand telefoniert Sarah mit dem ersten potentiellen Gesprächspartner. Gleichzeitig tippt sie mit dem freien rechten Daumen die Adresse ein, die ihr der Mann am anderen Ende der Leitung nennt. In der linken Hand hält sie einen sogenannten Frühstücks-Burger einer großen Fastfood-Kette und beißt immer mal wieder ein Stück ab, wenn sie gerade nicht reden muss. Ohne wirklich hinsehen zu wollen beobachte ich diese Szene und frage mich dann doch das ein oder andere Mal: wer, um Himmels Willen, lenkt eigentlich dieses Auto? Da wird mir klar: das macht Sarah so nicht zum ersten Mal. Nach einer gefühlten Ewigkeit und mit ein paar Meilen pro Stunde zu viel auf dem Tacho erreichen wir irgendwie tatsächlich unser erstes Ziel an diesem Tag. Ich atme durch. Am Ende dieser Schicht wird Sarah all die gewünschten Protagonisten rund um das Thema Öl-Show getroffen und alle nötigen Aufnahmen im Kasten haben. Ich bin überwältigt von der Arbeitsleistung, die sie vollbringt.

Wiedersehen im Big Apple

Als ich in Dallas umsteigen muss, frage ich kurz vor dem Einstieg eine Angestellte der Fluglinie am Gate, ob es die Möglichkeit gäbe, noch einen Fensterplatz zu bekommen. Drei Stunden später habe ich den besten Blick über eine der berühmtesten Städte der Welt, entdecke das Empire State Building, mache zehn Fotos in zehn Sekunden. Ich strecke meinen Kopf über den Sitz, um vor und hinter mir zu schauen, ob sich die anderen Fluggäste auch so über ihren Sitzplatz am Fenster freuen. Doch ich bin die Einzige, die überhaupt die Verdunklung des Fensters nach oben gezogen hat. Ungläubig und auch ein wenig fassungslos widme ich mich wieder meiner großartigen Aussicht.

Hier, in New York City, treffe ich wenig später die Anderen aus der RIAS-Gruppe wieder. Es ist so, als würden wir uns schon ewig kennen. Gemeinsam starten wir in unsere neue Woche. Eine wahre Bereicherung ist unter anderem das Treffen mit Stephane Dujarric bei den Vereinten Nationen und unsere „Aushilfe“ in der St. James Church…zu viel möchte ich an dieser Stelle aber nicht verraten. Nur so viel: Es ist sehr spannend wie und mit welchen Mitteln die New York Times und die Washington Post mit digitalen und sozialen Medien umgehen. Von ihrer Herangehensweise und Umsetzung bin ich nicht nur überzeugt, wir sollten uns davon auch schnellstmöglich eine Scheibe abschneiden.

Ohne Worte (mit Worten)

Natürlich hatte ich schon vor Antritt der Reise geahnt, dass die Programmpunkte in den USA einmalig und die Erfahrungen unvergesslich sein werden — begreifen kann ich das aber erst jetzt.
Und dass ich nicht Teil einer fiktiven Hollywood-Story war, ließen mich immer wieder die Anderen in der Gruppe erkennen. Wenn ich an diese drei Wochen zurückdenke, erinnere ich mich auch daran, wie viel auf unserer Reise gelacht wurde. Und zum Schluss noch eine gute Nachricht an meine Mitreisenden: für den nächsten Drink müssen wir nicht (unbedingt) zurück in die USA. … Fortsetzung folgt!

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Holger Neuhaus, Westdeutscher Rundfunk, Köln

Das Flugzeug hebt mit etwas Verspätung ab — in den dunklen Himmel über New York. Mehrere Stunden Flug liegen vor, knapp drei Wochen RIAS-Programm hinter mir — eine kostbare Zeit.

Schnell mache ich mir letzte Notizen, damit die Eindrücke frisch bleiben. Was waren die Höhepunkte des Programms? Darüber könnte ich jetzt ein Buch schreiben. Es sollen aber nur zwei Seiten werden. Vielleicht hilft die Countdown-Methode. Also: 10, 9, 8 us….

10 … RIAS-fellows haben mir diese Zeit unvergesslich gemacht. Insgesamt zu elft haben wir nicht nur Fußballmannschaftsstärke erreicht, sondern in allen Momenten klasse zusammengespielt. Danke dafür.

9 … bis 9 Uhr 45. Um diese Zeit beginnen die RIAS-Tage meist — mit dem Treffen in der Hotel Lobby. Gefolgt von einem so prall gefüllten Programm, dass ich mir schnell nicht mehr sicher bin: Sind wir jetzt seit drei Tagen oder drei Wochen hier? Jon kündigt beim ersten Zusammentreffen an, die Zeit werde sehr schnell vorbei sein. Oh ja, das wird sie.

Wie im Flug vergehen etwa die zahlreichen Touren durch die Newsrooms. Ein „highlight“ ist der blinkende Serverraum beim National Public Radio, bewacht vom analogen Hund (wahrscheinlich aus Plastik — jedenfalls hinter Glas). Erwartet hatte ich beim NPR eigentlich Radiomacher, die ein bisschen „wie früher“ arbeiten — so eine Art „Radiowerkstatt“. Dann aber betreten wir ein topmodernes Radiohaus — mit Glasfront draußen, digital durchgetaktet drinnen. Von hier aus versorgen die Mitarbeiter ein ganzes Netz von Stationen in den USA mit Programm. Im Studio sehe ich kein leuchtendes „on air“-Schild mehr, „net delay“ heißt der Hinweis stattdessen. Guten Tag, Zukunft.

Da wirken die Besuche bei der Washington Post und der New York Times schon fast entschleunigend, hier liegen noch gedruckte Zeitungen herum. Doch der zweite Blick zeigt klar: Ohne digitale Kanäle und social media läuft auch in traditionellen Printhäusern nichts mehr. Elektronische Medien gehören einfach dazu. Wer weiß, inwieweit das Kerngeschäft der Zeitungen längst in die Online-Welt abwandert?

8 … und zwanzigster Oktober, Reisetagebucheintrag: Morgens kochen wir in den Räumen einer Kirchengemeinde — der St. James Church. Genau genommen haben das eigentliche Essen schon Freiwillige zubereitet, unsere Gruppe schnippelt nur noch Baguettes in kleine Stücke und tunkt sie in Fett. Später aber servieren wir das Essen den Gästen des Tages. Schön, dass die Tische hübsch eingedeckt sind und niemand fragt, wer hier Geld hat oder nicht. Jeder Mensch ist willkommen. Und das in einer kommerzorientierten Stadt wie New York.

7 … Tage nach der Ankunft in Washington geht es schon weiter — zur station week. Meine beginnt in Cincinnati — gut eineinhalb Flugstunden von Washington entfernt. Auffälliges Merkmal der Stadt ist der Ohio River. Aus der Luft betrachtet beeindruckt er mit seinen Biegungen und seiner Breite. Nahe des Flusses treffe ich mich am ersten Abend auf ein Getränk mit meinen hosts: Ann, Laure und Chris. Mehr dazu „unter 3“.

6 … 8 p.m. steht auf dem Programm: „George Washington University Club“. Einige schüchtern wirkende Studenten erwarten unsere Antworten auf die Frage, inwiefern die Deutschen (gemeint sind auch die Journalisten) sich auf die Feiern zum 25. Jahrestag des Mauerfalls vorbereiten. Es ist der vierte Termin an diesem Tag und die Müdigkeit macht sich breit. Doch die Diskussion wird interessant. Mich erstaunt einmal mehr, wie groß in den USA das Interesse an der deutschen Wiedervereinigung ist. Das Newseum, das wir einige Tage später besuchen, zeigt Mauerteile und widmet dem Thema eine ganze Abteilung. Eine andere beschäftigt sich mit 9/11. Beides Ereignisse, die einen bedeutenden Platz in den Geschichtsbüchern haben. Dass ihnen in Washington gleiche museale Aufmerksamkeit geschenkt wird, überrascht mich.

5 … Minuten, ungefähr, bleiben mir bei den Vereinten Nationen zum Schreiben zweier Postkarten. Die zugehörigen Briefmarken gelten nur hier, auf dem Gelände der UN — also Tempo, bitte. Wie überhaupt die Termine heute eng sind: Tour durch die Räume der UN, Presse-Briefing, Hintergrundgespräch mit dem Sprecher von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon. Der schafft die Quadratur des Kreises: auf jede, wirklich jede Frage eine Antwort zu formulieren.

4 … Fragen beschäftigen in diesen Wochen – nach meiner Wahrnehmung — die Medien in den USA: Wie gefährlich ist Ebola? Wie handelt Präsident Obama in dieser Sache? Wie geht es weiter in Syrien und im Irak? Wer wird die anstehenden Wahlen in den USA gewinnen? Zumindest letzteres lässt sich wenige Tage später abschließend sagen.

3 … Hosts machen meine station week zu einem unvergesslichen Erlebnis: Ann Thompson, Laure Quinlivan und Chris Knight haben beste Kontakte in Cincinnati und lassen mich trotz Zeitdrucks daran teilhaben.

— Ann arbeitet für den Radiosender WVXU. Sie ist Reporterin, Redakteurin, Moderatorin — die Grenzen sind fließend. Beim Interviewtermin nimmt sie nicht nur O-Töne auf, sondern macht gleich auch noch Fotos für die Sender-Website. Ein Multitalent …

— genau wie Laure. „EMMY Award-Winning Storyteller“ — steht u.a. auf ihrer Visitenkarte. Laure hat für das Fernsehen gearbeitet und mehrere Jahre im City Council gesessen. Nun heißt das Motto ihres Consulting-Unternehmens: „Let me help you tell your story.“ Videos produzieren, Reden schreiben, Journalisten coachen und, und, und.. Die Liste ist lang.

— Multitalent Nummer 3 ist Chris — Kameramann, der auch Beiträge schneidet und für den guten Ton zuständig ist. Er macht quasi täglich drei Jobs in einem, was ich sehr amerikanisch finde.

Der Luxus für mich: Ich kann jeweils einen Tag mit Ann, Laure und Chris verbringen. Sie nehmen sich Zeit und mich mit: Ann zum Beispiel zum Medientag der „Cincinnati Cyclones“. Trotz des Namens (cycl, wenn auch ohne e) hat der Verein nichts mit Fahrrädern zu tun, sondern mit Eishockey. Für die Sportreporter dürfte der Besuch in der Halle Routine sein, für mich ist allein der Blick von der Eisfläche auf die Ränge eine spannende Premiere. Worüber würde ich als Reporter „von außen“ berichten? Was wäre hier „meine Geschichte“?

Diese Frage stelle ich mir mehrfach in der Station Week. Auch beim Spaziergang durch das Stadtviertel „Over the Rhine“ mit Laure. Sie zeigt mir, wie die Häuser aus dem 19. Jahrhundert gerade aufwändig saniert werden. Das Viertel mit der überdachten Markthalle dürfte bald ziemlich hip werden. Zudem wird gerade eine Straßenbahn gebaut, was offenbar nicht jeden hier begeistert. Mich hingegen freut, dass ich einen Einblick in die Lokalpolitik bekomme. So anders als in Deutschland sind die Themen nicht. Laure vermittelt dann auch noch den Kontakt zu „Cincideutsch“ — einem Stammtisch, der sich einmal die Woche trifft. Plötzlich fühle ich mich ziemlich zu Hause — und das in den USA. Die Großstadt schrumpft — trotz der vereinzelten Wolkenkratzer — in kürzester Zeit zu einem überschaubaren Ort.

2 … Donuts und ungezählte Kalorien vertilge ich. Es ist Mittwochmittag, zwischen zwei Terminen in Cincinnati. In der Nähe eines kleinen Donutladens hat Chris den Ü-Wagen geparkt. Das Gefährt zieht Blicke auf sich. Erstaunlich eigentlich, sind Fernsehübertragungswagen in US-amerikanischen Städten nun wirklich keine Seltenheit. Auf „unserem“ Wagen (ja, ich fühle mich schon als Teil des Teams) steht 5WLWT. Er ist mit modernen Schnittcomputern ausgestattet, aber längst nicht so geräumig, wie ich beim ersten Anblick gedacht hatte. Die Reporterin schreibt ihre „Donut-Geschichte“ später mit dem Laptop auf dem Beifahrersitz. Sie berichtet von dem kleinen Familienbetrieb, vor dessen Geschäft die Straße erweitert werden soll. Die Besitzer fürchten, dass Parkplätze wegfallen und Kunden abwandern könnten. Chris filmt die Donuts beim Bad in heißem Fett und nimmt die O-Töne der Ladenbetreiber und eines Kunden auf. Die Donuts sind gut, soviel steht fest, allerdings denke ich noch Stunden später an sie. Das Abendessen jedenfalls fällt heute aus.

1 … zu eins lässt sich die station week leider nicht in Worte fassen. Das fällt mir beim Schreiben auf. Soviel ist passiert in den wenigen Tagen — sie wirken in der Rückschau wie ein Erlebnis im „fast forward“-Modus. Wie ein großartiger Film — nur leider kommt der Abspann viel zu schnell. Selbiges gilt für die zwei Wochen in Washington und New York. Die Eindrücke sind einfach zu facettenreich. Pardon also für jedes Detail, das ich ausgelassen habe.

0 … Kilometer zum Ziel. Die Maschine hat gerade kurz gerumpelt — huch — ein Luftloch oder Schlimmeres? Nein, es war nur das Aufsetzen auf der Landebahn. Zu sehen ist vom Frankfurter Flughafen leider wenig an diesem Morgen. Es ist neblig, New York mehrere tausend Kilometer entfernt und das RIAS-Programm nun Geschichte — zumindest für mich. Schön war’s. Ob die Countdown-Methode funktioniert? Ich werde es ausprobieren…

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Annette Walter, Bayerischer Rundfunk, München

Fünfzehn Dinge, die ich mit Rias in den USA gelernt habe

U.S.-FernsehjournalistInnen haben die Entertainer-Qualitäten eines Bill Murray und einen herrlichen Hang zur Selbstironie. Bestes Beispiel sind unsere Gespräche mit Ward Sloane, dem CBS Deputy Bureau Chief in Washington, oder CNN-Urgestein Richard Roth. Letzterer hat über das Massaker auf dem Tian’anmen-Platz in Peking, den Fall der Berliner Mauer und den ersten Golfkrieg berichtet. Dafür, dass der Mann alle Locations eines der besten Filme aller Zeiten, Hitchcocks „North by Northwest“, abgeklappert hat, muss man ihn einfach lieben.

Wenn Deutschlands Redaktionen Low-Budget-Filme sind, sind die U.S.-Pendants Blockbuster. Zumindest, wenn man sie mit einigen vergleicht, die wir in Washington und New York gesehen haben. Bei der New York Times blühen Birken neben 560 leuchtenden Displays (mit weisen Tweets wie „With which of the 1.500-plus comments on this article by Times readers do you most agree?“) in der weitläufigen Eingangshalle, bei Bloomberg türmen sich hinter imposanten Glasfassaden Nüsschen, Pistazien und Obst auf der Snackbar — natürlich for free — und beim öffentlich-rechtlichen Radio NPR haben sich ebenfalls ein paar clevere Innenarchitekten ausgetobt.

Tom Wolfe als Testimonial für den NPR? Kann man machen. Hey, wie sieht die nächste ARD-Kampagne aus?

Im Newsroom der Washington Post sieht es immer noch ein bisschen aus wie zu heroischen „Woodstein-Watergate“-Zeiten. Auch wenn hier nicht mehr Bob Woodward und Carl Bernstein Texte in ihre Schreibmaschine hämmern.

Wer an der Humboldt State University studiert, sollte Hippies mögen. Denn im kalifornischen Arcata treiben sich auf der palmengesäumten Plaza dreadgelockte Weed-Raucher herum. Im Humboldt Patient Ressource Center kann sich jeder Cannabis verschreiben lassen. Smells like the Summer of Love.
In der New York Times hängen Fotos von Helmut Kohl und Charlie Chaplin an einer Wand. Und zwar im Boardroom, dort, wo die Direktoren in mächtigen Ledersesseln konferieren. Angela Merkel scheint wohl noch nicht hier gewesen zu sein.

Die Amerikaner sind die neugierigsten und freundlichsten Menschen, die man sich vorstellen kann. Beim Kolloquium in Arcata, wo Liane Gruß und ich unsere Station Week verbringen, reichen zwei Stunden nicht, weil die StudentInnen uns ein Loch in den Bauch über unsere deutsche Sicht auf die USA fragen. Nicht schlimm, den Rest erzählen wir Radiomoderator Kevin Hoover eine Stunde lang in seiner Talkshow.

Dass es mal einen extrem undisziplinierten U.S.-Präsidenten gab und Angela Merkel auf internationalem Parkett als Phänomen gilt. Aber natürlich darf ich nicht sagen, von wem diese Zitate sind, denn viele unserer interessanten Gespräche bei den zahlreichen TV-Sendern, im Kapitol, den Think Tanks wie Brookings oder der Heritage Foundation oder mit dem Hans-Leyendecker-Freund Chuck Lewis in der American University School of Communication liefen off the record.

Beim Online-Storytelling sind die amerikanischen Zeitungen verdammt gut. Bester Beweis sind die Videos, die uns Gabe Silverman in der Washington Post (The N-Word: http://www.washingtonpost.com/wp-dre/features/the-n-word) und Justine Simons and Adam Ellick in der New York Times über Ali Hussein Kadhim, den Überlebenden eines ISIS-Massakes, http://www.nytimes.com/video/world/middleeast/100000003077656/surviving-isis-massacre-iraq.html vorführen.

Von der ständigen Vertretung Deutschlands bei den Vereinten Nationen hat man einen verdammt guten Blick über Midtown Manhattan (und nicht nur das).

Soziale Medien als Zugang für Leser zu Berichten eines Mediums sind die Homepage der Zukunft. Klar, stand ja schon im Innovationsreport der New York Times, dass nur ein Drittel der Leser der Online-Berichte der Times die Homepage je aufruft.

Deutschland kann von Amerikas Vielfalt lernen. „Zählt Eure Nationen auf,“ fordert Lehrerin Rachel Grygiel ihre SchülerInnen auf, mit denen wir einen Tag in der Hoboken High School verbringen. Sie nennen wie selbstverständlich Puerto Rico, Mexiko, Venezuela und unfassbar viele andere Länder. Unsere Gruppe kommt gerade mal auf Österreich.

Die Madison Avenue in New York ist mehr als Mad Men und Haute-Couture-Boutiquen. Nämlich die Armenspeisung der St. James Church in der Upper East Side. Wir schmieren Brote, schenken Kaffee nach und kredenzen Hackbraten. Und lernen nebenbei die entzückenden freiwilligen HelferInnen der Kirche kennen.

Wie ein/e Kurzzeit-New YorkerIn fühlt man sich, wenn man frühmorgens über die Lexington Avenue stolpert und dabei die Sonne über dem Chrysler Building aufgehen sieht.

Jon Ebinger kann (manchmal) hellsehen. Zumindest mit dem Satz, den er in seiner Begrüßungsrede am ersten Tag in Washington zu uns sagte: „Ihr werdet einmal zwinkern und schon sind die drei Wochen Rias wieder vorbei.“ Er hatte (leider) Recht. Es war eine phänomenale Zeit. Danke, Jon, Isabell Hoffmann, Rainer Hasters und alle Menschen, die Rias möglich machen.

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Burkhard Wennemar, RTL, Köln

„Go big, go large or go home“ — ein Lächeln huscht über unser Gesicht, als Olga Ramirez Kornacki diesen magischen Satz sagt. Olga Ramirez Kornacki ist die Herrin über die elektronische Berichterstattung im U.S.-Repräsentantenhaus, konkret war dieser Satz die Ansage für die Neugestaltung des Pressekonferenz-Raums. Doch der Satz passt perfekt in das Bild, das die Welt grundsätzlich von den USA hat — und die USA von sich selbst.

Und in der Tat: Die USA sind ein in vieler Hinsicht grandioses Land, mit in vielen Belangen wundervollen Menschen. Der Pioniergeist der frühen Einwanderer, der besondere amerikanische „Spirit“ ist ungebrochen, die Menschen sind von einer natürlichen Offenheit und Herzlichkeit — wie etwa Roxanne Russel, die einfach so elf wildfremde deutsche Journalisten bei sich zu Hause empfängt und bewirtet. Selbst das Security-Personal an den Flughäfen wünscht freundlich lächelnd einen „nice day“. Das Stiftungswesen ist beeindruckend.

Das Fundament der amerikanischen Kultur bilden dabei „God and Country“: Die amerikanische Flagge ist allgegenwärtig, Soldaten werden als Helden verehrt. Der Unterricht an öffentlichen Schulen — wie der von uns besuchten „Hoboken Highschool“ — beginnt rituell mit dem „Pledge of Allegiance“, dem Treueschwur auf die Fahne. Die Fahne steht dabei für die „Nation unter Gott“.

Politische Entwicklung

Doch wer genau hinsieht, entdeckt Risse in diesem Bild von Größe und Stärke. Der große Patriotismus wird von einer ebenso großen Skepsis gegenüber der Regierung in Washington grundsätzlich und der gegenwärtigen Administration im Besonderen konterkariert, die von der großen Mehrheit der Bevölkerung als schwach und unentschlossen wahrgenommen wird. Ernüchtert ist etwa Warren Sloane, Graue Eminenz im CBS-Studio Washington. Er hätte sich vor 30 Jahren, als er im Hauptstadtstudio des großen Networks begann, beispielsweise niemals vorstellen können, dass ein Mann einfach über den Zaun des Weißen Hauses klettern und bis tief in das Gebäude eindringen könnte. Und der ehemalige Chefkorrespondent für das Weiße Haus und das Kapitol, Chip Reid, ist nach jahrelangem politischen Stillstand froh, nun Beiträge über bunte Themen machen zu dürfen.

Ursache des Stillstands ist dabei zum einen die Totalblockade der Republikaner im Repräsentantenhaus. Zum anderen wird aber selbst unter den Demokraten die Leistung von Präsident Obama zunehmend kritisch gesehen. So kritisiert John Hudak vom Demokraten-freundlichen Think Tank „Brookings“, Obama habe zu wenig Management-Qualitäten, seine Auswahl der Mitarbeiter sei schlecht, und er verfüge nicht über die Fähigkeit, auf die Republikaner zuzugehen. Nach der mit viel Energie durchgepeitschten Gesundheitsreform wirkt er zudem ausgelaugt, bei vielen Themen wie Syrien/Irak oder Ebola läuft er den Ereignissen nur noch hinterher. Bei den Midterm-Elections 2014 war er als Wahlkampfredner unerwünscht.

Dabei ist nicht zu erkennen, dass die politischen Parteien in absehbarer Zukunft wieder aufeinander zugehen. Die „Tea Party“-Fraktion innerhalb der Republikaner ist unverändert einflussreich und treibt die Partei weiter vor sich her. Die kommenden zwei Jahre werden laut Brookings-Experte Hudak weiter von Stillstand geprägt sein und von beiden Parteien als Vorbereitung für den Präsidentschafts-Wahlkampf 2016 genutzt werden. Eine laut Hudak wahrscheinliche künftige Präsidentschaft Hillary Clintons werde voraussichtlich auch nicht zur Entspannung zwischen den Parteien beitragen.

Entwicklung der Medien

Unterstützt wird diese Polarisierung zusätzlich durch die aktuelle Entwicklung in der Medienlandschaft. Die elektronischen Medien versuchen, den Menschen im Kampf um Einschaltquoten ein immer mehr auf ihre individuellen Neigungen und Vorlieben zugeschnittenes Programm zu liefern — das Schlüsselwort heißt „Personalisierung“. Diese Personalisierung führt im TV-Markt unter anderem dazu, dass die Zuschauer von „Fox News“ ausschließlich sehr konservative, bei „CNN“ und besonders „MSNBC“ dezidiert liberale Berichterstattung bekommen. Beim Radio arbeiten besonders ambitionierte Sender wie NPR (National Public Radio) dank neuer Technologien sogar an Möglichkeiten, den Hörern ein speziell an ihren Hörgewohnheiten und -interessen orientiertes Programm zu senden, und zwar obendrein noch abhängig davon, welches Gerät sie gerade eingeschaltet haben und ob sich dieses Gerät bewegt oder nicht. So wird etwa bei einem sich bewegenden iPhone mehr animierende Musik als Wortbeiträge gesendet, weil man davon ausgeht, dass der Hörer gerade joggt. Bei neuen Medien wie der App „Trove“ kann der Konsument Nachrichten nach persönlichen Interessen und politischer Orientierung filtern.

Daneben ist eine zunehmende Entpolitisierung der Medien zu beobachten. Internationale Nachrichten sucht man bei fast allen TV-Sendern vergeblich, selbst nationale politische Berichterstattung findet kaum statt, weil sich die Amerikaner vor allem für lokale Themen interessieren. Der Gegensatz zwischen der hohen Professionalität der Journalisten und dem inhaltlich dünnen Content der Nachrichten könnte größer kaum sein.

Dieser Trend zur Lokalberichterstattung führt auch dazu, dass die Medien sich immer mehr vom kostenintensiven Investigativ-Journalismus verabschieden. Um dem entgegenzuwirken, entwickeln engagierte Reporter neue Formen der Zusammenarbeit, auch unter Einschluss von (kostengünstigen) Journalistikstudenten. Journalistenlegende Chuck Lewis spricht von einem neuen „Ökosystem“ von Investigativ-Reportern.

Digitale Herausforderung

Die Unterschiede, wie die Medien an die digitale Herausforderung herangehen, sind so groß wie das Land. So bekennen sich etwa die CBS-Veteranen Ward Sloane und Chip Reid offen zur „Old School“ und verweigern sich aus inhaltlichen Gründen den sozialen Medien. Auf die Frage, wie CBS die jungen Zuschauer halten will, antwortet Sloane lapidar: „Wir haben keine jungen Zuschauer. Unser Altersschnitt liegt bei 59 Jahren.“ Den Gegenpol bildet Robert Schaefer vom Radiosender NPR: „Wenn wir die jungen Hörer nicht gewinnen, wird der Sender irgendwann sterben.“

Zwischen diesen Extremen kämpfen Fernsehsender, Radiostationen und Zeitungen mit unterschiedlicher Energie, wie sie am besten auf die digitale Herausforderung reagieren — eine Antwort hat noch niemand gefunden. Die meisten versuchen, ihr Betätigungsfeld zu erweitern und bi-, wenn nicht trimedial zu werden. Die „Washington Post“ etwa produziert für ihre Website eigene Video-Beiträge, ebenso wie die „New York Times“. In Einzelfällen verfilmen VJs auch Investigativ-Geschichten ihrer Printkollegen, beide Versionen erscheinen dann zumeist gleichzeitig in der Printausgabe und auf der Website, um die „Firepower“ zu erhöhen. Doch nur 8 % der Menschen, die das Video der jüngsten Enthüllungs-Geschichte der „Washington Post“ gesehen haben, waren Erstbesucher der eigenen Homepage — der Rest kam laut Online-Redakteur Gabe Silverman zumeist von sozialen Medien. Die „New York Times“ setzt deshalb immer weniger auf die eigene Homepage, deren Visits sich in den vergangenen zwei Jahren halbiert haben, sondern auf die Verlinkung einzelner Videos bei möglichst vielen sozialen Medien — die Videos beginnen dann jeweils mit einer Werbung und sorgen so für Einnahmen. Der Versuch der „Washington Post“, einen eigenen Fernsehkanal zu etablieren, misslang.

Fernsehsender wie der lokale Affiliate „Fox 4“ haben ihre Offensive „Online first“ weitgehend wieder eingestellt: Reporter, die vom Dreh kommen, schreiben zwar bisweilen einen kurzen Text und liefern ein Foto, der geschnittene Beitrag wird jedoch erst nach der Ausstrahlung im Fernsehen eingestellt. Daneben gibt es Start-Ups wie „Trove“, die versuchen, eigene Medienformen zu kreieren.

Die Folge: In dieser Übergangsphase zu einer etablierten „neuen Medienwelt“ — wenn es die irgendwann einmal geben sollte — fragmentalisiert sich der Markt und die Medien kannibalisieren sich einstweilen gegenseitig. Dabei produzieren sie eine Überdosis an Content, den niemand mehr überblicken kann. Und das mit immer weniger Journalisten: denn da die „klassischen“ Medien Marktanteile verlieren und die dadurch ohnehin schon abnehmenden Werbeeinnahmen obendrein noch in die Entwicklung digitaler Medien investieren, die bislang noch nicht profitabel arbeiten, führt das zu Entlassungen.

Gesamteindruck und Ausblick

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In wieweit die politischen und medialen Entwicklungen Einfluss auf die Gesellschaft haben und ob überhaupt, ist schwer zu beurteilen — besonders, weil die Mehrzahl der Menschen ein unpolitisches, sehr privates Leben führt. Familie und Nachbarschaft werden groß geschrieben. Außerdem gibt es bei Zeitungen schon seit jeher verschiedene politische Richtungen, ohne dass das negative Folgen gehabt hätte. Die Kraft, Zuversicht und Energie des Landes, Herausforderungen zu meistern, der besondere amerikanische “Spirit“, sind jedenfalls überall greifbar.

God bless America! Und danke RIAS!