2004

3-wöchige USA-Journalistenprogramme 2004
Frühjahr und Herbst


RIAS USA-Frühjahrsprogramm
6. März – 3. April 2004

Zwölf deutsche Journalisten in den USA: Programm in Washington und New York City; Besuch von Journalistenschulen (University of Southern California, Los Angeles, CA; University of Texas, Austin, TX; University of South Carolina, Columbia, SC; University of Colorado at Boulder, CO); individuelles Rundfunkpraktikum.


TEILNEHMERBERICHTE

Mandy Andräß, Mitteldeutscher Rundfunk

Über Vorurteile und Klimawahrnehmungen

Wie viele Vorurteile über ein Land und seine Bewohner lassen sich innerhalb von vier Wochen revidieren? Wenn man bislang nur sehr viel gelesen und noch mehr in Film und Fernsehen gesehen hat, eine ganze Menge. Ich hätte nie gedacht, dass ich ausgerechnet in den USA den wohl größten Öko-Supermarkt der Welt sehe, dass man sich in diesem riesigen Land durch die Freundlichkeit der Menschen unglaublich geborgen fühlen kann, und dass es hier die, meines Erachtens, diszipliniertesten Menschenschlangen vor öffentlichen Gebäuden gibt.

Auch zweieinhalb Jahre nach den Terroranschlägen aufs World Trade Center ist ein Besuch in Amerika vor allem durch scharfe und noch schärfere Sicherheitsvorkehrungen geprägt. Eine Tatsache, an die man sich nie so ganz gewöhnt, aber irgendwann gehört es selbstverständlich zum Straßenbild. Etwas, an das ich mich nicht gewöhnen wollte, waren die fensterlosen und „klimaanlagendurchtränkten“ Sitzungsräume. Bei der Wahrnehmung des aktuellen Klimas liegen wahrlich Welten zwischen Deutschland und den USA. Allerdings habe ich mich als Nichtraucher nirgendwo so wohl gefühlt wie in den Vereinigten Staaten. Keine Vorschrift hätte ich lieber mit nach Hause genommen als das strikte Rauchverbot in öffentlichen Gebäuden.

Darüber hinaus bleiben mir die vier Wochen vor allem in folgender Hinsicht in Erinnerung: „Schafft es Bush auch ein zweites Mal die Wahlen zu gewinnen?“ Wohl kaum eine Frage wurde häufiger gestellt. Der März 2004 — politisch nicht wirklich spektakulär. Einziger Aufhänger: John Kerry war als Kandidat der Demokraten so gut wie gekürt. Somit wurde der inoffizielle Präsidentschaftswahlkampf bereits acht Monate vor dem eigentlichen Termin eingeläutet. Und so wurden wir auch nicht müde, dieselbe Frage an jeden unserer Gesprächspartner zu stellen, auch wenn die Antworten meist zwischen Achselzucken und „Man wird sehen“ lagen. Interessanterweise habe ich während der vier Wochen nur einen überzeugten Bush-Anhänger getroffen, und das war ausgerechnet auf der Party eines Yachthafenbesitzers in West Palm Beach.

„You’re welcome!“, „How are you?“, „Where are you from?“ Ich war erstaunt, wie schnell es den meisten U.S.-Amerikanern gelang, mich in ein Gespräch zu verwickeln. Spätestens nach der Frage, woher ich komme, war zu erfahren, dass sie selbst, Bekannte oder Nachbarn dort auch schon mal waren oder sogar ursprünglich aus Deutschland kamen. Sicher kann man einen Großteil unter „small talk“ zusammenfassen (wobei selbst das eine ganz eigene Kultur ist — wann bekomme ich in Deutschland schon von wildfremden Menschen gesagt, dass sie mein T-Shirt mögen). Immer wieder war es aber auch wirkliches Interesse. Nicht nur am Hier und Jetzt, sondern vor allem an der Tatsache, dass ich aus der ehemaligen DDR komme. Ja, ich war tatsächlich für einige Amerikaner die erste Ostdeutsche, die sie getroffen haben. Und witzigerweise konnte ich erfahren, dass man selbst im beschaulichen Boulder, Colorado gefeiert hat, als die Mauer fiel. Dieses schnelle und einfache „Ins-Gespräch-kommen“ bot also nicht nur mir die Möglichkeit, Neues zu erfahren, sondern auch umgedreht, Neues weiterzureichen.

West Palm Beach, Florida

Meine bislang größte Herausforderung in diesem Programm, denn nun bin ich, losgelöst von der Gruppe, mutterseelenallein in einer Stadt, die scheinbar nur aus einer riesigen Autobahn und angrenzenden Einkaufszentren besteht. Schon am Eingang von News 12, meiner TV-Station, kann ich erfahren, wer Mitarbeiter des Monats ist. Bei der morgendlichen Redaktionskonferenz merke ich, dass „Business Attire“ hier sehr locker gehandhabt wird. Bei der Vergabe der Themen ist endgültig klar, das ist ein Regionalmarkt: Kinder bekommen Schwimmstunden, der neue Polizeichef wird begrüßt, es gibt einen Erste-Hilfe-Kurs. Ach ja, und einen tödlichen Badeunfall vom Vortag. Dorthin darf ich eine junge Reporterin begleiten, und ich bin erstaunt und erschrocken zugleich. Das Kamerateam besteht aus einem einzigen Mann, der Kamera, Ton und Schnitt übernimmt. Und mir kommt in Erinnerung, dass man versuchen will, solche Videojournalisten auch in Deutschland zu etablieren. In den folgenden Tagen begleite ich die Reporterin noch öfter und überlege, wie es wäre, wenn wir in deutschen Regionalmagazinen live-Schalten zu bereits aufgelösten Mini-Schüler-Demonstrationen machen würden oder aber live von Ampelkreuzungen berichten würden, an denen die Polizei in der Vorwoche Knöllchen für Fußgänger verteilte. In West Palm Beach lerne ich aber nicht nur sehr aufgeschlossene Kollegen kennen, sondern auch Kollegen, die mich gleich am ersten Tag zu ihrer Familie nach Hause einladen, die mir Löcher in den Bauch fragen und die mich voller Stolz einfach überall herumführen wollen. Selbst in der örtlichen Doughnut-Bäckerei bekommt der deutsche Besuch eine Extra-Führung. In einem villenartigen Haus, wo der Kühlschrank eine eigene Eismaschine hat und jeglicher Müll im Abfluss verschwindet, versuche ich aber auch zu verstehen, dass wir „in Deutschland nur Müll trennen, weil wir nicht so viel Platz haben. In Amerika ist das nicht nötig.“ Aha. Da waren also wieder die unterschiedlichen Klima-Wahrnehmungen.

Nach vier Wochen, die unterschiedlicher nicht hätten sein können, war ich teilweise so überwältigt, dass ich gar nicht mehr wusste, wohin mit meinen neuen Eindrücken. Die Vielzahl der Impressionen kam meines Erachtens vor allem durch die gelungene Mischung der Veranstaltungen zu Stande. Hätten wir nur offizielle Termine auf dem Plan gehabt, wäre es längst nicht so spannend gewesen. Gerade durch den Erfahrungsaustausch mit Studenten, Kollegen und vielfach ganz „normalen“ Amerikanern, die sich weder mit Medien noch mit Politik auseinandersetzen, wurde das Bild abgerundet.

Ich bin der RIAS Berlin Kommission sehr dankbar, dass ich all diese Erfahrungen machen durfte und wünsche mir, dass noch vielen Journalisten diese Möglichkeit geboten werden kann.

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Erika Becker, Hessischer Rundfunk

Am Anfang war nur kopfschüttelndes, tiefes Unverständnis über dieses Land. Was treibt Menschen, Medien, Politiker um, den U.S.-Präsidenten bei der brutalen Invasion des Irak mit allen unabsehbaren Folgen zu unterstützen?

An dem sonnigen ersten Sonntag im März zeigt uns das liebenswürdige Spionenpärchen Washington mit großem Stolz. John und Carol Bessette sind Rentner und haben ihr Leben dem U.S.-Militär gewidmet. Als junges Paar in Wiesbaden stationiert, waren sie Spione im Kalten Krieg — und sogar in Vietnam im Einsatz. Jetzt organisiert Carol die „Spies of Washington Tour“. Für den Soldatenfriedhof Arlington die idealen Fremdenführer: große Sachkenntnis, positiver Patriotismus, dennoch kritische Gedanken angesichts der unendlich vielen Soldatengräber. Die Kennedy-Grabstätten beeindrucken durch ihre Schlichtheit. John erzählt, wie er in Deutschland vom Mord an Kennedy erfahren, gemeinsam mit Deutschen getrauert hat. Carol und John möchten auch einmal in Arlington begraben werden. Später, beim Vietnam-Memorial, kommen Carol die Tränen, als sie von den 58.000 toten, meist blutjungen U.S.-Soldaten dieses Krieges spricht.

Karlyn Bowman vom American Enterprise Institute ist Mitglied der Republican Party. Aber keineswegs eine ideologische Kriegsbefürworterin, wie wir wohl alle vorher über diesen konservativen think tank dachten. Eine nüchterne Zahleninterpretin: Hier wird Politik zu POLLitics. Schon acht Monate vor der Präsidentschaftswahl läuft die Kampagne — Journalisten und Experten analysieren allabendlich jede Regung von Bush und Kerry. Der Irak-Krieg ist nicht entscheidend für die Präsidentschaftswahlen, hören wir von Karlyn. Sondern die Wirtschaft.

Doch für den Tiefpunkt in den deutsch-amerikanischen Beziehungen war dieser Krieg entscheidend. Auch wenn Botschafter Ischinger in Washington einen guten Job zu machen scheint: Ganz so wiederhergestellt ist das Verhältnis wohl nach wie vor nicht, trotz gegenteiliger Beteuerung in der Deutschen Botschaft. Im State Department sieht man die Dinge eher pragmatisch, man muss sich zusammenraufen, Zusammenarbeit zwischen führenden Nationen sei eben sinnvoll. Auf die Vereinten Nationen angesprochen, wird hier die Arroganz der Weltmacht deutlich. Wieso sollten die USA irgendwelche Forderungen der UNO ernst nehmen? „The UN wouldn’t exist without us. We pay for it.“

In Washington leben doch auch Schwarze. Nach einigen Tagen im weißen Machtzentrum — großes Erstaunen, dass wir im Konzert von Erykah Badu eine kleine weiße Minderheit sind. Am Ende der Woche, jenseits des offiziellen Rias-Programms, doch noch ein Blick in den heruntergekommenen Südosten der Stadt. Viele „Afro-Americans“, und dieser Eindruck wird sich in New York wiederholen, machen einen apathischen, auf sich konzentrierten Eindruck. Gut vorstellbar, dass sie von der Politik gar nichts mehr erwarten. Da spielt auch ein Irak-Krieg keine Rolle.

In Tallahassee verstärkt sich der Eindruck einer abgehobenen weißen Machtelite, die das Spiel mit Akzentverschiebungen unter sich ausmacht und schon lange nicht mehr — oder noch nie? — die große Masse erreicht. Einblicke beim public television „Florida Channel“, das direkt im Capitol detailreiche Beiträge zu Gesetzesentwicklungen produziert und wohl auch nur von Politikern und Lobbyisten gesehen wird. Governor ist Jeb Bush, der Bruder des Präsidenten, der selbst nach Höherem strebt. Doch, ob Republicans oder Democrates: Vertreter der Schwarzen, der vielen in Florida lebenden Latinos — fast Fehlanzeige. Auffällig aggressiv arbeiten die — weißen — Lobbyisten, was schon beim Besuch der Rentner-Lobby AARP in Washington zu erahnen war. So redet eine Vertreterin der National Rifle Association bei laufender Ausschuss-Sitzung auf „ihren“ Abgeordneten ein. So etwas läuft hierzulande dezenter. Zufälliges Gespräch mit einer Studentin beim Shopping: Zum ersten Mal treffe ich eine entschiedene Kriegsgegnerin. Ob sie im November wählen geht? Nein, das wäre keine wirkliche Wahl. „Kerry is a military man, too.“

Austin wimmelt von Kriegsgegnern. Ausgerechnet in Texas eher unerwartet, aber Austin ist anders, und die Universität allzumal. Journalisten-Ausbildung: Ein erfrischender Hort von Idealisten, die sehr jungen Reporter-Anwärter stürzen sich auf schwierige Themen wie Diskriminierung oder Wahrung kultureller Identität. Und stellen Fragen, die uns auch über unser System nachdenken lassen: Wie unabhängig ist eigentlich der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit seinen parteipolitisch besetzten Gremien von der Politik? Wie neutral war eigentlich unsere Berichterstattung über den Irak-Krieg?

New York, Krönung der Reise. Beeindruckende, emotionale Momente bei David Harris vom Jewish Committee, der den brutalen Schluss aus dem israelisch-arabischen Konflikt zieht: „It’s kill or be killed“. David ist Sohn von Holocaust-Opfern. „Wir haben Geschichte nicht studiert, wir haben sie erlebt — und wollen so etwas nie wieder erleben.“ Wir saßen da wie die Friedenstauben, nicht wirklich fähig zum überzeugenden Argument. So klar wie jetzt spürte ich nie zuvor, wie hochzivilisierte Menschen auf Grund persönlicher Erfahrungen zu Befürwortern von Gewalt werden können. Aus dem „Nie wieder“ haben viele Nachkriegs-Deutsche, auch ich, ganz gegenteilige Prinzipien abgeleitet: Die tiefe Ablehnung eines Angriffskriegs. Ein edles hohes Ross, wenn man nie selbst Gewalt erfahren hat. Ground Zero, die vielen drastischen, einengenden Sicherheitsmaßnahmen, die Gedenktafel für hunderte Opfer einer einzigen company mitten in der Stadt: Oft habe ich gelesen, wie sehr Amerika verwundet wurde am 11. September, jetzt erst habe ich es auch gespürt. Und während ich langsam beginne, auf emotionaler Ebene nachzuvollziehen, was die USA zum Angriff gegen den Irak verleitet haben mag, beginnt in der amerikanischen Öffentlichkeit ein Prozess des Bewusstwerdens: wie sich ein Land leichthin zur Unterstützung eines gefährlichen Unterfangens mit fragwürdigen Begründungen verführen ließ. Wie freiheitliche Rechtsprinzipien über Bord geworfen wurden. Fehler werden analysiert in der Politik, in den Medien, und in Gesprächen.

Am Ende ist ein großes Mehr an Verständnis; an Sympathie, an Interesse, auch an Begeisterung für dieses vielschichtige und erstaunliche Land. Obwohl meine Haltung zum Irak-Krieg die gleiche bleibt: Es ist fast so etwas wie ein Gefühl der Versöhnung mit „diesen Amerikanern“ entstanden. Rias sei Dank.

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Sabine Bohland, Westdeutscher Rundfunk

Also, wenn ich eins gelernt habe in Amerika, dann ist es, korrekt durch einen Drive thru zu fahren (und den Cheeseburger dabei nicht zu vergessen). Zunächst hatte ich so meine Schwierigkeiten damit. Ich weiß, so was gibt’s auch hier — aber nennen Sie mich rückständig: ich war noch nie in einem drin, oder durch. Gehört hier einfach nicht selbstverständlich zum Alltag. In Amerika schon. Kennt jedes Kind. Und jeder Journalist bei WTKR. Mittagspause? Abends vor der Liveschalte, nach der Frühschicht: a quick burger. Oder was es halt so gibt auf der Karte…

Washington

Man nehme ein TexMex-Konzert mit Mingo Saldivar im Kennedy Center, die schwarze glänzende Wand des Vietnam Memorials, die moderne schwarze Kunst im Anacostia-Museum und die Beschreibung des Kameramanns Benson von seinen Abenteuern in der Air Force One…

Washington ist eine Stadt der Kontraste. Wenn man will. Wenn man nicht will, ist Washington der Inbegriff des weißen Amerika, der Macht, der Politik. Sei es unser Besuch im Senat oder in Mount Vernon, dem Landsitz George Washingtons, sei es der Bummel durch das niedliche Georgetown oder über die monumentale Mall — hier riecht es nach Geld, hier riecht es nach Selbstbewusstsein. Das verliert sich schnell, wenn man über die imaginäre Grenze hinaustritt. Anacostia, die heruntergekommenen Häuser der ‚Unhappy-go-unlucky‘, die Alkoholiker auf den Strassen, die Junkies. Washington schwarz-weiß. Selbst in der Constitution Hall im Konzert von Erykah Badu — in Deutschland eine gefeierte Soulsängerin — sind es nur eine Handvoll Weiße, die jubeln. Tausend schwarze Zuschauer inmitten des weißen Washington. Man arrangiert sich, aber es ist kein ZUSAMMENleben. Es gibt keinen schwarzen Senator, und kein Weißer traut sich nach Southeast. Washington ist DIE Stadt in den USA mit den meisten schwarzen Einwohnern, doch 40 Jahre nach Martin Luther King hat sich nicht viel geändert — zumindest nicht im Stadtbild. Das bleibt schwer im Magen liegen. Wie ein BigMac.

Boulder, Colorado

Was sie hier nicht haben, ist ein Drive thru mit Organic Food. Aber sonst ist hier alles organic. Vom Salat über das Sandwich hin zur Yogamatte und zu den Wanderklamotten aus organischer Baumwolle. Hier macht es Spaß, Journalismus zu studieren. Journalismus studieren??? Na gut, wenn man nicht gerade joggt, Fahrrad fährt, Golf spielt, Ski fährt, auf Schneeschuhen unterwegs ist oder bei einer Chillout-Session im Dushanbe Teahouse entspannt. Ist Boulder Amerika? Ja, denn es gibt hier eine Cheesecake Factory, es gibt Ben & Jerrys, es gibt Sushi und den Internationalen Journalisten-Club. Mitgliederzahl: zwei. Und es gibt NCAR — das National Center of Atmospheric Research. Hier lernen wir, dass der Wetterbericht funktioniert wie ein Teller Spaghetti. Und in der Kantine gibt es grünes Eis zum St. Patricks Day. Enjoy your meal, enjoy Boulder!

Norfolk, Virginia

Die Drive thru-Gebrauchsanweisung für alle, die es auch noch nie getan haben: Erst hält man vor der Karte und wählt (schnell) aus, was man haben möchte. Dann spricht man die Bestellung ins Mikrophon — einmal mit, ungefähr dreimal ohne amerikanischen Akzent. Und dann fährt man zum Kassenschalter und zahlt. Bis hierhin ging‘s ja auch gut. Nur habe ich nicht gemerkt, dass das Abholfenster direkt neben der Kasse ist. Habe den Drive thru also erstmal ohne meinen Cheeseburger verlassen. Aber das muss man den Amerikanern lassen: Mit ernster Miene hab ich meine Tüte auch noch 5 Minuten später ausgehändigt bekommen. Ohne Worte. Cool, die in Norfolk.

Hier im Sender endlich das, was ich mir unter Amerika vorgestellt habe: buntes Miteinander, ungeachtet der Hautfarbe oder der Herkunft. Bei WTKR scheint das zu funktionieren. Aber, so erklärt Monica, meine (afroamerikanische) Gastgeberin, das sei nicht unbedingt selbstverständlich. Wir besuchen (nach dem Drive thru) einen schwarzen Buchladen, wir fahren zur Hampton University, einer schwarzen Uni, wir sind bei Monicas Familie zu Hause, wir besuchen die riesige Marinebasis, wir fahren auf die Outer Banks — auf den Spuren der Gebrüder Wright. Das schönste aber war die Gemeinderatssitzung in Virginia Beach, auf der über ein Straßencafé-Pilotprojekt abgestimmt wurde. Genau zwei Restaurantbetriebe wollten auf der potthässlichen Atlantic Avenue unter strengsten Auflagen ein paar Tische und Stühle auf den Bürgersteig stellen. Ziel: eben genau diese potthässliche Atlantic Avenue ein wenig zu beleben. Darüber wurde im Rathaus von Virginia Beach fast drei Stunden lang beraten. Jeder, der wollte und das vorher beantragt hatte, konnte ein Statement abgeben. Und es wollten viele. Die WTKR-Reporterin versicherte, so voll habe sie den Saal noch nie gesehen. Nach den drei Stunden war ich voll entbrannt für das Projekt und genauso gespannt auf die Abstimmung des 11-köpfigen Gemeinderates wie alle anderen. 4 der Offiziellen hatten sich positiv geäußert, 4 klar dagegen ausgesprochen, darunter die Bürgermeisterin. Ein Abschmettern des Pilotprojektes schien wahrscheinlich. Aber dann: 7 zu 4 FÜR die zwei Probe-Straßencafés. Mein Glaube an Demokratie in Amerika war in diesem Moment wiederhergestellt.

New York

Sollte bis hierhin der Eindruck entstanden sein, dass ich mich in Amerika nicht wirklich wohl gefühlt habe, so täuscht dieser Eindruck nicht. Meine Welt war erst wieder in Ordnung, als ich mich in meinem gelben Taxi Manhattan näherte. Chinatown, Little Italy (das in der Bronx), die Jon Stewart-Show, das MOMA (wenn auch nur der Shop, der Rest ist ja in Berlin…), die UN mit unserem schwedischen Guide, American Civil Liberties Union, American Jewish Committee, die Amateurs Night im Apollo mit der Special Gospel Edition, die vielen Bars, das Gewusel in der Metro, das Mittagessen in Harlem, die Arbeit der Abyssinian Development Organisation — New York ist wie ein Schwamm für alles, was bunt ist, was kontrovers ist, was multinational ist, was kritisch ist, was laut ist — und was wahrscheinlich alles auch sehr amerikanisch ist. Obwohl New York ja nach den Aussagen der Amerikaner nicht Amerika ist. Aber vielleicht ja doch. Und das Beste: es gibt keine Drive thrus in Manhattan. Oder hab ich etwas übersehen?

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Karin Dohr, Norddeutscher Rundfunk

Es bleibt — ein schlechtes Gewissen. Ein dicker Stapel Unterlagen und handschriftlicher Notizen — in den USA eingepackt, aufgeschrieben, mit guten Vorsätzen für die „Zeit danach“: Bücher, die ich unbedingt lesen muss, Filme die ich sehen will, Web-Links, die ich erforschen möchte. Jeder einzelne Gesprächspartner, jeder Host, alle Menschen die man in den vier Wochen trifft, sie alle bedeuten Anregungen, Tipps, Informationen. Das eigentliche Programm beginnt also erst nach der Rückkehr nach Deutschland, doch das alte Leben und der Job nehmen einen gleich wieder in Beschlag. Schlechtes Gewissen also.

Trotzdem — es passiert viel im Kopf, in den Wochen danach. Amerika ist immer irgendwie präsent, allein durch die Fragen der Freunde und Kollegen: Was war denn das Tollste, was hat dir am besten gefallen? Das werde ich ständig gefragt, und jedes Mal fallen mir andere Antworten ein. Oft waren es nur kurze Momente, in denen ich ganz plötzlich das Gefühl hatte, wieder mal was begriffen zu haben von diesem Land, das ich früher immer ein wenig eigen und seltsam fand:

Amerikanischer Patriotismus? Da erinnere ich mich vor allem an den Beginn eines texanischen Rodeos, als eine Blondine auf einem wunderschönen Pferd die gelobte Flagge zur Nationalhymne im Licht schwenkt. Rund um mich hunderte Menschen den Tränen nahe, als ein kleiner Junge in die Arena einreitet — ein Symbol, so erklärt der Moderator, für die nächste Generation in diesem Land Gottes und der Freiheit. Eine Generation, für die unsere Jungs ja grade im Irak und anderswo kämpfen. Und schon schluchzt der Cowboy hinter mir verstohlen.

Rassentrennung in Amerika? Da war der Moment, als ich am vierten Tag in Kansas City ganz zufällig rausgefunden habe, dass der ganze Ostteil der Stadt „schwarz“ ist. Mein Host hatte nichts davon erwähnt, Kansas City schien weiß und picobello gepflegt — stolzer Mittlerer Westen eben. Und dann die Entdeckung, eher zufällig: östlich der inoffiziellen Grenze sind plötzlich alle Menschen dunkelhäutig, fast alle Gärten voller Müll, die Autos verrostet und verbeult, und an den Busstationen stehen in langen Schlangen die, die sich eben kein Auto leisten können. Und keiner findet das so richtig bemerkenswert?

Amerikanisches Essen? Nein, Burger hatte ich, glaube ich, kein einziges Mal. Dafür wurde ich in Missouri in das Projekt „Barbecue für Anfänger“ aufgenommen — und ein ganzer Fernsehsender hat mitgemacht bei meiner kulinarischen Sozialisierung. Nach fünf Tagen war ich dann soweit: Ein-Meter-Rippe mit dicker Sauce — vorher Ärmel aufkrempeln, nachher duschen — ganz köstlich! Ich hatte die Prüfung bestanden und musste sogar live im Frühstücksfernsehen darüber berichten.

Das neue Selbstbewusstsein amerikanischer Hispanics? Das habe ich in dem Moment begriffen, als meine texanische Hausmutter ihren Gärtner Jesus nur dann zum Mähen bewegen konnte, wenn sie ihn auf Spanisch angesprochen hat.

Amerikanisches Sozialwesen? Davon hatte ich viel Fürchterliches gehört. Und weiß jetzt noch deutlicher, wie gut wir es hier in Deutschland haben. Weiß jetzt aber auch, wie U.S.-Mütter damit umgehen, wenn sie ein paar Wochen nach der Geburt schon wieder im Fernsehsender im Job antreten müssen, wie Familien sich organisieren, wie selbstverständlich vieles ist. Mein Host in Kansas City und seine Frau jonglierten ein 5-Monate altes Baby, den doppelten anstrengenden Nachrichtenjob, und dann auch noch die Besucherin aus Deutschland.

U.S.-Medien? Ja, die unglückselige Verbindung von Kommerz und Werbe-Interessen mit Nachrichten, die ist mir einmal mehr deutlich geworden. Aber ich weiß jetzt auch, wie unglaublich belastungsfähig und professionell die Kollegen da drüben sind, wie viel weniger wehleidig, und habe einige angenehme Positiv-Klischees über meine eigene Arbeit aufgegeben.

Amerikanische Meinungsfreiheit? Ja, die gibt es jetzt auch in meinem Kopf — durch unzählige Begegnungen, mit Demokraten und Republikanern, mit Bush-Wählern und Bush-Hassern, mit Kriegsgegnern und aufrechten Patrioten. Und plötzlich versteht man vieles, auch wenn man vielleicht die Meinung des Gegenübers nicht teilt. Lernt neue Argumente und Lebensgeschichten kennen, und plötzlich ergibt vieles Sinn, was ich früher als amerikanische Kuriosität wahrgenommen habe.

Was bleibt noch? Ein paar verärgerte Freunde zum Beispiel. Davor hatte Margaret Ershler, der „General-Host“, uns schon gewarnt: wer zurückkommt, hat im Idealfall was begriffen, und gibt nicht mehr nur USA-Klischees wieder, sondern übt sich im „Ja, aber…“. Und das hören manche Deutsche gar nicht gern. „Wie, es sind gar nicht alle doof da drüben? Was, Bush ist vielleicht gar nicht nur der Vollidiot, als der er hier oft gezeichnet wird? Ach, du hast dich in Texas wohlgefühlt?“ Bequeme Vorurteile werden aufgemischt, und plötzlich weiß man scheinbar alles besser. Man hat eben viel gehört, viel gelernt, und zu jedem Fakt gibt es nun auch eine Gegenvorstellung — da braucht der Freundeskreis schon viel Wohlwollen und Flexibilität, um das neue Amerika-Bild akzeptieren zu lernen.

At the end of the day: das Rias-Programm ist ein Schlaraffenland, ein geistiger Selbstbedienungsladen — die spannendsten Menschen werden dir einfach so vor die Nase gesetzt, und du kannst fragen, fragen, fragen — einfach nur Information aufsaugen wie ein Schwamm, einfach nur genießen. Die einzige Bedingung: die Schuhe müssen zum Kostüm passen, sonst flippt Margaret Ershler aus. „Business attire, please“. Die amerikanische Seite fordert, neben Pünktlichkeit und Wachbleiben, vor allem “erwachsene” Kleidung. Schon vor Antritt der Reise habe ich Gerüchte gehört, dass ungehorsame Teilnehmer zur Strafe ins Hotelzimmer zurückgeschickt wurden, denn Turnschuhe oder ohne Jackett, das geht gar nicht. Wir sind also gewarnt und waren alle noch mal shoppen — in den nächsten zwei Jahren bin ich nun kleidungstechnisch fürs Berufs-Alltagsleben gerüstet. Auch ein schöner Nebeneffekt der wunderbarsten und spannendsten vier Wochen, die ich seit langem hatte.

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Britta Hassinger, Norddeutscher Rundfunk

Werden die U.S.-Bürger für Kerry stimmen oder eigentlich nur gegen Bush? Kann Bush — trotz der sich abzeichnenden Katastrophe im Irak — beim zweiten Versuch diesmal die meisten Stimmen ergattern? Im März 2004 stehen in den USA die Chancen 50:50. Aber der Wahlkampf wird noch acht weitere Monate die Agenda in Washington bestimmen. Die armen Medien-Kollegen müssen sich bis November jeden Tag etwas Neues über die beiden Anwärter aus den Hirnen saugen. Die Medien covern brav jede Bewegung, jeden Satz von Bush und manches auch von Kerry — und dennoch fehlen Informationen und Analysen in der Berichterstattung der U.S.-Medien.

Aber es gibt sie, die Ausnahme: „National Public Radio“. Hier wird tatsächlich auch über die Welt außerhalb der USA berichtet, hier gibt es Hintergrundberichterstattung. Seit meinem Besuch bei NPR in Los Angeles weiß ich, es existiert ein wahres U.S.-Mediensystem im falschen. Während der „NPR Morningshow“ überlegt der Moderator grinsend, ob er trotz meiner Anwesenheit im Regieraum das Stück über einen peinlichen deutschen Sozialhilfeempfänger in den USA (diesmal nicht Florida Rolf) senden kann. Zur Wiedergutmachung ist er kurz davor, mich als „special German guest of the day“ in der Sendungsabmod zu nennen.

Aber auch CNN kann anders als gedacht: Megan Clifford entführt mich vor die Tore der großen Westküstenstadt, um ein Interview mit einem zwangsgeouteten schwulen Lehrer zu drehen. Und mein host Michael Cary vom Public KCETV nimmt mich mit zur „Mount Vermont Middle School“: Die ausschließlich afro-amerikanischen und hispanischen Kinder lernen hier unter Bedingungen, die in Deutschland längst zur Schließung der Schule geführt hätten: zu wenige Räume für die 1.100 Kinder, verrottete Sanitäranlagen und gerade mal eine Schulkrankenschwester. Letzteres gilt allerdings schon als Luxus, denn hier werden die Kinder in die Schule geschickt, wenn sie krank sind; eine Krankenversicherung können sich viele Eltern gar nicht leisten. Disziplin ist für die meisten Schüler eine große Unbekannte. Wer sich richtig daneben benimmt — und das scheinen ziemlich viele zu sein — wird unter Polizeiaufsicht (!) in die Maske des ehemaligen Theatertrakts gesetzt und muss während der Strafarbeiten permanent in sein eigenes „ugly face“ schauen, wie der Direktor stolz erklärt.

In Kalifornien brezelt die Sonne vom Himmel, aber Michaels Kollegin hat derweil einen kleinen Heizlüfter aufgebaut: Sie kämpft tapfer gegen die Klimaanlage an, seit drei Tagen ist es eiskalt in dem kleinen Raum.

Andrea Balter ist Polizistin bei den „internal affairs“ in L.A., also für die Kontrolle der Polizei zuständig. Sie erzählt — beim leckeren Sushi in Little Tokio — von einem Kollegen Verkehrspolizisten, der acht Frauen ohne Grund angehalten hat und zudringlich geworden ist. Bei der neunten Frau haben die Kollegen ihn dann ausgebremst. Das Image vom Polizisten als Freund und Helfer ist hier aber sowieso eher ins Gegenteil verkehrt. Und das nicht erst seit Rodney King.

Bei der Aufzeichnung der Dennis Miller Show sitze ich als VIP in der ersten Reihe. Der Mensch, dem ich begeistert schreiend zuklatschen soll, ist vom einst liberalen Komödianten zum konservativen Zyniker mutiert. Spaß ist anders. Aber spannend war es. Privat interessiert man sich dieser Tage in L.A. eigentlich nur dafür, wer bei der Donald Trump Show „The Apprentice“ als nächstes das gefürchtete „you’re fired!“ zu hören bekommt.

Bush oder Kerry? — das ist in Kalifornien erstmal zweitrangig, hier wählt man Schwarzenegger und pflegt seinen Westküstenkomplex: Wenn die an der Ostküste sich nicht für uns interessieren, interessieren wir uns eben auch nur für große Autos, Strand und Celebrities, sollen die da drüben doch ihre Politik machen.

In Columbia, South Carolina, stellt sich die Frage Bush oder Kerry erst gar nicht. Überall hängen gelbe Schleifen für die Kämpfer im Irak, vereinzelt weht sogar eine Südstaatenflagge, zahlreiche Kirchen laden auf Werbetafeln zum Gottesdienst ein: Hier geht jede Stimme an Bush. Auch wenn Columbia vielleicht nicht das Zentrum des Universums ist, so ist es doch ganz sicher ein spannender Ort, um mehr über die Bewohner des „Bible belt“ zu erfahren. Die zwei smarten Jungs aus der „broadcasting class“ — die unglaublich viele stand-ups von sich drehen — erklären mir, dass es Gott war, der sie zum Journalismus berufen hat. Dean Charles Bierbauer war lange CNN-Korrespondent in Bonn und wirkt sehr europäisch auf uns. Durch sein sehr engagiertes Bemühen wird die Uni-Woche eine gute Mischung aus „ethic class“, News-Plex-Besuch (modernes Zentrum für Konvergenz zwischen den Medien), BMW-Werksbesichtigung und einem wunderbaren Ausflug nach Charleston.

New York scheint klar „Kerry-Terrain“, wobei die konservativen Kreise ebenfalls stark repräsentiert sind.

Das RIAS-Programm ist grandios, weil es die Vielfältigkeit des Landes und seiner Menschen so umfangreich abdeckt. Eine Horizonterweiterung, die tatsächlich nachhaltig zum deutsch-amerikanischen Verständnis beiträgt.

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Cordula Johannis, Deutsche Welle Fernsehen

Der Süden: University of South Carolina, Columbia

„Er ist Journalist geworden, weil Gott es ihm gesagt hat“ — meine Kollegin Britta schüttelt verwundert den Kopf. Und auch für mich ist das bislang die mit Abstand ungewöhnlichste Begründung für die Wahl unseres Berufs. Der junge Mann, der das gesagt hat, ist Student der School of Journalism and Mass Communications in Columbia — und einer von fünf Priester-Söhnen in seiner Klasse. Willkommen in Amerikas Bible Belt. Konservativ, geschichtsträchtig, tief religiös ist der Süden der USA. Und stolz auf das gedrosselte Tempo, das man hier pflegt, und das sich auch in der gedehnten, weichen Sprechweise niederschlägt. Schaukelstühle schon am Flughafen, Palmetto-Palmen davor, willkommene Frühlingsbrise nach dem eisigen Wind in Washington.

„Hello, Ye All“, begrüßt uns Rebecca in lupenreinem „South-Carolinisch“. Sie ist graduierte Studentin unserer Gastuniversität und ein ganz reizendes Empfangskomitee. Rebecca begleitet uns zum Hotel und versorgt uns mit Infomaterial, Süßigkeiten und dem sorgsam ausgearbeiteten Plan für die Woche. Gespräche mit Studenten und Professoren, Teilnahme an Kursen, ein Ausflug zum BMW-Werk im nahen Spartanburg, ein Termin im Institut für Convergence, das sich mit medienübergreifendem Journalismus befasst, und vieles mehr.

Doch erstmal ist Zeit für einen ersten Spaziergang durch Columbia. Die Stadt ist auf den ersten Blick nicht gerade eine Schönheit und entspricht nicht unbedingt unserem Bild vom Süden; keine säulengeschmückten Pflanzervillen, keine Veranden mit Schaukelstühlen, jedenfalls nicht im Zentrum. Schmucklose Häuser, breite Straßen. (Erst später, bei Ausflügen mit dem obligatorischen Auto, finden wir die hübscheren Ecken der Stadt).

Am Abend entschädigt uns das Essen mit unserem Gastgeber, Dekan Bierbauer, und seiner Frau für die milde Enttäuschung beim ersten Kontakt mit dem Süden. Beide sind erfahrene, weitgereiste Journalisten, lebten lange in Europa und müssen sich, da sie noch nicht lange in Columbia leben, auch selbst erst nach und nach an die Eigenheiten dort gewöhnen. Mit ihnen sprechen wir über Politik und Medien, Deutschland, Europa, die USA und fühlen uns fast ein bisschen wie zu Hause im „Alten Europa“.

Den „Alten Süden“, wie wir ihn uns vorstellen, finden wir dann auch noch — beim krönenden Abschluss-Ausflug nach Charleston am Meer. Hier stehen sie, die prachtvollen Südstaatenvillen, inklusive Veranda und Schaukelstuhl, hier blühen die Magnolien, hier ist Sommer schon im März. Und hier endet eine Woche, die mir ein eigenwilliges Amerika gezeigt hat, eindrucksvoll und ein bisschen beängstigend in seiner Traditionalität.

Quer über den Kontinent: KTVZ, Bend, Oregon

Sie heißen Ashley, Tiffany, Jason und Libby, sind perfekt gestylt und kaum über 20. Ein so genannter „small market“ ist der ideale Ort für den ersten Job als Journalist. Entspannt und freundlich ist die Atmosphäre in der kleinen Nachrichtenredaktion von KTVZ in Bend, Oregon — die Konkurrenz hält sich in Grenzen. Hart gearbeitet wird dennoch. Gerade für die Jungen sind freie Tage ein seltener Luxus. Kommerzielles Lokalfernsehen auf amerikanisch, das ist schon etwas Anderes; Drehen, Schneiden, Texten, Sprechen; jeder Reporter, jede Reporterin muss alles selbst können. Anders geht es wohl nicht in dieser Größenordnung — die Gefahr für Qualität und Inhalte wird offenbar in Kauf genommen. Am wichtigsten scheint ohnehin: Live On Air sein. Wer weiter kommen will im U.S.-Fernsehen, muss sein Gesicht in die Kamera halten: Schalten, Aufsager, Moderation. Ohne Erfahrung auf diesem Sektor, erklären mir die Kollegen, muss man gar nicht erst bei größeren Sendern ankommen. Also nutzen sie ihren Dreijahresvertrag, um Material zu sammeln für spätere Bewerbungen.

In Bend bleiben wollen die wenigsten — obwohl das 55-tausend-Einwohner-Städtchen auf dem High-Desert-Plateau in Zentraloregon nun wirklich kein schlechter Ort zum Leben ist. Weites Land, Wildwasser, schneesichere Bergkuppen locken immer mehr „Zuwanderer“ an. In nur etwa 10 Jahren hat sich die Einwohnerzahl in Bend fast verdoppelt, in einer USA-weiten Studie zur Lebensqualität wurde die Gegend an zweitoberste Stelle gewählt. (Was allerdings auch unschöne Seiten hat wie die rasant ausufernden, typisch amerikanischen Vorstädte, Einfallstraßen mit Mallreihen, ohne Auto keine Chance). Wer hierher zieht, hat entweder genug Geld, um nicht arbeiten zu müssen — oder ist bereit, sich zugunsten der schönen Umgebung mit weniger zufrieden zu geben. So auch Kameramann Johnny, einer der wenigen im Team, der das Twen-Alter schon überschritten hat, oder Lee Anderson, NewsDirector bei KTVZ und mein Gastgeber während meiner Woche an der Westküste. Beide haben ihre früheren Jobs aufgegeben — für ein beschaulicheres Leben.

Großereignisse sind selten in Bend, die Themen eher übersichtlich; Lokalpolitik, ein Überfall, Mahnwache für die einheimischen Soldaten im Irak, ein Fest im Freiluftmuseum, solche Sachen. Auch meine Anwesenheit in der Stadt ist ein Interview in der Lokalzeitung und ein Studiogespräch wert.

Was allerdings so gut wie nie in den Nachrichten vorkommt, sind Neuigkeiten aus dem nahe gelegenen Reservat. Man hat wenig miteinander zu tun, erklären mir die Kollegen, die Leute dort machen ihre eigenen Sachen, viel Armut, sonst wenig zu berichten. Ich schaue also mal ins Internet, finde eine Radiostation im Reservat, finanziert vom Verband der dortigen Stämme. Ein Anruf, eine nette Einladung, und am nächsten Morgen nutze ich die Gelegenheit zu einer Spritztour durch die wunderbare (allerdings gnadenlos unfruchtbare) Landschaft des Reservats. Radio-Chefin Sue Matters, selbst keine Native American, berichtet vom Konzept und der Arbeit ihrer kleinen Station, spricht über Möglichkeiten, trotz einfachster Mittel gutes Radio zu machen. Ihrem Sender hört man den Anspruch an. Dass man sich beiderseits der Reservatsgrenzen weiterhin mit größtem Argwohn begegnet, bestätigt Sue, und dass die Grenzen zwischen weißem und nicht-weißem Amerika auch hier ziemlich undurchlässig sind. Am Abend berichte ich den Kollegen in Bend beim Feierabendbier in der Brauerei von meinem Ausflug, auch wenn sie nicht so ganz verstehen, warum ich den nun eigentlich machen wollte. Aber sie interessieren sich sehr für Deutschland und wie wir hier so arbeiten und leben. Also bestellen wir eine neue Runde — und pflegen den transatlantischen Dialog.

Anfang & Ende — Washington / New York

„Ich selbst habe das Denkmal jahrelang nicht anschauen können“, sagt Carol Bessette, unsere Stadtführerin, am Vietnam-Memorial auf der Mall in Washington, „es war einfach eine Schmach“. Sie ist eine nette Dame mit flottem grauen Kurzhaarschnitt, so um die sechzig. Sie hat ihren Mann mitgebracht, weil wir Deutsche sind und sie beide unser Land so mögen. Schließlich haben sie sich dort kennen gelernt und lange dort gelebt, während des Kalten Kriegs. Beide haben ihr Berufsleben beim U.S.-Geheimdienst verbracht, waren in Vietnam dabei, haben amerikanische Geschichte, amerikanische Mythen miterlebt — und erzählen aus einer für mich ziemlich fremden, aber auch sehr interessanten Perspektive von amerikanischen Werten, Präsidenten, Kriegen.

Wir ziehen mit hunderten anderen an der langen schwarzen Wand des Vietnam-Memorials vorbei. Der Name jedes einzelnen gefallenen Soldaten ist dort eingemeißelt. Nicht alphabetisch, sondern chronologisch. Damit jede Familie ihren Sohn, Bruder, Vater eindeutig finden kann. Viele haben Papier und Bleistift dabei, pausen einen bestimmten Namen ab. Damals, erklärt Carol, spaltete das Denkmal die Nation. Sie und viele ihrer Kameraden empfanden es als Schande, kein Heldendenkmal in weißem Marmor bekommen zu haben, wie sie auf der Mall für die anderen Kriege errichtet wurden (und die bei mir ziemlichen Widerwillen auslösen). Dass die Zeit damals nach Vietnam eine besondere war, und wie das Denkmal in seiner schlichten, begreifbaren Art geholfen hat, die Kluft innerhalb Amerikas zu überbrücken, das habe sie erst sehr viel später verstanden. Und dass die Erinnerung an einen Krieg nicht pathetisch zu sein braucht, nicht monumental, um Gefühle auszulösen.

Auch sonst erfahren wir in unserer ersten Woche in Washington viel über Amerika, damals und heute, über Politik, Weltbild, Gesellschaft. Das Programm liest sich wie ein Abkürzungslexikon: RTNDF, AEI, AARP, NPR, ABC, und so fort. Dahinter verbergen sich von unserer guten Seele Margaret sorgfältig vorbereitete Termine mit hochkarätigen Think-Tank-Vordenkern und Meinungsmachern, Wahlkampfbeobachtern, Lobbyisten, Journalisten und Diplomaten, die uns gerne von ihrer Arbeit und ihren Ansichten erzählen und mit uns darüber diskutieren. Hintergrund-Einblicke, die man sonst nur selten bekommt — und um die uns auch so manche amerikanischen Kollegen beneiden.

Und schließlich New York — ist einfach New York und sowieso immer eine Reise wert. Als Bonus gibt es von Margaret auch hier ein Paket interessanter Termine dazu. Unter vielem anderen besuchen wir die Vereinten Nationen, ein Stadtentwicklungsprojekt in Harlem, sprechen mit Bürgerrechtlern über die Lage nach 9/11, mit dem American Jewish Committee über jüdisches Leben in den USA und Europa — und hitzig über den Nahost-Konflikt. Wir lernen Hugh Pearson und Louis Varela Navaer kennen, die sich um den Dialog zwischen Afro-Amerikanern und Latino-Amerikanern bemühen. Wir erfahren, dass in den USA der Bevölkerungsanteil der Hispanic-Amerikaner den der Afro-Amerikaner überstiegen hat und daraus neue Probleme resultieren, dass Konkurrenz droht um magere staatliche Förderung und politischen Einfluss. Und dann entdecken wir noch, dass es ganz leicht ist, bei der Aufzeichnung der Jon-Stewart-Show — der wohl derzeit angesagtesten satirischen Polit-Comedy der USA — auf Befehl und ganz amerikanisch laut mitzujohlen. Alles in allem — trotz einsetzender Ermüdungserscheinungen ein lustiges Wiedersehen mit der Gruppe — und ein würdiger Abschluss für die vier RIAS-Wochen.

Und dann war da noch Low Carb. Und die Frage, ob immer neue Diätmythen und zeltgroße Kleidungsstücke die richtige Reaktion einer Gesellschaft auf schwere Gesundheitsprobleme sind.

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Anja Martini, Mitteldeutscher Rundfunk

RIAS! 12 Paar Augen drehen sich in ein und dieselbe Richtung. Margaret bittet um Aufmerksamkeit — und wenn Margaret ruft, sind wir alle ganz Ohr. Es geht um die Figur oben auf dem Capitol, in welche Himmelsrichtung schaut sie und wieso eigentlich.

Es ist der sechste Tag und ich habe schon längst angefangen, meine schier unendlich scheinenden Vorurteile gegen Amerika über Bord zu werfen. Ja, hier ist ein Mann Präsident, der nicht einmal die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich hat. Ein Präsident, der einen eigentlich intakten Haushalt in ein absolutes Minus verwandelt hat und einen Angriffskrieg gegen den Irak führt. Denn Hussein hat ja schließlich Massenvernichtungswaffen oder eben auch nicht.
Aber hat daran ganz Amerika Schuld? Nein!

Immer wieder in dieser ersten Woche in Washington treffen wir Menschen, die durchaus kritisch über ihren Präsidenten reden und manchmal klingt es fast so, als wollten sie sich für diesen Mann im Weißen Haus entschuldigen. Und bei den meisten Gesprächen steht eine Frage ganz oben auf der Liste: „Ist das Verhältnis zwischen Deutschland und Amerika noch immer gestört, oder wird das wieder?“ Und die Antwort, in den meisten Fällen: „Na ja, das wird schon wieder“.

Dann der vermeintliche Kulturschock: Columbus / Ohio

Ein kleiner Flieger bringt mich nach Columbus. Christine, mein ‘host’ holt mich am Flughafen ab. Gemeinsam fahren wir in die Stadt. Ich war noch ein wenig müde, so galt mein größtes Interesse einem guten Kaffee. Christine erzählte mir von ihrem Besuch in Deutschland. Und dann will sie wissen, ob wir Deutschen sauer auf die Amerikaner sind, wegen des Krieges? Das war eine ganz neue Sichtweise für mich. „Wir sauer? Nein, ich dachte die Amerikaner sind sauer.“ Christine und ich verstehen uns sofort, die Kaffeepause dauert einige Zeit, dann war klar, dass es auf der politischen Ebene Verstimmungen geben mag, aber wohl kaum auf der menschlichen.

Am nächsten Tag holt Christine mich am Hotel ab und wir fahren zur Fernsehstation WBNS.

Es ist ein schlichtes Großraumbüro, die Schreibtische stehen ziemlich eng nebeneinander. Einer unordentlicher als der andere. Dann drängelt Christine: „Wir müssen zum Drehen fahren!“ Irgendetwas rund um „March Madness.“ Denn eines der Spiele der High School Basketball Teams findet in Columbus statt und natürlich steht die ganze Stadt Kopf. Wir drehen an der Uni einige Freiwillige, die an Infoständen arbeiten sollen, der Andrang ist unglaublich: Sportstudenten, basketballverrückte VerkäuferInnen oder Eltern, die dabei sein wollen. Zurück im Sender schreibt Christine einen kurzen Beitrag, der Kameramann, der auch gleichzeitig Cutter ist, schneidet einige Bilder zusammen.

Und dann drängelt Christine schon wieder! Wir fahren wieder raus, und zwar mit dem Satellitenwagen. Jetzt kommt der eigentlich wichtige Teil, der „stand up“. Christine steht vor dem Stadion, ihr Beitrag läuft und dann 40 Sekunden Aufsager — die Welt der amerikanischen Reporter.

Am nächsten Tag will ich mir die Radiostation ansehen. Rodihio — eine Sportwelle und eine fm-Welle. Eric Kealin, der Moderator im Studio, begrüßt mich freundlich und erzählt mir, dass Chris immer zu spät kommt. Irgendwann geht die Tür auf und ein Typ in Jogginghosen, einem T- Shirt und einem Basecap kommt ins Studio. Das ist Chris Spielman. Der Chris Spielman, einer der berühmtesten Footballer Amerikas überhaupt.

Ok. Ich bin alles andere als ein Sportfan und nutze die Sportberichterstattung wie andere die Werbepause, aber gut. Es ist kurz vor 12 Uhr und Chris gibt mir einen Kopfhörer, die Sendung beginnt. Was mir bis dahin nicht ganz klar war: Ich bin der Studiogast. Wir diskutieren darüber, was der Unterschied zwischen Fußball und ‚football’ ist und über den neusten Stand im deutschen Basketball. Puh — habe noch nie so sehr nach Argumenten gefischt und noch nie ‚on air’ so gelacht. Nach einer Stunde ist die Sendung vorbei und der wohl berühmteste Footballer Amerikas ist wirklich sehr nett.

Zurück in dem unaufgeräumten Großraumbüro bei WBNS treffe ich auf eine Nachrichtenredaktion in heller Aufregung: Ohio hat seinen eigenen ‘Sniper’-Fall. Vor Wochen schoss ein vermutlich Irrer in Ohio um sich. Mal auf Häuser, mal auf Autos. Eine Frau kam dabei ums Leben und nun ganz plötzlich taucht dieser Mann in Las Vegas auf. Sofort fliegt eine Reporterin hin und der Rest der Reporter ist damit beschäftigt, die alten Einschusslöcher wieder zu finden und Angehörige auszuhorchen und ich eben auch. Eine Redaktion in Aufruhr.

Leider war die Zeit in der Redaktion viel zu schnell vorbei. Und ich fliege schon weiter nach Los Angeles.

Eine Stadt, die einfach riesig ist. Eine Universität, die fast alles hat, was man sich als Student so erträumen kann, und Professoren, die sich wirklich Zeit nehmen. Wir haben einige spannende Vorlesungen besucht. Und immer wieder war Zeit für Diskussionen mit den Studenten. Hauptthema: Die deutsch-amerikanischen Beziehungen. Meine Bilanz: Es steht gut um sie, zumindest, was die Studenten angeht. Einziges Negativergebnis: Die Studenten wissen viel zu wenig über Deutschland.

Nächste Station: New York. Ich denke, zu dieser Stadt muss ich nicht viel sagen: Sie ist unglaublich schön, laut und lebendig.

Wieder hatten wir spannende Termine von der Walking Tour „Immigrant New York“, einem Besuch bei den United Nations (und er war wirklich da: Gunter Pleuger beim Mittagessen…), bis hin zu einem Spaziergang in Harlem. Über ein Gespräch dieser Woche muss ich immer wieder nachdenken: die Diskussion im Jewish Committee: „…Arafat ist böse, aber per Hubschrauber Menschen eliminieren ist erlaubt…“ Direkt nach dem Gespräch empfehle ich erst einmal eine gute Ablenkung, bei mir war es die Met, übrigens auch für Nicht-Opernfans! Nur eine der unzähligen Abendbeschäftigungen dieser riesigen Stadt.

Margaret erschloss uns diese übrigens im Handumdrehen, es gelang ihr sogar, uns per U-Bahn und zu Fuß in den frühen Morgenstunden durch die Stadt zu schleppen und dabei keinen zu verlieren. Ach ja, da war es auch schon wieder, dieses Wort, das uns sofort alles andere vergessen ließ und 12 Paar Augen in Margarets Richtung blicken ließ: RIAS! Danke Margaret!

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Arnd Riekmann, Norddeutscher Rundfunk

„RIAS!“ hallt es wie ein Schlachtruf durch Washington. Margaret Ershler, unsere amerikanische Betreuerin, muss ihre 12 Gastjournalisten aus Deutschland zusammenhalten. Schließlich gilt es, tagtäglich ein umfangreiches Programm zu absolvieren — vier Wochen lang! Zwei davon mit der gesamten Gruppe in Washington und New York und dann auch bei den individuellen Stationen der Teilnehmer, also beim einwöchigen Rundfunkpraktikum und beim Uniaufenthalt. Und wenn alle bei unseren Touren mal wieder wie wild durcheinander plappern und sich über das gerade Erlebte austauschen, hilft eben ein energisches „RIAS!“ von Margaret, um die Schar neugieriger Radio- und Fernsehleute wieder gemeinsam in den Bus oder in die U-Bahn zu befördern; denn der nächste Termin steht schon auf dem Zettel.

Es ist eine Rundreise entlang einem regelrechten Abkürzungs-ABC: Wir haben Termine bei ABC, AARP, AEI, AJC, ARD, USC, NPR, NYCLU, RTNDF und der UNO — um nur einige zu nennen. In Washington und New York treffen wir uns mit Vertretern von Lobbys und Think Tanks, mit Politikwissenschaftlern und Diplomaten, mit Redakteuren, Reportern und Regierungsleuten — sogar der Sprecher des U.S.-Außenministeriums, Richard Boucher, nimmt sich für uns ein paar Minuten Zeit. Wir eilen von Termin zu Termin. Ein interessantes Gespräch folgt dem nächsten.

Selbst Programmpunkte, die beim ersten Blick auf den Terminplan eher langweilig wirken, entpuppen sich als höchst spannend. Zum Beispiel unser Gespräch bei der U.S.-Seniorenorganisation AARP, bei der man sehr viel über wirkungsvolles Lobbying lernen kann. Und auch sonst werden wir immer wieder positiv überrascht, wie beim American Enterprise Institute, einem eher konservativen Think Tank. Statt der erwarteten neokonservativen Propaganda präsentiert uns unsere Gesprächspartnerin Karlyn Bowman einen ausgewogenen Überblick der politischen Stimmung im Land, ermittelt als Querschnitt aus den Umfragen sämtlicher U.S.-Meinungsforschungsinstitute.

Einige Themen, die im März gerade besonders kontrovers in den USA debattiert wurden, prägten das Programm. Viele Gespräche drehten sich um den laufenden Wahlkampf, es ging um die Chancen des designierten demokratischen Präsidentschaftskandidaten John Kerry und den Fortgang des Irakkrieges. Für Diskussionen sorgten die wirtschaftliche Entwicklung und der drohende Jobexport ins Ausland, die Homo-Ehe, und — insbesondere vor dem Hintergrund der Anschläge in Madrid — der internationale Kampf gegen den Terrorismus.

Wie sehr sich die USA seit dem 11. September 2001 verändert haben, war auf der RIAS-Reise auf Schritt und Tritt zu merken. Verschärfte Sicherheitsmaßnahmen gelten dort zur Zeit fast überall. Selbst bei einigen Einkaufspassagen müssen die Besucher durch den Metalldetektor.

Fliegen wird zu einem Abenteuer besonderer Art: Das gesamte Gepäck wird von Hochleistungsröntgengeräten durchleuchtet und im Zweifel nochmals von Hand durchsucht. Und wenn die empfindlichen Metalldetektoren am Gate klingeln, muss man in einen abgesperrten Bereich, wo man von oben bis unten äußerst sorgfältig abgetastet wird: „Öffnen Sie bitte ihren Gürtel“, sagt der freundliche Beamte am Ronald-Reagen-National-Airport in Washington — während ich breitbeinig und mit zu den Seiten ausgestreckten Armen auf einer Bodenmarkierung stehe — er werde jetzt mit den Fingern an meinem Hosenbund entlang fahren. Unterdessen nimmt sein Kollege mein Handgepäck komplett auseinander und meine Schuhe verschwinden nochmals im Röntgengerät. Nach ein paar Minuten als „Terrorverdächtiger“ ist alles vorbei und mein Gepäck ordentlicher verpackt als zuvor. Leider würden sich nicht alle Passagiere so kooperativ verhalten, verrät mir einer der Beamten. Insgesamt dreimal durchlaufe ich diese Prozedur auf meiner Reise.

Aber nicht nur bei solchen Sicherheitsmaßnahmen, auch sonst ist deutlich zu spüren, dass die Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon am 11. September 2001 die amerikanische Seele tief getroffen haben.

Neben den vielen Diskussionen, die die RIAS-Gruppe bei verschiedenen Organisationen geführt hat, waren auch die persönlichen Gespräche mit Amerikanern besonders wichtig. Und zwischendurch nur gucken und staunen: Das Capitol, Hollywood und der Time Square oder auch die Skyline von Houston, wo ich meinen Praktikumsplatz habe, sind einfach immer wieder beeindruckend. Überhaupt: Die Mischung macht das RIAS-Programm so besonders attraktiv. Auf diese Weise fügte sich alles zu einem, sicher nicht vollständigen, aber doch recht umfangreichen Bild der USA im Frühjahr 2004.

Es war eine Reise, die sich wirklich gelohnt hat. Nun heißt es, sieben Jahre lang geduldig warten, bis wir erneut an einem RIAS-Programm teilnehmen dürfen.

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Sonja Schäfer, Saarländischer Rundfunk

Neben meinem Schreibtisch steht ein Schuhkarton. Darin sind die Sachen, die ich noch nicht weggeräumt habe, nachdem ich aus den USA zurückgekommen bin. Hosen, T-Shirts, der viel benutzte Anzug und die Blusen — alles das hängt wieder im Schrank. Der Koffer ist längst im Keller. Die CDs liegen im Stapel an der Stereoanlage. In dem Karton sind jetzt noch die Reste. Ein Plan vom Campus der Universität Austin zum Beispiel. Journalismus wurde da in einem der hässlichsten Gebäude gelehrt. Fensterlos, klar. Innen waren ja die Studios.

Interessant war das, die praxisbezogene Ausbildung dort zu sehen. Was journalistische Ethik angeht, die Themenauswahl, der Anspruch an die Recherche — das alles unterschied sich nicht grundlegend von unserer Art der Berichterstattung. „If it bleeds, it leads“ — diese Maxime kommt wohl erst später, im echten Leben. Ich habe sie bei meinem Abstecher in die Praxis gar nicht erlebt. Vielleicht war ich auf einer Insel der Seligen, bei Oregon Public Broadcasting in Portland. Eine der erfolgreichsten Public Stations im ganzen Land. Weithin bekannt, zumindest in Portland, von den Zuschauern geliebt und großzügig unterstützt. KC Cowan vom Kulturmagazin „Oregon Art Beat“ hat mich mit zum Dreh genommen. Keine hektische VJ-Action. Ein entspannter Besuch bei einer lokalen Künstlerin. Mit komplettem Zwei-Mann-Team an Kamera und Ton. Radio-Kollegin Allison Frost schickt mich später zur Recherche mit Reporter Colin raus. Der holt O-Töne bei verschiedenen Gesprächspartnern und baut nachher einen Dreieinhalb-Minüter für das Nachmittagsmagazin. So ist das eben auch in Amerika!

In meinem Schuhkarton ist auch noch ein Buch über Lewis und Clarke, die beiden Pioniere, die zu zweit loszogen, um den Weg in den Nordwesten bis zur Küste zu entdecken. „Undaunted Courage“ der Titel. In der Tat! Noch so eine Erkenntnis aus den vier Wochen USA: Wie groß das Land ist! Natürlich weiß man das. Aber es ist doch was anderes, tatsächlich von Washington, D.C. nach Portland, Oregon zu fliegen. Unter einem Land, Land, Land. Kein Meer in Sicht. Über Stunden. In Europa geht das nicht. Europa ist auch nicht so jung und so dünn besiedelt. Banale Erkenntnis, aber trotzdem sieht man das Land plötzlich mit anderen Augen. Erkennt, warum Europa im Allgemeinen und Deutschland im Besonderen eben nicht die gleiche Rolle für die Amerikaner spielt wie umgekehrt. Warum Patriotismus, Religion und alle Symbolik so wichtig sind, von der Flagge bis zur starken Präsidentenfigur. Wichtig als Kitt, um dieses Riesenland, das so unterschiedlich ist, zusammenzuhalten.

Vielleicht erfüllt auch Barbecue diese Funktion. Die Verpackung von meinem „Beer Butt Chicken“ — Ständer habe ich aufgehoben im Schuhkarton. Der Ständer selbst ist längst in Betrieb. Man kann eine Bierdose sicher dort hineinstellen. So stabil, dass man ein ausgenommenes Hühnchen darüber stülpen kann. „Beer Butt Chicken Rub“ drauf und ab in den Ofen (eigentlich auf den Grill). Natürlich muss die (volle!) Bierdose dazu geöffnet sein. Das so durchdampfte Hühnchen ist eine Bereicherung meines kulinarischen Lebens. Dank an Rick Browne, Moderator der Fernsehserie „Barbecue America“! Das schwierigste an der Zubereitung des Gerichts hierzulande ist übrigens, überhaupt noch eine Bierdose zu bekommen.

In diesem Zusammenhang fällt mir ein: irgendwo im Karton muss auch noch die Visitenkarte von Uni-Prof Don Heider sein. Hinten drauf hat er zwei top Barbecue-Adressen in der heimlichen BBQ-Hauptstadt Memphis für mich notiert. Wenn es um’s Grillen geht, hat man wirklich immer ein Gesprächsthema. Das „Corky’s“ in Memphis ist übrigens tatsächlich herausragend! Das hab ich nach dem RIAS-Programm noch recherchiert.

Viele Mini-Discs liegen noch im Karton. Es gab soviel aufzunehmen und nach Hause zu berichten. Darüber zum Beispiel, wie die Sicherheitsmaßnahmen nach 9/11 die Hauptstadt verändert haben, wie ein Rodeo in Texas abläuft, wie in Portland Hörer meines Senders leben und wie eine der mächtigsten Lobby-Organisationen in Washington Politik für Rentner macht. Die USA haben sich als weitaus vielschichtiger entpuppt, als man landläufig meint. Oder lag das daran, dass ich mit Washington, Austin, Portland und New York nur Ausnahmestädte (Ausnahme-Radiostation, Ausnahme-Uni…) kennengelernt habe? „New York ist nicht Amerika!“ hört man. Und: „Austin ist nicht Texas!“ Aber vielleicht ist es ja auch so, dass es DAS Amerika, DIE USA nirgendwo gibt. Natürlich stimmen die Klischees von den Nachrichtensendungen, in denen man fast nur noch Kriminalität und Wetter sieht. Natürlich gibt es die Hotels, in denen das Frühstück auf Wegwerfgeschirr serviert wird. Natürlich wird in Texas gerne Country gehört, und der Wimpel „Another Family supports Our President“ in den Vorgärten ist auch nicht selten. Aber es gibt auch Kulturmagazine und Radiofeatures, die einem deutschen öffentlich-rechtlichen Sender alle Ehre machen würden. Es gibt Orte, an denen man schief angeguckt wird, wenn man seine Glasflasche in den normalen Mülleimer wirft. Es gibt Texaner, die Punkrock spielen und es gibt auch Texaner, die sich kritisch zu ihrem ehemaligen Gouverneur äußern.

Viele Fotos sind noch in meinem Schuhkarton. Von netten Menschen, bei denen ich mich zu selten melde. Und ein großer Umschlag von Allison aus Portland. Darin hat sie mir Fotos von uns geschickt. Ich hab’s natürlich bislang versäumt, ihr im Gegenzug Abzüge von meinen Fotos zu schicken. Aber das macht nichts. Die geb ich ihr am nächsten Wochenende. Dann kommt sie nämlich zu Besuch nach Saarbrücken. Die Andenken sind schön, aber das Beste ist eben nicht im Schuhkarton.

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Nils Schneider, Zweites Deutsches Fernsehen

Die erste Woche in Washington war vollgestopft mit Terminen, angefangen vom Stadtrundgang bis zum Essen in der deutschen Botschaft oder der Besichtigung des Kongresses. Die erste wichtige Erkenntnis dabei: Washington ist wirklich eine schöne Stadt. Dazu kamen noch jede Menge inhaltlich wertvolle Treffen mit anderen Journalisten, unter anderem bei NPR und im State Department. Es war eine Herausforderung, diese große Menge an Informationen aufzunehmen und zu verarbeiten. Zwei Dinge haben mich in den ersten Tagen besonders beeindruckt. Zum einen der „Election Watch“ bei AEI und das Treffen mit Leuten von AARP.

Bei AEI, dem American Enterprises Institut, einem eher konservativen Think-Tank, wurden gerade die neuesten Umfrageergebnisse zum Thema Präsidentschaftswahlkampf verarbeitet und präsentiert. Im Kopf hatte ich bis dahin die zahlreichen Siege von John Kerry im Vorwahlkampf. Dazu die chaotische Situation im Irak und die ständigen Verluste an Leben auf Seiten der amerikanischen Soldaten. Daher der Schluss, dass die Chancen auf einen Sieg der Demokraten gut stünden. Doch ich wurde überrascht. Die amerikanischen Wähler sahen es zu diesem Zeitpunkt anders. Ein Kopf-an-Kopf-Rennen wurde erwartet zwischen Präsident Bush und seinem Herausforderer mit einer Tendenz zum Sieg für Bush. Als Gründe wurden genannt: die volle Wahlkampfkasse von Bush und der Kampf gegen den Terrorismus. Der 11. September spielt noch die tragende Rolle in der amerikanischen Innenpolitik und der Kampf gegen den Terror überdeckt die Probleme im Irak. Dass die Gründe für den Krieg sich immer mehr als falsch erweisen, Halbwahrheiten ans Licht kommen, spielt offenbar keine Rolle.

Das zweite beeindruckende Treffen war bei AARP, einer Organisation, der nur Menschen über 50 Jahre angehören, und die sich als Vertretung der älteren Menschen und Rentner begreift. Ein riesiger Lobby-Apparat mit Beziehungen bis in die höchste Regierungsebene. Allein die riesige Zahl der Mitglieder und potentieller Wähler sichert den Einfluss. Hier sah man, was Lobby-Arbeit bedeutet, und dass sie in den USA Normalität ist. Ein Beispiel: AARP ruft gerne dazu auf, den jeweiligen Kongressabgeordneten mit Emails, Faxen, Anrufen etc. zu bombardieren, wenn eine Gesetzesvorlage nicht passt. Dazu werden natürlich die entsprechenden Nummern veröffentlicht.

In der zweiten Woche ging es nach Florida, nach Cape Coral, ein schöner Vorort von Fort Myers an der Ostküste. Dort hatte ich die Möglichkeit, beim Lokalsender Fox 4 News die journalistische Arbeit kennen zu lernen. Als Nachrichtenredakteur war es sehr interessant zu sehen, wie lokale Nachrichten in den USA gemacht werden, nämlich sehr schnell, sehr kurze Schnipsel. Die Moderatoren stehen im Vordergrund, besonders auch der Wettermann. Und es passierte richtig viel, nur ein Beispiel: Auf einem Schrottplatz wäre fast eine alte Testrakete der Marine hochgegangen, weil ein Hilfsarbeiter die Rakete nicht erkannte und zerschneiden wollte. Militärexperten aus Cape Canaveral reisten an und riegelten das Gebiet großräumig ab.

Die Zeit in Cape Coral war sehr schön, mein Host vor Ort bot eine sehr gute Betreuung und landschaftlich ist die Gegend sehr reizvoll.

Danach flog ich quer über den Kontinent nach Los Angeles an die University of Southern California, USC. Die Annenberg School of Communications an der Uni bietet ein sehr umfangreiches und sehr hochwertiges Programm zur Journalistenausbildung. Dazu eine technische Ausstattung, von der deutsche Universitäten nur träumen können. Kein Wunder bei 40.000 Dollar Studiengebühren im Jahr. Auch die Professoren haben alle lange Jahre selbst in dem Beruf gearbeitet oder tun es noch. Daher finden viele Seminare erst spät abends statt. Die Studenten dort stemmen jeden Tag eine Nachrichtensendung, live, und geben mehrere Zeitungen heraus. Dazu kommt auch noch ein eigener Radiokanal.

Mal wieder Student zu sein und in den Vorlesungen zu sitzen, hat dort richtig Spaß gemacht. Auch war ich überrascht, wie sehr man an der Westküste der USA doch an Europa interessiert ist. Ich hatte damit gerechnet, dass man sich mehr Richtung Asien orientiert. Aber in mehreren Diskussionsrunden, bei denen wir drei Journalisten aus Europa die guest-speaker waren, wurde doch sehr schnell klar, dass es anders ist. Hauptthema war immer noch der Irak-Krieg. Warum manche Europäer, speziell die Deutschen, dagegen waren. Wie unterschiedlich der Kampf gegen den Terrorismus bewertet wird und wie die Präsidentschaftswahlen wohl ausgehen. Es tat gut zu erleben, dass die derzeitige U.S.-Politik auch innerhalb des Landes auf viel Kritik stößt.

Die abschließende Woche in New York war ähnlich vollgepackt wie die erste in Washington. Am beeindruckendsten aus touristischer Sicht war der Besuch bei der UNO und im deutschen Haus. Es war schon ein einmaliges Gefühl im Weltsicherheitsrat zu stehen oder in der Vollversammlung. Inhaltlich am interessantesten war die Diskussion um die Rolle der Hispanics in den USA. Die Zahl der Einwanderer aus Mittelamerika und der Karibik und ihrer Nachkommen wird in den nächsten Jahrzehnten immer weiter steigen. Und es wird befürchtet, dass sie im Gegensatz zu früheren Einwanderern eine Parallelgesellschaft bilden und sich nicht integrieren werden. Ein Anzeichen dafür sei, dass Spanisch als Sprache in den USA immer wichtiger wird, gerade in Staaten wie Kalifornien oder New Mexiko. Auch große Firmen müssen in ihren Call-Centern zum Beispiel Spanisch sprechendes Personal einstellen, um einen Markt abzudecken. Und auch im öffentlichen Sektor wie Krankenhäuser oder Feuerwehr ist Spanisch-Sprechen zum Sicherheitsfaktor geworden.

Ich bin sehr froh, dass ich die Möglichkeit hatte, an diesem Austauschprogramm des RIAS teilzunehmen. Die Erfahrungen waren einmalig und unglaublich wertvoll. Es kann gar nicht überschätzt werden, wie gut eine andere Sicht der Dinge tut. Gerade bei aktuellen Konflikten und Meinungsverschiedenheiten zwischen Europa und den USA wie dem Irak-Krieg. Auch wenn man nicht der gleichen Meinung ist, so kann man doch zumindest besser verstehen, warum der andere so handelt.

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Stephan Voßkühler, n-tv

Irgendwann lösen sich alle vorgefassten Meinungen auf:

Amerika ist Bush-Land. Stimmt nicht. Selbst in Deutschland habe ich nicht so erbitterte Gegner des Präsidenten getroffen wie in den USA.

Amerikaner wissen nichts über Europa. Falsch! Wir haben mit vielen sehr gut informierten Menschen gesprochen, die unseren Hintergrund sehr genau kannten und häufig selbst länger in Europa gelebt haben.

Amerikaner mögen keine Deutschen. Aber sie waren alle schon da. Die Frau des Journalistik-Dozenten an der Universität von South Carolina. Der Lastwagen-Fahrer in Detroit. Der Stadtführer in Washington. Selbst die Kellnerin in Georgetown begrüßt uns mit einem „Guten Abend“ und der Erklärung, sie sei in Heidelberg geboren.

Wenn sich die Klischees verflüchtigt haben, wird der Blick freier. Und die Vorurteile werden nicht von Begeisterung, sondern von der Ambivalenz der Gefühle abgelöst: Den einen Tag habe ich die Freundlichkeit der Menschen dankbar genossen, den nächsten Tag ging mir das wiederholte „Oh. That`s fantastic!“ einfach nur auf die Nerven. Die Dienstleistungsgesellschaft USA macht dem Besucher das Leben einfach und bequem, aber der freundliche Kellner kann mit der zehnten Nachfrage „Everything ok with you guys?“ auch ganz schön nerven.

Ich merke also irgendwann: Ich bin ein Deutscher in den USA. Und habe auch so meine Eigenarten, die eben nicht universell sind und deswegen einen Amerikaner auch richtig nerven können. Wir häufig musste sich unser Host Margaret schon die Klage anhören, dass sich in den Hotels die Fenster nicht öffnen lassen. Wie häufig haben Deutsche demonstrativ im Frühjahr den Ski-Pulli angezogen, um damit stumm gegen die auf Hochtouren laufende Klimaanlage zu demonstrieren? So lernen wir uns also gegenseitig kennen.

Washington

Wir stehen am Anfang der Reise. Die Kontrollen am Flughafen waren gar nicht schlimm. Alle Horror-Szenarien über von miesgelaunten Immigration-Officers gequälte Deutsche sind nicht eingetroffen. Stattdessen: Washington im Frühling. Ein ganz besonderes Licht. Wir steigen aus Bussen aus und wieder ein. Termin nach Termin. Fensterlose Konferenzräume. Sehr interessante Gesprächspartner. Mein Englisch kommt zurück. Die ersten Tage zuhören und immer mehr verstehen. Dann traut man sich auch wieder zu sprechen. Gelegentlich die Krawatte glatt streichen. Die Kleider-Frage ist in diesen Tagen immer eine Frage. Washington ist förmlich.

Columbia, South Carolina

Der Süden liegt so nah. Nach einer guten Stunde landen wir in Columbia, Hauptstadt des Bundesstaates South Carolina. Zumindest eine Erwartung wird erfüllt: es ist deutlich wärmer als in Washington. Aber wo sind die Holzhäuser? Die Baumwollfelder? Die kleinen, herausgeputzten Städtchen? Columbia sieht wie irgendeine amerikanische Durchschnittsstadt aus. 100.000 Einwohner. Eine renommierte Universität. Dekan der journalistischen Fakultät: Charles Bierbauer, ehemaliger CNN-Korrespondent für Mitteleuropa. Ein Weltbürger in der amerikanischen Provinz. Unser Kontakt an der Universität. Wir sind die erste Rias-Gruppe in Columbia. Alle geben sich Mühe — die Gastgeber und die Gäste. Neue Eindrücke für uns: Washington scheint weit weg zu sein: Die Fleischportionen in den Restaurants sind größer, die Pick-Ups erscheinen riesig. An jeder Ecke eine Kirche. Am Ende der Woche eine Hinrichtung im Gefängnis von Columbia. So richtig scheint das niemanden aufzuregen. Einer der Momente, in dem sich die Deutschen fremd fühlen.

Detroit, Fox-News

Diese Stadt wird wohl niemals ein Touristenmagnet. Nach Detroit geht man, um zu arbeiten. Und lebt auch nicht in der Stadt, sondern lässt sich in einem der nicht enden wollenden Vororte nieder. Mit der Folge, dass Detroit einen verödeten Innenstadtkern hat, der nur langsam durch eine gezielte Stadtplanung wieder belebt wird. Die Stadt war lange Lehrobjekt für alle Stadtplaner, die erfahren wollten, wie man eine Stadt möglichst umfassend zu Grunde richten kann. Fox sitzt in Southfield, einem der reichen Vororte von Detroit, die sich Meile um Meile durch Michigan ziehen. Mein Host: Bill Gallagher — Ire und Bush-Gegner. Reporter durch und durch. Bill hat für touristische Führungen keine Zeit. Er hat einen Job. Aber was gibt es in Detroit auch schon anzuschauen? Spötter nennen die Stadt die einzige Autobahn mit angeschlossenen Schlaf-Silos. Ich schaue eine Woche zu. Die Stadt lerne ich nicht lieben, die Menschen aber schätzen.

New York

Ein Programm fast wie in Washington. Nur dass wir in diesen Tagen den Bus gegen die U-Bahn eintauschen. Und etwas hat der Eifer in den Diskussionen auch nachgelassen. Es ist die 4. Woche in den USA. Selbst die an dieser Stelle schon so häufig beschriebene Margaret lässt Milde walten. New York schlaucht schon so — visuell und konditionell. Trotzdem — die Gruppe freut sich, sich wiederzusehen. Und der Abschied fällt dann wirklich schwer.

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Ingo Zamperoni, Norddeutscher Rundfunk

Ich dachte, ich hätte sie alle erwischt. Die ersten beiden hatte ich auf meinem Arm gesehen und noch vor der Vorspeise mit dem Knauf meines Steakmessers zerquetscht. Aber noch während der Kellner im „Texas Roadhouse“-Restaurant in einem Vorort Denvers die saftigen Rib-Eyes servierte, schaute mich meine Bekannte Cathy erneut mit weit geöffneten Augen an, halb angeekelt, halb amüsiert: krabbelte doch tatsächlich noch eine dieser widerlichen Rocky Mountains-Zecken an meinem Kragen entlang. Ein nicht ganz so willkommenes Souvenir von einem ansonsten grandiosen Ausflug in den Rocky Mountains National Park, nordwestlich der Universitätsstadt Boulder, wo ich meine Uni-Station absolvierte. Noch nie hatte ich zudem so große Vertreter dieser Spezies gesehen (die dritte war dann aber auch endlich die letzte).

Trotz dieser Unannehmlichkeit — der Ausflug in die Rocky Mountains war einer der Höhepunkte der zweiten Woche, die ich an der University of Colorado verbringen durfte. Boulder ist zudem ein ganz entzückendes Städtchen für alle, die einmal etwas vom echten Anti-George-Bush-Amerika kennenlernen möchten. Oder die sich vorstellen wollen, wo die letzten Hippies der USA untergekommen sein könnten. Nach einem ersten kurzen Rundgang durch die baulich wenig reizvolle, aber durch viele Cafés, Restaurants und die Cheesecake Factory sehr angenehm gestaltete Innenstadt und Fußgängerzone Boulders war schnell klar: ohne gammeligen Vollbart würde ich unübersehbar als Tourist gekennzeichnet sein. Und nie habe ich so große „organic supermarkets“ gesehen. Der neben unserem super-gemütlichen Bed-and-Breakfast, das wir fast allein für uns hatten, bot sogar Yoga und Massage an!

Die Universität selbst ist eine echte CampU.S.-Uni, mit den typischen Grasflächen zwischen den Gebäuden, auf denen Studenten Frisbee spielen oder Bücher wälzen, eingerahmt von der spektakulären Kulisse der „flatirons“, einem ersten Gebirgskamm der Rocky Mountains. Die School of Journalism, versicherte uns unser host Vicky Sama, sei eine der Top 5 der USA. Ich war persönlich von der Schule nicht ganz so beeindruckt, aber vielleicht ließ sich das in der kurzen Zeit nicht vermitteln. Vicky war unheimlich nett, führte uns viel herum, ließ uns aber auch viel Raum, um selbst Ort, Uni und Umgebung zu erkunden (weshalb es auch zu oben erwähntem atemberaubenden Ausflug in den Nationalpark kam, der allein schon Boulder als erste Wahl für die Uni-Woche qualifiziert — (abgesehen von den Krabbeltieren…). Vom Unterricht haben wir hauptsächlich den praktischen Teil mitbekommen: die Studenten planen, produzieren und senden täglich eine eigene Live-Sendung, wo jeder einmal alles macht. Sehr dilettantisch zwar, aber wo bekommt man sonst so eine „Spielwiese“ zum Erfahrung sammeln unter echten Bedingungen? In den anderen Kursen kamen wir kaum zum „schnuppern“, da wir meist in die Rolle der Professoren schlüpfen mussten (was allerdings auch seinen Reiz hatte) und kleine Lehr- und Fragestunden abhielten, wie man Journalismus denn in Deutschland betreibt und versteht. Was mich zum allerersten Mal dazu zwang, mich mit dem Rundfunkstaatsvertrag auseinander zu setzen (den ich extra mitgebracht hatte). Die Themen der Diskussionen reichten dabei von dualer Medienlandschaft oder der verschiedenen Darstellung von Weltgeschehen bis hin zur unterschiedlichen Auffassung im Umgang mit „nudity“ (Janet Jackson´s „skandalöse“ wardrobe malfunction contra Duschgelwerbung im deutschen Werbefernsehen war höchst amüsant).

Die dritte Woche führte mich dann von der Höhenluft der Gebirge ins Flachland der texanischen Prärie — nach San Antonio, der schönen Stadt mit dem berühmten RiverWalk. Weil sich dort vor fast zweihundert Jahren ein paar texanische Raufbolde mit den Mexikanern anlegten und dafür ordentlich verhauen wurden, ist der Ort ihres letzten Gefechts — Remember the Alamo! — so etwas wie der heilige Schrein dieses einzigartigen, riesigen Staates. Und da Texas zudem auch als einziger U.S.-Staat auch mal eigenständige Republik war, wird der Besucher das Gefühl nie so ganz los, nach wie vor in einem eigenen Land und nicht den USA zu sein. Die TexMex-Küche und die Nähe zu Mexiko tun ihr übriges dazu. Selten so viele gute Margaritas und Fajitas verzehrt. So gehörte auch die Grenzstadt Laredo am Rio Grande zum Berichtsgebiet meines hosts Steve Roldan bei K-Sat12 News. Laredo — der Name allein klingt schon wie Wilder Westen — ist in Wirklichkeit ein trübes Grenzkaff, aber die drei Stunden Fahrt durch Prärie und Hügellandschaft waren trotzdem schön.

Das RIAS-Programm war für mich aber natürlich mehr als nur ein einziger Landschaftstrip. Ich habe schon einmal drei Jahre in diesem Land gelebt und hätte nie gedacht, so viele neue Aspekte der Politik, Kultur und Gesellschaft dieses Landes kennen zu lernen und vertiefen zu können. Vom Frühstück bei konservativen think tanks bis zum lunch mit hispanischen Bürgerrechtlern, es gibt wohl kaum ein Austauschprogramm, das dies auf so kompakte Weise ermöglicht. Ohne dabei auch den Spaß aus den Augen zu verlieren: die Daily Show mit John Stewart bleibt hoffentlich lange Bestandteil der New York-Woche.

Und wenn ein paar kleine Krabbeltiere (die zudem noch nicht mal zugebissen haben) das mit Abstand unangenehmste Erlebnis in vier Wochen toll geplanter und durchgeführter Reise waren, dann spricht das ja für sich, oder?

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RIAS USA-Herbstprogramm
11. September – 9. Oktober 2004

Zwölf Journalisten in den USA: Programm in Washington und New York City; Besuch von Journalistenschulen (Brigham Young University, Provo, UT; University of Georgia, Athens, GA; University of Hawaii, Manoa, HI, University of Missouri, Columbia, MO); individuelles Rundfunkpraktikum.


TEILNEHMERBERICHTE

Philip T. Auf, Zweites Deutsches Fernsehen

Washington D.C.

Die Hauptstadt am Potomac ist ein einzigartiges Konglomerat aus amerikanischer Geschichte, aktueller Politik, Wissenschaft, Medien und Kultur. Auf einer überschaubaren Fläche vermitteln die beeindruckenden Lincoln, Jefferson, World War II, Vietnam und Korean War Memorials, der Friedhof in Arlington mit seinen 250.000 weißen Kreuzen und der Museumskomplex Smithsonian die Dimension historischer Ereignisse und deren Erinnerungskultur. Das Herzstück der Regierungsmeile bilden das pittoreske Capitol und das Weiße Haus. Im Vergleich zum Bundeskanzleramt ist es bescheiden in einen schönen Garten gepflanzt und hat den Charme eines Landhauses aus einer vergangenen Zeit.

All das bietet die Kulisse für die politischen Diskussionen und Entscheidungen, die von zahllosen Medienvertretern aus den USA und der ganzen Welt täglich verfolgt und kommentiert werden. Als Privileg und Bereicherung möchte ich die Treffen mit Vertretern der verschieden wissenschaftlichen Einrichtungen und Medien hervorheben. Hier wurde deutlich, dass die oft von Stereotypen und pauschalen Vorurteilen beladene deutsche Sicht auf „die USA“ oder „die Amerikaner“ weder angebracht noch produktiv in der politischen und kulturellen Auseinandersetzung ist. Die breite Palette der servierten Meinungen und Analysen zum Irak-Konflikt, der Wirtschafts-, Arbeitsmarkt- oder Sozialpolitik lassen keine einheitliche Beurteilung einer Stimmung oder Tendenz in diesem Land zu. „Bush oder Kerry“ symbolisiert vielleicht am besten die Heterogenität der öffentlichen Meinung zu Themen wie Abtreibung, Homo-Ehe oder amerikanischer Außenpolitik.

Die verrückteste Geschichte aus Washington hat mit Politik allerdings wenig zu tun. Dass es Zikaden gibt, deren tausende Eier 17 Jahre lang unter der Erde allen Witterungen zum Trotz überleben, um dann an einem Tag gleichzeitig zu schlüpfen, war mir neu. Diese so genannten „17-Jahres-Zikaden“ kommen dann wie eine Art biblische Plage über die Menschen und richten solange enorme Schäden an, bis sie nach wenigen Tagen verenden.

Dallas/Texas

Es scheint, als wäre in Texas alles noch bigger als im Rest der Vereinigten Staaten. Die Stadt gehört bezüglich der Fläche mit Los Angeles und New York zu den größten in den USA. Der Flughafen ist nicht nur neben Chicago die Drehscheibe für inneramerikanische Flüge, sondern auch der fünftgrößte der Welt — wurde mir zumindest stolz berichtet. Sportlich gesehen gehört Dallas zu den absoluten Superlativen samt den dafür erbauten Arenen. Die Mavericks mit „Dörk“ Nowitzki sorgen in der NBA für Furore, die Texas Rangers schlagen in einem Mega-Stadion, erbaut von George W. Bush, auf die Lederkugel und die Dallas Cowboys sind nach ihrem Super Bowl Gewinn 1994 zur Legende geworden. Obwohl Dallas eine moderne Metropole ist, verbinde ich die Stadt nach wie vor mit Miss Ellie und J. R. Ewing, aber vor allem mit dem Attentat auf John F. Kennedy.

Mein Hotel liegt direkt an der Elm Street und ich konnte den Tatort, Dealey Plaza und das ehemalige Schulbuchlagerhaus zu Fuß erreichen. Am 23. November 1963 setzte hier Lee Harvey Oswald der Hoffnung Amerikas ein Ende. Der 6. Stock des Museums bietet den besten Blick über den Plaza und das Gefühl, dass die Wagenkolonne mit dem Präsidenten gleich um Ecke biegt. Zahlreiche Touristen bewegen sich andächtig und mit ungläubigen Blicken über das Gelände, als könnten sie nicht glauben, was sich hier vor mehr als 40 Jahren abspielte. Als Katalysator für die Emotionen scheint der Auslöser des mitgebrachten Photoapparates zu dienen, der ständig bedient wird. Dieser Ort mit seiner historischen Aura hat mich mindestens so beeindruckt wie die Arbeit bei FOX 4 News.

Gleich zu Beginn meines Praktikums steht ein gewisser James, Reporter bei FOX 4 News, im Mittelpunkt. Er hat es geschafft innerhalb von Minuten ein Star zu werden. So hat er sich wohl gefühlt, als er am Flughafen von Dallas exklusiv den großen Moderator Dan Rather von CBS an das Mikrophon bekommen hat. Ja, er war es wirklich. Auf Rather’s schwerem Weg zu dem Informanten, der ihm mit den gefälschten Papieren über den Militärdienst von George W. Bush mitten im Präsidentschaftswahlkampf einen tiefen Kratzer in seine langjährige Karrierelaufbahn verpasst hat, lauert ihm James rücksichtslos auf. „I don’t talk to FOX,“ raunt Rather und steigt vor lauter Aufregung beinahe in den falschen Wagen. James hat es geschafft. Ein gefundenes Fressen für die Abendnachrichten von FOX NEWS national wide, wo der O-Ton rauf und runter lief. Danke James.

Die Woche bei Fox 4 News war nicht nur für mich eine besondere, sondern auch für meinen Gastgeber Dan Godwin. Dessen Tag als Moderator von „Good day“ beginnt mit der Live-Sendung um 5:00 Uhr morgens. Anschließend ist er als Reporter unterwegs und wird für die Hauptnachrichten an guten Tagen dreimal geschaltet. Schließlich bereitet er sich noch auf die Sendung am nächsten Tag vor, indem er Interviews aufzeichnet oder eigene Beiträge vorbereitet. Als Fachmann und Sammler von Rockmusik der 60er und 70er Jahre hat er die Ehre, den Sänger von Credence Clearwater Revival John Forgerty, zu interviewen. Ein Jugendtraum geht in diesem Moment in Erfüllung. Als echter Fan hat er kein Konzert von CCR verpasst und ist stolzer Besitzer einer CD, die John persönlich vor 20 Jahren signiert hat. Und jetzt sitzt dieser Mann in einem Studio in Los Angeles und wartet auf seine Fragen! Dan ist aufgeregt wie ein Schuljunge. Ein großer Moment in seinem Leben, wie er selbst sagt. Doch als Profi bringt er das Interview souverän über die Bühne.

University of North Carolina at Chapel Hill

Inmitten von unendlichem Grün liegt das verschlafene Örtchen Chapel Hill. Die im Kolonialstil erbauten Gebäude der Universität tragen beinahe alle ein weißes Türmchen auf dem Dach. In dieser Idylle sind die Bedingungen an der School of Journalism and Mass Communication hervorragend. Den Studenten der public university stehen motivierte Professoren, gut sortierte Bibliotheken und ein umfangreiches Sportprogramm zur Verfügung. Modernste Technik wie Schnittplätze, Kameras, zahlreiche Arbeitsräume mit den neuesten Apple-Computern und ein professionelles Fernsehstudio bildet die Grundlage der Ausbildung. Die Teilnehmerzahl der einzelnen Kurse hat die Größe von Schulklassen, so dass sich die Lehrer um jeden einzelnen Studenten kümmern können. Zweimal die Woche produziert die Redaktion der Carolina Week eine halbe Stunde Universitätsfernsehen.

Das ganze Programm wird von den Studenten organisiert und gestaltet. Die Beiträge und Interviews werden gedreht, geschnitten und vertont. Am Sendetag gibt es Aufnahmeleiter, Regisseure und Bildmischer. Die Moderatoren sitzen professionell geschminkt und gekleidet in dem Studio und führen durch die Sendung. In der Selbstdarstellung der Universität zählt die Schule zu „einer der besten Journalismus Schulen des Landes — und vielleicht ist es sogar die Beste.“ Der prominenteste Student in Chapel Hill dürfte wohl Michael Jordan gewesen sein, der schon die College Mannschaft zum Erfolg geworfen hat.

New York

500 Mitarbeiter bemühen sich in filigraner Kleinarbeit neun Monate lang, um eines der Kunstwerke zu schaffen, von denen jährlich nur 3000 produziert werden können. Die Nachfrage ist weltweit so hoch, dass man sich auf Wartelisten wieder findet, vorausgesetzt man verfügt über das nötige Kleingeld. In der größten Holz verarbeitenden Fabrik der Stadt wird der legendäre Steinway Flügel produziert und wir hatten die Ehre die heiligen Hallen zu betreten. Ich hatte das Gefühl mich in einer Art Schatzkammer zu befinden, in der ein harmonisches Zusammenspiel aus feinsten Materialien, traditioneller Manufaktur und modernster Technik bis zur Vollendung zelebriert wird. Ich habe selten Menschen erlebt, die mir so stolz und beinahe ehrfürchtig ihr Produkt vorgeführt haben. Der Steinway Flügel ist eine Kategorie für sich, in der sich Vergleiche nicht lohnen.

Die Woche in New York mit den Terminen bei den Vereinten Nationen, dem American Jewish Committee, der Fahrt nach Ellis Island und der Führung durch Harlem gemeinsam mit einer Vertreterin der Abysinnian Baptist Church war der krönende Abschluss einer großartigen Reise. Hervorzuheben bleibt der Besuch der Daily Show mit John Steward, dessen Comedy in den USA so populär ist, dass ihr nachgesagt wurde, sie könne Einfluss auf das Wahlverhalten der Zuschauer nehmen. Scheinbar war dieser aber doch begrenzt.

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Andrea Beer, Südwestdeutscher Rundfunk Hörfunk

It is a beginning — ein Tag in der Foodbank Atlanta

Am Anfang unserer vier Stationen gab uns unsere amerikanische Leiterin Margaret Ershler einen Rat, an den ich noch oft dachte: Ihr könnt nicht alles machen oder sehen, dafür ist das Land einfach zu groß. In der Tat. Man fährt eben nicht mal kurz den Blue Ridge Highway entlang oder besichtigt noch schnell das Metropolitan Museum. So habe auch ich nur einen Bruchteil von dem gesehen, was ich mir vorgenommen hatte, aber ein Anfang ist gemacht.
Die Woche in Washington war ein guter Einstieg. Von der konservativen Heritage Foundation bis zum Joint Center for Political and Economic Studies, dem think tank der schwarzen Amerikaner. Danach war es an der Zeit, die Theorie mit amerikanischem Leben zu füllen.

Einen besonders schönen und interessanten Tag erlebte ich bei der Foodbank in Atlanta — die 2004 ihr 25jähriges Jubiläum feierte. Foodbankgründer Bill Bowles war damals Mitarbeiter einer Kirche, die Obdachlose mit gespendetem Essen versorgte. Er sitzt in seinem kleinen Büro und grinst: „Dann hatte ich eine Idee; sie war gut und ziemlich simpel. Mir fiel auf, dass in den USA Riesenmengen an Lebensmitteln weggeschmissen werden — die man nicht mehr verkaufen, aber noch essen kann, also dachte ich mir: warum sammle ich das nicht und teile es mit anderen, die auch Essen verteilen.“ Heute verteilt seine gemeinnützige Organisation pro Monat circa 450 tausend Kilogramm Essen. Die riesigen Lagerhallen am Rand von Atlanta sind prallvoll. Rund 450 große und kleine Firmen spenden regelmäßig — genau wie Bauernhöfe oder Einzelpersonen. Freiwillige sortieren in mehreren Schichten sorgfältig die Spenden und verpacken sie gut in Kartons. Mitarbeiter von Suppenküchen oder Kirchen können sie dann abholen. Zerdrückte Campelldosen mit Tomatensuppe, angeschlagene Thunfischbüchsen, Zahnpasta — alles ist willkommen. Auch Schulhefte, neue Bleistifte oder Bücher, denn die Foodbank hat einen kleinen Extra-Shop für Schulen. An diesem schwülen Morgen sortieren bunt gekleidete Teenager einer Schulklasse. „Ich möchte etwas geben, denn Armut könnte einen ja auch selbst mal treffen,“ bemerkt einer ernst. Einige Stunden freiwilliger Gemeindedienst stehen in Georgia im College oder an der Highschool oft auf dem Stundenplan. „Wir wollen Werte vermitteln,“ sagt Schuldirektor Travis Cratchfield schon leicht verschwitzt zwischen zerknautschten Bohnendosen, Mehl und Herschey-Schokolade. „Wir sind Christen, und Jesus sagt, dass wir unseren Nächsten lieben sollen wie uns selbst, und das ist ein Weg es zu zeigen.“

Auch die schmale Teresa wuchtet palettenweise Coca Cola, Erdnussbutter, Nudeln und Vitamine. Für die Krankenschwester gehört der Vormittag in der Foodbank zu ihrer Fortbildung. „Gut macht ihr das, Leute!“ motiviert Foodbankmitarbeiter Dwain Row unterdessen die sortierenden Freiwilligen. Eifrig rennt der junge Schwarze in der Halle hin und her; er achtet darauf, dass Orangensaft oder Körpercreme in den richtigen Kartons landen. Nicht nur Schüler und Studenten helfen, betont Dwain — auch Rentner und Angestellte packen mit an. Die Foodbank will so viele Menschen und Gemeinden wie möglich auf das Hungerproblem aufmerksam machen und mit einbeziehen. „Wir haben so viele Leute hier, die hungern — und gerade weil Amerika so ein unglaublich reiches Land ist, kann man leicht ausblenden, dass es eine Menge Arme hier gibt.“ Bei der Gründung vor 25 Jahren waren das vor allem Drogenabhängige, psychisch Kranke oder traumatisierte Vietnam-Kämpfer, erzählt Foodbank-Chef Bill Bowles, selbst Vietnamveteran. Hilfe für so genannte normale Familien war nicht die Regel. „Früher haben wir vor allem bei Notfällen geholfen — bei längerer Krankheit, nach einem Hausbrand oder nach einer hohen Rechnung für eine Autoreparatur. In den späten 70ern waren die Zinsen extrem hoch und die wirtschaftliche Lage sehr schwierig. Heute haben wir wieder eine wirtschaftlich schwierige Situation. Wir unterstützen vor allem die so genannten Working Poor. Arbeitende Arme also. Ich weiß, das ist schwer zu glauben, aber sie arbeiten und können ihre Familien trotzdem nicht ernähren.“Denn im boomenden Atlanta sind die Einkommen in den letzten Jahren gesunken, vor allem in der Elektronik und Computerbranche. Auch bei vielen Farmern im Umland ist das Geld knapp geworden. Doch Georgias Politiker kümmern sich zu wenig um die sozialen Folgen, beobachtet Denis Ohayer, politischer Journalist beim Fernsehsender 11Alive in Atlanta, wo ich eine Woche lang mitarbeiten konnte. „Erst langsam beginnt bei einigen Demokraten überhaupt eine Diskussion über den unverdient schlechten Ruf unterbezahlter Arbeitnehmer,“ sagt er, als ich ihn auf einen Termin begleite. „Hier herrscht aber bereits das Klischee: wer nicht genügend Geld hat, ist eben einfach zu faul um zu arbeiten. Im Gegenteil: viele dieser Menschen haben mehrere Jobs, weil einer für den Lebensunterhalt nicht ausreicht!“ Die Working Poor fallen politisch eben nicht ins Gewicht, sagt Chuck Stone, 80 Jahre alt und schwarze Journalistenlegende an der Schule für Journalismus und Massenmedien in Chapel Hill, North Carolina. Hier verbringe ich meine Universitätswoche. „Arme wählen nicht. Sie sind so damit beschäftigt zu überleben, dass sie keine Zeit haben, sich für Wahlkampagnen zu interessieren. Armut und soziale Fragen spielen bei uns schon eine Rolle, aber die Stimmen der Armen fallen einfach nicht ins Gewicht. Ich würde sagen, dass eine hauchdünne Mehrheit unter ihnen doch eher Demokraten sind.“

Demokraten oder nicht — immer mehr Amerikaner sind auf staatliche Unterstützung angewiesen. Besonders der Mittelstand rutscht ab: kündigt die Krankenversicherung und muss an der Ausbildung der Kinder sparen. Das liegt auch am niedrigen Mindestlohn, ist Lindy Wood überzeugt, die bei der Foodbank Atlanta Ursachen für Hunger und Armut analysiert. „Zur Zeit liegt der Mindestlohn bei 5,15 Dollar pro Stunde — – bei einem Vollzeitjob macht das monatlich rund 800 Dollar. Eine Durchschnittsmiete für eine Familie hier in Atlanta liegt schon bei mehr als 900 Dollar im Monat. Also, sogar wenn jemand Vollzeit arbeitet, kann er sich eine Miete nicht leisten. Ich glaube, nur wenige wissen, dass bereits 40 % derer, die von uns Lebensmittel bekommen, arbeiten!“ Im Bundesstaat Georgia hat man nur einige Lebensjahre Anspruch auf staatliche Unterstützung. Wer das System, sagen wir mit 20, schon ausschöpft, bekommt in einer späteren finanziellen Krise nichts mehr. Wenn trotzdem Hilfe nötig ist, versucht die Foodbank Atlanta die Armut zu mildern. Bill Bowles hat beobachtet, dass die Lücke zwischen arm und reich größer wird. „Dadurch geraten wir bei der Foodbank immer stärker unter Druck. Wir brauchen mehr Geld vom Staat fürs Sozialsystem, aber ich bin für eine privat-staatliche Partnerschaft im sozialen Bereich. Weder der Staat noch wir, die privaten Organisationen, sollten ausschließlich für die Sozialsysteme verantwortlich sein.“

Bill Bowles sieht also nicht nur den Staat in der Pflicht. Keine untypische Einstellung in den USA. Hier wird vom Staat sowieso keine Rundumversorgung erwartet. Trotzdem: die Politik lässt die dringende Reform der Sozialsysteme schleifen, kritisiert Bowles. Obwohl wirklich genügend Vorschläge auf dem Tisch liegen. Von der erzkonservativen Heritage Foundation bis zur linken liberalen New America Foundation — überall machen sich Experten Gedanken über Steuerpolitik, Bildung, Rente und Krankenversicherung. Und Bill Bowles? Nach 25 Jahren hat er mit seiner Foodbank Atlanta viel erreicht: Arbeitsplätze geschaffen, tonnenweise Essen und Schulbücher verschenkt, ein Gemüsegarten-Projekt erfunden und ein Bewusstsein geschaffen. Aufhören? Das ginge gar nicht; sagt er: „Wir haben so viel Essen; wir haben so viel Geld! Warum hungern Menschen? Warum gibt es Obdachlose? Warum haben nicht alle eine gute Krankenversicherung? Das sind die Fragen; die wir uns alle stellen müssen, und das werden wir weiter tun“. Mehr als tausend Meilen nordwestlich von Atlanta und Bill Bowles — da sitzt Professor Chuck Stone an seinem vollgestapelten Schreibtisch in Chapel Hill. An den Wänden die Schwarz-weiß-Fotos seines Freundes und Bürgerrechtlers Martin Luther King. Arme wählen nicht, das sagt er selbst — und zitiert danach Frederik Douglass, den berühmten Gegner der Sklaverei: „Die Mächtigen geben nicht ein bisschen Macht ab, ohne dass man das einfordert. Die Grenze der Tyrannei ist die Geduld derer, die unterdrückt werden. Wenn die Mächtigen Schwarze oder andere Minderheiten unterdrücken, dann ist es an diesen Schwarzen oder unterdrückten Minderheiten, sich dagegen zu wehren, indem sie dagegen aufstehen und wählen!“

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Sonja Christlein, Bayerischer Rundfunk

John Kerry und Hurrikan „Jeanne“ sind auf dem Weg nach West Palm Beach/Florida — hier bin ich gerade zu Gast bei „WPEC News 12“, einem der lokalen Fernsehsender. Zum Glück kommt Kerry drei Tage vor Jeanne, so dass diesem von mir lang ersehnten Erlebnis nichts im Wege steht — wenn man davon absieht, dass ich nicht akkreditiert bin. Es klappt — ich kann mit Reporterin Stephanie von News 12 hinein. Fünf lange Stunden warten wir in der „Konvention Hall“ auf den Kandidaten! Währenddessen machen wir uns ein Bild von den Besuchern der Wahlveranstaltung — in der langen Schlange der Wartenden suchen wir allerdings vergeblich nach unentschlossenen Wählern. Entweder sind die Menschen schon von weitem als Kerry-Anhänger zu identifizieren — an den Kerry/Edwards-Plaketten, die sie tragen — oder aber sie teilen es uns im Brustton der Überzeugung mit. Wozu dann eigentlich diese Veranstaltung in einem der Staaten, die vermutlich ausschlaggebend für die Wahl sein werden? Von der Pressesprecherin Kerrys erfahren wir, dass das Wahlteam keinen Einfluss auf die Zusammensetzung der Besucher genommen hat, die Karten wurden frei verkauft. Anscheinend machen sich Unentschlossene aus West Palm Beach ihr Bild von den beiden Präsidentschaftskandidaten auf andere Weise.

Wie wir im Laufe unseres Aufenthaltes erfahren, bilden sich z.B. junge Leute in den USA ihre Meinung zunehmend über politische TV-Talks wie der „Daily Show“, in die unsere Begleiterin Margaret uns dank ihrer unzähligen Kontakte während der New-York-Woche hineinschleusen kann — eine wirklich witzige, anspruchsvoll gemachte Show. Trotzdem: es ist erschreckend, dass beispielsweise der Prozentsatz von Jugendlichen zwischen 18 und 24, die regelmäßig Zeitung lesen, laut einer Studie in den vergangenen fünf Jahren von 55 auf 40 Prozent gesunken ist.

Wir warten gespannt auf den Auftritt Kerrys. Ein Demokrat aus der Region macht die etwa eintausend Menschen in der Konvention Hall warm, und dann endlich kommt Kerry! Die üblichen Showelemente: laute Musik ertönt, eine sonore Stimme vom Band kündigt den Kandidaten an: „Jooohnnn Keeeerrryy!“. Der betritt die Halle — und kann leider kaum sprechen: er ist nämlich heiser heute. Aber nicht nur daran liegt es wohl, dass die Menge bei seinem Auftritt weder frenetisch applaudiert noch in deutlich spürbare Begeisterung verfällt. Kerry wirkt zwar sehr sympathisch, aber zurückhaltend und etwas spröde, eher wie ein zwar gut vorbereiteter, aber doch ein Beamter aus der zweiten Riege. Natürlich bringt er seine Argumente vor, greift teils auch die Politik Bushs an und spricht über die drei Themen, die den gesamten Wahlkampf beherrschen: der Kampf gegen den Terror, der Irak-Krieg und die Sozialpolitik. Aber: er wirkt hier farblos und nicht wie einer, der immerhin der mächtigste Mann der Welt werden will.

Etwas enttäuscht und wenig zuversichtlich, was die Präsidentschaftswahl angeht, verlasse ich die Veranstaltung. Auch Terry, mein Host bei News 12, hat mehr von dem Auftritt Kerrys erwartet, den sie vom Sender aus verfolgt hat. Terry interessiert sich sehr für Politik, einen Bereich, der allerdings bei News 12 nicht im Vordergrund steht. Hier überwiegt die Regionalberichterstattung, und bei fast jedem Thema stehen emotionale Aspekte der Betroffenen im Vordergrund. Dennoch ist Terry voller Energie bei der Arbeit.

Sie hat vorher in Kalifornien gelebt und als Reporterin und Moderatorin gearbeitet, viele Auszeichnungen für ihre investigativen Stücke bekommen. Trotzdem — so erzählt sie mir, ist sie der Quote zum Opfer gefallen: denn sie hat weder einen spanischen Namen noch eine dunkle Hautfarbe oder eine asiatische Herkunft. Und das seien heute in den USA die Voraussetzungen für Karrierechancen oder einen Wechsel zu einer anderen Station. Terry also fiel der Quote zum Opfer und musste gehen, weil sie weiß ist — und nicht mehr 25. In West Palm Beach wohnen viele ältere Leute, hier macht es nicht so viel aus, wenn man die 40 überschritten hat.

Terry sorgt dafür, dass ich mit den besten Reportern des Senders unterwegs bin; sie zeigt mir die Stelle, an der zu sitzen bei der Sendung am spannendsten ist; sie stellt mich Wettermann John vor, der alles liebt, was deutsch ist. Und: sie sorgt dafür, dass ich an einem Morgen mit dem Hubschrauber des Senders fliegen und Verkehrsreporter Steve von News 12 bei seiner Arbeit beobachten kann.

Er kommt erst kurz vor dem Start an und hat also gar nicht die Zeit, sich einen Überblick über die Verkehrslage zu verschaffen. Aber auf dem Interstate 95 zieht sich ein rotes Band an Rücklichtern Richtung Norden, der übliche Frühstau. Und diesen präsentiert Steve dann sogleich den Zuschauern via automatischer Außenkamera. Zwischen seinen Auftritten viermal die Stunde bei News 12 versorgt Steve auch die Hörer der befreundeten Radiostation mit seinen Verkehrsbeobachtungen und flicht davor und danach recht kunstvoll Werbung für einen Baumarkt, ein Restaurant, einen Drive-In oder eine Donut-Bäckerei ein.

Aus dem Hubschrauber kann man die Reste der Verwüstungen betrachten, die der letzte Hurrikan hier angerichtet hat: umgeknickte Bäume liegen im Wald — von oben sieht es aus, als hätte dort jemand Zahnstocher verloren; viele teils zerstörte Dächer sind mit blauen Plastikplanen abgedeckt, und von der Leuchtreklame des Hilton Hotels hat der Sturm nur das „ON“ übrig gelassen. Auch viele Verkehrsschilder am Interstate und an den Highways sind durch den Hurrikan einfach umgeknickt. Ein Grund dafür, dass ich mich ständig verfahre und auf diese Weise die Gegend besser kennen lerne als mir lieb wäre.

Weil gegen Ende der Woche in West Palm Beach Hurrikan Jeanne naht, muss ich Florida eher verlassen als geplant: ich könnte zwar die Zeit in Terrys Haus mit ihrer Familie verbringen. Aber ich finde die Aussicht, während des Sturms dort in einem zweimal zwei Meter großen Raum ohne Fenster zu sitzen, wenig einladend. Das haben (während Terry ununterbrochen arbeitete) ihr Mann, ihr Sohn und der Hund beim Hurrikan vor drei Wochen vier Tage lang getan — ohne Strom und Licht und vor allem — ohne Klimaanlage!

Ohne die scheint in den USA nichts zu gehen: sie läuft fast überall. Obwohl es in Washington nicht mehr ganz so heiß ist, sind die Räume der Denkfabriken, der „think tanks“, die wir besuchen, teils auf Kühlschranktemperatur heruntergeregelt. Anders zum Glück die Klimaverhältnisse zwischen den Vertretern der konservativen Heritage-Foundation und uns: während sie unseren Kollegen zu Beginn des Irak-Kriegs noch recht unterkühlt begegnet sind und von einem nicht wieder zu kittenden Bruch in den deutsch-amerikanischen Beziehungen sprachen, scheinen wir momentan doch willkommen zu sein. Was die deutsch-amerikanischen Beziehungen angeht, müssen wir uns allerdings anhören, dass wir für die US-Amerikaner nicht mehr besonders wichtig seien: zum einen, weil sämtliche Konflikte in Europa gelöst seien und die USA ihr Augenmerk deshalb auf andere Regionen wie Nahost richten müssten, zum anderen, weil wir nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten dem asiatisch-pazifischen Raum längst nicht das Wasser reichen könnten.

In diesem Gespräch wie auch in vielen anderen kommt das Sendungsbewusstsein vieler US-Amerikaner zum Vorschein: die Überzeugung, die USA hätten das richtige Wirtschaftssystem, und vor allem: die „richtige“ Demokratie, folglich müssten sie diese anderen Ländern beibringen. Nicht nur Bush-Anhänger scheinen diese Meinung zu teilen, auch von Demokraten bekommen wir sie zu hören. Letztere allerdings sehen die Art, wie Bush die „Mission erfüllt“, auch recht kritisch. Den Krieg im Irak halten viele für grundsätzlich richtig, weil Saddam Hussein entmachtet werden sollte. Aber die Ansichten über den Weg dorthin und auch über das weitere Vorgehen sind doch verschieden.

Alles in allem sind viele Amerikaner offenbar mit der Präsidentschaft von Bush relativ zufrieden; die scheinbare Sicherheit, in der sie sich wiegen, weil es bislang keinen weiteren Terroranschlag gegeben hat, verdrängt andere Probleme: so z. Bsp. mit dem Gesundheitssystem — 15 Prozent der Amerikaner haben zur Zeit keine Krankenversicherung; oder Arbeitslosenversicherung — in die viele mit ihrem Job gar nicht erst hineinkommen und die diejenigen, für die sie gilt, im Fall des Falles auch mehr oder weniger nur vor dem Hungern bewahrt. Angesichts dieser mangelnden Absicherung erscheint einem aus der Distanz die Diskussion um die Hartz IV-Gesetze in Deutschland wie Jammern auf hohem Niveau.

Vier sehr spannende und lehrreiche USA-Wochen mit dem RIAS-Programm sind vorüber — zwangsläufig konnten auch sie ein paar wichtige Fragen nicht beantworten: wer wird der nächste US-Präsident? Und: was wird sich ändern, wenn er John Kerry heißt? Vor allem aber: was wird sich NICHT ändern?

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Kristina Ehrlich, Mitteldeutscher Rundfunk

„The Messiah has come. And He will come again.“ Vielen Zuschauern laufen die Tränen übers Gesicht, als der Film ‘The Testament’ mit dieser Botschaft zu Ende geht. Mit Tränen wird hier offensichtlich gerechnet, denn am Eingang zum Kinosaal sind vorsorglich Kleenex-Kartons platziert worden. Wir sitzen im Filmtheater des Besucherzentrums auf dem Temple Square von Salt Lake City. Hier schlägt das Herz der Mormonenkirche. Nach einer Tour über den heiligen Platz mit seinen verschiedenen Denkmälern haben wir in den letzten 60 Minuten, gewissermaßen als Krönung, eine Hollywood-Hochglanzproduktion gesehen, die beschreibt, wie Jesus Christus nach seiner Auferstehung nach Amerika kommt.

Bei der Ankunft in Utah wusste ich über die Mormonen das: kein Alkohol, kein Kaffee, viele Kinder. Und wenn sie auf Mission gehen, sind sie immer zu zweit und adrett angezogen.

An einem Sonntagnachmittag ist es in Provo, eine Stunde von Salt Lake City, in der Tat nicht leicht, einen Kaffee zu bekommen. Die einzige Mall, die geöffnet hat, sieht so aus, wie ich mir Amerika außerhalb der Metropolen vorstelle. Die üblichen, immer gleichen Geschäfte und Restaurantketten. Die meisten verkaufen keinen Kaffee. Bei McDonald’s wird er extra aufgesetzt und ist am Ende lauwarm. Doch Provo liegt in den USA, und so gibt es auch in der Mormonenstadt einen Starbuck’s.

‚Families Are Forever‘, ‚Families Under Fire‘ und ‚Time for Teens‘. Im lokalen, mormonen-gesponsorten Fernsehen herrscht wahrlich kein Mangel an Sendungen, die sich mit dem Glauben beschäftigen. Religion leben, das heißt hier vor allem: in intakter Familie leben. Das Strickmuster der Programme ist meistens gleich — praktische Lebenshilfe gepaart mit Bibelzitaten. In einem Studio, das wie ein durchschnittliches Wohnzimmer aus den 80er Jahren aussieht, erklärt ein älteres Moderatoren-Ehepaar, wie auch eine große Krise — zum Beispiel Scheidung — mit Gottes Hilfe gemeistert werden kann. In einem Beitrag über die Gefahren der Spielsucht wird eine Frau vorgestellt, die sich nur durch ihren Glauben aus der Sucht befreien konnte und auf diese Weise auch ihre Familie wieder auf den richtigen Weg gebracht hat. Die Programme sehen allesamt aus, als wären sie vor 15 Jahren aufgezeichnet worden. Einen Tag später, beim Besuch eines der Fernsehsender lernen wir, dass das kein falscher Eindruck ist. In schöner Regelmäßigkeit werden die Lebenshilfeprogramme wiederholt — und warum nicht, denn an der Botschaft ändert sich ja nichts.

Provo, Utah — das ist an erster Stelle die Brigham Young Universität. 30.000 Studenten lernen hier, die meisten von ihnen sind Mormonen, wobei ‚Mormone-sein‘ nicht Bedingung ist. Wichtig ist vor allem, dass sich die Studenten an einen Verhaltenskodex halten. Keine unzüchtige Kleidung, weder Alkohol noch Kaffee noch Tee noch Drogen, keine Besuche in den Wohnheimzimmern des anderen Geschlechts. Die Uni ist begehrter Studienort — zum einen, weil fachlich renommiert und sehr gut ausgestattet, zum anderen, weil die Studenten hier deutlich weniger Gebühren zahlen als anderswo. Viele der Studenten waren bereits auf Mission, achtzehn Monate bis zwei Jahre in irgendeinem Land der Welt. Und sie sind tatsächlich immer zu zweit unterwegs. Den Glauben verbreiten und sich selber intensiv damit auseinander setzen. Auch auf Mission gelten strenge Regeln — kein Fernsehen, keine Zeitungen, nicht nach Hause telefonieren. Die meisten erzählen dennoch mit leuchtenden Augen von dieser Erfahrung. Sie sprechen durch den Auslandsaufenthalt mindestens eine Fremdsprache fließend (immer wieder wurden wir auf Deutsch angesprochen, in anderen Landesteilen der USA kaum vorstellbar) und sind sehr interessiert am Rest der Welt.

In den vielen, vielen Gesprächen mit Studenten, ehemaligen Studenten und Professoren hat mich eins immer wieder beeindruckt: die Mischung aus starker religiöser Überzeugung auf der einen Seite und einer (in meiner Wahrnehmung für die USA untypischen) Weltoffenheit auf der anderen. Nicht zu vergessen die Offenheit, mit der sie über ihren Glauben erzählt und auf alle Fragen geduldig geantwortet haben. Tom Griffiths, unser host, hat sich rührend gekümmert — ihm und seinem akribisch ausgearbeiteten schedule verdanke ich einen Einblick in das Mormonen-Leben, den ich sonst, als normale Touristin, nie bekommen hätte. Danke!

WLOX-TV. Biloxi, Mississippi

Üppige subtropische Vegetation, kilometerlanger Sandstrand und glitzernde Kasinos — einen größeren Kontrast zu Utah kann es fast nicht geben. Biloxi, das ist auf den ersten Blick Sonnenschein und ein entspannter Southern way of life. Und doch: politisch ist Mississippi fast genauso konservativ wie Utah, und auch die Religion spielt eine wichtige Rolle.

Ich bin mit Steve und Bobby unterwegs auf Dreh. Im Autoradio läuft einer der vielen christlichen Sender, und Redakteur und Kameramann unterhalten sich darüber, was in dieser Woche in der Sunday School ihrer Kirche durchgenommen wurde. Sie sind beide Methodisten, die Kirche und der Glaube sind fester Bestandteil ihres Lebens. Jetzt komme ich auch nicht mehr länger drum herum und oute mich als Atheistin. Zurück in der Redaktion kommt Bobby mit einem eingeschweißten Buch unterm Arm zu mir. Er hätte nachgedacht über das, was ich gesagt habe. Und dieses Buch läge schon so lange in seinem Auto, vielleicht ist es ja für mich bestimmt. Es ist eine Bibel.

Zu Gast in der Nachmittagsshow von WLOX-TV: der Fotograf Jamie Bates. Er hat geschafft, was den wenigsten gelingt. Bates, hauptberuflich für die Lokalzeitung von Biloxi tätig, konnte Mitglieder des Ku Klux Klan fotografieren. Über Monate hat er sich immer wieder mit ihnen getroffen, bevor sie schließlich den Aufnahmen zustimmten. Dass der Ku Klux Klan überhaupt noch aktiv ist, war mir vor dieser Reise nicht klar. Die nüchternen schwarz-weißen Fotos von Jamie Bates zeigen eine erschreckende Realität. Ein Aufmarsch des Klans in einer Kleinstadt — bewacht von einem schwarzen Polizisten. Klan-Mitglieder beim Abfackeln von Kreuzen. Und ein Kind, dessen ‚Negerpüppchen‘ an einem Strick von der Stuhllehne hängt.

In vier Wochen ist Wahl, doch bei WLOX TV spielt das kaum eine Rolle. Mississippi ist eben kein swing state und der Wahlausgang sicher. Deshalb bemüht sich kein Kandidat, kein Wahlkampfteam hierher. In Mississippi gewinnt Bush. Und das ist vier Wochen vor der Wahl keine Meldung wert.

Die Nachrichten, die sie hier berichten, sind fast nur lokal. Ein Wettbewerb um den besten Cocktail — zehn Bartender des größten Kasinos der Stadt treten gegeneinander an. Der Flughafen installiert als einer von fünf in ganz Amerika den so genannten explosives-check. Eine Maschine, die Passagiere auf möglichen Kontakt zu Sprengstoff testet. Eine alte private Tankstelle musste plötzlich schließen. Veteranen aus dem Zweiten Weltkrieg erzählen College-Studenten von ihren Erlebnissen. Alles schnelle, kurze Beiträge ohne viel Hintergrund. Hauptsache, der Aufsager (fast obligat in jedem Stück) ist in Ordnung und dann schnell weiter zum nächsten Dreh, zum nächsten Thema. Dabei geht es den Reportern hier noch besser als anderswo. Oft noch fährt ein Team aus Kameramann und Redakteur raus, die so genannten one-man-bands (ein Redakteur, der selber dreht und schneidet) sind nicht die Regel. Die US-Kollegen sind meistens im Stress und haben mich trotzdem mit offenen Armen empfangen. Auf Dreh, beim Lunch — ein bisschen Zeit ist immer für Gespräche über die Deutschen und deren Abneigung gegen Bush, über die Unterschiede zwischen amerikanischem und deutschem Fernsehen, über das Leben. Vielen, vielen Dank für eine wunderbare Woche! In Biloxi wäre ich gern noch länger geblieben.

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Verena Formen-Mohr, Norddeutscher Rundfunk

Missouri — Mitten in Amerika

Opa Sam ist schwerhörig. Aber was macht das schon? Die Erntemaschine faucht ohnehin so laut, dass kein Gespräch möglich ist. Ein High-Tech-Koloss aus Stahl. Computergesteuert, voll klimatisiert und per Joystick gelenkt. RIAS-Fellow Michael klettert ins Führerhaus. Shake-Hands mit Opa Sam. Man versteht sich auch ohne Worte: 280 PS dröhnen auf, die Maschine verschwindet im Mais. Zurück bleiben zwei RIAS-Frauen im Staub. Erst nach ein paar Minuten ist der Blick wieder frei: Missouri. Zeit für ein Foto. Nicht digital, sondern hübsch altmodisch auf Film. Da kommen die Kontraste besser heraus. Das also ist der mittlere Westen. Corn, Corn, und noch mehr Corn. Und turmhohe Silos, die in den blauen Missouri-Himmel ragen. Im feuchtwarmen Klima des „Corn-Belt“ gedeihen 40 Prozent der weltweiten Maisproduktion. Die Erde ist überaus fruchtbar und die Farmer können mit dem Anbau von Mais, Weizen und Hafer gutes Geld verdienen. Dachten wir. Doch bei unserer Gastfamilie sieht das anders aus. Kathy hat einen Vollzeitjob als Krankenschwester, ihr Mann arbeitet als Maschinenschlosser nebenher. Und dann die Farm. Die betreiben sie zu zweit. Nur Opa Sam hilft eben manchmal aus, wenn es eng wird. Die Kinder leben in der Stadt. „Hier draußen ist es ihnen zu einsam,“ sagt die Mutter. Der nächste Nachbar ist nur mit dem Auto zu erreichen, in 20 Minuten, wenn man Gas gibt.

2002 subventionierte die US-Regierung den Maisanbau mit knapp zwei Milliarden Dollar. Der Preis für den Rohstoff sollte niedrig gehalten werden. Für die Farmer ist das fatal: Sie müssen immer mehr produzieren, damit sich ihre hohen Investitionen rechnen. Allein die Erntemaschine, mit der sich RIAS-Fellow Michael im Mais vergnügt, kostet 150.000 Dollar. Dazu Wartung und Betriebskosten. Dann das Saatgut, Düngemittel und Pestizide. Wer da überleben will, muss wachsen. 1000 Hektar bewirtschaftet unsere Gastfamilie. Doch das ist zu wenig. Ohne die Zweitjobs kämen sie finanziell nicht klar, sagt Kathy.

Der größte Teil der heimischen Maisproduktion, erfahren wir, wird verfüttert. In den USA werden zehn Getreidekalorien in eine Fleischkalorie verwandelt. Eine gigantische Agrar-Industrie. Allein 2003 wurden fünf Millionen Tonnen Fleisch exportiert. „Teilweise liegt alles in einer Hand. Die selbe Firma verkauft uns Saatgut und Dünger, sie macht in Fleisch und besitzt Supermarktketten,“ erklärt uns Kathy.

Am Horizont, in Staub gehüllt, tauchen Mähdrescher und Michael wieder auf. Einen etwa fünf Meter breiten Streifen haben sie abgeerntet. Mittlerweile sind vorne am Mäher die Flutlichter angeschaltet — ein futuristisches Bild.

Und dann: Bang! Der Zusammenprall mit der Vergangenheit. Ganz in der Nähe von Opa Sam und seinem Edel-Erntefahrzeug besuchen wir eine Amish-Farm. Acht, neun Kinder laufen barfuss durch den Schlamm. Jedes hat eine Heugabel in der Hand. Der Geruch des Schweinestalls überzieht den ganzen Hof. Da kommt ein Wagen, hochbeladen mit Heu, über den Hof gerollt. Gezogen von einem zotteligen Kaltblüter. Die Kinder tanzen um den Wagen herum, können es kaum erwarten mit dem Abladen zu beginnen. Das ist so ein lustiges Spiel. Das Heu laden sie auf eine Holzplatte — obendrauf steht ein Kind, damit das Gras nicht herunterfällt. Und jetzt geht es mit einem Flaschenzug nach oben.

Wir sind sprachlos: Kein Strom, kein fließendes Wasser, keine Heizung, keine Motoren. Kutschen und Pferde — allein das erlaubt die strenge Tradition. Opa Sam mit seinem Joy-Stick-Trecker erscheint uns jetzt wie ein Held aus einem Science-Fiction-Roman.

Globalisierung, WTO, Agrarsubventionen, Monokultur und die Folgen für die Natur? Hier auf der Farm der Amish zählt das alles nicht. Und wer wird der nächste Präsident der USA? (Clemens, wir haben nur für Dich gefragt!) „Egal,“ die Antwort war zu vermuten.
Wo bin ich? In Missouri — mitten in Amerika.

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Michael Heussen, Westdeutscher Rundfunk

4 Hotels, 9 Think Tanks, 15 Taxifahrten, 2 Mietwagen, 6 Krawatten, 10 Hamburger mit 10 Portionen French fries, 4 Steaks, 12 Liter Bier, 3 Liter Cola, 8 Flughäfen — und immer wieder 4 S. Wenn sie beim Check-In auf das Flugticket gestempelt wurden, war eine kurzweilige halbe Stunde auf dem Flughafen garantiert. Ich wusste: Gleich lerne ich einen interessanten Amerikaner kennen — und er mich. Er wird mich fragen, was ich so mache, was ich alles im Handgepäck habe, ob ich bitte meine Schuhe ausziehen könnte, vielleicht sogar, ob ich mal kurz den Gürtel öffne. Mit einem Wattepad wird er meine Tasche durchwischen, um nach Sprengstoffspuren zu suchen. Und wenn die ganze Prozedur vorbei ist, wird er mir einen guten Flug wünschen. Als Alleinreisender scheint man in den USA automatisch das Kriterium zu erfüllen, das „Full Treatment“ garantiert. Für die Sicherheitsbehörden ist man ein Risiko.

Gerade in Washington und in New York merken wir an fast jeder Straßenecke, dass sich das Land im Krieg befindet. So viele Sicherheitskräfte, so viele Kontrollen — paranoides Verhalten oder gebotene Vorsicht? Es ist schwer, darauf eine Antwort zu finden. Drei Jahre nach dem 11. September 2001 leiden die USA immer noch an einem Trauma. In Jefferson City, der Hauptstadt von Missouri: verschärfte Sicherheitsmaßnahmen vor dem Capitol, genauso in Kaliforniens Hauptstadt Sacramento. Als ich gerade ein Bild von Gouverneur Schwarzeneggers neuem Büro machen will, bekommt der Kollege vom Privatsender KCRA einen Anruf: Bombenalarm vor einem Regierungsbehörde. Wir rasen mit dem Kamerateam hin. Die Straße gesperrt, dutzende Polizei- und Feuerwehrwagen. Und dann stellt sich raus: Es war nur eine Sporttasche, die jemand irgendwo stehen gelassen hatte. Ob in böser Absicht oder aus Schusseligkeit, keiner weiß es.

In den Regionalnachrichten wird ein kurzer Nachrichtenfilm über den Fehlalarm gesendet — und direkt danach ein Beitrag über die Beisetzung eines Soldaten in einer nordkalifornischen Kleinstadt: Er war im Irak gefallen. Der Krieg ist auch im sonnigen Sacramento ziemlich nah.

Mit einer ganz anderen Art von Sicherheit hatten wir bei unseren Streifzügen durchs Nachtleben zu kämpfen: In Washington kamen wir in einen Pub nicht rein, weil wir uns nicht ausweisen konnten — und der Türsteher wollte ganz sicher sein, dass wir älter als 21 Jahre sind. Aus Fehlern wird man schlau: Ich habe noch nie so oft meinen Ausweis vorgezeigt wie an meinem 35. Geburtstag — ein running gag, der in der Wiederholung immer spaßiger wurde.

Wahrscheinlich geht es gar nicht anders in dem Vielvölkerstaat USA: Die Amerikaner haben für alles strenge Regeln, immer steht einer rum, der nichts anderes zu tun hat, als einen nach rechts oder links zu schicken — man muss nicht lange nachdenken, das machen andere für einen. Love it, change it or leave it — da ich es nicht ändern kann und demnächst auch längere Zeit in den USA leben werde, muss ich mich wohl dran gewöhnen — und vielleicht werde ich es eines Tages auch lieben, wer weiß?

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Clemens Hoffmann, Freier Journalist

Washington, D.C., 12. September

Wer im Food Court des Old Post Office einen Salat mit Low-Fat-Joghurt-Dressing essen will, muss erst einmal durch den Waffendetektor. Wie am Flughafen werden sogar unsere Taschen durchleuchtet. Drei Jahre nach dem 11. September lebt Washington immer noch unter „Code Orange,“ der zweithöchsten Sicherheitsstufe. Doch der Aufwand beim Mittagessen wird belohnt: Von der Aussichtsplattform auf dem Dach des Gebäudes ist das Weiße Haus zum Greifen nah. Die Pennsylvania Avenue wird gerade zurückgebaut: Ein Park gegen Bomben-Laster entsteht. Etwas weiter entfernt umkreisen Planierraupen das Washington Monument. Unterirdisch ist dort ein terrorsicheres Besucherzentrum entstanden. Die Hauptstadt schottet sich ab. Die Leichtigkeit ist hin. Und selbst Margaret Ershler, unsere sonst stets auf alles gefasste Begleiterin, verliert darüber kurz die Fassung: Hoch oben auf der Aussichtsterrasse höre ich sie das erste (und einzige!) Mal in vier Wochen fluchen: „Diese Sch…Terroristen haben unseren Alltag zerstört!“ Margaret zeigt uns, wo sie seit 11 Jahren wohnt: „Wenn die ein Flugzeug ins Weiße Haus steuern, würden die Räder auf mein Dach fallen,“ stellt sie lakonisch fest. Mit dieser Vorstellung zu leben macht selbst geborene Frohnaturen wie Margaret auf Dauer mürbe. Also die vielen Einschränkungen des täglichen Lebens hinnehmen und hoffen, dass es der Sicherheit dient? Unsere Stadtführerin Betsy Kleeblatt bringt die absurde Situation auf den Punkt: „It’s the new normal.“ In einer NBC-Umfrage zum 3. Jahrestag des 11. September sagen 41 Prozent der Befragten, das Land sei jetzt sicherer als vor dem 11. September. 31 % sagen weniger sicher, genauso meinen 27 Prozent.

Provo, Utah, 19. September

Der Flug nach Salt Lake City ist der letzte für unseren Piloten. Nach der Landung ist er Rentner. Mit 60. Die Stewardessen sammeln die Unterschriften aller Passagiere auf einer Glückwunschkarte und verabschieden den Mann mit einem Gedicht über Bordlautsprecher: „Nun wird er nur noch Golf spielen und den stählernen Vögeln am Himmel nachschauen“. Noch ganz gerührt fahren wir in unserem weißen Dodge nach Provo, machen gleich Bekanntschaft mit einem sehr entspannten Polizisten, der uns nicht krumm nimmt, dass wir ein Stoppschild übersehen. Und wundern uns über die seltsamen Ernährungsvorschriften der Mormonen. „Beers are not on sale on Sundays“. Beim „Grocery Shopping“ im 24-Stunden-Shopping-Paradies stehe ich vor dem ersten sonntags geschlossenen Bierregal meines Lebens! Immerhin kommen wir dann im koffeinfreien Mormonenland noch zu einem einigermaßen schmackhaften Kaffee: Wir finden in einer der geschätzt 150 Malls von Provo den einzigen Barnes & Nobles-Bookstore der Stadt, da gibt es eine Starbucks-Filiale für die Abhängigen. Zurück im Hotel mal kurz die Sender durchgezappt: Auf KBYU (dem Kabelfernsehen unserer Gastgeber, der Brigham Young University) haben sich die Sozialarbeiterin Coleen Harper und ihr Ehemann hinter einem hölzernen Stehpult postiert und dozieren über den verständnisvollen Umgang mit Teenagern. Im Anschluss unterbreitet „Living Essentials“ Tipps für das Verarbeiten von Trauer und Verlust. Ein Versicherungsvertreter mit messianischer Gestik predigt auf KTMW für die Organisation KeytotheKingdom.org. Und BYU-Television sendet einen Vortrag des Mormonenoberhaupts Thomas Monson über die drei wichtigsten Fragen, die jeder Mormone für sich beantworten muss: 1. Was ist Dein Glaube? 2. Welche Frau soll ich heiraten? 3. Wie soll ich meine Bestimmung in der Welt finden? Während ich die Ohren spitze, wundere ich mich über das seltsame Krawattenmuster des Herrn. Eine Einblendung löst das Rätsel: Wiederholung vom Februar 1977. Der Prophet ist längst tot. Ich bin erschöpft.

Am nächsten Morgen fährt uns unser liebenswürdiger Gastgeber Tom Griffiths mit seinem geräumigen Van (6 Kinder) auf den Campus. Studenten schleichen lautlos hin und her. Viele liegen ausgestreckt auf Stühlen und schlafen. Alle 16 Tausend Immatrikulierten haben einen „Code of Honor“ unterschrieben, der so einiges verbietet: Alkohol, Rauchen, Sex vor der Ehe. Und wirklich: die Studenten wirken stocknüchtern, auch geflirtet wird zumindest nicht sichtbar. In den Studentenwohnheimen sind Männer und Frauen getrennt. „We don’t want to create problems“ sagt unser Host Tom überzeugt. Wir reden über die Spielregeln an Brigham Young: Wer schwul ist, „es“ aber nicht praktiziert, darf selbstverständlich bleiben. Wer es auslebt, fliegt. Ebenso Frauen, die schwanger werden oder Männer, die anfangen, offen sexuelle Beziehungen zu Frauen zu haben. Dafür kostet das Studium lächerliche 1600 US-Dollar pro Semester. Wir sprechen vor zwei Communications-Klassen über das deutsche Mediensystem. Die Studenten interessiert, wie es bei uns Frauen in den Medien ergeht, wie viel USA in der Berichterstattung vorkommt und ob wir auch über Schalke 04 berichten. Nach der Uni zeigt uns Tom die malerische Umgebung, in seinem Van fahren wir an den Stadtrand, zum Eingang des schroffen Provo Canyon. Als wir auf dem Wander-Parkplatz halten, kommen gerade ein Mädchen und ein Junge den Weg aus den Bergen herabgeschlendert. Sie gucken uns verlegen an, wie ertappt. Wahrscheinlich können sie Gedanken lesen.

Salt Lake City, 21. September

Tom begleitet uns nach Salt Lake City. Wir besichtigen die Studios von KSL Newsradio und KSLTV; beide Sender, dazu 3 weitere Radiowellen und die Desert News Tageszeitung mit 70 Redakteuren gehören der Church of Jesus Christ of Latter-Day Saints, wie die Mormonen offiziell heißen. Wir dürfen bei der Mittagssendung von „Eyewitness News“ dabei sein. Topstory ist ein Verkehrsunfall, ein Schulbus hat einen Fußgänger angefahren und schwer verletzt. Nach dem Werbeblock geht es zurück zu lokalen News, die University of Utah streitet um einen Auftritt des Filmemachers Michael Moore. Die Studentengewerkschaft hat ihn zu einem Vortrag eingeladen und dafür ihr Jahresbudget von 40 Tausend Dollar geopfert. Jetzt fordern konservative Studenten den Rücktritt der Studentenvertreter. Nachmittags ein Abstecher ins Hauptquartier der Mormonen, Temple Square. Im Joseph-Smith-Memorial-Building, einem ehemaligen Hotel mit viel Plüsch, Säulenzierrat und überdimensionalen Jesus-Marmorstatuen, treffen wir Kim Farah, eine der drei Pressesprecher der LDS-Kirche. Die Frau hat zwei Jungs im Alter von 17 und 8 und wirkt auch sonst bodenständig. Der Versuch, mit ihr über die Irak-Politik zu sprechen, schlägt einigermaßen fehl. Immerhin soviel gibt sie zum offiziellen Standpunkt der Kirche preis: 1. Verurteilung sämtlicher Terrorakte. 2. Solidarität mit der Politik des Gastlandes. Wo es schon schwieriger wird, denn schließlich gibt es Mormonen nicht nur in den USA, sondern auch in Frankreich und Deutschland. Die Diskussion mit Kim dauert länger, weshalb wir verspätet zur Führung durch den Tempelbezirk erscheinen. Die sehr blonde, sehr blauäugige Missionsschwester Müller aus dem Schwäbischen begrüßt uns in einem lustig falsch betonten Deutsch und scheucht uns im Schweinsgalopp vorbei an dem Granitgebirge des Tempels (‚Zutritt nur für Mitglieder und auch für die nur mit einem konkreten Anliegen“ und hinein in den Tabernakel, den Konzertsaal des gleichnamigen, weltberühmten Chores. Weil der heute leider nicht probt, zerreißt eine Kollegin der Schwester Müller auf dem Podium geräuschvoll Zeitungspapier und lässt Nadeln fallen. Wir zeigen uns beeindruckt von der Akustik und werden zur Belohnung noch schnell in den Kinosaal geführt. Gegeben wird „The Testament,“ die parallel erzählte, doch stark verkürzte Leidensgeschichte Christi und des ersten Propheten der Mormonen, irgendwo in Amerika. Die uns etwas krude erscheinende Story gipfelt in der Ankunft des auferstandenen Christus in Amerika. Ein ergriffenes Schluchzen und Schniefen begleitet uns ans Tageslicht, im Treppenhaus stehen vorsorglich Kleenex-Boxen. Diese Amerikaner denken wirklich an alles!

Arlington, Texas, 27. September

Nachrichtenchef Rick Hadley holt mich zu meinem ersten Arbeitstag beim Talkradio WBAP („The News and Talk of Texas“) im Hotel ab. Wir können zu Fuß gehen, das Studio liegt direkt gegenüber Er hat ein Rollköfferchen dabei. Drin sind lauter goldene Frauen, die einen Federkiel in den Händen halten. Am Wochenende war „Katie“-Verleihung beim Press Club of Dallas und WBAP hat diesen Presse-Oscar in sieben von zehn Kategorien gewonnen. Rick selbst hat eine Katie erhalten für seine O-Ton-Collage über die Reagan-Beerdigung. Im Newsroom empfängt mich Ricks Stellvertreterin Frieda, die einzige, die immer die Stellung hält und daher den ganzen Tag Polizeifunk ertragen muss. Der wird ganz selbstverständlich abgehört, ein ohrenbetäubendes Rauschen und Knarzen, gegen die jede Konversation, jedes Telefonat ankämpfen muss. Dafür hat Frieda immer noch ein erstaunlich sonniges Gemüt. Die Nachrichtenredaktion produziert zu jeder vollen Stunde 3 min, zur halben Stunde eine Minute Nachrichten, dazu Wetter und Verkehr. Der Rest wird aufgefüllt mit ultrakonservativen Call-In-Talkshows, die seit Wochen nichts anderes predigen, als dass George W. Bush der Größte sei und John Kerry ein armes Würstchen. Nach der kürzesten Wochen-Themenkonferenz meines Reporterlebens (ca. 5min) begleite ich Reporter Lance Liguez auf seiner Schicht. Im Redaktionsfahrzeug rasen wir über den 8spurigen Highway ins „Dallas County Health Department“. Bei der Pressekonferenz in der lokalen Gesundheitsbehörde geht es zunächst um einen neuen Verdachtsfall beim heimtückischen West Nile Virus und um die Engpässe bei der Versorgung mit Grippeschutzserum. Das eigentliche Skandalthema der letzten Wochen kommt erst zum Schluss dran: Die hygienischen Zustände in der Cafeteria der Wilmer-Hutchins-Highschool, in einem armen Stadtteil von Dallas. Seit zwei Wochen haben die Schüler dort kein warmes Mittagessen mehr bekommen, weil die Kakerlaken durch die Küche springen, der Kühlschrank nicht kühlt und auch sonst einiges im Argen liegt. Auch beim heutigen 5. Kontrollbesuch der Behörde waren immer noch zahlreiche Mängel nicht abgestellt. Daher bleibt die Küche vorerst weiter geschlossen! Lance setzt noch auf dem Parkplatz eine erste Nachrichtenminute übers Handy ab, einen 30sekündigen Aufsager mit einem Satz zur Anmoderation, um genau zu sein. Rein ins Auto, rüber ins Rathaus, in den fensterlosen Pressearbeitsraum. Während er sein Sandwich aus der Rathauskantine verspeist, verarbeitet Lance die eben gesammelten O-Töne per Notebook zu Infoschnipseln für die kommenden Stunden: Ein Satz, ein O-Ton, ein Satz, Fertig ist der 17-Sekünder für die Nachrichten. Drei Varianten zur Cafeteria, noch eine über den West-Nile-Virus. Das ganze übers Handy an die Zentrale überspielen. Fertig. Und weiter zum Interview mit der Demokratin Katy Hubner, die im District 106 als State Representative kandidiert („I’ll work for a smarter Texas. A cleaner Texas. I’ll be a Texan who works for you.“) Über sie und ihren Gegner, den republikanischen Mandatsinhaber, wird Lance in den kommenden Tagen ein 2minütiges Doppel-Portrait produzieren. In der spartanischen Wahlkampfzentrale der Kandidatin gibt es ein kurzes Warm up, dann ein sechsminütiges Interview. „Viel zu viel Material“ stöhnt Lance, als wir das Büro nach knapp zehn Minuten im Laufschritt wieder verlassen. Auf dem Rückweg in die Redaktion holen wir uns einen Decaf-Eismokka bei Starbucks. An meinem Geburtstag zeigt das Thermometer hier immer noch fast 30 Grad. „Sorry, war wohl eher ein ruhiger Tag,“ entschuldigt sich Lance. Er muss jetzt noch mal an den Schreibtisch. Lance produziert noch ein paar andere Versionen aus der Highschool-Cafeteria für den Abend , dann gräbt er auf der Website von Ford noch rasch eine weitere Story über explosionsgeschützte Polizeiautos aus, die offenbar zu teuer für die hiesige Polizei sind.

New York, 5. Oktober

Unwillkürlich suchen wir den Rand der St. Nicholas Avenue in Harlem nach verdächtigen Gestalten ab. Aber um 22 Uhr ist es hier so friedlich wie auf einer Dorfstrasse im Hunsrück. Keine brennenden Ölfässer, nirgends! Wir haben den A-Train genommen und sind an der 149sten Strasse ausgestiegen. „Sugar Hill“ heißt die Gegend, in der Duke Ellington wohnte und auch heute viele Jazzmusiker leben. Zugegeben, „St. Nick’s Pub“ hatte die fürsorgliche Margaret nicht auf die offizielle Besuchsliste gesetzt. Den haben wir selbst gefunden. Und was für ein Fundstück: Ein vorwiegend schwarzer Jazzclub mit höchst unprätentiösen Musikern und ebensolchem Publikum aus den umliegenden Wohngebieten. Eintritt frei, Getränke für die üblichen 5 $ und in den Pausen serviert Nancy, die mit ihrer hin- und herwippenden Mütze an den dänischen Koch aus der Muppet’s Show erinnert, kostenlos „Soulfood“. Für den, der so spät noch hungrig ist, gibt es scharfe Meatballs in Tomatensauce mit Reis. Trompeter Melvin Vines, der bei der heutigen Jam-Session als „Host“ fungiert, begrüßt im Laufe des Abends immer neue Musiker, die, den Instrumenten-Koffer unterm Arm, einfach in die Bar hineinlaufen, auspacken und loslegen. Wir hören großartige Saxophonisten und Trompeter, eine fabelhafte Sängerin, die im normalen Leben wahrscheinlich bei Duane Reed hinter der Kasse steht, und weit nach Mitternacht steppt uns noch ein quicklebendiger 80jähriger mit weißer Schiebermütze etwas vor. Wir können uns kaum losreißen. Am Morgen hatte uns Susann Miles von der kirchlichen „Abyssinian Development Corporation“ (ADC) gezeigt, was sich andernorts in Harlem zum Besseren wendet. Die afroamerikanische „Abyssinian Baptist Church“ kämpft seit Mitte der 80er Jahre für bessere Lebensbedingungen im schwarzamerikanischen Norden von New York. Inzwischen kauft die Organisation auch Grundstücke und Immobilien, um Wohnraum auch für Menschen mit geringerem Einkommen zur Verfügung zu stellen. 1999 schafften es die Aktivisten der Kirche, auf der 125th Strasse einen Supermarkt zu eröffnen — eine Sensation, war es doch jahrelang unmöglich, Investoren nach Harlem zu bringen. Viel zu viel Angst vor Überfällen. Seitdem kehrt das Leben hierher zurück, Harlem mausert sich zum In-Viertel, das können wir beim Rundgang an jeder zweiten Ecke besichtigen: Designer-Boutiquen haben eröffnet, es gibt geschniegelte Wohnstrassen mit wunderbar sanierten Backsteinbauten aus dem 19. Jahrhundert, in denen sich gehobene Mittelklassefamilien niederlassen. Zum Schluss führt uns Susann in das stolzeste Beispiel für den Erfolg bürgerschaftlichen Engagements in den Vereinigten Staaten: die “Thrugood Marshall Academy for Learning and Social Change“ ist das erste Schulgebäude, das seit 50 Jahren in Harlem neu gebaut wurde, natürlich auf Drängen des ADC. 380 Schüler lernen hier inzwischen. Noch gibt es den obligatorischen Sicherheitsdienst am Eingang, der darüber wacht, dass das Waffenverbot auch an dieser Schule respektiert wird. Aber an der Straßenecke gleich nebenan thront schon unübersehbar das jüngste Zeichen der Normalisierung in Harlem: seit ein paar Wochen hat hier eine große Pfannkuchenhaus-Kette einen Ableger eröffnet.

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Dr. Kristina Kayatz, Zweites Deutsches Fernsehen

Gesichter

Wenn ich an Amerika denke, fallen mir Gesichter ein. Gesichter von ganz unterschiedlichen Menschen, denen ich begegnet bin:
Yami, die streitbare Reporterin, der das Schicksal der Latinos in Milwaukee so sehr am Herzen liegt. Sie macht ihre Berichte auf Englisch und auf Spanisch, und viel Zeit bleibt ihr dafür nicht: ein Drehtag für eine halbe Stunde Programm in Telemundo.

Die mexikanische Putzfrau in meinem Luxus-Hotel in Milwaukee, die ohne Papiere in die Vereinigten Staaten kam und wie so viele Einwanderer ihre kleine Tochter in Mexiko zurücklassen musste.

Tom Brislin, der gelassene Universitätsprofessor, der uns am Flughafen von Honolulu mit einem Lei empfängt. Seine Ruhe tut gut nach den vielen Terminen in Washington und unser gemeinsamer Spaziergang durch das offene State Capitol von Honolulu überrascht uns nach den vielen Sicherheitskontrollen, an die wir uns schon fast gewöhnt hatten. Seine Studenten, die von uns wissen wollen, wie wir in Deutschland Fernsehen machen, und hoffen, nach ihrem Journalistik-Studium etwas zu verändern in den Fernsehsendern ihres Landes.

Victoria Holt Takamine, die Hula-Lehrerin an der University of Hawaii. In ihrem Unterricht sehe ich eine Choreographie zu Ehren von Queen Emma, die im 19. Jahrhundert gegen die von Weißen eingeschleppten Krankheiten kämpfte und deren europäisch eingerichteter Sommerpalast am Stadtrand von Honolulu heute zu den schönsten Sehenswürdigkeiten auf Hawaii gehört.

Und ich denke an Lori, Rachel und Charity Witmer. Drei Frauen, deren Leben der Krieg im Irak für immer verändert hat.
Wir treffen uns in einem Restaurant am Stadtrand von Milwaukee. Beim Aperitif kreist das Gespräch um das Hochzeitskleid von Charity. Sie ist 20 Jahre alt, schlank, hat lange dunkelblonde Haare und ein schmales Gesicht. Ich frage mich, warum sie es wohl so eilig hat mit dem Verheiratetsein. Ihre Mutter Lori und die künftige Schwiegermutter aber scheinen begeistert von der Idee. Das Essen ist ausgezeichnet, wir trinken Wein aus Kalifornien und Europa und reden über Reisen, Sport, unsere Berufe und die Zukunftspläne von Charity.

Doch es dauert nicht lange, bis wir über Michelle sprechen. Sie starb am 9. April 2004 in Bagdad. Als erste Frau der National Guard in einem Kampfeinsatz und als erstes Mitglied der National Guard von Wisconsin seit dem Zweiten Weltkrieg. Während einer Patroullie wurde ihr Fahrzeug aus dem Hinterhalt beschossen.

„Niemand,“ so erzählt ihre Zwillingsschwester Charity, „hat je daran gedacht, dass wir in den Krieg ziehen würden. Seit dem Zweiten Weltkrieg wurde die National Guard nicht mehr mobilisiert. Wir wollten etwas für unser Land tun, wurden für Katastropheneinsätze ausgebildet. Wir müssen ständig erreichbar sein und der Staat übernimmt dafür die Kosten unseres Studiums.“ Keine schlechte Idee in einer Familie, die für fünf junge Leute eine Ausbildung finanzieren muss.

„Ich weiß nicht, ob das, was wir im Irak tun, das Richtige ist,“ sagt Charity vorsichtig. Noch immer beherrscht der Krieg ihren Alltag. Zwar wird sie selbst wohl nicht nach Bagdad zurückkehren müssen. Doch ihr Verlobter Tony ist weiterhin dort, noch viele Monate. Erst danach können sie heiraten. Das Hochzeitskleid, dessen Bedeutung mir am Beginn unseres Treffens übertrieben erschien, wird zum Symbol ihrer Hoffnung.

Am nächsten Morgen bin ich mit Charitys Mutter Lori verabredet. Die Witmers wohnen in New Berlin, einem Vorort von Milwaukee. Der Name ist kein Zufall, denn Milwaukee wurde von deutschen Einwanderern gegründet.

Die Haustür führt direkt ins Wohnzimmer. Mit einem Schlag bin ich in einer Andachtsstätte für Michelle. Über dem Kamin Bilder aus dem Irak, mit ihren Schwestern in Uniform, Familienbilder aus glücklichen Tagen, Lori mit ihrem Mann John und den fünf Kindern. Bronze Star und Purple Heart, militärische Auszeichnungen im Namen des Präsidenten George W. Bush. Niemand in diesem Raum kann auch nur für einen Augenblick das Schicksal der jungen Frau vergessen. Lori kommt die Treppe herunter im Sportdress, eine schlanke, sportliche Frau Mitte Vierzig. Lächelnd und scheinbar fröhlich.
Wir wollen zum Lake Geneva. Lori ist Fitness-Lehrerin. Sie hat mich eingeladen, ihre Unterrichtsstunde zu besuchen. Wir fahren an großen, flachen Feldern vorbei, die Sonne scheint und lässt das farbige Laub leuchten. Die Landschaft erinnert mich an Schleswig-Holstein.

Wir sprechen über die bevorstehenden Wahlen. Es sind noch fünf Wochen bis zum 2. November. Sie wisse nicht, wen sie wählen werde, sagt Lori. Eigentlich wolle sie keinen der beiden Kandidaten. Ob sie nicht immer Republikanerin gewesen sei, frage ich. Ja, sie habe immer die Republikaner gewählt. Ihre Unentschlossenheit überrascht mich. Ich kann nicht glauben, dass sie den Präsidenten, der den Krieg begann, in dem ihre Tochter starb, noch einmal wählen wird. Ich frage sie, ob der Tod ihrer Tochter ihre Wahlentscheidung beeinflussen werde. Nein, sagt sie, aber sie sei sicher, dass der Tod von Michelle nicht vergebens war. Dass sie etwas verändert habe im Irak und dass die Menschen, die Michelle begegnet sind, ein anderes Bild von den USA haben.

Sie beginnt zu weinen. Die Fassade der strahlenden Frau, die ihr Leben im Griff hat, zerbricht. Lori schlägt vor, Rachel zu besuchen. Sie ist die älteste der drei Schwestern und war als erste in der National Guard. Auch sie war in Bagdad. Rachel empfängt mich freundlich, obgleich unser Besuch unvorbereitet kommt. Viele Journalisten haben sie um Interviews gebeten. Auch sie frage ich, ob der Tod ihrer Schwester ihre Einstellung zum Krieg geändert habe. „Nein, eigentlich nicht. Ich glaube, meine Schwester hat das Leben der Menschen im Irak verändert.“

US-Soldatinnen im Irak, für mich waren das bisher Jessica Lynch oder Lynndie England.

Jetzt denke ich an die Bilder auf dem Kaminsims der Witmers, Michelle mit irakischen Kindern in Bagdad. Alle lächeln in die Kamera. Die junge Frau in Uniform, mit Helm und kugelsicherer Weste. Das Maschinengewehr hängt vor ihrer Brust. Das lässt sie größer erscheinen und massiger als die schmalen Kinder um sie herum. Und dennoch hat Michelle etwas Mütterliches an sich. Fast scheint es, als seien es ihre Kinder. „Es ist beängstigend, wie in dem schlimmsten Ghetto, das Du Dir vorstellen kannst, die ganze Zeit höre ich Schüsse, …“ schrieb sie in einer Email aus Bagdad an ihre Familie.
Ich blicke Rachel an, die neben mir auf dem Sofa sitzt. In ihrem Blick liegen Trauer und Angst. Sie wirkt zerbrechlich. Eine junge Frau aus der friedlichen Welt ihrer Mittelschichtidylle geschleudert in den Krieg.

Dass ihre Schwester für ein machtpolitisches Kalkül gestorben sein könnte, spricht sie nicht aus. Möglicherweise wagt sie nicht einmal es zu denken. Als ich gehe, umarmen wir uns. Sie weint.

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Karsten Kuhl, Deutsche Welle & Westdeutscher Rundfunk

Kurze Hosen und Hawaii-Hemd — darin fühlt sich Tom Brislin sichtlich wohl, auch wenn er nicht gerade so aussieht, wie man sich einen typischen Professor für Kommunikation vorstellt. „Auf Hawaii gelten eben andere Regeln“ sagt Brislin, da sei man eben mit Strandbekleidung immer passend angezogen. Auch bei einem Besuch des Regierungsviertels. Und natürlich wäre man als deutscher Journalist überaus schlecht beraten, die Empfehlungen des Gastgebers in den hawaiianischen Wind zu schlagen. Also geht es mit kurzen Hosen ins Parlamentsgebäude von Honolulu.

Durch eine der vielen offenen Türen führt Brislin die Reisegruppe ins Büro von Galen Fox. Der freundliche Republikaner nimmt sich Zeit für seine deutschen Gäste, obwohl er mitten im Wahlkampf steckt. Doch von Hektik keine Spur: Fox rechnet fest mit seiner Wiederwahl ins Landesparlament, denn dass die Hawaiianer einen amtierenden Politiker in die Wüste schicken sei äußerst selten, erklärt der Republikaner sichtlich entspannt. Auf seinem Schreibtisch steht ein Bild von George W. Bush. Einem ungewöhnlichen Blickwinkel des Fotografen ist es zu verdanken, dass der Präsident von einer Art Heiligenschein umgeben ist. Ironie oder unfreiwillige Komik?

„Natürlich ist der Krieg gegen den Irak auch auf Hawaii ein Thema,“ sagt Fox, aber Washington und Irak und alle Probleme, die damit zusammen hingen, seien eben weit, weit weg. Angesprochen auf das, was die Menschen hier wirklich bewegt, fällt ihm als erstes der Umweltschutz ein. Viele Vogelarten auf den Inseln seien in den letzten Jahrzehnten ausgestorben. Schuld sei allerdings nicht der Mensch, sondern das liebe Vieh. Vor allem durch die Tierhaltung sei der natürliche Lebensraum der Vögel stark gefährdet. Insofern habe der Mensch seine Finger eben doch mit im Spiel. Tourismus sei auch ein wichtiges Thema. Davon lebten schließlich viele Menschen auf den Inseln. Der Oppositionsführer mit der leisen Stimme wünscht sich mehr deutsche Touristen. „Am besten wäre ein Direktflug von Deutschland nach Hawaii,“ gerät er da schon mal ins Träumen. Ob allerdings ein 18-Stunden Flug von Frankfurt nach Honolulu realistisch sei? Vielleicht nicht, räumt Fox ein. Aber schön wäre es natürlich. Denn auch auf Hawaii spürt man die Auswirkungen der Terroranschläge — und ist bemüht, die Besucher nichts merken zu lassen.

Ohne jede Kontrolle ist Brislin mit seinem Wagen direkt in die Tiefgarage des Parlaments gefahren. Spätestens in diesem Moment merken die deutschen Journalisten, wie weit sie von Washington entfernt sind. Dort hatten sie auf dem Weg ins Capitol mehrere Leibesvisitationen über sich ergehen lassen müssen, Kameras wurden inspiziert und mussten vor Betreten des Senats abgegeben werden. Während die amerikanische Hauptstadt wenige Wochen vor den Präsidentschaftswahlen wie eine Festung wirkt, zeigt sich das Parlamentsgebäude von Honolulu nach allen Seiten offen. Es gibt keine Türen und keine Wachposten. Der Wind weht ungehindert durch das offene Dach ins Atrium des State Capitol. Das alles ist symbolisch zu verstehen: angeblich ließen sich die Architekten von der Offenheit der Inseln und ihrer Menschen inspirieren. Wie Hawaii ist auch das Parlamentsgebäude von Wasser umgeben — allerdings nur durch einen knöcheltiefen Graben. Und beim Blick aus dem offenen Atrium in den Himmel erkennen die staunenden Besucher dann, dass das State Capitol von innen wie ein Vulkankegel wirkt. Tatsächlich: die Mauern verengen sich mit wachsender Höhe, bis ganz oben ein kreisrundes Loch den Blick in den blauen Himmel freigibt. Offenbar wollten die Architekten hier nichts dem Zufall überlassen. Sie verbauten sogar Lavagestein und wählten erdfarbene Tapeten. Selbst die beiden Parlamentskammern sind geformt wie ein Vulkan. Es dürfte sich wohl um den weltweit einzigen Vulkan handeln, der auch politisch aktiv ist.

Weiter geht es auf den Fluren bis hinauf an die Spitze des Vulkans. Hier hat die republikanische Gouverneurin ihr Büro und selbstverständlich führt Brislin seine Gäste ohne Anmeldung direkt ins Allerheiligste. Roter Teppich, schwere Stoffe und mannshohe Flaggen zeigen hier, wer die erste Frau im Staate ist. Leider hat Linda Lingle gerade ein wichtiges Meeting, sonst — da besteht kein Zweifel — hätte der Professor mit den kurzen Hosen auch dort kurz reingeschaut. Man kennt sich eben auf Hawaii.

Spätestens jetzt kann man als deutscher Journalist eigentlich nur noch ein Berufsziel ernsthaft in Betracht ziehen: Reporter in Honolulu müsste man sein. Ein Büro am Strand von Waikiki mit Blick aufs Meer durch ein paar Palmenwedel… Die Realität sieht allerdings anders aus. Tom Brislin führt uns in einen fensterlosen Raum im Innern des Parlamentsgebäudes, wo drei Zeitungsreporter vom Honolulu Advertiser auf etwa zwölf Quadratmetern an ihren Computern hocken. Den Kollegen vom Konkurrenzblatt nebenan geht es nicht besser. Und in diesen Büros ist dann doch zum ersten Mal so etwas wie Hektik zu spüren. Der Redaktionsschluss rückt näher, einige Artikel müssen noch ins Blatt. Dennoch nimmt sich Redakteur Gordon Pang etwas Zeit. Professor Brislin lässt ihm allerdings auch keine Wahl, denn Pang war früher Student bei ihm und kann seinen ehemaligen Mentor natürlich nicht enttäuschen. „Gut, aber nur ein paar Minuten,“ sagt Pang. Er arbeitet gerade an einer Story über den Wahlkampf auf Hawaii. Es gibt ihn also doch, auch wenn Wahlplakate eher selten sind. Hier ist eben nichts zu holen, wissen die Parteistrategen. Sie stecken ihr Geld lieber in den Wahlkampf der so genannten „Swing States“ mit unentschiedenen Wählern. Auf Hawaii liegen — zumindest bei den Präsidentschaftswahlen — stets die Demokraten vorn. So war es immer, erklärt Tom Brislin. Lange schon hat sich kein Spitzenpolitiker mehr auf den Inseln blicken lassen. Nur einmal soll Bush hier gelandet sein — zum Auftanken seiner Airforce One — bevor es dann schnell weiter ging ins weit entfernte Washington. Die Hauptstadt ihres eigenen Landes kennen die meisten Hawaiianer nur aus dem Fernsehen. Und es scheint auf den Inseln auch keinen Unterschied zu machen, wer dort gerade regiert. Entspannt und unaufgeregt sind die Hawaiianer und so geht es eben auch in ihrem Parlamentsgebäude zu.

Ganz am Ende zeigt uns Tom Brislin, wo die politischen Entscheidungen wirklich fallen. Nicht etwa in einer der beiden Kammern des Parlaments und auch nicht im Büro der Gouverneurin. „Nein, hier wird Politik gemacht,“ sagt der Professor, während er sich an ein Geländer lehnt und hinab ins offene Atrium blickt. „An diesem Geländer treffen sich Demokraten und Republikaner, um beim Blick ins Innere des Vulkans Kompromisse auszuhandeln.“ Und als Journalist müsse man eben nur über die Flure laufen und sich umhören, um jeden Tag mit einer neuen Geschichte in die Redaktion zu kommen.
Spätestens dann beschleicht deutsche Journalisten wieder dieser Wunsch: Reporter in Honolulu müsste man sein…

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Klaus Remme, DeutschlandFunk

9. Oktober 2004. Der Airbus stürmt gen Osten. Kurz hinter der kanadischen Küste ist die Frage „Huhn oder Pasta“ entschieden, der Rotwein leer. Die Sitzlehne habe ich soweit wie möglich nach hinten gedrückt (sorry Kristina) und dann kurz über Karstens schicke Augenmaske nachgedacht. (Ist die aus Seide?) Ein Blick auf den Monitor sagt: „Remaining flight time — 6 hours, 12 minutes“ Na dann!

Hinter mir liegen vier Wochen USA — made possible by RIAS Berlin Commission. Washington, Utah, Boston und New York City. Vier Stationen und eine offene Frage, die sich durch (fast) alle Gespräche zog: Welcher Millionär wird Präsident? Kerry oder Bush? Kaum jemand will sich festlegen. Nachgefragt vermuten die meisten einen Sieg des Amtsinhabers. Eine einzige Stimme in vier Wochen, die sich sicher ist, dass Kerry gewinnt. Dabei sind offene Fragen in diesem Land, zu dieser Zeit eigentlich die Ausnahme. Wir sind schließlich im Krieg. Noch drei Wochen gegen den politischen Gegner und gegen den Terror sowieso. Schlechte Zeiten für offene Fragen, für Zweifler. Selbstgewissheit ist das Gebot der Stunde und die meisten Männer und Frauen in den think tanks von Washington zeigen daran keinen Mangel. Sie haben eine Position in diesem Wahlkampf, ja mehr noch, eine message. Wir treffen viele von ihnen, einer kam gleich mit der Bibel unter dem Arm und predigte mehr als dass er diskutierte. Mein Eindruck nach einer Woche politischem Washington: Die Konservativen, die Rechten, sie sind überlegen — logistisch, finanziell, rhetorisch!

Als die Stewardess auf dem Flug von Washington nach Utah alle Passagiere aufforderte, eine Abschiedskarte zu unterschreiben, wurde mir kurz mulmig. Es ging aber nur um Mr. Singer, unseren Flugkapitän. Sein letzter Flug vor der Rente — mit uns ins Land der Mormonen. Von denen wir drei so gut wie nichts wissen, aber vieles wissen wollen. „Folgen Sie mir nach,“ ruft Fräulein Müller, eine Missionarin aus dem Schwabenland, hastet über den Tempelplatz und zeigt uns die heiligen Stätten in Salt Lake City. Befremdlich das meiste für einen Katholiken aus Südoldenburg, aber auch faszinierend. Der Campus der Brigham Young University, unserer Station für diese Woche. Eine Uni, finanziell offenbar bestens ausgestattet, akademisch über jeden Zweifel erhaben. Mehr als 90% der Studenten sind Mormonen. 25-tausend junge Männer und Frauen, die sich bei der Einschreibung unter anderem auf „sexuelle Enthaltsamkeit“ festlegen mussten. Wer(s) glaubt, wird selig. Unsere Gespräche mit Professoren und Studenten zeigen Neugier auf beiden Seiten, und wir genießen eine Gastfreundschaft, die ihresgleichen sucht. Danke Tom Griffith, was hätten wir in den Canyons im Süden Utahs (die nur ganz am Rand erwähnt werden sollen) ohne deine Verpflegung mit Starburst-Kaubonbons getan.

Vom konservativen Utah ins liberale Boston. Chris Ballman ist Redakteur für die Umwelt-Sendung Living on Earth, die wöchentlich für ca. 300 National Public Radio Stationen produziert wird. Ich begleite ihn eine Woche lang. Kein Quotendruck wie bei den kommerziellen Sendern, aber dafür chronisch unterfinanziert. Habe ich jemals das öffentlich-rechtliche deutsche System kritisiert? Ich will’s (vorerst) nicht wieder tun. Nebenbei ist in Boston Zeit, Reste des liberalen Amerika aufzuspüren. Ich treffe zum Beispiel Noam Chomsky. Auch bei ihm keine offenen Fragen, keine Zweifel. Selbstgewissheit pur, nur am anderen Ende des politischen Spektrums.

New York, New York

Mit den unterschiedlichsten Eindrücken aus dem ganzen Land sind alle zwölf wieder zusammen. Das Programm in der „Welthauptstadt“ ist ein wunderbarer Mix aus Politik, Kultur und Lifestyle. Sozialprojekte in Harlem und die Führung durch Steinway&Sons, das Gespräch mit deutschen Vertretern bei der UNO und die Aufzeichnung der Daily Show mit Jon Stewart. Krasse Gegensätze, die so nur in New York zu finden sind.
In Boston habe ich nicht im Hotel gewohnt, sondern bei meinem Gastgeber Chris und seiner Familie. Bei allem Wahlkampfgeschrei merke ich, dass der amerikanische Alltag so anders nicht ist. Was tun, wenn die Eltern langsam alt werden, die Kinder Stress in der Schule haben, das Auto seinen Geist aufgibt. Oft sind es solche Fragen, egal ob in Boston oder Salt Lake City, ob Liberaler oder Mormone. Fragen, bei denen erst in zweiter Linie wichtig ist, ob der Präsident George Bush oder John Kerry heißt.

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Stephanie Steffen, Erstes Deutsches Fernsehen

Vom Zentrum der Macht…

Im Redaktionsraum von CBS in Washington hängt ein kleiner Monitor unter der Decke. Darauf sehen wir eine Menge grünen Rasen. Die Kamera wartet darauf, dass heute irgendwann der Hubschrauber des Präsidenten auf der Wiese landet. Dann wird sie George W. Bush bei jedem Schritt auf seinem Weg ins Weiße Haus folgen. „Death Watch“ nennen die Amerikaner das möglichst lückenlose Verfolgen ihres Staatsoberhauptes mit der Fernsehkamera. Es könnte ja sein, dass jemand den Präsidenten ermordet, und dann braucht die Welt Bilder. Eine „Panne“ wie beim Mord an J.F. Kennedy wollen sich die Kollegen in den USA nicht noch einmal leisten. Damals war keine Fernsehkamera dabei. Das eigene Zentrum der Macht immer im Fokus der Berichterstattung — an Beiträgen über Entwicklungen im Rest der Welt wird gespart. Auch wir neigen immer mehr dazu, unter dem Druck der Realität jede kleinste Wendung bestimmter innenpolitischer Themen abzubilden. Dabei verlieren wir andere wichtige Schauplätze der Weltpolitik manchmal aus den Augen. Wird der „Rest der Welt“ bald auch bei uns ganz vom Bildschirm verdrängt?

…ans Ende der Welt…

Die Studenten des Medien-Studiengangs an der Universität in Honolulu — alle Anfang 20 — sind modisch und technisch auf dem allerneuesten Stand. Sie lernen von allem etwas: Sie schreiben Artikel für die Campus-Tageszeitung oder gestalten das Musikprogramm ihres eigenen Senders. Mit kleinen Kameras drehen sie nach eigenen Konzepten selbst Filme, schneiden und vertonen das Material. Viele Medien-Studenten wollen Fernseh-Journalisten werden, möglichst selbst einmal vor der Kamera stehen.

Als wir mit ihnen diskutieren, wundern sie sich darüber, dass uns der amerikanische Fernseh-Journalismus oft unkritisch erscheint. Wir haben das Gefühl, dass die Reporter die Statements der Politiker eins zu eins wiedergeben, ihnen aber nicht auf den Zahn fühlen. „Wie können wir denn lernen, bessere Fragen zu stellen?,“ bittet eine Studentin uns um Rat. Vermutlich ist die Antwort: „Mit wahrem Interesse an politische Themen kommt das von allein“. Leicht gesagt, wenn man sich Tag für Tag auch um alle produktions-technischen Fragen kümmert und in jedem Bereich kompetent sein soll. Werden auch in unseren Redaktionen bald Kollegen arbeiten, die von allem eine gewisse Ahnung haben, aber so viel Zeit mit technischen Dingen verbringen, dass ihnen wenig Zeit zum Nachdenken über Inhalte bleibt?

….in ihre tiefste Mitte…

Der Kameramann von Kelo TV in Sioux Falls, South Dakota, hat allerlei zu tun. Erst fährt er drei Stunden in die Kleinstadt Winner, dort dreht er Bilder und Interviews für einen Beitrag über den Gefängnisausbruch der letzten Nacht. Um den Ton kümmert er sich nebenbei. Wieder drei Stunden auf der Straße, dann verschwindet er mit dem Text der Reporterin in einer winzigen Kabine und schneidet die Bilder zusammen. Ein ganz normaler Arbeitstag für ihn — und ein kostengünstiger für seinen Arbeitgeber. Weil bei Kelo TV so sparsam gewirtschaftet wird, bringt der Sender seinem Mutterkonzern CBS Gewinn. Ökonomisch ein Erfolg — aber auch ein journalistisches Zukunftsmodell für uns?

Jeder bei Kelo TV ist Generalist, der Sender produziert „schlank,“ so wie es den öffentlich-rechtlichen Informationsprogrammen hierzulande auch für die Zukunft geraten wird. Den Preis zahlt der Zuschauer — bald auch hier? Die Tonqualität der Beiträge würden wir manchmal als „unsendbar“ bezeichnen, die Schnitte wirken „selbst gestrickt“ und eine Analyse des Senders nach der ersten Fernseh-Debatte der Präsidentschafts-Kandidaten resultiert aus der Befragung von fünf Zuschauern. Umfassende politische Berichterstattung nach unseren Maßstäben und Analysen fehlen. Im Regionalprogramm aus Sioux Falls wird über die Opfer der US-Armee im Irak berichtet, eigene Beiträge über die Frage nach dem Sinn des Krieges oder Wegen aus der Krise würden die Möglichkeiten des Senders übersteigen. Werden auch wir mit solchen Nachrichtensendungen in Zukunft zufrieden sein?

….ins Herz der Nation…

Auf dem Times Square im Herzen der Wirtschaftsmetropole New York flimmern neben der Leuchtreklame für Fast Food auch Börsenkurse über die Fassaden. Im MTV-Shop werben T-Shirts vor der Präsidentschaftswahl für politisches Engagement: „Vote or die“ steht drauf. Im Fernsehen werden die CNN-Nachrichten von Viagra-Werbung unterbrochen. Ich kann kaum noch selbst entscheiden, wann ich mich informieren will und wann ich für die Medien vor allem Konsument bin. Werden wir uns wie die Amerikaner an die noch stärkere Vermischung von Information und Werbung gewöhnen? Wo liegen für uns eigentlich die Grenzen des guten Geschmacks?

…und dabei auf den eigenen Nabel geschaut.

Bei jeder meiner ganz unterschiedlichen Stationen hatte ich das Gefühl, möglicherweise in die eigene Zukunft zu schauen. Aber eben nur möglicherweise, denn wir können die Zukunft der Berichterstattung mitgestalten — als Journalisten und vor allem auch als Medien-Nutzer. Auch wenn es manchmal schwer fällt, können wir im Job Tag für Tag dafür sorgen, dass wir bei aller Hektik und im Bestreben um Schnelligkeit noch Energie für inhaltliche Diskussionen aufbringen. Wir können in unseren Redaktionen dazu beitragen, dass bei der Ausbildung nicht allein die Technikbegeisterung im Vordergrund steht, sondern die journalistische Neugier eine entscheidende Antriebsfeder bleibt. Und als Medien-Nutzer können wir mit der Fernbedienung abstimmen, wenn uns die Vermischung von Information und Werbung auffällt.

Die Welt in deutschen Fernsehredaktionen wird sich auch in den kommenden Jahren weiter wesentlich verändern. Aber wir sind diesem Prozess nicht hilflos ausgeliefert, sondern wir werden diesen Prozess mitgestalten und auch über die Richtung mit entscheiden. Und wenn wir eines Tages amerikanische Fernseh-Zustände haben — dann sind wir als Journalisten und Zuschauer dafür zumindest mit verantwortlich.

Was die Stimmung am Arbeitsplatz betrifft, können wir uns von den Kollegen in den USA meiner Meinung nach ein Scheibchen abschneiden. Die amerikanischen Kollegen, die ich kennen gelernt habe, wirkten trotz geringerer Einkommen und fensterloser Redaktionsräume zufrieden, entspannt und aufgeschlossen. Sie scheinen ihre Jobs zu mögen. Hier zu Hause habe ich manchmal den Eindruck, wer als Journalist etwas auf sich hält und nach Anerkennung strebt, schaut möglichst miesepeterig drein und verbreitet auch bei anderen gern schlechte Stimmung. Und so machen wir uns oft völlig unnötig das Leben schwer. In dieser Hinsicht habe ich beschlossen, Amerikanerin zu werden und in den Momenten kurz vor einem Wutausbruch einfach mal dankbar zu sein — für meinen Fensterplatz bei ARD-aktuell.

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Sönje Storm, Deutsche Welle

Eugene, Oregon

Das erste, was ich in Eugene mache, ist niesen. Meine Nase kribbelt, die Augen tränen. Ein Schnupfen? Mein host Tracy, die mich am Flughafen abholt, hat eine andere Antwort parat: „This is the valley of sickness“ erklärt sie mir. So hätten es schon die Indianer genannt. Die Stadt ist umgeben von Bergen, das Klima feucht, oft hängt der Nebel bis zum Mittag über der Stadt. Gut für die Pflanzen, die hier üppig gedeihen und haufenweise Pollen produzieren. Die wiederum nicht wegfliegen können, weil sie es nicht über die Berge schaffen. So mancher, der sich hier niederlassen wollte, sei gleich wieder weitergezogen, erzählt Tracy weiter. Ich aber bleibe. Gut, denn mir steht hier eine abwechslungsreiche Woche bevor.

Tracy fährt mich in ihrem altersschwachen Toyota erstmal in ein palästinensisches Restaurant. Dort esse ich irgendwas Vegetarisches mit Kichererbsenpüree und beäuge neugierig die anderen Gäste, die sich auf seltsame Weise ähneln. Die Frauen tragen lange Gewänder und Holzketten, die Männer offene Jutehemden und Ledersandalen. Sieht aus wie ein Hippiegruppenausflug. Allerdings sind die Hippies in die Jahre gekommen, unter 60 ist hier kaum einer. Typisch für Eugene, erklärt Tracy mir. In den 70ern und 80ern seien Tausende Blumenkinder nach Oregon übersiedelt, weil ihnen Kalifornien zu kommerziell geworden war. Und die seien mittlerweile eben in Würde und political correctness gealtert.

Am nächsten Tag erläutert mir Tracy, wie so eine Kleinstadt an der Pazifikküste funktioniert, und eröffnet die Rundtour mit einem Besuch im Devotionalienshop der örtlichen Baseballmannschaft, den „Oregon Ducks“. Ich kaufe ein T-Shirt. Es folgen eine Fahrt runter zum Willamette River, der die Stadt mit Trinkwasser versorgt, eine Stippvisite im örtlichen Bio-Pralinenshop und schließlich geht´s rauf auf den Hausberg, um runter zu gucken. Leider ist Vormittag und die Stadt liegt noch im Nebel.

Zeit für meinen ersten Fernsehschnupperkurs. Tracy übergibt mich an ein Reporterteam von KEZI TV. Die Story: Im Stadtpark wird eine neue Ausblicksterrasse eingeweiht — die Spende eines ortsansässigen Witwers zum Andenken an seine naturverbundene Frau. Die Reporterin (der 19jährige Neuzugang der Redaktion) interviewt Architekt und Witwer, dann schnurrt der Kameramann über die Terrasse und macht seine Bilder. Nach 15 Minuten ist alles im Kasten. Zurück in die Redaktion. Schneiden, texten, 1:30 sind fertig.

Dasselbe Tempo am nächsten Tag, als ich mit einem Reporter-Team auf den Uni-Campus in der Nachbarstadt fahre. Dort hat am frühen Morgen ein Unbekannter (erfolglos) versucht, ein Mädchen zu greifen. Die Top-Story, weil Semesterbeginn ist und im Frühjahr in der gleichen Gegend eine Studentin entführt wurde, die nie wieder aufgetaucht ist. KEZI TV und sieben weitere Lokalsender aus der Gegend wuseln über den Campus und konkurrieren um O-Töne verängstigter Studentinnen. Die beteuern, nie wieder alleine ihre Wohnungen verlassen zu wollen. Ein Student verlangt 24-Stunden-Videobewachung des gesamten Unigeländes innen und außen. Für die 17 Uhr-Sendung überspielen die beiden (Anfang 20jährigen) KEZI-Reporter jeweils einen Zweiminüter „Tathergang“ und „Reaktionen“. Der Kameramann ist gleichzeitig Tontechniker und Cutter und schneidet die Bilder in Windeseile. Für die 19-Uhr-Sendung gibt´s zusätzlich zwei Live-Schalten vor dem Tat-Rasen, Tenor „Angst auf dem Campus“. Dann werden die Sendemasten wieder eingefahren und es geht zurück nach Eugene.

Weil Tracy die Nachrichten in der Morning-Show des örtlichen Countrysenders liest, stehe ich am nächsten Morgen sehr früh in einem Hörfunkstudio. Dort machen die beiden Moderatoren Scherze, ziehen unanständige Töne aus dem Schallarchiv und spielen Countrymusik. Tracy ist sozusagen der „seriöse Anker“ der Sendung und informiert über das aktuelle Geschehen in Oregon und dem Rest der Welt, wirft ab und zu aber auch einen Witz ein. Seit Jahren machen die drei das, sind ein eingespieltes Team — und Marktführer: „New Country“ heißt das mir bis dahin unbekannte Musikformat und läuft offenbar sehr gut. Um 10 Uhr ist Schluss und die Moderatoren gehen auf den Golfplatz. Tracy und ich fahren nach Ost-Oregon.

Auf dem Weg dorthin durchqueren wir den halben Staat: Wunderbare Landschaften, Bergwälder mit riesigen Kiefern, Wasserfälle. Ich sehe zum ersten Mal die alten, überdachten Holzbrücken, die es an der Pazifikküste noch gibt. Tracy erzählt, dass sie am Wochenende manchmal in den heißen Quellen badet, die an der Wegstrecke liegen. Am Tag darauf geht´s in die entgegengesetzte Richtung, an die rauhe Küste des Pazifik, Fisch essen in einem Restaurant, das auf Holzsteelen über dem Meer steht. Es ließe sich aushalten in Oregon!

Nach den geballten Informationen aus Washington, vor allem über den Wahlkampf, kann ich vor Ort abgleichen: Was bewegt die „realen“ Menschen? Mit Tracy und ihrem Mann gucke ich das zweite Fernseh-Duell Bush/Kerry, das mein Host nur dadurch ertragen kann, dass sie Unmengen von Rootbeer herunterspült und in ihr Sofakissen beißt — hatte ich erwähnt, dass Oregon ein Staat der „Democrates“ ist? Beim Mittagessen berichtet mir der„civil rights“-Beauftragte von Eugene von seiner Arbeit: Eine große Rolle spielt bei ihm derzeit die Schwulenehe, weil zeitgleich mit der Präsidentenwahl in Oregon über die Gleichstellung homosexueller Partnerschaften abgestimmt wird — eine der wichtigsten Wertediskussionen dieser Vorwahlzeit in den USA. Einen Tag verlasse ich das Territorium der USA und fahre in ein, wie ich lerne, staatlich autonomes Indianerreservat, erfahre, wie sich der „Warm Springs“-Stamm finanziert (sie betreiben ein Casino) und unterhalte mich mit dem dortigen Radio-DJ, der gerade aus dem Irak zurückgekehrt ist.

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Vielen Dank an den RIAS — ein wunderbarer Monat. Ein perfekter Mix aus Sightseeing, Einblicken in den journalistischen Alltag der US-Kollegen und natürlich den von Margaret sehr gut organisierten und begleiteten Informationsbesuchen zu Politik, Wirtschaft und Kultur in Washington und New York.