2016

3-wöchige USA-Journalistenprogramme 2016
Frühjahr und Herbst


RIAS USA-Frühjahrsprogramm
5.–22. April 2016

Elf deutsche Journalisten in den USA: Organisiertes Programm in Washington D.C. sowie für alle Teilnehmer jeweils ein individuelles Praktikum in einer amerikanischen Rundfunk- oder Fernsehstation, Abschlusswoche in New York.

 

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TEILNEHMERBERICHTE

Susann Blum, Mitteldeutscher Rundfunk, Leipzig

„Liebe Susann, willkommen Sie!!!!!!“ Wie witzig. Mein Host hat mir noch einmal geschrieben. Er scheint zumindest ein paar Brocken Deutsch zu können. Am Abflugmorgen Richtung USA erreicht mich diese kurze Nachricht von Lee Anderson. Und sie gibt mir ein gutes Gefühl: es werden wohl spannende und nette Wochen sein, die vor mir liegen. Das Gefühl sollte nicht trügen.

Sechs Tage später — viele RIAS-Eindrücke von einer knappen Woche Washington schon im Gepäck — komme ich in Oregon an. Ehrlich gesagt hatte ich vorher Google befragen müssen, wo genau ich meine „station week“ habe. Bend? Noch nie gehört. Anderthalb Flugstunden nördlich von San Francisco — lerne ich. Irgendwo im nirgendwo. Dort gelandet drehen auf dem Gepäckband nicht mal ein dutzend Taschen ihre Runden. Die Ankunftshalle ist gleich Abflughalle. Alles sehr überschaubar. Provinz — schießt es mir durch den Kopf. Willkommen in Oregon!

Am nächsten Morgen wartet Lee Anderson vor meinem Hotel. Mir ist es fast ein bisschen unangenehm als 34-Jährige abgeholt zu werden. Ich verbuche es aber mal unter extremer Gastfreundschaft. Und gastfreundlich ist Lee. Die Führung durch die Räumlichkeiten von KTVZ, dem regionalen Fernsehsender, für den er als Nachrichtenchef und Moderator arbeitet, ist schnell erledigt. Die vor allem jungen Redakteure (ich glaube, vom Redaktionsteam hier ist kaum einer über 30) sitzen ziemlich dicht aufeinander bei der Morgenkonferenz. Themensammlung für den Tag. Jeder hat was vorbereitet. Facebook gecheckt, andere soziale Netzwerke durchforstet. Das scheint hier anders zu laufen als bei uns, wo vor allem die seriöse Nachrichtenlage über die Themen des Tages entscheidet und nicht ein oft geklickter Eintrag im Netz. Heute ist es die Geschichte über eine Frau, deren Auto vorm Krankenhaus geklaut wurde. Damit nicht genug. In dem Auto war die Ausstattung für ihr gerade geborenes Baby. Ein Skandal. Ein Thema bei KTVZ.

Groß in den Schlagzeilen auch: ein Mann, der in einem Nachbarort wahllos Menschen aus dem Auto heraus filmt, sie mit unberechtigten Schimpfwörtern belegt und diese Videos dann bei Youtube einstellt. Ohne, dass die Gefilmten davon wissen. Wanda, eine aus Bayern stammende Redakteurin, bearbeitet diese Geschichte. Auch sie begleite ich, auch bei ihr bin ich fasziniert davon, was die Redakteure hier weg wuppen. Recherchieren, organisieren, drehen, schneiden, zwischendurch Facebook-Teaser für die Geschichte platzieren, sich für ihre spätere Moderation im Studio zurecht machen (die Damen-Toilette bei KTVZ war mit Klamottenbügeln, einer Armada an Lockenstäben und etlichen Schminktäschchen eine Mischung aus Kaufhaus, Friseur und Beautysalon), live schalten. Auch unser Redakteurspensum in Deutschland nimmt ständig zu, aber so üppig ist es dann doch nicht. Unser Vorteil: uns bleibt deutlich mehr Zeit fürs wesentliche — den Inhalt…

Und nicht nur bei Wandas Geschichte fällt mir ein weiterer Unterschied in unseren Arbeitsweisen auf: sie findet heraus, wer der mysteriöse Mann mit den Youtube-Videos ist. Weil er schon irgendwann mal mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist, haben alle Journalisten in einer Datenbank auch Zugriff auf ein Foto von ihm. Und das wird — unverkachelt — mit Namen des Mannes auch im Fernsehen gezeigt. Ähnlich bei der Story eines Kollegen: eine Frau findet ihre Katze tot überm Gartenzaun. Sie vermutet, dass es der Nachbar war. Und obwohl der Reporter ihn nicht antrifft, wird sein Name und Foto im Fernsehen gezeigt. Undenkbar bei uns, wo — von Ausnahmen abgesehen — die Unschuldsvermutung und damit der Schutz der Person bis zu einem gerichtlichen Urteil gilt.

Aber so scheint das hier, in Oregon, eben zu laufen bei der regionalen Berichterstattung. Im Morgenprogramm werden Breaking News angekündigt. Ich zucke auf. Es ist die Straßensperrung nach einem Unfall. Ich lehne mich wieder zurück. Manchmal bin ich kurz davor über die Trivialität der Themen zu schmunzeln. Ich lasse es. Weil erstens: die Kollegen die Themen mit großer Leidenschaft und Leistungsbereitschaft umsetzen und zweitens: weil sie beim Publikum ankommen. Im Laufe meiner „station week“ liegen aktuelle Zahlen zur Zuschauerakzeptanz vor: KTVZ erreicht zu manchen Tageszeiten und bei bestimmten Zielgruppen bis zu 80 Prozent Marktanteil. Dem muss man nichts hinzufügen.

Lee, mein Host, entpuppt sich derweil nicht nur als ausgewachsener Deutschland-Fan, im speziellen als riesiger Fan vom FC Bayern München (unsere Mittagpause verbrachten wir an einem Tag in einem Restaurant, das eigentlich ein Champions-League-Spiel übertragen sollte — die Enttäuschung war groß, als es doch nicht so war), sondern auch als hervorragender Reiseleiter. In einer anderen Mittagspause fuhr er mit mir in die angrenzenden Berge, in denen im April noch Wintersportler unterwegs waren. Die Region um Bend ist wirklich hübsch. Am Ende der Woche begann ich langsam zu begreifen, warum viele Amerikaner von der Gegend als Ooooh it´s sooooo beautiful there sprechen. Wahrscheinlich sehe ich es langsam auch so, weil ich dort so netten Menschen begegne. Vor allem jungen RedakteurskollegInnen, allesamt mit strahlend weißem Lächeln, für die KTVZ und die Arbeit in der Provinz nur der Einstieg in ihre Medienkarriere ist. Die mir — obwohl sie mich gerade mal ein paar Tage kannten — sogar eine Abschiedsparty bereitet haben. Die mir in wirklich guter Erinnerung bleiben werden.

Und weil wir schon beim Abschied vom Bend sind: der war dann doch deutlich holpriger als es mir lieb gewesen wäre. Weil irgendwo in den USA ein Schneesturm wütete, wurden meine Flüge von West nach Ost nach New York eben mal so gecancelt. Da saß ich nun, irgendwo im nirgendwo. Ohne Flug. Ohne Ahnung wie weiter. Mit dem Impuls, einfach den Koffer in den Mietwagen zu hieven und zum Flughafen zu fahren. Und da, zum Abschied, zahlte sich die Provinzialität dann doch aus. Meine eigentliche Fluggesellschaft konnte für mich zwar nichts machen. Aber weil man sich am Mini-Flughafen untereinander ja kennt hat mich der freundliche Mitarbeiter am Schalter nebenan einfach unkompliziert auf eine Maschine seiner Fluggesellschaft umgebucht. Ich habe schon fast verdrängt, über welche Zwischenstopps ich dann geflogen bin. Aber ich habe es geschafft. Nach 36 Stunden auf den Beinen. Willkommen in New York!

Wiedersehensfreude mit dem Rest der Truppe. Stundenlanges Austauschen der Geschichten, die in der Woche zuvor noch nicht in der Whatsapp-Gruppe mitgeteilt wurden. Teil drei der Reise lag nun vor uns. Und es sollten — wie schon bei Teil eins in Washington — weitere Tage voller Einblicke, Erlebnisse und Eindrücke werden. Während der Vorwahlkampf für die anstehende Präsidentschaftswahl in Oregon fast zur Nebensache geworden war wurde er hier in New York wieder zum alles beherrschenden Thema. Bei unseren Redaktionsbesuchen bei MSNBC, CNN, der New York Times oder Bloomberg News zum Beispiel. Das lag wohl auch daran, dass wir riesiges Glück hatten: genau in unseren New-York-Tagen fanden dort die Vorwahlen statt. Fast hätten wir Bernie Sanders bei einem Wahlkampfauftritt auf Staten Island gesehen. Hätten wir gewusst, dass er dort stattfindet. Fast hätten wir Hillary Clinton am Wahlabend bei einer Wahlparty gesehen. Hätten wir uns vorher nicht ein bisschen verlaufen. Fast hätten wir verstanden, warum Donald Trump wider Erwarten so erfolgreich ist. Wobei: nein, das haben wir eigentlich bis zum Ende unserer Reise nicht wirklich verstanden, weil es uns kaum jemand plausibel erklären konnte.

Es würde zu weit führen hier jedes interessante Gespräch, jede skurrile Begegnung, jeden Aha-Moment zu erwähnen. Dazu waren es einfach zu viele. In diesen fast drei Wochen in den USA, die mir noch einmal einen ganz anderen Blick auf dieses Land ermöglicht haben. Wie es tickt? Das weiß ich immer noch nicht. Ich weiß aber, dass es noch mehr Facetten hat, als ich vor der Reise gedacht habe.

Nicht nur mit diesem Gefühl bin ich schließlich nach Deutschland zurück geflogen. Auch mit dem Gefühl, mit meinen Mitstreitern zehn tolle Menschen und Kollegen kennengelernt und eine Bereicherung erfahren zu haben. Zwar konnte ich mit ihnen nicht mit Gin Tonic anstoßen (macht sich mitten in der Schwangerschaft nicht so gut), sondern nur mit Diet Coke. Ich bin mir aber sicher: das holen wir in Deutschland ziemlich bald nach. Insofern lautet mein RIAS-Fazit: wenn möglich unbedingt machen! Weil das Programm den Blick schärft, wundervolle Begegnungen ermöglicht und weil „Willkommen Sie“ ein witziger, aber nicht nur daher gesagter Satz ist.

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Steffi Clodius, ARD, Hamburg

EVERYONE SAYS HI
„Howareyouuutaday?“ fragt mich der Passkontrolleur am Flughafen in Washington. Irritiert von seiner leutseligen Freundlichkeit, die so gar nicht zu seinem Autorität verbreitenden Gesichtsausdruck passen will, frage ich ihn nach Bestätigung meines allgemeinen Wohlergehens meinerseits nach seinem werten Befinden. Der gute Mann reagiert überaus irritiert und beantwortet meine Frage nachgerade zugeknöpft. Ich verstehe: „Howareyouuutaday“ ist nichts anderes als eine Standard-Begrüßungsfloskel. Ich werde in den kommenden Wochen bei niemandem mehr rückfragen, wie es ihm geht. Scheint auch nicht erwartet zu werden.

BIG BROTHER
Ich frage mich, ob es eine gute Idee war, ausgerechnet jetzt „The Circle“* zu lesen. Es macht mich paranoid. Auf einmal klingt jeder Werbeslogan, der mir ins Auge sticht (und das sind hier in Washington sehr, sehr viele) irgendwie verstrahlt und totalitär. So, als käme gleich ein Circler (respektive Twitterer oder Facebooker) auf mich zugestürzt und würde mich zum „liken“ oder „teilen“ nötigen. Und doch kann ich mich diesem subtilen Druck nicht entziehen: Im Verlauf der Reise bröckelt mein Widerstand gegen soziale Netzwerke, und ich melde mich bei WhatsApp an. Haben sie jetzt gewonnen?

* Für alle, die dieses durchaus unterhaltsame, stilistisch jedoch eher unterdurchschnittliche Buch nicht kennen, hier die Kurzfassung: Der Großkonzern Circle, sinistre Einswerdung aus Google, Facebook und Apple, übernimmt schleichend die Weltherrschaft und niemand bemerkt es.

LOVING THE ALIEN
Die Washingtoner sind ein lustiges Völkchen. Sie haben blitzsaubere Parks, die von geschultem Personal hingebungsvoll gehegt und gepflegt werden. So auch der hübsche kleine Grünstreifen am Ufer des Potomac, der, läge er zum Beispiel in Hamburg, überbevölkert wäre mit Spaziergängern, Picknickern, Mutter-Kind-Gruppen. Doch hier: niemand zu sehen. Nur besagtes geschultes Personal mit elektrischer Sense. Und hier und da ein paar Obdachlose. UND: Jogger! Der gemeine Washingtoner frequentiert seine Grünanlagen in erster Linie laufend. Überhaupt ist das Joggen voll im Trend hier in D.C.. Sie laufen überall, bevorzugt durch verkehrsinfarktgefährdete Straßen, vereinzelt durch besagte Grünanlage am Ufer des Potomac, die übrigens noch schöner wäre, wenn nicht irgendwelche Stadtplaner auf die Idee gekommen wären, eine Schnellstraße auf Stelzen mittendurch zu bauen. Und so sitze ich weitgehend mutterseelenallein auf einer Bank in der Sonne und würde gerne dem Zwitschern der Vöglein lauschen, aber stattdessen: Verkehrsrauschen. Gepaart mit den wenig idyllischen Klängen einer elektrischen Sense. Gut, dass wenigstens die versprengten Jogger leise sind.

THE DREAMERS
Einer dieser besonderen Momente am Martin Luther King Memorial. Schwarze Familien posieren davor und fotografieren einander, voller Stolz auf den Mann, dem sie zumindest ansatzweise so etwas wie Gleichberechtigung verdanken. Das Memorial selbst: an der Grenze zum Kitsch, kindlich irgendwie. Im Kontrast dazu und tief berührend die Zitate Kings, in Stein gehauen, eingraviert ins kollektive Gedächtnis der USA.

BLACK TIE WHITE NOISE
Die Heritage Foundation. DER konservative Think Tank der USA. Für uns liberalen Deutschen per se suspekt, aber dann: ein freundlicher, dicker, griechischstämmiger Modell-Ami mit passendem Bürstenschnitt — und eine eingewanderte Deutsche. Beide gereichen herzlich wenig zum Feindbild, an dem man sich reiben kann. In ihrer bestechenden Eloquenz machen sie zwar nicht den geringsten Hehl aus ihrem Ziel, aktiv Einfluss auf die amerikanische Politik zu nehmen — ungewohnt für uns, die aus einem Land kommen, in dem politischer Lobbyismus zwar stattfindet, aber immer noch weitgehend verpönt ist. Doch wie sie sich um manche klaren Aussagen herumwinden, erweckt fast den Eindruck, als schämten sie sich für das Klischee, dass sie verkörpern. Und so schleichen wir anderthalb spannende Stunden lang umeinander herum und finden uns am Ende eigentlich nur sympathisch.

REBEL REBEL
Rosa Parks sitzt da, den Rücken gestreckt, aufmerksam; die Handtasche auf dem Schoß hält sie mit beiden Händen umklammert. Ihr Blick ist wach, so, als rechne sie jederzeit damit, dass etwas Unvorhergesehenes passiert. Wie sie dort sitzt, strahlt sie vor allem eines aus: Würde. Und vor meinem inneren Auge verwandelt sich die Bronzefigur in die resolute Dame, die sich im Bus weigert, von ihrem Platz aufzustehen, nur weil dieser Platz eigentlich für Weiße reserviert ist. Dass Rosa Parks einen Platz im Statuensaal des Capitol einnimmt, versöhnt mich für einen Moment mit den USA. Dabei weiß ich, dass die Gesellschaft des Landes noch weit davon entfernt ist, Schwarze und Weiße WIRKLICH gleichzubehandeln. Und doch ist Rosa Parks ein Anfang. Ihr Anblick erfüllt mich mit einem ganz eigenen Gefühl, einer seltsamen Mischung aus Bewunderung und Rührung, und ich wünschte, dass es mehr Menschen gäbe wie Rosa Parks. Wir könnten sie brauchen.

DOLLAR DAYS
Casino! Casino! Casino! Ich bin in Las Vegas, und wo auch immer ich hinschaue: Überall wird gezockt. Will man innerhalb eines der riesigen Hotelkomplexe zu einem anderen Ort gelangen als ins Kasino, ist man trotzdem gezwungen, die riesigen, beinahe unwirklichen Spielhallen zu durchqueren. Die einarmigen Banditen, Craps- und Pokertische scheinen einen anzuschreien: „Hey, bist Du SICHER, dass Du nicht einen Dollar riskieren willst — oder auch zwei…?“ In meinem Fall wirkt das besonders gut beim Roulette. Die Tische mit den rotierenden Schüsseln, der klickernden Kugel und den Zahlenfeldern wirken geradezu magisch auf mich. Ich LIEBE Roulette. Und wenn ich einen dieser Tische passiere, studiere ich automatisch, was auf den senkrechten Anzeigetafeln zu lesen ist: Dort werden die zuletzt gezogenen Zahlen angezeigt. Ich schaue: Sind meine dabei? Meine Zahlen, das sind 7, 8, 9, 14, 15, 16. Blinken sie dort auf, denke ich: „Verdammt! Plein verpasst!“ Werden sie nicht angezeigt, denke ich: „Vielleicht sollte ich…? Eine meiner Zahlen fällt bestimmt gleich!“ Am Ende war ich wirklich unverschämt beherrscht. Ich habe es nämlich geschafft, nur ein einziges Mal zu spielen. Ich habe mich mit 40 Dollar Einsatz an einem der Tische niedergelassen und auf meine Zahlen gesetzt. Es fielen die 8 und die 7. Nach einer halben Stunde bin ich wieder aufgestanden. Mit exakt 40 Dollar. Das muss mir erst mal einer nachmachen!

SOMETHING IN THE AIR
Dort, wo Las Vegas seinen Anfang genommen hat, ist es geradezu idyllisch. Grün, wenn gleich nicht wirklich ruhig. Das Spring Reserve. Die Wasserquelle, die die Oase speist, an der Mormonen- Siedler dereinst Rast machten und damit begannen, ein Fort zu bauen und die indianischen Ureinwohner zu missionieren. Mit mäßigem Erfolg, wie ich lerne. Deshalb brachen die Mormonen ihre Zelte nach einiger Zeit wieder ab und gingen zurück nach Utah. Geblieben ist die Siedlung rund um die Quelle. Heute ist dort ein botanischer Garten, in dem es nach Kräutern und Blumen duftet. Ein Rosengarten verbreitet ein derart betörendes Aroma, dass ich gar nicht anders kann als meine großstadtmiefgeplagte Nase tief in die Blüten zu drücken und mich zu wundern, wie unterschiedlich Rosen duften können!

OH! YOU PRETTY THINGS
The Park: mein Lieblingsplatz am Strip!!! Versteckt jenseits der absurd anmutenden Pappmaché- Türme des New York New York liegt eine kleine, nun ja, soll ich sagen: Grünanlage? Nicht nach deutschem Verständnis, aber für amerikanische, insbesondere für Las Vegas-Verhältnisse schon. Aus versteckten Lautsprechern dringt chillige Musik, die später von einem Jazzsaxofonisten abgelöst wird, der in wilden Kadenzen improvisiert. Für mich gibt es dazu die Blaue Stunde, Angry Orchard Cider und Lay’s Chips der Geschmacksrichtung Lemon. Sensationell!

PANIC IN DETROIT
Die Amerikaner haben panische Angst davor, verklagt zu werden! Las Vegas, strahlender Sonnenschein, frischer Wind: Alle Outdoor-Museen schließen. Denn: Was, wenn der „Sturm“ einem der Besucher einen Pappbecher an den Kopf knallt, selbiger eine Beule davon trägt und das Museum daraufhin wegen schwerster Traumata auf Schadensersatz verklagt? Nicht auszudenken! Anwälte werben entlang der Highways auf riesigen Plakaten mit dem Slogan: „Accident? No fee unless we win!“ — sprich: Klagen MÜSSEN Erfolg haben. Denn nur so können sich die Kanzleien finanzieren. Ein seltsames Spiel, das die Amis da treiben. Mir bleibt an einem Tag, an dem die Windstärke jenseits der fünf liegt, einfach zu Hause bleiben. Sprich: im Hotel. Da läuft man dann allerdings Gefahr, sich im eisigen Wind der ewig rauschenden Klimaanlage einen Schnupfen einzufangen. Aber Moment mal: Kann ich dafür eigentlich auch das Hotel verklagen…?

SPACE ODDITY
Mein Host in Las Vegas ist der unamerikanischste Amerikaner, der mir je begegnet ist. Zwar sieht er aus wie aus dem Bilderbuch: braungebrannt, stahlblaue Augen, blitzweiße Zähne. Aber hinter dieser Klischee-Fassade ist nichts, wie es scheint. Tom fährt ein Hybridauto (ich kannte bis dato NIEMANDEN, der ein Hybridauto fährt!), hat eine Schwäche für alles, was auf Schienen fährt (besondere Vorliebe: der Transrapid und die Wuppertaler Schwebebahn!) und reflektiert die Wasserverschwendung in Las Vegas nicht nur, sondern hält sie für eine Todsünde. Unnötig zu erwähnen, dass Tom Obama-Anhänger ist. Ein Exot im ansonsten knochenkonservativen Bundesstaat Nevada (Nevada wird übrigens „Nevädä“ gesprochen, lerne ich von Tom). Tom ist das wandelnde stille Wasser, das tief ist: Zunächst gibt er sich höflich, aber zugeknöpft, und so erschließen sich mir erst im Laufe der Woche all seine exotischen Hobbies und Eigenschaften. Schade, dass ich im Grunde viel zu spät verstehe, mit was für einem außergewöhnlichen Menschen ich es in meiner Station Week zu tun hatte.

REALITY
In meiner Vorstellung ist New York das Paradies. Ich habe eine Schwäche für Großstädte; insbesondere eine für Großstädte mit Wolkenkratzern. Und so drehe ich vor Freude fast durch, als Harriet, Stefan und ich im Taxi von La Guardia nach Manhattan fahren und vor mir die Skyline auftaucht. Abends nötige ich dann alle, die zu müde sind, um sich zu wehren, mit mir wenigstens noch einen KLITZEKLEINEN Blick aufs benachbarte und hell erleuchtete Chrysler Building zu werfen. Auch am nächsten Tag bin ich wie ein Kind, das seinen ersten Weihnachtsbaum sieht: Mit offenem Mund und meiner Kamera streife ich durch die Häuserschluchten (an dieser Stelle noch mal ein Dank an die Gruppe, dass Ihr aufgepasst habt, dass ich Euch nicht abhanden komme) und kann mich einfach nicht satt sehen. Doch dann setzt schleichend ein Prozess ein. Erst ist es nur der nie verstummende Straßenlärm, angereichert mit Abgasen, der durch das geschlossene (!) Fenster in mein rückwärtig gelegenes (!!!) Hotelzimmer dringt. Dann das ewige, ewige Hupen der quietschegelben Taxis. Dann fällt mir irgendwann auf: Die New Yorker benutzen zwar dasselbe irreführend freundliche Vokabular wie alle anderen Amerikaner, aber sie lächeln dabei nicht, sondern schauen einen an, als hätte man gerade ihre Mutter beleidigt. Die Wahrheit ist: Die unerfreuliche Mehrheit an New Yorkern, die mir im Laufe meines Aufenthaltes dort begegnen, sind einfach nur unfreundlich! Tja, und dann: der Dreck…! New York ist unfassbar schmutzig. Und zwar nicht schmutzig im Sinne von großstadtschmutzig. Sondern richtig eklig verranzt und schmuddelig! Und so bekommt mein Bild vom Big Apple immer mehr Risse und dunkle Schattierungen. Aber auch das ist etwas, wofür ich diese Reise angetreten habe: Ein Blick für Realitäten.

STATION TO STATION
Augen auf beim Navigieren heißt es am Abend der Primary in New York. In dem festen Glauben, die Schwulenbar in Queens, bei der wir uns für die Teilnahme an einer Hillary Clinton-Wahlparty angemeldet haben, befinde sich in der 33rd Street, irren wir so lange durch beschauliche Vorstadtstraßen, bis es zehn nach neun ist, die Stimmen ausgezählt, das Ergebnis verkündet und die Party gelaufen. Denn die Bar liegt in der 33rd Avenue. Der Abend wird dann aber doch noch ein voller Erfolg. In der Bar lerne ich Varian kennen, Sänger aus Chelsea. Er ist begeisterungsfähig, beschwingt von Hillarys Primary-Erfolg und neugierig auf die lustige Gruppe Deutscher, die da in seine Stammkneipe eingefallen ist (und sich innerhalb der verbliebenen Dreiviertel Happy Hour mit Gin Tonic druckbetankt hat — Alkohol ist schließlich teuer!). Kurzentschlossen begleitet er uns, als plötzlich die Parole geht: „Hillary spricht am Times Square!“ Dort eingetroffen (übrigens eine gute halbe Meile von unserem Hotel entfernt), ist zwar abermals alles vorbei, aber nebenan finden wir eine Karaokebar, die wir handstreichartig übernehmen. Und so wird es doch noch ein sehr lustiger, langer und vor allem musikalischer Abend.

WHERE ARE WE NOW
Bei unseren Besuchen U.S.-amerikanischer Medien lerne ich viel, aber vor allem lerne ich zweierlei: Erstens — niemand, und ich meine wirklich: NIEMAND! will, dass Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wird. Zumindest will niemand zugeben, es zu wollen. Selbst bei der Heritage Foundation winken sie resigniert ab, als wir mit unserer Lieblings- und Allzweck-Frage den Gesprächsreigen eröffnen: „What do you think of Trump?“ Auch im gestanden konservativen Las Vegas finde ich nicht einen einzigen überzeugten Trumpianer. Hoffnung keimt auf! Zweitens — sämtliche Medienbetriebe kämpfen mit denselben Problemen wie wir bei meiner Heimatredaktion ARD-aktuell: Wie gehen wir mit Social Media um? Wie mit dem sich wandelnden Seh-, Hör- und Surfverhalten? Was muss der Nachrichtenredakteur von heute können und was nicht? Müssen alle alles können (mein neu erlernter Lieblingsbegriff für den Traum aller Chefredakteure: Swiss Army Knife Editors), oder ergibt es eher Sinn, wenn man sich spezialisiert? Viele offene Fragen, und irgendwie beruhigt es mich, dass nicht nur wir noch immer nach dem Stein der Weisen suchen.

JOHN, I’M ONLY DANCING
Jon ist unser Reiseleiter in den USA. Und Jon ist bemerkenswert in vielerlei Hinsicht. John bedient sich des amerikanischen Grundwortschatzes: „Amaaazing!“ und „Aaawesome!“ Aber er schafft es, dabei zu gucken, als meine er das ganze Gegenteil. Jon hält mit seiner Meinung nicht hinterm Berg, mehr noch: Er tut sie in einer Art und Weise kund, die ich nachsichtig als brüsk bezeichnen möchte. Ein Beispiel: Als ich mit ihm über die deutschen Städte spreche, die er bereits bereist hat, und dabei meine Vorliebe für Frankfurt zur Sprache kommt (mein schlagendes Argument: die einzige deutsche Stadt mit Wolkenkratzern!), hält er mir einen Vortrag über die Hässlichkeit und das aus seiner Sicht geradezu abstoßende architektonische Wirrwarr, die Kälte der Bewohner und überhaupt die vollkommene Absurdität der Stadt Frankfurt, dass ich nur erschrocken verstumme und froh bin, dass Jon noch nie in meiner heiß geliebten Heimatstadt Braunschweig war. Jon hat gelegentlich die Aura des entnerven Lehrers, der seiner Schulklasse überdrüssig ist. Seine geheime Mission, verrät er mir an einem unserer ersten Tage, ist es, uns Deutsche dazu zu bringen, eine Ampel bei Rot zu überqueren. Leider ist es ihm nicht vergönnt, im Laufe der drei Wochen zu reüssieren: New York, letzter Tag, vielbefahrene Straße, die Fußgängerampel springt von rot blinkend („Runter von der Straße, aber dalli!!!“) auf rot („Bitte unter gar keinen Umständen mehr die Straße betreten! Sie befinden sich in New York City!!!“). Die Gruppe, darunter die schwangere Susann, bleibt geschlossen stehen. Jon — schon mit zwei Füßen auf der Straße, um ihn heulen die Motoren der anfahrenden Taxis — dreht sich zu uns um, stutzt — und verdreht die Augen. „Germans!“, denkt er. Ich denke: „Jon…!!!?“ und weiß in dieser Sekunde, dass mir das fehlen wird: diese griesgnaddelige Art, gepaart mit richtig gutem, schwarzen Humor.

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Korbinian Frenzel, DeutschlandRadio, Berlin

500 Meter vom Weißen Haus …

… Aufwachen in Washington D.C. — 6. April 2016. Eingeschlafen mit den Ergebnissen der Vorwahlen in Wisconsin… ein überraschender Sieg für Bernie Sanders. Wer in das Haus diesen halben Kilometer von meinem Hotel einziehen wird im Januar, ist an diesem Morgen noch offener als vorher ohnehin schon.

Ein spannender Auftakt für drei Wochen USA — unterwegs mit dem RIAS-Programm und einer großen Frage: Wie geht’s dir, Amerika? Sieben Monate vor der Wahl, nach bald acht Jahren Obama? Land of the iPhone, land of the poor. Zwischen Trump und Sanders, Clinton und Cruz. Ein Land gespalten wie nie? Ein Land, das trotz allem nach wie vor fasziniert wie kein anderes! Und das wahrscheinlich genau deshalb auch so verstörend sein kann.

Washington D.C., Seattle und New York. Drei Wochen voller Begegnungen, mit think tanks wie der Heritage Foundation, the Brookings Institution, mit Journalisten von der New York Times, dem National Public Radio oder der Daily Show. Mit NGOs und mit vielen ganz normalen (und sicherlich dabei ganz außergewöhnlichen) Menschen. Momentaufnahmen, von denen ich ausführlich auf meinem Reise-Blog berichtet habe: https://korbinianfrenzel.wordpress.com – und in Kürze hier.

„We watch Fox News so you don’t have to”

Wie viel Minuten haben die wichtigsten Nachrichtenjournale in den USA über den Klimawandel berichtet? Siebeneinhalb Minuten, zusammenaddiert im ganzen Jahr 2013. Wie oft hat Donald Trump in den wichtigen Sunday Shows seit seiner Kandidatur Sendezeit bekommen — mit Hilfe eines einfachen Anrufs während der laufenden Sendung? 29 Mal. Wer macht sich die Mühe, so etwas zu zählen? Media Matters.

Media Matters, 70 Leute, 2005 gegründet, 42 Millionen Besucher auf der Website. Finanziert aus Spenden, der Chef der Organisation ist Bradley Beychok — und die Mission ist klar: conservative misinformation korrigieren. Natürliche Gegner: Fox News und andere Medien mit klarer konservativer Agenda. Aber nicht nur die. Media Matters will auch Fakten geraderücken, wenn im Grunde ausgeglichenen Medien „sloppy reporting” unterläuft, also schlampige Recherchen.

Hillary wird’s… es sei denn…

Besuch bei Brookings. The Brookings Institution, einer der ältesten Think Tanks der USA. Hintergrundgespräch mit Molly Reynolds, sie ist Expertin für Innenpolitik — und was sie off the record sagt, sagt sie auch on the record: der nächste Präsident ist eine Präsidentin — und die heißt Hillary Clinton. Nur zwei Dinge könnten das Spiel ihrer Einschätzung nach nochmal komplett umdrehen. Ein massiver Terroranschlag auf die Vereinigten Staaten. Oder ein rapider wirtschaftlicher Absturz der USA.

Seattle: this is KUOW…

Zu Besuch bei einer der erfolgreichsten Stationen im Netzwerk des National Public Radio: KUOW. Etwa 70 Mitarbeiter machen hier täglich Programm auf zwei Etagen mitten im sehr „berlinescen” Uni-Viertel von Seattle… Zwei von ihnen konnte ich in den letzten Tagen eng begleiten, zum einen Ross Reynolds, einen mit vielen Preisen ausgezeichneter amerikanischer Radiomacher. Ross ist heute zuständig fürs Aufbauen einer Community über Facebook, Twitter etc. hinaus, zum Beispiel durch Veranstaltungen. Zum anderen Kim Malcolm, sie ist Moderatorin des Journals um 12 Uhr — The Record.

Die USA sozialdemokratischer machen

Dieser Bernie Sanders scheint auch George Clooney irgendwie zu begeistern — zumindest hat er es geschafft, dass Clooney, der eigentlich Hillary Clinton im Weißen Haus sehen will, dem „sozialistischen” Außenseiter gewünscht hat, er möge hoffentlich bis zum Ende weiter im Präsidentschaftsrennen bleiben. „Weil das, was er sagt, wichtig ist für die Demokraten.” Clooneys Worte, ausgerechnet bei einem Fundraisingdinner für Clinton.

Confusing Clooney, surprising Sanders … bei den Vorwahlen in New York wird sich zeigen, ob Bernies Aufstieg weitergeht — oder ob Hillary Clinton den dann wahrscheinlich entscheidenden Schritt zur Nominierung als Präsidentschaftskandidatin der Demokraten macht.

Es wäre eine große Überraschung, wenn Sanders gewänne. Aber genau das hat der 74-jährige Senator aus Vermont in den letzten Monaten immer wieder geliefert: Überraschungen. Bei der Suche nach Erklärungen bin ich noch in Seattle unter anderem auf Shelley Steinhorst getroffen. Eine U.S.-Bürgerin, die einen großen Teil ihres Lebens in Europa verbracht hat, u.a. 15 Jahre in Deutschland als Sprachcoach. Seit zwei Jahren ist sie zurück in ihrer Heimatstadt Seattle, ist von einer politisch-interessierten zu einer politisch-aktiven Frau geworden. Aus den Caucusses in Washington ist sie als Delegierte für Sanders hervorgegangen.

Kein amerikanischer Präsident, sagt Shelley Steinhorst, kann alleine ein ganzes Land umbauen. Aber was sie sich erhofft ist ein langsamer Bewußtseinswandel in ihrem Land. Dass es gut ist, wenn alle eine gesicherte und bezahlbare Gesundheitsversorgung haben, dass Studenten sich nicht wie heute in den USA über beide Ohren verschulden müssen, um ihre Ausbildung zu bekommen, dass Wohnen bezahlbar ist. Shelley glaubt, dass es ein Irrtum ist, ein Großteil der Amerikaner wolle das alles nicht. Mit Bernie Sanders haben diese „sozialdemokratischen Ideen” ein Gesicht bekommen.

Das hungrige New York

Upper East Side, Madison Avenue… Gucci, Prada, Rolex-Uhren in Schaufenstern, teuerste Wohnlage, ein paar Blocks weiter liegt der Central Park. Knapp 11.000 Dollar — das ist der durchschnittliche Monatslohn in Manhattan, hier kann man das erahnen. Und dann gehen wir durch eine Tür zwischen 71sten und 72sten Straße, in die St. James Church — und sehen das hungrige New York. „Food insecure” ist der Begriff, den Amerikas Behörden für die gefunden haben, die nicht wissen, woher die nächste Mahlzeit kommt. 227.000 Menschen der 1,6 Millionen Einwohner in Manhattan werden in dieser Kategorie gezählt: Obdachlose, aber auch die working poor. Vor allem Familien.

Die St. James Gemeinde macht das, was der Staat kaum (und seit der Finanzkrise immer weniger) macht: helfen. Zweimal in der Woche wird hier für Hunderte Menschen gekocht. Dienstags am Mittag und freitags am Abend, dann vor allem für Familien.

Bob Jamieson hilft regelmäßig ehrenamtlich mit, ein Mann mit langer und erfolgreicher Fernsehreporter-Karriere, auf dessen Einladung wir in die St. James Church gekommen sind. Allerdings nicht nur, um uns etwas erzählen zu lassen, sondern auch um selbst in der Küche zu helfen. Deutsche Expertise war in gewisser Weise auch gefragt, es gab Schnitzel und Ofen-Kartoffeln. Essen, das wir den etwa hundert Menschen, die zu Gast waren, auch persönlich serviert haben. Ich habe dabei einige Gespräche geführt — aber die sollen hier genauso wenig für Schilderungen genutzt (um nicht zu sagen: journalistisch ausgenutzt) werden wie es auch keine Fotos aus dem Essenssaal gibt.

Aktuelle Berichte im Korbinian Frenzel Blog: Link

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Stefan Fries, WDR, DLF, Köln

Wer Donald Trump noch verdrängen könnte
18 Tage mit RIAS in den USA

Überraschung in Washington: Nicht nur Hillary Clinton und Bernie Sanders konkurrieren um das Amt des U.S.-Präsidenten, auch der Amtsinhaber will es noch einmal wissen. Ein Kandidat, den deutsche Medien bis dahin nicht auf dem Schirm hatten: Frank Underwood.

Underwood ist überall in Washington zu sehen. In der Stadt zeigen mehr Plakate den fiktiven Präsidenten aus der Serie „House of Cards“ als die tatsächlichen Kandidaten dieses Wahlkampfs. Underwood mischt sich in den realen Wahlkampf ein. In der vierten Staffel der Serie finden sich viele Parallelen zur Wirklichkeit — und die sind kein Zufall. Normalerweise scheuen sich Serienmacher, allzu nah an die Wirklichkeit der Politik heranzugehen — „House of Cards“ macht genau das mit voller Absicht.

Als der Nachrichtenkanal CNN am 16. Dezember 2015 die Debatte der republikanischen Präsidentschaftskandidaten für eine Werbepause unterbrach, zeigte er darin einen Werbespot für den Kandidaten. Frank Underwood tritt ausdrücklich zur Präsidentschaftswahl 2016 an. Sein Darsteller Kevin Spacey spricht in Interviews über Politik.

Und CNN schmückt seine Dokumentarreihe über die Geschichte der Präsidentschaftswahlkämpfe mit den Namen der „House of Cards“-Macher: HoC-Produzentin Dana Brunetti zeichnet auch für die Dokumentation verantwortlich, Spacey führt als Erzähler durch die Folgen.

Eine Reise im Zeichen des Wahlkampfs

Tatsächlich stand das ganze Programm der RIAS-Berlin-Kommission im Frühjahr 2016 im Zeichen des Präsidentschaftswahlkampfs. Einen Tag, nachdem wir in Washington eintrafen, lief die Vorwahl im Bundesstaat Wisconsin. Damals hieß es: Wenn Donald Trump hier nicht gewinnt, kann er die Kandidatur für die Republikaner nicht mehr schaffen. Er verlor. Aber das änderte wenig. Wie so oft sollten sich auch hier die Voraussagen von Wahlbeobachtern über Erfolg und Misserfolg des Donald Trump als falsch erweisen.

Trump zog sich wie ein roter Faden durch unseren 18 Tage dauernden Besuch, bei dem wir mehr über das politische System und die Medienlandschaft der USA erfahren sollten. Und das nicht nur, weil man in New York und vielen anderen Städten andauernd Gebäude sieht, die seinen Namen tragen (den man sich gegen Lizenzgebühr mieten kann).

Fast alle Journalisten und Analysten, die wir in Washington und New York zum Wahlkampf befragt haben, waren gleichermaßen fasziniert wie schockiert von Trumps Erfolg. Auch wenn sie sich dabei nicht unbedingt bewusst sind, welhen Anteil sie mit ihrer Arbeit an diesem Erfolg haben. Aber die wenigsten waren zugleich davon überzeugt, dass es Trump zum Präsidenten bringen wird — jedenfalls bis zu unserer Abreise Ende April. Inzwischen glauben ausweichlich ihrer Kommentare und Analysen viel mehr Journalisten, dass Trump es schaffen kann — nicht unbedingt aus eigener Kraft, sondern auch wegen der Schwäche seiner vermutlichen Gegnerin Hillary Clinton.

Der Blick hinter die Kulissen

Die U.S.-Kollegen haben uns ungewöhnliche Einblicke gewährt. Viele haben sehr offenherzig über ihre Arbeit gesprochen, über die Herausforderungen des Präsidentschaftswahlkampfs, über den Druck durch Bi- und Trimedialisierung und damit einhergehenden Veränderungen im Mediensystem, wie sie über die Krise seit 2007 berichtet und teilweise selbst unter ihr gelitten haben.

Längst nicht alles, aber vieles davon kam uns bekannt vor. Wenn man in Deutschland immer hört, dass wir im Vergleich zu den USA noch viel aufzuholen haben, beruhigt es einerseits, dass auch die U.S.-Kollegen längst nicht immer wissen, wohin sie der Weg führen wird. Andererseits wüssten wir sicher alle gerne, wie wir unseren Nutzern in Zukunft begegnen können. Nutzungsgewohnheiten verändern sich schneller als Journalisten dem gerade nachkommen können.

Aber wir haben auch viele gute Ideen gesehen, wie man Lesern, Hörern und Zuschauern künftig gerecht werden kann. So führten uns die Kollegen von CNN Money in New York vor, wie sie ihre Inhalte einerseits plattformgerecht ausspielen — also Fernsehkanal, Webseite, Facebook, Twitter usw. jeweils unterschiedlich bedienen — und andererseits auch Entwicklungen im Netz beobachten, um darauf journalistisch reagieren zu können.

Das nationale Hörfunkprogramm NPR in Washington hat uns Einblick in seinen Newsroom gegeben, in dem alle maßgeblichen Redaktionen nah beieinander sitzen. Während in Deutschland Podcasts aus öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in fast allen Fällen eine reine Zweitverwertung von Fernseh- und Radioinhalten sind, produziert NPR auch exklusive Inhalte für den wachsenden Podcast-Markt. Ein Boom des Audios im visuell getriebenen Netz, mit dem viele auch für Deutschland rechnen.

Auch ABC hat einen Newsroom in seinem Büro in Washington, wenn auch kleiner als der von NPR. Eine Entwicklung, die in einigen Redaktionen in Deutschland schon nachvollzogen wurde, gleichwohl bei vielen Journalisten auf Skepsis stößt — meistens, bis sich die Abläufe eingespielt haben und die Vorteile erkannt wurden. In dieser Hinsicht stießen wir auf offene Ohren.

Go West

Nach sechs Tagen in Washington mit den zehn anderen Teilnehmern am RIAS-Programm ging es für mich einmal durchs ganze Land: von der Ost- an die Westküste, in den Bundesstaat Oregon. Portland liegt gleich an der Grenze zu Washington, dem nordwestlichsten Bundesstaat der USA. Portland, die Stadt der Brücken. Portland, die Stadt der Donuts. Portland, die Stadt des Biers. Drei Stempel aus den letzten Jahren, die den Einwohnern besser gefallen als der der wohl einstmals weißesten Großstadt Amerikas (dank lang anhaltender rassistischer Gesetze). Für vier Tage gewährten mir die Kollegen vom öffentlich-rechtlichen Radiosender OPB (Oregon Public Broadcasting) Einblick in ihre Arbeit.

Dabei war weniger die tägliche Routine der Kollegen interessant (Radio ist halt immer noch Radio) als vielmehr das, worüber sie berichten. Als ich einen Reporter für einen Beitrag in eine Grundschule begleitete, war ich überrascht, dass wir vor dem Haupteingang standen und klingeln mussten. Die Sekretärin warf durch eine Überwachungskamera einen Blick auf uns und ließ uns erst dann ein. Damit nicht ehemalige frustrierte Schüler einfach so ins Gebäude marschieren und Kinder erschießen können. Dass man sich auf diese Weise mit einer täglichen Bedrohung arrangiert hat, ließ mich schaudern.

Und ich durfte mir die Arbeit einer Reporterin anschauen, die wiederum einen Kandidaten für das Amt des Bürgermeisters von Portland begleitet hat. Auch wenn Jules Bailey mittlerweile bei der Wahl nur Zweiter geworden ist, war es spannend zu beobachten, wie nah die Kandidaten ihren potenziellen Wählern kommen. Bailey war zu Besuch bei Leslie, die wiederum einige Freundinnen und Nachbarinnen eingeladen hatte.

Ein wirklich persönlicher Wahlkampf, bei dem die potenziellen Wähler den Kandidaten fragen dürfen, was sie wollen. In diesem wohlhabenden Vorort von Portland wurde an diesem Nachmittag deutlich, dass den Leuten ihre eigenen Probleme wie die Baustelle, die den Verkehr in die Wohngebiete treiben dürfte, näher sind als die großen Fragen der Stadt, etwa die weit verbreitete Obdachlosigkeit. Interessant zu sehen, wie nah der Kandidat auch die Reporterin heranlässt. Sie hielt das aber schon gleich für eine taktische Nähe. Diese würde vorbei sein, sobald er Bürgermeister ist — was er diesmal verfehlte.

Und dann hätte beinahe noch die Zensur zugeschlagen. Die Regeln fürs öffentlich-rechtliche Radio in den USA verbieten es, dass bestimmte Wörter über den Sender gehen. Shit und Fuck sind noch die zwei harmlosesten. Wenn man bedenkt, welche menschenverachtenden Äußerungen die Amerikaner im Namen der Meinungsfreiheit noch für zulässig erachten, ist es geradezu grotesk, welche alltäglichen Flüche wiederum nicht ausgestoßen werden dürfen. Dermaßen sensibilisiert kann es leicht sein, dass eine Redakteurin schon beim nicht ganz sauber ausgesprochenen Wort „Bolshevik“ so etwas wie „bullshit“ versteht und es fast überpiepst hätte. Dinge wie dieses als kultureller Unterschied zwischen den USA und Deutschland zu erfahren, ist mehr wert, als nur darüber zu lesen.

Ins echte Leben

Dem diente auch einer der ungewöhnlichsten Besuche des RIAS-Programms. Wer immer nur über die wirtschaftliche Krise der USA rund um Immobilien und Finanzen berichtet, kann aus der Ferne leicht den Blick dafür verlieren, was das für die Menschen dort bedeutet. Viele haben sich offenbar daran gewöhnt, dass in großen Städten Tausende auf der Straße leben. Nicht nur in Washington, auch in Portland und San Francisco habe ich innerhalb von drei Wochen mehr Obdachlose gesehen als in Deutschland in mehreren Jahren. Ohne soziale Sicherung vegetieren viele auch bei Regen und Kälte auf den Straßen dahin. Und nicht überall bekommen sie zumindest das bisschen Unterstützung, das ihnen die St. James Church in der Upper East Side bietet.

Dort haben wir einen Vormittag lang für sie gekocht — nicht nur für Obdachlose aus ärmeren Vierteln, sondern auch für Menschen, die ihre Wohnung dort nur noch behalten können, weil ihre Miete seit Jahrzehnten nicht erhöht werden kann, denen aber das Geld für ordentliche Mahlzeiten fehlt. „Food insecure“ nennen das die U.S.-Behörden, wenn Menschen nicht wissen, woher die nächste Mahlzeit kommt.

Ich habe in der Gemeindeküche mit zwei Kollegen etwa 200 panierte Hähnchenschnitzel gebraten. Die haben wir alle zusammen den Gästen an Tischen serviert. Es waren nur kurze Gespräche, und es ging längst nicht immer nur um ihre persönliche prekäre Situation, aber sie haben mich berührt.

Neue Perspektiven

Zum ersten Mal im RIAS-Programm dabei war ein Besuch beim Internetportal Buzzfeed. Das ist mit seiner deutschen Webseite, die in Berlin produziert wird, vor allem als Unterhaltungsmedium bekannt; in den USA hat das Team allerdings schon damit begonnen, auch politischen Journalismus zu betreiben. Schon allein, weil dort die meisten Mitarbeiter zwischen 20 und 30 Jahren alt sind, eröffnen sie damit neue Perspektiven. Nachdem sich die anfängliche Angst deutscher Journalisten vor Buzzfeed gelegt hat, könnte sie durch diesen neuen Ansatz auf Dauer durchaus zur Konkurrenz werden.

Die Medienwelt ist im Wandel, und sie wird es bleiben. Impulse kommen dabei vor allem aus den USA — nicht nur von den Journalisten dort, sondern vor allem, weil hier die Technologien entwickelt werden, die künftig zwischen uns Journalisten und unseren Nutzern stehen werden. Dass die RIAS-Berlin-Kommission jedes Jahr etwa 20 Journalisten die Möglichkeit eröffnet, sich einen Teil dieses Wandels direkt vor Ort und durch Gespräche mit Kollegen anzuschauen, ist ein großes Glück auch für die Entwicklung des Journalismus in Deutschland.

Ein letzter Trumpf gegen Trump

Zurück zum U.S.-Präsidentschaftswahlkampf. Wenn Donald Trump und Hillary Clinton als offizielle Kandidaten ihrer Parteien nominiert sein sollten, wird sich auch ihre Präsenz auf Werbetafeln erhöhen. Wahrscheinlich wird Frank Underwood dann auch im Straßenbild von Washington eine geringere Rolle spielen — schon allein, weil die aktuelle Staffel längst vollständig veröffentlicht und die Spannung raus ist. Es sind schon Parallelen zwischen Donald Trump und Frank Underwood gezogen worden. Auf die Unterstützung des sozusagen amtierenden Präsidenten FU könnte sich DT wohl nicht verlassen, mutmaßte Kevin Spacey bei CNN.

Dennoch wird der Wahlkampf wahrscheinlich ungewöhnlich bleiben. Aber das Ende der USA, wie wir sie kennen, ist diese Wahl wohl nicht — auch nicht mit einem Präsidenten Donald Trump. Davon gaben sich jedenfalls die meisten unserer Gesprächspartner in den USA überzeugt. Dass das politische System der USA einen Präsidenten Trump überlebt, ist die eine Sache — ob auch die Welt einen Präsidenten Trump überlebt, allerdings eine andere.

Aktuelle Berichte im Stefan Fries Blog: Link

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Joanna Gottschalk, Deutsche Welle TV, Berlin

Zwischen schwarzen Witwen und Trending News

Wahlkampf um die Präsidentschaftskandidatur — Es hätte kaum eine spannendere Zeit für diese RIAS-Reise geben können. Die meisten Kandidaten schon ausgeschieden, kämpften im April nur noch Donald Trump und Ted Cruz um die Kandidatur für die Republikaner sowie Hillary Clinton und Bernie Sanders auf der demokratischen Gegenseite. Bei ABC in Washington DC empfing uns die Black widow zum Gespräch. Eine junge Journalistin, die während des langen Vorwahlkampfes jeweils einen Kandidaten begleitete. Bisher hatte sie ein wenig Pech und ist so auch zu ihrem Namen gekommen: „Schwarze Witwe“. Zu Beginn des Wahlkampfes wurde sie auf einen republikanischen Kandidaten angesetzt, hat ihn auf Schritt und Tritt begleitet, Wahlkampfveranstaltungen gefilmt, Interviews organisiert, ist im Auto hinterher gereist. Er schied schnell aus, sie folgte für ABC dem nächsten Kandidaten, doch auch der konnte sich langfristig nicht behaupten. „Ihre“ Männer schieden also einer nach dem anderen dahin. Und nun war sie Trump auf den Fersen. Von Veranstaltung zu Veranstaltung durch alle Bundesstaaten, kaum Privatleben, 24 Stunden für ihren Sender erreichbar, Nächte in Autos — Producer, VJ, Cutter in einem und das über viele Monate. Wir erhielten spannende Einblicke in ihre Arbeit als embedded journalist im Wahlkampf. Die Tatsache, dass schon zwei Ihrer vorherigen Kandidaten verloren hatten, erweckte bei mir zumindest die Hoffnung, dass auch Trump dieses Schicksal ereilen wird und die black widow ihrem Namen alle Ehre macht.

Die Strippenzieher

Für Aha-Erlebnisse sorgten auch die Besuche bei verschiedenen Thinktanks, wie der konservativen Heritage Foundation, die einen fast schon skurrilen House of Cards Eindruck hinterließ. Unsere Gesprächspartner sagten ganz offen, ihre Aufgabe sei es, die Abgeordneten im Kapitol zu beeinflussen. Interessanterweise mochten sie sich nicht auf einen republikanischen Kandidaten festlegen, auch wenn der deutliche Eindruck entstand, dass Trump nicht ihr Favorit sei. Auf der anderen Seite die Brookings Institution, die ihrerseits politische und ökonomische Analysen vornimmt, damit aber eher die Werte der Demokraten anspricht. Sowie das progressive Media Matters Center, das die Wahl-Berichterstattung in den U.S.-Medien analysiert, um auf die Fehlinformationen durch die republikanischen Bewerber und vor allem durch die konservativen Medien hinzuweisen. Es war spannend durch das RIAS-Journalisten-Programm beide Seiten kennenzulernen und gerade die Off-the-Record Gespräche gaben interessante Einblicke in die amerikanische Welt der Politik- und Meinungsmacher.

Nur keine Langeweile

Neben der Berichterstattung über die Vorwahlen war das Thema der Aufmerksamkeit und Zuschauerbindung beherrschend. Alle großen Sender buhlen mit mehr oder weniger exklusiver Berichterstattung um die Gunst der Zuschauer und sind doch ratlos angesichts der Abwanderung der Rezipienten ins Internet. MSNBC zeigte uns seine Versuche, die Zuschauer bei der Stange zu halten. Lange galt der Sender als eher liberal, nun versuchte man sich neutral zu positionieren, vielleicht weil die Einschaltquoten zu tief im Keller waren. Während die konservativen Wähler in den USA treue FOX-Zuschauer sind, wechseln die Anhänger der Demokraten zwischen verschiedenen TV-Angeboten hin und her wurde uns erklärt. MSNBC hatte seine Reporter rausgeschickt, mit den Wählern auf der Straße und in Restaurants zu sprechen. Die MSNBC Journalistin zeigte uns Beispiele der Vorwahl-Berichterstattung ihres Senders. Interviews auf der Straße und Live-Schalten der Reporter. Doch während wir uns ein Beispiel dieser Berichterstattung bei MSNBC ansahen blieb inhaltlich kaum ein Wort hängen, jedenfalls bei mir. Während eine Reporterin in die Kamera sprach, lief unter ihr ein Laufband — ob mit Börsenkursen oder Kurzmeldungen kann ich gar nicht sagen, denn mein Blick ist abgelenkt von dem großen Fenster auf der rechten Seite des Bildschirms, das mir zeigen sollte welches Thema als nächstes gesendet werden würde, darin waren schon Bilder des nächsten Beitrags oder Interviews zu sehen. Auch in der linken oberen Hälfte des Fernsehers flackerten Meldungen auf — eine wahre Bilderflut. Wie viele Inhalte bleiben wohl bei dem durchschnittlichen U.S.-Zuschauer hängen? Diese Frage irritierte die MSNBC Journalistin. Darüber machen sie sich keine Gedanken, sagte sie, wichtig sei, dass die Zuschauer nicht abschalten.

Der Herzschlag der sozialen Medien

Doch in Wirklichkeit, das wurde in kleinen wie großen News Redaktionen deutlich, ist der Zuschauer vor dem Bildschirm längst nicht mehr das Maß der Dinge. Laut einer Studie des PEW Instituts beziehen 50 Prozent aller Amerikaner Neuigkeiten zum Tagesgeschehen über soziale Medien. So wird mit Hochdruck ausgewertet und beobachtet was die Aufmerksamkeit dieser Nutzer erweckt. Das Analysetool Chartbeat verspricht Unterstützung. Wie kommen die eigenen Beiträge beim Publikum an, wie viele Views erreichen sie, was wird wie oft geteilt und geliked und noch viel wichtiger: der Blick auf die Konkurrenz. Chartbeat bündelt diese Informationen auf riesigen Bildschirmen in nahezu jeder Redaktion, die ich in den USA besucht habe — von CNN bis zum kleinen Lokalsender in Cleveland, Ohio. Die Chartbeat Analysen sorgen für Druck und das in Echtzeit. Sollte der Titel einer Geschichte zwecks höherer Klickzahlen reißerischer gestaltet werden oder sollte man vielleicht ein völlig irrelevantes Thema in den Newsstream einbeziehen, das in dieser Sekunde im Trend liegt? Manchmal entscheidet einzig die Beliebtheit einer Geschichte, ob diese weiterverfolgt wird.

Jeder Klick zählt

Die Nutzung sozialer Kanäle interessierte mich besonders während dieser RIAS-Reise und ich stand zugegebenermaßen lange vor besagtem Bildschirm in der Redaktion von Channel 3, einem Lokalsender in Cleveland in dem mein Host arbeitete. Die diversen Heroin-Toten der Stadt erhielten viel Aufmerksamkeit, vermeintliche Geistersichtungen und das Video von einem prügelnden Lehrer wurden ebenso geteilt. Die Social Media Redakteurin erklärte mir, sie schaue vor allem was bei der Konkurrenz gut läuft und schreibe dann auch einen Post zu dem Thema, Verbrechen und Tiere seien immer in den Top Ten. Mit etwas Erleichterung musste ich feststellen, dass auch die U.S.-Sender keine feststehenden Social Media Strategien haben. Es wird viel experimentiert und von den Journalisten erwartet, alle Plattformen irgendwie neben ihrer Reportertätigkeit mit zu bedienen — das kommt uns allen sicher bekannt vor.

Awesome…

Washington DC, Cleveland, New York City — jeder dieser Orte, die Begegnungen und Gespräche haben einzigartige Eindrücke hinterlassen, die ich ohne das RIAS-Journalisten-Programm nicht hätte erleben dürfen. Darüber hinaus habe ich durch dieses Programm eine wunderbare, bunt gemischte Gruppe von Kollegen aus Deutschland kennengelernt, die weit über die gemeinsame Reise hinaus eine Bereicherung sind.

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Elise Landschek, Norddeutscher Rundfunk, Hamburg

Flughafen Washington Dulles, Dienstag, 5. April, 15.26 Uhr
Völlig überdreht vor lauter Vorfreude auf mein erstes Mal USA trete ich nach 12 Stunden Sardinenfeeling im Flugzeug auf den Einreisebeamten zu. Mein überschwängliches „How are you“ erntet allerdings nur ein kurzes, misstrauisches Aufschauen. Der ehemalige Militärangehörige malt ein dickes C auf meine Bordkarte. Wortlos winkt er mich weiter, ab zur separaten Extra-Einreisebefragung. Nur wenige gehören zu den Auserwählten dieses bis zu drei Stunden dauernden, nervtötenden Prozederes und ich darf dazu gehören. Auch das ist Amerika. Welcome!

Washington D.C.
Die Gruppe beschnuppert sich zum ersten Mal im Foyer unseres Hotels in Washington. Ja, das könnte was werden. Schon ein paar Tage später hat sich eine Art Magnetismus zwischen uns entwickelt. Wir werden für die nächsten drei Wochen nicht mehr voneinander lassen, die Tage sind lang, die Nächte kurz. Selbst während der station week prasseln die Whatsappnachrichten aufs Telefon, dass es beim Anschalten nur so in den Ohren klingelt.

In Zweierreihen marschieren wir mit unserer Stadtführerin durch die Memorials der Hauptstadt. Denkmal after Denkmal. Man erinnert halt gern an vergangene Heldentaten. Koreakrieg. Vietnam. Die Rassenverfolgung.

Großartig ist danach das Treffen mit Marilyn von NPR. Sie nimmt sich viel Zeit für uns und erzählt sehr persönlich von ihrem Leben als Journalistin in den USA, den Herausforderungen eines publikumsfinanzierten Senders und natürlich auch, es ist ja Vorwahlkampf, von ihrer Sicht auf Trump, Sanders, Hillary und Co.

Das gleiche Thema beherrscht auch unseren Besuch bei der Brookings Institution und der Heritage Foundation, zwei der berühmtesten Think Tanks der USA, der eine liberal, der andere konservativ. So sehr unterscheiden sich beide nicht in ihren Positionen, nur das sie es in unterschiedliche Worte fassen müssen. Trump ist ein No-Go, spaltet die Republikaner und bringt Amerika den Untergang, vielleicht aber auch das Erwachen. Hillary ist das kleinere Übel, große Alternativen gibt es gar nicht mehr.

Die Woche Washington fliegt nur so vorbei. Eines Morgens sind die Wolkenkratzer vor meinem Fenster höher, die Bäume kahler und das Wasser im Fluss tiefgrün. Chicago!

Chicago — station week
Das was ich von Chicago bis dato wusste: viele Blueskneipen (Chicago-Jazz!), Drehort von Emergency Room und U.S.-Hauptstadt der Toten durch Schießereien. Die meisten Chicagoer wollen gerade letzteres nicht gerne hören. Der Spike-Lee-Film ChiRaq, den ich ziemlich gut fand, floppte genau deswegen in der Stadt — unter anderem auch bei meinem Host, Ryan Burrow. Als Reporter berichtet er fast jeden Tag über die Vorfälle in der Chicagoer Southside, er findet, eine Komödie darüber zu drehen, wie es Spike Lee getan hat, geht am Thema vorbei.

An meinem ersten Tag an seinem Arbeitsplatz, dem privaten Radiosender WGN, ist auch der ecuadorianische Präsident zu Gast. Großes Hallo, sowohl für ihn als auch für mich. Nachdem der Präsident und seine Garde wieder zur Drehtür eskortiert wurden, bittet mich Ryan ins Sendestudio, einem kleinen Raum zu ebener Erde, von draußen schauen neugierig Touristen durch die bodentiefen Fenster. Ich bekomme Kopfhörer auf, meine Mikrotaste leuchtet rot, und dann geht’s los. Völlig unverhofft bin ich auf einmal Studiogast. Was ich zu Trump sage, zur Flüchtlingskrise in Deutschland und zur berühmten Chicagoer Pizza. Nach dem ersten Schock werde ich warm und erzähle in holprigem Englisch drauf los. Ich bin fast schon traurig, als das rote Licht wieder erlischt. Es folgen die Nachrichten und der zweite Schock: der Moderator beginnt die News mit folgender Einleitung: „Sitzen sie bequem auf ihrem Bürostuhl? Wenn nicht, dann empfehle ich ihnen folgende Firma, erreichbar unter der Telefonnummer Soundso, auf der Website irgendwas dot com“. Die Werbung wird hier tatsächlich vom Moderator selbst in die Nachrichten eingeflochten, ohne irgendeine erkennbare Distanz. Irre, für mich als öffentlich-rechtliches Gewächs.
Am Abend besuche ich mit Ryan und seinen Freunden mein erstes Baseballspiel. Ich habe die Regeln und den Sinn des Spiels bis heute nicht verstanden, dafür aber trotzdem drei Stunden lang viel Spaß gehabt. Gehört eben dazu, in den USA.

Nach nur drei Tagen wechsle ich zu meiner zweiten Gastgeberin, Jennifer Keiper bei WLS, ebenfalls eine private radio station. Auch hier bin ich gleich wieder on air in einer two-man-show, zum Glück habe ich diesmal vorher die berühmte Chicagoer Pizza probiert (viel Käse, viel Teig) und bin demnach auf die Frage vorbereitet. Meinen letzten Abend verbringe ich dann in einem Bluesclub. Chicago, i’ll be back.

New York
Die Gruppe ist wieder glücklich vereint. Bei unserem ersten Abend bei Dosenbier im Hotelzimmer versteht man kein Wort, weil alle aufgeregt und durcheinander von ihren Erlebnissen erzählen. Helikopter-Flug über Las Vegas! Snowy Mountains in Denver! Ölwüsten in Odessa! An unserem ersten Programmtag schauen demnach alle etwas käsig aus ihren Business-Outfits. Wir bekommen eine Führung durch die Gebäude der Vereinten Nationen und besuchen eine Pressekonferenz mit dem ehemaligen britischen Premier Gordon Brown. Der stellvertretende Pressesprecher der UN erklärt uns hinterher in einer Art Hintergrundgespräch ein paar interessante Facts, off the record natürlich.

Bei unserem Treffen im Deutschen Haus kriegen wir ähnliche Fakten nochmal aus deutscher Perspektive aufbereitet. Außerdem sind wir in New York in der Suppenküche der St. James-Chruch zu Gast. Edle Boutiquen, dicke Autos, geharkte Tulpenbeete: nicht unbedingt ein Viertel, wo man viele Obdachlose vermutet. Und doch: es gibt hier sehr viele arme und gestrandete Menschen. Wir RIAS-Journalisten frittieren Schnitzel und schneiden Salat. Und servieren es unseren Gästen. Ich finde dieses Zusammentreffen etwas aufgesetzt und habe das Gefühl, dass es unseren Gästen auch so geht. Aber auch das verbuche ich unter: interessante Erfahrung.

Toll, dass es so etwas wie das RIAS-Programm noch gibt. Drei Wochen lang geballte Information, viele neue Bilder und Eindrücke im Kopf, zurecht gerückte und bestätigte Vorurteile. Viele neue Fragen ergeben sich, nachdem die ersten gerade beantwortet wurden, eine Menge Stoff für zukünftige Recherchen füllt mein Notizbuch. Das wird definitiv nicht mein letztes Mal in den USA gewesen sein.

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Judith Pape, Norddeutscher Rundfunk, Hamburg

Mein Flugzeugnachbar mag meinen Blick ganz richtig interpretiert haben. „Die Schönheit liegt nicht auf, sondern unter dem Grund“, sagt er grinsend, während ich aus dem Fenster der kleinen Propellermaschine auf den staubigen Grund unter uns starre. Die unermüdlich wippenden Arme der „Pumping Jacks” visualisieren, was er meint: ”It’s all about the oil.“

The Hidden Beauty
Es lohnt nicht nach Schönheit zu suchen in Midland/Odessa, der Öl-Retortenstadt im Südwesten Texas’, in die mich die „Station Week“ gebracht hat. Nach Verlassen des Flughafens wird dies eindrücklicher: Wüste und Staub, dazu ein Ort, der aus Drive-Inns zu bestehen scheint: Minutenlang warte ich beim Fahren auf das Ende des Industriegebietes — vergeblich. Autos, groß wie Häuser, verstopfen die Straßen, Leuchtreklamen schreien mir entgegen. Die Männer tragen Cowboyhut, die Frauen 90er-Gedächtnisföhnwelle. Über allem liegt ein morbider Schleier, denn auch unter dem Grund läuft es bei den weltweit schlechten Ölpreisen derzeit nicht rosig. Die ”Pumping Jacks” fördern zwar unermüdlich, aber es kommt weniger Geld pro Barrel dabei rum. Dennoch wähne ich mich am besten Ort der Welt, denn er fügt meinem kaleidoskopartigen Eindruck von den USA eine neue Facette hinzu. Genau das ist es, was das RIAS-Programm so auszeichnet. Und dann ist da noch David, mein Host beim TV-Channel CBS7. Er ist Reporter, Kameramann, hyperaktiv, Handy- sowie Taco-addicted und der fürsorglichste Betreuer, den ich mir wünschen kann. Innerhalb von vier Tagen karrt er mich über 700 Meilen durch die Wüste, beantwortet geduldig die abwegigste Frage zum Lone-Star-State und ist auch dann noch nicht müde, mich in die Feinheiten des Baseballs einzuweisen.

Multi-Tasking ein Must
David ist es auch, der mir die beste Übersetzung für unsere Eierlegende Wollmilchsau liefert: „Swiss-Army-Knife”. Schweizer Taschenmesser, so nennen er und seine Kollegen sich. Sie alle sind Reporter, Kameramann, Cutter und Socialmedia-Betreuer in einer Person — meistens gleichzeitig. Noch stärker als die größeren Networks steht der kommerzielle Sender unter finanziellem Druck. Permanent wird gespart. Dementsprechend multi-tasking-fähig müssen die Mitarbeiter sein. Gesendet wird zudem, was Quote bringt und das sind die lokalen Themen. In kürzester Zeit bekomme ich einen Überblick über alle relevanten Debatten: das Tragen von Waffen in der Öffentlichkeit, traditionelle gegen erneuerbare Energien, Sicherheit an der Grenze zu Mexiko und Wetter, Wetter, Wetter. CBS7 ist der Quotenkönig der Region. Sein durchschnittlicher Zuschauer ist weiblich, im Alter zwischen 40 und 60 und hat den Fernseher vor allem nebenbei (in der Küche) laufen. Um diese Ladies zu packen, wird möglichst emotional berichtet und nah an den Zuschauern: Von unserem Besuch bei der „Border Patrol“ an der mexikanischen Grenze geht die Reporterin in einer Sendung vier Mal live. Fragen und Interviewpartner rekrutiert sie während des Drehs mit Hilfe von Facebook-Live . Mitunter macht sich die Arbeitsverdichtung und die Geschwindigkeit auf dem Bildschirm negativ bemerkbar. Dennoch hat mich die Angstfreiheit, mit der die Kollegen in Midland auch mal das Unperfekte zulassen und Social Media für sich nutzen, beeindruckt.

Roter Faden — Weißes Haus
Die Welt außerhalb der texanischen Grenze spielt im Programm von CBS7 keine Rolle. Die U.S.-Wahl wird zur Randnotiz. Im Gegensatz zu unserem RIAS-Programm in Washington D.C. und New York: „Der Kampf ums Weiße Haus“ ist der rote Faden unserer Reise. Was haben wir für ein Glück exakt den Zeitpunkt zwischen Primarys in Wisconsin und NYC erwischt zu haben. Wie können Extremkandidaten wie Donald Trump auf der rechten und Bernie Sanders auf der linken Seite so erfolgreich sein, ist die Frage, die uns umtreibt? Eine der besten und umfassendsten Antworten liefert uns gleich zu Beginn Radio-Journalistin Marilyn Geewax von NPR: Trotz der gut laufenden Wirtschaft und geringer Arbeitslosenquote gibt es einen Teil der weißen Mittelschicht, der sich abgehängt fühlt. Dieser Teil lebt in Iowa, Kentucky oder einem anderen Bundesstaat in den Weiten Amerikas. Sein Drama ist, dass es durch Outsourcing weniger klassische Industriejobs gibt, mit denen sich ein bürgerliches Leben mit Haus und Familie finanzieren lässt. Sie haben wenig Geld, noch weniger Hoffnung und bewundern Donald Trump. Bernie Sanders findet seine Anhänger zudem unter den Studenten, denen er eine Abschaffung der Studiengebühren — und damit ein Ende der Frühverschuldung — verspricht.

Zerbricht die republikanische Partei?
Aber am Ende reicht es weder für Sanders noch für Trump, ist sich Molly Reynolds sicher. Denn dann wird Hillary Clinton die nächste bzw. erste Präsidentin der USA, erklärt uns die Innenpolitik-Expertin der BrookingsInstitution, einer der ältesten Think-Tanks der USA mit Sitz in der Hauptstadt. Spannender als die Frage nach dem Wahlausgang ist für Molly die Entwicklung der Republikaner. Die Partei drohe sich wegen ihrer Zerstrittenheit zu spalten. Ein polarisierender Kandidat wie Trump befördere dies nur. Ein Ende des Zwei-Parteien-Systems? PräsidentIN? Der November wird’s zeigen. Bei ABC News treffen wir eine der Reporterinnen, die Bernie Sanders ganz nahe kommt. Arlette Saenz ist ein „Girl on the bus“ — eine Reporterin, die einen Präsidentschaftskandidaten auf seiner U.S.-Tour möglichst ununterbrochen begleitet und über seine Entwicklung berichtet. Eine Praxis, die nahezu alle großen Sender der USA praktizieren. Wir sind beeindruckt von ihrem atemlosen Einsatz und ihrer Energie.

Grabenkämpfe sind Vergangenheit
ABC, einer der drei großen Sender der USA, bietet auch vorbildliches Anschauungsmaterial, was die Entwicklung des Newsrooms anbelangt. Die immer beschworene Vernetzung von Print bzw. Broadcast mit Online — hier ist sie vollzogen, räumlich und gedanklich. Das belegen auch die Besuche bei der New York Times, CNN und WNYC. Über Grabenkämpfe, von denen wir berichten, können die U.S.-Kollegen nur milde lächeln. Sie gehören in den Staaten inzwischen der Vergangenheit an. „Nimmt sich WNYC noch als klassisches Radio oder eher Multimedia-Unternehmen wahr?“, darauf antworten die Kollegen nur mit einem Schulterzucken. Das Denken in alten Kategorien behindere die journalistische Arbeit. Von vielen Impulsen und Ideen, die die Kollegen präsentiert haben, werde ich noch lange zehren.

Out of many, one
„Out of many, one“, prangt in geschwungenen Lettern an der Kuppel des Capitols, zu der wir an unserem ersten Tag in Washington noch die Hälse reckten. New York macht noch einmal mehr deutlich, was dieses „many“ bedeutet, wie vielfältig die USA sind. Nach dem aufgeräumten Politikzentrum D.C. und dem konservativen Öl-Mekka Texas bewegen wir uns nun durch das hippe Manhattan. Stundenlang könnte ich nur in den Straßen sitzen und die Gesichter beobachten. Aber es bleibt keine Zeit, denn unser Programm ist so vielfältig wie die Stadt selbst: UN, American Jewish Committee, Bloomberg News. Während wir in einem Moment noch Gemüse für die Suppenküche der St. James Church auf der Upper East Side schnippeln, sitzen wir als Nächstes bei den „Listicle“-Profis von Buzzfeed. Die erklären, zu unser aller Erstaunen, dass sie künftig neben der Unterhaltung stärker auf klassische Berichterstattung setzen wollen. Schwer vorstellbar, bei all’ den Katzen-Videos und „Woran du merkst, dass“-Listen, die derzeit noch die Seiten füllen. Doch die U.S.-Wahl soll als Testlauf dienen.

Nur ein Augenzwinkern
„Ihr werdet euch am Ende fragen, wo die Zeit geblieben ist“, prognostizierte Jon bereits am ersten Tag bei der Vorstellungsrunde. Wie recht er behielt! Die Zeit ist gerast: Das lag am spannenden Programm, den abwechslungsreichen Gesprächspartnern und nicht zuletzt an unserer Gruppe. Wie viele vor mir haben schon geschrieben, dass ihre RIAS-Gruppe die beste aller Zeiten gewesen sei? Dieses Mal stimmt es wirklich! Davon zeugen auch die bislang 1497 Nachrichten, die wir via Whatsapp hin- und hergeschickt haben. „Many more to come.” Am Ende fällt es schwer zu sagen, wie sie nun sind, die USA. Möglicherweise noch schwerer als vor der Reise. Es gibt kein einheitliches Bild. Jeder Bundesstaat ist eine Welt für sich. Die Wahlen werden zeigen, wie vereinigt diese Staaten von Amerika noch sind. Das zu beobachten, zu analysieren und zu melden wird mir, dank dieser Reise, leichter fallen. Das Programm hat meinen Blick geschärft. Nicht zuletzt auch auf unser eigenes Land.

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Christian Schlegel, Phoenix, Bonn

Zwischen Wahlkampf und Live-Berichterstattung. Eine Innensicht Amerikas

„Sir, welcome to the United States“ — erst nach diesem überraschend freundlichen Willkommensgruß des U.S.-Grenzbeamten am Flughafen Dulles in Washington, konnte ich es tatsächlich glauben — 18 Tage USA-Aufenthalt standen vor mir. Wie kann ich etwas in Worte fassen, was in mehrfacher Hinsicht so viel mehr war, als nur eine Reise? Es war eine Möglichkeit für mich aus dem Alltag auszubrechen und in verschiedene, neue und völlig andere Welten einzutauchen — im Prinzip also unbezahlbar. Auch wenn ich in meinem Leben zuvor bereits drei Male längere Zeit in den USA verbracht hatte, ist es dennoch eine völlig neue Erfahrung gewesen. Das letzte Mal, als ich amerikanischen Boden verlassen hatte, war die Welt noch eine andere — ich war ungefähr eine Woche vor den Attentaten des 11. Septembers 2001 aus New York nach Deutschland zurückgeflogen. Die Anschläge damals haben die Welt und besonders Amerika verändert. Als promovierter Politikwissenschaftler habe ich seitdem viel über Amerika gelesen, geschrieben und gesehen. Ich habe seitdem geheiratet und war Vater zweier Töchter geworden. Ich hatte mich auch im Journalismus beruflich weiter entwickelt. Meine Perspektive hatte sich also gewandelt.

Umso spannender war es, in diesen, auch für amerikanische Verhältnisse, völlig verrückten Präsidentschaftswahlkampf 2016 einzutauchen. Milliardär Donald Trump, der als republikanischer Kandidat angetreten war, hatte den Ton der Debatte deutlich verschärft. Aber auch auf demokratischer Seite sorgte Bernie Sanders dafür, dass der Wahlkampf populistischer geworden war. Durch ihn waren plötzlich Themen salonfähig geworden, die zuvor in den USA als unmöglich realisierbar hingenommen worden waren und die für Deutsche fast selbstverständlich sind: Krankenversicherung für alle, mehr Kontrolle der Banken und kostenlose Universitäten.

Unser Hotel in Washington, D.C., war etwa fünf Minuten entfernt vom Amtssitz der amerikanischen Exekutive, dem Weißen Haus. Die Frage war: Wie beeinflussen die Medien den ohnehin schon aufgeheizten Wahlkampf? Der linke Think Tank Media Matters beschäftigte sich mit diesem Thema und hat vor allem den Sender Fox im Visier, wo konservativ-rechte Kommentatoren für die Republikaner Wahlkampf machen; im Stile also des konservativen Think Tanks, der Heritage Foundation, der wir einen Besuch abstatteten. Ausgewogener präsentierte sich da das Brookings Institute. Das Problem, das sich für alle politischen Richtungen stellte, war, dass der wirtschaftliche Aufschwung in den USA nicht bei der unteren Mittelklasse ankommt. Die Diagnose war auf beiden extremen Flügeln der Parteien gleich, nur die Rezepte unterschieden sich fundamental.

Dass sich unsere journalistischen Herausforderungen nicht so sehr von denen in den USA unterschieden, zeigten die Diskussionen, die wir beim National Public Radio, NPR, dem öffentlich finanzierten Radio und bei ABC Newschannel mitbekamen. Social Media bestimmte dort zunehmend die Überlegungen der täglichen Berichterstattung, sie findet in den Newsrooms als ein weiteres Werkzeug des Journalismus statt. Umso deutlicher wurde die Bedeutung dieses Trends im Washingtoner Newseum, einem Museum über die Geschichte des Journalismus. Dort lag unter anderem die erste New York Times aus, aber auch andere Exponate, die zur Print- und Fernsehgeschichte der vergangenen Jahrzehnte gehörte. Konnten Zeitungen und Magazine früher noch mit echten Exklusivgeschichten aufwarten, die die Welt und den Blick darauf verändern konnten, ist das heute nicht mehr so ohne weiteres möglich. Kriegsbilder können live auf verschiedenen Kanälen im Internet empfangen werden. Ein Skandal wird allzu schnell über social media öffentlich. Welche Zukunft haben da noch Zeitungen, aber auch Radio und Fernsehen? Mit diesen Eindrücken endete die erste Woche in Washington.

Toledo, Ohio, war die Station in der zweiten Woche meines Aufenthalts. Mit meinem Leihwagen mit Automatikgetriebe, der mir anfangs so einige Schwierigkeiten bereitete, fuhr ich über den Interstate von Detroit, eine Stunde lang Richtung Nordosten. Die Straßen waren löchrig, nicht zu vergleichen mit den Standards unserer Autobahnen, ich war im Kern des „rust belt“ der Vereinigten Staaten angekommen. Ein Teil des Landes also, den man ein bisschen mit dem Ruhrgebiet in Deutschland vergleichen kann. Einst waren hier klassische Industriezweige und die Automobilindustrie groß. Der Wirtschaftsaufschwung der jüngeren Zeit war dort aber nicht richtig angekommen. Wenn man sich an dieser Stelle die anhaltenden Diskussionen über die marode Infrastruktur deutscher Straßen vor Augen hält, erscheint einem die Diskussion hierzulande relativ lächerlich.

Ich wurde von meinem Host, Kathy Bradshaw, in Empfang genommen, die mir die Stadt am Fuße des Maumee River näher brachte — einem Fluss, der mindestens die Ausmaße des Rheins hat. Ich verbrachte Zeit an der Bowling Green State University, um einen Vortrag über die Flüchtlingskrise und die Situation in Deutschland zu halten. Zu meinem Erstaunen war der Raum gut gefüllt, die Studenten und Fakultätsangehörigen überaus gut informiert über die Situation in Deutschland. Als ich zum Schluss des Vortrags meinerseits eine Frage an die Zuhörer richtete, nämlich wie sie den zugespitzten Wahlkampf in den USA sahen, war eigentlich nur Unverständnis gegenüber der Position von Donald Trump zu vernehmen. Ein vielleicht typisch akademischer Blick Amerikas auf das Wahlkampfgetöse 2016. Viel weniger politisch, mehr auf Kriminalität, Boulevard und Wetter aufgebaut, waren die folgenden Tage bei WTOL, dem regionalen Fernsehsender, „Toledos News Leader“. Ich war im Gerichtssaal dabei, als ein Mörder verurteilt wurde, dem dort, wie aus amerikanischen Filmen bekannt, in orangener Kleidung mit Fußfesseln und Handschellen der Prozess gemacht wurde: 20 Jahre Haft und weitere fünf Jahre unter polizeilicher Aufsicht. Er hatte seine Frau umgebracht. Genug Stoff für Breaking News. Am letzten Tag meines Aufenthalts bekam ich dann noch einen Blick hinter die Kulissen des U.S.-Profisports. Abendessen mit ehemaligen Stars der National Football League, NFL. Männer, so groß und breit wie ein Baum, aber ausnehmend freundlich und Trump als künftigem U.S.-Präsidenten nicht abgeneigt. Mit diesen Eindrücken des ländlichen Amerikas ging der Flug zurück in den Osten der USA, in die Metropole New York.

Es war laut, hektisch und definitiv internationaler als in Detroit, als ich im Big Apple ankam. Schon der Taxifahrer war aus Bangladesch. Sein Englisch reichte jedoch nicht zu einer Konversation, außer der Tatsache, dass er Deutschland offenbar zugeneigt war, konnte ich wenig verstehen. Die Fahrt nach Midtown Manhattan verbrachte ich daher wortlos — im ersten Moment schockiert vom Anblick der Skyline, die ich bei meinem letzten Besuch vor 15 Jahren noch mit den Zwillingstürmen erlebt hatte. Es war das Bild von New York, das man vielleicht selbst erst als Vergangenheit begreifen kann, wenn man es mit eigenen Augen gesehen hat. Innen drin, im Herzen der Stadt, war es nach wie vor so wie ich es das letzte Mal erlebt hatte, vielleicht noch stressiger, noch voller und unglaublicher. Mein Hotelzimmer im 28. Stockwerk bebte förmlich, diese Stadt klang einfach atemberaubend. Sie war gerade Mittelpunkt der Primaries, der Vorwahlen zur Präsidentschaft. Donald Trump gegen Ted Cruz, Hillary Clinton gegen Bernie Sanders — die Nachrichtensender waren voll mit Berichterstattung darüber. In New York zählte für uns aber auch das Internationale, die Vereinten Nationen standen auf dem Programm, ebenso wie der wirtschaftliche Blick auf die USA, beim TV-Sender Bloomberg. Wir bereiteten Obdachlosen ein Mittagessen, sahen zu wie WNYT, der öffentliche Radiosender New Yorks, seine Hörer mit Katzenvideos im Internet bei der Stange hält. Die jüdische Seite der Stadt lernten wir beim American Jewish Comittee kennen, dem informellen Außenministeriums Israels, wie es der Direktor des AJC formulierte. Die Wertschätzung für Angela Merkel wurde uns dort mit auf den Weg gegeben. Die große Traditionszeitung New York Times lernten wir ebenso kennen, wie den großen Nachrichtensender CNN, der in New York vor allem Wirtschaftsberichterstattung zuliefert. Und wir verbrachten Zeit bei MSNBC, der durch permanente Live-Berichterstattung den Wahlkampf noch näher und aufregender für sein Publikum gestaltete — ein Phänomen, das uns bei allen Fernsehsendern begegnete. Live-Schalten sind allgegenwärtig, gerne mitten im Getümmel und lebensnah.

Nach 18 Tagen USA hatte ich ein umfassendes Bild bekommen, von der politischen, medialen und gesellschaftlichen Situation in diesem faszinierenden Land — hervorragend organisiert und koordiniert vom Team der RIAS BERLIN KOMMISSION, vor allem unserem Ansprechpartner vor Ort, Jon Ebinger. Nebenbei gesagt hatte ich auch ein unglaubliches Glück mit zehn weiteren unglaublich freundlichen, unterhaltsamen und interessanten Kolleginnen und Kollegen aus Deutschland unterwegs zu sein. Mehr als 100 Whatsapp-Group-Nachrichten pro Tag waren ein eindeutiges Zeichen für die gute Atmosphäre in der Gruppe.

Für mich hat sich eins gezeigt: Amerika ist nach wie vor das Land der Gegensätze, der großen Unterschiede, das Land der Individualität. Ein Land, das versucht seine Probleme zu bewältigen. Es leidet an seiner sozialen Ungleichheit und ist zugleich auch irgendwie stolz darauf. Voller Eindrücke fliege ich von Newark zurück nach Frankfurt und bin doch sicher, dass ich Amerika nun besser kenne als vorher. Ganz schlau geworden bin ich auch nach meinem vierten Aufenthalt aus diesem Land nicht. Gefallen hat mir der Umgang der Menschen untereinander, die kleinen alltäglichen Begegnungen und Smalltalks, die ich selbst in New York öfters erlebt habe, als in Deutschland. Verändert hat sich das Land seit meinem letzten Aufenthalt in verschiedener Hinsicht: Sicherheitsmaßnahmen sind allgegenwärtig — und: Bio ist auch in den USA in, wenn auch mit Plastikgeschirr serviert. Eins ist für mich nichtsdestotrotz ganz sicher: I want to come back — ich möchte wiederkommen.

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Ilanit Spinner, Bayerischer Rundfunk, München

Mein ABC Guide zum USA Spring Program 2016

Amerikanische Ortsnamen — Ich bin schon viel gereist aber einem kurioseren Ortsnamen als in New Mexico bin ich noch nicht begegnet. Etwa eine halbe Autostunde von Las Cruces entfernt befindet sich die Kleinstadt „Truth or Consequences“ was so viel heißt wie Wahrheit oder Pflicht. Die Ortschaft ist übrigens bekannt für ihre heißen Quellen und hat 6400 Einwohner.

Baseball — Die älteste Teamsportart in Nordamerika. Rangiert im patriotischen Bewusstsein der Amerikaner gleich hinter Mama, der amerikanischen Flagge und Apfeltorte. Egal ob Washington, San Francisco oder Miami, die Sonntagsspiele sind für die ganze Familie heilig.

Colonias — Gute eine halbe Million Menschen leben in einer der 227 Kolonien in Arizona und New Mexico. In den Siedlungen leben fast nur minderjährige Latinos, die aber die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzen. Es gibt keine Straßen, kein fliessendes Wasser, keine sanitären Einrichtungen, keine Infrastruktur. Die Kolonien gehören zu den größten Armuts- und Ausgrenzungszonen in Amerika.

Donald Trump — Ich verstehe das Phänomen Trump nach den drei Wochen in den USA nun etwas besser. Hinter der Beliebtheit Trumps stecken Politikverdrossenheit, aber auch das Unterhaltungsbedürfnis des Publikums und unterhalten kann er wie kaum ein anderer. Zudem bietet der Milliardär einfache Lösungen an und fährt harte, populistische Linien. Viele Amerikaner betrachten Ihn ähnlich wie wir in Deutschland, als Entertainer. Realistische Chancen der nächste Präsident der Vereinigten Staaten zu werden hat er nach heutiger Sicht wohl nicht.

El Paso — Wir haben fest eingebrannte Stereotype im Kopf, wenn wir an Texas denken. Cowboys, Rancher, oder Rednecks. Dabei hat der „Lone Star State“ (seine Flagge hat nur einen Stern) deutlich mehr zu bieten. Doch ganz ohne Cowboyhüte und Boots habe ich es dann auch nicht geschafft, durch den zweitgrößten Bundesstaat der USA zu reisen. Und ja, ich kann jetzt Two-Step tanzen.

Freunde — 309 Bilder und über 1000 Nachrichten später kann ich getrost sagen, dass wir Teilnehmer des Spring Programs uns als Kollegen zu Beginn des Programmes kennengelernt und als Freunde verabschiedet haben. Durch unsere WhatsApp-Gruppe hatte ich das Gefühl gleich 10 und nicht nur eine Station Week zu erleben. Es wäre ohne euch nicht dasselbe gewesen.

Gerichte — Apple Pie, Burgers, Deep-fried Pizza, Tex-Mex, Bagels, Muffins, Mac’n’Cheese, Doughnuts, Erdnussbutter… die Liste ist endlos. Sehr lecker, sehr reichhaltig und leider auch sehr kalorienhaltig. Gut, dass wir nur drei Woche in den USA waren.

Host — Ein Hauch von Familie, 9200 Kilometer von der eigentlichen Heimat entfernt. Eine fremde Stadt, einen neuen Sender und eine ganze Universität in nur 5 Tagen lieb zu gewinnen ist fast unmöglich. Meinem Host ist es gelungen mich voll und ganz in Las Cruces zu integrieren. Samt Familienanschluss und unvergesslichen Begegnungen.

Innenländische Flüge — D.C.A-IAH-ELP-ATL-EWR….. Ich habe länger gebraucht um von Washington nach Las Cruces zu reisen, als für meinen Flug von Deutschland in die USA. Dadurch wird einem mal wieder bewusst wie groß das Land doch ist.

Juarez — Mit der höchsten Mordrate der Welt wurde die Grenzstadt zum Symbol des mexikanischen Drogenkrieges. Es ist nur ein kurzer Spaziergang vom Zentrum El Paso über eine Brücke, direkt ins Herz von Juarez. Und doch fühlt es sich an, wie eine andere Welt. „Tan lejos, tan cerca,“ sagen die Mexikaner, in weiter Ferne so nah. Gleich neben der Grenzkontrolle ragt ein Mahnmal für die vielen toten Frauen auf. Ein riesiges rosa farbiges Holzkreuz, in das Hunderte von Nägeln eingeschlagen sind. Es ist alles in der Stadt etwas heruntergekommen, aber richtig bedrohlich wirkt es erstmal nicht. Nur über die Drogen-Kartelle sollte man auf offener Straße nicht sprechen.

Komische Gesetze — Für eine besonders große Erheiterung sorgte eine Vorlesung an der Uni von New Mexico über komische amerikanische Gesetzte. So dürfen in Lee County, Alabama, während dem Sonnenuntergang keine Erdnüsse verkauft werden, allerdings nur Mittwochs. In Atlanta Georgia, ist es gesetzlich verboten Giraffen an Telefonmasten anzubinden und in Denver, Colorado, ist es untersagt, dem Nachbarn einen Staubsauger auszuleihen.

Las Cruces — Mein erster Besuch in New Mexico — dem Land der Verzauberung. Wildwestromantik, spannende Kulturstätten und scharfe Speisen inklusive. Wenn die Sonne in den Organ Mountains untergeht und selbst den Rio Grande in rotes Licht taucht, dann ist das ein Anblick den man nie vergessen wird.

Mexikanisches Essen — Vertraue niemals einem Local wenn er dir sagt, dass Chilis rellenos (Gefüllte Chilis) nur ein wenig scharf sind. Und nein, die roten sind nicht milder als die grünen.

New York — Aufregend und anstrengend. So würde ich die Stadt die niemals schläft beschreiben. Und unglaublich laut. Egal wo man hingeht, egal um welche Uhrzeit. Selbst in den Taxis ist man vor lauter Musik und Werbung nicht sicher. United Nations, Bloomberg, CNN, Buzzfeed, The American Jewish Committee, WNYC, MSNBC… und das alles in vier Tagen. So haben wir neben den spannenden Meetings auch die Stadt und die unterschiedlichen Viertel etwas kennenlernen dürfen.

Open for business — Es ist alles immer geöffnet. Green Smoothie mit viel Grünkohl mitten in der Nacht? Noch mal schnell zur Apotheke Blasenpflaster kaufen um 3 Uhr in der Früh? Kein Problem. Hier hat alles 24 Stunden, 7 Tage die Woche, geöffnet.

Patriotismus — Amerikaner lieben ihr Land. Und das lassen sie einen auch wissen: mit gefühlten zehn Fahnen pro Einwohner und einem inszenierten Film über das Land zu jeder sich bietenden Gelegenheit. Dabei geht es ihnen nicht darum, ihre Überlegenheit anderen gegenüber zu feiern, sondern zu zeigen, dass sie in einem freien Land leben, in dem es einiges gibt worauf sie stolz sind.

Quintessenz — Noch nie habe ich in knapp drei Wochen so viel unterschiedliches erlebt und noch nie sind drei Wochen so schnell vergangen. Mein Fazit: wir können noch einiges von unseren amerikanischen Kollegen lernen, gerade im Bezug auf die digitale Medienwelt. Ansonsten ist es beruhigend zu sehen, dass die Probleme der trimedialen Nachrichtensender überall die gleichen sind.

RIAS — Ich bin sehr dankbar nun auch offiziell zur „RIAS-Family“ zu gehören. Ob in Berlin, Washington, New Mexico oder New York, der Austausch mit den jeweiligen Fellows war spannend und bereichernd. Und ich freue mich schon ganz besonders auf unsere Reunion mit meinen Fellows im Juni in Berlin.

Sport — Ein wesentlicher Bestandteil in den USA und besonders wichtig für viele Studenten. Da die Studiengebühren in Amerika so hoch sind müssen sich viele junge Menschen ihr Studium über ein Sportstipendium finanzieren.

Turnschuhe — Mein Schrittzähler kann es noch immer nicht fassen. Bis zu 20.000 Schritte am Tag sind wir teilweise gelaufen. Ohne Turnschuhe undenkbar. Also ganz amerikanisch rein in die Sneakers, die high-heels in einer Tüte mitnehmen und vor den Meetings schnell Schuhe wechseln.

Universität von New Mexico — Die NMSU ist besonders für ihre Forschung und Lehre im Bereich der Raumfahrt bekannt. Doch auch die Fakultät für Journalistik ist nicht zu unterschätzen. Während meiner Station Week durfte ich hier diverse Vorlesungen halten. Eine bereichernde Erfahrung mit aufgeweckten Studenten und tollen angehenden Journalisten. Danke für das „verjüngende“ Abschiedsgeschenk: mit meinem Uni-Hoodie haben mich alle am Flughafen für eine Studentin gehalten.

Vielfalt — Kaum ein anderes Land verbindet so viele Kulturen miteinander wie die USA. Einwanderer aus Deutschland, Frankreich, Südamerika und Indianer in ihren Reservaten sind für den exotischen und durchaus interessanten Mix verantwortlich. Schon die erste Stunde in Washington war diesbezüglich wegweisend: der Taxifahrer aus Eritrea der mit mir über Merkels Flüchtlingspolitik sprechen wollte und der schwarze Concierge aus Boston der die ersten zwei Jahre seines Lebens in Nürnberg gelebt hat und sich zurück in den USA im Kindergarten geweigert hat etwas anderes als seine bayerische Lederhose zu tragen.

Washington — Die „Washingtonians“, wie sich die Bewohner nennen, kommen fast alle aus anderen Staaten und haben panische Angst vor Schnee. Ihre Lieblingsbeschäftigung: Kontakte knüpfen und den nächsten Karriereschritt vorbereiten. Die wichtigste Stunde des Tages: die Happy Hour.

XL- Von den Naturwundern bis hin zu den Wolkenkratzern wie das neue One World Trade Center, lebt die USA getreu dem Motto „bigger is better“. Hier kommt alles in Größe XL, inklusive der Straßen und Parkplätze.

YMCA — Kein gelungener Trip ohne eine Karaoke Bar. Stefan und Korbinian: die Backstreetboys können einpacken. Steffi, du bist meine große Gesangs-Königin

Zmombie — Unsere Lieblingsfrage: what is the wireless password? Wir alle waren drei Wochen lang Zombies (es gibt ganz viele Beweisfotos). Das Jugendwort des Jahres setzt sich aus den Begriffen Handy und Zomby zusammen. Gemeint sind Menschen, die im öffentlichen Raum, wo sie gehen und stehen, in Geschäftsräumen und beim essen, mit einem Mobiltelefon telefonieren und dabei für die Realwelt keine Wahrnehmung zeigen.

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Harriet von Waldenfels, WeltN24, Berlin

Kaum bin ich in Denver angekommen heißt es: Hoffentlich kommst du hier auch wieder weg. Ein tatsächlich sehr gut gemeinter Empfang, wie ich schnell feststelle, denn bis zum Wochenende sollte sich ein übler Schneesturm über den Rocky Mountains zusammenbrauen. Die Schließung des Flughafens droht.

Die Rocky Mountains — eine wirklich malerische Kulisse, die aber ungemütliche Wetterumschwünge mit sich bringen kann. 1.600 m über dem Meeresspiegel — da ist von Sonnenbrand bis Schneesturm alles dabei. Als am Abend vor meinem Abflug nach New York 80% aller Flüge gestrichen werden, bricht Telefon-Chaos aus. Mein Host Mark und ich rufen bei diversen Airlines ein, Umbuchung erfolglos. Wider Erwarten hebt meine Maschine als eine der letzten doch noch Richtung Ostküste ab.

So viel dazu, wie ich aus Denver wegkam, viel wichtiger aber die Tage davor:
Drei sehr fürsorgliche Hosts, die mich vor Anreise mehrmals nach meinen Wünschen und Vorstellungen fragen, alles genau planen. Besonders interessant: Verschiedene Fernsehsender zu sehen, die für unterschiedliche Networks arbeiten. KCNC ein O&O (Owned-and-operated) von CBS, KUSA ein NBC-Affiliate, KMGH ein ABC-Affiliate. (Modul 1 „Mediensystem in den USA“ damit erfolgreich bestanden — hat allerdings auch mehrerer Gespräche bedurft.)

Ich stelle fest: Vieles läuft wie bei uns. TV-Studio ist TV-Studio, Newsroom Newsroom und auch die Regie kein Hexenwerk. Allerdings: In einem sind die Amerikaner uns tatsächlich um Längen voraus: Während der Reporter noch unterwegs ist und Interviews für sein Stück führt, setzt er bereits 2-3 Tweets in die Welt, noch bevor wir wieder im Sender sind. Bis der Beitrag dann on Air geht, folgen noch ein paar weitere Tweets und Facebook-Teaser, nebenbei wird die ein oder andere Frage eines Followers beantwortet.

Ich erkläre, in Deutschland werden soziale Medien zwar auch mehr und mehr genutzt, gehören aber immer noch nicht — wie hier in den USA — zum flächendeckenden must-have eines anchors. Dass ich als Moderatorin gerade mal 180 Twitter-Follower vorweisen kann, führt zu großen Augen und verständnislosem Kopfschütteln. Wie ich denn dann mit meinen Zuschauern kommuniziere? Gute Frage, denke ich, und beschließe, das Thema wieder ganz nach oben zu setzen und nach meiner Rückkehr mit meinen Kollegen zu besprechen.

Q&A spiele ich mit meinen Hosts hier von morgens bis abends. Fragen über Fragen, um so zu verstehen, was wir ähnlich, was wir anders machen. Anders in jedem Fall auch die Nachrichtenauswahl. Hier ist eben alles ganz lokal: Wetter mit Abstand Spitzenreiter (nicht nur in diesen Tagen!), gepaart mit Marihuana und Crime, dazu eine Prise Politik. Die Vorwahlen zur Präsidentschatskandidatur finden nur am Rande statt.
Das Ganze bei meist sehr guter Stimmung unter den Kollegen in der Redaktion.

Sowieso: Die Menschen in Denver sind extrem offen und freundlich. Überall bin ich very welcome, was ich erzähle ist awesome und es ist wirklich so nice, mich kennenzulernen… Viele fragen scherzhaft: Is it the Weed?

Colorado — für viele ist es vor allem der Staat, in dem Kiffen erlaubt ist. Marihuana-Tourismus inklusive. Im Dispensary entdecke ich nicht nur verschiedene „Geschmäcker“ (von Wonderwoman bis zu Dragons Breath), sondern auch alle Arten an sogenannten „Edibles“: Gebäck, Haribos, Kaugummis und Drinks mit Marihuana. Direkt nebenan übrigens ein weiterer, in Deutschland unvorstellbarer Laden: Ein Outdoorshop, in dem man sich nicht nur für den Campingurlaub einkleiden sondern gleichzeitig auch mit Waffen ausrüsten kann — darunter die pinke Ausgabe für 449 Dollar, extra für die Ladys.

Nicht nur Denver, auch Washington und New York bleiben unvergessen. Die hektische Suche nach Hillary Clintons Wahlparty zu den Vorwahlen in New York, der Moment bei CNN als Prince stirbt, das anfängliche Unbehagen, in einer Obdachlosenküche in New York auszuhelfen und die scherzhafte Suche nach Frank Underwood im Weißen Haus.

Und natürlich der Dauerbrenner Donald Trump. Zumindest in diesen Wochen ist mir trotz steigender Umfragewerte keiner über den Weg gelaufen, der The Donald offen unterstützt. Crazy, scary, really not funny wird er meist empfunden — von Journalisten, Taxifahrern und Kellnern. Gleichzeitig aber heimst der Republikaner eine Vorwahl nach den anderen ein. Die Zeit, in der wir von einem Newsroom zum anderen tingeln ist daher natürlich optimal, Gesprächsthemen gehen mit Donald Trump niemals aus.

Zusammenfassend die Erkenntnis: Wir sitzen alle in einem Boot. Die Strategie heißt meist „digital first“, doch wir man damit wirklich Geld verdienen kann? Auch dafür hier kein Rezept. Auch mit ganz praktischen Problemchen kämpfen unsere amerikanischen Kollegen: der gemeinsame, große Newsroom oder die VJ-Schulung für die Redakteure, die ebenfalls nicht bei allen Mitarbeitern zu Freude führt.

Und zu guter Letzt: Unsere eigene Truppe. Das Wiedersehen in New York nach 5 Tagen Trennung, das wir mit 11 Mann auf und um ein Hotelbett sitzend feiern, zeigt wie gut wir uns verstanden haben. Für mich, als Einzige vom Privatfernsehen, natürlich auch spannend zu sehen, wie meine öffentlich-rechtlichen Mitfellows das Erlebte wahrnehmen.

Viele interessante Eindrücke und wirklich tolle Kollegen — amerikanische und deutsche. Danke, RIAS, it was really awesome!

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Stephanie Zietz, Norddeutscher Rundfunk, Hamburg

Springfield – eine reale Stadt zwischen Cashew-Chicken und Route 66

Ich fragte mich schon leise, warum ich in eine Stadt geschickt werde, die allein für das Gerücht, sie sei die Heimat der Simpsons, eine ironische Berühmtheit erfährt. Unter dem Eintrag Springfield bei Wikipedia erfuhr ich, dass ich eine Woche in einer fiktiven U.S.-amerikanischen Stadt sein und, das wusste ich von RIAS, eines Fernsehjournalisten namens Ed Filmer begleiten würde. Mir war klar, beides kann nur frei erfunden sein, bis ich im Flieger saß auf dem Weg nach Missouri — Springfield.

Höhenangst, Absturzsorge und Navigation

Die Stewardess an Bord eines kleinen Fliegers schenkte mir mehrere Nüsschenpakete, als Sie erfuhr, dass dies meine Endstation sei. Und spätestens beim Mietwagenverleih merkte ich noch im Ankunftsterminal von Springfield — ob es diese Stadt nun gibt oder nicht: Ich bin hier genau richtig. Der Mittzwanziger am Schalter schenkte mir für die Zeit ein Navigationsgerät, weil er, ja, das war sein Begründung: eine Großtante in Deutschland hat. „It is sooo good to have you here, Stephanie!“. Es sind die kleinen Momente, die einen Besuch besonders machen.

Als mir selbst beim Ausparken des Wagens ein älterer Mann vom Informationsschalter zurief: „You cannot get lost and if there are any questions, call me and my wife!” ahnte ich, ich darf schon jetzt ein bisschen dazugehören. Der Weg zur Unterkunft führte mich an einem riesigen Friedhof vorbei, man gedenkt der Toten mit bunten und grell leuchtenden Blumen aus Plastik und dazwischen flatternden Amerikaflaggen.

Ready to explore Springfield?

Das Hotel lag umsäumt von Jazzbars, alternativen Buchgeschäften und einem mit viel Liebe zum Detail eingerichteten Burgerschuppen. Die Welt wirkte hier sehr in Ordnung. Ed traf ich in der Hotellobby. Wir fuhren nur zwei Blocks weiter. Menschen saßen auf den Stufen Ihres Hauses. Es wirkte heruntergekommen. Vergessen. Ed erklärte mir, dass hier viele Menschen ohne Arbeit leben, ohne Internetzugang. Es gibt keine Kita, kein Förderangebot für Jugendliche und Senioren. Abhängen, Drogen, Alk und Leere. Es sei das Problemviertel der Stadt. An einer alten Grundschule stoppen wir. Ich lerne eine Frau Mitte Dreißig kennen, die hier ein spendenfinanziertes Projekt initiiert hat gemeinsam mit ihrem Mann, der vor zwei Jahren an Krebs verstorben ist. Als alleinziehende Mutter von zwei Kindern ist es nicht einfach, aber „good projects have to be done“. Eine Minikita, ein paar Rechner mit Internetzugang und vor allem ein Gemüsegarten. Viele hier wissen gar nicht, wie eine Gurke oder eine Tomate aussieht, erfahre ich. Die leerstehende Schule soll in Zukunft ein Ort sein, an dem alle willkommen sind. Im Obergeschoss sortieren Ehrenamtliche Bücher. Eine kleine Bibliothek in den noch heruntergekommenen Räumen und ein Ort für Startups in spe. Kreative, die das Viertel beleben sollen.

Springfield zwischen Gebet, Diät und King of Rock´n Roll on the back

Am nächsten Morgen direkt zur University of the Ozarks. Ich soll einen Vortrag vor dem journalistischen Grundlagenseminar darüber halten, wie wir als Journalisten in Deutschland arbeiten. Ich will gerade beginnen, da unterbricht mich die Dozentin und bittet einen der Studierenden, ein Gebet zu sprechen, und der coolste Junge mit Cappy spricht ein langes Gebet, in dem auch der Besuch aus Deutschland eine kurze Erwähnung findet. Vor jeder Klasse wird gebetet, das sei so Sitte an dieser Uni, erfahre ich von der Professorin. Journalismus und Gott haben hier offenbar eine langjährige Allianz geschlossen, und ich bin die einzige, wie ich auf Nachfrage erfahre, die sich darüber wundert.

Am Nachmittag treffen wir eine sehr lustige Frau, die sich als Diätassistentin einsetzt, junge Menschen an Schulen über gesunde Ernährung und ausreichend Bewegung aufzuklären. Was die größte Hürde sei? Jungen Menschen klar zu machen, dass ein Liter Cola zum Mittagessen nicht gesund ist und dass das Zubereiten von Essen auch Spaß machen kann. Das klingt trivial — ist aber ein Kampf gegen Windmühlen, wenn man bedenkt, dass Fastfood und Fertigessen überall in und um Springfield und Missouri preiswert zu kriegen sind, und der Wunsch, maximal unkompliziert satt zu werden, nicht enttäuscht werden soll.

Eds gute Freundin, die wir abends treffen, liebt übrigens die Route 66, die ihren Ursprung in Springfield hat, und Elvis. Letzteres so intensiv, dass sie sich Herrn Presley auf den Rücken tätowiert hat. Ed nickt dem Nachbartisch zu. „Weißt Du, Stephanie, in diesem Restaurant werden oft Bewerbungsgespräche geführt, und die beiden da kenn ich noch von früher, und der dritte, der wollte sich schon vor Jahren beruflich verändern. Drücken wir mal die Daumen, dass das klappt!“ Man kennt sich eben.

Want to see real people

Wir treffen sie in der Hotelbar — ein reizendes Ehepaar Anfang 70. Ed will ihnen kurz zum Hochzeitstag gratulieren. Die Tatsache, dass Ed als Journalist auch darüber bestens im Bilde ist, beeindruckt mich. Zwei Drinks und ein paar Käsehäppchen später werde ich zum politischen Diskussionsnachmittag, zum Abendessen und zum Rundgang durch die Klinik eingeladen.

Am nächsten Tag bekomme ich eine Ahnung, was der liebenswerte 70-Jährige so auf die Beine gestellt hat. Er hat als erfahrener Arzt eine Klinik gegründet, die sich um die kümmert, die durch das soziale Netz fallen im amerikanischen Gesundheitssystem. Menschen, die sich eine Behandlung nicht leisten können, und Menschen (auch davon gibt es viele in Springfield) die drogenabhängig sind. Junge Mütter, Obdachlose, Junkies, Senioren – alle sind willkommen und werden so behandelt, wie es sich gut anfühlt: auf Augenhöhe und mit Respekt.

Nach mehreren intensiven Gesprächen mit Regionaljournalisten des Senders KYC, Ex-Senatoren der Stadt, Gründern von Start-Ups, Ed jüngster Tochter, Eds Nachbarn, einem Drohnenverkäufer, einem Waffenverkäufer, einer Musikerin, einem Secondhandladen für Route-66-Devotionalien und einer Pastorentochter, die vor einem Bergwanderweg eifrig Rasen mähte, habe ich ein bisschen das Gefühl bekommen, angekommen zu sein.

Und dann der Abschied

An meinem letzten Abend gibt es ein großes Dinner mit dem älteren Ehepaar, der Diätassistentin, Politikern der Stadt, einem Lehrer und Ed. Und zum Schluss: ein von einer Bauchtänzerin begleitetes Jazzkonzert in einer rauchigen Bar. Bliebe dann noch das nicht gegessene Cashew-Chicken – das frittierte Huhn mit Cashewsoße. Das habe ich tatsächlich einfach nicht mehr geschafft.

P.S.: Springfield. Keine fiktive Stadt in Missouri. Und definitiv auch nicht frei erfunden, sondern real, lebendig, lebensbejahend, liebenswert, wild und anders. Danke Dir, Springfield, Du hast mich so herzlich empfangen und so schwer beeindruckt.

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RIAS USA-Herbstprogramm
18. Oktober – 4. November 2016

Zwölf deutsche Journalisten in den USA: Organisiertes Programm in Washington D.C. sowie für alle Teilnehmer jeweils ein individuelles Praktikum in einer amerikanischen Rundfunk- oder Fernsehstation, Abschlusswoche in New York.

 

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TEILNEHMERBERICHTE

Bernd Benthin, Zweites Deutsches Fernsehen, Berlin

Berlin:
Mein Erfahrungsbericht beginnt, etwas untypisch, einige Tage nach meiner Rückkehr aus den USA. Noch erfüllt von drei intensiven Wochen mit vielen besonderen Eindrücken, Geschichten und Begegnungen sitze ich in der U.S.-Wahlnacht in meinem Büro und bereite einen Beitrag über die erste Präsidentin der USA vor. Wir sind uns alle ziemlich sicher. Gegen drei Uhr morgens wird es dann knapp in Florida. Noch kein Beinbruch. Irgendwann nach vier geht Ohio an Donald Trump. Erste Experten rutschen nervös auf den Studiostühlen. Später am frühen Morgen färbt sich dann auch Pennsylvania rot und es steht fest: Amerika hat den Wahnsinn gewählt. Ich schwanke zwischen „so schlimm wird es nicht“ und „doch, das ist jetzt richtig, richtig schlimm“. Und dann denke ich an die drei Wochen mit dem RIAS-Programm zurück — an die besonderen Eindrücke, Geschichten und Begegnungen. Und ich denke, dass gegenseitiger Austausch schon eine wichtige und wunderbare Sache ist. Gerade jetzt. Das hat mich getröstet. Trotz Trump.

Washington D.C.:
Wahrscheinlich war man nirgendwo sicherer vor Donald Trump als in der Hauptstadt. Jedenfalls vor der Wahl. Ich kannte Washington D.C. bei Schnee und Minusgraden, jetzt durfte ich es bei schönsten, spätsommerlichen Temperaturen kennenlernen – und das im Oktober. Das Programm war vollgepackt, vielseitig und vielversprechend. Think Tanks, Radiostationen, Fernsehsender und Zeitungen. Dazu noch ein Besuch im Capitol und die zweite TV-Debatte im Uni-Hörsaal mit Hillary-Anhängern. Besonders im Gedächtnis sind mir die Besuche beim Wall Street Journal und beim National Public Radio (NPR) geblieben. Weil sie so gegensätzlich waren. Falls es immer noch so ist, dass man in den USA Entwicklungen zuerst beobachten kann, heißt die Zukunft deutscher Zeitungen wohl Mäzenatentum oder Funktionieren für die Filterblase. Wie perfekt der Leser dort erfasst ist und wie perfekt auf ihn zugegangen wird, hat mich beeindruckt. Etwas irritiert hat es mich auch. NPR, National Public Radio, dagegen kann sich als nicht-kommerzieller Anbieter Abstand leisten. Nicht weniger professionell, nicht weniger publikumsorientiert, nicht weniger attraktiv — aber irgendwie entspannter und bedachter. Dem ganzen Wut-Wahlkampf hätte mehr von solcher Berichterstattung richtig gutgetan. Wenn man Argumente sammeln möchte für ARD, ZDF, Deutschlandradio, BBC, etc. — die Wechselwirkung zwischen einem überhitzten Medienbetrieb und einer überhitzten Politkampagne wäre eines.

Springfield, Missouri:
In der zweiten Woche des Programms ging es für mich nach Springfield, Geburtsstadt der Route 66 im Mittleren Westen. Schon der Flug dorthin war ein Erlebnis, bei schönstem Sonnenschein, in einer sehr, sehr kleinen Maschine und über endlose Felder. Mein Gastgeber, Ed Fillmer, ist ein ausgezeichneter (tatsächlich, vier Emmys) Journalist, eine lokale Fernsehlegende und ein richtig guter Typ. Schon in den Wochen zuvor hatte er mir eine lange Liste mit möglichen Programmpunkten geschickt und ich hatte mich bemüht, das bunteste Durcheinander zu wählen. Wir waren im überfüllten Gefängnis und beim Unternehmerfrühstück, beim lokalen Fernsehsender und beim Politikertreff, in Journalistik-Klassen und Nationalparks. Und natürlich waren wir auf der Route 66, mit der Ed auch persönlich vieles verbindet. Selten habe ich so viele Hände geschüttelt und in so kurzer Zeit eine Gegend von so vielen verschiedenen Seiten kennengelernt. Natürlich ging es auch um die anstehende Wahl, aber vor allem ging es um die Entwicklungen, Probleme und Chancen vor Ort — eine ur-amerikanische Erfahrung. Und Springfield hat eine fantastische Bar- und Musikszene, das heißt die Abende waren mindestens so kurzweilig wie die Tage und die Nächte kurz. Letztendlich waren es vor allem die Begegnungen hier an die ich dachte, als ich in der Wahlnacht in meinem Büro saß. Da musste nichts „great again“ werden, das war „great“. Falls diesen Erlebnisbericht jemand liest, der das Glück hat, bald am RIAS-Programm teilzunehmen: Vergesst Kalifornien. Springfield ist ein sensationelles Erlebnis. Und trinkt Towhead.

New York:
Wahrscheinlich der schönste Ort für das Finale eines Journalistenprogramms, dazu noch im sonnigen, milden Herbst. Der Schauplatz war hervorragend, das Programm war es auch. Von Einblicken in den idealistisch-schwerfälligen UN-Apparat über das Neue bei der New York Times bis hin zur Betrachtung deutscher Themen aus amerikanischem Blickwinkel. Für mich habe ich festgestellt: Andere zu ihrer journalistischen Arbeit befragen zu dürfen, hilft mir enorm dabei, den Blick auf die eigene Arbeit zu schärfen. Vieles möchte ich jetzt ausprobieren oder berücksichtigen, an anderem konnte ich mich zumindest reiben und so mehr Klarheit über meine eigene Position gewinnen. Die journalistischen Herausforderungen, wie der Vertrauensverlust und der schnelle technische Wandel, sind ähnliche und die Antworten erfreulich vielfältig. Und wenn schon der kommende Präsident kein großen Wert auf Verständigung und Austausch legt, ist es doch umso schöner, genau das zu pflegen.

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Johannes Edelhoff, Norddeutscher Rundfunk, Hamburg

Fast zehn Minuten dauert es die Schlange von einem einzigen der vielen Eingänge der Wake Forest University in Winston-Salem in North Carolina in die entgegengesetzte Richtung abzuschreiten. Ich drehe mit dem Handy ein Video davon, neun Minuten und 38 Sekunden lang, Menschen die für eine politische Rede anstehen. Für eine Wahlkampfveranstaltung. Am Ende zieht es im Arm. Die Begeisterung der meist jungen Leute hier, kurz vor einem der wichtigsten Wahlkampftermine, ist riesig. Hillary Clinton wird das erste Mal mit Michelle Obama auftreten. Die Halle ist gut gefüllt, Mindestens 100 Reporterteams sind vor Ort, links der Bühne sitzt die travelling Press, die Journalisten die Hillary über Wochen begleiten. Printjournalisten tippen kolibriartig ihre Texte, Fernsehjournalisten sitzen halbliegend über zugeklappten Laptops auf Ausschau nach O-Ton Partnern. Die lokalen Reporter sitzen gegenüber der Bühne und dann sind da die vielen Live-Reporter die stundenlang vor und nach dem Auftritt schalten.

Dieses Rias-Programm stand komplett im Zeichen der Präsidentschaftswahl. Ich war eine Woche lang bei Time Warne Cable News in Charlotte. Einem lokalen Pay TV Sender. Dort zu sein, ermöglichte es mir den späteren Präsidenten der USA Donald Trump live zu sehen, ich machte Umfragen bei der Rally vom späteren Vizepräsidenten Mike Pence und hörte wie beide immer wieder vom Feindbild Presse sprachen. „Our enimies are armed with pens and cameras,“ hieß es bei der Trump Veranstlatung. Mike Pence wetterte gegen die Presse und so ist es kaum ein Wunder, dass es Journalisten, so mein Eindruck nach dem Programm, in den USA zur Zeit nicht leicht haben. Ein Reporter vom Charlotte Observer berichtete mir etwa, wie er immer wieder persönlich angegriffen wurde.

Es war ein unfassbar spannender Einblick in diesen heftigen US-Wahlkampf. Mein Host vor Ort organisierte für mich, dass ich selbst zu Veranstaltungen kam, die sonst für deutsche Journalisten schwer zugänglich sind. Der Termin von Michelle und Hillary war extrem eindrücklich. Weil man einer Frau zuhören konnte, die sehr gut öffentlich reden kann – Michelle Obama – und ich auch miterlebte, warum es schwer ist Hillary Clinton für sehr glaubwürdig zu halten. US-Journalisten berichteten mir, Sie wirke auf der Bühne nicht besonders authentisch, die öffentliche Rede liege ihr nicht. Eine Einschätzung, die auch andere US Kollegen teilten, die ich traf. Etwa bei der Sendung „Charlotte Talks“ beim NPR Sender WFAE 90.7, einer Art Presseclub.

Donald Trump stellt bei seinem Auftritt seinen „New Deal“ für Afro-Amerikaner vor. Das Publikum ist handverlesen und besteht aus angesehenen Mitgliedern der Gesellschaft von Charlotte. Trump ist an diesem Abend eher zahm, bespaßt das Publikum, es wird viel gelacht und viel gejubelt, besonders als er sich an die Afro-Amerikaner wendet und ihnen erklärt, nicht jeder müsse im Büro arbeiten, Amerika brauche Leute die Dinge reparieren können. „I am your Champion“ verspricht er am Ende seiner Rede.

Bei Time Warner Cable News ist die Arbeit anders als bei uns beim NDR. Bei uns sind VJs eher Edelfedern, drehen lange Dokus, nehmen sich Zeit für den Schnitt. In den USA sind VJs billig und jeder, egal wie talentiert er ist, ist ein VJ. Jeder dreht selbst und schneidet an seinem Arbeitsplatz, vertont sogar. Das sieht im Programm nicht immer gut aus, aber es ist auch beeindruckend wie schnell und unkompliziert die Arbeit ist und womöglich auch ein Blick in unsere eigene Zukunft. Liveschalten werden mit einem einzigen Techniker gemacht, alles nach dem Motto: „Was geht, wird gemacht“ anstatt stundenlang vor Entscheidungen nachzudenken. Ich habe die Zeit bei TWCNews sehr genossen und bin meinem Host und seinen Kollegen sehr dankbar, dass sie sich so viel Zeit für mich genommen haben.
Ein bisschen Respekt hatte ich vor dem Programm in New York und Washington D.C. Jeden Tag drei bis vier Termine, ob man wirklich das achte Treffen bei einem U.S.-Radiosender noch spannend findet? Aber die Antwort ist: ja! Es ist spannend, toll und es ist ein Privileg, diese Menschen zu treffen. Die Kollegen arbeiten dort alle wirklich unterschiedlich, fast alle Gesprächspartner waren sehr inspirierend und jedes Treffen hat mir Neues gezeigt. Ich bin immer noch beglückt von so intensiven lehrreichen Wochen voller neuer Eindrücke, die meine eigene Arbeit hoffentlich beeinflussen werden. Und auch jetzt, ein wenig später zurück im kalten Hamburg, denke ich noch oft an diese Treffen. Höre in der U-Bahn nostalgisch NPR-Podcast und stelle mir bei Currywurst Pommes in der NDR Kantine vor, ich könnte den Blick schweifen lassen, wie in der New York Times Kantine im 14. Stock an der 40sten Straße Ecke 8. Avenue.

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Philipp Eins, DeutschlandRadio, Berlin

Der Journalist Jacob Heilbrunn ist ein Mann der klaren Worte. Drei Wochen vor den U.S.-Wahlen 2016 lud uns der Chefredakteur des Magazins The National Interest in Washington D.C. zur Diskussion ein und teilte gleich zu Beginn in voller Überzeugung mit: Donald Trump wird niemals Präsident der USA werden.

So sehr es Trump auch versteht, mit den Emotionen der Menschen zu spielen — seine Unkenntnis des politischen Betriebs ist zu groß, seine Umfragewerte sind zu gering, erklärte Heilbrunn. Nach einer Serie von Skandalen und öffentlichen Patzern kann er innerhalb der nächsten Wochen keine Wende herbeiführen und genug U.S.-Bürger von sich begeistern. Die Wahl, so Heilbrunn, ist entschieden. Für Hillary Clinton.

Journalisten sind oft zu selbstgerecht

Die Selbstgewissheit, mit der Jacob Heilbrunn seine Prognose vortrug, ist ebenso beeindruckend wie die Fehleinschätzung, der er unterlag. Nicht Hillary Clinton, sondern Donald Trump wurde 45. Präsident der Vereinigten Staaten, zum Entsetzen der politischen Kommentatoren.

Vielleicht lag in dem Gespräch etwas Symptomatisches: Wir Journalisten sind oft zu selbstgerecht. Doch Umfragen sind eben keine Wahlen, und Inkompetenz ist offenbar kein Grund, den Kampf um eines der mächtigsten Ämter der Welt zu verlieren. Donald Trump verschaffte sich Gehör bei vielen Wählern in den USA. Wir Reporter dagegen nicht. Das müssen wir akzeptieren — und überlegen, wie wir das ändern.

Wir müssen Populisten ernstnehmen und ihnen begegnen, wie wir es als Journalisten gelernt haben: mit faktenreicher Recherche, Transparenz gegenüber eigenen Fehlern und einer Sprache, die aufklärt und nicht ausgrenzt. Ernstnehmen heißt nicht beschönigen: Nationalistische, rassistische und menschenverachtende Parolen von Populisten sollten wir weiterhin als das benennen, was sie sind – ohne uns unseren Hörern, Lesern und Zuschauern anzubiedern.

Fact-checking beim National Public Radio

Wie aber entzaubert man populistische Wahlversprechen? Darüber sprachen wir während des dreiwöchigen USA-Programms mit Redakteuren im Headquarter des National Public Radio (NPR) in Washington D.C. Standards & Practices-Editor Mark Memmott zeigte uns, wie Fact-checking online aussehen kann. In ihren Artikeln prüften Politikredakteure Zitate von Donald Trump und Hillary Clinton detailliert und bereiteten die Analysen grafisch mithilfe eines Online-Tools auf.

Auch nach der Wahl leistete das Team von NPR gute Arbeit. Es untersuchte den 100-Tage-Plan von Donald Trump genau und ließ von Experten beurteilen, welche Punkte sich realistisch umsetzen lassen.

Auf unseren weiteren Terminen in Washington D.C. und New York sowie während meiner Station Week beim Radiosender WUNC in North Carolina hat die US-Wahl die Journalisten ebenfalls beschäftigt wie kein anderes Thema. Molly Reynolds von der Brookings Institution gab uns einen Einblick in die politischen Verhältnisse in den Swing States, in denen die Wahl entschieden wurde. Fernsehmoderator Trevor Noah beschäftigte sich in seiner Daily Show satirisch mit dem Wettstreit zwischen Donald Trump und Hillary Clinton. Und in der Woche bei WUNC konnte ich verfolgen, welche Rolle die Bundespolitik in der Lokalberichterstattung spielt.

Antworten auf die Digitalisierung

Das zweite große Thema in den drei Wochen unseres USA-Programms war die Digitalisierung von Printmedien und dem Rundfunk. Überrascht hat mich, wie sehr sich die Diskussionen in Deutschland und den USA ähneln — trotz erheblicher Unterschiede im Aufbau des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Wie kommen Fotos vom Reporter ohne Zeitverlust in die Redaktion? Wer schreibt die Online-Texte zum Radiobeitrag? Wie lassen sich Arbeitsabläufe zwischen Online und On-Air verbessern? Es gibt wohl keinen Rundfunksender, in dem solche Fragen ausbleiben.

Beeindruckend hingen, wie pragmatisch die U.S.-Kollegen mit der Digitalisierung umgehen. Sie zögern nicht. Sie verlieren sich nicht in Arbeitsgruppen. Sie probieren einfach aus.

Bei der New York Times zeigte uns Reporterin Kassie Bracken ihre Versuche mit 360-Grad-Videos, die sich sowohl am Desktop als auch per Google Cardboard anschauen lassen. Sudeep Reddy vom Wall Street Journal erklärte uns Finanzierungsstrategien von Online-Inhalten. So ist auf der Webseite des Journals der erste Klick grundsätzlich frei, um Inhalte in sozialen Netzwerken besser teilen zu können. Für tiefergehende Informationen setzen die Kollegen auf ein Bezahlmodell. Und bei WUNC in North Carolina verfolgte ich, wie die On-Air-Redakteure ihre Inhalte selbst online verwerteten — und die Online-Redaktion damit fast überflüssig machten.

Am Ende des dreiwöchigen USA-Programms bleibt dennoch ein bitterer Nachgeschmack. Wie werden sich die USA unter ihrem neuen Präsidenten Donald Trump verändern? Dazu der Blick nach Frankreich, die Niederlande und Deutschland. In allen drei Ländern wird 2017 gewählt, überall haben populistische Parteien zugelegt. In Deutschland liegt die AfD in Umfragen bei über zehn Prozent. Wie werden wir Journalisten damit umgehen? Es ist eine spannende, eine beunruhigende Zeit.

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Nadine Gries, Norddeutscher Rundfunk, Hamburg

Grenzgängerin im Land der „unbegrenzten“ Möglichkeiten

1. Woche: Washington D.C.

… als ich das letzte Mal hier war, war ich gerade mal 18 und alles, an was ich mich noch erinnere, ist die beeindruckende Weite des Arlington-Friedhofs und die Eichhörnchen-Kolonne vorm weißen Haus — die angesichts der gerade tobenden Lewinsky-Affäre — weitaus unschuldiger wirkten, als der darin residierende Präsident: Bill Clinton.

Wieder 18 Jahre später, steh ich nun wieder hier — diesmal auf City- und Kennenlern-Tour mit meinen elf „soon-to-be“-Rias-Fellows. Und auf den 1. Blick scheint sich nicht allzu viel verändert zu haben: vor dem Weißen Haus hüpfen immer noch muntere Eichhörnchen und auch der Name Clinton wirft zumindest schon eindeutige Schatten aufs präsidiale Klingelschild.

Unser Rias-Programm startet inmitten der heißen Phase des wohl polarisierendsten Präsidentschaftswahlkampfes der U.S.-Geschichte: Hillary Clinton gegen Donald Trump. Doch die Weltordnung scheint schon absehbar wieder im demokratischen Lot, als sich der umstrittene Republican-Candidate mit seinem „Lockerroom-Talk“ scheinbar selbst demontiert. Das jedenfalls, ist die Essenz der vielen spannenden Diskussionen und Meetings, die wir in unserer ersten Rias-Woche mit Redaktionsleitern, Journalisten und Rias-Fellows von ABC News, NPR (National Public Radio) oder Wall Street Journal führen. Jacob Heilbrunn vom Think Tank „Center for the National Interest“ prophezeit sogar den möglichen Totalzerfall der Republikanischen Partei im Kongress. Irgendwie beruhigend, dachte ich – ja zugegeben, ich persönlich bin kein Trump-Fan – nur mein Bauchgefühl wollte dem nicht so recht zustimmen. In den Primaries hatte auch niemand ernsthaft mit Trump als finalem Kandidaten gerechnet und vom Brexit will ich gar nicht erst anfangen… aber das ist ja in „weit, weit weg“-Europa passiert. Wahrscheinlich reagiert mein Bauch auch nur über, auf die politischen Diskussionen, die ich kurz vor Rias-Start noch mit meinem Cousin in Connecticut geführt hatte.

Politik war eigentlich nie ein großes Thema zwischen dem deutschen und amerikanischen Teil meiner Familie. Bis zu dieser Wahl! Denn diesmal war es der 3-jährige Sohn meines Cousins, der mit fröhlichen Lächeln in die Welt plapperte, was man ihm seit einigen Wochen mit Überzeugung beigebracht hatte: „Trump, makes America great again!“ Es war das erste Mal, dass ich, mit der mir seit Kindheit so vertrauten Familie, kommunikativ, wie emotional an ungekannte Grenzen gestoßen bin. Zum ersten Mal gab es nicht, wie gewohnt am Ende den irgendwie für alle verträglichen Kompromiss — Nein, nicht mal einen Minimal-Konsens! „Let’s just don’t talk politics“ lautete schließlich der kommunikative Waffenstillstand, der mich, gepaart mit dem uns so familieneigenen Humor, optimistisch ins Programm starten ließ.

2. Woche: New Mexico

Es ist der Verspätung von Flug AA419 zu verdanken, dass Politik für Rias-Fellow-Girl Wiebke Keuneke und mich bereits in der Luft wieder Thema wurde. Denn auch unser Sitznachbar – ein Major General der U.S. Army — musste ebenfalls den Anschlussflug nach El Paso, Texas bekommen. Seine Anekdoten über seine Zeit im Irak, als Saddam Hussein fiel, die mühsame Suche nach Osama Bin Laden in Afghanistan, aber auch der kritische Umgang mit den, mehr denn je aktuellen Aufrüstungs- und Machtgebaren Russlands, ließen die vier Stunden Extra-Wartezeit am Airport Dallas sprichwörtlich wie im Flug vergehen. Quasi ein spontaner Exkurs in gelebter Zeitgeschichte auf unserem Weg zur Rias-Station-Week in Las Cruces, New Mexico. Den Ort, wo die von Trump propagierte „Mauer“ bereits zur alltäglichen Lebenswirklichkeit gehört.

Es ist der 2. Tag unserer Station und das Rias-Schedule unserer beiden Hosts Fred Martino und Anthony Moreno beschert uns, neben real Mexican Food, gleich mehrere spannende Begegnungen und Gespräche. Darunter NPR-Präsident Jarl Mohn, an diesem Tag zufällig zu Gast bei KRWG-FM/TV (PBS), aber auch Journalistenkollegen aus der Region, wie Lauren Villagran, „borderlands reporter“ des Albuquerque Journal. Eine Journalistin so eindrucksvoll, wie die Grenzregion selbst. Sie lädt uns spontan ein, sie dorthin zu begleiten, wo sonst nur die Grenzpolizei Zugang hat: direkt an die Mauer. Gemeinsam fahren wir an eine Stelle, wo gerade wieder gebaut wird. Allerdings nicht höher, sondern fünf Fuß tief in den Boden, um Tunnel zu vermeiden, wie Lauren erklärt. Ein beklemmendes und zugleich widersinniges Gefühl, kostet das ganze Vorhaben die U.S.-Regierung doch geschätzte 11 Millionen Dollar pro zwei Meilen Grenzerneuerung. Ungefähr so widersinnig, wie die Trump’sche Argumentationsführung in den letzten „presidential debates“. Doch diese Mauer ist real und spürbar, wie wir am nächsten Morgen noch intensiver erfahren sollten.

Es ist vier Uhr in der Früh, noch tiefe und vor allem kalte Nacht in der wüstengeprägten Region. Wir folgen KRWG-Reporter Simon Thompson zum Grenzübergang zwischen Columbus, NM, USA und Palomas, Chihuahua, Mexico. Jeden Morgen ab sechs Uhr, passieren hier unzählige Schulkinder die Grenze von Mexico in die USA, um dort zur Schule zu gehen. Sie alle sind in den USA geboren, leben aber in Mexico. Weil ihre mexikanischen Eltern vielfach keine oder nur beschränkte Einreiseerlaubnis haben, heißt es für die Familien jeden Morgen Abschied nehmen — „Die Kleinen sollen es ja mal besser haben.“

Eines dieser Schicksale begleitet Simon mit der Kamera. Eine intensive und emotionale Erfahrung. Und als ich da so stehe vor der Mauer mit dem Stacheldraht, direkt neben der bewaffneten Grenzkontrolle, überkommt mich auch die Erinnerung. All das kenne ich aus Kindheitstagen, als ich noch regelmäßig mit meinen Großeltern in den Osten gefahren bin — in die DDR. Ich bin an der nordhessischen Grenze zu Thüringen aufgewachsen. Der Grenzübergang war für mich jedes Mal ein befremdliches, aber nicht ungewöhnliches Erlebnis. Heute 27 Jahre nach dem Mauerfall, ist es nur noch befremdlich und kaum vorstellbar, dass wieder Mauern, eine Lösung sein sollen. Und das nicht nur hier in den USA.

Der Umgang mit der Flüchtlingskrise, ist nur eines der Themen, über die wir schließlich auch in einem 30-minütigen Live-on-Tape-Interview mit unserem Host Fred Martino bei KRWG-TV berichten dürfen. Darüber hinaus ist die Wahl auch hier in New Mexico „das“ Thema. New Mexico ist zwar republikanisch geführt, dennoch herrscht ein eher demokratischer Spirit in der Region. Das größte Problem hier, ist, wie wir lernen, nicht die illegale Einwanderung, sondern die ständige Wasserknappheit im trockenen Wüstenstaat.

3. Woche: New York

Es ist schon dunkel, als wir in New York landen. Die dritte RIAS-Woche liegt vor uns. Doch Big City lights hin, Statue of Liberty her — so richtig angekommen sind wir noch nicht im Big Apple. Wir müssen uns sprichwörtlich erst den Wüstensand abstreifen bzw. ausschlafen – denn all die Erfahrungen, Begegnungen und Emotionen der vergangenen Tage wollen verarbeitet werden. Und auch der Körper gerät zwischen Tamales und Trump-Tower an seine Grenzen.

Apropos Trump — jetzt sind es keine zwei Wochen mehr bis zur „Election 2016“. Und obwohl Hilary Clinton erneut in Sachen E-Mail-Affäre unter Druck gerät — an einen Sieg des Mannes mit der schrägen Frisur und ebensolcher Argumente, will weiterhin so recht niemand glauben — zumindest dort wo, wir zu Gast sind. Sicher, auch in den Redaktionen von Marketplace (NPR), der New York Times oder Bloomberg TV scheint der Überraschungs-Sieg Trump’s in den Primaries nicht unvergessen; und laut Bloomberg TV sind zumindest die Weltmärkte diesmal auf „alles“ vorbereitet.

Besonders spannend auch der Besuch in der Graduate School of Journalism, bei Medienkritiker und -visionär Jeff Jarvis. Seine Ausführungen über die Zukunft des Systems Journalismus und die sichere Notwendigkeit sich neu zu erfinden – z.B. über das Einzutauchen in die Lebenswirklichkeiten von „Communities“ — hinterlassen Eindruck und Fragen, vor allem aber das Gefühl, hier bewegt sich was, Amerika’s Denkfabriken sind wach und aufmerksam. In New York noch mehr, als sonst irgendwo im Land.

Und dann ist er da, der Tag der Wahl. Unser Rias-Abenteuer ist vor vier Tagen offiziell geendet. Doch die Begegnungen, Gespräche und Emotionen wirken nach. Vor allem hier und heute in Connecticut. Ich begleite meinen Cousin zur Wahlurne. Die ganze Familie ist in Republican-Red gekleidet. Die Kreuze sind schnell gemacht, ebenso wie die Scherze danach. Für’s Diskutieren ist es jetzt eh zu spät. Am Abend wird ausgezählt. Und siehe da, Hillary Clinton gewinnt die Wahlmännerstimmen für Connecticut. Und viele Staaten mehr. Doch viel ist nicht genug.

Am 08. November, 2016, um 08:35pm twittert Jeff Jarvis, Zitat: „Fuck. Fuck. Fuck. Fuck. Fuck.“ Amerika hat gewählt, der neue Präsident heißt: Donald Trump. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten überrascht sich selbst und uns mit.

Es ist der überraschende Schlusspunkt eines inspirierenden, lehrreichen aber vor allem einzigartigen Abenteuers — DANKE Rias!

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Maren Hellwege-Beck, Bayerischer Rundfunk, München

Über von Gott gesalbte Trumps, unpünktliche Jo Bidens, aussichtslose Gary Johnsons und legale „public masturbation“ in Italien

Ich lege eine Vollbremsung hin auf der Durchgangsstraße von Two Harbors am Lake Superior in Minnesota. Die drei stehen doch tatsächlich immer noch da. Schon vor vier Stunden schwenkten sie hier quasi im Straßengraben ihre Transparente. „Trump — Pence — Make America great again.“ Jetzt, nach der Wahlveranstaltung von Jo Biden, zu der ich von Minneapolis aus nach Duluth gefahren bin, beschließe ich, nun doch kurz anzuhalten und mit ihnen zu sprechen. Die drei freuen sich über den Besuch und sind sofort gesprächig. Die Frau, etwa 50 Jahre alt, weiß, antwortet auf meine Frage, warum sie Trump unterstützt, mit einer Gegenfrage. Warum sollte er denn nicht ein guter Kandidat sein? Etwa weil er schon mehrfach pleite gegangen sei? Ist es etwa verboten, bankrott zu gehen und sich danach wieder aufzurappeln und wieder erfolgreich zu sein? Und wieder insolvent zu gehen und dann aber wieder den Turnaround schaffen? Ein schrilles Lachen nach jeder Frage soll ihre Meinung untermauern. Ebenso wie das permanente Hupen von Autos, die an uns vorbeirauschen. Ich bin schon erstaunt, wie häufig es hupt und wie häufig aus dem Autofenster zustimmend herübergerufen wird. Immerhin hat Minnesota bei den letzten Wahlen immer demokratisch abgestimmt. (Dass dieses „immer demokratisch“ bei der zwei Wochen später stattfinden Wahl nicht mehr in jedem Bundesstaat etwas wert sein wird, hält zu diesem Zeitpunkt eigentlich niemand für möglich.)

Neben der Frau steht ein etwas älterer und amerikanisch rundlicher Mann. Er argumentiert etwas anders als seine Gesinnungsgenossin. Aus seiner Tasche holt er zwei Zettel mit einem von ihm ausgearbeiteten Essay darüber, warum Trump der einzig richtige Kandidat ist. Der Titel: „Is Donald Trump God’s Choice for U.S. President and Why?” Im ersten Absatz nennt er gleich einen Beweis. Am 18 April 2016 wurde ein Mann namens Mark Taylor, ein pensionierter Feuerwehrmann, von Rick Wiles in der Sendung TruNews interviewt. Taylor hatte 2011 eine Prophezeiung erhalten, dass Donald Trump von Gott ausgewählt wurde, um Amerika eine letzte Chance zu geben, sich wieder auf Gott zu besinnen. Außerdem, argumentiert er weiter unten in dem Pamphlet, gebe es in der Bibel Beweise, dass Gott beides, gottesfürchtige und nicht gottesfürchtige Menschen und Nationen, benutzt habe, um seine Ziele zu erreichen. Auch Mark Taylors Prophezeiung, dass Trump von Gott gesalbt worden sein, um die Pläne des Satans zunichte zu machen, taucht noch einmal auf. Alles belegt durch Bibelzitate. Doch für den Fall, dass mir dies alles als Beweis nicht reicht, bekomme ich noch zwei DVDs überreicht, auf denen mit Hand die einzelnen darauf enthaltenen Filme notiert sind. Einige Fernsehaufzeichnungen, viele Videos von youtube. Sie alle würden beweisen, dass dies die einzige Wahrheit sei.

Mit all diesen neuen Informationen mache ich mich auf den Weg zurück nach Minneapolis, wo ich bei KARE 11 — Minnesota’s Own, einem lokalen Fernsehsender, meine Station Week verbringe. Auch hier viele neue Eindrücke: Das besondere Augenmerk schon bei der morgendlichen Themenkonferenz auf Social Media und die dort trendenden Themen, die sehr stark beeinflussen, was ins Programm genommen wird. Das erst einmal völlig kommentarlose Sammeln von Themen an einem Whiteboard — jeder muss etwas vorschlagen, erst später wird bewertet und entschieden, was umgesetzt wird. Die VJs, die persönlich verantwortlich für ihr Equipment sind, Kamera und so weiter in ihrem persönlichen Locker unterbringen, in dem auch die Akkus geladen werden können. Das sehr festgelegte Besetzen des Dienstplans — wer Nachschicht macht, macht Nachtschicht und zwar immer, jede andere Art der Dienstplanung wäre zu kompliziert. Die amerikanischen Ansichten zum Nennen von Namen und Zeigen von Bildern von Straftätern — ein Pixeln oder Abkürzen kommt nicht in Frage.

Am nächsten Tag ergibt sich gleich wieder die Gelegenheit für mich, zu einer Wahlkampfveranstaltung zu gehen. Diesmal zu Gary Johnson, dem Präsidentschaftskandidaten der Libertarian Party. Nach seiner Aussage ist er der einzige Kandidat, der neben Trump und Clinton in allen Staaten auf dem Wahlzettel zu Wahl stehen wird. Diesmal muss ich nach Shakopee. Ein kleiner Vorort von Minneapolis. Die Rally soll in Canterbury Park stattfinden. Ein großer Torbogen markiert den Eingang zu dem Park. Sonst nichts. Kein Plakat, das ankündigt, dass hier eine Wahlkampfveranstaltung stattfindet, kein Wegweiser. Genauso war es auch schon bei Jo Biden an der Universität von Duluth. Von außen keinerlei Hinweis darauf, dass hier irgendetwas „Großes“ stattfindet — immerhin ist es ja der Vice-President, der hier auftritt. Nach einigem Rumkurven durch den doch eher großen Canterbury Park finde ich den Ort des Geschehens.

Gary Johnson ist pünklich — im Gegensatz zu Jo Biden, der zwei Stunden auf sich warten ließ. Er bietet Journalisten sogar Eins-zu-Eins-Interviews vor der Veranstaltung an. Auch ich als Vertreterin der Auslandspresse, die bei Trump eher stiefmütterlich behandelt wird, bekomme die Gelegenheit für ein kurzes Interview. Auch er ist nicht gut auf die Medien zu sprechen. „To not even acknowledge, that there is another choice is quite mean,“ sagt Johnson. “In this election cycle 98 percent of all reporting does not include me.” Aber er würde trotzdem nicht aufgeben. Er wolle ein gutes Gewissen haben und sich am Ende seines Lebens sagen können, er habe wenigstens versucht, etwas zu verändern.

Auch er will etwas ändern, der etwa 50-jährige Demonstrant vor dem Trump Tower in New York. Es gebe keine andere Wahl als Trump, sagt er. Vor allem jetzt, da in Italien „public masturbation“ erlaubt sei, erklärt er mit voller Überzeugung. Aus diesem Grund würden dann ja alle Muslime von Italien nach Amerika auswandern. Und das müsse verhindert werden. Ich bin sprachlos. „Public masturbation“ in Italien erlaubt? Wie jetzt? Mit diesem Gedanken laufe ich weiter Richtung Central Park. So etwas kann man sich doch gar nicht ausdenken, irgendwoher muss so etwas doch kommen. Ich konsultiere Google. Und mit den Suchbegriffen public, masturbation und italy und stoße ich in der Tat sofort auf Artikel zu dem Thema. Sie haben folgende Überschriften: „Masturbating in Public is Not Illegal — Italy’s Highest Court Rules“ schreibt der Telegraph, „So Public Masturbation is No Longer a Crime in Italy“ die Huffington Post, und die Christian Post: „Public Masturbation is Legal in Italy“. Doch ein kurzer Blick in die Artikel und man erfährt, dass „public masturbation“ in Italien natürlich nicht erlaubt ist, sondern: Das Neue ist, dass man nun mit Geldstrafen belegt wird und dafür nicht mehr ins Gefängnis geht. Das ist ja nun doch etwas anders als eine Legalisierung.

Ob sich der alte, grauhaarige, gebeugt am Stock gehende Mann, der auch vor dem Trump Tower in New York protestiert, wirklich überlegt hat, für was er eintritt. Rechts und links trägt er zwei alte, vollgestopfte Plastiktüten. Auf seinem T-Shirt steht: Poor for Trump. Auch er hat die Hoffnung, dass für ihn durch einen Präsidenten Trump alles besser wird. Er wird gejubelt haben spät abends am 8. November. Ebenso wie die drei in Two Harbors, und alle die, die an ihnen hupend vorbeigefahren sind — sowie rund 59.705.000 weitere Amerikaner. Die 59,944,018, die Clinton gewählt haben, waren geschockt. Darunter der Großteil unserer Gesprächspartner – wenn nicht gar alle. Die Gewissheit, dass Clinton Präsidentin werden würde, war quasi zu 100 Prozent zugegen in all unseren Gesprächen. Zu gerne würde ich nun noch einmal mit allen reden und ihre Meinung zu diesem völlig unerwarteten Wahlausgang hören.

Es war ein Eintauchen in irgendwie entkoppelte Welten: Das eine, was die Intellektuellen denken, das andere, was der eine oder andere auf dem Land glaubt, das Sprechen mit den Menschen auf der Straße auf der einen und die Experten bei all den von RIAS organisierten Gesprächen auf der anderen Seite. Was für eine tolle, einzigartige Gelegenheit, die RIAS uns hier ermöglicht hat!

Was für ein spannendes Programm in einer so unglaublichen spannenden Zeit! Und was für interessante Gesprächspartner, in Washington und New York wie etwa bei The National Interest, The Brookings Institution, der New York Times, dem American Jewish Committee oder der St. James Church, wo wir für Obdachlose gekocht haben, sowie bei meiner Station Week in Minnesota bei KARE 11 und MPR. (Minneapolis ist übrigens, für mich etwas überraschend, eine total hippe Stadt voller cooler Restaurants in einem sehr angesagten restaurierten Warehouse District). Alle haben uns derart bereitwillig und detailliert Insider-Informationen und persönliche Einschätzungen gegeben und aus dem Arbeitsalltag berichtet.
Danke RIAS für die außergewöhnliche Zeit, tausend Dank!

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Wiebke Keuneke, Rundfunk Berlin Brandenburg, Potsdam

Zu den Präsidentschaftswahlen in den USA sein zu können — was für ein Traum!

Unsere Reise beginnt in Washington: wie damals vor knapp 20 Jahren als ich mit 16 Jahren dort gemeinsam mit meinen Mitstipendiatinnen mein High School Jahr begann. Puh. Wahnsinn. Nach einem kurzen Schock darüber, wie alt ich schon bin, freue ich mich darüber meine RIAS-Kollegen kennenzulernen. Eins sei schon mal verraten: auch wenn einige Falten, Kilos und „Weisheiten“ dazugekommen sind: ein Aufenthalt in den USA mit 12 weiteren Menschen, die man vorher nicht kannte, sollte auch dieses Mal — 20 Jahre nach meinem ersten Start in Washington — in einem familiären Klassenfahrt-Feeling enden.

Ich hatte nicht mehr in Erinnerung, wie schön Washington D.C. ist: so grün, so „europäisch“, so sportlich: überall Jogger und Radler. Unser Hotel liegt grandios und von hier starten wir jeden unserer terminreichen Tage. Auch wenn es darum geht das US-amerikanischen Mediensystem kennenzulernen, sprechen wir bei jedem unserer Termine natürlich über die bevorstehende Präsidentschaftswahlen: Donald Trump oder Hillary Clinton. Und das war gut so. Zu dem Zeitpunkt war noch alles offen. Wie verrückt das hier zu schreiben — jetzt wo das Ergebnis „Donald J. Trump“ heißt — fast wehmütig kann man dabei werden. Wir lernen die großen Newsrooms der USA kennen: ABC, Asscociated Press, NPR und viele weitere: egal wo, überall sind leidenschaftliche Journalisten am Werk, die sich allesamt der Mission „Factchecking“ verschrieben haben. Und die allesamt von ausgedehnten Urlauben nach der Wahl träumen, denn Trump und seine nächtlichen Twitter-Taifune halten die „Menschen, die etwas mit Medien machen“ dieser Tage ziemlich auf Trapp. Besonders spannend finde ich die Besuche der Think Tanks, sei es das Brookings Institut oder das Center for the National Interest, hier sind die Experten meinungsstark und diskussionsfreudig — das macht natürlich besonders Spaß. Und alle beruhigen uns: Trump als Präsident ist rechnerisch höchst unwahrscheinlich…

Szenenwechsel: Station Week in Las Cruces, New Mexico.

Die Sonne brennt, über der Wüste flimmert es. Am Horizont ist das Schwingen der Saloontüren zu hören. Die Frisur sitzt… NOT. Obwohl: doch, die von meiner RIAS-Schwester Nadine. Was für ein besonderes Glück zusammen in Las Cruces „stationiert“ zu sein, bei KRWG. Nadine und ich kannten uns vorher nicht, in Washington sind wir uns das erste Mal begegnet, doch unsere knappe Woche in New Mexico soll uns zu „border sisters“ werden lassen. KRWG ist ein NPR-Affiliate und besteht aus einem Fernseh- und einem Radiosender. Hier arbeiten Anthony Moreno, der Moderator der Frühsendung im Radio. Und Fred Martino, der Chef des Senders. Beide sind RIAS-Alumni und wissen daher, über welche Termine man sich freut. Sie haben ein Programm zusammengestellt, dass aus Geben und Nehmen besteht: Wir sollen vor dem Journalismus-Club der University of New Mexico über unsere Arbeit sprechen und die Fragen der Studierenden beantworten. Und sie bringen uns in Kontakt mit interessanten Menschen aus der Region: allen voran die „Erin Brockovich von New Mexico“ — eine toughe Journalistin, die ihre Kontakte und ihr Wissen großzügig mit uns teilt. Und psssst…das ist geheim…mit uns über die mexikanische Grenze von El Paso in die Ciudad de Juarez geht. Apropos Großzügigkeit: ein Glücksfall für den Sender KRWG sowie für uns ist der aus Australien kommende Reporter Simon Thomp. Auch er teilt die Ergebnisse seiner Recherchen mit uns. Immer wieder habe ich die Menschen in New Mexico gefragt, was die größte Herausforderung des Bundesstaates ist und alle haben gleich geantwortet: es ist nicht etwa das Drogen – oder Einwanderungsproblem sondern schlicht und schlimm: der Wassermangel. New Mexico ist eine riesige Wüste, in die jegliches Wasser mühsam hingepumpt werden muss. Und ohne Wasser keine Landwirtschaft. Und ohne Landwirtschaft keine Arbeitsplätze. Gleiches gilt für die Industrie. Und ohne Industrie — ja, keine Arbeitsplätze. Dort also, wo die Menschen am meisten mit Einwanderern bzw. viele nennen sie auch — Überraschung — Nachbarn zu tun haben, dort gibt es am wenigsten Xenophie oder Argwohn. Kommt mir irgendwie bekannt vor… Und last but not least: die Mauer, von der Trump so häufig spricht, gibt es schon längst. Und mit Erin Brockovich konnten wir ein Stück der Grenze besuchen, das gerade erneuert wurde. 2 Meilen (also 3,2 km) für 11 Millionen Dollar. Was man wohl anderes mit dem Geld hätte machen können… but that is another story.

Und schon sind wir in New York City…hach…ein Highlight zum Schluss.

Das Hello bei Wiedersehen ist groß — und wir genießen ab jetzt unser tägliches gemeinsames Frühstücken im Hilton Hotel in Manhattan. Der Countdown läuft: noch 5 Tage bis zum offiziellen Schluss des RIAS Programms, noch 10 Tage bis zur Präsidentschaftswahl. Fast alle von uns haben wie ich ihren Aufenthalt in den USA verlängert: die Wahl möchte sich keiner entgehen lassen. Außerdem wartet mein Heimatsender Radioeins vom RBB auf brühwarme Berichterstattung. Auf dem Programm in New York stehen die United Nations, Bloomberg News, The New York Times und ein Besuch bei den Geostrategen vom American Jewish Committee. Und zwei Schmankerl: bei der Daily Show mit dem Host Trevor Noah sitzen wir RIAS-peeps in der ersten Reihe. Keine schlechte Wahl bei dem Ausblick auf den südafrikanischen Kabarettisten. Artig springen wir auf, wenn der Anheizer das von uns verlangt, versuchen auf unsere ur-deutsche Art wenigstens ein bisschen mit dem amerikanischen Teil des Publikums mitzuhalten, wenn es ums Klatschen, Grölen und Ausrasten geht. Schön war das. Weniger attraktiv, aber keinen Deut uninteressanter ist der Besuch bei Jeff Jarvis in seiner Graduate School of Journalism an der City University of New York. Tja und dann ist es da, das Ende. Passend zu den Präsidentschaftswahlen in den USA, liegt auch bei der RIAS Kommission ein historischer Wechsel an. Erik Kirschbaum wird neuer Verwaltungsdirektor der RIAS Kommission. Er hat uns die erste Woche in Washington begleitet — Rainer Hasters, sein langjähriger Vorgänger traf in New York auf uns. Auch wenn es glitschig klingen mag, ich freue mich die beiden so kennengelernt zu haben — und bin dankbar für die grandiose Möglichkeit, die mir RIAS gegeben hat.

Und dann kam Dienstag, der 8.11.2016 — and the rest is history…

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Michaela Küfner, Deutsche Welle, Berlin

WEEK 1, WASHINGTON

I had the unique luck along with a dozen other colleagues to take part in the RIAS programme in the weeks leading up to the 2016 Presidential elections. To live and work through those weeks while most people in the US and European journalistic echo chambers were nearing 100% certainty that Hillary Clinton was about to be elected as first female President of the USA. So on very many levels — even without having the direct comparison – this was for sure no ‘ordinary’ RIAS programme.

But even now, trying to deduct this overarching historical event from the experience of those three weeks, I have to tell you pretty much the same as all the others: this was an amazing eye-opening experience both, professionally and as a human being. And here’s why:

Starting with a week of high-brow think tank and media meetings in Washington, the RIAS trip kicked off pretty much as expected. Until, that was, one analyst from the Center for the National Interest — a Republican leaning think tank — mentioned in passing that he would not be surprised if a President Trump did a deal with Russia which could see him “handing over the Baltic States”. A comment that saw a few of us German journalists nearly choking on our coffee. But the expert completed the sentence by saying: “but of course it won’t come to that”. Of course not.

The Brookings institute expert gave us incredibly detailed insights into how certain House races were trending and what the mechanics behind the electoral system are. These insights became almost haunting on election night, when so much of what was seen as hard intellectual currency came crashing down so spectacularly. What was great about the meetings was that we saw so many different perspectives. Also talking to the news agency AP and getting an inside look on how they tried to determine at what point events become a “story” and how the Trump phenomenon continues to teach everyone a lesson on that.

STATION WEEK

Filled with all these new insights I landed in Denver, Colorado, where I had no less than three hosts, who were all great. As soon as I arrived I twigged on to the fact that there was a major game at the stadium that night so I headed down there to get some sound bites on how people were feeling ahead of the elections. Then I meet my host Mark for Dinner, before joining my second Host Maya, a TV Reporter, the next day. On the Wednesday my third host arranged for me to join their reporting team to a rally by Mike Pence, who was in Colorado Springs that night. All three hosts were great in allowing me as much insight into what they were doing as I wanted, but also giving me the space to plan and film my own TV report (on young voters) while I was there. It definitely helped, that I knew pretty much what I wanted out of that week beforehand and never had the expectation of just running along with my hosts — which would have also been totally interesting.

Having talked to my hosts as well as people including: a disillusioned native American who refuses to even go and vote, a Texan at the football game who is against women becoming president at all, a marijuana farmer who maintains that weed is bigger than any of the presidential candidates, a middle class mother-of-two who backs Trump despite his sexist comments and quite a few people, especially Latinos and African American youths who detest Hillary Clinton, I got a real feel for the fact that Washington ain’t the US. And definitely NOT the majority. Still, I at no point saw the election result coming, neither did anyone I meet. Ever since, however, I keep bumping people who did. Funny that.

NEW YORK

Back together in New York the whole group was already quite a bit more savvy on how the country ticks. My personal impression was that our questions got better, more precise. Here we had the opportunity to meet with some cutting edge news outlets, including the New York Times. Two people from their newly expanding video department had made time for us. The honesty with which they were addressing in house institutional boundaries in getting people enthused about producing video was both, impressive and reassuring. Many of us face similar issues back home. Meeting more business oriented outlets like marketplace or Bloomberg also hit home the fact that reporting was also to many people just that — a business — a way to make money. An obvious fact that at times needs illustration for a bunch of German journalists who this time around exclusively came from public service broadcasters funded through licence fee or direct tax money. Here we also learned that markets were not prepared for a Trump victory. The general consensus was that they would go through the floor. Another wrong prediction.

CONCLUSION

Do this. RIAS is putting very much effort into a programme that will give you unique opportunities to get under the skin of the U.S. along with the time to make the most of them. Have a plan on what you want to achieve, and be ready to throw it over board as you wise up about what the real stories are once you get there. As a mid-career journalist working in daily news this has allowed me the space to gain deeper knowledge about the U.S. and how it ticks which allows me to be much better at understanding stories out of the U.S. RIAS has also enriched my understanding of transatlantic relations — just in time for all of this to be challenged (or not?!) by the Trump presidency.

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Franziska Pröber, Westdeutscher Rundfunk, Köln

Hillary Clinton gewinnt 100%ig

Es gab überhaupt keinen Zweifel: Hillary Clinton wird als erste Frau U.S.-Präsidentin werden. Keiner unserer Gesprächspartner in Washington D.C. — ob Republikaner oder Demokrat — kann sich vorstellen, dass Donald Trump doch noch das Rennen machen wird. Zu launisch, zu unverschämt, zu extrem sei er. Dazu die Umfragen — alles eindeutig.

Und selbst wir skeptischen, leicht ängstlichen, deutschen Journalisten wollen dieser Stimmung glauben. Schließlich scheint die RIAS-Reise unter einem guten Stern zu stehen: Es ist Mitte Oktober und seit unserer Ankunft herrschen knapp 30 Grad und Sonnenschein. Wer denkt da schon an einen politischen Wetterumschwung?

Aus reiner Neugierde wollen wir sie aber kennenlernen, die Spezies Trump-Wähler. Wo ist sie? Was sind das für Leute? Was erhoffen sie sich von Trump? Unser Ziel: die dritte TV-Debatte zusammen mit republikanischen Studenten gucken. Leider geht der Plan nicht so richtig auf, zum gemeinsamen Fernsehabend im Hörsaal tauchen so wenig Trump-Fans auf, dass wir uns der Stimmung wegen doch zu den Demokraten im benachbarten Hörsaal setzen. Dieser ist komplett gefüllt — samt Treppenstufen.

Auch die Schlange vor den Wahllokalen in Washington D.C. ist voll von Demokraten. Eine Cover-Band sorgt für gute Stimmung — trotz zwei, drei Stunden Wartezeit. Dass Hillary Clinton nicht genug Wähler für sich begeistern könnte? Bei diesem Anblick: unmöglich! Bis…

Der (politische) Wetterumschwung

… ich im seeehr, sehr kalten Toledo, Ohio, ankomme. Mit dem Mietauto geht’s direkt vom Flughafen zum Wahlkampfauftritt von Joe Biden. Charmant, humorvoll, aber immer wieder auch mit Ernsthaftigkeit wirbt der Vize-Präsident um die Wählerstimmen für Hillary Clinton. Trotzdem wundere ich mich: Es sind deutlich weniger Menschen da als erwartet. Und es gibt zwar ordentlich Applaus, aber irgendwie hatte ich mir die Demokraten nach Washington noch enthusiastischer vorgestellt.

Und dieses Gefühl von — vielleicht hat Trump doch eine Chance — bleibt auch die nächsten Tage. Die verbringe ich an einer Universität sogar noch außerhalb von der schon nicht sehr großen Stadt Toledo — also irgendwo im nirgendwo. Auffällig: Auf dem Weg zur Uni fahre ich an vielen Häusern vorbei, deren Vorgärten übersät sind mit „Trump/ Pence“-Schildern. Clinton-Schilder sehe ich dagegen kaum.

An der Uni erzähle ich den Studenten von der Lage in Deutschland, der Flüchtlingskrise, der Erfolgswelle der AfD und vom Brexit. Parallelen zur Stimmung in den USA drängen sich hier auf.

Mein Wunsch, endlich einen Trump-Wähler zu treffen und all meine Fragen loszuwerden, ist in Ohio kein Problem mehr. Ich treffe eine 19-Jährige, die ihr Studium geschmissen hat, um sich im Trumps Wahlkampfteam zu engagieren. Sie ist Republikanerin, wie ihre gesamte Familie. Dass Trump gar kein richtiger Republikaner ist? Macht nichts. Sie hatte zwar erst einen anderen Favoriten, aber jetzt ist Trump eben Kandidat. Was Trump über Frauen gesagt hat? Stört sie nicht. So reden Männer halt.

Außerdem treffe ich einen Radio-Moderatoren, bei dem ich später auch in der Sendung zu Gast bin. Er hat zwar Bauchschmerzen, Trump zu wählen, sieht aber keine andere Möglichkeit. Er glaubt, vier Jahre Trump können Amerika und der Welt nicht so sehr schaden wie vier Jahre Clinton — die den Supreme Court auf Jahrzehnte lang demokratisch prägen würde.

Mein persönliches Highlight des gesamtes RIAS-Trips: die Trump-Rally. Trump-Wähler im Überfluss. Und es war alles dabei: Viele Gespräche, warum, wieso, weshalb Trump. Die obligatorische Beschimpfung als „Lügenpresse“. Und eine Grusel-Gänsehaut-Stimmung — ob beim Singen der Nationalhymne oder bei den „Lock her up“-Rufen. Spätestens jetzt bin ich beunruhigt.

Spannend bei all dem: Ich begleite den Wahlkampf die letzten Tage zusammen mit WTOL, einem lokalen Fernsehsender. Dabei bin ich nicht nur während deren Live-Berichterstattungen der politischen Events dabei, sondern kann auch an allen Besprechungen teilnehmen. Fernsehen funktioniert zwar auch in den USA nicht viel anders als bei uns in Deutschland, trotzdem ist ganz klar: In Sachen Online sind uns die Amis weit voraus. Egal, ob die Live-Schalte schon in zwei Minuten losgeht. Zeit für ein Selfie und einen Eintrag auf Facebook ist immer noch. Beeindruckend!

Kurz vor dem Flug nach New York dann die Nachricht: das FBI rollt den Email-Fall von Hillary Clinton wieder auf. Dass Clinton das Rennen trotzdem noch macht… ich persönlich bin nach Ohio nicht mehr so sicher.

Nervöses New York

Wiedervereint in New York wird unsere Gruppe von den Gesprächspartnern wieder beruhigt: Clinton wird es machen. Doch. Ganz bestimmt. Die Umfragen sagen noch immer ihren Sieg voraus. Und überhaupt: Es ist zwar kalt in New York, aber nach dem trüben Ohio scheint die Sonne hier wieder ununterbrochen.

Ja, überzeugt klingt anders. Ganz so sicher wie in Washington D.C. sind wir uns alle nicht mehr. Eine Art Brexit, bei dem die Umfragen danebenliegen, scheint auch in den USA plötzlich möglich. Ob bei Bloomberg News oder dem digitalen Finanz-Medienunternehmen The Street: Es gibt einen Plan B, falls Trump doch gewinnen und die Börsen aufmischen sollte.
Gut so, denn heute ist klar: Trump hat gewonnen. Alle lagen falsch. Auch ich, trotz der leisen Ahnung in Toledo.

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Oliver Sallet, Deutsche Welle, Berlin

Kurz vor Trump
Mit RIAS zum Wahlkampf in den USA

Das Redaktionsgebäude ist von außen kaum zu erkennen: Ein auf Stelzen gebauter Betonkasten ohne Fenster, im Erdgeschoss parken die Mitarbeiter. Über eine verwinkelte Treppe geht es nach oben. Vorbei an einigen Obdachlosen, die vor Cincinnatis NPR-Ableger „WVXU“ Quartier bezogen haben.

Der Empfang ist verwaist, die Türen sind abgesperrt. Lediglich ein kleiner Aufkleber weißt darauf hin, dass Schusswaffen hier nicht erwünscht sind. Ich bin erleichtert, dass sich die USA in den letzten fünf Jahren meiner Abwesenheit nicht verändert haben und werde dann auch gleich sehr freundlich von Ann Thompson begrüßt, meiner Gastgeberin.

Eine Woche werde ich nun hier im Swing-State Ohio verbringen. Die Kollegin vom Radio lässt mich ihr Kontaktnetzwerk nutzen, was sich kurz vor den historischen Wahlen als sehr nützlich erweisen wird.

Charme der 80er Jahre
Doch zunächst gibt es einen kleinen Rundgang durch die Redaktion. Ein langer dunkler Gang, mehrere Abzweigungen, Charme der 80er Jahre. Der Raum am Ende des Ganges hat sogar ein Fenster – die Küche in Eiche rustikal erinnert kaum an einen Radiosender. An der Decke Neonlampen und dazu die fast obligatorischen Styroporplatten.

Viel Programm übernimmt WVXU von der NPR-Hauptredaktion in Washington. Es gibt ein kurzes Nachrichtensegment, für das Ann zuständig ist. Hin und wieder machen die Kollegen auch Beiträge für das nationale Programm: Kollegin Tana Weingartner arbeitet gerade an einem „langen“ Feature über einen Gerichtsprozess, bei dem ein weißer Polizist einen Schwarzen erschossen hat. Drei Minuten lang soll das Stück werden – ein normaler Radio-Beitrag ist hier zwischen 45 und 55 Sekunden lang.

Wer hier gewinnt, zieht auch ins Weiße Haus ein
Doch das alles beherrschende Thema ist der Showdown zwischen Clinton und Trump. Ohio ist einer der ganz wichtigen „Battleground States“ und fast immer liegt Ohio im Trend. Wer hier gewinnt, zieht meistens auch ins Weiße Haus ein. Zumindest hat jeder republikanische Präsident der USA zuvor auch Ohio gewonnen. Trump wird da keine Ausnahme sein. Das kann ich zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht ahnen, denn Clinton liegt in den Umfragen deutlich vorne.

Auf meinem Rundgang lerne ich den Moderator der täglichen Talkshow „Cincinnati Edition“ kennen – der freut sich über den Besuch aus Deutschland und nutzt gleich die Gelegenheit, um die Aussprache für den morgigen Studiogast zu klären: „Ralf – Steak-ner? That right?“ Ob ich den Namen schon mal gehört habe, will er wissen. “They say he’s the vice chair of the German social democrats?”

Mit SPD-Vize Stegner zu Gast im Studio
In der Tat hat sich SPD-Vize Ralf Stegner morgen für die 30-minütige Sendung angekündigt. Er ist mit einer Delegation der Friedrich-Ebert-Stiftung in die USA gereist, um den Wahlkampf zu beobachten. Als der Moderator am nächsten Tag krank ist, fragt mich seine Vertretung, ob ich bitte mit ihr ins Studio gehen könnte – sie ist nicht im Thema und es sind noch 30 Minuten bis zur Sendung. Ich helfe ihr mit den Fragen und werde kurzerhand zum zweiten Studiogast. Das Thema der Sendung ist inzwischen auch klar: „What Germany Thinks Of This Year’s Presidential Campaign“.

Dazu gibt es viel zu sagen — mit Stegner bin ich einer Meinung und die fällt nicht gut aus für Donald Trump. Was einigen Anrufern, die spontan ins Programm gestellt werden, nicht so gut gefällt. Ohio ist Trumpland, das wird mir langsam deutlich. Auch meine beiden Hosts haben sich inzwischen als Trump-Wähler geoutet und mir erklärt warum Trump in ihren Augen zwar der schlimmste Kandidat in der Geschichte der USA sei, man ihn aber trotzdem wählen müsse — allein um Hillary aufzuhalten.

In der Talkshow sprechen wir zum Glück auch über andere Themen: die Flüchtlingskrise und die Parlamentswahlen in Deutschland etwa – Europa hat wie die USA mit wachsendem Rechtspopulismus zu kämpfen.

Donald Trump in einer Pferdehalle

Die Woche in Cincinnati vergeht rasend schnell. Mit dem Mietwagen fahre ich nach Springfield, eine alte Industriestadt im so genannten „Rust Belt“. Ein Heimspiel für Donald Trump, der hier vor 7000 seiner Anhänger in einer Pferdehalle spricht. Die Stimmung ist aufgeheizt, es kommt zu Rangeleien mit Clinton-Anhängern, die Polizei eskortiert sie nach draußen.

Zwei Stunden warten wir auf „The Donald“, als er dann endlich unter frenetischem Applaus und Gegröle seine Rede hält, kann ich mir kaum vorstellen, dass dieser Mann eine Chance hat, die Wahlen zu gewinnen. Tiraden gegen Hillary Clinton, dazu „Lock her up“-Rufe. Die Menge hier will Hillary Clinton lieber im Gefängnis sehen, als im Weißen Haus.

„Why would you care about the U.S.-Elections?”

Ich empfinde die Rede Trumps als einfältig und stumpf. Außer Hasstiraden und seiner Forderung nach einer Mauer an der Grenze zu Mexiko („…and Mexico will pay for the wall!“) höre ich nicht viel Neues. Für die Menge reicht es dennoch, der Auftritt ist ein voller Erfolg. Der lokale NBC-Ableger WLWT interviewt mich und will wissen, wie wir in Deutschland über Trump denken – und ob wir in Deutschland überhaupt die U.S.-Wahlen verfolgen? Eine Frage, die ich sehr oft gestellt bekomme – und so überrascht, wie ich auf die Frage reagiere, ist auch die Reaktion auf meine Antwort: „Why would you care about the U.S.-Elections?”

Ohio wird mich noch lange beschäftigen. Die meisten Menschen, denen ich im Swing State begegne, sind tatsächlich auch Trump-Wähler. Auch wenn viele ihn für den „schlimmsten Kandidaten der U.S.-Geschichte“ halten — sie wollen ihn trotzdem wählen, allein um Hillary Clinton zu stoppen. Die Politikverdrossenheit in den ländlichen Gebieten ist riesig, ebenso die Enttäuschung mit dem „Establishment“, der herrschenden Elite an den Küsten. Und die haben jahrelang Politik über die Köpfe der Bewohner des „Fly-Over-Lands“ gemacht.

Neue Perspektiven

Viele fühlen sich wirtschaftlich abgehängt, haben Angst zur Minderheit im eigenen Land zu werden. Trump bedient diese Ängste und auch wenn er keine Lösungen bietet — die Menschen fühlen sich verstanden. Erst nach dem Wahlsieg Donald Trumps wird mir klar, dass Politik und auch die Medien diese weit verbreitete Unzufriedenheit nicht ernst genommen haben.

Das RIAS-Programm war allein durch den Zeitpunkt so kurz vor den Wahlen eine wirklich besondere Erfahrung. Die vielen Einblicke während der Station Week in Ohio, sowie die Gesprächsrunden und Termine in New York und Washington D.C., haben mir ganz neue Perspektiven auf dieses riesige Land gegeben. Die USA sind zerrissen, wahrscheinlich mehr als je zuvor. Gerade die vielen Widersprüche machen jedoch die Faszination aus.
Einiges, was im U.S.-Wahlkampf passiert ist könnte sich auch zu den Wahlen in Deutschland wiederholen. Diese Sorge nehme ich mit nach Hause – aber auch viele neue Eindrücke, Kontakte und auch neue Freunde.

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Susanne Sema, Norddeutscher Rundfunk, Hamburg

We were all wrong
Auch wenn wirklich ALLE Begegnungen auf dieser Reise inspirierend waren – sei es die Diskussion bei der New York Times über Web-Videos, der Blick hinter die Kulissen der Pressearbeit im House of Representatives oder aber der Besuch beim WTOP News Radio — gerade kurz vor der Wahl waren die Gespräche dann am spannendsten, wenn über die Chancen von Hillary Clinton und Donald Trump orakelt wurde.

„Es wird ein Erdrutsch-Sieg für Hillary Clinton“
— mit dieser Prognose beim Center for the National Interest startete unser Programm; und zu dieser Einschätzung tendierten wohl auch die meisten der RIAS-Teilnehmer. Genauso wie viele andere Medienvertreter erwarteten wir wenn schon nicht einen haushohen, dann doch einen eindeutigen Sieg des Politik-Profis Clinton. Wahrscheinlich war bei vielen von uns der Wunsch Vater des Gedanken. Donald Trump im Weißen Haus? Dieser schillernde Milliardär, der in Europa bislang allein aus Klatschspalten und für seine Vorliebe für Models bekannt war? Unvorstellbar — selbst im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Auch die meisten Umfragen und Analysen sahen die Demokratin Clinton vorn: So auch die Stimmungsberichte, die Molly Reynolds (Brookings Institution) nachzeichnete: Vieles deutete darauf hin, dass Clinton Bundesstaaten für sich gewinnen könnte, die zuletzt republikanisch waren (z.B. Arizona); zudem ließen Umfragen vermuten, dass die Wähler dieses Mal bereit sein könnten, ihre Stimmen zugunsten von Clinton zu splitten. Nur wenige dieser Vorhersagen traten am Ende ein.

Prognostizierten die Umfragen im Sommer noch ein enges Rennen, schien sich Clinton nach dem ersten TV-Duell immer deutlicher absetzen zu können, ihr Vorsprung in den Polls wuchs. Trump spreche, auch in den Duellen, keine „neuen Gruppen“ an, so eine Begründung, verpasse die Chance, zum Beispiel Frauen oder Latinos für sich zu gewinnen. Dabei sollte sich am Ende gerade diese Strategie als eines seiner Erfolgsgeheimnisse entpuppen. Auf den ersten Blick sprachen weitere Gegebenheiten für eine Niederlage Trumps. So skizzierten unsere Gesprächspartner beim Center for the National Interest: Obama und der Kongress blockierten sich zwar, doch die wirtschaftliche Lage im Land sei „immer noch zu gut“, um die Bevölkerung wirklich gegen die Demokraten aufzubringen. Auch hätten die USA kein Migrationsproblem — im Gegensatz zu Europa, wo Populisten wie Le Pen, Petry oder Farage die Flüchtlingspolitik instrumentalisierten. Zudem stehe hinter Trump eine erodierte Partei, die generell unbeliebter sei als die demokratische. Alle Zeichen sprächen also für eine Niederlage Trumps.

Dennoch waren sich unsere Gesprächspartner bei ABC News, Brookings Institution und auch dem CFTNI einig: Trump füllte eine Lücke, die etablierte Politiker nicht abdeckten. Die weiße Arbeiter-Klasse in den USA fühlte sich allein gelassen: Millionen Jobs seien in der Wirtschafts- und Finanzkrise ins Ausland gewandert — wohl für immer. Früher war es auch ohne Universitäts-Abschluss möglich, gutes Geld zu verdienen. Doch diese Vorteile, die Weiße einmal gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen genossen, existierten nicht mehr. Und diese von der Politik Enttäuschten als Wählergruppe zu erschließen, war wohl der größte Coup Trumps, denn:

„Donald Trump won the presidency by turning the Rust Belt red“, schrieb die Washington Post. Und auch wenn diesen Ausgang nur Wenige für möglich gehalten hätten — der „Gefahr“ Donald Trump schienen sich die meisten unserer Gesprächspartner bewusst zu sein. Entgegen der eindeutigen Positionierung beim Center for the National Interest wollte sich die Mehrheit unserer Gegenüber nicht auf einen Clinton-Sieg festnageln lassen. Oft wurde in diesem Zusammenhang das Brexit-Votum angeführt, mit dessen Ergebnis auch kaum jemand ernsthaft gerechnet hatte.

Allein die Tatsache, dass es Trump überhaupt zum Kandidaten geschafft hatte, war für viele Gesprächspartner schon kaum zu erklären: Überall Ratlosigkeit auf die Frage, wie der Millionär es überhaupt soweit hatte schaffen können und ob die Medien das „Phänomen Trump“ vielleicht hätten verhindern können. Einen Erklärungsversuch lieferte Stacia Deshishku von ABC News: Trump habe von Anfang an nichts mit der etablierten Presse zu tun haben wollen und mit seinen Aussagen den rechten Rand besetzt. Dadurch habe er die Medien in eine Verteidigungsrolle und nach links gedrängt. Auch Danielle Kurtzleben vom NPR berichtete, dass die Trump Kampagne grundsätzlich wenig kooperativ war und z.B. Fragen so gut wie nie beantwortete. Viele Aussagen Trumps liefen ausschließlich über seine Social-Media-Kanäle. Dass ausgerechnet seine Internet-Strategie, die auf den ersten Blick impulsiv und wenig durchdacht wirkte, aufgehen sollte, hätte wohl kaum jemand erwartet.

Mit ihrer Wahl müssen die U.S.-Amerikaner nun also erst einmal leben. Doch gerade für uns Journalisten in Deutschland, wo im kommenden Jahr die Bundestagswahl ansteht, könnte die Analyse der U.S.-Ereignisse interessant sein: Denn auch hier sind die Populisten (AfD) im Aufwind, das Internet ist voller Hassbotschaften und die „Lügenpresse“ steht am Pranger. Die etablierten deutschen Medien stehen vor der Aufgabe, Menschen wieder für Fakten zu interessieren statt für gefühlte Wahrheiten und Emotionen.

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Mitri Sirin, Zweites Deutsches Fernsehen, Berlin

RIAS RAUSCH

Elektrifiziert und voller Energie kehre ich am 5. November aus NYC zurück. Die Sinne noch geschärft von einer unglaublich intensiven USA-Reise. Drei Wochen lang, mit Finale, in der Stadt, die niemals schläft.

Washington — Fort Myers — New York City

Ich sehe Filme und Bilder. Gespräche und Geräusche hallen nach. Längst in Tegel gelandet, höre ich noch die heulenden U.S.-Sirenen vorbeifahrender Emergency Cars. WuihiuWuihiuWuihiu.

Mittwoch. Drei Tage später — eine Realität, die vielen auch wie Fiktion vorkommt. Die USA wählen Donald J Trump zu Ihrem 45. Präsidenten. WuihiuWuihiuWuihiu. Es ist tatsächlich passiert.

Ich erlebe diesen Moment im ZDF Morgenmagazin-Studio gegen 8Uhr30.
Anwesend: U.S.-Botschafter Emerson, weitere U.S.-Amerikaner, USA-Versteher, deutsche Politiker, Experten und diverse Journalisten. Jeder einzelne hat diese Wahl-Nacht und das Swing-State Sterben der U.S.-Demokraten live miterlebt.

Müde, enttäuscht, ungläubig starren sie auf immer gleiche Diagramme, Hochrechnungen und sehen rot.
Es wird viel diskutiert aber eigentlich ist man sprachlos. Ich frage mich, ob es den amerikanischen Vordenkern gerade auch so ergeht. Wochen und Tage zuvor unterhalten wir uns fast täglich über die U.S.-Wahl. Unter ihnen landesweit bekannte Journalisten, Think Tank Gründer und Professoren. Are you fucking kidding me, never ever, Trump is just a big joke, lauten viele Antworten auf Fragen wie: Was passiert wenn das passiert, was nicht passieren darf?

Washington

Der RIAS Reise übertrifft meine Erwartungen bei weitem. Nie wieder erleben Journalisten so unmittelbar vor der wichtigsten Wahl der Welt, diese Atmosphäre zum Once-in-a-lifetime-Fight: Trump gegen Clinton. Dorfbewohner gegen Großstädter, Abgehängte gegen Gutsituierte, Wut gegen Establishment. Klar, der Gesellschaftsriss ist bekannt aber hier und live hat er viel mehr Wucht.

Landung in Washington. Security Stau, treffe Bernd. Kollege aus Berlin. Von nun an Ben Underwood.
Zwischen White House, National Mall, Monument, Memorials, Georgetown und Arlington erfahren wir House of Cards Momente in Serie. Wir erleben das politische Washington und die Personen die es reflektieren.

Gleich zu Beginn Jacob Heilbrunn vom Think Tank und Magazin National Interest. Graumeliert, 1.85 groß, mit hellwachen, graugrünen Augen referiert er leichtfüßig über die Wirkung von U.S.-Außenpolitik, interpretiert den Syrienkrieg, die Rolle Russlands, seziert das Phenomen Trump und schlägt dann den Bogen nach Deutschland. Der wässrige Kaffee mit Chlorgeschmack, den wir uns einschenken dürfen, schmälert den Eindruck nicht.
Kluger Mann, smarte Analysen, präziser Auftritt.

Abends. Georgetown University. Wir schauen das finale Rede-Duell Trump vs. Hillary mit Studenten. Es gibt ein kleines, überfülltes Auditorium mit demokratischen Anhängern. Die Stimmung ausgelassen. Jeder Punkt von Hillary überschwänglich bejubelt. Trump versteht hier jeder nur als Witzfigur. Mimik und Gesten werden parodiert, Statements weggebuht. 15 Meter weiter, ein vergleichsweise leerer Saal mit Trump-Fans in kaltem Neonlicht. Sie feiern jedes seiner WRONGS, fluchen bei jeder Ausführung von Hillary. F*ck you, regt sich eine Frau neben mir auf. Hier ist nichts entspannt. Um an diesem Ort zu studieren, bezahlt man mehrere zehntausend Dollar pro Jahr. Zumindest das Klischee vom einkommens-, bildungsschwachen und abgehängten Bürger stimmt hier so ganz und gar nicht. Klischee halt.

Es folgen Termine bei weiteren Think Tanks, beim Wall Street Journal, bei ABC news, bei AP, NPR.
Fast immer Input auf hohem Niveau. Perfekter und unmittelbarer sieht keine Vorbereitung aus, moderiert man am Wahltag für seinen Sender eine der wichtigsten Sendungen des Jahres.

Wir hören u.a., dass man nach der Wahl aufarbeiten möchte, inwiefern man das Phenomen Trump begünstigt habe. Mit uferloser Berichterstattung über Trump seien Quoten und Auflagen gestiegen. — Gut verdient, aber zu welchem Preis?

Die Tage in D.C. beginnen mit frühmorgendlichen Jogging-Ausflügen im kitschigsten Sonnenaufgangslicht. Claire Underwood hat mir gezeigt, wo´s lang geht. Vorbei am Weißen Haus, zum Kapitol, runter zum Jefferson Memorial und weiter entlang am Ufer des Potomac River.

Die Tage enden in Bars und Restaurants mit wässrigem Bier und fettigen Burgern. Zwischendurch kaufe ich ein Trump Toupet und verspiele den letzen Rest Seriösität. Bald ist Halloween. Die ganze Zeit ist es absurd warm in Washington. Noch absurder sind hier eigentlich nur die Preise.

Florida

Müde in Washington. Frühflug. Egal. Florida wartet. Miami Vice. Kein Schwarz oder Weiß, nur Pastellfarben, Palmen, Strände und Sonnenrausch.
Station Week bei FOX4 NEWS in Cape Coral. Ich freue mich auf eine ganz andere Nachrichtenwelt. Eine Welt in der Ideologien mehr zählen als Fakten. Aber faktisch erwarten mich Hot Yoga und Spiritualität. Ich weiß es jetzt nur noch nicht.

Erst ein Mal Landung in Fort Myers, Floridas Süd Westen. Tanze die Gangway in den Swingstate herunter.
Eine schwül-heiße Wand will mich aufhalten, aber ich habe nur ein Ziel. Car Rental. Pick Up. Road Movie. Auf dem Weg zum Mietwagenschalter werde ich 7x völlig ernsthaft gefragt wie es mir geht. Vom WC Reinigungspersonal, vom Starbucks-Verkäufer, vom Schuhputzer… How are you Sir? Mal wieder will ich höflich, länglich antworten, aber er sieht meine Sneakers und ist schon beim nächsten potentiellen Kunden.

„Ist der Wagen nicht viel zu klein für Sie?“ fragt die BUDGET Dame und zeigt auf den schwarzen Mitsubishi, in dem ich locker meine ganze Familie unterbringen kann. Ich habe nur einen einzigen Koffer und lehne ihr SUV-Angebot ab. Think big. Chronisch. Überall.

Noch glaube ich gleich auf Journalisten zu treffen, die bedingungslose Trump-Anhänger sind und mich wahrscheinlich für einen unwichtigen Vollidioten aus Deutschland halten. Leicht hysterisch steige ich in meinen Kleinwagen.
Die Natur beruhigt mich. Ich fahre über eine Brücke über´s Meer nach Cape Coral. Palmen am Horizont. Endlos weiter Himmel. Wolken perfekt angeordnet. Die Sonne glitzert im Wasser. Wieder Festland. Interstate sowieso. Es geht meilenweit nur geradeaus. Links wie rechts eine Mall nach der anderen, Tankstellen und die ganz großen Symbole der Globalisierung. Eine halbe Stunde später darf ich zum ersten Mal abbiegen und stehe sofort vor dem Sender.

Bin irritiert. Mein Host, News-Anchor Patrick Nolan, empfängt mich mit einem buddhistischen Gruß. Hä?
Schnell klärt sich auf, das FOX4, außer dem Namen nichts mit dem erzkonservativen Trump-Sender FOX News zu tun hat. Ich erfahre von Patrick wie der Lokalsender funktioniert, dass man den Wahlkampf eher neutral begleitet, das er auch Hot Yoga Lehrer ist, sich vegan ernährt und den U.S.–Nachrichtenwahnsinn nur mit einer spirituellen Lebensweise erträgt. Aha. Zwischen Erleichterung und Enttäuschung.

In den nächsten Tagen begleite ich Amy, die Co-Moderatorin von Patrick, auf einen Dreh. Sie arbeitet an einer Story, die die Region seit Tagen verstört. Eine Lehrerin hatte Sex mit 25 Schülern. Videos davon machen in den sozialen Netzwerken die Runde. Eltern, Schule und Lokal-Politik sind entsetzt. Amy interviewt gerade eine betroffene Mutter. Ich soll auf ihren Hund aufpassen. Der Terrier darf auf gar keinen Fall in die Nähe des Tümpels hinter mir. Es ist nämlich so: Hier verlieren minderjährige Schüler ihre Unschuld an Lehrerinnen und Hunde ihr Leben am Tümpelufer. Wegen der Krokodile. Passiert wohl regelmäßig, also Kroko-Attacken auf Hunde.

Zwischendurch bin ich das, was die meisten in Florida sind, wenn sie nicht aus Florida sind. Tourist.
Mit Strohhut und auf Flipflops entdecke ich Staples Beach, Marco Island oder Sanibal Island. Florida ist das Mallorca der USA. Unfassbar viele Touristen aus Bayern, Sachsen-Anhalt und Nordrhein-Westfalen.

Back on the Road. Zurück zum Hotel. Gigantische Werbemasten säumen die Interstates. Anwälte werben dort wie verrückt. Sie scheinen zu wissen, dass der Durchschnittsamerikaner nicht gut Auto fährt und noch was vor hat in seinem Leben.
Get Aggressive, Accident Attorneys oder Life´s Short. Get a Divorce steht dort in riesigen Lettern.

Aus dem Radio dröhnt die Stimme von Rush Limbaugh. Ein erzkonservativer Talkradio-Superstar, der Hillary in Grund und Boden flucht. Zufall. Ich fahre gerade durch Trump-Terrain. Ein Haus fällt besonders auf. Das einzige ohne Trump for President Beflaggung. Kein Make America great again Papp-Aufsteller. Stars and Stripes Fehlanzeige. Nur ein riesengroßer Kaktus vor dem Haus. Vielleicht lebt hier ein Latino.Zum Abschied noch ein wichtiger Yogi Tipp von Patrick. Stay away from Drama and Negativity. Danke.

New York City

Weiter nach New York. Sehnsuchtsort und Projektionsfläche für absolute Beginner wie absolute Stars. Für Hipster und Looser. Hier hat sich Donald Trump erfunden, mit samt seinem Tower an der 5th Ave. Klar. Überhöhung und Größenwahn drücken sich natürlich auch in dieser Skyline aus. Sie macht uns flachlandsozialisierten Europäer immer wieder klein und fertig.

Der Bus bringt uns vom LaGuardia nach Grand Central Station. Von Wolkenkratzern angestachelt träume ich schnell einen wahrscheinlich beliebten New Yorker Tagtraum. Bernd und ich sind Selfmade Milliardäre. Wir haben früh erkannt, dass es hier einen Rohstoff gibt, der massenweise produziert wird, den aber niemand richtig nutzt. Müll. Wir entwickeln eines der erfolgreichsten Recycling-Unternehmen des Landes. WuihiuWuihiuWuihiu. That´s the sound of da police.

Wir checken ein und treffen unsere Gruppe wieder. Es gibt viel zu erzählen. Aufregende Wahlkampfbesuche in diversen Bundesstaaten von Trump/Pence /Clinton/Kaine. Das Geschäft mit Marihuana in Colorado. Traurige Grenz-Geschichten aus New Mexico. Vor uns liegt die berühmte Halloween Parade, diverse Spazier und Ausgehmeilen — und wieder eine Woche mit spannenden RIAS-Terminen. Es geht um die Zukunft der Medien, des Journalismus, den Internet-Einfluss, um den vielfach erklärten Gesellschaftsriss und hauptsächlich was eine Wahl von Trump bzw Clinton für Land, Politik, Wirtschaft und Medien bedeuten können.

Highlight wie schon bei vielen RIAS-Gruppen zuvor: Ein Termin, der nichts mit unserer Blasenwelt zu tun hat. In der St. James Church helfen wir bei der Essenzubereitung für Obdachlose und Bedürftige. Wir servieren Ihnen das Essen anschließend an Tischen, wie im Restaurant.

Wir schauen uns auch die UN an, Bloomberg News und sind zu Gast bei der Aufzeichnung der „The Daily Show“. Bei der New York Times erfahren wir einiges über Storytelling, die Zukunft von 360Grad Videos und bekommen zum Schluss einen Vortrag von Jeff Jarvis. Journalist, Autor und Medienvisionär. „Wir wissen nichts über das Internet und stehen erst am Anfang,“ erklärt der Unigründer. Schließlich seien von der Erfindung des Buchdrucks und den ersten tatsächlich gedruckten Büchern auch 100 Jahre vergangen. Jarvis ist außerdem Techie. Stolz und mit leuchtenden Augen führt er uns sein Mevo vor. Eine kleine Kamera, die in in 4K Qualität Videos, ins Netz überträgt und über die man per App bis zu neun verschiedene Bildausschnitte steuern kann. „Damit werden Fernsehstudios überflüssig.“ Die meisten sind begeistert. Bernd nicht. Don´t believe the Hype.

Ich schreibe diese letzten Zeilen am 24. November 2016. Trump ist jetzt seit zwei Wochen elected.
Im Rückblick frage ich mich: wie konnten die vielen klugen Menschen, die wir in den USA getroffen haben, nur so dermaßen daneben liegen? Sie alle, so mein Gefühl, haben diesen 911 Moment allenfalls als mega-unwahrscheinliches, statistisches Szenario betrachtet und haben zu sehr auf die Umfragen vertraut. Auch etwas, dass wir nach Brexit und dieser U.S.-Wahl sehr ernst nehmen müssen. Immer mehr Menschen passen sich offenbar den Meinungen ihres Umfeldes an, wählen dann aber anders bzw. geben bei der Befragung nicht an, dass sie gar nicht wählen gehen wollen. Das wird ein großes Thema bleiben, gerade für Fernseh- und Radiostationen, die eng mit Meinungsforschern zusammenarbeiten.
Was passiert, wenn was passiert, was nicht passieren darf, werden unsere zukünftigen RIAS-Fellows dokumentieren. Ich freu mich darauf. Das waren drei intensive, inspirierende Wochen. Vielen Dank Rainer, Erik und Isabell und natürlich allen in der RIAS-Fellows chitchat group. Jedes Mal wenn ich über die USA berichte, denke ich an Euch. Da kommt was zusammen.

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Jörg Walch, Zweites Deutsches Fernsehen, Mainz

Es ist der 9. November. Es muss ungefähr halb drei in der Nacht sein, als klar wird: Die USA bekommen nicht zum ersten Mal eine Frau als Präsidentin. Nein, es zieht wieder ein Mann ein ins Weiße Haus — Donald Trump. Das RIAS ist an diesem Abend schon seit fünf Tagen vorbei. Und doch ist dieser Abend irgendwie erst der Abschluss unseres Programms.

Angefangen hat alles mit einem Besuch beim Centre for the National Interest in Washington D.C. Selbst bei diesem konservativen Think Tank gehen alle davon aus, dass Clinton die Wahl gewinnen wird. Jacob Heilbrunn spricht gar von einer liberalen Ära, die uns bevorsteht. Es könnte sein, dass die Demokraten weitere 12 Jahre den Präsidenten stellen. Die Republikaner würden dann vor ihrem Ende stehen. Es fehle der Partei schlicht die Machtoption in einer Gesellschaft, in der sie durch Zuwanderung und den demographischen Wandel immer weniger Sympathisanten hat.

Mit diesem mutigen Tenor beginnen drei unvergessliche Wochen. Und Jacob Heilbrunn ist bei weitem nicht der Einzige, der den Wahlausgangs so prognostiziert. Am Tag darauf sind wir beim Brookings Institut und diskutieren, ob die Demokraten „nur“ das Weiße Haus und den Senat gewinnen oder doch auch Chancen für eine Mehrheit im Repräsentantenhaus haben. Gute drei Wochen später wissen wir, keine der drei Institutionen geht an sie. Doch auch fast alle Journalisten, mit denen wir in Washington sprechen, gehen fest von einem Wahlsieg von Clinton aus. Ein Kollege von der AP, der im White House Press Corps arbeitet, macht sich schon Sorgen, ob die neue Präsidentin den Zugang zu sich noch weiter einschränkt wird, als Obama das schon getan hat.

Neben dem U.S.-Wahlkampf gibt es ein zweites großes Thema, dass unsere drei Wochen bestimmt: Wie geht es weiter mit dem Journalismus? Die Medien in den USA sind — es ist keine Überraschung — ein gutes Stück weiter als wir in Deutschland. Sie haben Kämpfe auszufechten, die uns erst noch bevorstehen, aber auch schon Lösungen parat, die wir erst noch für uns finden müssen. Bemerkenswert ist aber auch, wie unterschiedlich weit, die verschiedenen Häuser sind. Sudeep Reddy vom Wall Street Journal erzählt uns in Washington D.C., dass jeder seiner Kollegen längst auch seine Artikel selbst auf Twitter vermarktet und genau weiß, zu welcher Uhrzeit er die Leser am besten erreicht. Am gleichen Tag, zwei Stunden später sind wir bei ABC News. Und man merkt, dass man mit Fernsehen offensichtlich immer noch ganz gut Geld verdienen kann — auch in den USA. Der Druck, die Zuschauer auch online zu erreichen, ist hier kaum spürbar.

Für meine Station Week geht es in den Süden, nach Atlanta zu CNN. Die große Nachrichten-Marke. Ich bin zum dem Zeitpunkt schon mehrere Wochen in den USA und habe mir das Programm viel angeschaut. Ich muss gestehen, ich bin teilweise schockiert. Da sitzen Runden zusammen, in denen für mich nicht mehr erkennbar ist, wer Journalist ist und wer von den Parteien bezahlt wird. Mein Eindruck differenziert sich vor Ort. Ich erlebe Kollegen, die hart arbeiten, mit kleiner Mannschaft lange Strecken senden und spannende Geschichten ausgraben. Aber sie geben zu: Der Wahlkampf ist für sie — rein wirtschaftlich — ein großer Erfolg gewesen. Lange haben sie nicht mehr so viel Werbung verkaufen können. Und dann macht es mich doch stutzig, wenn ich dabei bin wie Wahlkampfauftritte von Clinton und Trump über eine viertel Stunde lang live übertragen werden, man dann aber für jegliche politische Einordnung keine Zeit mehr hat, denn der nächste Werbeblock muss ja gesendet werden.

Ein RIAS-Highlight ist auf jeden Fall ein Ausflug, den wir von Atlanta aus machen — nach Winston Salem, North Carolina. Hillary Clinton trifft hier auf. Es ist einer der Bundesstaaten, wo die Kandidatin sich auf Grund der Umfragen plötzlich Hoffnungen macht, auch in republikanischem Kernland zu gewinnen. Und deshalb kommt sie und zwar nicht alleine. Ein wahres Spektakel zusammen mit niemand geringerem als der First Lady, Michelle Obama. Was wäre bloß, wenn Wahlkampf in Deutschland nur ansatzweise so elektrisieren würde? Da kämpfen zwei starke Frauen für ein gerechteres Land und noch bessere Vereinigte Staaten und das wirklich überzeugend. Es fällt mir sichtlich schwer Journalist zu bleiben und nicht den beiden von der Pressebühne aus zuzujubeln.

Dann New York. An einem unserer letzten Tage sind wir an der City University und diskutieren mit Jeff Jarvis. Wie geht es weiter mit dem Journalismus? Gibt es nicht viel zu viel politischen Einfluss im deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunk? Und welche technischen Neuerungen werden den Journalismus als nächstes revolutionieren? Und dann macht er eine Randbemerkung, die was den Ausgang der Wahl angeht, vielleicht die bedeutendste der ganzen drei Wochen ist. Mit einem großen Hillary-Button am Revers sagt er, es gäbe in den USA nicht mehr genügend konservative Medien. Abgesehen von Fox-News hätten Menschen mit einer gewissen Weltsicht kein publizistisches Zuhause mehr. Die eine große Zeitung, die alle versorgt – egal welcher politischer Couleur – sei schon lange Geschichte. In Zukunft müsste es für jede gesellschaftliche Gruppe ein eigenes Medium geben. Und dieses hätte nur dann Erfolg, wenn es genau Bescheid weiß, über die Ängste und Sorgen ihrer Leser. Ein streitbares, aber interessanter Verständnis von Journalismus. Das Problem seiner Ansicht nach: Auf der politisch linken Seite gäbe es ein schier endloses Angebot – auf der rechten Seite nur würde es kaum etwas geben. Nach ein paar mitte-rechts Publikationen würde ziemlich schnell Breitbart kommen. Dazwischen eine riesige Lücke. Und eben Millionen von Amerikanern ohne ein Medium, dem sie vertrauen.

Dass die Nacht von dem 9. auf den 10. November so ganz anders verlaufen ist als gedacht, hat selbstverständlich verschiedenste Gründe. Aber das Argument von Jeff Jarvis sollte gerade uns Journalisten besonders zum Nachdenken bringen. Es sind drei großartige Wochen in einem faszinierenden Land gewesen. Da war die Suppenküche an der Upper-East-Side, wo ganz reich auf ziemlich arm trifft. Mit NPR, ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk, der überraschend viele junge Zuschauer erreicht. Und eine Wahlnacht, die uns in Deutschland zeigt, wie wichtig es ist, sein ganzes Land zu kennen.

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