2013

3-wöchige USA-Journalistenprogramme 2013
Frühjahr und Herbst


RIAS USA-Frühjahrsprogramm
18. März – 5. April 2013

Elf deutsche Journalisten in den USA: Organisiertes Programm in Washington D.C. (CNN, George Washington University, WTOP, VOA, Pew Forum, Heritage Foundation, Brookings Institution, WJLA-TV, Politico) und New York (UN, FOX News, MSNBC, New York Times, American Jewish Committee, Hoboken High School, CFO Magazine) sowie für alle Teilnehmer jeweils ein individuelles Praktikum in einer amerikanischen Rundfunk- oder Fernsehstation.

 

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TEILNEHMERBERICHTE

Daniela Adomat, Mitteldeutscher Rundfunk, Leipzig

„Welches Barbecue magst Du denn jetzt am liebsten?“ — wohl keine andere Frage wurde mir während meiner drei RIAS-Wochen so oft gestellt wie diese und ist mir deshalb auch so im Gedächtnis geblieben.

Der RIAS-Aufenthalt liegt schon einige Wochen zurück, nun schreibe ich mein Essay und frage mich, was die Dinge sind, die am eindrücklichsten hängen geblieben sind… Barbecue gehört definitiv dazu. Denn meine Station Week führte mich direkt hinein ins Mutterland des Barbecues, nach Kansas City.

Natürlich ging es hier vordergründig erst einmal nicht um Kulinarisches, sondern vielmehr darum, einen Einblick in die Fernsehwelt von KCTV5 zu bekommen. Die Fernsehstation für Kansas City ist ein CBS-Affiliate, also eine Partnerstation des großen amerikanischen Hörfunk- und Fernseh-Networks CBS.

KCTV5 sendet jeden Tag mehrere Stunden Nachrichten und hat dabei täglich so viele Zuschauer wie in etwa ein Drittes öffentlich-rechtliches Fernsehprogramm. Die Anzahl der Menschen, die das Programm machen, ist dabei allerdings nur einen Bruchteil von dem, was wir aus deutschen Nachrichtenredaktionen gewohnt sind. Das, was hier jeder einzelne Reporter tagtäglich an Arbeit „wegschleppt“, ist vielleicht eine der Erfahrungen, die mich am stärksten beeindruckt hat.

Etwa Heather Staggers, eine der zehn Reporter von KCTV5. Heather ist eine frühere Programmteilnehmerin, ich war ihr erster Austauschjournalist. Für mich hatte sie sich deshalb viel Zeit genommen und wurde auch von ihren Vorgesetzten, wie alle mehrfach betonten, extra geschont. Trotzdem „coverte“ sie fast jeden Tag mehrere Stories. Angefangen von Problemen bei der Kindertagesbetreuung, über den Tod eines bekannten lokalen Hörfunkmoderators bis hin zum Brand in einer Wohnsiedlung. „Covern“ bedeutet für einen KCTV5-Reporter zum einen mehrere TV-Beiträge zu machen, je nach Ausgabe der Nachrichtensendung in einer anderen Version. Außerdem wird der Reporter mehrfach live in die Sendung geschaltet und er twittert Fotos und Inhalte seiner Story an seine Follower. Und das wohlgemerkt zu oftmals mehreren Themen an einem Tag.

Noch dramatischer war die Situation bei Allan, dem Sportreporter. Auch er absolviert fast täglich dieses Programm, nur dreht und schneidet er seine Bilder noch selbst. Ich begleitete ihn zum Training der hiesigen Basketballmannschaft. Das Unglaublichste hier: Allan war nicht nur Reporter, er war zusätzlich auch der Kameramann seiner eigenen Live-Schalte, sendete die Bilder und Töne live aus einem kleinen Rucksack vom Spielfeldrand direkt ins Studio. Das absolut Beindruckende an dieser, für unsere Verhältnisse, extremen Arbeitssituation: nicht nur, dass nichts schief ging, die Beiträge waren sogar noch echt gut.

Nach der Arbeit, am Abend gingen alle Reporter ihrer Wege, ich hatte Glück und wurde mehrfach mitgenommen. Zum Familien-Abendessen in Heathers Familie oder auch in mehrere schwer angesagte Restaurants der Stadt. Barbecue war auch hier immer wieder Thema. Beeindruckend waren für mich jedoch vor allem die Geschichten meiner Gastgeber. Trotz verschiedener politischer Einstellungen waren sie sich alle einig in der Sorge über die zunehmende Kriminalität in ihrem Land. Anlass waren mehrere brutale Überfälle auf Besucher des noblen Shopping-Centers im Herzen der Stadt; nur ein Zeichen für die wachsende Kriminalität auf den Straßen. Meine Gastgeber erzählten, dass sie ihre Kinder schon lange nur noch in Begleitung vor die Tür lassen. Allein mit dem Fahrrad fahren, so wie die Erwachsenen es als Kinder getan hatten — no way.

Amerika, ein Land so schön und spannend und doch auch immer wieder Auslöser von Sorgenfalten und Kopfschütteln. Verstärkt wurde dieser Eindruck auch durch die beiden Wochen am Anfang und Ende des Programms, in Washington D.C. und New York. Hier reihte sich Termin an Termin: Fernsehstationen, ThinkTanks, Politikmagazine; auskunftswillige, oft auch streitbare Menschen; manche wollten bloß erzählen, andere auch unsere deutsche Meinung dazu wissen. Jeder Termin war anders — jedoch immer interessant und aufschlussreich. Das Programm gewährte viele neue Einblicke vor allem in die amerikanische Politik und die Arbeit US-amerikanischer Journalisten. Ein herausragender Termin war der Besuch der altehrwürdigen New York Times. Jeder Mitarbeiter, jede Ecke des Gebäudes strahlte sie aus: die Leidenschaft für guten Journalismus. Nach diesem Programmpunkt gelobte nahezu jeder von uns Teilnehmern, ein (noch) besserer Journalist zu werden.

Wenn eines bei diesem vollgepackten Programm zu kurz kommt, dann ist es Schlaf. Der wurde bei den meisten auf die Nach-RIAS-Zeit verschoben. Stattdessen gab es nach den RIAS-Terminen das, für einen Washington-und-New-York-Erstbesucher obligatorische Touri-Programm: Fototermin am Zaun vorm Weißen Haus, Massenwanderung über den Arlington-Friedhof, Theaterbesuch am Broadway, Shoppen auf der 5th Avenue und ungläubiges Klatschen im Nachtbus auf der Brooklyn-Bridge beim ersten Blick auf die hell erleuchtete Manhattan-Skyline.

Das Fazit nach drei Wochen USA und drei Wochen RIAS: das Programm hat viele Fragen beantwortet, jedoch gleichzeitig neue aufgeworfen. Die Amerikaner selbst können viele davon nicht so einfach beantworten. Wie eben auch die Frage nach dem besten Barbecue. Auch ich war mir bis zum Ende darüber unschlüssig und nahm deshalb ein umfangreiches Barbecue-Probierset mit nach Deutschland. Entscheidung vertagt.

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Björn Dake, Bayerischer Rundfunk, München

Jetzt ist es also passiert. Es ist Freitag, Woche 2 des RIAS-Frühjahrsprogramms und ich fühle mich sehr amerikanisch. Mein Jeep zieht dank Tempomat mit konstant 72mph über die Interstate 26 gen Norden. Die Straßen sind gerade und breit in South Carolina; die Wege sind weit. So nutze ich die Zeit für ein kleines Frühstück hinterm Lenkrad. Im Cupholder schwappt der heiße Kaffee im Pappbecher, ein Sandwich in der Hand. Multitasking on the road.

Das habe ich mir gestern bei Jenny abgeschaut. Jenny kann mit zwei iPhones in der Hand Auto fahren, Termine mit einem Klemmbrett auf dem Lenkrad planen und telefonieren. Das beeindruckt und verunsichert mich so sehr, dass sich Jenny zu der Aussage bemüßigt fühlt: „I promise not to kill you.“ Wir sind auf dem Weg zu einer Apotheke. Gerade hat Jenny in der University of South Carolina gedreht. Es geht um selbst hergestellte Medikamente und ihre Risiken. Jenny ist von ihrer Story mäßig begeistert, aber so ist das Tagesgeschäft als Reporterin bei WLTX, einem lokalen Fernsehsender in Columbia, South Carolina.

Jenny ist das, was man hier eine One-Man-Band nennt. In Deutschland besser bekannt als VJ. Jenny recherchiert, dreht, schneidet, textet und vertont ihre Beiträge alleine. Ihre Arbeitsbedingungen sind in deutschen, öffentlich-rechtlichen Augen alles andere als gut. Ein Einstiegsgehalt von knapp 30.000 Dollar im Jahr und zwei Wochen Jahresurlaub sind hier die Regel. Die Hoffnung der Berufsanfänger lautet: Von einem Lokalsender im Land zu einem größeren Lokalsender irgendwo anders in den USA und dann mit etwas Glück zu einem der großen Networks. Der Weg ist entbehrungsreich. Einsatz und Flexibilität sind selbstverständlich.

Journalisten wie Jenny lernen ihr Handwerk auf dem College. Zum Beispiel an der University of South Carolina in Columbia. Hier bin ich für eine Woche zu Gast und begleite Dozenten und Studenten bei ihrer Arbeit. Mich beeindruckt die Professionalität, wie Studenten in ihrem letzten Semester eine tägliche, 30-minütige Live-Sendung mit Lokalnachrichten im eigenen Fernsehstudio produzieren. Das Studium ist anders als in Deutschland: viel praxisnäher und berufsorientierter. Das dürfte auch daran liegen, dass die Dozenten meist ehemalige Journalisten sind, die in der Arbeitswelt jahrelang Erfahrungen gesammelt haben, die sie jetzt mit den Studenten teilen. Wer die USC verlässt, ist in der Regel so gut ausgebildet, dass er sofort einen Job bei einem Lokalsender findet.

Nebenbei bekomme ich einen guten Eindruck vom Studentenleben in einer mittelgroßen Stadt im so genannten Biblebelt der USA. Auch spät am Abend brennen die Lichter in den Uni-Gebäuden noch und die Bibliothek ist gut besucht. Für das College-Studium sind hohe Gebühren fällig, das motiviert zu Überstunden und einem zügigen College-Abschluss.

Fast 30.000 der insgesamt 130.000 Einwohner von Columbia sind Studenten. Auf dem Campus spielt sich nach meinem Eindruck das Leben in South Carolinas Hauptstadt ab. Ansonsten prägen breite Einfallstraßen, riesige Parkplätze und Fastfood-Läden das Bild. Palmen säumen einige Straßenzüge.

Noch etwas lerne ich hier in South Carolina und auf unserer Reise durch die USA: Was Online- und Social Media-Aktivitäten betrifft, sind wir bei vielen Sendern in Deutschland in der Steinzeit. Reporter wie Jenny twittern selbstverständlich ihre Stories, ihre Erfahrungen bei den Drehs. In fast jeder Redaktion hängen große Bildschirme, die Tweets und Facebook-Posts und deren Echo beim Publikum zeigen. Radiostationen wie WTOP in Washington zum Beispiel begreifen sich hier nicht mehr als Radiosender, sondern als Nachrichtenproduzent, der als einen von vielen Verbreitungskanälen das Radio nutzt.

Aber eine Erkenntnis der drei Wochen in den USA ist für mich auch, dass die Konvergenz noch nicht überall wirklich funktioniert. Der converged newsroom bei Politico und WJLA in Washington entpuppt sich eher als ein Großraumbüro, in dem TV-Leute und Onliner nebeneinander herarbeiten statt zusammen. Sogar der Teppich auf beiden Seiten des Büros unterscheidet sich und bildet eine Grenze, die sich auch in der Arbeitseinstellung der Journalisten zeigt. Ein Gespräch mit zwei Journalisten hier zeigt das schnell und eindrucksvoll.

Doch es gibt auch positive Beispiele für eine gelungen Integration verschiedener Mediengattungen. Am eindrucksvollsten ist sicher die New York Times, die auf ihren Internetseiten zeigt, wohin die Reise gehen könnte und was im Netz alles möglich ist.

Das ist der eine Teil dieser spannenden Reise. Ein vollgepackter, eng-getakteter und abwechslungsreicher Terminplan in Washington und New York. Profis von Fernsehsendern und Radiostationen, Politikberater und Vertreter von Lobbygruppen erklären uns ihrer Arbeit; teilen ihre Erfahrungen und Einschätzungen. Nicht selten ergibt sich ein völlig anderes, viel differenzierteres Bild auf die aktuelle U.S.-Politik. Wir erfahren von Schwachstellen und Fehlern von Präsident Obama, die in der bisweilen unkritischen Berichterstattung in Deutschland manchmal untergehen.

Dann ist da aber auch noch ein anderer Teil, der das RIAS-Programm erst zu dem macht, was es ist. Es sind die Gespräche und Erlebnisse mit vielen unterschiedlichen Menschen abseits der offiziellen Termine im Anzug und mit Krawatte. Und es sind oft auch die Treffen außerhalb des Medien- und Politikbetriebs in den Metropolen der Ostküste.

Ich treffe Barbara, die auf eine Highschool in Hoboken in New Jersey geht und sehr offen von ihrem schwierigen Elternhaus redet. Sie hofft auf eine bessere Zukunft und arbeitet hart daran. Ihr Ehrgeiz ist beeindruckend.

An der George-Washington-Universität hören wir eine junge Studentin sagen, dass sie gerne eine Waffe tragen würde. In Politik und Polizei habe sie kein Vertrauen mehr.

In Columbia ziehe ich mit Ben und seinen Freunden durch Bars. Wir reden über Deutschland und die Unterschiede zu den USA und sehen uns Bilder vom Schloss Neuschwanstein an. Viele Menschen in South Carolina haben deutsche Wurzeln. Die Neugierde ist groß. Deutschland gilt als cool.

In Georgetown in Washington drückt mir eine junge Mutter im Bus lächelnd einen Dollarschein in die Hand, nachdem sie mein verzweifeltes Wühlen im Portmonee beobachtet hat. Diese freundliche, offene und höfliche Art begeistert mich immer wieder in den USA. Ein kurzes „Hi, how are you,“ das nichts kostet und den Alltag und den Umgang miteinander so viel einfacher und herzlicher macht.

Nach drei Wochen bleiben unzählige Eindrücke — über das Arbeiten als Journalist, was Amerikaner über politische Themen wie Waffenkontrollen denke, ein großartiger Einblick in das Leben in den USA und nicht zuletzt tolle Gespräche und Erlebnisse mit meinen deutschen RIAS-Fellows.

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Stefan Keilmann, ARD / Norddeutscher Rundfunk, Hamburg

Größe, Weite, Pathos und ein Phänomen, an dem niemand vorbeikommt: Ich kann nicht sagen, was ich mir von einem Stipendium in den USA erhofft hatte. Ich kann aber sagen, was ich bekommen habe: drei wunderbar intensive Wochen, die ich nie vergessen werde. Es sind die großen Momente: das journalistische Ethos der New York Times, die unendliche Bürokratie der UNO, die pompöse Inszenierung Washingtons. Es sind aber gerade auch die kleinen Momente: die Diskussion mit einem Park Ranger über Waffenkontrollen, die Schlange der Obdachlosen in Denver oder der letzte Abend morgens um 6 a.m. mit einer Horde Abschied feiernder Journalisten in der Hotel-Lobby.

In Washington misstraute ich dem Pathos, den Monumenten, der gekünstelt inszenierten Fast-Food-Historisierung. Doch mit jedem Tag, jeder Diskussion, jeder weiteren Facette ließ sich erahnen, wie klein und unwichtig die Zeit ist, wie irrelevant für die Identität dieser jungen Nation. Dass es die Poesie der Idee ist, die entscheidet. Die Unabhängigkeitserklärung ist ein Fest der Freiheit. Und egal wie wichtig, richtig und schön eine Idee auch sein mag, kann sie nur überleben, wenn sie in die Herzen der Menschen gelangt. Und ein wenig Pathos und Monumente können da nicht schaden — ganz im Gegenteil. Und es ist auch einfach mal wieder schön, in der Bar nach einem Ausweis gefragt zu werden.

Denver, Colorado: Die meisten Europäer verirren sich maximal zum Skifahren hierher. Fahrt vom Flughafen in die Stadt, die überwältigende Silhouette der Rockys am Horizont, schrauben sich die Glasfassaden gen Himmel. Zu ihren Füßen Hunderte Obdachlose, im kniehohen Schnee schlotternd und wartend auf ein warmes Essen der Heilsarmee. Die Ausgestoßenen, die alltägliche Kehrseite der Glaspaläste — keines Blickes gewürdigt. Und der stoische Rat des Hotels, besser nicht abends alleine in der Innenstadt spazieren zu gehen.

Mein Host Jason: reisefanatisch, lebt für seinen Blog, das Einkommen sichert CBS4. Local News, Sex and Crime garniert mit Wetter, Verkehr und einer Prise U.S.-Politik. Der ganz alltägliche amerikanische Wahnsinn von der Live-Schalte neben der Blutlache bis zur medialen Hetzjagd auf Verdächtige — natürlich mit einem von Facebook heruntergeladenen Bild. Warum sollten wird diese Bilder nicht nehmen? Das Netz und Social Media sind selbstverständlich, das Fremdeln deutscher Medien löst nur Kopfschütteln aus. Ebenfalls göttlich: die Nachfrage zur Tagesschau: „Täglich fünfzehn Minuten nationale und internationale Politik, Wirtschaft und ein bisschen Sport ohne Werbung? Zur Primetime? Das guckt dann aber doch keiner, oder?“

New York: Apfel der Superlative. Times, UNO, Fox News: Ein Termin jagt den Nächsten. Dennoch Abend für Abend tiefer tauchen — schlemmen, tanzen, feiern. Der Puls steigt, die Zeit fliegt. Die Stadt, die Menschen, die Geschichten. Die erhabenen und die geplatzten Träume. Mit jedem weiteren Tag wird es einfach einfacher und schwerer, das Land zu fassen. Oder mit den Worten von Hunter S. Thompson: „We are going out again in search of the American dream.“

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Dominik Lauck, Norddeutscher Rundfunk, Hamburg

Oregon — wo Countrymusik noch erfolgreich macht

„Are you the guy from Germany?” fragt mich die Bankangestellte der Federal Credit Union, noch ehe ich ein Wort gesagt habe. Und klärt gleich auf: „I heard you on the radio this morning.” Nein, ganz so provinziell ist Eugene im Bundesstaat Oregon doch nicht, aber da ich mit Tracy Berry um kurz nach 10 Uhr die Bank betreten habe, ahnt hier jeder sofort, dass wir gerade von KKNU fm kommen, dem meist gehörten Radiosender der 150.000-Einwohner-Metropole. Denn Tracy ist in Eugene bekannt wie ein bunter Hund, und sie ließ mich („mein Gast aus Deutschland”) gleich am ersten Tag den Wetterbericht live vorlesen.

Eugene ist der völlige Kontrast zu Washington D.C., wo ich die erste Woche des RIAS-Programms verbringen durfte. Knapp acht Flugstunden und drei Zeitzonen von der U.S.-Hauptstadt an der Ostküste entfernt, prägt in Eugene die Natur das tägliche Leben. Kein Wunder, sind es nur 80 km bis zur Pazifikküste und ebenso weit bis ins Kaskadengebirge, entlang des McKenzie Rivers. Im Frühjahr kann man sich also jeden Tag aufs Neue aussuchen, ob man lieber Surfen, Skifahren oder Raften möchten. Vielleicht weil ihnen die weite Landschaft ein Gefühl von Freiheit gibt, hören die Menschen hier am liebsten Countrymusik und schalten den Sender KKNU ein, der „neue Countrymusik” spielt.

Barrett, Fox and Berry — oder: Wer braucht schon Nachrichten?

Mein RIAS-Host Tracy quält sich jeden Morgen früh aus dem Bett, um ab 5:30 Uhr zusammen mit Bill Barrett und Tim Fox für gute Laune zu sorgen. Sie ist zuständig für Nachrichten, Wetter und Verkehr. Doch was heißt das schon? Feste Nachrichtenausgaben wie bei deutschen Radioprogrammen gibt es hier nicht. Wenn Tracy eine bunte Meldung gefunden hat, erzählt sie kurz davon. Staus gibt es in der Weite des Landes kaum, „höchstens morgens, immer um die gleiche Zeit und auf den gleichen Strecken. Das brauchen wir nicht zu melden.” Wetter hingegen ist wichtig, auch wenn es „neun Monate im Jahr regnet”, wie Tracy nicht müde zu betonen wird.

Bill und Tim schmeißen seit 16 Jahren gemeinsam die Morning Show in einem Kabuff von Studio. Auf engstem Raum albern sie rum und haben doch, obwohl sie fast nur Musik spielen, alle Hände voll zu tun. Jeder Höreranruf im Studio wird von einem der beiden persönlich entgegengenommen und mitgeschnitten. Die besten 10 bis 20 Sekunden des Gesprächs gehen anschließend on Air. Banalitäten, wie die Frage nach dem Musiktitel, dem nächsten Gewinnspiel oder dem Wetter fürs Wochenende. Und dann sind da noch die Werbespots, die Bill und Tim täglich live sprechen. Beispielsweise Autowerbung: Tim hat das neue Modell schon getestet und erzählt Bill, wie toll es sich fahren lässt. Der ergänzt die technischen Details und preist das Fahrzeug mit eigenen Worten an. Und als Hörer weiß man nicht so recht, ob das Werbung war oder sich die beiden Moderatoren gerade spontan darüber unterhalten haben. Von wegen Trennung von Programm und Werbung.

Barrett, Fox and Berry, wie die Drei im Programm beworben werden, stehen für das Familiäre, Bodenständige, das Eugene auszeichnet. Bill hat sage und schreibe zwölf Kinder — acht davon sind adoptiert. Tims ganzer Stolz ist ein Ford Mustang Bullitt, den er aber nur ganz selten aus der Garage holt, da er mit dem laut dröhnenden Motor die Nachbarschaft nicht gegen sich aufbringen möchte. Am Ende meiner „Station Week” in Eugene bringt er das Gefährt mit in den Sender und lässt mich damit ein paar Runden drehen. Und Tracy liegen Nachbarschaftsprojekte und die Familienbetriebe am Herzen. „We’re proud to be part of our community” ist nicht nur eine Floskel, mit der KKNU fm wirbt.

Eugene — die Stadt der Pralinen, Joghurts und Bierwürste

So zeigt mir Tracy jeden Tag nach der Frühschicht ihre Lieblingsfirmen, „local economy”, allesamt Familienbetriebe, die sich prächtig entwickelt haben: Euphoria Chocolate Company, wo jede Praline noch von Hand hergestellt wird, ein kleines Vermögen kostet, aber auch ein unvergleichliches Geschmackserlebnis bietet. Oder Yogurt Extreme, ein kleiner Laden, in dem jeder seinen Joghurt mit Dutzenden Früchten, Süßigkeiten und Soßen kombinieren kann. Gegründet von zwei Schwestern, brummt das Geschäft dermaßen, dass es in Eugene mittlerweile fünf Filialen gibt — alle natürlich von Familienangehörigen betrieben. Oder auch 4-Star Meat, eine kleine Schlachterei, in der wir die Kühlhäuser betreten, wo die geschlachteten Rinder, Kühe und Schweine hängen, ehe sie beispielsweise zu geräucherten Bierwürstchen verarbeitet werden.

Der Kontrast zu all diesen Kleinbetrieben heißt „Cabela’s”, eine gigantische Warenhauskette, wo man vor allem Sport-, Camping- und Outdoorzubehör kaufen kann. „Attention! Firearms Check-in Station” steht an jedem Eingang und ein freundlicher Herr bittet darum, die mitgebrachten Schusswaffen vorzuzeigen. Drinnen kann man in den Regalen und Vitrinen Gewehre und Pistolen kaufen wie bei uns Fertigpizza im Tiefkühlregal. In Oregon hat fast jeder Waffen. Tracy ist in ihrer Verwandtschaft die einzige, die keine Schusswaffe zu Hause hat. Jeder sollte das Recht haben, sich zu verteidigen, höre ich immer wieder. Und dann fragen sie, wie man sich sonst schützen sollte, wenn einem in den Bergen ein Bär begegnet.

Oregon Ducks — die von Nike gefütterten Enten

Wer es in den USA zu Ruhm und Reichtum gebracht hat, der zahlt was zurück. Das zeigt sich in Eugene am besten an Multimilliardär Phil Knight, dem Mitbegründer des Sportartikelgiganten Nike. Er studierte einst an der Universität von Oregon und unterstützte die Hochschule später mit mehreren hundert Millionen U.S.-Dollar. Deshalb haben die Oregon Ducks, die Sportteams der Universität, perfekte Trainingsbedingungen und mit die besten Sportstätten der USA. Hier finden regelmäßig die Trials, die U.S.-amerikanischen Ausscheidungen für die Olympischen Spiele oder Weltmeisterschaften statt.

Der freie Sonntag — Puzzeln in New York

Mit unzähligen solcher Eindrücke fliege ich nach sechs Tagen erneut quer durchs Land, zurück an die Ostküste. In der Millionenmetropole New York treffe ich die anderen Teilnehmer des RIAS-Programms wieder. Am freien Sonntag erzählt jeder von seinen Erlebnissen während der Station Week: Aus Denver, South Carolina, Seattle, Los Angeles oder Fort Lauderdale. Es ist als säßen wir alle an einem gigantischen Puzzle, zu dem jeder viele kleine Teilchen beiträgt und so langsam aber allmählich ein immer faszinierenderes Bild von den USA entsteht: so vielfältig, abwechslungsreich und intensiv wie wohl keiner von uns zu Anfang des Programms ahnte.

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Fabian Meseberg, Zweites Deutsches Fernsehen, Mainz

CRAZY PEOPLE, CRAZY CRIMES
Die Kamera schwenkt über zehn bis zwölf Leute, die sich um einen Arbeitsplatz in einem Großraumbüro versammelt haben und gespannt auf einen Bildschirm blicken. Dort läuft die Verkündung der Pulitzer-Preisträger 2013, live im Internet. Und dann, kaum zu verstehen, fallen die entscheiden Worte: „The Gold Medal for meritorious public service goes to the Sun Sentinel …“ Der Rest ist nicht mehr zu verstehen, geht unter, in lauten Schreien, Applaus und Jubel.

Das „investigative team“ des Sun Sentinel in Fort Lauderdale, Florida hat soeben eine der höchsten Auszeichnungen im Journalismus gewonnen. Für eine Story über Polizisten, die in ihrer Freizeit reihenweise durch Geschwindigkeitsübertretungen auffällig geworden waren, und damit das Leben der Bürger in Broward County gefährdet hatten.

Das Video, das zeigt, wie die Redakteure die Preisverleihung verfolgt haben, hat der Sun Sentinel auf seiner Homepage veröffentlicht. Drei Wochen zuvor durfte ich selbst beim Sun Sentinel zu Besuch sein. Fünf Tage bei der Tageszeitung, die neben dem Miami Herald der Platzhirsch ist, im Süden Floridas.

Es war schon etwas überraschend die sogenannte „Station Week“ als Fernseh- und Radiojournalist bei einer Zeitung zu verbringen. Allerdings hat der Sun Sentinel auf seiner Homepage ein beachtliches Video-Angebot aus selbstgedrehten Berichten. Ein Modell, welches zukunftsweisend für den fortschreitenden multimedialen Journalismus in den USA sein könnte.

Die Absprachen mit meinem Host waren schon vor der Reise äußerst vielversprechend. Megan kümmerte sich rührend, ließ keine Frage (selbst die nach dem Dresscode) unbeantwortet und hatte bis zu meiner Ankunft ein abwechslungsreiches Programm auf die Beine gestellt. Und obwohl manche Dreharbeiten der Videoreporter ein wenig eine „back to the roots“-Atmosphäre vermittelten, es waren die Redakteure, die Kollegen, die Menschen, die ich treffen und begleiten durfte, die meine Woche in Florida zu einem großartigen Erlebnis werden ließen.

Florida, so sagte mir Megan gleich am ersten Abend, Florida sei ein perfekter Ort für Nachrichten. „People are crazy down here, and so are the crimes“ war die Antwort auf meine Frage nach dem warum. Ob die Sonne, das Meer oder die Luft dafür verantwortlich seien, wisse sie nicht. Aber es sei so. Ich lerne: Verbrechen machen Schlagzeilen, sind die lokalen Nachrichten, vor allem für die Zeitungen. Nur Wetter, Verkehr und Sport können da noch mithalten.

Und Megan ließ mir darüber hinaus auch die Freiheit, meinen eigenen Geschichten nachzugehen. In Miami lief gerade eines der bedeutendsten Tennisturniere der Welt. Dort hatte der Deutsche Tommy Haas völlig unerwartet die Nr. 1 der Welt geschlagen, war damit zu Hause plötzlich in aller Munde, und auch für meinen Radiosender interessant. Tatsächlich konnten mir die lieben Kollegen vom Sun Sentinel für den folgenden Tag eine Akkreditierung besorgen. Und ich konnte meinen Sender noch in der Nacht mit deutschen O-Tönen von Tommy Haas für die Morning Show versorgen.

Am nächsten Tag stand dann noch eine geplante Geschichte über einen deutschen Eishockey-Spieler in Florida an. Am Abend hatte das Team ein Heimspiel, meinen Interviewtermin mit Marcel Goc hatte ich am Vormittag nach dem Abschlusstraining in der Kabine der Florida Panthers. Ein Journalist in der Kabine? Im deutschen Fußball nur denkbar nach Aufstieg oder Meisterschaft. In den USA dagegen Alltag. Es gab nur eine Regel: „Don’t step on the logo“ — den Panther, der in der Mitte des Raumes auf einem riesigen Teppich abgebildet war. Wieder was gelernt.

Die Geschichte für die Online-Kollegen war schnell geschrieben, kniffliger war es dann abe,r einer Bitte aus der Sportredaktion des Sentinel nachzukommen. Eine Story über Marcel Goc aus deutscher Sicht. Mit Megans Hilfe war die dann sonntags im Blatt. Samt Autorenzeile, was genauso aufregend war wie vor knapp 20 Jahren bei meinem ersten Artikel in Deutschland.

Einen Tag bei einem Fernsehsender konnte ich dann aber doch noch verbringen. WPEC, ein CBS-Lokalsender in West Palm Beach, öffnete seine Türen für mich. Reporter Carlos nahm sich meiner an. Ebenfalls 37 Jahre alt zählt er bei WPEC zu den erfahrenen Reportern, arbeitete routiniert und sehr effizient. Und mitten beim Lunch sagte er seinem Kameramann: „Das ist meine letzte Woche hier!“ Carlos hatte gekündigt, suchte einen neuen Job. Und hatte nach eigener Aussage locker vier bis sechs Wochen Zeit, um auf das beste Angebot zu warten. Entweder in Florida oder in Arizona. Ihm ging’s ums Geld.

Flexibilität wird groß geschrieben im U.S.-Journalismus. Viele arbeiten sogar daraufhin regelmäßig den Job zu wechseln. Andere wiederum müssen, oder befürchten es. Auch beim Sun Sentinel in Fort Lauderdale.

Deren Redakteure bekamen offenbar kurze Zeit vorher eine Email mit der Bitte, alle Auszeichnungen der letzten 20 Jahre aufzulisten. Schnell machte sich Unbehagen breit, die meisten deuteten diese Mail dahingehend, dass der Sun Sentinel verkauft werden und diese Liste der Auszeichnungen den jetzigen Besitzern helfen sollte einen guten Preis zu erzielen.

An sich ist so ein Verkauf kein ungewöhnlicher Vorgang in der U.S.-Medienlandschaft. Doch bei vielen Mitarbeitern, vor allem den älteren, waren die Sorge und die Angst vor einem Verkauf und einem damit verbundenen Jobverlust spürbar. Seit dem Beginn der Wirtschaftskrise haben beim „Sun Sentinel“ etliche Mitarbeiter ihren Job verloren. In manchen Bereichen umfasst die Belegschaft nicht einmal mehr die Hälfte der ursprünglichen Größe.

Und wenn es stimmt, was eine Mitarbeiterin erzählt, dann wirkt sich die Krise auch immer stärker auf den Inhalt aus. Im vergangenen Herbst empfahl der Sun Sentinel völlig entgegen seiner sonstigen Gewohnheiten den Republikaner Mitt Romney zu wählen. Was ganz im Sinne der Geschäftsleitung gewesen wäre, die ihre Interessen als Unternehmen durch einen republikanischen Präsidenten wohl deutlich besser vertreten gesehen hätte als in vier weiteren Jahren unter Barack Obama. Bei der vorherrschend demokratisch orientierten Wählerschaft sorgte diese Empfehlung allerdings für einen Sturm der Entrüstung. Alles in allem aber eine bedenkliche Entwicklung …

Und genau in diese Zeit fiel dann der Pulitzer-Preis, der die entsprechende Liste um eine gewichtige Auszeichnung bereichert. Wahrscheinlich ist es naiv, aber trotzdem hoffe ich, dass bei einer nun so hoch dekorierten Zeitung nicht noch mehr Arbeitsplätze verloren gehen. Eine weltweit beachtete Auszeichnung mit anschließendem Rauswurf, das ist das Letzte, das die Redakteure, die Kollegen und vor allem die Menschen beim Sun Sentinel verdient haben.

Zum Schluss noch zwei Hinweise an alle interessierten zukünftigen RIAS-Teilnehmer:

Männern reichen zwei Anzüge, vier Hemden, zwei drei Krawatten. Das hatte vor einigen Jahren schon einmal ein Teilnehmer geschrieben. Er hatte recht! Danke für diesen Tipp, der mir die Packerei in Deutschland sehr erleichtert hat.

Sportfans empfehle ich www.stubhub.com wärmstens! Dort kann man auch noch wenige Stunden vor einem Spiel noch Tickets bekommen, downloaden und ausdrucken. Yankees und Knicks haben großen Spaß gemacht.

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Anna Mielke, n-tv, Berlin

30 Rockefeller Plaza im Herzen von New York. Hinter der Eislaufbahn erhebt sich das General Electric Building. Und hier geht es jetzt wirklich rein? Es fühlt sich ein bisschen an, als ob ich eine Kulisse betrete, denn das Gebäude habe ich unzählige Male im Vorspann meiner Lieblingsserie „30 Rock“ gesehen. Hier sitzen nbc und msnbc, in dem Gebäudekomplex sind die Studios von Saturday Night Life und Jimmy Fallon untergebracht — und auch die Rachel Maddow Show wird hier produziert, wo ich einen Teil meiner Station Week verbringen darf.

Die Rachel Maddow Show, kurz TRSM, ist eine politische Kommentar- und Interviewsendung und von der Anmutung ungefähr so, als würde man „Monitor“ und die Harald Schmidt-Show zusammenrühren — das Ganze moderiert von einer lesbischen Frau mit Alec-Baldwin-Frisur. Kurz gesagt: Es ist eine Sendung, die es so in Deutschland nicht gibt. Und da ich hier in Berlin für politische Gesprächssendungen arbeite, war ich sehr neugierig, wie so etwas funktioniert.

„Ein Journalist macht sich nicht mit einer Sache gemein, auch nicht mit einer Guten.“ Diesen Leitspruch kriegt man als deutscher Journalist eingebläut. Diese Sendung ist das genaue Gegenteil einer neutralen objektiven Berichterstattung. Es ist eher ein 60-minütiger linksliberaler Leitartikel zur Lage der Nation, gespickt mit humoristischen Einwürfen und Wortspielen. Die Themen: gay marriage, gun control, Soldatenrechte und als wiederkehrendes Grundmotiv: Warum die Republikaner doof sind. Die Sendung lebt davon, dass Redaktion und Moderatorin nicht mit ihrer persönlichen Meinung hinterm Berg halten, sondern ganz im Gegenteil ihre Haltung transportieren, sich empören oder sich über etwas lustig machen. Oder in der Sendung mit einem Cocktail darauf anstoßen, dass die über 80-jährige Edith Windsor vor dem Supreme Court klagt, weil der Staat homosexuelle Paare bei der Erbschaftssteuer benachteiligt. Langweilig oder beliebig wird es jedenfalls nicht. Wenn man einmal diese Sendung gesehen hat, kommen einem die Kommentatoren aus der Tagesschau vor, als seien sie auf Baldriantee.

MSNBC hat Rachel Maddow, Fox hat den konservativen Bill O´Reilly. Beide liefern vor allem Kommentare und Einordnung zu aktuellen Themen. Das Gute: Man weiß vorher, welche Grundhaltung man erwarten kann, und es wird gar nicht erst so getan, als gäbe es eine vermeintlich neutrale objektive Sichtweise. So wie man sich hier ja auch entscheidet, ob man die taz oder die FAZ aufschlägt. Der Nachteil: Man weiß schon vorher, was man bekommt und bewegt sich in seiner eigenen kleinen Filterbubble, die andere Sichtweisen von vornherein ausspart. Etliche amerikanische Kollegen erzählten, dass sie diese Polarisierung ganz schön stört und nervt. Der Kommentar einer Journalistin der Washington Post zur Maddow Show: „Das ist immer so vorhersehbar. Und die finden nichts selber raus, die kommentieren doch nur, was andere rausgefunden haben.“

Meine Station Week war zweigeteilt. Die eine Hälfte verbrachte ich bei MSNBC — die andere bei FOX CT, einem Lokalsender in Hartford, Connecticut. Das überall sehr diskutierte Thema der Waffenregulierung war hier besonders präsent. Hartford liegt ganz in der Nähe von Newtown, Ort des Amoklaufs an der Sandy Hook Grundschule im vergangenen Jahr. Viele Reporter trugen Schleifen am Kragen, um Solidarität mit den Angehörigen der Opfer zu zeigen. In der Redaktion stand ein Schild „We are all Sandy Hook.“ Als in Newtown eine Waffenlobbygruppe mit Radiowerbung gegen verschärfte Waffenkontrollen mobilisierte, wurde bei FOX CT relativ empört darüber berichtet. Das war insofern überraschend, als dass der „große“ nationale FOX Sender täglich gegen schärfere Waffenkontrollen polterte. Aber wie Gastgeber Beau mir erklärte, hat dieser Lokalsender nur das Mantelprogramm von großen FOX und das Label gekauft und gehörte eigentlich zu einer Zeitungsgruppe, die eine eher liberale Tradition hat. Merke: Nicht überall wo FOX drauf steht, ist auch das drin, was man erwartet.

Journalismus ist dort auf jeden Fall nichts für Weicheier. Arbeitstempo und Arbeitsbelastung sind ziemlich hoch. Eine Moderatorin beim Lokalsender Fox CT moderiert täglich, produziert zusätzlich Beiträge und bucht „nebenbei“ noch die sechs Gäste für ihre wöchentliche politische Talkshow. Die Fragen überlegt sie sich „nebenbei“. Die Kollegen fangen mit Anfang 20 nach einem kurzen und teuren Studium an zu arbeiten. Mein Host Beau hatte mit seinen 27 Jahren schon 5 Jahre Berufserfahrung und arbeitete neben seinem Vollzeitjob noch als Dozent an einer Uni. Trotz der stressigen Arbeitsatmosphäre haben uns die amerikanischen Kollegen sehr herzlich und vor allem gelassen empfangen. „Klar, ihr könnt ruhig durchs Studio laufen während der Aufzeichnung, stellt nur bitte eure Handys leise.“

Manche Redaktionsbesuche hatten auch etwas von einem Blick in die Zukunft: In vielen Medienhäusern verschwimmen die Grenzen zwischen Print, Online und Fernsehen zunehmend. Der FOX Lokalsender arbeitet mit einer Zeitung zusammen. Das Washingtoner Politikmagazin Politico tauscht sich mit einem Lokalsender aus. Auch der Umgang mit Social Media ist viel selbstverständlicher als bei uns. Dort würde niemand im Fernsehen sagen: „Jetzt schauen wir mal auf dieses Twitter, sie wissen schon, das mit den 140 Zeichen.“ Mein Host Beau schickte während seiner Drehs dauernd Tweets raus, um den Zwischenstand seiner Geschichte zu dokumentieren. („Jetzt fahren wir in ein Wohnprojekt, das von Bettwanzen befallen ist.“ „Twitpic: In diesem Marmeladenglas hat Bewohnerin XY an die 200 Bettwanzen gesammelt.“)

Sehr eindrucksvoll war der Besuch bei der Multimediaabteilung der New York Times, die mit ihrem Musterbeispiel „Snow fall“ gezeigt haben, was man online optimal herausholen kann, um Text, Video und Grafiken zu kombinieren. Kein Wunder dass die Geschichte einen Pulitzer Preis bekommen hat. Es war sehr inspirierend und ermutigend, zu sehen, dass eine Printzeitung den Online-Journalismus nicht als Bedrohung wahrnimmt, sondern Geld in die Hand nimmt und neue Erzählformen entwickelt.

Die drei Wochen waren voller Eindrücke, die sich schwer zu einem großen Ganzen zusammenfügen ließen. Da war Washington, sauber gefegt, die Stadt der Over-Achiever. Lauter dünne, gebildete, gut angezogene Menschen, die nach ihrem Job, der höchstwahrscheinlich irgendwas mit Politik, Medien oder Lobbyismus zu tun hat, Joggen gehen und auch dabei noch akkurat und gepflegt aussehen. Da war die Versicherungshauptstadt Hartford, mit verspiegelten Bürotürmen und einer verwaisten Innenstadt, wo erschreckend viele Menschen die Mülltonnen nach Brauchbarem durchwühlen.

Dinge, die ich gelernt habe: Für einen amerikanischen Präsidenten ist es schlimmer, Atheist zu sein, als eine außereheliche Affäre zu haben (Pew Foundation). In einer Redaktion erkennt man die wichtigen Leute daran, dass sie einen Arbeitsplatz mit Fenster haben (Washington Post). Der Euphemismus für „Wir finden Sarah Palin auch nicht so schlau, aber das dürfen wir als konservativer Think Tank nicht sagen,“ lautet „She is a hard worker“ (Heritage Foundation). Die Vereinten Nationen haben wirklich kein Geld (und die schäbigsten Visitenkarten). Man kann einen Becher Kaffee per Kreditkarte bezahlen (Starbucks).

Dazu kommen die persönlichen Begegnungen. Da war Josh, ein Student von der George Washington Uni, der mich erst zur deutschen Energiewende interviewte und mich dann ein paar Tage später mit seiner kompletten WG zum Tanzen mitnahm. Da waren die herzallerliebsten bezahnspangten Schüler von der Hoboken High School, die uns in der Schule rumführten und von ihren Omas in Puerto Rico und Ecuador erzählten. Die vielen schönen Momente mit den anderen Deutschen aus der Gruppe: An einem sonnigen Samstagnachmittag durch Georgetown schlendern, sich quer durch die Nudelbars in Chinatown essen und sich nachts in der New Yorker U-Bahn verirren.
Die Zeit in den USA hat sich in ihrer Intensität angefühlt, als hätte man mal eben sechs Wochen gezippt und drei Wochen draus gemacht. Trotzdem, oder deswegen verging sie wie im Flug. Aber wie heißt es auch in unserem Gastland? „Time flies when you’re having fun!“

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Laura Pröscholdt, RTL, Köln

Is this the right place?
Shorts, T-Shirt, Baseballcap, Sandalen — in der Rechten der Liter-Eimer Coke, in der Linken die dicke Tüte aus dem Souvenirshop gefüllt mit wieder neuen T-Shirts, Baseballcaps, Sandalen, etc.

In Mitten der amerikanischen Touristen-Meute fühle ich mich verloren, mein Business Look will einfach nicht dazu passen. Dabei sollte es genau umgekehrt sein — schließlich habe ich gerade die überdimensionale Eingangshalle des CNN Headquarters in Atlanta, Georgia betreten.

Wird mir gleich wie in Disneyland ein Sender-Maskottchen die Hand schütteln und mich zu meiner „Station Week“ bei CNN willkommen heißen? Wundern würde es mich nicht.

Doch am Ende ist es Jason Evans, mein liebenswürdiger und engagierter RIAS-Host, der mich erspäht und aus dem Foodcourt/Giftshop-Ambiente befreit. Über lange Gänge werde ich durch den Hochsicherheitstrakt geschleust, bis wir endlich das Herzstück — den Newsroom — erreichen. Die News des Tages:

Amanda Knox faces retrial & Same-Sex Marriage

Amerika guckt heute nach Washington — der Supreme Court berät über die Rechte Homosexueller. Vor dem Capitol protestieren Befürworter wie Gegner. Vor Ort natürlich auch zahlreiche CNN-Reporterteams — circa 800 TV-Stationen im ganzen Land, sogenannte „affiliates“, bedienen sich an diesen Ressourcen.

Im Newsroom in Atlanta laufen alle Fäden zusammen — wenn man so will ein gigantisches Leitungsbüro. Lautsprecherdurchsagen schallen durch die Hallen. Wie Jason hat jeder Producer nicht zwei, nein sechs Monitore vor sich: „White House Briefing on 1, Supreme Court on 2, Knox on 3, …“

Über 100-mal wurde heute bereits das Archiv-Material zu Amanda Knox bestellt, ein gutes Geschäft. Das erste große TV-Interview des „Engel mit den Eisaugen“ dagegen nicht — nach langem Bieterkampf ist man zusammen mit zahlreichen anderen Networks von ABC aus dem Rennen geworfen worden.

City within the City

4000 CNN-Mitarbeiter — das schreit nach Infrastruktur, die Atlantas Downtown Area nicht bieten kann. Die Lösung: Eine Stadt in der Stadt. Es gibt nichts, was es im CNN Headquarter nicht gibt:

Foodcourt, Restaurants, Café, Shops, Reinigung, Friseur, Kosmetik, Post- und Bankfiliale, außerdem ein Hotel samt Fitnessstudio und Pool, wo ich während meiner Woche in Atlanta auch wohne. Einmal schaffe ich es tatsächlich ganze 24-Stunden das Riesenareal nicht zu verlassen — aber in „Fake Atlanta“ regnet‘s wenigstens auch nicht 😉 Doch zurück zu den Themen, die Amerika während meines Besuchs beschäftigen:

„Kids do best with a mom and dad“

Diesen Spruch höre ich viele Male, wenn ich nach plausiblen Gründen für die Ungleichbehandlung homosexueller Paare frage. Das Thema polarisiert, bestimmt TV-Diskussionen aller Sender in diesen Tagen. In nur 9 Bundesstaaten ist die Homo-Ehe zugelassen, dabei hat sich der Wind gedreht. Die Mehrheit der Amerikaner ist für eine Legalisierung, daran lassen Umfragen keinen Zweifel.

Bei unserem Gruppenbesuch des „Pew Forum on Religion & Public Life“ in Washington bestätigt man uns diesen Trend. Das Meinungs-Forschungsinstitut gehört zu den Top-Programmpunkten auf unserer Reise durch die amerikanische Medienwelt. Und die gestaltet sich sehr abwechslungsreich:

Von den kleinen feinen Studios und Mini-Newsrooms verschiedener Lokalsender über die heiligen Hallen der ganz großen Networks hin zu den noch größeren Nachrichtenagenturen — für eine Fernsehjournalistin das wahre Sightseeing-Eldorado!

Doch am Ende imponiert mir überraschenderweise am meisten das gedruckte Wort. Der Besuch bei der altehrwürdigen New York Times ist das Highlight des 3-wöchigen RIAS-Programms.

Like a Library

„Sind wir hier in einer Bibliothek?“, raunen wir uns untereinander ehrfürchtig zu. Dass wir nicht auch noch die Luft anhalten vor lauter Respekt ist alles. Denn tatsächlich herrscht andächtige Stille in den Redaktionen. Hier rauchen die Köpfe zukünftiger und alter Pulitzer-Preisträger. Hinwegbrüllen über krachende Schreibmaschinentasten, damit der Kollege im anderen Eck die Breaking News auch wirklich mitbekommt — definitiv vergangener Zeitungsflair.

Insgesamt 112 NYT-Journalisten haben seit 1918 den Pulitzer-Preis gewonnen — an den Wänden eines langen Korridors hängt die ganze Prominenz. Spätestens in zwei Jahren — so scheint mir — wird kein Fleckchen Wand mehr frei sein.

Doch auch bei der vielleicht einflussreichsten Tageszeitung der Welt denkt man um: Das reine Zeitungsgeschäft ist in der Gegenwart kaum noch profitabel, für die Zukunft definitiv zu wenig. Mehr als 30 Millionen Times-Online-Lesern soll mehr geboten werden. Das Ziel: Multimedia ergänzt das geschriebene Wort. Erst mal nicht neu, doch bei der New York Times soll das Videoangebot exzellent werden. Eine ganze Truppe Videojournalisten wurde dafür angeheuert, eine völlig neue Redaktion ist entstanden. Noch wird viel experimentiert, an der digitalen Erzählkunst gefeilt und zwischendrin sogar Kasse gemacht: Der erste Pulitzer-Preis für die interaktive Reportage „Snow Fall“ aus Elementen wie Video, Animation und Grafiken in der Kategorie „Feature“. Respekt!

Boston Bombing

Drei Wochen RIAS USA-Programm vergehen wie im Flug, erst nach meiner Rückkehr ist Zeit das viele neue Wissen einzuordnen, zu reflektieren. Doch dann — der Jetlag ist noch nicht überwunden — gehen beim Boston Marathon Bomben hoch. Täglich berichte ich über die Tragödie aus Köln, verfolge das mediale Aufgebot am Bildschirm. Und natürlich sind unzählige CNN-Reporterteams dabei, unter ihnen auch Jason Evans, mein Host in Atlanta, der mir auf so nette Art und Weise geholfen hat, die amerikanische Medienwelt zu durchdringen.

Und das wollen auch die vielen Touristen im CNN Headquarter in Atlanta, die sich geordnet in lange Schlangen stellen, um einmal ein TV-Studio von innen zu sehen. 15 Dollar Eintritt für 55 Minuten Tour. Im 10 Minuten Takt drücken sich täglich Hunderte Interessierte ihre Nasen an den Studioscheiben platt. Was uns verbindet: Auch ich habe selbstverständlich im CNN-Gift-Shop eingekauft! Ich bedanke mich sehr herzlich, dass ich sozusagen als Medientouristin drei Wochen lang durch die USA reisen durfte.

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Martin Riederer, Norddeutscher Rundfunk, Hamburg

Shake the trees

Heute ist nicht viel los in Birmingham/Alabama und Umgebung. Schon seit fünf Tagen macht der lokale Fernsehsender cbs42 WIAT mit einem Unfall auf dem Flughafen auf: Eine Infowand im gerade renovierten Teil des Flughafens ist auf eine Familie gestürzt. Ein 10jähriger starb, seine zwei Schwestern und seine Mutter liegen verletzt im Krankenhaus. Niemand will für den Baufehler verantwortlich sein. Reporter Scott Packard soll noch einmal auf gut Glück zum Flughafen rausfahren. „Shake the trees“, sagt sein Executive Producer. Doch Scott hat genug vom Flughafen und macht in der Morgenkonferenz einen Gegenvorschlag: Gestern hat ihm ein Vertreter der Regionaldelegation vom Bundesstaat Alabama erzählt, dass seit drei Jahren ein Sekretariat der Delegation in Birmingham leer steht. Auf dem dafür vorgesehenen Konto haben sich 1,5 Millionen Dollar angesammelt. Der Delegierte will das Geld nun lieber der Polizei geben.

Zwanzig Minuten später sitze ich mit Scott im Auto Richtung Birmingham Downtown. Das Büro der Regionaldelegation ist in einem Hochhaus von Jefferson County untergebracht. Jefferson County ist vor ein paar Jahren pleite gegangen. Dementsprechend sieht das Haus aus: Der Fahrstuhl rumpelt ziemlich und laut Beschilderung ist eine Inspektion seit Jahren überfällig. Das Büro ist verschlossen. Im Nebenraum erzählen uns die County-Beamten, dass sie schon seit Jahren niemanden mehr dort gesehen hätten. Scott ist eine sogenannte „one man band“, also Kameramann, Tonassistent und Reporter in einer Person. Er baut die Kamera auf einem Stativ auf und filmt sich selbst, wie er vergeblich versucht, die verschlossene Bürotür zu öffnen. Zum Abschluss dreht er noch ein paar Außenschüsse vom Gebäude.

10 Blocks entfernt ist das Büro von John W. Rogers Jr. Der Abgeordnete ist der Vorsitzende der Delegation, der das leer stehende Sekretariat gehört. Rogers, Jahrgang 1940, Afroamerikaner, hat vermutlich Martin Luther King 1963 beim Verfassen des berühmten Letter from Birmingham Jail geholfen. Sein Büro ist jedenfalls ein echtes Museumsstück. An der Wand gibt es keine freie Fläche: Überall hängen Fotos von den Protesten in den 60ern, dazu unzählige Bilder, auf denen Rogers irgendjemanden die Hände schüttelt. Schreibtisch und Regale quellen über — Bücher, Papierberge, Boxhandschuhe, Pokale, ein Football. Rogers verschwindet fast in dem weichen Ledersessel hinter dem riesigen Schreibtisch. Er ist ein freundlicher Mensch, der gern und viel in seinem breiten Südstaatenakzent erzählt. Nur geht er nicht auf die Fragen ein, die ihm gestellt werden. Erst nach 10 Minuten Interview kann Scott ihm einen halbwegs passenden Satz entlocken: „Ich bin ja erst seit einem Jahr Vorsitzender der Delegation, deshalb konnte ich mich um das Sekretariat noch nicht kümmern. Aber eigentlich wäre es gut, eines zu haben.“

Schnell packt Scott seine Kamera ein. Das Interview mit dem Delegierten, der statt eines Sekretariats lieber das Geld der Polizei geben möchte, hat er gestern schon gemacht. Es fehlt noch eine Polizeistation. Der Dreh bei der Station in der Nähe des Senders klappt nicht, da der Chef nicht da ist. Aber schon beim zweiten Anruf hat Scott Erfolg — in den USA haben Behörden wenig Berührungsängste mit dem Fernsehen. Wir fahren in den Vorort Hueytown. Der Polizeichef, ein sehr muskelbepackter Endvierziger kommt uns gleich entgegen: „Ich habe noch was für euch.“ Er führt uns in ein Zimmer mit einem großen Tisch, auf dem sich Pistolen, ein altes rumänisches Maschinengewehr, Falschgeld und Tabletten häufen. Und es riecht nach Cannabis. Das alles habe er am Vormittag bei einem sogenannten Studenten gefunden, der nun nebenan in der Zelle sitzt. Scott twittert sofort den Waffenfund. Als der Polizeichef hört, dass ich aus Deutschland komme, meint er, ich könne die Waffen ruhig mal in die Hand nehmen, so was würde mir daheim doch sicher nicht geboten. Zum Glück hat es Scott eilig. Er filmt den Fund und macht schnell das Interview, nun zu zwei Themen.

Auf dem Rückweg machen wir noch einen Stopp in Birmingham. Das Geld der Delegation, das sich ohne Sekretariat auf dem Konto sammelt, stammt ausgerechnet aus der Lizensierung für Waffen. Auch das Amt für „Gun Control“ kann ohne Voranmeldung gefilmt werden. Fehlen noch Vox pops. Amerikaner sind geduldig und stets hilfsbereit. Gleich die ersten Passanten beantworten Scotts Frage, wofür das Geld ausgegeben werden soll. Beide finden die Polizei wichtiger als das Sekretariat. Damit ist nun alles im Kasten.

Es ist kurz vor halb drei, als wir wieder im Sender sind. Die erste News Show beginnt um fünf. Scott geht in eine der vier Glaskabinen neben dem Newsraum und spielt sein Drehmaterial auf den Server. Dann schaut er einmal kurz am Producer-Tisch vorbei und sagt, alles habe geklappt. Producerin Melissa nickt und sagt: „Für dein Live kommt Toby mit raus, stellt euch am besten vor das Haus mit dem Sekretariat.“ Das war die gesamte Absprache und Abnahme. Scott schneidet nun als erstes die O-Töne, schreibt dann seinen Text und vertont ihn allein in der Sprecherkabine. Dann schneidet er Reportertext und O-Töne zusammen und legt Bilder drunter. Die Bildauswahl sieht ziemlich willkürlich aus. Einziges Kriterium scheint zu sein, dass keine Sequenz länger als zwei Sekunden ist. Um viertel vor vier ist der 1‘30er fertig. Er kopiert seinen Text in den Ablauf für den Anchor, schreibt noch ein paar Sätze für das Live-Gespräch auf, und dann geht es wieder los.

Am Live-Ort wartet schon Kameramann Toby. Die Schalte soll über den neuen Backpack aufgebaut werden, einem vielleicht 15 Kilo schweren Rucksack, über den man sich ins Mobilfunknetz einwählen kann. Die Bildqualität ist sehr gut, nur die Tonverbindung will nicht klappen. 20 Minuten vor Sendungsbeginn beschließen die beiden, doch lieber auf die bewährte Kurzwelle zu setzen. Toby bewegt seinen Wagen 50 Meter weiter aus dem Schatten des Hauses heraus. Dann fährt er die 20 Meter hohe Antenne für die Kurzwellenübertragung aus. Alle vier Sender in Birmingham liegen auf der Hügelkette im Süden der Stadt. So können sie fast die ganze Region per Kurzwelle erreichen. Zu fast jedem Thema gibt es ein Live. Satellitenschalten wären viel zu teuer, wenn weder Kurzwelle noch Mobilfunkübertragung funktionieren, stellt sich der Reporter einfach in den Newsraum und schaltet von dort. Bei Scott klappt es heute aber per Kurzwelle. Fünf Minuten bevor er auf Sendung geht, sind alle Kabel ausgerollt und die Verbindung steht. Routiniert spult Scott sein Live ab.

In der Sechs-Uhr-Show ist sowie so alles entspannt, da die Leitung ja steht und Scott genau das gleiche erzählt. Noch hat er keinen Feierabend. Er muss zurück in den Sender und seinen Beitrag auf der Senderwebseite, Facebook und Twitter posten. Im Redaktionsraum hängt ein Plakat mit den Top Trenders. Auf Twitter ist Scott auf Platz zwei. Der Newsdirector kommt zu seinem Schreibtisch: „Good job today!“ Für morgen habe er auch schon was für ihn — Birminghams Bürgermeister hat eine Stellungnahme zum Unglück am Flughafen angekündigt.

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Kirsten Rulf, ARD/Westdeutscher Rundfunk, Köln

Mit Glamour und Gelassenheit

Es nützt nichts: Er ist nicht da! So oft Mandy ihn auch im System sucht, so oft sie auch immer wieder auf die „Refresh“-Taste ihres Computers haut: Der Vorspann der Sendung, das Opening von „Dr. Drew On Call“, ist einfach nicht da. Währenddessen tickt im Hintergrund die Uhr in der Regie die letzten Sekunden bis zur Live-Sendung runter — noch 30, noch 20. Im Studio zuckt Moderator Drew nur mit den Schultern. Bei uns im WDR würde längst Panik herrschen. Ganz davon abgesehen, dass es nie vorkommen würde, dass nicht mindestens zwei Leute vorher gecheckt hätten, ob alle Elemente der Sendung vorliegen, vor allem der Vorspann! Mein Host Mandy Carranza dagegen, Senderedakteurin bei CNN in Los Angeles, seufzt nur und lehnt sich in ihrem Stuhl zurück. „Ist halt nicht da,“ meldet sie über Mikro an den Moderator ins Studio. Dann geht die Sendung auch schon los. Was improvisiert ist, wirkt nicht wie ein Fehler, im Gegenteil: „Sieht doch schmissig aus!“ flüstert Mandy mir zu und grinst. Das Publikum dürfte nicht gemerkt haben, dass der zuständige Redakteur in Atlanta verpennt hat, den Vorspann ins System zu laden. „Dr. Drew On Call“ wird nämlich gleichzeitig aus zwei Regieräumen gesteuert: dem Hauptraum in Los Angeles, wo ich gerade zu Gast bin und wo die „Dr. Drew“-Redaktion sitzt, und einer Regie in Atlanta, in der CNN-Zentrale. „Bicoastal Production,“ nennt Mandy das. „Das gibt uns mehr Flexibilität was Grafik und Studiogäste anbelangt. Aber manchmal sorgt es eben auch für mehr Chaos.“

Diese Gelassenheit! Das ist es, was mich am meisten bei meinen beiden Hosts in LA beeindruckt. Während Mandy Carranza im ersten Stock eine Stunde lang sieben Experten und Gesprächsgäste aus drei verschiedenen Zeitzonen koordiniert und live in die Sendung zum Moderator schaltet, jongliert Host Nummer 2, Carey Bodenheimer, zwei Stockwerke höher mit den Flugbuchungen von zehn Reportern, die für CNN von Los Angeles aus bis in den Mittleren Westen, entlang der gesamten Westküste und bis nach Chicago ausschwärmen, um Geschichten nachzujagen. Carey kümmert sich um die Tagesaktualität. Sie arbeitet als CNN-Urgestein seit fast zehn Jahren in der Planung, was bedeutet, dass sie sich nicht nur um Inhalte kümmert, sondern eben auch um die Logistik ihrer Reporter. Ein Job, der beim WDR in Deutschland mindestens auf drei Schultern verteilt wäre. „Ich mag, wenn es richtig brummt“, lacht Carey, und schreibt währenddessen eine Email mit dem Themenangebot für den nächsten Tag an Anderson Cooper, Wolf Blitzer und andere Sendungen, die sich daraus bedienen werden. Was noch mehr Arbeit für Carey bedeutet, denn ein Reporter, der heute eine Geschichte für Anderson Cooper in Colorado macht, kann morgen schon für eine andere Sendung in San Francisco sein müssen. Careys Job ist es, Geschichten zu finden, zu recherchieren, CNN-intern an Sendungen zu verkaufen und dann einen Reporter an Ort und Stelle zu bringen. Sie ist für fast 20 Bundesstaaten zuständig, gemeinsam mit einer einzigen weiteren Kollegin. Angst, dass ihr was durchgeht? „Nö!“ sagt sie kurz und grinst. „Ist noch nie passiert.“ Gelassen eben.

Ich staune — und wundere mich gleichzeitig nicht mehr, warum bei derart flexiblen Journalisten im Newsroom CNN bei jedem Großereignis rund um den Globus immer vorn dabei ist. Careys Team, darunter viele, die mich als ehemalige RIAS-fellows sehr herzlich begrüßen, arbeitet zwar in enger Abstimmung mit der Zentrale in Atlanta, aber eben auch sehr autark. Der Einzelne hat großen Entscheidungsspielraum, kann Reporter nach Phoenix in Colorado oder Seattle schicken, wenn er denkt, dass die Geschichte es erfordert. Keine aufwendigen Reiseanträge, Konferenzen etc.: Der Inhalt bestimmt das Tagesgeschäft, nicht die Verwaltung des Inhalts. Die Atmosphäre ist von Vertrauen geprägt und von Erfahrung. Was mir besonders auffällt: Sie ist auch von einem starken Corpsgeist bestimmt, einer starken Identifikation: Wir sind CNN! Mit so viel Leidenschaft und Lust am eigenen Produkt habe ich schon lange niemanden mehr arbeiten sehen. Der Sender dankt es mit direktem Blick auf das berühmte Hollywood-Zeichen von jedem Bürofenster, mit kostenlosen Snacks, Kaffee und Soft Drinks und — so erzählen meine Hosts — mit eher unüblichen sozialen Sicherungssystemen, Ferienregelungen und einem guten Arbeitsklima. Letzteres spürt man ganz deutlich. Nach meiner station week in Los Angeles bedauere ich fast, wieder weg zu müssen! Das liegt aber auch daran, dass Mandy und Carey fabelhafte Hosts sind, die sich sehr viel Zeit nehmen, mit mir etwas zu unternehmen, die mich LA ausgiebig erkunden und genießen lassen, und die mich so viel wie möglich am CNN-Leben teilhaben lassen. Höhepunkt: Ich darf im berühmten Chinese Theater am Hollywood-Boulevard bei einer Filmpremiere auf dem roten Teppich Bruce Willis interviewen für die Entertainment-Rubrik. Komme mir als puristische Tagesschau-Nachrichtenfrau regelrecht glamourös vor! Klasse!

Glamour und Gelassenheit, damit ging es dann in New York auch gleich weiter! Während die Termine in Washington, vor allem die bei den Thinktanks „Brookings Institution“, „Pew“- und „Heritage“-Foundation, dazu beigetragen haben, dass ich mehr Faktenwissen über die USA angesammelt und einiges an „food for thought“ über die amerikanische Innenpolitik mitgenommen habe, waren die Besuche in New York vor allem journalistisch inspirierend. Darunter auch der für mich beste Termin des gesamten Programms: Der Besuch bei der New York Times. Das Gebäude allein, in Times-Square-Nähe und luftig designt mit viel Licht, macht mich etwas neidisch auf diesen Arbeitsplatz. Zuerst der Glamour: Eine Führung durch die Galerie der Pulitzer-Preis-Gewinner. Durch die Jahrzehnte der Journalismus-Geschichte zu laufen, das hat mich fast ein bisschen ehrfürchtig gemacht. Unsere Gastgeber zerstreuten das danach mit ihrer amerikanischen Gelassenheit und einem Blick in die Zukunft: Wie wird sich die New York Times in Sachen Online- und Videojournalismus künftig aufstellen? Was die beiden Reporterinnen präsentierten — gedreht und geschnitten teils von Zeitungsreportern – war beeindruckend. Wo sie mit ihrem Online-Angebot als Verlag hinwollen, auch finanziell, ist ehrgeizig. Dass ihr Team das schaffen wird, daran gibt es für mich nach dem Besuch eigentlich keinen Zweifel. Besonders, weil ein Projekt der Website knapp zwei Wochen nach unserem Besuch tatsächlich den Pulitzerpreis erhielt. Glückwunsch an die Kollegen — sie haben es verdient!

Wie die drei Wochen RIAS-Programm bei mir noch nachwirken, habe ich heute an meinem ersten — besonders hektischen! — Arbeitstag gemerkt — ich musste oft an Mandy und Carey denken und schmunzeln. Mehr amerikanische Gelassenheit, die will ich mir bewahren! Wenn es nach den drei Wochen RIAS-Programm etwas gibt, was ich künftigen Gruppen mit auf den Weg geben möchte, dann sind es drei Dinge:

Erstens: „Weniger ist Mehr.“ Das gilt für die Business-Kleidung, die man aus Deutschland mitbringt. Im Grunde reichen wirklich drei untereinander kombinierbare Outfits für die je drei Tage in Washington und NYC, an denen business look wirklich nötig war. Die station week war bei mir sehr casual — und eine günstige Gelegenheit, die eine oder andere Bluse zu waschen. Ich hatte viel zu viel formelle Kleidung dabei und habe sie einige Tausend Meilen über den Atlantik und quer durch die USA transportiert. Dabei hätte weniger locker gereicht.

Zweitens: „Viel hilft viel.“ Zum Dank für die tolle Zeit hätte ich gerne dem gesamten CNN-Team etwas Süßes aus Deutschland hingestellt. Denn neben Carey und Mandy haben sich noch einige andere RIAS-fellows und vor allem die Redaktionsleiter bemüht, meine station week zu etwas Besonderem zu machen. Leider hatte ich nur je eine ARD-Tasse für jede meiner Hosts dabei. Da hätte ich eine kleine „Vorwarnung“ gut gebrauchen können. Dann wäre mindestens ein Jackett zu Gunsten von Schokolade und Haribo zu Hause geblieben.

Drittens: „Liebe Deine Gruppe!“ Unsere RIAS-Gruppe war klasse zusammengestellt! Die Chemie hat sofort gestimmt, wir haben sehr viel miteinander unternommen, auch in der freien Zeit. Das hat die drei Wochen doppelt so lustig, aber auch doppelt so effektiv gemacht, was die „Ausbeute“ an Wissen und Erlebnissen in den USA angeht. Wir haben während der station week, aber auch vorher und hinterher viel kommuniziert und diskutiert, Erfahrungen und Anekdoten ausgetauscht. Dadurch habe ich jetzt das Gefühl, nicht eine, sondern elf station weeks gemacht zu haben! Die Gruppe, aber auch Jon Ebinger als kluger Kopf, sind wichtige Ansprechpartner, um Erkenntnisse noch mal abzuklopfen und gegen zu checken. Sie machen das Bild der drei Wochen erst richtig komplett. Außerdem hätte ich sonst neben dem Programm bestimmt nie so viel Sightseeing gemacht, hätte nie nach Mitternacht auf dem Empire State Building gestanden, in einer Washingtoner Rooftop-Bar Cocktails getrunken oder im Madison Square Garden die New York Knicks einen Korb aus der eigenen Hälfte werfen sehen. Neben den vielen fachlichen und journalistischen Eindrücken sind es auch solche Erlebnisse, die ich in Erinnerung behalten werde. Danke für die tolle Zeit!

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Christoph Scheld, Hessischer Rundfunk/Zweites Deutsches Fernsehen, Mainz

Chatta- what? Ok, ich muss ehrlich gestehen, dass ich die elektronische Landkarte bemühen musste, bei der Nachricht, dass ich meine Station week in Chattanooga, Tennesse verbringen würde. Doch genau das sollte sich als großer Glücksfall entpuppen. Chattanooga ist so ganz anders als Washington und New York — und damit bestens geeignet, ein anderes Amerika kennenzulernen. Über alles, was im Tennessee Valley in Tennesse, Georgia und Alabama los ist, berichtet WRCB-TV Channel 3, ein Ableger des nationalen Networks NBC.

Chattanooga selbst bietet alles, um sich in der Station week wohlzufühlen. Eine aufstrebende Kleinstadt, die gerade downtown wiederbelebt hat. Eine Wirtschaft, die die Krise einigermaßen gut überstanden hat — unter anderem weil Volkswagen vor einigen Jahren kräftig investierte und eine der modernsten Autofabriken der Welt aus dem Boden stampfte. Ein Glücksfall für die Region und ein Glücksfall für mich:

Günther Scherelis, deutscher Pressesprecher des Werks, nahm sich reichlich Zeit, um den Besucher aus Deutschland durch die Fabrik zu führen. Ganz nah den Weg der Entstehung eines Autos miterleben zu können — nur eine der unbezahlbaren Erfahrungen mit dem Rias-Stipendium. Zu den anderen zählt die Zeit mit den Kollegen bei Channel 3, die mir einen Einblick in die Arbeit beim Lokalfernsehen gaben. Sicherlich ist Chattanooga und Umgebung nicht der größte Fernsehmarkt der USA. Der Leidenschaft und Motivation, über die Region zu berichten, tut das aber keinen Abbruch. Jeder versucht hier jeden Tag, das Beste rauszuholen. Nebenbei wird ganz entspannt noch getwittert, was das Zeug hält, so dass der Zuschauer auch bei der Entstehung des Beitrags live dabei sein kann. Und das, obwohl einige einen Job zu erledigen haben, für den es bei uns locker vier Redakteure gibt. Eine „Attitude“, von der man viel mit in die Redaktionen nach Deutschland tragen kann.

Recherche, Drehen, Texten, Schneiden und dann ab auf den Sender — die Arbeit ist nicht grundsätzlich anders als bei uns. Und doch kann man an vielen kleinen Unterschieden das eigene System kritisch hinterfragen — oder noch mehr wertschätzen. Dank der großartigen Organisation meines Gastgebers Derrall, News Director bei Channel 3, konnte ich alle Arbeitsgänge kennenlernen. Derrall hatte einen spannenden Plan für mich erarbeitet, der mir nicht nur viele Facetten der Arbeit bei Channel 3 nahebrachte, sondern auch Zeit ließ, Chattanooga kennenzulernen.

Und zu guter Letzt dann auch noch das: Ein Auftritt live im Studio! Da durfte der Austauschjournalist aus Deutschland an seinem letzten Tag analysieren, warum ein Loch in der East Side Gallery in Berlin die Deutschen so auf die Palme bringt. Das war aufregend und hat viel Spaß gemacht — wie die ganze Woche in Chattanooga.

Und das bezieht sich bei weitem nicht nur auf die Arbeit im Sender. Auch viele Gespräche mit Kollegen oder meinem Gastgeber Derrall eröffneten mir ganz neue Einblicke darin, warum dieses Land ist, wie es ist. Ob „gun control“, „same-sex marriage“ oder „Obamacare“ — viele gesellschaftspolitische Debatten, die aus der deutschen Perspektive nur schwer zu verstehen sind, stellen sich jetzt in einem anderen Licht dar.

Eingebettet war station week in die beiden Programmwochen in Washington D.C. und New York City. Kann man ein Inforadio mit dem Schwerpunkt „Verkehrsservice“ machen? Man kann. Und man kann damit sogar Marktführer in der Radiolandschaft von D.C. werden. Der Besuch beim Radiosender WTOP ist nur ein Beispiel für die vielen spannenden Besuche in der Hauptstadt. Die Gespräche mit Vertretern der beiden Think Tanks Heritage Foundation und Brookings Institution sind weitere. Wie hier Politik interpretiert, beraten und auch ganz offen zu beeinflussen versucht wird, das ist beeindruckend.

Beeindruckend ist auch zweifellos das richtige Wort, um den Besuch bei der vielleicht bedeutendsten Tageszeitung der Welt zu beschreiben. Was die New York Times alleine in punkto Videojournalismus auf die Beine stellt, ist stilbildend.

In kleinen Nebensätzen lernt man ja oft mehr als in vielen Büchern, Zeitungsartikeln oder Vorträgen. Über das Mediensystem in den USA kann man zum Beispiel viel lernen, wenn man innerhalb von zwei Tagen Macher von beiden Enden des Meinungsspektrums im amerikanischen Fernsehen kennenlernt. Fox News und msnbc. „There is no such thing as objectivity!“ Neutrale, ausgewogene Berichterstattung kann es nicht geben, da ja jeder Journalist auch seine eigene Meinung hat. Da sei es doch viel ehrlicher, sich gleich zu seiner Position zu bekennen. Und so unterstützen die Fox-Kollegen die Position der Republikaner und liefern deren Anhängern Futter für Diskussionen. Und msnbc macht das eben für die Gegenseite. Tja, da trifft einfach ein sehr unterschiedliches Verständnis von unserer Rolle als Journalisten aufeinander…

Eine von vielen unbezahlbaren Erfahrungen — genauso wie die Zeit mit den deutschen Kollegen. Rias USA-Programm, das heißt nämlich nicht nur, die Vereinigten Staaten kennenzulernen. Rias heißt auch Networking mit exzellenten und netten Kollegen quer durch die deutsche Medienlandschaft. Die wertvollste Erfahrung war aber zweifellos, die vielen unterschiedlichen Amerikas kennenzulernen. In Washington, in New York, aber eben auch in Chatta-what? Ach ja, Chattanooga.

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Sara Schwedmann, Westdeutscher Rundfunk, Köln

Seattle… not a sleepy city at all!

Was sagte Tom Hanks in „Schlaflos in Seattle“? „Der Winter ist kalt, für diejenigen die keine warmen Erinnerungen haben.” Das mögen viele Menschen in Seattle unterschreiben, gilt die Stadt doch als die regenreichste der USA mit langen, dunklen Wintern. Mir präsentierte sich die Stadt der Weltausstellung 1962 von ihrer besten Seite — eine Woche lang Sonnenschein und leichte Bewölkung, bis zu 20 Grad bei gerade einmal einem Regenschauer von 10 min Länge. Diese Stadt ist nicht D.C. oder New York. “Emerald City“ (Smaragd-Stadt) ist anders: grün, mitten in der Natur, schlaflos, pulsierend, aber im angenehmen Marathon-Tempo und nicht wie bei einem 100 m-Sprint.

Wer nach Seattle kommt, besucht den Pike Market direkt an der „Waterfront“, einen überdachten Markt mit Obst- und Gemüse-, Fisch-, Fleisch- und Käseständen, Schmuck, Krimskrams, Kleidung, Musik und und und… Und das auf verschiedenen Ebenen in immer wieder neuen Gassen, so dass ich mich nicht nur einmal verlaufen habe.

Ein Stand ist nicht zu verfehlen: Pike Place Fish Co direkt am Anfang des Pike Place Market. Hier werfen sich die „fishmongers“ gerne mal einen Fisch zu – und das auch über die Köpfe der Menschen hinweg. Die Auswahl an Fischen ist phänomenal – vom Seeteufel bis hin zu Krabben und Lachs gibt es hier alles zu kaufen.

Als die USA 2008 von der Wirtschaftskrise getroffen wurden, ließ das Seattle als eine der wenigen US-Städte nur erzittern. Die Arbeitslosenquote lag in den vergangenen Jahren nie über 7 Prozent. Zu verdanken hat Seattle das auch Amazon, Boeing, Microsoft und Starbucks. Alle vier Unternehmen haben ihren Hauptsitz im Staat Washington. Das allererste Starbucks-Café liegt direkt am Pike Place Market. Von dort hat man auch einen wunderschönen Blick auf den Hafen und das Ferris Wheel, ein Riesen-Rad ähnlich dem „London Eye“ mit geschlossenen Gondeln. Es wurde im vergangenen Jahr, 50 Jahre nach der Weltausstellung, aufgestellt.

Eine Herausforderung ist das System der Straßenbezeichnungen in Seattle. 1399 NE 44th Street und 1399 44th Avenue NE — oder noch besser: 1399 NE 44th und 1399 44th NE — müssten zumindest nahe beieinander liegen? Weit gefehlt! Zwischen der einen Adresse und der anderen liegen gut 16 km und mehr als 20 Minuten Fahrtzeit. Alle Nord-Südstraßen sind „Avenues“, als „Streets“ werden die Ost-West-Verbindungen bezeichnet. Wer sich im Stadtzentrum mal mit der Adresse vertan haben sollte, kann aber durchatmen. Denn zwischen 6 Uhr morgens und 19 Uhr können die Busse dort gratis benutzt werden.

Das Schöne an Seattle ist auch die Mischung aus „Skyscrapers“ und Wohnhäusern, die sich um den kleinen Financial District drängen. Und an vielen Ecken überraschen Kunstobjekte wie ein Skulpturenpark entlang der “waterfront” oder die blauen Bäume an der Pine Street. (Keine Angst, die Farbe soll „baumrindenverträglich“ sein.)

Rund um den Lake Union gibt es nicht nur eine wunderschöne Laufstrecke. Es lässt sich auch außergewöhnlich wohnen: In Hausbooten. Die sind nicht zuletzt bekannt als Tom Hanks Wohnstätte in dem Film „Schlaflos in Seattle“. Für viele Bewohner wohl zu bekannt, denn sie haben Schilder angebracht mit der Aufschrift „Strictly private! No sightseeing at any time!“. Oh, what a shame, aber verständlich.

Doch auch so lässt sich der Lauf oder Spaziergang rund um den See geniessen. Boote, landende Wasserflugzeuge und Cafés und Restaurants – sie alle tragen dazu bei, dass Seattle schon mehrfach zur „most livable city“ (lebenswerteste Stadt) der USA gewählt worden ist. Das dachten sich vielleicht auch die Produzenten von „Frasier“ und „Grey’s Anatomy“ als sie ihre Fernsehserien hier verankerten.

Keine Fernsehserie, aber eine wöchentliche Fernsehsendung ist „Artzone“, moderiert von Nancy Guppy. Die einstündige Sendung wird freitags abends ausgestrahlt und in den Tagen zuvor aufgezeichnet. Im Rahmen meines RIAS-Stipendiums durfte ich in meiner Woche in Seattle dem Journalisten Robert Horton über die Schulter, auf die Finger und auf den Mund schauen. Und Robert war so lieb, einen Besuch bei „artzone“ zu organisieren. Der erste Teil der Sendung wird immer vormittags in einer frei wählbaren Location gedreht, in diesem Fall im Nordic Heritage Museum. Dort war eine Künstlerin zu Gast, die tolle Kunstwerke in Papier schneidet. Am Nachmittag wird dann oft Nachwuchsband die Chance gegeben, einige ihrer Lieder im Studio einzuspielen — wie hier den „Theoretics“ aus Seattle. Besonders beeindruckend fand ich das Zusammenspiel von sechs Kameras in einem ziemlich kleinen Studio und Aufnahmeleiter, Bildtechniker und Produzent in einer Person in der Aufnahmeregie.

Nach dem Ausflug zum Fernsehen wollte ich nun aber Roberts wirkliche Arbeit kennenlernen. Er ist Filmkritiker und hat einmal in der Woche seinen eigenen Programmplatz bei Kuow FM, einem öffentlichen Radiosender in Seattle, der zu den meistgehörten Sendern im Staate Washington gehört – und das als Talk-Radio (kuow.org). Neben seinen Radio-Auftritten schreibt Robert für mehrere Zeitungen Filmkritiken, verfasst Film-Zusammenfassungen für Amazon und er konzipiert gerne Ausstellungen. Zum Beispiel im MOHAI, dem Museum of History and Industry. Dieses Museum konzentriert sich auf lokale Kultur und Geschichte und zeigt so tolle Stücke wie den „toe truck“ einer „towing company“ (Abschlepp-Unternehmen) in Seattle. Und worum dreht es sich wohl bei Roberts Ausstellung? Klar, um Filme aus und Film-Theater in Seattle. Gestern und heute: Schlaflos in Seattle, Singles, Harry and the Hendersons, It happened at the world’s fair (mit Elvis Presley), Assassins, An officer and a gentleman, Life or something like it, The Fabulous Baker Boys…..um nur einige zu nennen.

Seattle nennt auch eine Monorail-Bahn sein Eigen. Dieser Umstand ist an für sich für den ein oder anderen schon etwas Besonderes, aber diese Bahn bietet noch ein Extra. Die Monorail verbindet das Stadtzentrum mit dem Seattle Center und der Space Needle. Eine Fahrt dauert gerade einmal zwei Minuten, aber die letzten Meter der 1,5 km langen Strecke haben es in sich. Denn die Schienenbahn fährt direkt durch das Gebäude des Museums „Experience Music Project“ (EMP). Das Gebäude sieht aus wie eine zertrümmerte Gitarre, die überdimensioniert dem Space Needle-Turm zu Füßen liegt. Der Turm der Weltausstellung ist übrigens dem Düsseldorfer Fernsehturm am NRW-Landtag sehr ähnlich, denn er galt als Vorbild. Per Aufzug geht es hoch zur Spitze, dort wartet nicht nur ein spektakulärer Ausblick. Im sich langsam drehenden Restaurant kann man auch hoch über den Dächern Seattles essen. Und nein, „see-turm-krank“ wird man dabei nicht! 😉 Unten am Boden erwartet Musik-Fans im EMP eine tolle Ausstellung zu Bands aus Seattle, allen voran Nirvana, aber auch der Werdegang von Pearl Jam und Presidents of the United States of America wird beleuchtet. Ein perfekter Ort, um einige Stunden zu verbringen, Fotos und Ausstellungsstück zu bestaunen – besonders falls es mal wieder in Seattle regnen sollte. Ich hatte einfach großes Glück und die wohl bisher sonnigste Woche des Jahres erwischt… Für den Fall, dass es dann doch mal regnet, haben sich die US-Amerikaner übrigens etwas einfallen lassen: Die Tüte für den Regenschirm, damit man den Boden nicht nass macht und so für Rutschgefahr sorgt. Ok, Umweltschutzgedanken stellen wir jetzt mal hinten an, hier geht wohl der Sicherheits- und Haftungsgedanke vor. Die Regenschirm-Tüten sind lang und schmal und es gibt sie umsonst. Im Supermarkt kostet die normale Plastiktüte mittlerweile aber 5 Cent — wer selbst eine Tüte mitbringt, bekommt einen Discount auf seinen Einkauf.

Ein Teil des „Experience Music Project“ ist ganz Jimi Hendrix gewidmet, mit den farbenprächtigsten Umhängen und Anzügen, Hendrix‘ eigener Musikbibliothek (unter anderem The Beatles und Cream) und jeder Menge Liebesbriefen von weiblichen Groupies. Überraschend fand ich vor allem die Ausstellung im obersten Stockwerk: Dort geht es nur um Lederjacken! Einige lagen zum Anprobieren und Posen auf einer Harley bereit. Das konnten Robert und ich uns nun wahrlich nicht entgehen lassen! 🙂 Am meisten Zeit habe ich allerdings in der Sektion „Nirvana“ verbracht. Neben vielen Fotos und Kleidungsstücken sind dort auch selbstgemalte Bilder von Kurt Cobain aus seiner Highschool-Zeit ausgestellt. Und alle paar Meter kann man sich einen Kopfhörer aufsetzen und einfach mit der Musik in alten Zeiten schwelgen. Herrlich!

Aber zu meinem Seattle-Programm gehörte nicht nur Musikhören und Filme schauen. Dank Jennifer (meiner Gastschwester aus meiner Highschool-Zeit in Kalifornien) durfte ich mir eine der großen vier Firmen von ganz nah anschauen: Amazon! Es war sehr interessant zu sehen, wie so ein großer amerikanischer Konzern arbeitet. Amazon besitzt in Seattle mittlerweile sieben Gebäude, weitere werden gerade gebaut. Von außen ist die Präsenz von Amazon in Seattle aber kaum zu erahnen. Jegliche Firmenlogos oder Zeichen fehlen. In den Großraumbüros hat jeder seine eigene Arbeitsecke, Teamarbeit wird großgeschrieben. Für mich völlig unerwartet war die Begegnung mit Petra. Petra ist ein vierjähriger Schäferhund-Mischling. Und lag leise und still in ihrer Hundehütte neben Herrchens Schreibtisch, im Großraumbüro. Hunde sind bei Amazon „strictly allowed“! So lange sie sich benehmen können. Petra kann das. Völlig unerwartet war für mich auch, was Robert in seinem Unterricht in dieser Woche behandelte. Denn neben seinen anderen vielzähligen Talenten unterrichtet er auch für die University of Seattle und einige Einrichtungen im Bereich der Erwachsenenbildung. Als ob er seinen Unterricht extra für mich konzipiert hätte, ging es um deutsche Filme aus den 1930er Jahren. Metropolis, Leni Riefenstahl, Marlene Dietrich und Co. faszinierten dabei nicht nur seine Kursteilnehmer, auch ich habe viel Neues gelernt und mir direkt eine Liste mit Filmen aus der Zeit gemacht, die ich mir ansehen möchte.

Neben Microsoft und Amazon ist auch Boeing einer der größten Arbeitgeber in der Region Seattle. 35.000 Menschen sind bei dem Flugzeugbauer beschäftigt. In der Halle, in die 75 Fußballfelder oder 12 Eiffel-Türme passen, wird der neue Dreamliner zusammengesetzt — also die verschiedenen Teile, die vorher in anderen Fabriken vorgefertigt und dann mit dem Dreamlifter nach Seattle gebracht werden. Der Dreamlifter ist ein bauchiges Flugzeug, bei dem der Schwanz an großen Scharnieren abgeklappt werden kann. In den Bauch des Flugzeuges wird dann beispielsweise der gesamte Rumpf der Boeing 787 (Dreamliner) hineingeschoben. Auf dem gesamten Boeing-Gelände herrscht höchste Sicherheitsstufe. Ich durfte weder Fotoapparat, Handy, Geldbörse noch überhaupt eine Tasche auf den Rundgang mitnehmen: Gefahr von Industriespionage! In der Halle werden pro Monat sieben Dreamliner gebaut, dazu noch die 747- und die 777-Reihe — in täglich drei Schichten. Und damit die fertigen Flugzeuge ins Freie gelangen können, hat die Boeing die nach eigenen Angaben größten mechanischen Tore der Welt, so groß wir eineinhalb Fußballfelder. Die neuen Flugzeuge dürfen dann auf dem eigenen, wenn auch gepachteten Boeing-Airstrip das erste Mal abheben. Wer sich übrigens einen Dreamliner als Privatjet anschaffen will, ist mit $208 Millionen dabei, dazu kommen aber dann noch rund $23 Millionen für die beiden Turbinen und ein paar Millionen für die Innenausstattung. Dagegen ist dann das Betanken allein eines Flügels mit 75.000 l Sprit aus der Porto-Kasse zu bezahlen. 😉 Ich kann’s mir nicht leisten — und die Jungs von „Phoenix“ wahrscheinlich auch nicht. Noch nicht. Als krönender Abschluss meiner Woche in Seattle hatte sich meine Gastschwester Jennifer etwas Besonderes einfallen lassen. Natürlich musste es irgendwie Musik und Kino verbinden. Was passte da besser als ein Konzert der französischen Musik-Band „Phoenix“ im alten Paramount-Filmtheater? Tolle Show, tolle Musik, in einem außergewöhnlichen Ambiente mit Logen und Stuckverzierungen.

Musik, Film… fehlt noch irgendwas mit Wasser und Meer und Essen. Seattle kann man nicht verlassen ohne mindestens einmal Krebsfleisch und Austern gegessen zu haben — im Szene-Lokal „Mistral Kitchen“. Dazu Chili-Popcorn und Käse aus der Umgebung. Hört sich nach einer etwas kuriosen Zusammenstellung an, aber mir ist es als ob ich den Geschmack der einzelnen Speisen immer noch auf der Zunge schmecken könnte. Der Geschmack Seattles.

Sechs Tage Station Week in Seattle sind vergangen wie im Flug. Dank einer überragenden Betreuung durch meinen RIAS-Gastgeber Robert Horton (Thank you so much! I will never forget my time in Seattle!), der in der gesamten Woche seine Arbeit als Freiberufler ziemlich vernachlässigt hat, um mir seine Heimatstadt und seine journalistische Arbeit näher zu bringen und mich nicht nur einmal mit seinen Ideen und Inhalten überrascht hat.

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RIAS USA-Herbstprogramm
14. Oktober – 1. November 2013

Zehn deutsche Journalisten in den USA: Organisiertes Programm in Washington D.C. und New York sowie für alle Teilnehmer jeweils ein individuelles Praktikum in einer amerikanischen Rundfunk- oder Fernsehstation.

 

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TEILNEHMERBERICHTE

Alicia Anker, Norddeutscher Rundfunk, Hamburg

Schokolade mit Chips, die nach Barbecue schmecken. Gibt es nicht? Doch, in Amerika schon. Genauer gesagt: Im Souvenir-Shop am Weißen Haus in Washington. Das mag auf den ersten Blick vielleicht eine sonderbare Kombination sein, die nicht zusammenpasst, lässt man sich jedoch darauf ein, so erlebt man eventuell etwas Neues. Eine neue Geschmacksrichtung. Und erweitert so in gewissem (in diesem Fall: kulinarischen) Sinne seinen Horizont. Dinge, die scheinbar nicht zusammenpassen: Willkommen in den USA! Willkommen im RIAS-Herbstprogramm 2013.

Washington D.C. also: Was hatten wir für ein Glück! Makaberes Journalisten-Glück. Denn der „government shutdown” — verursacht durch eine überschaubare Gruppe von Menschen — legt ein ganzes Land lahm. Für uns zehn deutsche Journalisten natürlich hochinteressant. So wurde der Stein des Anstoßes auch für uns das alles überschattende Thema dieser Reise: Obamacare. Ein ganzes Land diskutiert, streitet und vermittelt. Und wir mittendrin. Live dabei sozusagen.

„Come on, in this country, there is nobody dying in the streets!“, bumm. Das hat gesessen. Zehn deutschen Journalisten fällt die Kinnlade runter. Dank der freundlichen Dame bei der „Heritage Foundation“, Amerikas größten und ältesten konservativem „Think tank” (mit dem bescheidenen Motto „Leadership for America“). Es ist ihre Antwort auf die Frage, ob Amerika denn — ginge es nach der „Heritage Foundation” — eine gesetzliche Krankenversicherung bräuchte. In der Gedankenwelt der Konservativen .. äh… nicht unbedingt. Wochen später werde ich diesen Satz zitieren. In diesem Land stirbt doch niemand auf der Straße. Erneut fällt Menschen die Kinnlade runter. Und zwar Bob und seinen Kollegen. Sie betreiben eine Suppenküche für Obdachlose in New Yorks schicker Upper East Side (ja, dort gibt es Obdachlose, viele sogar. Noch so etwas, das scheinbar nicht zusammenpasst). Sie sind schockiert. „Doch, es sterben in diesem Land Menschen auf der Straße. Jeden Tag.”

Es heißt: New York ist nicht Amerika. Das stimmt sicher in gewisser Weise. Aber für mich ist es irgendwie trotzdem ein komprimierter Mikrokosmos dieses großen Landes. New York ist gegensätzlich: Arm und reich, schön und hässlich, multikulturell, traditionell und avantgardistisch. Wirr und strukturiert. In New York treffen wir neben Bob, dem pensionierten Journalisten, der nun die Suppenküche organisiert, auch auf Martin Nesirki, den Sprecher von Ban Ki-Moon, der in perfektem Deutsch von seiner Arbeit erzählt, auf die Leute vom American Jewish Committee, die uns ihre Sicht auf das heutige Deutschland erklären und auf die Schüler einer Highschool in Hoboken, New Jersey, die fast ausschließlich einen Migrationshintergrund und quasi von ihrem Schulhof aus den besten Blick auf Manhattans skyline haben.

Es sind die Begegnungen — ob geplant oder spontan — mit den unterschiedlichen Menschen, die das Programm ausmachen.

Einer von ihnen ist Tom. Eigentlich Thomas und mein „host” auf meiner „station week” in Spartanburg, South Carolina. Er ist 57 Jahre alt und Kameramann bei „WSPA channel 7 — On your side!” (denn bei WSPA ist man stets „on your side“). Lokal-Fernsehen in Spartanburg ist Landeskunde pur. Im besten Sinne. Viele deutsche Firmen sitzen in Spartanburg und Umgebung, ein Stück der Berliner Mauer steht ein bisschen verloren vor einem Fabrikgebäude am Rande des Highways. Ein Stück weiter den Highway hoch Richtung Gaffney steht der größte Pfirsich Amerikas. Leuchtend orange mit grünem Blatt. Es ist ein Wassertank. Die Legende sagt: Als der pfirsich-förmige Wassertank noch nicht seine orangene Farbe hatte, dachten Menschen, die mit dem Auto über den Highway an ihm vorbeifuhren, dass ihnen dort auf dem Feld ein riesiger Hintern entgegengestreckt wird. Das mit der Farbe ging dann plötzlich ganz schnell.

Mein Hotel liegt ebenso, wie fast alles in Spartanburg, in direkter Nähe zur Schnellstraße. Es ist ein schönes Hotel, mindestens 4 Sterne. Alles macht einen hochwertigen Eindruck, es gibt einen Pool und einen kleinen Fitnessraum. Nur eines passt nicht ins Bild: das Frühstück. In Buffet-Form wird es jeden Tag in der Lobby serviert. Kaffee, Eierspeisen, Muffins und Pfannkuchen. Und alles auf Plastikgeschirr. Styropor-Teller und -Kaffeebecher, Plastik-Messer und -Gabeln. Zum praktischen Selbst-Wegwerfen. Jeden Morgen entsteht so ein riesiger Müllberg.

Während meiner „station week” in South Carolina treffe ich auch Jimmy Barnett. Zufällig. Denn Jimmy arbeitet als Park Ranger im „Blue ridge mountain National Park” in North Carolina. Er ist 42 Jahre alt und es ist sein erster Arbeitstag nach dem „government shutdown”. Jimmy montiert ein neues Schild. Das alte hatte irgendwer mit Farbe besprüht. Ärgerlich, sagt Jimmy. Genauso ärgerlich, dass er zwei Wochen nicht zur Arbeit durfte. Shutdown eben. Er hofft, dass er zumindest nachträglich bezahlt wird. Schließlich hat er zwei Kinder und eine Frau. Das wäre denen da in Washington aber eh egal. Außerdem, so Jimmy, würde er ohnehin viel lieber wieder zu den „Marines“. Zum United States Marine Corps. Seine Augen leuchten, seine Stirn entspannt sich bei diesem Gedanken. Jimmy war zweimal im Irak. Beim zweiten Mal kam er schwer verletzt nach Hause. Sein Rücken ist kaputt, er kann nicht mehr rennen. Zweimal hat er versucht, sich wieder einzuschreiben. Ohne Erfolg. Das ärgert ihn. „Warum?” lautet meine simple Frage. „Warum willst du zurück?” Jimmy lächelt. „It’s brotherhood. It’s family.” Apropos family. Seine Tochter und sein Sohn, so Jimmy, warten nur darauf, alt genug zu werden, sie wollen beide auch Marines werden.

Tom, mein host, hat auch ein „Faible” für alles Militärische. Mit Stolz trägt er täglich sein Basecap von der 82. Airborne-Division. Er grüßt Veteranen und bedankt sich für ihren Dienst fürs Vaterland. Mehr als einmal erlebe ich, wie junge Soldaten, die wir zufällig treffen, vor Tom salutieren. Gleichzeitig findet Tom Krieg blöd. Er hält ihn für unnütz. Amerika schalte sich zu häufig in Konflikte ein. Und Waffen? Unsäglich. Irgendwie gehen diese beiden Haltungen, diese Sichtweisen hier zusammen. Wie vieles andere, das in Europa weit auseinander scheint. Und Tom und ich, unterschiedlicher könnten wir nicht sein, sind Freunde geworden. Gibt es nicht? Doch, in Amerika schon.

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Hendrik Behrendt, Spiegel TV, Hamburg

home of optimism

„Due to the federal government shutdown, this National Park Service is closed…“ Dieser nüchterne Aushang prangt Mitte Oktober am Zugang des World War Two Memorials in Washington D.C.. Landesweit bleiben in diesem Herbst Nationalparks, Museen und Gedenkstätten vorübergehend geschlossen. Grund dafür ist der sogenannte Government Shutdown, die weitgehende Lähmung der Bundesbehörden und Institutionen. Präsident Obama und die beiden Kammern des Kongresses schaffen es seit Anfang des Monats nicht, sich auf einen neuen Haushalt zu einigen. In der Folge werden durch den Shutdown rund 800.000 Staatsbedienstete in unbezahlten Urlaub geschickt. Der Ausstand kostet die USA mehrere hundert Millionen Dollar — pro Tag. Und das in einer Zeit, in der die Nation scheinbar unaufhaltsam auf ihre Schuldenobergrenze zusteuert und ihr damit der Staatsbankrott droht, mit unübersehbaren Folgen für die Weltwirtschaft.

Ohne Frage eine überaus spannende Zeit, um mit der RIAS-Stiftung ins Zentrum des Haushaltsstreits zu reisen. Immer wieder werden wir in den ersten Tagen unseres Aufenthaltes in D.C. mit Journalisten, Lobbyisten und Studenten über den Stillstand diskutieren. Viele Gesprächspartner zeigen sich unzufrieden mit der Situation, geben der Tea Party-Bewegung innerhalb der Republikanischen Partei die Schuld. Diese nutzt die Mehrheit der GOP im Repräsentantenhaus, um sämtliche Entwürfe des Senats abzulehnen und fordern als Bedingung für ihr Einlenken, Nachbesserungen bei Obamas Reform der Krankenversicherung. Bei der konservativen Heritage Foundation hingegen sieht man die Demokraten um Präsident Obama als Schuldige. Über eine Stunde versucht man, uns die Nachteile von Obamas Reform und die Notwenigkeit der Haushaltsblockade zu erklären. Bei allen Gegensätzen hat die Mehrheit der Gesprächspartner doch eins gemeinsam: ihre Zuversicht. Trotz der Aufregung ist man sich sicher, dass es am Ende eine Einigung geben wird. Selbst als die Nation nur noch wenige Stunden vom sogenannten Default entfernt ist, bleibt man verhältnismäßig cool. Das mag zum einen daran liegen, dass die Amerikaner Routine mit der Situation entwickeln konnten; allein in den vergangenen zwanzig Jahren gab es neun Shutdowns. Das liegt zum anderen, trotz wachsender Politikverdrossenheit, aber vor allem an dem sprichwörtlichen amerikanischen Optimismus. Motto: Egal wie es kommt, die USA werden nicht untergehen; es geht weiter, immer weiter. Eine Eigenschaft, um die ich die Amerikaner beneide und die ich mir manchmal auch zu Hause in Deutschland stärker wünschen würde. Klar, Optimismus alleine ist keine Lösung für die strukturellen Herausforderungen, denen sich das politische System in den Vereinigten Staaten gegenüber sieht; aber er macht vieles leichter und erträglicher. Am Ende behalten die Optimisten in diesem Oktober recht. Ein vorübergehender Haushalt wird verabschiedet, die Schuldenobergrenze ein Stück erhöht. Damit verschwindet das Thema nach und nach aus der Berichterstattung und den Gesprächen vieler Amerikaner.

Als ich wenig später zu meiner Station Week nach Kansas City, Missouri aufbreche, scheinen der Shutdown und die Hauptstadt weit entfernt und das nicht nur geographisch. Bei meinem Gastgeber, KCTV5 dominieren lokale Nachrichten die Berichterstattung: verschüttete Bauarbeiter, verbrannte Teenager, watschelnde Pinguine. Und natürlich die Kansas City Chiefs, das lokale Football-Team. Nach sieben Siegen in Folge stellen sie die erfolgreichste Mannschaft in der noch jungen NFL-Saison. Fast täglich lädt Headcoach Andy Reid zur Pressekonferenz mit anschließenden Spielerinterviews in der Kabine. Ich begleite Sportreporter Brad Fanning auf seiner täglichen Tour zum Trainingsgelände. Neben der redaktionellen Arbeit übernimmt er auch den Job des Kameramannes und Tontechnikers. Anschließend wird er sein Material selber schneiden und in den Abendnachrichten den sportsanchor geben, der seinen eigenen Beitrag anmoderiert. Klagen wegen der vielen Arbeit höre ich seinerseits nicht. Stattdessen gute Laune und Optimismus während des ganzen Arbeitstages. Für Fanning steht der Sieg gegen die Browns fest. Damit stimmt er mit Chiefs-Headcoach Reid überein. Der räumt ein, den Gegner nicht unterschätzen zu wollen, aber sicher sei man Favorit in der Begegnung. Am Spieltag reise ich zu letzten Station des RIAS-Programms nach New York. Im Hotel angekommen checke ich im Internet die NFL-Ergebnisse: Die Chiefs haben gewonnen. Der Optimismus war berechtigt — wieder einmal!

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Christian Berger, RTL, Köln

Washington — West-Texas — New York: The Magic Triangle

Dieser wild gemusterte rot-grüne Teppichboden im Hotelflur! Das „Eleganté“ (Werbung: Einziges 4-Sterne-Hotel in West-Texas) besticht durch seinen etwas in die Jahre gekommenen Charme. Auf dem Weg zu meinem Zimmer stehen vor den Türen meiner Hotelnachbarn klobige, verstaubte Stiefel von den Arbeitern auf den Ölfeldern; moderne Öl-Prinzen, die in Midland ihr finanzielles Glück suchen. Das umstrittene Fracking hat in West-Texas (auf das „West“ legt man hier viel Wert) einen neuen Öl-Boom ausgelöst. Überall stehen in der absolut flachen Ebene des Permian Bassin die „Pump Jacks“ und nicken wie ein Gaul auf der Weide, während sie das Öl an die Oberfläche pumpen.

Midland ist der Ort meiner „Station Week“ beim Örtlichen Lokalsender CBS7 — und Midland ist keine Schönheit. Aber das wird ausgeglichen durch die unglaubliche Gastfreundschaft meiner „Hosts“. David Huertas, Chefkameramann bei CBS7, holt mich gleich nach meiner Ankunft im Hotel ab. Wir fahren zum Sender und kaum hat er auf der Facebook-Seite von CBS7 den Besuch des deutschen Journalisten angekündigt, trudeln fast im Sekunden-Takt die Nachrichten der Zuschauer ein: „Welcome to West-Texas Christian and God bless you.” Als ich an einem der folgenden Tage mit Andrew Bowen, einem jungen Reporter, eine Stadtratssitzung (Thema Müllgebühren — kommt einem bekannt vor) besuche, begrüßt mich auch der Bürgermeister von Big Spring, Larry McLellan, vor versammelten Ratsherren: „Welcome to West-Texas!”

Wie die USA, wie die Amerikaner jenseits der großen Metropolen ticken, das habe ich erst in dieser Woche wirklich verstanden. Wenn man an der Ampel aus der Perspektive eines quietschroten Leih-Fiat-500 auf die Radkappen des aufgemotzten Pickups auf der Nebenspur schaut, weiß man: Hier ist alles etwas größer: Der Glaube an Gott zum Beispiel: An jeder Ecke steht eine Kirche und neben dem Hoteleingang in Stein gemeißelt die Zehn Gebote. Bigger ist auch die Verehrung für das Football Team der berühmten „Permian Panthers“ von der Odessa High School — und vor allem die bedingungslose Liebe für die Heimat Texas und wenn es sein muss auch für die USA. Direkt gegenüber der Eingangstür von CBS7 werben übrigens die Rekrutierungsbüros von Army, Navy, Airforce und der Marines um Nachwuchs für die U.S.-Schlachtfelder rund dieser Welt. Das irritiert nur zugereiste Journalisten des „Old Europe.“

„What a magic triangle“, hatte Mayor McLellan gesagt, als er gehört hatte, dass mich das RIAS-Programm von Washington über West-Texas nach New York führen würde. Die Stadträte hatten herzlich gelacht und sich gleich für die Unannehmlichkeiten durch den Shutdown in Washington entschuldigt. Es ist noch stärker als in Deutschland. Washington D.C. wird von den meisten U.S.-Amerikanern als das abgehobene Polit-Raumschiff betrachtet, wo extrem unbeliebte Abgeordnete, Minister und ein angeschlagener Präsident in ihrem eigenen Orbit unterwegs sind und das Schicksal des Landes aufs Spiel setzen. Für uns RIAS-Fellows war die Haushaltskrise dagegen ein Geschenk des Journalistenhimmels.

Bei all unseren Besuchen — ob bei CNN oder der stock-konservativen Heritage-Foundation — bekamen wir nicht nur eine wirkliche Insider-Sicht auf die U.S.-Politik präsentiert, sondern gleich auch noch eine Lehrstunde, wie smart Journalisten oder Lobbyisten in Führungsfunktionen argumentieren können. Don’t mess with Romina Boccia (halb Deutsche, halb Italienerin und ganz Tea Party) von der Heritage-Foundation. Romina konnte auch am Tag, nachdem die Grand Old Party im Haushaltsstreit das Handtuch geworfen hatte, mit größter Eloquenz erklären, warum Obamas Gesundheitsreform Teufelswerk ist.

Es waren unglaubliche Erfahrungen: Die Pilgerfahrt zur Washington Post: Einmal am Schreibtisch von Bob Woodward sitzen. Vielleicht überträgt sich ja was von der Aura, wobei diese photo-op wohl nicht im offiziellen Besuchsprogramm vorgesehen war. Zumindest schaute Jon Ebinger, der für das klasse RIAS-Programm in den USA verantwortlich ist und uns mit preußischer Disziplin von Termin zu Termin durch Washington und später New York jagte, etwas irritiert. Auch hochinteressant der Besuch beim öffentlichen Rundfunksender NPR, der sein Programm mit Zehn-Sekunden-Delay ausstrahlt, um F-Wörter wegpiepen zu können („Like in Iran“) oder die Diskussion mit Studenten der George Washington University.

Washington als Stadt — so muss sich Rom vor 2000 Jahren angefühlt haben. Was für ein Gegensatz im Vergleich dazu das Öl- und Western-Eldorado Midland; vor allem wenn man anschließend nach Big Apple fliegt. Drei Wochen — drei Welten!

Ich auf jeden Fall hatte nach der Woche Texas in New York erst einmal einen Kulturschock: Halsstarre vom Wolkenkratzer glotzen und Tinnitus vom Lärm in der Stadt, die wirklich niemals schläft; was offensichtlich auch die New Yorker Müllabfuhr allnächtlich vor unserem Hotel mit ihrer Arbeit dokumentieren musste. Großartig, dass sich Martin Nesirky, der Sprecher von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon, fast eine Stunde Zeit nahm, um mit uns in großer Offenheit über die die Haarspaltereien der UN-Diplomatie zu sprechen. Der Mann ist ein Engel oder hat zumindest deren Geduld. Das war sowieso ein Merkmal dieses Programms, das unsere Gesprächspartner sehr ehrlich und offen auf unsere Fragen antworteten. So auch der Sprecher der deutschen UN-Vertretung Christian Doktor, der leider zu früh „zu den Aserbeidschanern“ musste, einen UN-Resolutionstext vorbereiten. Als Zugabe spielt Lang Lang im Hauptquartier auch noch für Ban Ki Moon als neuer Friedensbotschafter auf.

Der Terminplan in New York ist eng getaktet: Bloomberg TV, NBC und noch ein Pilgerausflug — diesmal zur New York Times und ihrer neuen Video-Unit. Doch zwei Programmpunkte bleiben besonders in Erinnerung. David Harris, Executive Director der American Jewish Agency, erläutert uns seine „Roadmap“ zum Frieden im Nahen Osten und spricht über die Erwartungen an eine deutsche Führungsrolle bei der Lösung der Euro-Krise. Das ist bemerkenswert.

Die USA sind ein Land der Extreme. Auf der einen Tea-Party-Romina, für die eine gesetzliche Krankenversicherung purer Sozialismus ist, auf der anderen Bob Jamieson. Der ehemalige ABC-Journalist kümmert sich auf seine alten Tage um Obdachlose. In der St. James Kirche (Upper East Side, nicht unbedingt eine Armengegend!) bekommen die Obdachlosen einmal in der Woche ein Mittagessen — und ein wenig ihrer Würde zurück. Denn die Frauen und Männer werden am Eingang persönlich begrüßt und am Tisch von den Helfern bedient. Wir konnten ein wenig bei der Vorbereitung helfen. Aber das war völlig nebensächlich. Ich glaube, wir waren alle ziemlich berührt — nicht nur darüber, was für die Obdachlosen gemacht wurde, sondern vor allem auch, wie.

Ich war schon einige Male in den USA und ich dachte, ich würde viel über dieses Land und seine Menschen wissen. Das war ein Irrtum. Denn das war vor dem RIAS-Programm und bevor ich den Teppichboden im „Eleganté“ gesehen hatte.

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Alexandra Biehl, Zweites Deutsches Fernsehen, Mainz

Die Frage, wie man die vielen Erlebnisse, Eindrücke und Begegnungen in Washington, New York und Atlanta in einen Bericht reinpackt, hat mir einiges Kopfzerbrechen verursacht. Dabei liegt die Antwort auf der Hand: Ich fange bei A an und höre bei Z auf. Dies ist der Versuch, mich kurz zu fassen.

A Atlanta. #CNN Headquarter. Innenstadt Fehlanzeige. #Coca-Cola Museum. #Weltgrößtes Aquarium. #Martin Luther King, Jr. National Historic Site. #AJC American Jewish Committee. Beeindruckende Rede von David Harris, der charismatische AJC Executive Director. #Awesome.

B Ben’s Chili Bowl. #Landmark. Der Präsident der Vereinigten Staaten speiste hier zehn Tage vor der ersten Amtseinführung. Eine gutgelaunte RIAS Gruppe tat es ihm nach. #Ben’s Burger und Cheese Fries. #Delicious #Heavy. http://www.youtube.com/watch?v=4vQ7wQ80Aik #Bloomberg. From print and television to digital. Who is using us where? Linear TV becomes less and less important. Ach ja, wir sind ganz locker bei Bloomberg aber bitte keine Fotos im Gebäude.

C CNN. Das Gebäude ehemals ein #Funpark. Über eine Klaviertreppe gelangen die Mitarbeiter an ihren Arbeitsplatz. „Can we get more people to choose the stairs by making it fun to do?” Antwort siehe Y. Pulsierender Newsroom mit engagierten Leuten aus allen Teilen der Erde. #Chuck, mein Host ist großartig. Er sorgte dafür, dass ich nach fünf Tagen, 12 Abteilungen und diversen kulturellen Ereignissen wirklich keine Fragen mehr hatte!

D Deutsches Haus – Ständige Vertretung Deutschlands bei den Vereinten Nationen in New York. #Schlagzeile. Abhöraffäre. Deutschland und Brasilien reichen UN-Resolution ein. Zur Achtung der Privatsphäre. Ein guter Zeitpunkt? #Dress nicely. Of course!

E Energy. New York City gibt viel und nimmt einem viel davon. #Empire State Building bei strahlendem Sonnenschein. #Grandios. #Erntedank. Ich gebe zu, Halloween in NY ist schon eine #Show.

F Franklin D. Roosevelt lies 1934 das Oval Office in den Westflügel des WH verlagern, weil ihn die bisherige zentrale Lage störte und es kein Fenster besaß. Linda, unsere Stadtführerin, erzählt uns eine andere Geschichte. Das Klavier von Roosevelts Tochter krachte durch die Decke, so dass das Oval Office renoviert werden musste und in den West Wing verlegt wurde. Wahrheitsgehalt? Egal.

G #George Washington University. Nach dem offiziellen Programm erzählt ein Student, wie er als 10-Jähriger 9/11 erlebt hat. Seine Mutter arbeitete in NY und hat gerade noch eine Fähre zurück nach New Jersey bekommen. Er erinnert sich, wie sie weinend auf dem Sofa saß, als er von der Schule nach Hause kam. Der Bruder seines besten Freundes starb damals und er wurde bis heute nicht gefunden. #Zeitzeuge #Ergreifend. Johnny ist der Meinung, dass 9/11 seine Generation verändert hat. Sie sei dadurch politischer geworden.

H Heritage Foundation. Ein konservativer Think Tank. #Haushaltsdebatte. #Health Care Law. Romina, Federal Budget Expert hatte viel zu tun in diesen Tagen. #Hawks. NBA Team. Leider gegen die Pacers verloren, aber super Atmosphäre und Rapper Ludacris war auch da. #Highlights. Mir sind täglich welche begegnet.

I International Desk. #Interesting. Interessanter Bericht von Frederik Pleitgen über den Einsatz in Kriegsgebieten.

J John Evans – Ein Held der Organisation und ruhender Pol. #Thanks!

K #King. Martin Luther King Jr. Memorial in Atlanta. #Eindrücke. Ebenezer Baptist Church, in der er gepredigt hat. Sein Grab auf dem Wasser. #Kiss Cam. Immer wieder ein lustiger Pausenfüller.

L Lang Lang. Als neu gekürter Messsenger of Peace spielt er Chopin und eine Eigenkomposition im Presseraum der UN. Und wir mittendrin. #Beeindruckend. What a #surprise!
http://www.un.org/apps/news/story.asp?NewsID=46350&Cr=Education&Cr1=

M MOMA. Museum of Modern Art. Man könnte Tage darin verbringen. #Memorials. Washington ist voll davon. Sie sind nur alle wegen des Shutdowns geschlossen.

N New York Times. #Ehrfrucht. #Kreativität. New Media People. Wie kommen Schrift und Bild zusammen? Kolumne ‚Modern Love‘ wird durch animierte Filme verbildlicht. #must see! http://www.nytimes.com/video/modern-love/ #Newseum. #NBA Basketball Spiel

O Obama. Ließ sich nicht aus dem Weißen Haus locken. #Obamacare. Ein Top-Thema.

P Pentagon. Der XXL Parkplatz der 30.000 Mitarbeiter wird auch schon mal dazu genutzt, Teenies das Autofahren beizubringen. #Pat, eine 95-jährige Volunteer, die sich seit 31 Jahren in der St. James Church engagiert. Sie berichtet von 4 Obdachlosen am Anfang und mehr als hundert heutzutage, die regelmäßig jede Woche kommen.

Q Questions? Wir hatten eine Menge.

R Rosa Parks. Eine afro-amerikanische Bürgerrechtlerin. Sie wurde 1955 festgenommen, weil sie sich weigerte, ihren Sitzplatz im Bus einem weißen Mann zu überlassen. Als erste Frau in der Geschichte der USA wurde sie im Kapitol in Washington aufgebahrt. Irgendwie wirkt die Rosa Louise Parks Statue im Kapitol fremd neben den anderen, überwiegend männlichen Figuren.

S Social Media Newsgathering What’s trending today? #Snow Fall. Das Digital-Projekt gewann den Pulitzer Preis. #Shutdown. Noch ein Top-Thema.

T Tipps and Trends. Rooftop Bar ‘Le Bain’ im Standard Hotel in NY. Immer noch hipp: Schwarzer, schmaler Oberlippenbart zum Aufkleben. Schwierigkeit: den Kleber im morgendlichen Chaos zu finden. Wir wären fast zu spät zum NY Times Termin gekommen. Zum Glück gibt es die berühmten #NY City Cabs.

U UN. Pressesprecher von Ban Ki-moon spricht über Sicherheitsrat, Saudi-Arabien, seine Tochter, seinen Chef, briefings, Karriere und Budget. #Eloquent #Fascinating

V Video People – Growing number. Rücken mehr und mehr ins Zentrum der Newsrooms. #Viel gelernt in den drei Wochen und viel gesehen. Viel erlebt und viel gegessen. #Vielen Dank!

W WTOP News Radio – Bob, der Herr über das Verkehrschaos. #Traffic desk. 10 Rias Fellows schauen ihm in einem winzigen Büro über die Schulter. Bob on air. Mit geschlossenen Augen liefert er den Hörern unbeirrbar alle Staus und Behinderungen, die er sich vorher auf einen kleinen Zettel notiert hat. Danach dreht er sich lächelnd zu uns um und beantwortet weiter geduldig unsere Fragen. #Deeply impressed #Leidenschaft #Herzblut. #World Trade Center Memorial. #Groß und ergreifend. #Washington Post. Auch die traditionelle WP muss sich neu erfinden. Younger people are much more virtual. From newspaper to multiple platforms.

X X-mas. Time Square war auch ohne Weihnachtsbeleuchtung atemberaubend.

Y Yes we can!

Z Zauberhaftes RIAS Programm. #Zauberhafte RIAS Fellows. #Absolut empfehlenswert. #Unbedingt BEWERBEN.

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Jan Farclas, Norddeutscher Rundfunk, Schwerin

Von bunten Blättern, Alec Baldwin und einem falschen Schnurrbart

TV-Reporter Bill Shaw, von WTIU in Bloomington Indiana, fährt mit seinem weißen Ford „News Truckster“ durch den Brown County State Park. Er soll eine Reportage über die Farbe der Blätter in diesem Herbst machen. Hat sich das Laub verändert? Ist es farbenfroher als sonst? Und wenn nicht, warum? Er macht ein paar Aufnahmen von typischen goldroten „Indian Summer Bäumen“, danach folgen zwei Interviews mit Touristen. Bill war an diesem Tag Autor, Kameramann, Ton-Assistent und Cutter in einem. Der Beitrag wurde allerdings, wie ich später hörte, nie gesendet. Und dennoch, interessant zu sehen, was einige Kollegen in den USA alles können müssen.

Ein anderes Beispiel ist der Radio-Moderator David Brent Johnson. Er präsentiert in Bloomington die Jazz-Sendung „Just you and me“. Die Musik kommt entweder von CD, Schall- oder Festplatte. Da kann dann schon mal zwischen Herbie Hankock und Duke Ellington ein „Loch“ von drei Sekunden entstehen. Während die Titel liefen, bastelte David schon an der Playlist, die immer kurz nach der Sendung online ist. Überhaupt habe ich festgestellt, welch große Rolle die Online-Präsenz, vor allem in sozialen Netzwerken, spielt. Fast jeder Reporter bzw. Journalist scheint ständig „im Dienst“ zu sein, meistens via Twitter.

Bloomington/Indiana war der Ort meiner Station Week. Zusammen mit Julia Rubner vom MDR war ich entweder im Sender oder an der Indiana University. Dort wiederum an der School of Journalism, wo wir verschiedene Klassen besuchten, dort über unsere Arbeit daheim sprachen oder an Roundtable Diskussionen teilnahmen. Unser Host Rosemary Pennington kümmerte sich rührend um uns, auch abends, in diversen Kneipen. In Bloomignton, wo jedes Haus einen Tornado-Schutzraum hat, waren wir auch beim College Soccer. Interessant, dass der Stadionsprecher bei allen Standard-Situationen angesagt hat, was gerade auf dem Platz passiert. Aber in Indiana spielen eben traditionell Basketball und Football die sportliche Hauptrolle.

Bevor ich in den sogenannten „Hoosier State“ flog, stand Washington DC auf dem Programm, die erste Station der Journalistenreise. Dort war das Klima im Vergleich zum Mittleren Westen noch sehr mild. Dank Jon Ebinger konnten wir hinter viele Kulissen der amerikanischen Medienlandschaft schauen, dieser Mann hat unfassbar viele und gute Kontakte.

Und, Spannung vorprogrammiert, kamen wir doch (zum Glück aus unserer Sicht) während der heißen Phase des Shutdowns in die Hauptstadt. Dass etliche Museen und Gedenkstätten geschlossen waren, die Stadt ohne funktionierende Müllabfuhr dreckiger war, als ich sie in Erinnerung hatte, empfand ich als hochinteressant. Und wir haben schließlich auch das Ende des politischen Konflikts miterlebt, und auch, wie die örtlichen Medien damit umgegangen sind. Von CNN über NPR bis Washington Post. Dort durften wir sogar ins Archiv und bekamen originale (!) Zeitungen vom Kennedy-Mord oder der Watergate-Affäre zu sehen. Beeindruckt war ich auch von WTOP, dem All News Sender. Dort darf zum Beispiel der Sportreporter zweimal pro Stunde seine Nachrichten präsentieren, beneidenswert.

Ich hatte glücklicherweise auch die Möglichkeit, dem ARD-Studio Washington einen Besuch abzustatten. Studioleiter Stefan Niemann beantwortete alle Fragen und erzählte aus seinem abenteuerlichen Leben als Auslandskorrespondent. Ein weiteres Highlight boten die amerikanischen Kollegen vom ABC 7 News Channel 8. Kendis Gibson und Kris van Cleave („Be a storyteller not a mic holder.”). Beide Reporter, jung, erfolgreich, selbstbewusst. Und auch sehr offen, so wie übrigens die meisten Menschen, denen wir begegneten. Hängen geblieben ist bei mir, dass die Redaktion von ABC 7 mit einem Billboard arbeitet. Mehrere große Monitore zeigen an, was die Menschen in den USA aktuell bewegt und zwar ablesbar anhand von Google-Suchanfragen. An diesem Billboard erschienen also die am häufigsten „gegoogelten“ Begriffe. Darauf reagiere man, sagte Kris Van Cleave.

Nach Washington DC kam wie schon beschrieben Indiana. Es folgte New York City, als dritte und letzte Station. Viele neue Eindrücke warteten auf mich. Meine Speicherkapazität war aber eigentlich schon erschöpft. Erste spontane Begeisterung löste bereits die Lage des Hotels aus, sehr dicht am Times Square, zentraler geht es wohl kaum. So konnten wir zum Beispiel das United Nations Headquarter zu Fuß erreichen. Und das Timing stimmte an diesem Tag, denn auf einer Pressekonferenz hat UN-Generalsekretär Ban-Ki-moon den Pianisten Lang Lang als offiziellen Botschafter des Friedens vorgestellt. Inklusive einer kleinen privaten Kostprobe des begnadeten Musikers auf dem Klavier. Beeindruckt hat mich auch das Treffen mit UN Spokesperson Martin Nesirky, dem polyglotten Pressesprecher von Ban-Ki-moon, er spricht mehrere Sprachen fließend und hat all unsere Fragen (auf deutsch) beantwortet.

Von den besuchten Medienunternehmen in New York wollte ich zwei hervorheben. MSNBC im Rockefeller Center zum Beispiel. Dort hatten wir die Möglichkeit, während der Sendung „The Cycle“ dabei zu sein. Gleich vier Moderatoren sitzen an einem runden Tisch und präsentieren eine aufwendig produzierte politische News- und Talkshow. Vorher lernten wir noch Steve Friedman kennen, Executive Producer und wie ich hörte, eine Legende in der Branche. So stellt man sich einen amerikanischen Producer vor: laut, relativ dick, Hosenträger. Fehlte nur noch die Zigarre. Persönliche Notiz an diesem Tag bei NBC: Der Schauspieler Alec Baldwin schlurfte über den Flur und wollte in die Maske, für die Aufzeichnung seiner Show „Up Late with Alec Baldwin“, die inzwischen abgesetzt wurde. Auch beeindruckend war der Besuch im legendären Studio H8. Dort wird „Saturday Night Live“ produziert – ein geschichtsträchtiger Ort. Das gilt auch für das schicke Renzo Piano Hochhaus der „New York Times“. Hier erfuhren wir, wer und was hinter den sehr kreativen Videos auf der Webseite steckt. Wie die Print-Abteilung multimedial unterstützt wird, nämlich sehr progressiv und „indipendent“.

In New York ging es aber nicht nur darum, Sender, Journalisten und ihre Arbeit kennenzulernen; es sollte uns auch ein Einblick in das gesellschaftliche Leben ermöglicht werden. Wir besuchten deshalb RIAS-Fellow Bob Jamieson in der St. James Church. Dort betreut der frühere Journalist ein Projekt, das Obdachlosen zugute kommt. Jeden Dienstag gibt es eine warme Mahlzeit und kleine Beutel mit Hygiene-Utensilien. Wir halfen beim Packen, eine schöne Aufgabe. An diesem Tag waren wir auch zu Gast an der Hoboken Highschool in New Jersey. Eine typische Highschool, wie ich sie aus amerikanischen Filmen oder Serien kenne. Dort saßen wir in kleinen Gruppen mit den Schülern am Tisch und plauderten. Sie über ihr, wir über unser Leben.
Der letzte Tag des Programms war übrigens zugleich Halloween. Als Verkleidung wählte ich einen falschen Schnurrbart als Reminiszenz an diesen wunderbaren amerikanischen Brauch. Am Rande der großen Halloween-Parade in Manhattan fiel ich damit zwar nicht auf. Aber dafür ist der falsche Bart mehr oder weniger zufällig auf den Abschlussfotos unserer wunderbaren Gruppe zu sehen. Inzwischen habe ich ihn entfernt.

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Nina Hansen, Norddeutscher Rundfunk/ARD, Hamburg

„Shutdown ends” titelt die „Washington Post” am 17. Oktober — und wir sind da! Nicht nur am Ort des Geschehens, in Washington D.C., wo wir in den Tagen zuvor noch vor verschlossenen Parks und Museen standen, sondern auch in der Redaktion der „Washington Post”. Schon irgendwie surreal neben den früheren Arbeitsplätzen von Bob Woodward und Carl Bernstein zu stehen, dort wo sie Anfang der 70er Jahre den Watergate-Skandal aufdeckten — zumal sich seitdem kaum etwas verändert hat, wie uns Guide Tim Smith erzählt. Doch auch wenn auf den ersten Blick offenbar alles noch so aussieht wie damals, auf den zweiten Blick hat sich bei der „Post” in den vergangenen Jahren eine Menge getan. Die Traditionszeitung bezeichnet sich selber nicht mehr als Zeitung, sondern als „news organization“. Während die Mitarbeiter im Obergeschoss weiter das Blatt machen, experimentieren die Videojournalisten von PostTV im Untergeschoss mit digitalen Inhalten — sei es in Form eines Beitrags, in dem ein Redakteur den US-Haushaltsstreit einordnet oder einem Grafikstück zum Thema Waffen. Die „Post” setzt auf die Produktion von Videos und multimedialen Inhalten — ähnlich wie die „New York Times”, die mit ihrem Feature „Snow Fall” gerade erst ihren 112. Pulitzer Preis gewonnen hat.

Eines wird bei den Besuchen in den Redaktionen der amerikanischen Kollegen sehr deutlich: Was Social- und Multimedia angeht, sind sie einen großen Schritt weiter als wir — was nicht nur an Projekten wie „Snow Fall” zu sehen ist. So stehen im Newsroom von WJLA/News Channel 8, dem größten lokalen Fernsehsender der USA, acht große Monitore, die die unterschiedlichsten Bewegungen im Internet anzeigen: Welche Suchbegriffe werden bei Google am häufigsten eingegeben? Welche Geschichten am häufigsten geklickt, welche über Facebook und Twitter am meisten geteilt? An Social Media Desks beschäftigen sich Leute ausschließlich mit Facebook und Co., und die Reporter und Redakteure twittern ihre Geschichten sowieso rund um die Uhr.

Es sind Termine wie die bei der „Washington Post” und der „New York Times”, die das RIAS-Programm so außergewöhnlich machen. Rainer Hasters, Jon Ebinger und das gesamte Team haben uns Türen geöffnet, die andernfalls verschlossen geblieben wären. So auch die der konservativen Heritage Foundation, die wir ebenfalls am Tag nach der Einigung im Haushaltsstreit besuchten. Die Stimmung der Lobbyisten war erwartungsgemäß etwas getrübt — unser Gespräch aber dafür umso spannender. Fast drei Wochen hatten radikale Republikaner die Regierung lahmgelegt, 800.000 Bundesangestellte in den Zwangsurlaub geschickt, der U.S.-Volkswirtschaft einen geschätzten Schaden von 24 Milliarden Dollar zugefügt und die Glaubwürdigkeit des Landes auf den internationalen Finanzmärkten beschädigt. Eine Blamage bis auf die Knochen? Nicht, wenn man die Lobbyisten der Heritage Foundation fragt. Sie drehen Zahlen und Statistiken in die für sie passende Richtung, nach wie vor überzeugt, dass Obamacare früher oder später scheitern wird.

Die Besuche bei der „Washington Post” und der Heritage Foundation gehören sicherlich zu meinen persönlichen Highlights, aber auch all die anderen Programmpunkte waren beeindruckend, und ich möchte keinen einzigen missen: der allererste Abend bei Roxanne Russell, der Besuch bei NPR, der Auftritt des Pianisten Lang Lang bei den Vereinten Nationen, das Gespräch mit Vertretern des American Jewish Committee, um nur einige zu nennen. Ganz zu schweigen von meiner Woche in Bend, Oregon. Mein Gastgeber, News Director Lee Anderson, und sein Team haben mich sehr nett aufgenommen und mir einen Einblick in die Arbeit eines lokalen Fernsehsenders gegeben. KTVZ, Ableger des nationalen Networks NBC, produziert jeden Werktag viereinhalb Stunden Nachrichten — mit weniger als 20 Redakteuren, Reportern und Moderatoren. Dank Lees großartiger Organisation konnte ich alle Arbeitsgänge kennenlernen, hatte aber auch noch genügend Zeit, die wunderschöne Gegend zu erkunden.

Auch die Woche in Oregon verging wie im Flug. Jon hatte uns am ersten Tag gewarnt, dass die Zeit sehr, sehr schnell vergehen würde. Er hatte Recht. Wir hatten an einigen Tagen so viele Termine, dass es mir abends so vorkam, als lägen die Treffen vom Vormittag bereits mehrere Tage zurück. Es war ein unglaublicher Input — eine perfekte Mischung aus Redaktionsbesuchen, Treffen mit Lobbyisten und anderen Organisationen sowie Praxiserfahrung während des Praktikums — und ich bin unendlich dankbar, dass ich dabei sein durfte!
Zuletzt noch ein ganz besonderes Dankeschön an Rainer Hasters für die Zusammenstellung unserer Gruppe. Ob wild zusammengewürfelt oder sorgfältig geplant: Ich denke, wir sind uns alle einig, dass es gepasst hat und wir es nicht besser hätten treffen können. Es waren drei unvergessliche Wochen, von denen ich noch lange zehren werde.

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Julian Heißler, Probono Productions, Berlin

Abwechslungsreich ist ein zu schwaches Wort, um die gigantischen Unterschiede zu beschreiben, die ich während meines Aufenthalts in den USA erleben durfte. Von Washington D.C. nach Fort Myers, Florida und zurück nach New York, allein die Route kann einem ein mentales Schleudertraume verpassen. Am Samstag spazierte ich noch am Martin-Luther-King-Memorial auf der Mall vorbei, am nächsten Tag parkte ich meinen Mietwagen neben einer Statue von Robert E. Lee. Viel mehr Kontrast geht nicht.

Das RIAS-Programm ermöglichte mir, höchst unterschiedliche Facetten der amerikanischen Politik- und Medienlandschaft kennen zu lernen. Wir sahen in Washington, wie die große Politik durch den Shutdown tagelang lahm gelegt wurde, wie Interessenverbände der Situation ihren Spin aufzudrücken versuchten – und wie unsere amerikanischen Journalistenkollegen versuchten, stets am Puls der Nachrichten zu bleiben, die Situation zu ordnen und ihren Zuschauern verständlich zu machen.

Ganz anders die Situation in Fort Myers. Im Südwesten Floridas sah ich, wie regional Fernsehjournalismus auch sein kann. In der Morgenkonferenz von FOX4 wurden hyperlokale Themen besprochen: Ein Kind war im Bus hingefallen und hatte sich die Lippe aufgeschlagen, in der Biologiesammlung einer Highschool wurde ein konservierter Fötus gefunden, der Bürgermeister und sein Herausforderer hatten sich im Stadtrat vor laufender Kamera (mit einem RIAS-Stipendiat im Hintergrund) angeschrieen. Solche Themen füllten die Abendnachrichten und machten meinem hervorragenden Station-Host, Anchorman Patrick Nolan, zu einer lokalen Berühmtheit, nach der ich schon beim Abholen meines Mietwagens am Flughafen gefragt wurde.

Gerade als ich mich an den Twang in der Stimme gewöhnt hatte, ging es schon weiter. New York begrüßte mich mit der Mutter aller Staus und einem Temperatursturz von gut und gerne 20 Grad. Wieder ein völlig anderes Bild, wieder viel zu sehen, zu hören, zu fragen. Und wieder anderer Journalismus. Kommentierendes bei MSNBC, wirtschaftliches bei Bloomberg oder experimentelles bei der New York Times — keine zwei Termine waren gleich. Dafür (und nicht nur dafür) sorgte unser Gruppenleiter Jon Ebinger, der unsere Truppe koste es was es wolle rechtzeitig überall dort ablieferte, wo wir erwartet wurden.

Klingt stressig? War es auch. Aber im besten denkbaren Sinn des Wortes. Als ich nach gut drei Wochen wieder in Old Europe gelandet war, brauchte ich einige Tage, um all die Eindrücke und Erlebnisse zu sortieren. Das Programm flog vorbei, mit vollen Tagen und langen Abenden, die wir Stipendiaten aller Warnungen vor Lagerkoller zum Trotz oft zusammen verbrachten. Bei meinen Mitstipendiaten, meinem Station-Host Patrick, unserem Gruppenleiter Jon und selbstverständlich bei der RIAS-Kommission, insbesondere bei Rainer Hasters, Lisa-Marie Ziß und Isabell Hoffmann, möchte ich mich für diese Erfahrung herzlich bedanken.

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Petra Muhr, Südwestrundfunk, Baden-Baden

„Stille Nacht“ im Oktober — Meine Station Week in Milwaukee

„Oh wie kalt” — ist das erste, was ich denke, als ich in Milwaukee/Wisconsin aus dem Flughafengebäude komme. In Washington habe ich noch bei frühlingshaften 20 Grad problemlos T-Shirt getragen. Aber bei meiner Ankunft im Norden der USA am Lake Michigan bin ich mehr als froh, meinen Wintermantel und die Handschuhe griffbereit im Handgepäck verstaut zu haben. Gut, dass sich meine host Lori so gut gekümmert und mich per Mail schon darauf vorbereitet hat…

Lori Bergen ist Dean (Dekanin) des Diederich College of Communication an der jesuitischen Marquette University in Milwaukee und betreut mich während der station week. Durch Loris großes Netzwerk bekomme ich einen guten Überblick über die Medienlandschaft in der Region. Zusätzlich erfahre ich, wie Journalismus an einer U.S.-Uni gelehrt wird. Da ich bei meinem Heimatsender auch in der Ausbildungsabteilung tätig bin, ist das eine perfekte Mischung für mich.

Lori selbst ist zwar sehr beschäftigt, hat aber ein klasse Team, das alles bestens für mich organisiert. Großes Dankeschön an dieser Stelle an Julie, Loris Assistentin, die mir die Zeit sehr abwechslungsreich und herausfordernd gestaltet. Sie vereinbart Termine bei zahlreichen TV- und Radiostationen in Milwaukee und sogar in Chicago. Ich unterhalte mich mit Moderatoren, News-Anchors und Redakteuren über ihre Jobs. In fast jedem Gespräch wird deutlich, wie wichtig das Web 2.0 für die amerikanischen Reporter und Programmmacher ist. Beim Blick auf die Rechnerbildschirme in den Newsrooms fällt auf: während bei uns in Deutschland der Agenturticker oft die wichtigste News-Quelle ist, hat in den USA jeder Redakteur in erster Linie seinen Twitter- und Facebook-Account offen, der als allererste Infoquelle dient.

Ich darf an vielen Themen-Konferenzen teilnehmen und erfahre zum Beispiel bei einem lokalen kommerziellen TV-Sender in Milwaukee, dass in Wisconsin das Frauen-Halloween-Kostüm-Nummer 1 in diesem Jahr „Catwoman“ ist und dieses Thema filmisch für die lokalen Spätnews umgesetzt werden soll. Es ist übrigens der Tag an dem „Handy-Gate“, wie wir es in Deutschland nennen, ans Licht kommt. Ein Redakteur macht einen Witz in meine Richtung: „Our President listened to your Chancellor´s phone – but we don´t cover it here…” Klar, denke ich, sind ja auch Lokal-Nachrichten, in denen die Verlegung einer Bushaltestelle oder der Bau eines neuen Spielcasinos oder eben das Halloween-Kostüm-Nummer-1 im Bundesstaat nun mal die wichtigste Rolle spielen.

Auch sonst sind die U.S.-Medien eher zurückhaltend beim Thema NSA-Affäre. Bei der New York Times, der Washington Post oder dem Online-Dienst Politico bekommt man wenigstens kleine Abschnitte darüber zu lesen; die Mehrheit der überregionalen U.S.-Medien interessiert sich in diesen Tagen aber überwiegend für die Software-Probleme mit Obamas healthcare Webseite. Ich mache trotzdem die Erfahrung, dass die Menschen auf der Straße die Spähaffäre sehr wohl bewegt und interessiert. Denn wenn ich erzähle, dass ich aus Deutschland komme, höre ich oft Sätze wie von Carry, einer Krankenschwester, die ich im Zug nach Chicago treffe. Sie gibt zu, Patriotin zu sein, sagt aber gleichzeitig: „Mir ist so peinlich, was hier in der Politik gerade passiert. Der Shutdown und die Spähaffäre — „embarassing“! Hoffentlich fällt das nicht auf uns, das Volk, zurück.”

Auch Joe vom „Milwaukee Liederkranz” hat ähnliche Bedenken. Er ist einer von vielen Einwohnern Milwaukees mit deutschen Wurzeln. Milwaukee gilt als die deutscheste Stadt Amerikas: zahlreiche Restaurants, in denen es Bratwurst und Sauerkraut gibt; Biergärten, das „German-Fest” im Sommer oder mehr als 40 Vereine, die die deutsche Kultur heute noch pflegen, belegen das. Der „Milwaukee Liederkranz” ist einer davon. Ich besuche eine Probe und finde mich inmitten einer Gruppe von überwiegend 60- bis 80-jährigen Männern wieder, die deutsche Lieder singen. Mitten im Oktober stimmen sie das Weihnachtslied „Stille Nacht” an — das muss schließlich sitzen für die baldigen Auftritte bei Weihnachtsfeiern. Irgendwie „weird”… aber ich lerne an diesem Abend viel über die Geschichte von „German Athens of America“, wie Milwaukee früher mal genannt wurde: Im 19. Jahrhundert kamen die ersten deutschen Einwanderer nach Wisconsin. Sie hofften, dass es am Ufer des Michigan-Sees fruchtbares Ackerland gab. Insgesamt hat es drei große Einwanderungswellen aus Deutschland gegeben. Diese Zeit ist lange vorbei. Die beiden Weltkriege führten dazu, dass sich anti-deutsche Stimmung breit machte. Doch das hat sich in den letzten Jahrzehnten wieder geändert und die deutsche Kultur wird wieder hochgehalten. Viele Deutsche haben sich in Milwaukee übrigens einen Namen gemacht, z.B. die Bierbrauer Pabst und Miller.

Ähnlich Geschichtliches erfahre ich auch von Albert Brugger, Schulleiter der German Immersion School, einer öffentlichen Grundschule. Dort werden die Schüler in erster Linie auf Deutsch und mit deutschen Lehrbüchern unterrichtet. Natürlich lernen sie dort auch Englisch. „Die Eltern schicken ihre Kinder zu uns, weil sie wollen, dass die Kinder früh mit einer zweiten Sprache in Kontakt kommen. In anderen Teilen Amerikas ist Spanisch populär, bei uns eben Deutsch“, erklärt mir Brugger. Diese public school ist zugänglich für jeden. Kinder aller Hautfarben von fünf Jahren bis zur 5. Klasse lernen dort gemeinsam in einer fremden Sprache — das verbindet. Wie schon aus anderen Gesprächsrunden in meiner station week lerne ich: In Milwaukee ist frühe Integration sehr wichtig, denn „segregation”, die Rassentrennung, ist in dieser Stadt nach wie vor ein großes Problem.

Zurück an der Universität treffe ich Prof. Erik Ugland, der Medienethik und Medienrecht unterrichtet. Wir diskutieren unter anderem über die unterschiedlichen Mediensysteme. Vor allem ist er am deutschen Modell des Rundfunkbeitrags interessiert. „Impossible in the U.S.“ — so seine Reaktion. Es ist nicht das einzige Mal, dass ich unser System erklären soll. Auch Mitch Teich, Moderator bei WUWM will mehr darüber wissen. WUWM ist eine NPR-Station und Mitch ist ganz verblüfft, dass das Public Radio in den Staaten nicht mit unserem System vergleichbar ist.

Viel Spaß habe ich bei Dozentin Carole N. Burns und ihrer „Digital Unit“. Ich bekomme von ihr einen Fotoapparat in die Hand gedrückt und soll beim Filmen des Campus Games „Humans vs. Zombies” mitmachen. Caroles Team dreht über dieses „Vor-Halloween-Spektakel” einen Videofilm fürs Web und soll Fotos online stellen. Ich fühle mich ein bißchen wie in einem Trash-Hollywood-Film: ein Abend, der die Vorurteile über waffenverrückte Amerikaner bestätigt. Studenten als Zombies verkleidet werden von anderen Studenten, den Humans, mit Spielzeugpistolen über den Campus gejagt — und umgekehrt… Hmm, ich muss gestehen, meine Fotokünste werden im Dunkeln mächtig auf die Probe gestellt und die Ausbeute von guten Fotos lässt leider auch zu wünschen übrig. „Egal“ — sagt Carole zu mir, Hauptsache: „it was fun!“

In der Tat, ich hatte sehr viel Spaß, nicht nur an diesem Abend auf dem Campus. Es war eine großartige Station Week in Milwaukee. Ich habe viel über eine Stadt gelernt, in die ich wohl niemals einfach nur in den Urlaub gefahren wäre.
Nicht zu vergessen natürlich die Termine und Begegnungen in Washington und New York oder die Gespräche mit den anderen Teilnehmern unserer Gruppe! Das alles hat mir sehr viel Input und Ideen für die Zukunft geliefert. Danke RIAS, für diese Chance!

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Julia Rubner, Mitteldeutscher Rundfunk, Dresden

Meine Reise beginnt und endet im Copy-Shop. Bis zum Schluss hatte ich im April an meiner Bewerbung gefeilt, sie in allerletzter Minute in den Copy-Shop und auf den Weg nach Berlin gebracht. Das gleiche Spiel jetzt mit der Schlussrechnung: Last Minute. Lisa Ziss von der RIAS-Kommission hat mich freundlich an meine Pflicht erinnert.

Was jetzt noch fehlt, ist der Essay. Ich bin spät dran. Rainer Hasters und Lisa Ziss haben es gut gemeint mit ihrem Hinweis, den Erfahrungsbericht möglichst bald niederzuschreiben — „damit nichts in Vergessenheit gerät“. Ich kann hiermit wenigstens versichern: Man vergisst nichts. Ich habe nichts vergessen. Das ist beruhigend und ich gehe davon aus, dass das auch so bleibt.

Es fällt trotzdem – oder gerade deswegen – nicht leicht, drei Wochen RIAS-Programm auf ein A4 Blatt zu pressen: Standard, Arial, Schriftgröße 10, sagt Word. So ganz und gar anders war diese Reise. Definitiv kein Standard.

Shutdown in Washington D.C.

Auf nach Washington D.C., heißt es für mich und neun Journalisten-Kollegen Mitte Oktober. Endlich. 18 Stunden nachdem in Dresden meine Wohnungstür ins Schloss gefallen ist, tapse ich übermüdet und immer noch ein bisschen ungläubig über meine RIAS-Zusage ins Foyer unseres Hotels. Ich bin die letzte Teilnehmerin, die an diesem Montagabend anreist. An der Hotelbar findet zu diesem Zeitpunkt bereits die erste inoffizielle Kennenlernrunde statt — wie ersten E-Mails zu entnehmen ist. Klingt vielversprechend, denke ich, nach einer überaus aufgeschlossenen und unternehmungslustigen Truppe. Und ich sollte recht behalten. Ich treffe auf neun großartige Kollegen aus der ganzen Republik, von unterschiedlichen Sendern, aus den verschiedensten Redaktionen — Aktuelles, Sport, Satire, Magazin. Allein für dieses kollegiale Journalisten-Speed-Dating ist der RIAS-Kommission nicht genug zu danken.

Unsere erste gemeinsame Woche in Washington steht ganz im Zeichen des Government-Shutdowns. Die Nachrichten darüber zu verfolgen ist das eine, mittendrin zu sein etwas ganz anderes. Am deutlichsten wird die Situation an der berühmten National Mall. Weil das riesige Areal mitten im Stadtzentrum zu einem Nationalpark gehört, ist es komplett abgesperrt. Betreten ist hier seit Tagen verboten. Eigentlich — denn inzwischen lässt die Polizei Touristen durch Lücken in den Barrikaden in den Park schlüpfen. Ob aus Mitgefühl oder mangelnder Anzahl von Sicherheitskräften ist unklar. Nur bei Abraham Lincoln ist mit den Beamten nicht mehr zu spaßen. Von seinem Marmor-Sessel aus blickt der Präsident hinab auf seine Besucher hinter der Absperrung, die ihm diesmal nicht zu Nahe kommen dürfen.

Während in Museen und Nationalparks die Zeit still steht, brennt in den Redaktionen die Luft — der Shutdown ist das Thema, seit Tagen. Wir besuchen CNN Washington. Political Director Mark Preston hat eigentlich keine Zeit für uns, nimmt sie sich aber trotzdem. Um die wenigen Minuten vor dem nächsten Meeting optimal zu nutzen, spricht er unfassbar schnell. Schnell sein, darum geht es. Der Zeitdruck ist spürbar, während Mark Preston uns im Sekundentakt mit Informationen füttert. Angesichts der angespannten Lage hätte wohl auch er nichts gegen ein baldiges Ende des Zeitfressers Shutdown. Die Situation ist abstrus: Der Staat stellt den Betrieb ein — In Deutschland in jeder Hinsicht undenkbar.

Auf einem Treffen mit Vertretern der Heritage Foundation, einem konservativen Think Tank, wird wenige Tage später noch einmal äußerst klar, wie tief die Gräben zwischen Republikanern und Demokraten sind. „Obamacare? Nicht mit uns!,” lautet die Botschaft. Ein Kompromiss ist faul, der Shutdown ein unvermeidbares Übel. Auf die Frage, ob nicht jeder einen Anspruch auf eine bezahlbare Krankenversicherung haben sollte, bekommen wir die Antwort, dass auch ohne Obamacare niemand in den Vereinigten Staaten auf der Straße sterben muss — ein Satz, der uns zwei Wochen später in New York noch einmal lebhaft in Erinnerung gerufen wird.

Die Station Week

Nach einer intensiven Woche in Washington D.C. rückt die Praktikumswoche heran. Mich hat es zusammen mit Jan Farclas in den Mittleren Westen verschlagen. Unser Ziel ist die Indiana University in Bloomington. Der Campus in der 80.000-Einwohner-Stadt ist einer aus dem Bilderbuch: Eine charakteristische Bildungsburg in der Mitte umgeben von bunten Holzhäusern mit Schaukelstuhl-Veranda, in denen teils Institute, teils Studenten untergebracht sind. Unser Host Rosemary Pennington hat für unsere Woche einen perfekten Plan ausgearbeitet. Wir verbringen die Zeit sowohl in Vorlesungen an der School of Journalism als auch bei WFIU Public Radio und WTIU Public Television. Interessant an der Rundfunkstation mitten auf dem Campus ist die Arbeitsweise. Die Journalisten, fast alle Anfang 20, produzieren am sogenannten Indiana Newsdesk medienübergreifend Inhalte für TV, Radio und Online. Arbeitsteilung Fehlanzeige. Im Ernstfall heißt das: Ein Autor dreht seinen Beitrag als VJ selbst, textet und schneidet ihn, stellt Töne oder einen Beitrag für den Hörfunk bereit und schreibt eine Online-Nachricht dazu. Das Flaggschiff der Redaktion ist eine halbstündige wöchentliche Nachrichtensendung, produziert in einem Studio, das angesichts seiner Größe so manchen alten Fernsehhasen vor Neid erblassen lässt.

In der Radiostation machen wir die interessante Erfahrung, was es in den Vereinigten Staaten heißt, eine öffentliche Rundfunkstation zu sein. Wir werden Zeuge eines sogenannten „Fund Drive”. Eine Woche lang sendet WFIU Perlen aus dem Archiv und bittet seine Hörer um eine freiwillige Spende. Für 120 Dollar gibt es dann beispielsweise zum Dank die 4. Staffel Downton Abbey auf DVD und das Gefühl, einen wichtigen Beitrag geleistet zu haben. 400.000 Dollar soll der „Fund Drive” am Ende in die Kasse des Senders spülen. Dass unser Rundfunkbeitrag in Deutschland ganz automatisch pro Haushalt eingezogen wird, will man an dieser Stelle dann lieber nicht so laut erwähnen.

Wiedersehen in New York City

In New York kommen wir aus allen Himmelsrichtungen wieder zusammen. Die Stimmung ist ein bisschen so, als träfe man sich nach den großen Sommerferien in der Klasse wieder. Jeder hat Geschichten im Gepäck, die er loswerden muss. Viel Zeit bleibt für den Rückblick nicht, denn schon strömen neue Eindrücke auf uns ein. Wir sind dabei als UN-Generalsekretär Ban Ki-moon den Pianisten Lang Lang zum Friedensbotschafter ernennt, sind in einer High School zu Gast, treffen Vertreter der American Jewish Committee. Über jeden dieser Termine ließe sich ausufernd berichten, doch das Treffen, das mich in New York am meisten bewegen wird, ist das mit Bob Jamieson. Der Journalist und RIAS-Fellow hat uns in seine Kirche auf der Madison Avenue in der schicken Upper East Side eingeladen. Einmal pro Woche kocht er hier in St. James zusammen mit anderen Freiwilligen für Menschen, die sich keine warme Mahlzeit leisten können, die kein Dach über dem Kopf haben. An diesem Dienstag zieht der Duft von Chicken Curry und frisch gebackenem Schokoladenkuchen durch die Gänge. Im Gemeindesaal haben Bob und seine Helfer zehn runde Tische eingedeckt, an denen die Gäste in einer knappen Stunde Platz nehmen werden. Bob spricht respektvoll von Gästen, nie von Obdachlosen. Wer hierher kommt, erklärt er uns, wird umsorgt wie in einem Restaurant. Eine feste Bedienung serviert, schenkt nach, räumt ab. Die 93jährige Pat macht das seit fast drei Jahrzehnten. Die zierliche Dame mit dem weißen Haar und den rot geschminkten Lippen prüft gerade gut gelaunt und gewissenhaft, ob auf ihrem Tisch nichts fehlt. Zu Pats Vorbereitungen zählt wenig später auch ein kurzer Blick in ihren kleinen Handspiegel. Schnell trägt sie noch einmal Lippenstift auf — bevor die Gäste kommen.

Fast 190 Menschen werden Pat, Bob und die anderen an diesem Tag verköstigen, ein Drittel mehr als erwartet. Die Zahl derer, die in New York auf der Straße leben, steigt stetig. Viele können sich keine Wohnung leisten, obwohl sie täglich zur Arbeit gehen. „Being homeless in New York City doesn’t mean you don’t have a job,” erklärt Bob. Das Gespräch bei der Heritage Foundation in Washington kommt zur Sprache. Niemand müsse auf der Straße sterben, weil er nicht krankenversichert ist. Bob schüttelt den Kopf: „They do!” Wir verlassen St. James auf der Madison Avenue. Direkt nebenan liegen Schuhe im Schaufenster eines Luxus-Herrenausstatters, für knapp 1.000 Dollar.

Ein Resümee
Ich habe diese Reise nicht blauäugig angetreten. Mir war überaus klar, dass es in Millionenmetropolen wie New York gewaltige soziale Unterschiede gibt, dass Politik in den Vereinigten Staaten anders gemacht wird, dass Präsident Barack Obamas Gesundheitsreform heftig umstritten ist. Doch die unmittelbare Begegnung, das Mittendrin sein, das Fragen stellen können machen den Unterschied. Danke RIAS, für diese großartigen drei Wochen.

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Uwe Schulz, Westdeutscher Rundfunk, Köln

Mein Reisewörterbuch

Ann Thompson
Sie ist News Editor beim Public Radio von Cincinnati, WVXU, meine Gastgeberin und eine energiegeladene Football-Mom wie aus einem Kinofilm. Ihr Jüngster, der zwölfjährige Curt, will von mir auf der ersten gemeinsamen Autofahrt wissen, ob die „German Autobahn“ nicht von Wracks gesäumt sei, da doch laut Mom dort alle so schnell fahren dürften, wie sie wollten. Ich versichere ihm, dass die Deutschen ihre Autowracks stets ordentlich von der Piste räumen. Ann lächelt dazu etwas verunsichert. Am letzten Tag meines Besuchs friert sie sich dann neben mir auf der Betontribüne der Highschool die Füße ab, isst mit mir gemeinsam eine etwas schlabbrige Pizza und erklärt mir nebenbei die Grundzüge des American Football, nur weil ich einmal im Leben ein Spiel live sehen wollte. Das ist Gastfreundschaft.

Ban Ki Moon
… will sein erstes Presse-Briefing schon im Morgengrauen erhalten. Sein Pressereferent Nesirky („Hello, I’m Martin.“) steht deshalb bereits vor 5 Uhr auf, um die veröffentlichte Meinung tagesaktuell für den Generalsekretär zu analysieren. Sowas erfährt vermutlich nicht jeder bei der UNO akkreditierte Journalist. Wir schon. Ein Privileg.

Chili Bowl, Ben’s
Die Top-Frittenschmiede von Washington, wenn wir dem Mythos Glauben schenken wollen, der seit 1958 um diesen Laden gewachsen ist. Bill Cosby war schon da, Chris Tucker, Barack Obama – und jeder Touri, der Trip Advisor geklickt hat. Nice.

Digital Outlets
Crossmedialität ist in vielen US-amerikanischen Medienunternehmen bereits Praxis. Der Verbreitungsweg bestimmt, in welcher Darstellungsform journalistischer Inhalt zu den Rezipienten gelangt. Reich scheint damit aber noch keiner geworden zu sein.

Entrance
In Washington und New York ein Redaktionsgebäude zu betreten, bedeutet, erkennungsdienstlich grundbehandelt zu werden. Kein Einlass ohne Personalausweis, Security Check und Hausausweis. Und „no photos“ auf den Fluren von New York Times und Bloomberg. Sind dort wohl sicherheitsrelevante Geheimnisse verborgen?

Facebook
Verblüfft hören wir, wie selbstverständlich uns ein so jung-dynamischer wie arrivierter Fernsehjournalist in Washington erzählt, er poste von zu Hause aus bei Bedarf noch ein Follow-Up zu einer Story, die er tagsüber recherchiert und produziert hat, wenn diese sich am Abend weiterentwickele. – Hat da jemand „Tarifvertrag“ gesagt?

Government Shutdown
Das dominante Thema in Washington. Manchen öffentlichen Bediensteten, die wir sprechen, drohen wegen der Haushaltssperre die flüssigen Mittel auszugehen, um ihre monatlichen Rechnungen zu bezahlen. Andere sind wiederum unzufrieden, als die Blockade dann doch recht überraschend endet: Sie hätten gerne noch mehr Zeit für ihre privaten Erledigungen gehabt. Auch die Tea Party kann es offenkundig nicht allen recht machen.

Halloween
… übertrifft den rheinischen Straßenkarneval an Intensität. Kaum Suff, dafür viele liebevolle und stilvolle Outfits an hübschen Menschen mit üppigem Talent zum Posen.

Is it Safe?
Eine Frage, die in Cincinnati durchaus auf Verständnis trifft und differenzierte Antworten provoziert: Acht Blocks die Vine Street hinauf, sagt der Portier des Hotels im Zentrum, beginne mit der Dämmerung die riskante Zone für einen Besucher wie mich. Zuviel Alkohol, zu viele Waffen. „Is it safe?“ Dieselbe Frage scheint Jon in Washington richtig zu ärgern. „I don’t understand the question,“ grummelt er. Also tapern wir dort munter durch die Nacht.

Joshua
Er ist ein uramerikanischer blonder Junge von Mitte 20 und verkauft Cappuccino im viktorianisch anmutenden Findlay Market Cincinnatis. Dazu trägt er das grüne Auswärtstrikot der deutschen Fußballnationalmannschaft und gibt mir einen Tipp, wo ich Downtown am Nachmittag das Champions League-Gruppenspiel des BVB sehen kann. Ich ahnte es, aber Joshua sagt es lieber noch einmal: „German Fussball is the best.“

Kentucky
Viele kennen den Staat wegen seiner Whiskey Destillerien. Dass Kentucky auch ein Quilt Trail kreuzt, der durch mehr als 40 weitere Bundesstaaten führt, erfahre ich erstmalig bei einem Abendessen von RIAS fellows in Maryland von Julie Donofrio. Sie arbeitet gerade an einer Filmdokumentation über diese imposante Scheunen-Deko und startet bald ihr Fundraising. Mir imponiert, wie beherzt und risikofreudig hier viele Journalistinnen und Journalisten arbeiten.

Love
… lautet der richtige Begriff, wenn du Sympathie für die USA ausdrücken willst. „Sympathy“ hat im Amerikanischen einen starken Beiklang von „Mitleid“ und kann Irritation auslösen. Also: „I love your country.“

Mobile Phone
Das Mobiltelefon der Kanzlerin findet in seriösen Zeitungen wie in albernen Late Night Shows Erwähnung, denn die NSA hat über Jahre hinweg anscheinend auch Frau Merkels Kommunikationsdaten abgefischt. Eine Schnüffelaffäre? Nein. Nach Meinung mancher Erzkonservativer in den USA handelte die NSA durchaus korrekt; schließlich hatte die Bundesrepublik Geschäftsbeziehungen zum Iran.

Newport on the Levee
Hier treffe ich eine Medizinerin, die im Hospice of the Bluegrass Northern Kentucky arbeitet, zum Interview. Sterben, soviel scheint sicher, ist jenseits des Atlantik genauso schwer wie diesseits. Die Palliativmedizin ist noch ausbaufähig, vor allem die Schmerztherapie. Fassungslos erfahre ich, dass manche Familienangehörige der sterbenskranken Oma, ja sogar dem eigenen leidenden Kind, das Betäubungsmittel vom Nachttisch zu stehlen imstande sind, um den Stoff zu verdealen oder die eigene Sucht zu befriedigen.

Over the Rhine
Ein architektonisches Zeugnis deutscher Pionierarbeit in der Stadt Cincinnati: Der Stadtteil Over the Rhine mit mehr als 900 historischen Gebäuden aus dem 19. Jahrhundert schwebt heute zwischen totalem Verfall und Revitalisierung. Vielleicht ein Sinnbild für den Zustand des Landes …

Filipino
„You little Filipino,“ ruft in einem New Yorker Imbiss ziemlich schroff die bildhübsche Aushilfs-Waitress mit bronzefarbener Haut ihrem tatsächlich recht kurz geratenen Kollegen mit asiatischen Zügen hinterm Tresen zu. Aus welchem Anlass auch immer. Sie grinst, er lächelt schräg. Ich weiß bis heute nicht, ob die deutsche Humorpolizei diese Fopperei in aller Öffentlichkeit hätte durchgehen lassen.

Question, Good
Der stärkste rhetorische Kniff, der uns bei Lobbyisten verschiedener Couleur in D.C. und NYC begegnet ist. Erscheint einem PR-Referenten deine Frage abseitig, provokativ oder gar völlig unverständlich, er wird trotzdem als Erstes sagen: „Good question,“ um dann mit dem fortzufahren, was er ohnehin zum weitläufig verwandten Thema gesagt hätte.

Rhythm and Blues
In einer winzigen, völlig unscheinbaren Imbissbude an der US 52 am Rand von Cincinatti spielt noch vor der Dämmerung an einem ganz normalen Donnerstagabend zwischen Bistrotischen und mampfenden Pärchen eine dreiköpfige RnB-Kapelle live und halbwegs unplugged einen so brillanten wie hinreißenden Gig, der in Deutschland große Clubs füllen würde. In dieser Bude hingegen nehmen die Gäste die durchreisende Combo anscheinend hin wie eine etwas zu laut eingestellte Jukebox. Wer gerade keine Gabel zum Mund führt, klatscht höflich Applaus, und mir wird klar: Touren durch die Staaten härten Musiker fürs Leben ab.

Soup Kitchen
In der Upper East Side sprechen die freiwilligen Helfer und Spender nicht von einer Suppenküche. Sie laden ihre „Gäste“, die Bedürftigen der Stadt, zu Tisch und kredenzen auf den dekorierten Tafeln stilvoll angerichtete Menüs. Bürgerschaftliches Engagement solcher Prägung ist überwältigend.

Talk
… gleitet in den U.S.-Medien nicht nur in den Late Night Shows verblüffend oft ins Zotige ab. Beispiel: Jay Leno erzählt vom amourösen Kontrollverlust eines Paares bei einem Inlandsflug. Seine Pointe lautet: „I think the airline was Jetblue.“ (Eine Billigairline, die wirklich existiert.) Ein Riesenbrüller fürs mitternächtliche Publikum. So viele Anspielungen auf die menschliche Privatausstattung wie im amerikanischen Fernsehen habe ich in Deutschland zuletzt in Jahrgangsstufe 8 gehört.

Uwe
Selbst die sprachgewandtesten U.S.-Amerikaner scheitern an meinem Vornamen. Auf Platz 3: „You-We.“ Platz 2: „Oo-Wae.“ Einmalig, aber zweifellos auf der 1: „Awe.“ Im Starbucks lasse ich schon am zweiten Tag „Paul“ auf meinen mittelgroßen Cappucino schreiben. Die deutschen Ohrenzeugen sind irritiert, ich bin ausgesprochen entspannt.

Valuable
Bei der Washington Post erläutert uns der smarte Projektbeauftragte für den Digitalauftritt, wer aus der Stammredaktion vor der Webcam mitwirkt und wer nicht. Über einen offenkundig altgedienten Wirtschaftsredakteur sagt der Youngster: „Er arbeitet nicht fürs Web,“ mit der gänzlich ironiefreien Begründung: „He is too valuable.“ Ein abgründiger Satz, wie mir scheint.

Wait, wait don’t tell me
Eine Quizshow des National Public Radio, die im Oktober 2013 erstmalig in ihrer zwei Jahrzehnte währenden Geschichte in der Music Hall von Cincinnati gastiert. 3300 zuschauende Hörer im Saal „going nuts“, vom jungen Studenten bis zum klapprigen Pensionär, demonstrieren: Das Radio lebt!

Xenophobia
… ist ein Begriff, den ich mich in der Debatte mit Studenten der Georgetown University sagen höre, als sie fragen, warum in Deutschland die Integrationsdebatte seit Jahrzehnten so kontrovers verlaufe. Mein RIAS-Fellow wird mich gleich „berichtigen“. Er lebt schließlich in einem bunten Kiez von Berlin und lobt das tägliche multikulturelle Miteinander. Am Ende der Debatte schauen die Studenten so ratlos wie wir schon zu Beginn.

Y
Why? Mit diesem Fragewort nähern wir uns in vielen Gesprächen unseren Gastgebern. Diese „Warums” haben stets dieselbe Wirkung: Sie zwingen zur Differenzierung, und sie zerstören Klischees.

Zewdneh
Unsere erste Taxifahrt vom Flughafen Dulles ins Herz von Washington gleicht einem 50minütigen Intensivkurs in Systemkritik. Unser Fahrer Zewdneh ist belesen, bekennend links und gut bewaffnet mit Argumenten, die am freiheitlich-demokratischen Credo der Vereinigten Staaten kratzen. Beispiel: „Ist es etwa Zufall, dass die Gefängnisse privatisiert und gleichzeitig die Strafen für den Besitz von Straßendrogen verschärft, die für Schickeria-Rauschmittel aber gemildert wurden?“ Die Antwort gibt er selbst: „Nein. Die Gefängnis-Betreiber wollen ihre Zellen füllen, und der Gesetzgeber tut ihnen den Gefallen.“ So kurz nach der Landung weiß ich nicht, ob das stimmt … Erst mein Faktencheck später nährt den Verdacht, dass Zewdneh Recht hat.

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