Mr. Rias

JÜRGEN GRAF, AUCH BEKANNT ALS MR. RIAS
1927–2007


Kurzbiografie

29.12.1927 In Berlin geboren

Heinrich von Kleist Gymnasium Berlin

  • 1937–1939 Internate Davos und Arosa
  • 1940–1943 Schondorf am Ammersee; Luftwaffenhelfer; Kriegsabitur
  • Mai–Juli 1945 Reporter beim Sowjetischen Berliner Rundfunk
  • August 1945 Bei US Information Control Division am Aufbau des späteren RIAS Berlin beschäftigt. Seit dieser Zeit ununterbrochen (37 Jahre) beim RIAS Berlin beschäftigt
  • 1949–1951 4 Semester Publizistik- und Germanistik-Studium an der Freien Universität Berlin
  • Seit 1955 In ständiger freier Mitarbeit ca. 600 eigene Fernsehsendungen bei der ARD, u.a. von 1958 bis 1979 die Quizsendung „Die sechs Siebengescheiten“ mit 260 (!) Folgen, was damals einen Europarekord darstellte.
  • 1961 Buchveröffentlichung: „Berlin“, Andermann-Verlag, München

seit 01.05.1982 Pensionierung

Großes Bundesverdienstkreuz
Großes Ehrenzeichen der Republik Österreich
US-Meritorious Honor Award
Carl-Schurz-Plakette für deutsch-amerikanische Aktivitäten
Fernsehpreis der deutschen Philologen
Ehrenbürger der Stadt Rheinsberg

Seit der Pensionierung: Mitglied der RIAS BERLIN KOMMISSION;

Über 30 Jahre in verschiedenen deutsch-amerikanischen Organisationen tätig:
Checkpoint Charlie-Stiftung;
Initiative Berlin — USA;
Städtepartnerschaft Berlin — Los Angeles
Atlantik-Brücke
American Academy in Berlin.

20.10.2007 In Berlin im Krankenhaus nach schwerer Herzoperation gestorben.


Vom DIAS zum RIAS — und dann noch mehr als drei Jahrzehnte
Manfred Rexin interviewt Jürgen Graf

Jürgen Graf, Jahrgang 1927, von 1945 bis 1983 journalistische Tätigkeit für DIAS und RIAS Berlin als Reporter, Redakteur und Redaktionsleiter, daneben von 1952 an auch als Moderator von Fernsehsendungen im Deutschen Fernsehen (NDR Hamburg, Südwestfunk Baden-Baden, Sender Freies Berlin). Heute Vorsitzender der Stiftung RIAS Berlin Kommission, stellvertretender Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung Checkpoint Charly, Mitglied der Kuratorien der American Academy in Berlin und der Atlantik Brücke e.V., Mitglied des SFB-Rundfunkrates und Vorstand des Förderervereins der Stadt Rheinsberg. Unter vielen Auszeichnungen auch Großes Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland.

M.R.: Geboren 1927, waren Sie bei Kriegsende 18 Jahre alt. Ihre Zeit beim Rundfunk begann sehr früh — noch vor der ersten DIAS-Sendung. Sie waren 38 Jahre lang mit RIAS Berlin verbunden. Wie fing das an?

Jürgen Graf: Ich wäre wahrscheinlich länger als 38 Jahre beim RIAS noch gewesen und hätte dann das richtige Pensionsalter erreicht, aber die Gesundheit hat es nicht erlaubt — ich habe zwangsweise aufhören müssen.

Ich war 1945 durch einen Zufall an den Berliner Rundfunk gekommen, der unter russischer Kontrolle stand — in der Masurenallee. Ich sollte dort eigentlich Kisten schleppen und Ähnliches, um ein Pajok-Paket zu erlangen. Eines Tages — Anfang Mai 1945, Berlin brannte noch — kam ein Herr auf mich zu, der später sehr bekannt wurde als Intendant des Renaissance-Theaters, Theodor Mühlen. Er hat auch im RIAS viele Hörspiele gemacht. Er sagte: „Junger Mann, kommen Sie mal her, machen Sie hier eine Mikrofon-Probe — wir können Sie vielleicht gebrauchen. Sie haben eine jugendliche Stimme.“ Das tat ich. Am 13. Mai 1945 lief die erste deutschsprachige Sendung überhaupt über einen deutschen Sender. Der Nachrichtensprecher war anwesend. Dem Programmsprecher aber hatte die Russen das Fahrrad weggenommen, das sie ihm kurz zuvor geschenkt hatten. Da sagte mir Herr Mühlen: „Sie müssen jetzt hier was ansagen!“ Sehr schwitzend habe ich dann um 12.15 Uhr gesagt: „Und nun hören Sie unsere Mittagsmusik. Es singt Rossita Serano — Roter Mohn.“ So bin ich zum Rundfunk gekommen — ohne jede Vorbildung. Autodidaktischer kann man an die Sache nicht rangehen.

Später bin ich zum Schulfunk gekommen — zu einem Herrn Katz-Karmer, der anfangs auch im RIAS tätig war. Eine Tages kamen zwei Herren namens Ostertag und Schechter zu meinem Vater und wollten mit ihm reden — es stellte sich heraus, dass sie zu mir wollten. Sie sagten: „Wissen Sie, was Sie da bei den Russen machen, das ist eine feine Sache. Wir schaffen ein Gegengewicht. Wir wollen einen Sender gründen. Haben Sie nicht Lust, zu uns zu kommen?“ So habe ich bereits am 11. August 1945 bei United States Information Control in der Milinowskistraße in Zehlendorf meinen ersten Vertrag erhalten. Ich habe damals Benzin ausgegeben — für die Fahrzeuge, weil es ja noch gar keinen DIAS oder RIAS gab. Es gab ein paar riesige V-Disc-Platten, die wir erprobten, ob sie für den deutschen Geschmack geeignet waren. Mehr hatten wir nicht. Im September fingen wir mit Probesendungen an. Dann zogen wir in die Winterfeldtstraße und machten dort weitere Probesendungen, und am 7. Februar 1946 begann der DIAS zu senden. ich bin ganz stolz auf eine kleine Karikatur, die Hans Kossatz, ein berühmter Karikaturist, mir damals geschenkt hat — ein schwitzendes Männecken vor einem Mikrofon, hinter ihm einer, der ihm auf die Schulter klopft „Reg Dir ma nich uff — Dir hört ja sowieso keener.“ Von da an bin ich 38 Jahre bei diesem DIAS/RIAS gewesen in verschiedenen Stationen. Am Anfang war ich der einzige Reporter des Hauses — bis etwa Ende 1947. Ich habe z. B. eine Sendung bei einem Abitur für rassisch Verfolgte gemacht in der Bayernallee an der Westend-Schule. Hinterher kamen zwei Herren, hörten sich das mit mir und dem Lehrer an, und der eine davon war Gerhard Löwenthal. Er sagte: „Was Sie da machen, finde ich interessant. Mein Vater hat einen Konfektionsladen, und da würde ich eigentlich nicht so gern hin.“ Da bin ich zu meinem Chef Wilhelm Ehlers gegangen und habe gesagt: „Ich kann nicht jede Nacht auf dem Schreibtisch schlafen und alles allein machen. \Nie wär’s denn mit einem zweiten Reporter?“ Der schaute sich den Löwenthal an, und so wurde Gerhard Löwenthal der zweite Reporter, blieb das aber nur kurz, weil er zu Höherem ausersehen war und mehr in die Administration bis zur Programmdirektion ging.

Diese frühe Zeit war noch nicht bestimmt von der Schärfe der Auseinandersetzungen zwischen Ost und West. Wie war Ihr Verhältnis zu den Kollegen desBerliner Rundfunks, die Sie ja zum Teil in den ersten Wochen erlebt hatten?

Wir hatten eigentlich kein Verhältnis — nicht weil die Amerikaner gesagt hätten: „Jetzt bist Du da weg, nun darfst Du da nicht mehr hingehen.“ Man hatte kein Bedürfnis. Hinzu kam für mich als eine gewisse Blockade, dass ich mich nie verabschiedet hatte vom Berliner Rundfunk. Nachdem diese Herren Ostertag und Schechter bei mir zu Hause erschienen waren, bin ich — wie man sagen würde — mit fliegenden Fahnen sofort in die Milinowski-Straße gegangen und habe dort zu arbeiten angefangen. Ich habe weder bei meinem Vorgesetzten Leutnant Golubkow noch bei unserem Chef-Hauptmann Rosanow „Auf Wiedersehen“ gesagt. Ich hatte natürlich etwas Furcht, da wieder hinzugehen der Berliner Rundfunk war ja russisches Territorium. Ich wäre sicher nicht verhaftet worden, hätte aber vielleicht Ärger bekommen. Mit wenigen Leuten — dem erwähnte Theodor Mühlen oder den Drei vom Funk’ — das war ein erstes Funkkabarett mit journalistischem Einschlag, „Herr Fuchs, Herr Königer und Herr Bender“ — hatte ich noch eine Zeitlang ganz gute Beziehungen. Wir trafen uns in einer Kneipe und redeten darüber, was der eine für eine Sendung machte und wie es mit dem RIAS weiterging, aber im Funkhaus in der Masurenallee bin ich nicht mehr gewesen, erst viele Jahre später — schließlich in der Funktion eines Mitglieds des SFB-Rundfunkrates.

1947 kam das Wort „Kalter Krieg“ auf — ein Begriff, den vermutlich Walter Lippmann geprägt hat. General Clay gab die Anweisung, der RIAS möge von Fall zu Fall gegenhalten — die Operation Back Talk. In dieser Zeit hat es auch personelle Änderungen in der Leitung des RIAS gegeben — Ruth Norden ging, und William Heimlich kam. Wie weit haben Sie das als Reporter als Mann des aktuellen Tagesgeschehens wahrgenommen?

Generell gesagt — als Reporter bin ich mit allen Amerikanern, die Vorgesetzte waren (es gab ja nicht nur einen Chef, sondern auch Programmoffiziere, zuständig für Musik, für Hörspiel, für Aktuelles, für Politik), hervorragend ausgekommen mit Gus Mathieu, mit Boris Shub. Ich habe als politischer Reporter nie einen Amerikaner erlebt, der mir gesagt hat, ich dürfe etwas nicht machen. Wer das Vertrauen der Leitung hatte, konnte machen, was er wollte. Er konnte seine Meinung sagen. Ich führe aus späterer Zeit, als ich dann in höhere Funktionen gelangte, das Beispiel eines Kollegen an, der den Vietnamkrieg verurteilte und das in Sonntagskommentaren scharf zum Ausdruck brachte. Öfter riefen die US-Mission und Hörer an und erklärten, es sei doch unmöglich, dass einer so etwas im RIAS sage. Da haben unsere amerikanischen Chefs gesagt, sie fänden den Mann in Ordnung, er sei ein Journalist, der seine Meinung ausdrücke. Wir lebten davon — auch der Bevölkerung im Osten gegenüber — , dass wir auch solche Stimme zu Wort kommen ließen, dass wir also versuchten, möglichst objektiv zu sein. Dass das nicht immer gelang, wenn man Sendungen hat wie „Varady funkt dazwischen“ oder Sendungen für die Volkspolizei, das ist klar.

Ruth Norden war eine schwierige Frau — ohne Frage. Heute würde man sie zum „linken Spektrum“ zählen. Einigen von uns war sie schon zu liberal, Wie weit ihre Verbindungen — durch Familie und andere — reichten, die die Amerikaner so gestört haben, dass sie gehen musste, das vermag ich nicht zu beurteilen. Das vollzog sich in Regionen, in die ich damals nicht vordrang.

Zu Heimlich habe ich eine ganz andere Meinung — ich habe ein paar schlechte Bücher über ihn gelesen in letzter Zeit. Bill Heimlich, den ich sehr gut kannte, auch privat, war ein Oberstleutnant der Luftwaffe und hat sicher eine CIA-Ausbildung mit auf den Weg bekommen, und sicher hat man ihm auch gesagt, es gäbe da einige Linksliberale, er solle aufpassen, dass es da in diese Richtung nicht weiter tendiere. Aber wenn heute in Büchern geschrieben wird, Bill Heimlich sei ein Scharfmacher gewesen, dann muss ich das ablehnen: Er war ein fröhlicher Mann. Er fand es wunderbar, mit Frau Ohlsen befreundet und später verheiratet zu sein. Er umgab sich mit Künstlern, Erik Ode, Hilde Volk. Ich habe ihn für einen politischen Menschen gehalten, aber sicher nicht für einen abgesandten Scharfmacher der CIA.

1948 — die Jahrhundertfeiern zur Erinnerungen an die Revolution von 1848 standen bereits ganz im Zeichen einer schweren Auseinandersetzung zwischen der SED im Osten und den demokratischen Parteien des Westens — dann die Blockade und die Spaltung der Stadt. Sie waren dabei, als im Stadthaus in der Parochialstraße die ersten massiven Attacken auch auf den RIAS erfolgten.

Das Stadthaus in der Parochialstraße hatte eine Empore, einen ersten Rang. Dort gab es nummerierte Sprecherplätze für den Rundfunk und Sitzplätze für die Zeitungen. Der RIAS hatte dort die Plätze 1 und 2. Unter dem Schreibpult waren die Anschlüsse für die Mikrofone. An diesem Tag — am 6. September 1948 — waren wir vorgewarnt, dass etwas geschehen würde. Es war bekannt, dass demonstriert werden sollte. Wir — Peter Schultze und ich — konnten durch die vor dem Tor versammelten Massen zu unseren Sprecherplätzen gelangen. Wir begannen unsere Reportage mit der Beschreibung der Tumulte im Saal die Sitzung konnte nicht beginnen. Louise Schroeder, bemüht, die Menge zur Ruhe zu bringen, formulierte dann ihren berühmten Satz, alle Interessierten könnten den Verlauf der Sitzung im RIAS hören. Darauf kamen zehn, zwölf Demonstranten auf die Empore und riefen: „Wo sind die Strolche vom RIAS?“ Einer zeigte auf uns: „Das sind der Graf und der Schultze!“ Sie rissen das Mikrofon aus der Halterung. Es gab eine Rangelei. Wir wurden geschlagen. Wir versuchten, zurückzuschlagen. Das brachte nicht sehr viel. Sie beruhigten sich wieder, nachdem sie das Kabel herausgerissen hatten. Ein Techniker gab uns den Tip, dass hinter dem Rednerpult, hinter dem großen Vorhang mit dem Berliner Bären noch ein Anschluss für ein Mikrofon vorhanden sei. Ich bin dort hingegangen — Peter Schultze blieb oben auf der Empore — und ich habe dort noch lange weitermachen können. Niemand kam darauf, dass hinter dem Vorhang mit der Fahne noch jemand weiter berichten konnte, bis einer mich dort entdeckte — da war es dann vorbei.

Einer der damaligen Verbindungsoffiziere der Amerikaner — er nannte sich Mr. Biel (später wurde er Alterspräsident des Abgeordnetenhauses, verheiratet mit der Gräfin York von Wartenburg) — warnte uns, es sei höchste Zeit, zu verschwinden. Peter Schultze und ich sind aus dem Fenster einer Herren-Toilette auf das Segeltuchdach eines Jeeps gestiegen und so in der RIAS gebracht worden, um von dort aus unsere Reportage fortzusetzen — über das Ende der Sitzung und unser Entkommen aus dem Stadthaus.

Sind Sie in den folgenden Jahren noch gelegentlich in den Ostteil der Stadt gegangen oder gefahren? Menschen mussten in jener Zeit damit rechnen, dass sie verschwanden, dass sie aus den Westsektoren entführt oder in den Ostsektor gelockt wurden.

Ich nicht! Ich gehöre zu den wenigen in dieser Stadt geborenen Berlinern, die keinen einzigen Verwandten in Ostberlin oder in der späteren DDR hatten. Ich kannte da niemanden. Meine Neugierde habe ich zurückgestellt. Viele Jahre später beschloss die ARD, als eine Art Versuchsballon einen RIAS-Koordinator für Journalisten-Reisen in die DDR vorzuschlagen. Der RIAS benannte mich. Wir waren alle überrascht, dass die DDR mich akzeptierte. Ich hatte dann natürlich meinen Stasi-Menschen, den Genossen Wehmann. Wir trafen uns alle vier Wochen — meistens zum Mittagessen, zu dem der RIAS einlud. Da wurde dann besprochen, ob einer vom Südwestfunk etwas über „Lotte in Weimar“ machen oder ein anderer nach Karl-Marx-Stadt (oder Chemnitz) reisen konnte Ein paar Jahre lang habe ich diese Aufgabe wahrgenommen, und unter diesem Schutz des Einreisevisums, bei dem man auch keine 25 DM umtauschen musste, bin ich häufig durch Ostberlin gefahren. Wenn mir etwas passiert wäre, hätte ich versucht, den Genossen Wehmann zu erreichen. Das waren meine ersten Versuche, den anderen Teil meiner Heimatstadt mal wieder etwas genauer kennen zu lernen.

Noch einmal zurück zur Zeit der Blockade: RIAS konnte oft nicht gehört werden, wenn Stromsperren angesagt waren. Wie haben Sie die Bevölkerung im Westteil der Stadt informiert?

Zu gewissen Zeiten gab es ja Strom — da wurde dann gekocht, gebügelt, Radio gehört. Wir haben von den Amerikaner die sogenannten Weapons Carrier bekommen — größere Jeeps, auf denen ein starker Lautsprecher montiert war. Neben dem Fahrer saß vorn ein Nachrichtensprecher — es gab bestimmte Touren durch Berlin, die eine bis nach Spandau, eine andere über Reinickendorf in den Norden, eine in den Süden, sechs oder sieben am Tage, jede etwa drei Stunden lang. Dort wurden Nachrichten verlesen. Da wir im Sender nicht genügend Nachrichtensprecher hatten, wurden die Reporter gebeten, daran mitzuwirken. Ich habe das mit großer Freude gemacht — es war eine Möglichkeit, mit vielen Berlinern zu sprechen und zu hören, was sie dachten und fühlten. Es war höchst eindrucksvoll, in Spandau auf dem Markt zu stehen — 50, 100 oder gar 500 Menschen versammelt, um Nachrichten anzuhören. Rührend für mich: Der eine brachte einen Apfel aus seinem Kleingarten mit, ein anderer eine Rose: „Gott sei Dank, dass Ihr kommt. Durch Euch sind wir wenigstens informiert!“ Noch heute kommt es vor, dass ich irgendwo in der Stadt spazieren oder einkaufen gehe und dann höre: „Na, Jürjen, weest Du noch? Ick hab immer an Deinem Wagen jestanden und Dir mal einen Appel mitjebracht in Spandau.“ Das weiß ich natürlich nicht mehr, aber rührend sind solche Begegnungen.

Eine Frage zur Technik der Rundfunk-Reportage in dieser frühen Zeit: Wenn Sie — etwa im Juni 1953 — in die Stadt fuhren, um über ein Ereignis zu berichten, führten Sie schwere Tonbandgeräte mit sich.

Sogenannte Gondis, ja, sehr schwer.

Die erste Reportage, die von einem mobilen Standort übertragen wurde, betraf den Berlin-Besuch Präsident Kennedys 1963.

Die größte Schwierigkeit dabei war, von den Amerikanern die Erlaubnis zu erhalten, in dem Konvoi des Präsidenten mitfahren zu dürfen — an einem guten Platz. Unsere Amerikaner im Funkhaus haben dafür kämpfen müssen. Wir haben einen unserer moderneren Übertragungswagen, einen Opel Kapitän mit einer Panorama-Scheibe vorn und einem Schiebedach, mit allen technischen Geräten ausgerüstet — und mit einem kleinen Anhänger für die Batterien der Sendeanlagen. In den Nächten vor dem Kennedy-Besuch sind wir draußen gewesen und haben die Technik erprobt. Wir stellten fest, dass es überall Funklöcher gab. Wir kamen nicht überall gut durch. Das Funkhaus teilte uns über eine Gegenprechanlage mit, wo wir nicht zu hören waren. Darauf hat man in Windeseile auf die Dächer eines Siemenshauses am Anhalter Bahnhof und eines Gebäudes am Flughafen Tegel kleine Verstärker gesetzt, so dass wir aus unserem Wagen eine Funkverbindung zur nächsten Verstärkeranlage und von dort zum Funkhaus hatten. In der langen Reportage während der Fahrt Kennedys durch die Stadt haben wir nicht ein einziges Loch mehr gehabt.

Noch einmal zum Juni-Aufstand 1953: Sie waren während des Aufstandes an der Sektorengrenze, konnten aber nicht direkt vom Ort des Geschehens,sondem nur vom Funkhaus aus senden.

Mit dem sogenannten Gondi, das deshalb so schwer war, weil dazu ein richtiger Akku gehörte, konnte man sich natürlich überall hinstellen. Manchmal musste man auch laufen: Ich erinnere an die berühmte Reportage mit Otto Nuschke da musste Peter Schultze mit dem schweren Gerät neben ihm herlaufen, bis er zum Abschluss kaum noch Luft hatte. Wir haben uns damit gequält — die Geräte wurden aber im Laufe der Jahre immer kleiner und leichter, bis sie in die Jackentasche passten.

Gab es Phasen, in denen — mal abgesehen von der Wende 194 7148 — innerhalb des RIAS große Kontroversen ausgetragen wurden? Ich denke an die zweite Hälfte der 60er Jahre, die Zeit der APO, der Außerparlamentarischen Opposition, oder die Auseinandersetzungen um eine neue Ostpolitik Anfang der 70er Jahre.

Es gab die Redaktionskonferenz am Morgen, die ich auch über Jahre hinaus geleitet habe, 1968 war ich noch als Chefreporter dabei. Dort prallten die Meinungen ganz hart aufeinander. Ich erwähnte bereits den Kollegen, der die scharfen Kommentare zu Vietnam verfasst hat, die uns eigentlich in unserer Glaubwürdigkeit sehr geholfen haben. Er war ein begeisterter 68er und war Mitglied des Republikanischen Clubs, der damals in Berlin gegründet wurde. Wir versuchten, Konsens zu finden, möglichst viele Meinungen zu verbreiten und die internen Auseinandersetzungen der Redaktionskonferenz nicht in Sendungen widerzuspiegeln. Mal bearbeitete der eine ein Thema — und dann wieder einer, der das anders sah. Hinzu kam, dass wir uns in der Politik persönlich recht gut verstanden haben. Ich kann mich nicht erinnern, dass irgendwann einmal ein Teil der Redaktionskonferenz ausgezogen wäre — im Sinne von: „Hier machen wir nicht mehr mit!“ Ich bin eigentlich ganz stolz, dass ich in einem solchen Sender journalistisch aufwachsen und arbeiten konnte, und es tut einem schon ein bisschen weh, wenn ich höre, wir seien ein Kalter-Kriegs-Sender gewesen mit einem ganz bestimmten Auftrag, immer zensiert und so.

Selbstverständlich wurden Kommentare gegengelesen — wie auch heute noch bei ARD und ZDF —, weil sachliche Fehler auftreten können.

Was bleibt vom RIAS? Es bleiben einige Klangkörper die immer noch die vier Buchstaben RIAS in ihrem Namen führen. Es bleibt eine nicht mehr beleuchtete Schrift auf dem Funkhaus-Dach. Und es bleibt die RIAS-Kommission, deren Vorsitzender Sie sind.

Ich bin natürlich traurig. Wir haben nach dem Ende des RIAS eine Gesellschaft der Freunde des Senders gegründet — ohne „e.V.“ — und haben versucht, ein bisschen Einfluss auf das Programm zu nehmen. Das ist an der neuen Konstruktion des Hauses gescheitert. Das einzige, was ich zusammen mit der Staatssekretärin Boucsein und Prof. Engel erreicht habe, war, diese Leuchtschrift unter Denkmalschutz zu stellen. Übrig geblieben ist das Sonntagsrätsel, eine Big Band, mit der es wahrscheinlich zu Ende geht, eigentlich sehr wenig. Ich will nicht sagen, die RIAS-Programme seien so gut gewesen, dass man sie fortsetzen müsste. Aber man hätte einige Programm-Elemente durchaus bewahren und sich um die Geschichte mehr kümmern müssen. Es ist ja abenteuerlich, dass der SFB eine 4-Stunden-Fernsehsendung über den RIAS machte und im Deutschland Radio Berlin eigentlich gar nichts darüber zu hören war. Schade, aber nicht zu ändern.

Die RIAS-Kommission wurde gegründet unter Kanzler Kohl und US-Präsident George Bush mit einem Kapital von 40 Millionen DM — je zur Hälfte vom deutschen und vom amerikanischen Steuerzahler aufgebracht. Sie hat die Aufgabe, junge deutsche Journalisten anfangs vorzugsweise aus den neuen Bundesländern nach Amerika zu schicken — in der Regel für fünf Wochen mit einem erstklassigen Besuchsprogramm. Wir holen gestandene amerikanische Journalisten für acht bis zehn Tage nach Berlin. Ein zweites Feld sind Produktionshilfen für deutschamerikanische Themen, die keinesfalls nur „positiv“ sein müssen, sondern auch kritische Themen einschließen. Schließlich drittens — wir verleihen Preise für Rundfunk- und Fernsehsendungen über deutsch-amerikanische Beziehungen. Dafür sind jährlich 40.000 Dollar verfügbar. Wir beachten auch das neue Medium Internet. Für mich ist das eine der schönsten Aufgaben, die ich heute habe.

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Mr. Rias trifft Persönlichkeiten aus aller Welt

 

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Lifetime Achievement Award der RIAS BERLIN KOMMISSION

Jurymitglied Dieter Schröder, ehem. Herausgeber der Berliner Zeitung, überreicht den Lifetime Achievement Award für Jürgen Graf, Amerikas treuen Freund in Berlin

Verehrte Damen, geehrte Herren

Jürgen Graf ist nicht nur Gründungsmitglied und langjähriger Vorsitzender, sondern — last but not least — ist er auch Vorsitzender der Jury, die für die RIAS BERLIN KOMMISSION einmal jährlich die preiswürdigen amerikanischen und deutschen Fernseh-, Radio- und Neue-Medien-Produktionen auswählt. Dabei geht es nicht nur um deren Bedeutung für die deutsch-amerikanische Verständigung, sondern auch um ihre journalistische Qualität. Mit seiner Erfahrung und seinem sicheren Urteil steuert Jürgen Graf die Jury zielbewusst durch die Flut von Einsendungen. In wenigen Tagen müssen jeweils über hundert Filme und Bänder beurteilt werden, zu denen neuerdings auch noch Dutzende von Internet-Beiträgen kommen. Dazu gehören geistige Konzentration und physisches Durchhaltevermögen. In beidem ist Jürgen Graf für die Jury vorbildlich. Entscheidend aber ist die Kunst, mit der er eine Jury von eigenwilligen Köpfen zu einer überwiegend einheitlichen Meinungsbildung führt und jeden überzeugt, dass die Entscheidung die einzig richtige war.

Neidlos ist er als der „Große Vorsitzende“ anerkannt. Deshalb gebührt ihm nun zu seinem 75. Geburtstag eine Nachbildung der Trophäe, die sonst nur an die Preisträger der RIAS BERLIN KOMMISSION verliehen wird.


Klaus Schütz über Jürgen Graf
Laudatio zu Jürgen Grafs 75. Geburtstag

Dr. Klaus Schütz
ehem. Regierender Bürgermeister von Berlin

Es gilt, das Phänomen Jürgen Graf zu würdigen. Die Stationen seines Lebens sind dabei relativ schnell aufgezählt. Es wird bald klar, dass es die schöne Schweiz, das bemerkenswerte Florida und wohl auch das reizvolle Rheinsberg zu erwähnen gilt. Aber bei allem Respekt vor jenen Lokalitäten: Zuerst und vor allem muss da Berlin genannt werden. Es wird auf die beruflichen und auch auf die nebenberuflichen Aktivitäten hinzuweisen sein: Auf das Fernsehen und die Shows vergangener Jahrzehnte, auf Beratungstätigkeiten im wirtschaftlichen Bereich, auf die vielfältigen Filmprojekte und auf Verwandtes.

Aber bei aller Würdigung all dieser Bereiche bleibt als herausragendes Moment seiner Lebensleistung der Rundfunk im amerikanischen Sektor, der RIAS also, im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses.Ich muss Ihnen gestehen, dass ich nicht sicher bin, ob ich wirklich die richtige Wahl bin, um hier und heute Lobeshymnen auf meinen Freund Jürgen G. auszuschütten. Erstmal deshalb, weil wir beide in einer Zeit miteinander zu tun hatten, in der das Verhältnis zwischen Journalismus und Politik offenbar anders funktioniert hat, als es das heute in manchen Bereichen tut.

Wir jedenfalls, Jürgen und ich, wir haben uns vor vielen Jahren auf eine freundschaftliche Weise getroffen. Eine Weise allerdings, die von Beginn an immer eine Distanz besonderer Art zugelassen hat. Eine Distanz, die in dem Respekt vor dem Auftrag begründet war, den der jeweils andere zu erfüllen hatte. Er war der journalistische Beobachter, der das Ergebnis seiner Arbeit zeitgerecht und stimmungsbewusst seinen Hörerinnen und Hörern übermitteln musste. Und ich war derjenige, der den Auftrag hatte, die Notwendigkeiten der damaligen Politik in die Wirklichkeit einer allseits umkämpften Stadt einzuordnen.

Und dabei haben wir uns getroffen. Auf eine Art, die wir dann später als freundschaftlich empfunden haben und die wir immer sorgfältig beachtet haben. Zu dieser Freundschaft gehörte von Anfang an eben auch ein wechselseitiger Respekt. Nicht nur, wie schon gesagt, vor den Aufgaben, die der jeweils andere zu erfüllen hatte, sondern vor allem vor der Persönlichkeit des Partners und des Freundes. Und wenn ich hier gestehen muss, dass ich nicht sicher bin, ob ich der Richtige für eine Laudatio auf Jürgen G. bin, so liegt meine Unsicherheit in dem speziellen Charakter dieser Partnerschaft, dieser Freundschaft also, begründet. Ich befürchte nämlich, dass ich nicht so objektiv wie erwartet sein werde, wenn es darum geht, diesen Mann und seine Lebensleistung vorurteilsfrei zu bewerten.

Das führt mich dazu, Ihnen zu sagen, dass meine allgemeine Würdigung nicht vorwiegend von dem bestimmt ist, wie ich einzelne Stationen seines Lebenslaufes, jede für sich genommen, kenne oder eben nicht überblicke. Ich weiß über seine vielen und so unterschiedlichen Aktivitäten viel zu wenig. Das beginnt übrigens schon damit, dass ich seine überall hochgelobte Fernsehsendung „Die sechs Siebeng’scheiten“ nicht so regelmäßig verfolgt habe, wie es notwendig wäre, um sie hier und aus diesem Anlass sachgerecht kommentieren zu können.

Allein deshalb bin ich schon dankbar dafür, dass sich Rainer Hasters vorwiegend auf die Dinge konzentriert hat, die das vielfältige Engagement von Jürgen Graf in den vergangenen zehn Jahren einbeziehen. Einen Überblick darüber, worum es hier geht, habe ich schon. Denn ich war dabei, als Eberhard Diepgen ihm das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland überreicht hat. Der damalige Regierende Bürgermeister hat, wie ich mich gut erinnere, in jener Feierstunde gerade diesen verdienstvollen Einsatz von Jürgen Graf umfassend und eindrucksvoll gewürdigt. Damals als er ihm sagte: „Sie sind immer da, wenn man Sie braucht, und man ist immer gut beraten, wenn man Sie fragt.“ Denn, so Eberhard Diepgen, im Juni 1994: „Sie praktizieren Pflichterfüllung, ohne es zu müssen.“ Und an dieser Grundeinstellung hat sich, so sehe ich es, nichts geändert.

Mir geht es im Rahmen dieser festlichen Stunde um einen anderen, einen, wie ich meine, zusätzlichen Aspekt. Auf ihn weist der außergewöhnliche Lebenslauf unseres Jubilars hin. Dieser Aspekt wird auf nachdrückliche Weise deutlich, wenn wir uns erinnern an die politische Situation, in der sich damals West-Berlin befand, und genau in diesem Zusammenhang an die herausragende Position, in der sich RIAS BERLIN in jener großen Ausein-andersetzung zu bewähren hatte. Dabei geht es, zum einen, um den beson-deren Beitrag, den die Berlinerinnen und die Berliner insgesamt in dieser äußerst wichtigen Periode geleistet haben. Aber, zum anderen, möchte ich gerade hier auf eine genau bestimmbare Generationsgruppe hinweisen, der nämlich, die wie Jürgen Graf heute fünfundsiebzig Jahre, etwas mehr oder etwas weniger, alt sind. Diese Generationsgruppe hatte in den ersten Jahren nach Kriegsende an teilweise schon wichtiger Stelle, und zusammen mit anderen, dafür zu sorgen, dass die Stadt die außergewöhnlichen Schwierigkeiten ihrer Lage auf allseits überzeugende Weise meistern konnte. Manche von ihnen waren in jenen Monaten und Jahren noch im zweiten oder dritten Glied, aber später dann doch ganz vorne.

Ich kann mir denken, dass die Erinnerung an die ersten Jahre nach dem Krieg und an das Ringen um die Freiheit und um die Lebensfähigkeit von Berlin für diejenigen, die sich heute — und das ist auch nicht einfach — in der augenblicklichen Weltlage zurechtfinden müssen, von bestenfalls historischem Interesse ist. Und ich akzeptiere dies auch. Wenngleich ich meine, auch unsere Zukunft wird nur sinnvoll gemeistert werden, wenn wir uns der eigenen Vergangenheit und damit unserer Geschichte bewusst bleiben. Vor allem aber, wenn wir klar erkennen, wie und aus welchen Gründen die Menschen damals so entschieden haben und nicht anders. Und das heißt nicht nur, was der eine oder die andere — noch dazu in führender Stelle — gesagt und getan haben. Sondern wie und warum die große Zahl der Berlinerinnen und der Berliner, der direkt Betroffenen also, so und nicht anders gehandelt haben.

Entschuldigen Sie, meine Damen und Herren, wenn diese meine Hinweise dem einen oder der anderen etwas arg theoretisch klingen. Das wollte ich nicht. Aber ich meine, dass es in unseren Zusammenhang heute vormittag

gehört, gerade auf diese Tatbestände hinzuweisen. Denn: In den ersten Jahren nach dem Zusammenbruch des deutschen Nationalsozialismus und damit nach Ende des Krieges ging es in Berlin genau darum zu verhindern, dass hier eine Entwicklung — anscheinend schicksalhaft — akzeptiert werden würde, durch die eine Großmacht ihren geographisch-politischen Vorsprung dazu nutzen wollte, die anderen Mächte aus ihren vermeintlich weniger verbindlichen Rechtspositionen zu verdrängen. Hier in Berlin glaubte nämlich die Sowjet-Union — damals bekanntlich eine Großmacht — sie könnte ihre Chance erfolgreich nutzen, um die drei Westmächte aus ihren Verpflichtungen für die Stadt Berlin heraus zu drängen. Das alles, wie es so hieß, um des lieben Friedens willen und weil es allgemein strategisch doch so vernünftig auszusehen schien. Die Drei haben dem widerstanden. Und sie haben damit dem Frieden gedient. Ich bin heute wie damals davon überzeugt, dass das norwegische Nobel-Preis-Komitee im Dezember 1971 bei der
Überreichung des Nobel-Preises an Willy Brandt recht hatte mit der Aus-sage, „dass eine Niederlage für das freie Berlin den Keim einer Niederlage für den Frieden Europas“ bedeutet hätte.

Und ich bleibe dabei, dass es letztlich die gesammelte Kraft der Berlinerinnen und Berliner war, die die Entscheidungsträger in Paris, London, vor allem aber in Washington, dazu veranlasst hat, ihre Rechte in Berlin wirklich ernst zu nehmen und dementsprechend zu verteidigen. Die Persönlichkeit, die dafür zusammen mit Lucius D. Clay stand, und in unserer Erinnerung wohl immer stehen wird, war Ernst Reuter. Nur: Bei aller Achtung vor der Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte, ohne uns Berlinerinnen und ohne uns Berliner — und das heißt: ohne praktisch jeden Einzelnen von uns — wäre das nicht gegangen. Und bleiben wir uns dessen bewusst: Wir waren damals unter all den Hunderttausenden auch gleichzeitig viele Einzelne, die sich, und jeder für sich, entscheiden mussten und die sich dann entschieden haben. Einer von ihnen wird heute und hier geehrt.

Das bleibt und das blieb selbstverständlich nicht als ein einmaliger Vorgang stehen in der politischen Landschaft unseres Landes und dieser Stadt. Es hat nicht nur eine, sondern viele weitere Fortsetzungen gegeben. Denn danach begann eine wichtige und lang andauernde Entwicklung, in der wir uns

das Ziel gesetzt hatten, den freien Teil Berlins in seiner inneren Ordnung zu stabilisieren und so zu einer lebensfähigen Großstadt auszubauen. Aber gleichzeitig musste es darum gehen, in den Auseinandersetzungen eines umfassenden Kalten Krieges in Berlin und von Berlin aus Position zu beziehen. Wohl wissend, dass der Konflikt um Berlin gerade erst begonnen hatte.

Und in diesem Streit, der tatsächlich erst im November 1989 erfolgreich beendet worden ist, ging es neben vielem anderem auch darum, die zeitgemäßen Mittel einer hoch entwickelten Informationstechnik so wirkungsvoll wie möglich einzusetzen. Um auch auf dem außerordentlich wichtigen Gebiet der Information und der Meinung die offenbar unausweichliche Auseinander-setzung mit der sowjetischen Großmacht und ihren Gehilfen im damaligen Ostberlin erfolgreich bestehen zu können. Und in diesem Rahmen wurde neben den Zeitungen und Zeitschriften der Rundfunk, und hier präzise gesagt: der Hörfunk, außerordentlich bedeutungsvoll. So begann die große Geschichte des Rundfunks im amerikanischen Sektor, von RIAS Berlin.

Diese Geschichte ist vielfach erzählt worden. Wir, die wir sie sozusagen selbst erlebt haben, wissen um das Gewicht und wir wissen um die Bedeutung dieses wohl einmaligen Senders. Von Anfang an und bis hin zum endgültigen Zusammenbruch des Kommunismus, das heißt also: bis zum Fall der Berliner Mauer und bis zur Vereinigung unseres Landes und seiner Hauptstadt. Die Geschichte Berlins und die des RIAS gehören zusammen, sie sind eins. Diese Geschichte sollte nicht vergessen werden. Und sie wird nicht vergessen werden. Denn: Sie lebt, in veränderter und in zeitgemäßer Form, im heute bundesweiten DeutschlandRadio. Und auf ihre Weise sorgt die RIAS Kommission dafür, dass der alte RIAS lebendige Erinnerung bleibt. Unter der Stabführung von Jürgen Graf. Wer wäre besser geeignet für diese Aufgabe?

Und was bleibt ist ein Weltkind in der Mitten: Jürgen Graf. Der politische Journalist, der beliebte Showmaster, der erfolgreiche Filmemacher. Einer, der vieles gesehen hat. Wie sich Meinungen bilden und auch wie sie gemacht werden. Und wie sie sich wandeln. Und der so manches registriert hat. Über ein langes Leben hin. Ein Leben, im privaten Bereich nicht ohne Brüche und nicht frei von Komplikationen. Mit Höhen, aber auch mit Tiefen. Kurz gesagt: Ein Leben so wechselvoll wie sonst viele andere auch noch.

Übrigens: Es sollte gerade auch in der heutigen Zeit nicht vergessen werden, dass das damals, am Ende des deutschen Irrwegs und damit des Zweiten Weltkrieges, eine Zeit war, in der sich bei allem gemeinsamen Schicksal der Einzelne durchsetzen musste. Auf sich selbst gestellt, ohne Privileg und ohne Protektion.

Ich war interessiert zu lesen, wie beispielsweise Ralf Dahrendorf in seinen Lebenserinnerungen die Lage in Berlin in jenen Monaten schildert. Er gebraucht dazu einen bei Soziologen beliebten Begriff: Den der Anomie. Denn damals herrschte, in seiner Sicht der Dinge, in Berlin Anomie. Es fehlten, auf Deutsch gesagt, Gesetze; es herrschte allgemein und umfassend Regel-losigkeit. Und Ralf Dahrendorf fügt hinzu, dass der, der in jener Zeit in Berlin gelebt hat, weiß, was dieser Begriff in der Praxis bedeutet, denn „der kann eine Geschichte davon erzählen.“

Ich unterscheide mich von dieser Deutung nur in einem Punkt. Meiner Überzeugung nach herrschte jene Anomie, jene Regellosigkeit länger als nur in den ersten Monaten des Jahres 1945. In Wahrheit dauerte diese Periode sehr viel länger. Vielleicht sogar bis zu der Zeit, in der die Verfassung des Landes Berlin endgültig von den Drei Mächten genehmigt worden ist, wenn nicht gar bis zum Mai 1949, als das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland allgemein verbindliche Normen festlegen konnte.

Jürgen Graf lebte damals in Berlin. Er kann davon seine eigene Lebens-geschichte erzählen. Wie andere auch. Denn in seiner Generationsgruppe finden sich nicht wenige, die sich seinerzeit genau wie er nicht lange auf-gehalten haben in den heute gültigen Formen einer traditionellen Berufsausbildung und Vergleichbarem. Nicht viele von ihnen haben beispielsweise die heute so selbstverständlichen Examina absolviert, und nur einige von ihnen können die jetzt überall erforderlichen Hochschuldokumente vorweisen.

In diesem Zusammenhang erhält der sonst leicht irritierende Begriff vom „Selfmademan“ einen verständlichen Sinn. Ein „Selfmademan“ dieser Art ist, wie ich meine, Jürgen Graf. In einem biographischen Lebensüberblick wird sein Einsatz als Luftwaffenhelfer erwähnt. Und auch das „Kriegsabitur“, was immer das bedeuten mag.

Ich nehme an, es wird das gleiche aussagen, was in meinem Schulabgangszeugnis aus dem Jahr 1944 mit dem Begriff „Reifevermerk“ bezeichnet worden ist. In einem anderen Rahmen habe ich einmal behauptet, dass viele aus dieser Generation in ihrem Leben nur zwei Prüfungen abgelegt und bestanden haben: Die „Pimpfenprobe“ beim Deutschen Jungvolk und den Erwerb des Kraftfahrführerscheins.

Aber schauen Sie, meine Damen und Herren, sich um in ihrem Freundes- und Verwandtenkreis und dann werden Sie mir zustimmen: Aus dieser Generation ist, wenn sie jenen fürchterlichen Krieg überlebt hat, schon etwas Vorzeigbares geworden. Und einen davon feiern wir heute: Jürgen Graf, eine bemerkenswerte Persönlichkeit und ein Mann, der sich auf seine Weise um Berlin verdient gemacht hat.

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Für Jürgen Graf
Trauerrede von Claus Detjen zur Beisetzung von Jürgen Graf am 9. November 2007

Auf vielfältige Weise hat Jürgen Graf die Rias Berlin Kommission und die Jury der Rias Berlin Kommission geprägt. Er war ihr Mitbegründer und acht Jahre Vorsitzender der Kommission, alternierend mit den jeweiligen amerikanischen Partnern zeitweise stellvertretender Vorsitzender. In der Kommission und ihrer Arbeit lebte für Jürgen Graf und mit ihm ein Stück des Gründungsgeistes des Rundfunks im Amerikanischen Sektor fort. Er hat ihn als einer der ersten Mitarbeiter des Rias aufgenommen und in unsere Zeit weitergetragen, er hat ihn auch mitgeschaffen.

Jürgen Graf war als Kommissionsvorsitzender und als Juror von Radio- und Fernsehsendungen ein Anwalt der freien und unvoreingenommenen Information für freie Bürger. Aus dieser Position hat er seine Erfahrung und sein Wissen an die jungen Fellows weitergegeben, die von der Rias-Kommission zu Austauschprogrammen auf beiden Seiten des Atlantiks eingeladen wurden.

Jürgen Graf war – seit deren Gründung im Jahre 1995 – der Vorsitzende der Jury, die über die Rias-Berlin-Awards entscheidet. Damit zeichnet die Kommission alljährlich deutsche und amerikanische Hörfunk- und Fernsehsendungen aus, die sich mit den deutsch-amerikanischen Beziehungen befassen.

Sendungen, die für die Rias-Awards eingereicht waren, maß er an den professionellen Regeln des Radio- und Fernsehjournalismus. Seine Schlüsselfragen waren: Haben die Autoren professionell recherchiert? Konnten sie ihrem Auftrag frei nachgehen? Informieren sie die Hörer und Zuschauer unvoreingenommen? Er gab den journalistischen Anspruch nie auf, auch wo er Akteur der deutsch-amerikanischen Freundschaft war.

Wenn er in der Jury Radiobeiträge hörte und Fernsehsendungen anschaute, fielen ihm Fehler und Kenntnislücken sofort auf. Die große Geduld, mit der er sich den Sendungen zuwandte, endete schnell, wenn er Manipulationen und falsche Zungenschläge entdeckte.

Mit Jürgen Graf verbindet mich über die gemeinsame Arbeit hinaus eine persönliche Freundschaft, die ihre Quelle auch in gemeinsamen Überzeugungen hatte. Aus den Gründungsjahren der Bundesrepublik Deutschland teile ich mit ihm eine Erfahrung. Wir machten sie auf den beruflichen Anfangswegen, er in Berlin, ich in Bayern: Amerikanische Ratgeber und Begleiter haben uns darin bestärkt, daß die deutsch-amerikanischen Beziehungen nur dann gedeihen, wenn auf beiden Seiten des Atlantiks freie und unvoreingenommene Informationen möglichst weite Verbreitung finden. Das war für Jürgen Graf die Grundlage dafür, daß auch kritische Auseinandersetzungen ausgetragen werden können.

Jürgen Graf gehörte zu der Generation, die ihr Geschichtswissen aus eigenen Erfahrungen mit zwei Diktaturen in ihre Arbeit einbrachten. Er kannte aus eigenem Erleben und aus eigener Anschauung alles, was heute das Verhältnis zwischen den USA und der Bundesrepublik Deutschland prägt.

Er kannte die Irritationen beider Seiten, die emotionalen und die rationalen Faktoren, die aus der Siegermacht USA den Freund machten, der die Wiederherstellung der staatlichen Einheit Deutschlands förderte. Jürgen Graf wußte aus persönlichen Begegnungen um die Bedeutung der Persönlichkeiten in der Politik und in der Diplomatie, die Fundamente der deutsch-amerikanischen Verbundenheit gelegt und gepflegt hatten.

Jürgen Graf war seit 1945 Augen- und Ohrenzeuge der meisten Ereignisse, die zu großen deutsch-amerikanischen Themen wurden. Er war dabei, als Berlin in Trümmern lag, als das Grundgesetz entstand, die Luftbrücke Kohlen und Brot nach Berlin brachte, die Mauer gebaut wurde, die Dreistaaten-Theorie propagiert wurde, der Vietnam-Krieg tobte, die Pershing-Stationierung zum Testfall wurde. Die antiamerikanischen Aufwallungen im Zusammenhang mit dem Irak-Krieg haben ihn erschreckt, besorgt und betroffen gemacht.

In unseren letzten Gesprächen erwog Jürgen Graf bisweilen aus gesundheitlichen Gründen den Rückzug aus seinen transatlantischen Ämtern. Er betonte dabei stets, wie wichtig ihm die Tätigkeit bei der Rias Berlin Kommission ist und dass er hoffe, zumindest dieses Amt fortführen zu können. Sein Anliegen war, die jüngeren Generationen in ein Geflecht transatlantischer Beziehungen und Freundschaften einzubinden. Wir haben die Hoffnung geteilt, daß aktuelle Irritationen und politische Verwerfungen der jungen Generation den Weg zur transatlantischen Gemeinschaft nicht versperren.

Gerade deshalb ist die Kommission, ihre Förderung des Austauschs junger Journalistinnen und Journalisten, sind die Rias-Awards als Ansporn für Autoren, Redaktionen und Sender auch künftig ein nachhaltiges Element für die Verständigung zwischen den USA und der Bundesrepublik Deutschland, zwischen US-Amerikanern und Deutschen.

Die Kommission und die Jury bleiben Jürgen Graf über seinen Tod hinaus verpflichtet. Ein würdiges und schönes Zeichen des Dankes wird sich in der Fortführung der Arbeit, der Programme, der Anregungen, der Anerkennung und Förderungen deutsch-amerikanischer Freundschaft und Partnerschaft beweisen, der Jürgen Graf einen wesentlichen Teil seines Lebens widmete.

Eines der ältesten Symbole der geistigen Verbundenheit zwischen Deutschland und den USA ist das Siegel der Stanford-Universität. Es enthält in deutscher Sprache den Satz: „Die Luft der Freiheit weht.“ Der Vorsitzende der Rias-Kommission und der Rias-Jury hat ein Leben lang dem Geist der Freiheit Flügel gegeben. Die Mitglieder Kommission und der Jury danken ihm für seine Arbeit und für sein Vermächtnis: Die Luft der Freiheit weht.

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